„Wenn sie ihre feinde erstmals heimbringen, so schlagen sie die weiber

und die jungen. Darnach vermalen sie ihnen mit grawen federn, scheren

im die augenbrawen über den augen ab, danzen umb in her, binden

inen wol, das er inen nicht entläufft, geben im ein weib, das in

verwaret, und auch mit im zu thun hat. Und wann die schwanger wirdt,

das kind ziehen sie auf biß es groß wird. Darnach wann es inen in den

Sinn kompt, schlagen sie es todt und essen’s. Geben im wol essen,

halten inen eine zeitlang, rüsten zu, machen der gefeß vil, da sie

die geträncke in thun, backen sonderliche gefeß, darin thun sie die

reidtschaft, darmit sie in vermalen, machen fedderqueste, welche sie an

das holtz binden, darmit sie in todtschlagen, machen eine lange schnur,

Massurana genant, da binden sie inen ein, wann er sterben sol. Wenn sie

alle reidschaft bey einander haben, so bestimmen sie ein zeit, wann er

sterben sol, laden die wilden von andern dörfern, daß sie auff die zeit

dahin kommen. Dann machen sie alle gefeße voll geträncke, und einen tag

oder zwen zu vorn. Ehe dann die weiber die getrencke machen, führen sie

den gefangen ein mal oder zwey auff den platz tantzen umb inen her.“

„Wenn sie nun alle bey einander sein, die von außen kommen, so heyßet

sie der oberste der hütten wilkommen, spricht: so kompt helfet unsern

feindt essen. Des tages zuvor, ehe sie anheben zu trincken, binden

sie dem gefangenen die schnur Massurana umb den Hals. Desselbigen

tages vermalen sie das holtz, Iwera Pemme genant, darmit sie ihn todt

schlagen wöllen. Ist lenger denn ein klaffter, streichen ding daran,

das klebet. Dann nemen sie eyerschalen, die sin graw, und sein von

einem vogel Mackukawa genant, die stoßen sie klein, wie staub, und

streichen das an das holtz. Dann sitzet ein fraw und kritzelt in dem

angeklebten eyerschalen staub. Dieweil sie malet, stehet es vol weiber

umb sie her, die singen. Wenn das Iwera Pemme dann ist, wie es sein

sol, mit fedderquesten und anderer reidschaft, hencken sie es dann in

eine ledige hütte über die erden an einen reidel, und singen dann darum

her die ganze nacht.“

„Dasselbigen gleichen vermalen sie den gefangenen sein angesicht. Auch

dieweil das weib an im malet, dieweil singen die andern. Und wann sie

anheben zutrincken, so nemen sie den gefangenen bey sich, der trinket

mit inen und sie schwatzen mit im.“

„Wann das trinken nun ein ende hat, des andern tages darnach ruhen sie,

machen dem gefangnen ein hütlin auff den platz, da er sterben sol,

da liegt er die nacht inne, wol verwart. Dann gegen morgen ein gute

weil vor tage, gehen sie tanzen und singen umb das holtz her damit sie

in todtschlagen wöllen, bis das der tag anbricht, dann zihen sie den

gefangenen aus dem hütlin, brechen das hütlin ab, machen räum, dann

binden sie im die Mussurana von dem hals ab und binden sie in umb den

leib her, zihen sie zu beiden Seiten steiff. Er stehet mitten darin

gebunden, irer viel halten die schnür auff beiden enden. Lassen in so

ein weil stehen, legen steinlein bey ihn, damit er nach den weibern

werfe, so umb ihn herlaufen und dräwen im zu essen. Dieselbigen sein

nun gemalet und darzu geordiniret, wenn er zerschnitten würd, mit den

ersten vier stücken um die hütten her zulaufen. Daran haben die andern

kurtzweil.“

„Wann das nun geschehen ist, machen sie ein fewer ungefehrlich zweier

schritt weit von dem Schlaven. Das fewer muß er lehen. Darnach kompt

ein fraw mit dem holtz Iwera Pemme gelauffen, keret die fedderquesten

in die höhe, kreischt von freuden, läuft vor dem gefangenen uber, das

er es sehen soll.“

„Wann das geschehen ist, so nimpt eine mannsperson das holtz, gehet

mit vor den gefangenen stehen, hält es vor in, daß er es ansiehet,

dieweil gehet der, welcher in todtschlagen wil, hin, selb XIIII oder

XV und machen iren leib graw mit äschen, dann kompt er mit seinen

zuchtgesellen auf den platz bey den gefangenen, so uberliffert der

ander so vor dem gefangnen steht, diesem das holtz, so kompt dann der

könig der hütten und nimpt das holtz und steckts dem, der den gefangen

soll todtschlagen, einmal zwischen den beynen her, welches nun eine ehr

unter inen ist. Dann nimpt er wiederumb das holtz, der den todtschlagen

sol, und sagt dann: Ja hie bin ich, ich wil dich tödten, denn die

deinen haben meiner freunde auch viel getödtet und gessen, antwortet

er: Wenn ich todt bin, so habe ich noch viel freunde, die werden mich

wol rechen, darmit schlecht er inen hinten auf den kopff, das im das

Hirn darauß springt, alsbaldt nemen in die weiber, ziehen in auf das

fewer, kratzen ihm die haut alle ab, machen in ganz weiß, stopfen in

den hintersten mit einem holtze zu, auf daß im nichts entgeht. Wann im

dann die haut abgefegt ist, nimpt in eine mannsperson, schneidet im

die Beine über den knien ab, und die arme an dem leibe, dann kommen

die vier weiber, und nemen die stücke, und laufen mit um die hütten

her, machen ein groß geschrey von freuden, darnach schneiden sie im den

rücken mit den hintersten von den vorderleib ab, dasselbige theilen

sie dann unter sich, aber das eingeweyd behalten die weiber, sieden,

und in die brühe machen sie einen brey, mingau genannt, den trinken

sie und die kinder. Das eingeweyd essen sie, essen auch das fleisch um

das haupt her, das hirn in dem haupt, die zungen, und was sie sonst

daran genießen können, essen die jungen. Wann das alles geschehen ist,

so gehet dann ein ieder wiederumb heim, und nemen ir theil mit sich.

Derjenige, so disen getödtet hat, gibt sich noch einen namen.“

+Botokuden.+ Die Botokuden, wie sie von den Portugiesen nach dem

Stöpsel (_botoque_) in ihrer Unterlippe bezeichnet werden, sind

unzweifelhaft Anthropophagen bis zum heutigen Tage. Dieses Volk

haust in der Provinz Minas Geraes in dem weiten Raum zwischen dem

Rio Doce und Rio Jequitinhonha, vom 17. bis 20.° s. B. Um über ihren

Kannibalismus aufgeklärt zu werden, können wir uns an die Berichte

deutscher Reisender halten: ~Eschwege~, ~Neuwied~, ~Tschudi~, welche

uns die besten Nachrichten über sie vermittelt haben. ~Eschwege~

drang 1811 in die Wälder dieser Anthropophagen vor. Damals lebten die

Botokuden mit ihren Nachbarn, Portugiesen wie Negern, in fortwährenden

Kriegen, fielen über dieselben her, mordeten und fraßen sie. „Ein

Augenzeuge der Greuelthaten erzählte mir, daß ihre Anzahl nicht sehr

beträchtlich war, so daß sich alle an einem einzigen Neger, den

sie brateten, satt aßen; von anderen schnitten sie Arme und Beine

ab und nahmen sie als Lebensvorrat mit sich. Die getöteten Weißen

hatten sie alle liegen lassen, aber alle Teile des Körpers querüber

eingeschnitten, so ungefähr, wie man Fische zuzubereiten pflegt, wenn

man sie einsalzen will. Den Getöteten saugen sie zuerst das Blut aus

und dieses scheint ihnen das leckerste zu sein. Überhaupt hat man aber

bemerkt, daß, sobald sie Negerfleisch haben, sie das Fleisch der Weißen

nicht achten. Bei großem Überflusse schneiden sie den Negern auch nur

die Waden und das Inwendige der Hände aus, welches wahre Leckerbissen

sein sollen.“[243]

Prinz ~Maximilian zu Wied~, der 1815-1817 das Land am Rio Doce und

Mucury durchstreifte, brachte unzweifelhafte Beweise der Anthropophagie

der Botokuden mit. „Sie schälen das Fleisch vom Körper ihrer Feinde

ab, kochen es in ihren Töpfen oder braten es; den Kopf stecken sie

auf einen Pfahl.“ ~Neuwied~ hebt hervor, daß die Botokuden keineswegs

aus Wohlgeschmack am Menschenfleisch zu Kannibalen geworden sind,

dagegen spräche, daß sie einzelne Gefangene am Leben lassen; nur wilde

Rachgierde treibe sie zu der schauderhaften Sitte.[244]

Bei ~J. J. v. Tschudi~, der die Botokuden am Mucury besuchte, erscheint

die Anthropophagie dieses Volkes nicht in so grausigem Lichte wie bei

~v. Eschwege~. „Die Botokuden,“ sagt er, „werden zu den Anthropophagen

gezählt und sie sind in der That Menschenfresser, aber nicht in der

grausam blutdürstigen Bedeutung, die man gewöhnlich mit diesem Begriff

verbindet, sondern bloß aus unersättlichem Heißhunger und aus Rache.

Ich glaube nicht, daß sie einen Feind erschlagen, um ihn zu fressen,

sondern daß sie einen erschlagenen Feind auffressen, weil er ihnen

gerade wie gelegen und bequem Nahrung darbietet und sie überhaupt

alles fressen, was sie nur verdauen können. -- -- -- Das Verzehren

der Feindesleichen war und ist meistens in erster Linie eine Folge

des heftigen Dranges den Hunger zu stillen, dann aber mag auch eine

Befriedigung des Rachedurstes dazu kommen und in diesem Falle werden

nur gewisse Körperteile des getöteten Gegners als Leckerbissen dem

Siegesmahle beigefügt. Auffallenderweise sucht jeder Stamm den Vorwurf

dieser scheußlichen Sitte von sich ab und auf andere Horden zu

wälzen. Es mag doch vielleicht bei ihnen das Gefühl vorhanden sein,

daß sie sich durch das Auffressen ihresgleichen selbst unter die Tiere

stellen.“[245] Darnach stimmen ~Neuwied~ und ~v. Tschudi~ überein

und wir dürfen bei den Botokuden Rachgier als den Beweggrund des

Kannibalismus annehmen.

Südlich von den Botokuden treffen wir, gleichfalls noch in der Provinz

Minas Geraes unter 21.° s. Br. an den oberen Zuflüssen des Parahyba,

speziell am Rio Xipolo zwischen der Serra Geraldo und Serra do Onça

auf die Coroatos-Indianer, ein sehr rohes Volk, welches im Beginn

unseres Jahrhunderts noch 1900 Köpfe zählte. Bei ihnen, die einst

wohl mehr der Anthropophagie ergeben waren, finden wir gleichsam die

Ausläufer kannibalischer Gewohnheiten, da sie bei ihren Festen an dem

abgeschnittenen Arme eines erlegten Feindes, der zuvor in Maiswein

getaucht wird, zu saugen pflegen. „Der Arm des Puri geht beim Tanze

in der Reihe herum, wird auch wohl aufgestellt und mit Pfeilen nach

ihm geschossen, andere tauchen ihn in das Getränk, saugen davon und

mißhandeln ihn auf alle mögliche Art.“[246] Unschwer ist aus dieser

Schilderung zu erkennen, wie es sich auch hier um einen Racheakt

handelt.

Die Puris, die am Parahybastrome hausen und stark dem Einflusse

der Brasilianer ausgesetzt sind, erscheinen heute nicht mehr als

Anthropophagen; daß sie es einst waren, beweist ihr Name, denn Puru

oder Puri bedeutet nach ~Varnhagen~ einfach Anthropophage.[247] Noch zu

~Neuwied~s Zeit kamen bei ihnen Fälle von Kannibalismus vor.[248]

Es mag hier und da in Brasilien außer den angeführten noch Horden

geben, welche kannibalischen Gewohnheiten fröhnen[249]; im allgemeinen

läßt sich aber darthun, daß in Südamerika teils durch Verdrängung der

Ureinwohner, teils durch Sittigung derselben die Anthropophagie ganz

außerordentlich abgenommen hat, wie ein Vergleich mit den Berichten der

ersten Besucher des Landes ergiebt.

+Araukaner.+ Noch haben bei diesen sich wenigstens Spuren erhalten,

die auf ehemals weiter verbreitete Anthropophagie hinweisen. Als

Genugthuung für die Manen der im Kriege gefallenen Tapferen des

eigenen Stammes bringen sie Menschenopfer dar, zu denen Gefangene des

feindlichen Stammes benutzt werden. Dem mit einer Keule erschlagenen

Opfer wird das Herz aus der Brust gerissen und frisch dem Toqui

dargereicht, der einige Tropfen Blut daraus saugt, um es alsdann den

übrigen Häuptlingen zu geben, die damit ein gleiches thun.[250]

+Feuerländer.+ Unmöglich ist es nicht, daß der Kannibalismus sich

einst durch ganz Südamerika bis zur Magalhaesstraße und darüber

hinaus erstreckte. Nach ~Charles Darwin~ sind die Feuerländer

demselben infolge häufiger Hungersnot ergeben, auch herrscht bei ihnen

Elternmord[251], wie dieses auch Admiral ~Fitzroy~ bestätigt. „Fast

immer im Kriege mit den Nachbarstämmen begriffen, treffen sie sich

selten, ohne daß ein feindlicher Zusammenstoß erfolgt. Diejenigen,

welche besiegt und gefangengenommen worden sind, werden, falls sie

nicht schon tot sind, von den Siegern erschlagen und verzehrt. Arme

und Brust essen die Frauen, die Beine erhalten die Männer und der

Rumpf wird ins Meer geworfen.“ Auch im strengen Winter nehmen sie,

wenn sie keine andere Nahrung finden können, „das älteste Weib aus

ihrer Mitte, halten ihr den Kopf über dichten, durch grünes verbranntes

Holz erzeugten Rauch, pressen ihr die Kehle zu und ersticken sie. Sie

verzehren dann das Fleisch bis auf den letzten Bissen, den Rumpf aber

werfen sie, wie bei dem vorhergehenden Falle, ins Meer“.[252] Auch ~W.

Parker Snow~, der gute Gelegenheit hatte, sie kennen zu lernen, sagt,

daß sie nur im Falle von Hungersnot die alten Weiber, zuletzt aber

ihre Hunde fressen[253] und an anderer Stelle sagt derselbe: _They are

cannibals from necessity, but, I believe, not from choice._[254] Ein

neuerer Beobachter, der Franzose ~Marguin~, der längere Zeit unter

ihnen lebte, spricht sie gänzlich frei. _On les dit anthropophages,

mais rien pour moi ne justifie cette accusation_[255], und so auch

Dr. ~Hyades~, der gleichfalls einige Zeit unter ihnen lebte und das

Verzehren der alten Weiber für Fabel erklärt.[256]

+Eskimos.+ Bei den Eskimos mag wohl gelegentliche Anthropophagie

aus Not und Hunger vorkommen, aber vom Kannibalismus aus anderen

Beweggründen sind sie freizusprechen. Sie sind kein kriegerisches Volk,

das seinen Rachedurst durch das Verzehren des überwundenen Feindes

stillt, wie etwa ihre südlicher lebenden indianischen Nachbarn, die

unter gleichen äußeren Bedingungen (bis zum Eismeer hin) leben, jedoch

kriegerischer und rachdürstiger Natur sind. Ob aber unter den Eskimos

Anthropophagie herrschte, läßt sich jetzt nicht mehr nachweisen.

Die Anklänge einiger Legenden in dieser Richtung, sowie die von

Eskimos selbst gezeichneten und ausgeführten Holzschnitte, welche das

Menschenfressen darstellen[257], erscheinen nicht als genügender Beweis.

+Nordamerika.+ Bei den Indianern Nordamerikas mag in früheren Zeiten

die Anthropophagie viel weiter verbreitet gewesen sein, als sie jetzt

noch vorhanden ist. In der That war sie zur Zeit der Entdeckung schon

auf ein geringes zusammengeschmolzen. Heute ist nur wenig von derselben

vorhanden, und auf Rachsucht am Feinde als Beweggrund zurückzuführen,

abgesehen von dem durch Not erzeugten Kannibalismus. So systematisch

wie in Mexiko oder weit ausgedehnt wie bei den Jagdnomaden der

Südhälfte des Kontinents scheint die Anthropophagie im Norden überhaupt

nie vertreten gewesen zu sein.

Für das Vorkommen der Anthropophagie in den Hudsonsbai-Ländern bei den

dortigen Indianern haben wir das Zeugnis des heldenmütigen ~Samuel

Hearne~, der auf sehr beschwerlichen, an Entbehrungen überreichen

Reisen 1770-1771 von Fort Churchill an der Hudsonsbai bis zur Mündung

des von ihm entdeckten Kupferminenflusses in das Eismeer vordrang.

Er berichtet[258]:“Diejenigen, welche mit der Geschichte der

Hudsonsbai bekannt sind, und das Elend kennen, welches die Bewohner

dieser Gegenden häufig erfahren, werden darin nur die alltäglichen

Begebenheiten des Lebens der Wilden finden, die nicht selten durch

die Not gezwungen werden, einander zu verzehren. Die südlichen

Wilden -- es sind die Tinnévölker gemeint -- haben über diesen Punkt

die sonderbare Meinung, daß sobald einer ihres Stammes, durch Not

gedrungen, Menschenfleisch genossen hat, bekommt er davon einen

solchen Geschmack, daß sich niemand unter seiner Gesellschaft des

Lebens sicher glaubt. Und ungeachtet es allgemein bekannt ist, daß

nur die Not zu diesem schrecklichen Genusse treibt, so werden doch

diejenigen, die daran Teil genommen haben, allgemein vermieden und

durchgängig verabscheut und verachtet. Kein Wilder erlaubt ihnen, sein

Zelt neben dem seinigen aufzuschlagen, sie werden oft sogar heimlich

ermordet. Ich habe mehrere dieser Unglücklichen gesehen, die vorher

allgemein geschätzt, im besten Ansehen standen und nun so verachtet

und vernachlässigt wurden, daß nie ein Lächeln ihren Blick erheiterte,

eine tiefe Schwermut herrschte in allen Zügen, und in dem kummervollen

Auge lag deutlich die Frage: „Warum verachtet ihr mich wegen meines

Unglücks? Die Zeit ist vielleicht nicht fern, wo die Not auch euch

dazu verleiten kann.“ ~Hearne~ war 1775 Zeuge in Cumberland House

-- westlich vom Winnipegsee --, daß ein Indianer in Gefahr geriet,

von seinen Gefährten umgebracht zu werden, da er im Verdachte stand,

Menschenfleisch genossen zu haben.“[259]

~J. Long~, ein britischer Holzhändler, welcher gegen Ende des vorigen

Jahrhunderts Canada und die Region der großen Seen Nordamerikas

durchstreifte, ein mit den Sprachen und Sitten der Rothäute

außerordentlich vertrauter Mann, führt die Anthropophagie der

Chippeways auf Blutdurst und Rachsucht zurück. Nachdem er verschiedene

Mordgeschichten erzählt, fährt er fort[260]: „Ein Missionar der

Jesuiten erzählte mir über diesen Gegenstand eine Geschichte, die

niemand ohne Schaudern anhören wird. Ein indianisches Weib in seiner

Mission fütterte ihre Kinder mit einem gefangenen Engländer, den ihr

Mann eingebracht hatte. Sie hieb ihm sogleich einen Arm ab und gab

den Kindern das strömende Blut zu trinken. Als der Jesuit ihr die

Grausamkeit dieser Handlung vorhielt, sah sie ihn an und sagte: ‚Ich

will Krieger aus ihnen haben, und darum füttere ich sie mit Speise von

Menschen.‘“ Hier liegt also ein abergläubiges Motiv zu Grunde.

Eine Autorität wie ~Alexander Mackenzie~, den seine Entdeckungsreisen

und sein langer Aufenthalt in Britisch Nordamerika wohl zu einem

maßgebenden Urteil befähigen, leugnet die Anthropophagie der

Chippeways im allgemeinen und giebt nur Fälle zu, in denen Hungersnot

zu derselben trieb. „Wenn man,“ sagt er, „bei irgend einem Volke,

nach dem unfruchtbaren Zustande seines Landes, voraussetzen könnte,

daß es von Natur kannibalisch wäre, so möchte man bei der zuweilen

eintretenden Schwierigkeit, sich Nahrung zu verschaffen, dieses Volk

(die Chippeways) dem Vorwurf unterworfen glauben. Aber bei aller

meiner Bekanntschaft mit ihnen erfuhr ich nie ein Beispiel dieser

Neigung; auch sah und hörte ich unter allen Eingeborenen, die ich

auf meinem Wege von 5000 (englischen) Meilen traf, nie von einem

Beispiele von Kannibalensinn, sondern nur von solchen, die von der

unwiderstehlichsten Notwendigkeit herrührten, die, wie man weiß,

auch Menschen von den civilisiertesten Völkern einander zu verzehren

zwingt.“[261] Auf solchem Boden steht auch ~P. Kane~, der bei den

Chippeways nur Kannibalismus verursacht _from absolute want_ zuläßt,

dabei aber darauf hinweist, daß unter den Chippeways ein Stamm als

„Windigo“ bezeichnet werde, was bedeutet „Einer, der Menschenfleisch

verzehrt“, worin eine geschichtliche Reminiscenz an früheren

Kannibalismus erkannt werden mag.[262] Wie weit die Ableugnungen

~Mackenzie~s und ~Kane~s berechtigt sind, mag das Folgende ergeben.

Der apostolische Vikar ~H. Faraud~, der achtzehn Jahr lang als

Missionar in der Athabaska-Region verlebte, bestätigt nämlich auf das

entschiedenste den jetzt noch vorhandenen Kannibalismus der nördlichen

Indianer. Derselbe sei allerdings teilweise aus Not im Winter bei

Nahrungsmangel verursacht, dann schlachte man gewöhnlich Weiber oder

Kinder -- teilweise aber sei er eine Folge der Rachsucht im Kriege. Und

hier beschuldigt er Kris und Schwarzfüße, die auf dem Schlachtfelde,

nachdem sie den getöteten Feind skalpiert, diesem das Herz herausreißen

und an Ort und Stelle verzehren.[263]

Gewöhnlich scheint der Kannibalismus nur bei den Chippeways, Miamis,

Potowatomis und überhaupt bei den Rothäuten vom Algonkinervolke gewesen

zu sein; bei den Potowatomis hingegen scheint er nur das Privilegium

einer Gesellschaft oder Brüderschaft zu sein. Die Mitglieder dieser

Brüderschaft sind nicht allein mit großen Heldentugenden begabt,

sondern sie sollen diese auch durch Zaubersprüche mitzuteilen imstande

sein.[264]

Wie ~Keating~ bezeugt, ist bei den Chippeways Kannibalismus nach

einer Schlacht stets allgemein gewesen; ja, fügt er hinzu, man hat

unter ihnen Beispiele, wo das Menschenfleisch gedörrt und Jahre

lang aufgehoben wurde, um nach langer Zeit einen Schmaus daraus zu

bereiten, zu dem sie Gäste einluden.[265] Die Dakotas (Sioux) spricht

er dagegen frei von der Anklage des Kannibalismus.[266] Sein Führer und

Dolmetscher, ein Halbblutindianer ~Renville~, versicherte ~Keating~,

daß er dabei zugegen war, als die Briten im Jahre 1813 in Verbindung

mit einem Corps von etwa 3000 Indianern das Fort Meigs belagerten,

letztere einen gefangenen Amerikaner schlachteten und in so viele Teile

teilten, als Nationen gegenwärtig waren, indem sie den tapfersten unter

jeder Nation aufriefen, um seinen Anteil an dem Kopf und Herzen zu

empfangen. Der dazu aufgeforderte Dakota aber äußerte hierüber seinen

Abscheu, weigerte sich das Fleisch zu essen und entfernte sich. Der

englische Oberst ~Dickson~ aber, welcher die Truppen kommandierte, ließ

den Winnebago rufen, der die Sache angeregt, machte ihm Vorwürfe und

schickte ihn aus dem Lager fort.[267]

Furchtbare Rachsucht, die über das Leben hinaus den Feind noch

verfolgen will, war der wesentlichste Beweggrund des Kannibalismus

der Rothäute und so sind denn unter ihnen darauf zielende Ausdrücke

wie „das Herz des Feindes verzehren“ oder „Feindesblut trinken“ sehr

verbreitet. Algonkiner und Irokesen sind ganz entschieden in diesem

Sinne Anthropophagen gewesen und die Mohawks, die zu den Irokesen

gehören, haben sogar ihren Namen davon, denn er lautet richtig

Mauquawog = Menschenfresser.[268] Nach Dr. ~Samuel Mitchills~ Berichten

waren die im Staate New-York einst lebenden Indianer Anthropophagen.

Die Ottawas kochten Suppe aus dem Fleische gefangener Irokesen. Unter

den Miamis bestand ein Ausschuß von sieben Kriegern, _whose business

it was to perform the maneating required by public authority_. Ihr

letztes Kannibalenfest, bei dem ein Weißer aus Kentucky verzehrt

wurde, fand gegen Ende des vorigen Jahrhunderts statt. Im Beginne

unseres Säculums lebten noch Mitglieder des Menschenfresserkomitees der

Miamis.[269]

Das mag genug sein, um festzustellen, daß die Indianer im Osten der

Felsengebirge in geschichtlicher Zeit und bis auf unsere Tage herab

nicht frei zu sprechen sind von Kannibalismus, wenn auch hervorgehoben

werden muß, daß derselbe nur in geringem Umfange sich zeigt. Es hindert

uns aber nichts anzunehmen, daß die Anthropophagie einst weit häufiger

war, worauf auch die Spuren prähistorischen Kannibalismus hindeuten.

Diese zuerst nachgewiesen zu haben ist das Verdienst des Prof.

~Jefries Wyman~, welcher die uralten Muschelhügel am St. Johns River

im östlichen Florida untersuchte und dabei zahlreiche Menschenknochen

fand, die keineswegs, nach ihrer zerstreuten Lage zu schließen, von

Begräbnissen herrühren konnten. Fast alle waren zerbrochen und oft

fehlten wichtige Teile des Skelettes. Die Art und Weise, wie das

Zerbrechen stattgefunden hatte, entsprach jener der Tierknochen, die

in den Küchenabfallen (als welche die Muschelhügel zu gelten haben)

vorkommen; die Knochen von Hirschen und Alligatoren waren wie die

Menschenknochen behandelt und überall zeigte sich Methode, welche das

Zerbrechen der Knochen etwa durch Tiere ausschloß. Wie in ähnlichen

Fällen in Europa schließt ~Wyman~ aus dieser Art der Knochenbehandlung

auf Kannibalismus der alten Bewohner von Florida, welche ihre

Küchenabfälle in den Muschelhügeln hinterließen.[270]

+Nordamerikas Westküste.+ Kannibalismus ist auch bei den kalifornischen

Indianern bekannt gewesen. Noch existieren unter ihnen Sagen von

Menschenfressern und die das Land erobernden Spanier erzählten, daß die

Wappo (oder Ash-o-chi-mi) in den heißen Quellen des Calistoga-Thales

einst Menschenfleisch kochten, daher der frühere spanische Name Carne

Humana für diese Quellen.[271]

In Nordwestamerika ist die Vancouverinsel, das Küstengebiet von

Britisch-Columbia mit seinen Fjorden, sowie das benachbarte Inselgewirr

der Sitz einer ganz eigentümlichen Art von Anthropophagie, die hier

mit sozialen Rangstufen und einer Art von Kultus verknüpft ist. Dort

wohnen die in ethnologischer Beziehung sehr ausgezeichneten Quakult,

Tschimsian und Bella Coola-Indianer, über die wir Kapitän ~Jacobsen~

eingehende Nachrichten verdanken. Der letztere Stamm ist von ihm 1885,

vertreten durch neun Individuen, in verschiedenen deutschen Städten

gezeigt worden und es hat sich herausgestellt, daß die Art der von ihm

betriebenen Anthropophagie identisch ist mit derjenigen, welche die

Quakult auf Nordvancouver üben, die ~Jacobsen~ ausführlich geschildert

hat.[272]

Die Anthropophagie · 第 9 / 11 段