Der Untersuchungsrichter, der Protokollführer, Lisa. Karenin tritt
mit ernster, feierlicher Miene ein.
_Der Untersuchungsrichter_: Bitte ergebenst!
_Karenin_: Ich danke. ($Er bleibt stehen.$) Was steht zu Ihren Diensten?
_Der Untersuchungsrichter_: Ich bin verpflichtet, Sie zu vernehmen.
_Karenin_: In welcher Eigenschaft?
_Der Untersuchungsrichter_ ($lächelnd$): Ich in meiner Eigenschaft als
Untersuchungsrichter bin verpflichtet, Sie in Ihrer Eigenschaft als
Beschuldigter zu vernehmen.
_Karenin_: Wieso? Weswegen?
_Der Untersuchungsrichter_: Wegen einer Ehe mit einer verheirateten
Frau. Gestatten Sie aber, daß ich die Fragen der Reihe nach stelle.
Nehmen Sie Platz!
_Karenin_: Ich danke.
_Der Untersuchungsrichter_: Ihr Name?
_Karenin_: Viktor Karenin.
_Der Untersuchungsrichter_: Stand?
_Karenin_: Kammerherr, Wirklicher Staatsrat.
_Der Untersuchungsrichter_: Alter?
_Karenin_: Achtunddreißig Jahre.
_Der Untersuchungsrichter_: Religion?
_Karenin_: Rechtgläubig. Vor Gericht habe ich noch nie gestanden und
bin nie in Untersuchung gewesen. Nun?
_Der Untersuchungsrichter_: War Ihnen damals, als Sie die Ehe mit Ihrer
Frau eingingen, bekannt, daß Fjodor Wasiljewitsch Protasow am Leben war?
_Karenin_: Nein, das war mir nicht bekannt. Wir waren beide der
Überzeugung, daß er ertrunken sei.
_Der Untersuchungsrichter_: An wen haben Sie nach der unwahren
Nachricht von Protasows Tode allmonatlich Geld nach Saratow geschickt?
_Karenin_: Diese Frage möchte ich nicht beantworten.
_Der Untersuchungsrichter_: Sehr wohl. In welcher Absicht haben
Sie Herrn Protasow kurz vor der Simulation seines Todes am 17. Juli
zwölfhundert Rubel übersandt?
_Karenin_: Dieses Geld hatte mir meine Frau übergeben.
_Der Untersuchungsrichter_: Frau Protasowa?
_Karenin_: Meine Frau hatte es mir übergeben zur Absendung an ihren
Mann. Sie hielt dieses Geld für sein Eigentum, und da sie alle
Beziehungen zu ihm abgebrochen hatte, so hielt sie es für unrecht,
dieses Geld zurückzubehalten.
_Der Untersuchungsrichter_: Jetzt noch eine Frage: warum haben Sie die
Bemühungen um die Ehescheidung eingestellt?
_Karenin_: Weil Fjodor Wasiljewitsch diese Bemühungen auf sich genommen
und mich davon brieflich verständigt hatte.
_Der Untersuchungsrichter_: Besitzen Sie diesen Brief?
_Karenin_: Der Brief ist verloren gegangen.
_Der Untersuchungsrichter_: Merkwürdig, daß alles das, was geeignet
wäre, das Gericht von der Richtigkeit Ihrer Angaben zu überzeugen,
verloren gegangen und nicht zur Stelle ist.
_Karenin_: Wünschen Sie sonst noch etwas?
_Der Untersuchungsrichter_: Ich wünsche weiter nichts als meine Pflicht
zu erfüllen; Ihnen aber liegt ob, sich zu rechtfertigen, und ich habe
soeben Frau Protasowa einen Rat gegeben und möchte ebendenselben
auch Ihnen erteilen: nicht zu verheimlichen, was doch für einen
jeden offensichtlich ist, und alles so zu erzählen, wie es sich in
Wirklichkeit zugetragen hat. Um so mehr, da Herr Protasow schon alles
so ausgesagt hat, wie es gewesen ist, und wahrscheinlich auch vor
Gericht bei seiner Aussage verbleiben wird. Ich möchte Ihnen raten ...
_Karenin_: Ich würde Sie bitten, sich innerhalb des Rahmens der
Erfüllung Ihrer Pflichten zu halten und Ihre Ratschläge beiseite zu
lassen. Dürfen wir weggehen? ($Er tritt zu Lisa hin; sie steht auf und
nimmt seinen Arm.$)
_Der Untersuchungsrichter_: Ich bedauere lebhaft, daß ich Sie noch
zurückhalten muß ... ($Karenin wendet sich erstaunt um.$) O nein, nicht
in dem Sinne, als ob ich Sie verhaften lassen wollte. Wiewohl das zur
Erforschung der Wahrheit ganz zweckdienlich sein würde, werde ich doch
nicht zu dieser Maßregel greifen. Ich möchte nur Herrn Protasow in
Ihrer Gegenwart verhören und Sie mit ihm konfrontieren; Sie werden
dabei eine bequeme Möglichkeit haben, ihn der Unwahrheit zu überführen.
Bitte, nehmen Sie Platz! ($Zum Protokollführer:$) Rufen Sie Herrn
Protasow herein!