Förmlich in ein System gebracht ist die Rachsucht bei einigen Völkern,

welche das Menschenfressen als integrierenden Teil ihrer Gesetzgebung

betrachten. Die höchste Strafe, welche man einem Feinde, einem

Verbrecher angedeihen lassen kann, besteht darin, daß man ihn auffrißt.

Als einziges Beispiel hierfür wurden nach ~Junghuhn~s Eröffnungen die

Battas auf Sumatra angeführt, wir haben indessen oben die Belegstellen

beigebracht, daß auch noch einige andere Völker die Anthropophagie

unter demselben Gesichtspunkte betrachten: die Kissama in Westafrika

nach ~Hamilton~ und die Neu-Caledonier nach ~Garnier~.

Am scheußlichsten erscheint uns die Anthropophagie aber entschieden da,

wo alles Gefühl so abgestumpft ist, daß sie zur reinen Leckerei wird,

oder wenn man das Fleisch des Menschen genau so verzehrt, wie jedes

beliebige andere Fleisch. Wenn -- wie übereinstimmend verschiedene

glaubwürdige Beobachter berichten -- die Fan am Gabon und die Obotschi

am Niger fremde Leichen ausgraben und fressen, so finden wir dafür

keine Beschönigung. Das Menschenfleisch wird dann Ware, wie bei uns

im Fleischerladen; ~Hutchinson~ sah es am Altkalabar in Körben auf

dem Markte zum Verkauf ausgestellt; ~A. Vespucci~ und ~Pigafetta~

schildern, wie es bei den Tupivölkern geräuchert aufbewahrt wird;

Monbuttu, Abanga und Niam-Niam, Neu-Caledonier und Fidschi-Insulaner

sind auch in diese Kategorie der Erzkannibalen einzureihen, mögen

immerhin auch noch andere Motive bei ihnen mit unterlaufen. Am

empörendsten aber erscheint uns das Auffressen der eigenen Kinder,

wie es bei den Neu-Caledoniern nach ~Garnier~, bei den Niam-Niam

nach ~Schweinfurth~, den Australiern nach ~Angas~, ~Stanbridge~

u. a. vorkommt und mit dem sonst anderwärts häufigen Kindermord nicht

verwechselt werden darf.

Noch ist hervorzuheben, daß bei einigen Völkern die Anthropophagie

sich als ein Vorrecht gewisser Klassen zeigt. Bei den Potawatomis

war sie nach ~Keating~ das Privilegium einer eigenen Bruderschaft,

die mit besonderen Heldentugenden ausgestattet erscheint; auf den

Salomonen erhielt der Häuptling als den ihm zukommenden Teil die in

ein Bananenblatt gewickelte Scham, auf Tahiti reichte man ein Auge

des Opfers dem Könige, welcher so that, als ob er es verschlinge, und

gleiches wird von den hawaiischen Inseln berichtet. Letztere beide

Fälle sind noch als Überreste des ehemals herrschenden Kannibalismus

zu deuten, der in Dahomeh, wo der König den Finger in das Blut der

Schlachtopfer taucht und ableckt, in Aschanti, wo noch Fetischmänner

die Herzen fressen, auf den Samoa- und Tonga-Inseln überhaupt nur

noch rudimentär vorhanden ist und wo wir, in Ermangelung anderer

Nachrichten, hieraus, sowie aus verschiedenen anderen Anzeichen, auf

die ehemalige Ausdehnung des Kannibalismus schließen müssen.

Zeigen viele Völker scham- und scheulos ihre Anthropophagie,

so fehlt es bei anderen keineswegs an Anzeichen, daß sie sich

derselben schämen und damit, so will es uns scheinen, ist auch der

Anfang zu einem Aufgeben des entsetzlichen Brauches gemacht. Die

Kannibalenschmäuse werden oft geheim gehalten und ~Livingstone~

konnte unter keiner Bedingung zu einem solchen Banket der Manjuema

Zutritt erhalten. ~Griffon du Bellay~ giebt an, die Fan hielten ihre

Menschenfleischmahlzeiten geheim und schlössen die Kinder dabei aus:

das letztere war auch auf den Markesas der Fall, wo ebenfalls die

Weiber sich nicht bei der Sache beteiligen durften, was überhaupt

mehrfach Brauch war. Die Maoris ließen nur ausnahmsweise Frauen dabei

zu.

Erfreulich ist es nun zu sehen, wie mehr und mehr die Anthropophagie

an Boden verliert und wie selbst in der kurzen Spanne geschichtlicher

Zeit, die seit der großen Periode der Entdeckungen verflossen ist, in

einem sehr bedeutenden Raume der Kannibalismus bereits verschwand.

Nicht immer war es die Einwirkung weißer Ansiedler oder der Eifer der

Glaubensboten, welche die Ausrottung des Übels bewirkten; auch von

selbst, ohne fremde Dazwischenkunft sind Völker zum Aufgeben ihrer

kannibalischen Gewohnheiten gelangt. Bei vielen Polynesiern -- wo heute

noch durch Anklänge sich das ehemalige Vorhandensein der Anthropophagie

konstatieren läßt -- war sie verschwunden oder im Erlöschen, als

weiße Menschen zuerst ihre Inseln betraten, so auf Tahatii, Hawaii,

den Schifferinseln, in Mikronesien. Sicherlich waren die Bewohner des

malayischen Archipels einst allgemein Anthropophagen; heute suchen wir

dort nur mühsam die Anklänge an diese Unsitte, sowie die Überreste

derselben zusammen. Freilich verschwand an manchen Stellen auch die

Anthropophagie mit dem Volke selbst und da, wo vor nur hundert Jahren

im Gebiete der großen nordamerikanischen Seen noch anthropophage

Rothäute der Jagd oblagen und rachsüchtig den an den Kriegspfahl

gebundenen Feind zerstückelten und verzehrten, da breitet sich nun,

mächtig das Land überflutend, die angelsächsische Rasse aus. Auf

Anahuacs Hochebene, wo der Weltseele blutige Menschenopfer, verbunden

mit kannibalischen Schmausereien, dargebracht wurden, lebt freilich

noch heute dasselbe Indianervolk, das jedoch mit seiner Sprache auch

die alten Sitten und die Anthropophagie aufgab und einbezogen ist in

den Kreis unserer Civilisation.

An Verteidigern der Anthropophagie hat es nicht gefehlt. ~Zeno~,

~Diogenes~, ~Chrysippus~ und ~Montaigne~ entschuldigten sie aus

moralischen Gründen[280] und auch unser ~Georg Forster~ glaubt ein

beschönigendes Wort für sie einlegen zu müssen: „So sehr es auch

unserer Erziehung zuwider sein mag,“ sagt er, „so ist es doch an und

für sich weder unnatürlich noch strafbar, Menschenfleisch zu essen.

Nur um deswillen ist es zu verbannen, weil die geselligen Empfindungen

der Menschenliebe und des Mitleids so leicht dabei verloren gehen

können. Da nun aber ohne diese keine menschliche Gesellschaft bestehen

kann, so hat der erste Schritt zur Kultur bei allen Völkern +dieser+

sein müssen, daß man dem Menschenfressen entsagt und Abscheu dafür zu

erregen versucht hat.“[281]

[276] ~W. Powell~, Unter den Kannibalen von Neu-Britannien. Leipzig

1884. 220.

[277] ~Wallace~, Amazon and Rio Negro. London 1853. 498.

[278] Allgemeine Ethnographie. 315.

[279] In Parallele dazu steht der bei Naturvölkern weit verbreitete

Wahn, daß gewisse Tiere oder Pflanzen durch Verspeisen

besondere Eigenschaften verleihen. Ich könnte Dutzende von

Beispielen anführen, erwähne aber nur die Zaparos am Napo

in Südamerika, welche mit Vorliebe Fische, Affen und Vögel

verspeisen, „um flink und gewandt zu werden“. Sie verschmähen

aber das Fleisch schwerfälliger Tiere, wie Tapir und Peccari,

„damit sie nicht plump wie diese werden“. Denn solche

Eigenschaft ist störend für ein Urwaldjägervolk (Journal

Anthropol. Institut. VII. 503).

[280] ~Winwood Reade.~ Savage Africa. 158.

[281] Sämtliche Schriften. Leipzig 1843. I. 407.

·Verlag von VEIT & COMP. in Leipzig.·

=du Bois-Reymond, Emil, Reden.= Zwei Bände. (Erste und zweite Folge.)

gr. 8. 1886/87. geh. 17 _M_; eleg. geb. 21 _M_.

Jeder Band ist einzeln käuflich.

Erste Folge.

_Litteratur, Philosophie, Zeitgeschichte._

gr. 8. 1886. geh. 8 _M_; eleg. geb. 10 _M_.

+Inhalt+: Voltaire als Naturforscher. -- Leibnizische Gedanken in der

neueren Naturwissenschaft. -- Aus den Tagen des norddeutschen Bundes.

-- Der deutsche Krieg. -- Das Kaiserreich und der Friede. -- Ueber

die Grenzen des Naturerkennens. -- Ueber eine kaiserliche Akademie

der deutschen Sprache. -- La Mettrie. -- Darwin versus Galiani. --

Culturgeschichte und Naturwissenschaft. -- Ueber das Nationalgefühl.

-- Friedrich II. und Rousseau. -- Die sieben Welträthsel. -- Friedrich

II. in englischen Urtheilen. -- Die Humboldtdenkmäler vor der Berliner

Universität. -- Diderot.

Zweite Folge.

_Biographie, Wissenschaft, Ansprachen._

gr. 8. 1887. geh. 9 _M_; eleg. geb. 11 _M_.

+Inhalt+: Ueber die Lebenskraft. -- Ueber thierische Bewegung.

-- Gedächtnissrede auf Paul Erman. -- Eduard Hallmann’s

Leben. -- Ueber lebend nach Berlin gebrachte Zitterwelse aus

Westafrika. -- Gedächtnissrede auf Johannes Müller. -- Ueber

Universitätseinrichtungen. -- Ueber Geschichte der Wissenschaft. --

Der physiologische Unterricht sonst und jetzt. -- ‚Aus den Llanos‘.

-- Ueber die Uebung. -- Ueber die wissenschaftlichen Zustände der

Gegenwart. -- Die Britische Naturforscherversammlung zu Southampton

im Jahre 1882. -- Darwin und Kopernicus. -- Die Berliner Französische

Colonie in der Akademie der Wissenschaften. -- Akademische Ansprachen.

=Hoernes=, Dr. =Rudolf=, o. ö. Professor an der Universität Graz,

=Elemente der Palaeontologie= (Palaeozoologie). Mit 672 Figuren in

Holzschnitt. gr. 8. 1884. geh.

16 _M_.

=Kollmann=, Dr. =J.=, o. ö. Professor der Anatomie zu Basel,

=Plastische Anatomie des menschlichen Körpers=. Ein Handbuch für

Künstler und Kunstfreunde. Mit zahlreichen Abbildungen im Text.

Roy.-8. 1886. geh.

14 _M_.

=Fuchs, Dr. Max, Die geographische Verbreitung des Kaffeebaumes.=

Eine pflanzengeographische Studie, gr. 8. 1886. geh.

1 _M_ 80 _Pf_

=Hahn, Dr. P. G.=, Professor der Erdkunde an der Universität

Königsberg, =Insel-Studien=. Versuch einer auf orographische und

geologische Verhältnisse gegründeten Eintheilung der Inseln. Mit

einer Karte in Farbendruck. gr. 8. 1883. geh.

7 _M_ 20 _Pf_

=Hartmann, Dr. Robert=, Professor an der Universität Berlin, =Der

Gorilla=. Mit 13 in den Text eingedruckten Holzschnitten und 21

Tafeln. 4. 1880. geh.

30 _M_

=Hirschberg, Dr. J.=, Professor der Augenheilkunde zu Berlin, =Eine

Woche in Tunis=. Tagebuchblätter, gr. 8. 1885. geh.

2 _M_

=Der Periplus des Erythräischen Meeres= von einem Unbekannten.

Griechisch und deutsch mit kritischen und erklärenden Anmerkungen

nebst vollständigem Wörterverzeichniss von =B. Fabricius=. gr. 8.

1883. geh.

6 _M_

Im Periplus schildert ein ägyptischer Kaufmann seine im

letzten Drittel des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung

unternommenen Fahrten an der Westseite des roten Meeres mit der

sich anschließenden Ostküste Afrika’s und an der Ostküste des

roten Meeres hin bis nach Indien, um Vorderindien herum, an Ceylon

vorüber bis an die Mündung des Ganges. Zum ersten Male werden diese

für die Kulturgeschichte so wichtigen Aufzeichnungen in deutscher

Übersetzung mit ausführlichem Kommentar veröffentlicht.

=Ploss, Dr. H. H., Ueber die Lage und Stellung der Frau während der

Geburt bei verschiedenen Völkern.= Eine anthropologische Studie. Mit

6 Holzschnitten, gr. 8. 1872. geh.

1 _M_ 50 _Pf_

---- =Zur Geschichte, Verbreitung und Methode der

Frucht-Abtreibung.= Culturgeschichtlich-medicinische Skizze. gr.

8. 1883. geh.

1 _M_ 40 _Pf_

=Richthofen, Ferd.= Freiherr von, Professor der Erdkunde an der

Universität Leipzig, =Aufgaben und Methoden der heutigen Geographie=.

Akademische Antrittsrede gehalten in der Aula der Universität Leipzig

am 27. April 1883. gr. 8. 1883. geh.

1 _M_ 80 _Pf_

=Sachs, Carl, Aus den Llanos.= Schilderung einer

naturwissenschaftlichen Reise nach Venezuela. Mit Abbildungen im Text

und einem Titelbilde. gr. 8. 1879. geh.

9 _M_

Das Werk des in den Tiroler Alpen verunglückten hoffnungsvollen

jungen Gelehrten ist eine der besten Erscheinungen auf dem Gebiete

der neueren Reisebeschreibung. Es schildert in lebendiger und

anziehender Weise die Erlebnisse und Eindrücke des Verfassers auf

einer im Auftrage der Berliner Akademie der Wissenschaften auf

Kosten der Humboldtstiftung in den Jahren 1876-1877 ausgeführten

Reise nach Venezuela.

=Supan, Prof.= Dr. A., Herausgeber von Petermann’s Mittheilungen,

=Grundzüge der physischen Erdkunde=. Mit 139 Abbildungen im Text und

20 Karten in Farbendruck. gr. 8. 1884. geh.

10 _M_

Druck von +Metzger & Wittig+ in Leipzig.

Die Anthropophagie · 第 11 / 11 段