Dank den Bemühungen einiger Schriftsteller, aus deren Liste mir
augenblicklich die Namen: Marcel Prévost, Auernheimer, Maupassant (welch
ein Zufall! gerade diese) einfallen, haben wir jetzt einen Typus der
modernen Frau, einen Grundriß des Weiblichen. Gott sei Lob und Dank, ein
Schema ...
Also: die Frau ist naschhaft, immer lüstern nach Sensationen und zu
Sinnlichkeit aufgelegt, der Grausamkeit nicht abgeneigt, hysterisch,
begeisterte Lügnerin, eifersüchtig auch noch auf den Mann, den sie nicht
mehr liebt, mäßig begabt im Geiste und für theoretische und zarte
Probleme gänzlich ohne Interesse (nur Neulinge langweilen sie damit,
Erfahrenere gehen direkt aufs Ziel los), dafür in der Praxis der
Liebesangelegenheiten dem Manne weit überlegen usw. Diesem Typus »Frau«
entspricht ein Typus »Frauenkenner«. Frauenkenner ist, wer in jeder Frau
den Typus »Frau« mit scharfem Auge wiederfindet. Frauenkenner sind
vornehmlich die genannten Dichter ...
Ich ziehe es vor, ein Frauen-Nichtkenner zu sein.
Warum?... Ganz einfach, weil es mir mehr Vergnügen macht.
Wie geradlinig und schlicht wäre die Welt, wenn alle Frauen mehr oder
minder dem Schema sich näherten. Vielleicht waren es beste Glücksfälle,
daß gerade ich immer (nein, nicht immer, denn auch das wäre zu
geradlinig; aber sehr oft geschah es) mit Frauen ganz anderer Artung
zusammengetroffen bin. Ach, in Gesprächen, die so seltsam und ohne Bezug
auf Dinge dieses Lebens waren, daß sie nur aus Schabernack noch in
irdische Worte gekleidet schienen, gingen wir stundenlang um runde
Wasserbassins aus indigoblauem Marmor, kauften Bretzel und fütterten die
ruckweise auftauchenden Fischmäulchen. Es waren Spiele, sanfte Spiele,
wir dachten keinesfalls an Regeln, Bedürfnis und Ordnungsliebe.
Ein einziges Mal war es mir vielleicht bestimmt, den Typus Weib zu
sehen. Aber der trübe, regnerische Abend, an dem das geschah, verbietet
mir, mich allzusehr auf meine Erinnerung zu verlassen ... Es geschah
dies in einer Hafenstadt wertlosen Namens ...
Ein kleines Torpedoboot war eingelaufen, und nun lag es, müde und
schmutzig, an der Holzverschalung des Ufers. Der gedrungene, dunkle
Schornstein, der schief zurückgelehnt stand wie der Kopf eines, der sich
ekelt, blies seinen letzten Rauch aus. Eine Weile verging ruhig. Ich
dachte an einen gestrandeten schwarzen Vogel. Dann wurde das Brett
angelegt und einige von der Bemannung verließen lustig das Schiff,
große, braunrote Leute mit kühnen Augen, in breiten, wallenden Hosen,
Blaublusen, tief dekolletiert, eine rote, dicke Bindkrawatte unter dem
Matrosenkragen gewulstet ... Nun konnte man an Bord gehen, und viele aus
dem Hafen taten es aus Neugierde. Auch ich bestieg das enge, gewölbte
Verdeck, machte schmale Schritte, da ich immerfort an Schrauben, eiserne
Scheiben, Hebel mit dem Fuße anstieß. Die Damen hoben ihre Röcke, denn
alles war vom Regen naß. Während die Mannschaft, die in weißen
Arbeitskitteln auf dem Schiff geblieben war und eifrig an der Wäsche
seifte oder sie an Stricke zum Trocknen hängte (es regnete aber immer
noch ganz fein), um die Gäste wenig sich bekümmerte, zeigte uns ein
junger, freundlicher Offizier die Hängematten, den kleinen Schlafraum in
der Vertiefung des Vorderdecks, das imponierend-drehbare
Maschinengewehr, die Falltüren zur Kapitänskajüte und zur
Munitionskammer, die unverständlich große Dampfmaschine unten, die
Ventilationsluken, die verderblichen Lancierrohre ... Er erzählte
lächelnd, daß solch ein Torpedoboot so und so nahe, sehr nahe, an den
Feind heranfahren muß, um sein Geschoß abzufeuern. Und das ist
gefährlich, die Scheinwerfer spielen und sehen, man riskiert sein
Leben ...
Neben mir steht eine hohe Blondine, sehr fahl im Gesicht, mit fast
weißen Augenbrauen über den dunkeln Augen. Hart und gierig sieht sie den
freundlichen Offizier an, und während der Wind rauschend über unsere
Köpfe fährt, kommen aus der edlen, rosigen Kurve ihres Mundes diese
Worte: »Sind Sie schon einmal in Lebensgefahr gewesen?«
Der Offizier enttäuscht sie sichtlich, da er mit »Nein!« lächelnd und
wie ein sympathisches Kind antwortet.
Er geht weiter uns voran und zeigt uns das Rettungsboot. Mißmutig
streicht die Blonde über die nassen Planken von weißer Lackfarbe. Der
liebe Offizier erläutert den Kran, die Kommandos, er führt die
Schwimmwesten aus Kork vor, die numeriert sind und schon dadurch ein
wohliges Gefühl von Geborgenheit einflößen, er sucht uns wirklich auf
alle Weise über das Schicksal der tollkühnen Angreifer zu beruhigen.
»Aber nein,« schreit die Blonde, grell, enttäuscht, »da können Sie ja
überhaupt gar nie in Lebensgefahr kommen!«
Alle sehen sie verdutzt an. Ich halte mich zitternd am Kompaßständer
fest.
Der Offizier verbeugt sich gefällig gegen sie, und so gut (ich liebe ihn
schon wirklich) sagt er: »Nun, es ist ja allerdings doch nicht für uns
alle Platz in dem Boot, Gnädigste.«
Sie wendet sich ab, ich bemerke noch, wie sie erleichtert und mit
krankhaftem Zucken der Nasenflügel zu weinen beginnt. Der braune Wind
rauscht, die benachbarten Schiffe schaukeln ein wenig, es ist fast
Nacht ...
Also, das war der Typus »Frau«, sensationslüstern, grausam,
hysterisch ...
Lieber Gott! wie mich diese Hysterie schon langweilt! Vielleicht
brauchte ich nur die Augen aufzumachen, um mehr von diesem Typus zu
sehen. Aber ich will gar nicht. Es ist ja so angenehm, liebenswürdige
Haltungen des Kopfes vor den Augen einer Frau einzuüben, mit ihr über
die Farbe einer Wolke zu streiten, gelinde, gelinde natürlich, das
Dessert für übermorgen und die Mode unserer Urenkel zu beraten, nichts
als zwecklose Dinge. Wie gesagt, ich ziehe es vor, ein Frauen-Nichtkenner
zu bleiben ...