Der Untersuchungsrichter, der Protokollführer, Lisa, Karenin. Fedja,
schmutzig und verkommen, tritt ein.
_Fedja_ ($wendet sich zu Lisa und Karenin$): Lisa, Jelisaweta
Andrejewna, Viktor, ich bin nicht schuld daran. Ich wollte es recht
gut machen. Wenn mich aber doch eine Schuld trifft, so verzeiht mir,
verzeiht mir! ($Er verbeugt sich tief vor ihnen.$)
_Der Untersuchungsrichter_: Ich bitte Sie, auf meine Fragen zu
antworten.
_Fedja_: Fragen Sie!
_Der Untersuchungsrichter_: Ihr Name?
_Fedja_: Den wissen Sie ja doch.
_Der Untersuchungsrichter_: Ich bitte Sie zu antworten.
_Fedja_: Na, Fjodor Protasow.
_Der Untersuchungsrichter_: Ihr Stand, Ihr Lebensalter, Ihre Religion?
_Fedja_ ($schweigt zunächst$): Schämen Sie sich denn nicht, solche
dummen Fragen zu stellen? Fragen Sie doch, was nötig ist, und nicht
solche Torheiten!
_Der Untersuchungsrichter_: Ich ersuche Sie, in Ihren Ausdrücken
vorsichtiger zu sein und auf meine Fragen zu antworten.
_Fedja_: Na, wenn Sie sich nicht schämen, dann hören Sie! Stand:
Kandidat[3]; Lebensalter: vierzig Jahre; Religion: rechtgläubig; na,
nun weiter!
_Der Untersuchungsrichter_: War es Herrn Karenin und Ihrer Frau
bekannt, daß Sie am Leben geblieben waren, als Sie Ihre Kleider am
Flußufer hatten liegen lassen und selbst verschwunden waren?
_Fedja_: Bestimmt nicht. Ich hatte mich wirklich töten wollen, aber
dann ... na, das brauche ich nicht zu erzählen. Tatsache ist, daß sie
nichts wußten.
_Der Untersuchungsrichter_: Wie kommt es denn, daß Sie dem
Polizeibeamten ganz andere Aussagen gemacht haben?
_Fedja_: Welchem Polizeibeamten? Ach so, als einer zu mir in das
Nachtasyl kam? Ich war betrunken und log ihm etwas vor; was, das
weiß ich nicht mehr. Das ist alles dummes Zeug. Jetzt bin ich nicht
betrunken und sage die volle Wahrheit. Sie haben nichts gewußt. Sie
glaubten, ich sei nicht mehr am Leben. Und ich freute mich darüber. Und
es wäre auch alles so geblieben, wenn sich nicht dieser Schuft Artemjew
hineingemischt hätte. Und wenn jemand eine Schuld trägt, so ist er es
allein.
_Der Untersuchungsrichter_: Ich verstehe, daß Sie sich großmütig
zeigen wollen; aber das Gesetz verlangt Wahrheit. Warum ist Ihnen Geld
geschickt worden?
_Fedja_ ($schweigt$).
_Der Untersuchungsrichter_: Sie haben durch Simonow das Geld erhalten,
das Ihnen nach Saratow geschickt wurde?
_Fedja_ ($schweigt$).
_Der Untersuchungsrichter_: Warum antworten Sie nicht? Es wird im
Protokolle vermerkt werden, daß der Beschuldigte auf diese Fragen nicht
geantwortet hat, und das kann sowohl Ihnen als auch jenen beiden sehr
schaden. Also wie wollen Sie sich nun verhalten?
_Fedja_ ($nach anfänglichem Schweigen$): Ach, Herr
Untersuchungsrichter, daß Sie sich nicht schämen! Warum stöbern Sie in
einem fremden Leben herum? Sie freuen sich darüber, daß Sie die Macht
haben, und um diese Macht zu beweisen, martern Sie, wenn auch nicht
physisch, so doch seelisch, Leute, die tausendmal besser sind als Sie.
_Der Untersuchungsrichter_: Ich ersuche Sie ...
_Fedja_: Da ist nichts zu ersuchen. Ich sage alles, was ich denke.
($Zum Protokollführer:$) Schreiben Sie es nur nieder! Wenigstens werden
auf diese Art zum erstenmal in einem Protokolle vernünftige menschliche
Gedanken stehen. ($Dann mit erhobener Stimme:$) Da waren drei Menschen:
ich, er und sie. Unter uns bestanden komplizierte Beziehungen; es
war ein Kampf des Guten mit dem Bösen, ein seelischer Kampf, von dem
Sie keinen Begriff haben. Dieser Kampf endete mit einer bestimmten
Situation, die alle Schwierigkeiten löste. Alle Beteiligten kamen zur
Ruhe. Jene beiden waren glücklich und bewahrten mir ein freundliches
Andenken. Und auch ich war trotz meines tiefen Falles glücklich
darüber, daß ich meine Pflicht getan hatte, daß ich unnützer Mensch aus
dem Leben gegangen war, um nicht zwei andern, braven, lebensfrischen
Menschen im Wege zu sein. Und wir waren alle drei am Leben geblieben.
Auf einmal erschien ein Taugenichts, ein Erpresser, der von mir
verlangte, ich solle mich an der von ihm geplanten Erpressung
beteiligen. Ich wies ihn von mir. Er ging zu Ihnen, dem Kämpfer für das
Recht, dem Hüter der Moral. Und Sie, der Sie an jedem Zwanzigsten des
Monats Ihr Gehalt für die Gemeinheiten erhalten, die Sie verüben, Sie
zogen sich Ihre Uniform an und tun sich nun leichten Herzens diesen
beiden Menschen gegenüber wichtig, denen Sie nicht wert sind die
Schuhriemen aufzulösen, und die Ihnen nicht einmal den Eintritt in ihr
Vorzimmer gestatten würden. Aber Sie haben sich diese beiden Menschen
vorgenommen und freuen sich ...
_Der Untersuchungsrichter_: Ich werde Sie hinausbringen lassen ...
_Fedja_: Ich fürchte mich vor niemand; denn ich bin ein Leichnam, und
Sie können mir nichts antun; es gibt keine Lage, die schlimmer wäre als
die meinige. Na, dann lassen Sie mich nur hinausbringen!
_Karenin_: Dürfen wir nun gehen?
_Der Untersuchungsrichter_: Sofort; ich bitte Sie nur, erst noch das
Protokoll zu unterschreiben.
_Fedja_: Was würden Sie für eine komische Person sein, wenn Sie nicht
so ekelhaft wären.
_Der Untersuchungsrichter_: Führen Sie ihn ab! Ich verhafte Sie.
_Fedja_ ($zu Karenin und Lisa$): Also verzeiht mir!
_Karenin_ ($tritt zu ihm und gibt ihm die Hand$): Es hat wohl alles so
sein sollen ... ($Lisa geht vorüber. Fedja verbeugt sich tief.$)
Vorhang.