Diese Indianer, die durch ihre künstlerischen Leistungen hervorragen,

sind Menschenfresser bis auf unsere Tage gewesen, wo die überhand

nehmende Herrschaft der Engländer ihrem Kannibalismus ein Ziel setzt.

Sie haben unter sich eine Anzahl gesellschaftlicher Rangstufen, deren

höchste die der „Hametze“ oder Menschenfresser ist. Diejenigen, welche

dieser Kaste angehören, sind stolz darauf und genießen unter ihrem

Stamme besondere Ehren. Freilich ist bei ihnen jetzt die Zeit vorüber,

in der sie Sklaven oder Kriegsgefangene schlachten und verzehren

konnten, ohne daß Jemand sie daran hinderte; aber sie entschädigen

sich auf weit gräßlichere Weise, indem sie bei ihrem Feste menschliche

Leichen verzehren, die bereits ein oder mehrere Jahre alt sind.

Nicht das Bedürfnis nach Fleischnahrung treibt die Hametzen zu dieser

Art von Kannibalismus. Menschenfleisch zu essen gilt bei ihnen als

Vorrecht, das nur solchen ausgezeichneten Leuten gestattet wird, die

eine ganze Reihe von Kasteiungen und Vorbereitungen durchgemacht haben.

Ein aus gewöhnlichem Geschlechte stammender Indianer wird nie zur

Hametzenwürde zugelassen, dieses ist nur den Söhnen von Häuptlingen

oder sonst hervorragenden Leuten gestattet. Die Vorbereitungen dauern

vier Jahre und es erhält der Eintretende als besonderes und ehrendes

Abzeichen ein aus Cedernbast gefertigtes Band, welches er über der

linken Schulter unter dem rechten Arme durchgehend trägt. Während der

letzten vier Monate der Lehrzeit verlassen die angehenden Hametze Haus

und Familie, um in stiller Waldeseinsamkeit und unter körperlichen

Entbehrungen sich zur letzten großen Ceremonie vorzubereiten.

Nachdem diese Periode vorüber, ist der Augenblick gekommen, daß der

so vorbereitete „Hametze“ werden soll. Er muß zunächst Menschenblut

genießen. „Der künftige Hametze springt plötzlich aus dem Walde hervor,

mitten in das Dorf hinein, stürzt sich auf einen der Anwesenden und

beißt ihn in den Arm oder das Bein, indem er zugleich etwas Blut

aussaugt.“ Der Gebissene hat das Recht Zahlung für diesen Akt zu

verlangen, die in Decken (Blankets) bis zu 40 Stück geleistet wird.[273]

Die Hametze genießen besondere Vorrechte. Ihre Tanzmasken, ihre

Rasseln, ihre Kopf-, Hals- und Armringe sind besonders schön

hergestellt und verziert. Wenn ein Hametze an einem Tanzfest teilnehmen

soll, sind vier Häuptlinge nötig, welche ihn viermal hintereinander

einladen müssen, ehe er sein Erscheinen zusagt. Beim Feste bilden sie

den Gegenstand allgemeiner Hochachtung und sie selbst fühlen sich als

Wesen höherer Gattung und lassen sich feiern.

Mit dem Trinken des Menschenbluts hat ein Hametze jedoch noch nicht

den höchsten Grad seiner Würde erreicht. Die Ceremonie, bei welcher

dieses geschieht, wird von den Hametzen allein in tiefster Einsamkeit

gefeiert. Ist das Kannibalenmahl vorüber, so hat der Hametze das Recht

an seiner Maske einen kleinen, aus Holz geschnitzten Menschenschädel zu

befestigen. ~Jakobsen~ sah Indianer, die nicht weniger als acht solcher

Schädel an der Maske trugen. Wenn die Leiche, von der diese Leute

einige Bissen zu sich nehmen, genügend alt und mumifiziert ist, so soll

der Genuß unschädlich sein, dagegen ist es wiederholt vorgekommen, daß

beim Genuß vom Fleische verhältnismäßig frischer Kadaver einige Hametze

durch Blutvergiftung ihr Ende gefunden haben.

Noch im Jahre 1859 sah es der Verwalter der Hudsonsbai in Fort Rupert,

~Hundt~, mit eigenen Augen an, daß dort (Nordvancouver) ein gefangener

Sklave bei Gelegenheit eines großen Festes an einen Pfahl gebunden und

ihm der Leib aufgeschnitten wurde, worauf die Hametze ihre Hände mit

dem hervorströmenden Blut füllten und letzteres tranken. Wahrscheinlich

wurde der Sklave nachher ganz verzehrt. Zur Strafe für diese Unthat

ließ die englische Regierung das Dorf jener Indianer durch ein

Kanonenboot zerstören.

Bei den Wintertänzen der Indianer auf West-Vancouver sah ~Jakobsen~

Szenen, wie die eben geschilderte, wenigstens pantomimisch

dargestellt.[274]

Das Leichenfressen ist auch bei den Vancouver gegenüber am Festlande

wohnenden Tschimsian festgestellt, während bei den nördlicher wohnenden

Tlinkit (im ehemals russischen Nordamerika) und bei der Haida (auf

den Königin Charlotte-Inseln) nichts sicheres über etwa vorhandene

Anthropophagie verlautet.[275]

[210] ~Navarrete~, Coleccion de los viages. Madrid 1825. I. 204.

[211] Histoire générale des Antilles. II. 401.

[212] ~Herrera~ (bei ~Purchas~ His Pilgrims III. 865) berichtet, daß

ein Mönch auf Dominica verzehrt worden sei; alle, die von

seinem Fleische aßen, wurden krank oder starben. ~Purchas~

macht dazu die Marginalbemerkung: Frier vnwholsome food.

[213] ~D. Jourdanet~, Histoire véridique de la conquete de la

Nouvelle-Espagne par Bernal Diaz. Seconde édition. -- -- suivie

d’une étude sur les sacrifices humains et l’anthropophagie chez

les Aztèques etc. Paris 1878.

[214] Tom. I. lib. II. cap. X.

[215] Drei Berichte von ~F. Cortez~ an ~Karl V.~ Deutsch. Berlin

1834. 337.

[216] ~Fray Geronimo de Mendieta.~ Ed. ~Icazbalceta~. Mexico. Lib.

II. cap. 16. 19 und ~H. Strebel~, Alt-Mexiko. 12.

[217] ~Waldeck~, Voyage pittoresque et archéologique dans le Yucatan.

1838. Nach ~Kottenkamp~, Geschichte der Kolonisation Amerikas.

I. 24.

[218] Nach ~Squier~ in Transact. Americ. Ethnolog. Soc. III. 138.

139. (New York 1853.)

[219] ~Herrera~ bei ~Purchas~ His Pilgrims, The Third Part. London

1625. 890.

[220] ~Garcilasso de la Vega~, Histoire des Yncas rois du Perou.

Traduit de l’Espagnol. Cap. IX. 21. ~Prescott~, Eroberung von

Peru. I. 81.

[221] ~E. Pöppig~, Reise in Chile, Peru und auf dem Amazonenstrome.

Leipzig 1835. II. 449.

[222] ~Azara~, Voyages dans l’Amérique meridionale. II. 2.

[223] ~Woldemar Schultz~, Natur- und Kulturstudien über Südamerika

und seine Bewohner im 4. und 5. Jahresbericht des Vereins für

Erkunde zu Dresden. 1868. 72.

[224] ~v. Martius~, Beiträge zur Ethnographie und Sprachenkunde

Amerikas. Leipzig 1867. I. 538.

[225] ~Herndon~, Exploration of the Amazon. Washington 1854. 209.

[226] Anthropological Review. I. 38 (1863).

[227] ~J. J. v. Tschudi~, Peru. II. 222.

[228] ~Paul Marcoy~, Voyage de l’océan pacifique à l’océan atlantique

à travers l’Amérique du Sud, im Tour du Monde. XI. 220.

[229] Dr. ~Abendroth~ im Globus. XIX. 379.

[230] ~Paul Marcoy~ im Tour du Monde. XV. 135.

[231] ~Paul Marcoy~ a. a. O. 138.

[232] ~Marcoy~ a. a. O. 139.

[233] ~Keller-Leuzinger~, Vom Amazonas und Madeira. Stuttgart 1874.

32. 99.

[234] ~A. R. Wallace~, Amazon and Rio Negro. London 1853. 498. -- ~v.

Martius~, Beiträge zur Ethnographie Amerikas. I. 600.

[235] Nach Panama Star and Herald vom 12. April 1883 im Ausland 1883.

437.

[236] The Naturalist on the Amazonas. London 1864. 454.

[237] Expédition dans les parties centrales de l’Amérique du Sud.

Paris 1850. III. 314.

[238] Relation du voyage d’Améric Vespuce aux cotes du Brésil fait

en 1501 et 1502, adressée a Lorenzo di Pierfrancesco de Medici.

~Charton~, Voyageurs anciens et modernes. III. 198. Paris 1863.

Der Brief ward bereits 1503 in Paris gedruckt.

[239] ~Anton Pigafetta~: Erste Reise um die Welt durch ~Ferdinand

Magelhan~. Aus dem Italienischen. In ~C. M. Sprengel~s

Beiträgen zur Völker- und Länderkunde. Leipzig 1784. IV. 13.

[240] A. a. O. 16.

[241] Vierter und Fünfter Jahresbericht des Vereins für Erdkunde zu

Dresden. 1868. 14.

[242] Warhafftig historia und beschreibung einer landschafft der

wilden, nacketen, grimmigen menschenfresser leuthen, in der

newen weit America gelegen, vor und nach Christi geburt im

Land zu Hessen unbekannt, bisz auff dise II nechst vergangene

jar, da die ~Hans Staden~ von Homberg ausz Hessen durch sein

eygne erfarung erkant, und ietzund durch den truck an tag gibt.

Franckfurt am Main durch Weygandt Han. 1556. Herausgegeben von

Dr. ~K. Klüpfel~ in der Bibliothek des litterarischen Vereins

in Stuttgart. Band 47. Stuttgart 1859.

[243] ~W. C. v. Eschwege~, Journal von Brasilien. Weimar 1818. 89.

[244] ~Maximilian Prinz zu Neuwied~, Reise nach Brasilien. Frankfurt

a. M. 1821. II. 49. 50.

[245] ~Joh. Jak. v. Tschudi~, Reisen durch Südamerika. Leipzig 1866.

II. 280.

[246] Hauptmann ~Marlier~s Bericht bei ~v. Eschwege~ a. a. O. 121.

127. 201.

[247] ~A. v. Varnhagen~, Historia geral do Brazil etc. Rio de

Janeiro 1854. Tom. I. 100. ~Schulz~, Natur- und Kulturstudien

über Südamerika. 15.

[248] ~Neuwied~ a. a. O. I. 161.

[249] Nach Dr. ~Couto da Magalhaes~ fressen die Chavantes am Araguay

die Leichen ihrer verstorbenen Kinder, weil sie wähnen, daß

dadurch die Seele dieser Kinder in die ihrige übergehe. (Brazil

and River Plate Mail 21. Febr. 1874.)

[250] ~E. Reuel Smith~, The Araucarians. New York 1855. 274.

[251] ~Charles Darwin~s Naturwissenschaftliche Reisen. Deutsch von

~Dieffenbach~. Braunschweig 1844. I. 230.

[252] ~Lubbock~, Die vorgeschichtliche Zeit. Jena 1874. II. 240.

[253] A two years’ cruise off Tierra de fuego. London 1857. II. 358.

[254] Transact. Ethnolog. Soc. New Series. I. 264 (1861).

[255] Bulletins de la société de géographie. 1875. 501.

[256] Revue d’Ethnographie. IV. 552.

[257] Anthropological Review. III. 145 (1865).

[258] ~Samuel Hearne~s Tagebuch seiner Reise von Fort Prinz Wallis

in der Hudsonsbai nach dem nördlichen Weltmeer. In „Auswahl der

Nachrichten zur Aufklärung der Völker- und Länderkunde“ von ~M.

C. Sprengel~. Halle 1797. VII. 126.

[259] A. a. O. 127.

[260] ~J. Long~s See- und Landreisen, enthaltend eine Beschreibung

der Sitten und Gewohnheiten der Nordamerikanischen Wilden. Aus

dem Englischen. Hamburg 1791. 115.

[261] ~Alexander Mackenzie~s Reisen von Montreal durch

Nordwestamerika nach dem Eismeer und der Südsee in den Jahren

1789 und 1793. Aus dem Englischen. Hamburg 1802. 144.

[262] ~P. Kane~, An artist among the Indians. London 1859. 58. 60.

[263] ~H. Faraud~, Dix-huit ans chez les sauvages. Paris 1866. Danach

Bull. d. l. soc. d’Anthropologie. 1885. 38.

[264] ~William Keating~, Exped. to the source of St. Peters River.

London 1825. I. 103. ~Keating~ war Mitglied der großen Ver.

Staaten Expedition unter Major ~Stephen Long~.

[265] ~Keating.~ I. 412.

[266] Nach ~Schoolcraft~ sollen indessen die Sioux (Dakotas) früher

wenigstens das Herz des Feindes gefressen haben. Indian tribes.

III. 241. Und, wie die amerikanischen Zeitungen berichteten,

hat der berühmte Sioux-Häuptling ~Sitting Bull~ noch vor

wenigen Jahren das Herz der im Kampfe gefallenen amerikanischen

Offiziere verzehrt, um so tapfer wie sie zu werden.

[267] ~Keating~. I. 103.

[268] ~Drake~, The book of the Indians. Boston 1854. III. 37.

[269] Archaeologia Americana. Worcester, Mass. 1820. I. 353.

[270] Human Remains in the Shell Heaps of the St. Johns River. In

Seventh Annual Report of the Peabody Museum. Cambridge, Mass.

1874. 26.

[271] Contributions to North American Ethnology. III. 196. 344.

[272] Kapitän ~Jacobsen~s Reise an der Nordküste Amerikas. Leipzig

1884. 47 ff.

[273] Bei den von ~Jacobsen~ 1885 umher geführten Bella Coola sah ich

zahlreiche auf diese Art von Hametzen herbeigeführte Bißnarben

auf Armen und Brust mehrerer Individuen.

[274] ~Jacobsen~s Reise. 109.

[275] ~Krause~, Die Tlinkit-Indianer. Jena 1885. 318.

+Ergebnisse+.

Wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß die Beweise für ein

Vorkommen der Anthropophagie in vorgeschichtlicher Zeit noch wenig

zahlreich und teilweise nicht recht beglaubigt sind, so liegt dies

vor allem in der ungenügenden Zahl der Untersuchungen, sowie in der

Schwierigkeit derselben. Immerhin aber mag nach dem angeführten

Beweismaterial die Anthropophagie prähistorischer Menschen angenommen

werden dürfen und diese Annahme hat nichts überraschendes, wenn wir

gewahren, wie weit verbreitet heutzutage der Kannibalismus noch

ist und wie derselbe sich einst über weit ausgedehnte Landstriche

erstreckte. Wenn es sich auch nicht absolut beweisen läßt, so kann

man doch annehmen, daß die Anthropophagie eine der Kinderkrankheiten

des Menschengeschlechts war; daß dieselbe auch einst weit über

unsern, heute davon freien Erdteil sich verbreitete, dafür sprechen

die zahlreichen sie erwähnenden Stellen der alten Schriftsteller,

die, mögen sie auch hier und da auf Übertreibung beruhen oder gar

Fabeln sein, doch vereinigt mit dem, was Mythen und Sagen, Märchen

und Volksüberlieferungen aller Art uns lehren, in ihrer Gesamtheit

den Beweis herstellen. Allenthalben zeigt ja die Volkslitteratur der

europäischen Völker Anklänge an anthropophage Gewohnheiten und nicht

nur von dem rein materiellen Genüsse des Menschenfleisches ist darin

die Rede, sondern auch jene abergläubigen Wahnvorstellungen, die bei

den Naturvölkern mit dem Kannibalismus verknüpft sind, desgleichen

die Anthropophagie aus Rachsucht haben darin ihren Platz gefunden

als Niederschlag und Überlebsel des einst auch bei Europas Urvölkern

vorhandenen Kannibalismus.

Alle jetzt noch vorhandene Anthropophagie -- und sie ist nur noch über

einen verhältnismäßig geringen Bruchteil der Menschheit verbreitet

-- erscheint aber nur als Überrest der einst allgemein vorhandenen.

Diejenigen Völker, bei denen wir sie noch finden, haben sie seit

Urzeiten, über die ersten Vorkommnisse bei ihnen liegen keine

Nachrichten vor und nirgends läßt sich erkennen, daß erst neuerdings

der Kannibalismus eingeführt worden sei.

Kein Erdteil ist vom Kannibalismus frei zu sprechen; wo er heute nicht

mehr herrscht, da bestand er früher, reiche und arme Länder kannten

ihn oder kennen ihn noch, er kommt in Amerika vor von den eisigen

Gegenden des Hudsonbaigebietes durch die Tropen bis zur Südspitze des

Kontinents. In allen Zonen ist die Anthropophagie verbreitet, doch ist

sie heute wesentlich im Gebiete der Tropen zu Hause, wenn wir auch

keinen genügenden Grund hierfür anzugeben im stande sind. Sie ist bei

seßhaften, ackerbautreibenden Völkern, wie in Afrika, im günstigen

Schwange und findet sich nicht minder bei umherschweifenden Horden, wie

in Amerika und Australien.

Wie die Anthropophagie aus dem Hunger sich heraus zur Gewohnheit

entwickelt und durch die physikalischen Verhältnisse eines Landes

bedingt wird, kann an dem Beispiele von Australien gezeigt werden. In

Australien liegt der Fall vor, daß unfruchtbare Landstriche häufig

genug die dürftige Nahrung versagen, von der sonst die dünn gesäte

Bevölkerung das kümmerliche Leben fristet. Mit der eintretenden oft

alle Lebenskeime versengenden Dürre verschwanden die Tiere, die neben

dürftigen Vegetabilien den Unterhalt der Schwarzen ermöglichte.

Geht die Horde, durch Nahrungsmangel gezwungen, nicht sofort zum

Kannibalismus innerhalb des eigenen Stammes über, so wandert sie

aus und sucht andere Landstriche auf, die weniger oder nicht von

der Trockenheit gelitten haben und Erhaltungsmittel darbieten. Von

gleichen Gründen getrieben, ziehen aber auch andere, feindlich gesinnte

Stämme nach denselben Gegenden, wo nun um das Jagdrecht ein Streit

entsteht. Der Kampf beginnt und die Hungernden verzehren das Fleisch

der gefallenen Feinde, das ihnen willkommene Nahrung bietet. Jetzt ist

auch der Augenblick gekommen, daß die +Rachsucht+ als Beweggrund der

Anthropophagie einsetzt. Der getötete Feind soll gänzlich vernichtet

werden und der Australier ißt mit Vorliebe „Zunge und Herz“ des

erlegten Feindes[276], die Organe, von denen die Feindschaft und die

Schmähreden des Getöteten ausgingen. Und weiter kommt der +Aberglaube+

zur Geltung: er reibt seinen Körper mit dem Nierenfett des Erschlagenen

ein, in dem Wahne, dadurch die Stärke jenes auf sich zu übertragen oder

er verzehrt das Fett aus demselben Grunde. So reihen Aberglauben und

Rachsucht sich den Motiven an, die zum Kannibalismus treiben.

Die Anthropophagie erscheint unter sehr verschiedenen Formen, die

indessen nicht notwendigerweise sich auseinander entwickelt haben

müssen, sondern die auch parallel nebeneinander laufen können. Bedingt

sind diese verschiedenen Formen aber durch die Beweggründe, die zur

Anthropophagie führten oder nach denen sie ausgeübt wird und diese

geben auch die Grundlage für eine Einteilung ab.

Daß der Hunger zu allen Zeiten und bei allen Völkern in unglücklichen

Verhältnissen Menschen zum Kannibalismus getrieben hat, ist natürlich

und braucht nicht an Beispielen hier näher erörtert zu werden.

Nur in den äußersten Fällen griff man aber zur Ernährung durch

Menschenfleisch, wenn die anderweitige, gewohnheitsmäßige Nahrung

fehlte und der notgedrungene Kannibalismus hörte auf, wenn mit dem

gänzlichen Nahrungsmangel die Ursache zu demselben schwand. Bei manchen

Völkern und in manchen Gegenden aber kehren Not und Hunger, bedingt

durch physikalische Verhältnisse so oft, ja regelmäßig wieder, daß das,

was vielleicht anfangs aus Widerwillen geschah, zur Gewohnheit und

Sitte wurde.

Gewiß ist der Hunger eines der treibenden Motive gewesen, das bei den

Feuerländern nach ~Darwin~, den Rothäuten des Hudsonbaigebietes nach

~Hearne~, den Botokuden nach ~v. Tschudi~ zur Anthropophagie führte.

Menschenfleisch ist an und für sich nicht ungesund und die meisten

Urteile stimmen darin überein, daß es sogar wohlschmeckend sei. Die Fan

sagen (nach ~Winwood Reade~), es schmecke wie Affenfleisch, die Battas

loben es (nach ~Bickmore~) vor allen anderen Speisen und dasselbe

behaupten die Melanesier der Neu-Hebriden und der Fidschi-Inseln (nach

~Wilkes~). Die Botokuden (nach ~v. Tschudi~), wie die Bewohner der

Neu-Hebriden (nach ~Turner~) ziehen das Fleisch der Schwarzen dem der

Weißen vor. Aber es fehlt auch nicht an gegenteiligen Behauptungen,

wie denn die Manjuema ~Livingstone~ versicherten, Menschenfleisch

sei nicht gut, man träume nach dem Genusse und die Niam-Niam sagten

~Schweinfurth~ allgemein, Menschenfleisch wirke berauschend.

Aber der Hunger, der die physiologische Entschuldigung der

Anthropophagie abgeben soll, ist in verhältnismäßig wenigen Fällen

als die wirkliche Ursache derselben zu betrachten. Die meisten

Völker und Stämme, welche demselben huldigen, leben im Überfluß, es

mangelt ihnen nicht an animalischer wie vegetabilischer Nahrung. Das

trifft bei fast allen Kannibalen der Südsee wie Afrikas zu und auch

die höhere oder tiefere Gesittung ist von keinerlei Einfluß auf die

abschreckende Erscheinung. Die Niam-Niam in Centralafrika ragen weit

hervor über viele benachbarte Negerstämme, wie Dor, Schilluk, Dinka

u. s. w., und doch sind letztere keineswegs Anthropophagen, während

erstere Kannibalen in der vollsten Bedeutung des Wortes sind. Auch die

Fidschi-Insulaner haben verhältnismäßig entwickelte Zustände, überragen

viele Polynesier, bei denen die Anthropophagie bereits auch ohne Zuthun

der Weißen verschwand. Endlich die Battas auf Sumatra, bei denen

jeder Reisende sich wundert, neben einer Schrift und Litteratur den

Kannibalismus in Gesetzesform gebracht zu sehen. Daß selbst kultivierte

Völker ihr huldigten, ist an den Azteken gezeigt worden.

Als die wesentlichsten Beweggründe zur Anthropophagie stellen sich aber

stets der Aberglauben -- sei er religiöser oder sonstiger Art -- und

die Rachsucht dar und diese beiden finden wir überall da verbreitet

und zur That treibend, wo der Kannibalismus vorhanden ist. Sahen wir

Kriegsgefangene als Beute, so werden die schönsten, tapfersten und

durch ihre Stellung hervorragenden zunächst verzehrt. Beschränkt

sich der Kannibalismus auf das Essen von einzelnen Teilen, so sind

es die Augen, das Herz, das Gehirn, welche bevorzugt werden, denn

sie sind der Sitz der Tugenden, der Tapferkeit und der Stärke des zu

Verzehrenden, und diese will der Überwinder sich so zu eigen machen.

So erklärt sich auch, daß häufig die Anthropophagie ein Vorrecht ist,

ausgeübt von Häuptlingen oder auserlesenen Kriegern, welche allein

der Gunst teilhaft werden sollen, ihre moralischen Eigenschaften

solchergestalt zu stärken und zu vermehren. Es geschieht dieses

zuweilen in einer sozusagen sublimierten Weise bei Völkern, denen

vielleicht der direkte Genuß des Menschenfleisches zuwider ist, welche

aber doch den vermeintlichen moralischen Gewinn aus demselben ziehen

wollen. So verzehren die südamerikanischen Tarianas und Tucanos nicht

direkt das Fleisch Verstorbener, um deren Eigenschaften und Tugenden

in sich aufzunehmen, sondern der Körper liegt erst einen Monat in der

Erde, wird dann ausgegraben und über Feuer zu einer verkohlten Masse

gedörrt. Diese wird gepulvert mit Caxiri vermischt getrunken.[277]

Wenn, nach ~Bowdich~, der Fetischmann der Aschanti das Herz eines

gefangenen Feindes frißt, so thut er dies, um nicht durch den Geist

des Gestorbenen gequält zu werden, von dem er annimmt, daß er seinen

Sitz im Herzen hat. Die Yamas am Amazonenstrom verzehren das Mark aus

den Knochen ihrer Toten, weil sie wähnen, daß dadurch die Seele des

Verstorbenen in ihren Körper übergehe (~Marcoy~). Die Dajaks geben nach

~Müller~[278] Knaben die Stirnhaut und das Herz erlegter Feinde zu

essen, um sie tapfer und muthig zu machen. Eine Chippeway-Indianerin

fütterte ihre Kinder aus dem gleichen Grunde mit dem Fleische eines

Engländers (~Long~); bei den Südaustraliern erlangt ein älterer

Bruder die Körperkraft seines jüngeren Bruders, wenn er ihn frißt

(~Stanbridge~); in Queensland verzehrt die Mutter ihr neugeborenes Kind

in dem Wahne, die ihr durch die Leibesfrucht entzogene Kraft wieder zu

gewinnen (~Angas~) und daselbst glaubt man sogar durch Verzehren die

Toten zu ehren. Die Maoris wähnten nach Cook, daß die verzehrten Feinde

in ein ewiges Feuer kämen.

Überall sehen wir daher, wie der Glaube an das Dasein einer Seele,

einer besonderen geistigen Kraft in dem zu Verzehrenden, als die

letzte Ursache der Anthropophagie zu betrachten ist. Der Geist und die

Tugenden des Verzehrten sollen durch den Genuß des Menschenfleisches

in den Besitz des Essenden übergehen, gerade so, wie ihm durch andere

Nahrung Zuwachs an physischer Kraft entsteht.[279]

Eng verschwistert mit dem Aberglauben ist der andere Beweggrund, die

Rachsucht. Am klarsten und deutlichsten wird uns derselbe bei den

Mesayas am Amazonenstrom, die das Fleisch des erschlagenen Feindes,

nachdem sie es mit Widerwillen hinabgewürgt haben, wieder durch

Erbrechen von sich geben (~Marcoy~). Die Strafe ist dann vollzogen,

der Rachsucht Genüge geleistet, der Genuß des Menschenfleisches an

und für sich erscheint den Mesayas ekelhaft. Wilde Rachsucht war auch

bei den Kariben die Ursache ihrer Anthropophagie und die meisten von

ihnen wurden nach dem Genusse krank (~du Tertre~). Neben dem Hunger

wirkt bei den Botokuden auch Rachsucht bestimmend, um den Feind zu

fressen (~v. Tschudi~), und ~Pigafetta~, ~Vespucci~, ~Hans Staden~

berichten dasselbe von den Tupivölkern an Südamerikas Ostküste. Hier

ging, wie wir durch ~Hans Staden~ wissen, die Leidenschaft so weit,

daß der Vertilger des erschlagenen Feindes dessen Namen annahm, um so,

neben der Vernichtung des Körpers, auch dessen geistiges Fortleben noch

gänzlich zu verwischen. Teilweise ist Rachsucht auch der Beweggrund bei

den Negern des Nigerdeltas (nach ~Crowther~); alleiniges Motiv scheint

dieselbe bei den Manjuema in Innerafrika (nach ~Livingstone~) zu sein.

Rachsucht erniedrigt die Melanesier der Salomonen und Neu-Hebriden zu

Kannibalen. Sie ist vorzugsweise der Beweggrund für die Anthropophagie

der amerikanischen Rothäute.

Die Anthropophagie · 第 10 / 11 段