Gegen moderne Möbel

Ich habe mich mit modernen Möbeln im Grunde ebensowenig ernstlich befaßt

wie mit den andern Dingen, über die ich so schreibe. Ich gehe meines

Weges und denke eigentlich über ganz andre Sachen nach, zuweilen aber

fällt mir hier und dort etwas wie zwischen zwinkernden Augenlidern auf,

und dann notiere ich es, mögen andre zusehen, wie sie damit fertig

werden. -- Dies alles soll nicht etwa ironisch aufgefaßt werden. Ich

glaube nämlich, daß in mancher Beziehung die oberflächliche Meinung

wirklich besser ist als die fachmännische. Wir improvisieren nicht ohne

Grund.

Gegen moderne Möbel nun trage ich seit langem eine merkwürdige Art von

Haß in mir, nicht gerade gierig, eher übersättigt ... nun, man wird

sehen. Ich will der Einteilung wegen bemerken, daß ich moderne Möbel a)

aus Zeitschriften, b) aus Möbelausstellungen und c) aus bewohnten Räumen

kenne -- und habe somit den Schein der pedantischen Wissenschaft nicht

minder als den des Leichtsinns schon auf mich geladen. Sehe ich nun

diese Zeitschriften, deren Titel man sich durch beliebiges

Zusammensetzen der Worte »Kunst«, »Kunsthandwerk«, »Innendekoration« und

so weiter selbst bilden kann, so habe ich sofort die Zwangsvorstellung:

»Das muß man überblättern.« Als solche erkannt, veranlaßt mich nun diese

Zwangsvorstellung just zum bedächtigen Lesen und Bilderanschauen, da

haben wir das Malheur. Und obwohl ich dieses abwechslungslose Zeug

längst schon kenne: stets wieder stehe ich vor Villen, denen

übermächtige Schindeldächer wie Hauben über das Gesicht gerutscht sind,

wie Zylinderhüte über den kleinen Gernegroß. Und wieder trete ich, vor

Langeweile meine Zunge mit den Zähnen zerpflückend, in diese Vorhallen

oder Dielen, wo dieselbe schamlos freistehende Treppe auf denselben

Kamin herabsieht ... Kurz, um es gleich hier zu sagen, wir sind einer

Konvention imitierter Renaissance entflohn, aber sofort in eine andre

Konvention geraten, die bedeutend unangenehmer ist, weil sie »guter

Geschmack« sein und bleiben will ... Hier einige Grundeinfälle unsrer

Raumkünstler, die sich zum Überdruß wiederholen: Die Wände sind mit

spiegelnden Holzplatten belegt. Dazwischen hängen ein paar Bildchen, wie

gemaßregelt, in Rahmen von jener impertinenten Einfachheit, die das

Aufdringlichste ist, was es gibt. Hier und dort in Vasen verteilte Bäume

sollen leben, aber sie erfrieren sichtlich. Um den Kamin schart sich

etwas aus farbigem Marmor, Blöcke und leere Flächen, dann ein Dächlein

aus Metall. Niemals fehlen Sitze, in Nischen eingebaut, von der

ungemütlichsten Gemütlichkeit, zu dünn oder zu dick bepolstert; ich weiß

nicht, was mich stört. Gibt es denn in diesen Familien immer etwas zu

erzählen, wozu das lodernde Herdfeuer traulich paßt? Oder stehen diese

Sitze leer, noch ärger!... Schaudernd treten wir in das Herrenzimmer.

Ich will die Klubfauteuils nicht bemerken, sie machen es mir zu leicht.

Aber diese Beleuchtungskörper, offenbar vom Juwelier, nicht vom

Klempner, mit Ringen, rasselnden Ketten, strengen, geschlossenen

Fransenröckchen. O Gott, speit niemand aus vor dieser erlesenen Kultur!

Oder diese immerdar in die Wand versenkten Bücherkästen, hat noch

niemand das traurige Einerlei dieser Novität bemerkt! Da findet sich

immer Glas, dahinter schräge, müde Buchrücken wie Kornfelder nach

Hagelschlägen, und immer das Glas durch schmale Holzstäbe in Rechtecke

und Rhomben zerlegt. Rhomben, das ist die Hauptkunst unsrer

Wohnungskünstler. Rhomben und auf die Spitze gestellte Quadrate, die in

ein Netz von Meridianen und Parallelkreisen, mehr oder minder dicht,

Abwechslung bringen sollen: wer befreit uns von dieser Tyrannei! Und wer

zerbricht endlich diese Rähmchen- und Fensterl-Kultur, deren Vertreter

nur darin originell sind, daß sie die unerläßlichen Stäbchen bald

kantig, bald gerippt, bald glattgerundet anzufühlen machen ... Gehn wir

weiter, über die Treppe etwa, deren Geländer als Gitter derselben ewigen

Vertikallineale wie eine schräge Borte durch die Halle ziehen muß. Oben

empfängt uns die moderne Schablonenveranda, unbarmherzig ein seichtes

Kreissegment, die Fenster nahe beisammen, polygonal gestellt, die

schmalen, vom Licht überfluteten Streifen zwischen ihnen durch die

eingezogenen Vorhänge befahnt. Und wieder eingebaute Holzbänke, über

ihnen breite Fensterbretter, Gesimse, und daß überall so viel bequemer

Platz ist, Sachen hinzustellen und zu vergessen, das macht die Fadheit

vollständig. Die Uhr versäumt nicht, an einen aufgestellten Sarg zu

erinnern. Die Kredenz ist ein Grabmonument. Und daß alles so

materialecht ist, daß man den Birkenwald so vor den Augen hat -- es ist

zuviel, es macht auf mich wenigstens den Eindruck eines ungeheuren

Wasserkopfs. Ja, etwas Unheimliches liegt in der Behaglichkeit, etwas zu

Fettes und zu Süßes, etwas wie verdorbener Magen. Und genau so kann ich

mir nicht vorstellen, daß in diesem übertrieben hellen oder übertrieben

dunklen Musikzimmer wirklich gute Musik gemacht wird.

Ich gelange zum Kern der Sache: Sollen Möbel schön sein? Kann man es

wünschen, in einer Fuge von Bach zu schlafen und ein Gedicht von Goethe

als noch so ästhetischen Speisetisch zu verwenden? -- Nein, ich bin

dafür, daß das Kunsthandwerk in seine ehemalige Verächtlichkeit

zurückfalle, es verdient nicht mehr. Die Möbel seien bequem -- und es

lohnt sich nicht einmal, besonders lange über neue Bequemlichkeit

nachzudenken. Aber wozu Brüsseler Weltausstellungen, Kulturtaten, wozu

diese Pracht und dumme »angewandte Kunst« bei Sektkellereien! Ich bin

dafür, geschmacklose Möbel in Massen zu fabrizieren -- nicht aber der

Menschheit einzureden, es lasse sich auch nur ein Funken der reinen,

tugendhaften, göttlichen Schönheit, wie er etwa eine inspirierte

Prosazeile Gottfried Kellers erleuchtet, so nebenher auch noch in

Sesseln, Kredenzen und Türklinken einfangen. Ich will begeistert sein,

edel, getragen, heroisch -- nicht aber in einem lauen Mittelmaß

abgetragener Ornamente und zimperlicher Vitrinen mit zufriedener

fortschrittlicher Miene ausruhn.

Ich finde moderne geschmackvolle Möbel einfach unmoralisch. (Und nicht

anders geschmackvolle Buchausstattungen, künstlerische Photographien,

kurz: alle Mittelglieder und Vermittlungen zwischen Kunst und Alltag.)

Doch nein, etwas Schönes sind Möbelausstellungen, etwas phantastisch

Schönes, von niemandem noch bemerkt. Da stehen in einem großen,

prunkvollen Ausstellungspalais, in ganz kalten Riesensälen, in Nischen

verteilt: nicht einzelne Möbel, nein, ganze Zimmereinrichtungen, den

Blicken aller preisgegeben. Man ermesse die tiefe Komik und die Wehmut

zugleich dieser Situation. Die Zimmer sind keine Zimmer, nur Nischen

eines alten Riesensaales sind als Zimmer ausgebaut, und das soll man für

ein gemütliches Zimmer halten. Für ein Kinderzimmer dieses hier, die

Spielsachen sind auf dem Boden hingestreut wie von Kinderhänden, nicht

von Arrangeurhänden -- für ein Schreibzimmer dieses, der fleißige Herr

ist nur für einen Moment hinausgegangen, seine junge, schöne Frau

liebkosen etwa, und hat seine Feder im Tintenfaß gelassen, das offene

Heft hier, die dicken, funkelnagelneuen Nachschlagewerke auf dem Regal

-- oder dieses für ein liebenswürdiges Speisezimmer, knapp vor dem

Eintritt der Familie, alles ist schon zur Mahlzeit vorbereitet, schon

die Themen der künftigen Unterhaltung lauern sprungbereit in den

Schatten der Serviette, die man gleich, sofort entfalten wird. -- Dieser

Schein ist beabsichtigt. Und doch, wie anders, merkt es niemand, stimmt

die Wirklichkeit. Traurige Zimmer, eure vierte Wand hat man eingerissen,

und nun steht ihr, nur durch eine luftige, gewellte, rote Seidenschnur,

durch schwache Stangen vom Gehweg getrennt, jeglichem Einbruch der

Barbaren offen. Niemals werden die idealen Besitzer, deren Geister jetzt

harmonisch euren unwesenhaften Raum bevölkern, niemals wird dieses

märchenhafte, heroische, bescheidene Gedränge biedermännischer und

ehrbarer Gestalten zwischen euren Sesseln schreiten auf zarten

Teppichen, den Napf vom Ofen nehmen, in die Kanapeehöhlung sich

hinflegeln. Sondern ein von euren Jugendträumen gewiß sehr verschiedenes

Einzelindividuum wird euch roh kaufen, einpacken, in den Speditionswagen

aufladen -- und ade, reizvolles Nachdenken in ungewissem Licht. Denn

auch diese Atelierbeleuchtung, die durch einen in ausgespannte Leinwand

verdünnten Plafond fällt, werdet ihr aufgeben müssen, diese

Aquariumsbeleuchtung, diese hellgelbe Teegebäck-Sonne. Man wird

wahrhaftige Fenster in eure bisher noch geschlossenen Wände bohren,

alles wird sich verändern. Traurige Zimmer, und man geht an ihnen

vorbei, als wären sie schon jetzt gewöhnliche Zimmer. Indessen stehen

sie auf Podien, jedes auf seiner mäßigen Holzerhöhung wie ein kleiner,

wenig begabter Violinspieler, kein Virtuose etwa im Glanz der Konzerte,

sondern ein armer Knabe, den reiche Verwandte für ihr Geld ins

Konservatorium geschickt haben und der jetzt nach dem Diner vorspielen

soll, etwas Eingelerntes mit mißklingenden Doppelgriffen. So warten sie

und schauen die Betrachter an, beschämt im voraus vor lauter Angst. Und

ist es da zu verwundern, daß sie ein wenig in Unordnung geraten sind, in

künstlerische Verwirrung, ganz, ganz klein wenig in Lampenfieber? Nein,

man kann nicht die normalen Verhältnisse von ihnen verlangen, wird sich

nicht darüber bei dem diensthabenden Aufseher beschweren, daß hier eine

Vase umgefallen ist -- hier eine Decke sich mit dem Futter nach oben

schlägt -- in diesen auf Podien gestellten Zimmern. Überhaupt, alles ist

ein wenig, nur unmerklich anders als im Leben. Eine gespenstische

Mißwirtschaft hat sich in das sorgfältige Arrangement eingeschlichen,

man kann kaum davon sprechen, z. B. daß dieses Zimmer einen Eindruck wie

etwas Breitgequetschtes macht, jenes mit seinen Rosentapeten und

Seidenfauteuils trotz vorgespiegelter Eleganz entfernt an eine

Rumpelkammer erinnert, an ein staubiges Zusammengedrängtsein und

Zugrundegehen ... Ich erschrecke. Ich glaube vor hundert Bühnen zu

stehen, wo schlechte Schauspieler, als Zimmer verkleidet, unwahre

Grimassen schneiden. Zitternd laufe ich an der in meiner Hand

gleichfalls zitternden Seidenschnur hinaus, ich freue mich des neuen,

schrecklichen Gefühls -- endlich haben moderne Möbel einen Eindruck auf

mich gemacht!

Wenn ich sie aber im Leben sehe, im brauchbaren Tageslicht, dann muß ich

doch nur wieder lachen.

Ich besuchte auf einer Reise mehrere Schriftsteller. Und überall fand

ich diese geometrischen Regelmäßigkeiten, diese Glasscheiben, die nicht

flach in den Rahmen sitzen, sondern vorher noch funkelnd sich

abschrägen, ehe sie münden -- es sind gleichsam keine Glasscheiben,

sondern riesige, simpel allerdings geschliffene Brillanten. Und überall

die flache Veranda, die Metallbeschläge, die Rhomben, die weißlackierten

Kästen, die das Innere der Wand wie einen Berg Sesam öffnen ... Ein

Freund gar führte mich in sein von oben bis unten ganz schwarz gebohntes

Bibliothekszimmer, wie eine Totenburg ragte der Bücherkasten auf,

Fabrikat der »Wiener Werkstätten«. Die monumentale Einfachheit dieser

Riesenkiste stimmte mich weinerlich, das muß ich schon sagen, diese

Einfachheit hat zu sehr das Gigantische einer großen Geldbörse, nicht

eines großen Menschen. Dieses Kolossale ist nicht wie das Meer, nicht

wie eine unermeßliche Aussicht auf eine Landschaft hinab: es gleicht

eher einer Fabriksmauer oder einem unliebenswürdigen Vorgesetzten im

Bureau. Kurz, es macht keinen lustigen Eindruck. Aber dann, als man mir

im Speisesaal nebenan zu einem Braten kleine, weiße, säuerliche

Perlzwieberl anbot, brachte mich die Erinnerung an den mächtigen Schrank

plötzlich zum Lachen. Erklären kann ich das nicht, konnte das zu meiner

großen Verlegenheit auch damals nicht. Nur das gleichzeitige

Vorhandensein eines so königlichen Brokatmantel-Kastens und dieses

winzigen Gemüses mit seinem schlechten, zähen, übelriechenden, delikaten

Geschmack -- man muß das empfinden, oder man versteht es nicht -- man

muß an Mephisto neben dem langbärtigen, dummen Faust denken oder an den

merkwürdigen Zufall, der manchmal passiert, wenn man ein reizendes,

rotbäckiges Baby auf den Schoß nimmt.

Wie ich mir also ein Zimmer vorstelle, damit man darin nicht immer

weinen oder lachen muß, sondern arbeiten kann nach Herzenslust?...

Möglichst kitschig und geschmacklos, natürlich ... Ich habe mir z. B.

ein Sofa machen lassen, aus rotem Plüsch, in der abscheulichsten

Vorstadt-Sezession, mit einem Ornament aus gelben Dreiecken, die wie

Zungen auflecken und die Bestimmung haben, wenn ich mittags zu lange

schlafe, mich in den Leib zu zwicken. Mein Schreibtisch kann ohne

gedrehte Säulchen, ohne imitierte Schlösser, die gar nicht für Schlüssel

eingerichtet sind, ohne Balustraden und verkleinerte Palastarchitektur

gar nicht existieren. So stört er mich nämlich am wenigsten, nur

manchmal danke ich ihm, wenn ich ermüdet bin, durch leises Streicheln

für seine diskrete Häßlichkeit. Man möge entschuldigen, daß rote Tücher

flächenhaft über meine Büchergestelle niederwallen. Das soll kein

Kunstwerk sein, nur das Billigste in seiner Art. Und die lange Leiter

gehört dazu, die an den alten Biedermeierkasten gelehnt jede etwa

reizvolle und stilechte Linie glücklich verhindert ... So ist es, ich

kann nicht heftig genug betonen (denn ich nehme von diesem Thema

Abschied), wie gleichgültig mir Möbel sind, und daß ich die leuchtenden

Erfrischungen meiner Sinne nicht bei ihnen und nicht stündlich suche,

sondern in konzentrierter Form, in auserwählten Momenten. Und das Beste

für diese Lebensweise wären natürlich Möbel aus Wasserstaub, aus Luft,

aus Ätherwellen. Der Leser wird schon bemerkt haben: das geschmacklose

Zimmer ist mein irdisches Surrogat für das unsichtbare, das ich einmal

im Himmel bewohnen werde. Da ist alles in wohltuende Ruhe übergegangen,

an keine Kante stößt man an, niemals ist ein Buch oder ein Manuskript

verlegt, denn in dem Augenblick, in dem ich es hinter die lautlose,

gewichtlose Kastenwand stelle, ist es verschwunden, hat sich ganz

einfach in Nichts aufgelöst. Und im Nichts berühren sich ja alle Bücher,

alle Dinge, die man sucht, alles ist vorhanden, ohne irgendeine leiseste

Spur von Nervosität ... Es klingelt. Der Briefträger ist es, und ich

sehe an der Schrift auf dem Kuvert, daß eine unangenehme Nachricht von

einem unangenehmen Menschen da auf mich eindringt. Keine Angst, ich

ergreife den Brief, und er hat sich schon in so kristallhelle Luft

verflüchtigt, daß ich statt seines Gegendruckes an meinen Fingerspitzen

nur plötzliche Kälte spüre, wie wenn Salmiak verdampft ... Also

wirklich, ich soll jetzt glücklich sein, ich soll nichts mehr empfinden,

als was aus meinem reinen Herzen wie ein Baum emporwächst, wie ein Baum,

dessen Äste von innen her schon erschütternd mein Gehirn berühren. Keine

Pulte mehr, keine Federstiele, keine Schubfächer, die stecken bleiben,

wenn man sie öffnen will. Mit einem Wort, kein Hindernis mehr. Vor Jubel

greife ich mir an den Kopf. Aber auch der ist, überflüssiges Möbelstück,

weggezaubert, und in die geöffneten Nerven klingen die Diskantchöre der

Sphären.

Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit · 第 9 / 42 题