Über die Schönheit häßlicher Bilder

»Ach, warum ist nicht alles operettenhaft.«

Laforgue.

Noch heute, wenn aus der bronzierten Netzfläche einer Dampfheizung lauer

Hauch von ungefähr mich befällt (o Erinnerung, erfolgreiche

Schmutzkonkurrentin des Gegenwärtigen!) ... dann fällt mir jene

Kunstausstellung im Künstlerhaus zu Wien ein, die mich erzogen hat. Das

war reizend, damals. Schon unterwegs im rauhen Märzwind der Straßen, der

allen Damen längs empörter Frisuren die Hüte in die Höh' trieb (Balzac

würde sagen: In diesem Wind, der für Wien ebenso charakteristisch ist

wie usf.) ... schon unterwegs freute ich mich auf dieses Künstlerhaus,

das ich mir warm und nach seinem Namen als einen Versammlungsort

hochgemuter Künstlerrecken vorstellte, ja lauter solcher Tiziane, die

dort auf und ab gehn, patrizisch, und in Prunkwämsern ohne Farbflecke

mit Königen Gespräche führen. Doch ich war kaum enttäuscht, als ich nur

Bilder vorfand, Bilder ohne Zahl, und an manchen Stellen der Wand

zwischen zwei Bildern diese braven Siebe der Zentralheizung, die

unversehens mit Garben tropischer Witterung überschütten. Ich blieb

immer zwischen den Bildern. Aber meine Gefährtin war von künstlerischen

Entzückungen schon umzingelt, attackiert, überwältigt. Die Luft deutlich

gemalter Sonnenuntergänge atmete sie, wiewohl in dieser Luft

fettglänzende Wolken aus Himbeerlimonade hingen, mit Vergnügen ein, sie

fuhr in sauber-wuchtige Fjordkulissen, wurde durch Charlie Stuarts

Hinrichtung erschüttert zugleich und belehrt ... »Aber das ist doch

lauter Kitsch! Wie kann Ihnen so etwas gefallen?« rief ich

lächerlich-ernsthaft, indem ich meiner durch Wärmebedürfnis erklärbaren

Stellung ein satirisches Cachet zu geben bemüht war. Sie sah mir

gekränkt zu und ging in den nächsten Saal. Ich folgte ... Auch hier

Korbsessel, Teppiche, Palmen, Oberlicht, und an den Wänden führten

Schutzengel mit aufgereckten Gänseflügeln kleine Mädchen über Stege

unpraktischer Bauart, ein Lohengrin, dessen Bewegungen trotz seines

Silberpanzers wie unter geselligstem Frack sich zierten, küßte sein

kokettes Elschen, nebenan sagten gesund und doch melancholisch

aussehende Handwerksburschen in vormärzlichen Kostümen ihrer aber schon

sehr poetischen Heimatstadt Ade, blondeste Backfische, rosarot, frisch

vom Konditor, hatten Noten und eine Lyra und einen auch im Schlafe

blassen Dichter, den sie amüsant bekränzten, auf Schneelandschaften

(weiß, fraise, perlgrau) erschienen krächzende Raben durch das ein für

allemal feststehende Zeichen zweier aneinander gefügter Beistriche

angedeutet, und das Exotische war vertreten durch Beduinen,

Schwerttänzerinnen, slowakische Bauern, Szenen aus Buchara, Zentauren im

Galopp, Fellahfrauen neben den bekannt schrägen Raen der Nilbarken. Ja,

dieser Orient, das ist doch noch was ... Indes mit mehr als meinem Tone

der Entrüstung »Und das gefällt dir nicht?« führt mich meine Gefährtin

vor die reizendste Zofe der Welt, die ihr Händchen so geschickt hinter

eine Kerze zu halten weiß, daß die heraufsteigenden Lichtstrahlen

rotgelb ihr Gesicht schminken ... Und nun bin ich besiegt, nun gefällt

mir schon alles. Ich vergesse die Franzosen, den Fortschritt,

Meier-Graefe, die Verpflichtungen eines modernen Menschen. Schon

zurückgetaucht in Jahre unverantwortlicher Jugend, freue ich mich über

die Zahnlosigkeit eines gutmütigen Mönches, der rechts-links umflochtene

Weinflaschen an sich preßt, wie einfach-menschlich; und bin verblüfft

von glattlasierten Schlachten, den sorgfältig-blutigen Kopftüchern der

Verwundeten, den sauberen Reitersäbeln. Und »Rast im Manöver« heißt es,

wenn auf Tornister gepackte Blechgefäße grau dem grauen Straßenstaub

entgegenblitzen. Und deutlich strichliertes Schilf wächst »vor dem

Gewitter« aus zinnweißen Reflexen eines Sumpfspiegels. Am Klavier wird

Abschied genommen, für ewig vielleicht. Rosen lösen sich welkend aus

Wassergläsern. Kühe ruhen im Grünen. Miß nur, kleines Mäderl, wer höher

ist, du oder euer Barry ...

Seit damals liebe ich die Behaglichkeit, die bewußtlose Grazie

schlechter Bilder, diese Ironie, die von sich selbst nichts weiß, diese

Eleganz der unbeabsichtigten Effekte. Wie ärmlich stellen sich seriöse

Bilder daneben dar, die den Geist des Beschauers in eine einzige, vom

Künstler eben gewollte Richtung drängen. Sie sind so eindeutig, so

vollkommen, so häßlich ... die schönen Bilder. Aber Wonnen eines

triebhaften Balletts, die unwillkürliche, unausschöpfliche Natur selbst,

das Chaos und urzeitliche Zeremonien lese ich aus Annoncenklischees,

Reklamebildern, Briefmarken, Klebebogen, aus Kulissen für Kindertheater,

Abziehbildern, Vignetten; mich entzückt die Romantik des Geschmacklosen.

Seit damals sind die Plakate an den Straßenecken meine Gemäldesammlungen.

Da steht und zeugt für »Laurin & Clement« ein rotes Prachtautomobil,

bewohnt von Herr und Dame in totschicker Dreß, steht vor

einer gelben Gebirgslandschaft aus aufgetürmten Rühreiern. Der Herr

scheint mit eleganter Handbewegung dieses seltene Naturschauspiel der

Dame zu präsentieren, die indes, ungerührt von den Blicken aus seiner

imposanten Schutzbrille eines Tauchers, ihren Schleier mit spitzer Nase

zu zerstechen sucht ... Ein Chamberlain mit Monokel und

imperialistisch-frechen Mundwinkeln macht auf die Eröffnung eines

Herrenkonfektionsgeschäftes geziemend aufmerksam ... Nicht ganz so

glücklich führt sich »Altvater Jägerndorf« durch einen triefäugigen

Greis, mit Federbarett und Grubenlampe jedoch, ein ... Werden wir dieser

arglos hochgeschürzten Galathea, dem witzreich verzeichneten Knaben

einer Varieté-Affiche widerstehen?... Und nieder auf die Knie, die Knie

vor dem Porträt Zolas, vor seinem Stirnknittern, das dem Autor ernster

Bücher wohl ansteht, und das ein einsichtsvoller Plakatkleber durch

besonders runzliges Ankleben gerade dieses Plakates noch verstärkt hat

... Falls du immer noch die Wirkung dieser wahrhaft primitiven Kunst

anzweifelst, schwebt schon, nicht um zu strafen, nein, um sanft zu

überreden, ein Genius herbei, massiv, doch jungfräulich, in ein aus Bolero

und Chiffon kombiniertes Kleid gehüllt und mit unbeteiligt-symmetrischen

Flügeln, während wilde Falten den unteren Gewandsaum wegblasen.

Er verkündigt »Maifestspiele«, schleudert in der Linken

einen Kranz nach vorn und, um sich im Gleichgewicht zu erhalten,

hat er den rechten Arm eingeknickt, wobei ihm freilich das Versehen

geschieht, die Posaune statt an den Mund ans Ohr zu setzen, so daß sie

einem pompösen Hörrohr ähnelt. Doch scheint dies kein unpassendes

Symbol, da er so vortrefflichen Opern, die er anzeigt, auch wohl selbst

zu lauschen Lust bekommt. Und unbekümmert um all dies jedenfalls dringt

er in die Photographie des Theatergebäudes ein, trotz sichtlichen

Gegenwindes, und obwohl das Licht verwirrend genug ihn von links, das

Theater von rechts bestrahlt.

Glückselig darüber, daß nicht immer die Physik das letzte Wort behält,

wende ich mich weiteren Kunstgenüssen zu. Sie warten in allen Auslagen,

diese zauberhaften Offenbachiaden des Lebens, auf mich. Die Parfümerien

stehen im Farbenschmuck so schematischer Blumen, daß man »Kinder Floras«

mit Lächeln sie zu nennen versucht ist ... Van Houtens Kakao ist schon

undenkbar ohne diese etwas nördliche Dame, die im Eisenbahnkupee

vornehmer Klasse einer trostlosen Winteröde den Rücken kehrt, um desto

neckischer ihr Lieblingstäßchen zu schlürfen, de smakelijkste, in't

Gebruk de vordeeligste. Klingt es nicht wie das phantastische Deutsch

eines ganz souveränen erstklassigen Schriftstellers? Lustig, lustig ...

In einem Seidengeschäft ist die »Wiener Mode« aufgeschlagen. Was für

seltsame, von mystischen Rhythmen beherrschte Gestalten, und die

Gesichter offen, klug, unschuldig, wie eben aus der »Wiener Mode« ...

Papierfirmen stellen Ansichtskarten aus, lustig, lustig, diese

verschneiten Kapellen im Walde, die photographierten Liebespaare im

Fortschritt der Situationen, harmlose Ostergrüße, als Hasen verkleidete

Kaninchen, operettenhafte Alpengletscher, Leid und Freud, Schusterbuben,

Villa Miramare, handkolorierte Unwahrscheinlichkeiten ... Und der

Delikatessenhändler nebenan. Wie drollig zieht das Baby seinen Karren

voll von Schokolade Suchard, wie abenteuerlich und unkontrollierbar wird

auf diesen Päckchen der Tee gepflückt. Von einer Weinflasche schwingt

ein Herrenreiter höflich uns den Zylinder entgegen, Spanierinnen

verführen von Konservenbüchsen herab, an Bonbonnieren treten wie in

einer Zauberposse Feen und Ritter auf, der Karlsbader Sprudel plätschert

auf jener Kolonne von Oblatenschachteln sechsfach dazu, manche

Schnapsfabrikanten ziehen Berglandschaften, andere den biederen Jäger

vor, der die Pfeife auf den Holztisch stemmt, Herolde verkünden den Ruhm

deutschen Schaumweins, während Biscuits Pernod mit ihren rothosigen

piou-pious Deutschland okkupieren.

Ich gehe heim, verlasse das populäre Ausstattungsstück des Täglichen.

Doch auch noch zu Hause habe ich Unterhaltung genug, die Phantastik der

Zigarettenschachteln, die Etiketten auf Parfumflaschen, märchenhafte

Vaudevilleszenen auf Briefkassetten und Wandkalendern, Diplome,

Reiseandenken ...

Und gar die geliebte Mappe japanischer Holzschnitte .. Halt! Zurück!...

Japanische Holzschnitte sind doch anerkannt schön! Mir scheint, da habe

ich etwas sehr Blamables gesagt (»gesagt« ist Ziererei ... nein,

geschrieben) ... Doch die Grenze zu ziehen, das ist die Schwierigkeit

dieser an sich so einfachen Sache.

Und ich sehe schon, daß die gesamte Menschheit nichts dringender bedarf

als mein neues System der Ästhetik, das ich gewissenhaft und mit fast

barbarischem Fleiß schon lange schreibe, jedoch an meinem fünfzigsten

Geburtstage erst, das ist am siebenundzwanzigsten Mai 1934,

herauszugeben felsenfest entschlossen bin. Indes bin ich schon vorher

für Abordnungen der durch diesen Aufsatz besonders in Verwirrung

versetzten Erdstriche zu sprechen, täglich zwischen drei und vier. Um

diese Stunde sitze ich sehr behaglich zu Hause und spiele Karten mit

zwei gleichgesinnten Freunden. Ach die Feerie dieser Bildchen auf den

Karten übertrifft doch alles. Lockige Burschen mit müden,

träumerisch-verschauten Augen turnen, kreuzen ein Schwert und ein

stumpfes Rapier, trommeln, flöten, tragen stolz ihre weißen Halskrausen,

die gestickten Westen. Auf Rot-Zehn schaut ein Amor ins Publikum und

trifft dennoch seitlich das zinnoberrote Herz. Welches Lied spielst du,

Knabe, in merkwürdiger Tracht, deinem treuen Hunde vor? Gravitätische

Könige, würdevoll trotz der zu kurzen Beine, wo sind eure Untertanen,

eure chimärischen Länder?... Dann legen wir den Skat weg. Und in den

Taroks mit ihren Sarazenen, Albanesen auf Vorposten, mit

Csardastänzerinnen, Liebespaaren in Fez und Jägerhut, jugendlichen

Eheleuten, die an der Schalmei sich ergötzen, mit Wahrsagerinnen und

edlen Rossen umgibt uns der Zauber der Levante, Lord Byrons, die

abenteuerliche Luft der Türkenkriege, vielleicht der Kreuzzüge. Uns

belustigt der heraldische Aar, der wütend seine altertümliche Devise in

den Klauen hält: »Industrie und Glück.« Wir zittern für das Schicksal

der edlen Dame, die zögernd den Gondoliere nicht anblickt und doch so

gern entführt werden möchte ...

Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit · 第 8 / 42 题