Der Untersuchungsrichter und Lisa, die schwarz gekleidet und
verschleiert eintritt.
_Der Untersuchungsrichter_: Bitte ergebenst. ($Er weist auf einen
Stuhl.$) Wollen Sie mir glauben, daß ich die Notwendigkeit, Ihnen
einige Fragen vorzulegen, sehr bedauere; aber ich befinde mich in
einer Zwangslage ... Bitte, beruhigen Sie sich; ich mache Sie darauf
aufmerksam, daß Sie die Antwort auf meine Fragen verweigern dürfen.
Nur bin ich der Ansicht, daß es für Sie und für alle das Beste ist,
alles der Wahrheit gemäß auszusagen. Das ist immer das Beste und
Zweckmäßigste.
_Lisa_: Ich habe nichts zu verheimlichen.
_Der Untersuchungsrichter_: Also hier ($er blickt in ein Aktenstück$).
Ihren Namen, Ihren Stand, Ihre Religion, das habe ich alles schon
hingeschrieben; stimmt es?
_Lisa_: Ja.
_Der Untersuchungsrichter_: Sie werden beschuldigt, obwohl Sie wußten,
daß Ihr Mann am Leben war, einen andern geheiratet zu haben.
_Lisa_: Ich wußte es nicht.
_Der Untersuchungsrichter_: Und ferner werden Sie beschuldigt, durch
Zahlung einer Geldsumme ihren Mann zur Begehung eines Betruges, nämlich
zur Vorspiegelung eines Selbstmordes, veranlaßt zu haben, in der
Absicht, von ihm loszukommen.
_Lisa_: Das ist alles nicht wahr.
_Der Untersuchungsrichter_: Gestatten Sie mir also einige Fragen. Haben
Sie ihm im Juli vorigen Jahres zwölfhundert Rubel übersandt?
_Lisa_: Dieses Geld gehörte ihm. Es war der Erlös aus seinen Sachen.
Und in der Zeit, als ich mich von ihm getrennt hatte und darauf
wartete, daß er die Scheidung in die Wege leite, da schickte ich es ihm.
_Der Untersuchungsrichter_: So so, sehr wohl. Dieses Geld wurde ihm am
17. Juli übersandt, das heißt zwei Tage vor seinem Verschwinden.
_Lisa_: Es mag am 17. Juli gewesen sein. Ich erinnere mich nicht.
_Der Untersuchungsrichter_: Warum wurden aber die Bemühungen beim
Konsistorium zu derselben Zeit eingestellt und dem Rechtsanwalt das
erteilte Mandat wieder abgenommen?
_Lisa_: Das weiß ich nicht.
_Der Untersuchungsrichter_: Nun, aber als die Polizei Sie aufforderte,
die Leiche zu rekognoszieren, auf welche Weise erkannten Sie in
derselben Ihren Mann?
_Lisa_: Ich war damals so aufgeregt, daß ich die Leiche nicht genauer
ansah, und war so davon überzeugt, daß er es war, daß ich, als ich
gefragt wurde, antwortete, er sei es wohl.
_Der Untersuchungsrichter_: Ja, Sie haben ihn in einer sehr
erklärlichen Aufregung nicht genauer angesehen. Sehr wohl. Nun aber
gestatten Sie die Frage: warum haben Sie denn allmonatlich Geld nach
Saratow geschickt, nach eben der Stadt, wo Ihr erster Mann wohnte?
_Lisa_: Dieses Geld hat mein Mann hingeschickt. Und über die Bestimmung
desselben kann ich nichts aussagen, da das nicht mein Geheimnis ist.
Nur soviel: es wurde nicht an Fjodor Wasiljewitsch geschickt. Wir waren
fest davon überzeugt, daß er nicht mehr am Leben sei. Das kann ich
Ihnen wahrheitsgemäß sagen.
_Der Untersuchungsrichter_: Sehr wohl. Gestatten Sie mir nur die
eine Bemerkung, gnädige Frau: wir sind Diener des Gesetzes; aber das
hindert uns nicht, Menschen zu sein. Wollen Sie mir glauben: ich
habe ein volles Verständnis für Ihre Lage und wende ihr meine ganze
Teilnahme zu. Sie waren an einen Menschen gebunden, der das Vermögen
verschwendete, Sie hinterging, mit einem Worte ein schweres Kreuz für
Sie war ...
_Lisa_: Ich liebte ihn.
_Der Untersuchungsrichter_: Ja, aber es mußte doch in Ihnen ganz
natürlicherweise der Wunsch rege werden, von ihm loszukommen, und
Sie wählten diesen einfachen Weg, ohne zu bedenken, daß er Sie zu
etwas führte, was als ein Verbrechen angesehen wird, zur Bigamie; das
ist auch mir verständlich. Und auch die Geschworenen werden dafür
Verständnis haben. Und daher würde ich Ihnen raten, alles offen zu
gestehen.
_Lisa_: Ich habe nichts zu gestehen. Ich habe nie gelogen. ($Sie
weint.$) Bin ich nicht mehr nötig?
_Der Untersuchungsrichter_: Ich möchte Sie bitten, noch ein Weilchen
hier zu bleiben. Ich werde Sie nicht weiter mit Fragen belästigen.
Haben Sie nur die Güte, dies hier durchzulesen und zu unterschreiben.
Es ist das Protokoll über Ihre Vernehmung. Sind Ihre Antworten richtig
wiedergegeben? Bitte ergebenst, dort Platz zu nahmen. ($Er zeigt auf
einen Lehnstuhl am Fenster.$) ($Zu dem Protokollführer:$) Rufen Sie
Herrn Karenin!