verzehrt. Sobald das Herz dem Gotte und das Blut den Tempelpriestern
verteilt war, warf man den Kadaver auf die Stufen des Gebäudes. Hier
wurde er von Priestern zerstückelt und unter die Anwesenden verteilt;
war viel Menschenfleisch vorhanden, so wurden die nicht gleich zur
Verwendung gelangenden Überreste eingesalzen oder getrocknet, wie
~Bernal Diaz~ wiederholt versichert.
Bei den Mexikanern war es außerdem ein Zeichen des Sieges, wenn sie
ihren toten Feind verzehrten. Zu den Spaniern sagten sie: „bald
werden wir euch verschmausen“. Aber außerdem war das Verzehren von
Menschenfleisch bei ihnen auch Sache der Leckerei, denn bei großen
Tafeln durfte es nicht fehlen. ~Bernal Diaz~ erwähnt auch die Käfige
aus Holz, in welchem die zur Opferung bestimmten Sklaven eingeschlossen
waren; man nährte sie gut, damit sie der Tafel ihres Herrn keine
Schande machten. Dieser selbst, der die Sklaven gewissermaßen als
seine Kinder betrachtete, aß jedoch nicht von ihrem Fleisch, das seine
Freunde verzehrten. Hervorzuheben ist, daß die Mexikaner nur von dem
Fleische rituell Geopferter aßen -- kein anderes Menschenfleisch,
abgesehen von demjenigen der im Kriege erschlagenen Feinde. Bei der
Belagerung Mexikos durch ~Cortez~ herrschte die größte Hungersnot,
die zum Verzehren der Baumwurzeln zwang, aber die zahlreichen Leichen
in der Stadt blieben von den Belagerten unberührt. Damit stimmt denn
allerdings nicht, wenn ~Sandoval~ auf seinem Zuge gegen die Otomi fand,
daß deren Krieger „Mais und gebratene Kinder als Proviant mit sich
führten“.[215]
Die Anthropophagie verbreitete sich in Mexiko auch über die Nebenstämme
des Landes aus, in einer Form, welche religiösen Beigeschmack hat. Nach
~Mendieta~ töteten nämlich die in der Gegend des heutigen Veracruz
wohnenden Totonaken alle drei Jahr einige Kinder, deren Herzblut mit
Ullisaft (von Cassidea elastica) und gewissen Kräutern zu einem Teig
gemischt wurde, der für heilig galt und Toyolliaytlaqual hieß. Diese
Speise mußten alle sechs Monate die Männer, welche über 25, die Frauen,
welche über 16 Jahre alt waren, genießen. Welchen Zweck damit die
Totonaken verbanden, giebt ~Mendieta~ nicht an.[216]
Man darf +Yukatan+ nicht ausschließen, wenn von der Anthropophagie
im Kreise altamerikanischer Kulturvölker die Rede ist. ~Waldeck~
vernahm zu Merida aus glaubwürdiger Quelle, daß zu Ende des vorigen
Jahrhunderts dort noch Kannibalismus vorgekommen sei; er berichtet
Einzelheiten, läßt uns aber über die Beweggründe im Unklaren. Derselbe
Reisende fragte weshalb die Lancadones und Cholos eine große Affenart
verzehrten und erhielt von einem Indianer die Antwort: seit durch die
Spanier das Menschenessen verhindert worden sei, hätten ihre Vorfahren
„die kleinen Waldmenschen“ angegriffen und verzehrt.[217] Auch die
Mittelamerikaner haben dereinst sich anthropophagen Genüssen ergeben.
+Centralamerika.+ Im September des Jahres 1528 hielt, wie ~Oviedo~ uns
berichtet, der Fray ~Francisco de Bobadilla~, ein großes Examen mit
den Indianern Nicaraguas ab, um die Natur ihrer Religion zu ergründen.
Es waren Leute vom Stamme der Niquirans, wahrscheinlich mexikanischen
Ursprungs, die ihm die vorgelegten Fragen beantworteten. Quiateot war
der Regengott und auf des Priesters Frage, wie er veranlaßt würde,
daß es regne, antworteten die Indianer: „Wir gehen in seinen Tempel
und opfern ihm einige junge Kinder. Nachdem wir diesen die Köpfe
abgeschnitten haben, besprengen wir mit deren Blut die Bildnisse und
Steinidole in dem Hause der Götter, das in unsrer Sprache Teobat
heißt.“ Frage des Priesters: „Was beginnt ihr mit den Körpern der
Geopferten?“ -- Antwort der Indianer: „Diejenigen der Kinder begraben
wir; die der Männer werden von den Kaziken und Häuptlingen verzehrt,
doch nicht von dem übrigen Volke.“ Hiernach wurden also auch Männer
geopfert, die in der ersten Antwort nicht erwähnt sind. Die Weiber
waren von allen Dingen, welche die Tempel anging, ausgeschlossen und
doch wurden auch ihre Körper in den Tempeln geopfert, indessen die
Abschlachtung erfolgte im Vorhofe. Das Fleisch der Weiber wurde aber
niemals angerührt, da sie in religiösen Dingen für unrein galten.
Schlachtopfer waren aber nur Sklaven und Kriegsgefangene.[218]
+Peru.+ Wenn wir ~Antonio de Herrera~ Glauben schenken dürfen, so
wurde der Kannibalismus auch von den Eingebornen am Cauca, im heutigen
Columbia, in einer schauderhaften Weise ausgeübt; der Bericht ist
jedenfalls übertrieben, wie ~Herrera~ denn gern in seinem Werke über
Westindien Märchen einfließen läßt. Er sagt nämlich[219]: „Das Volk
des Landes ist so fleischermäßig, daß die Lebendigen das Grab der
Toten sind; denn es ist gesehen worden, daß der Mann sein Weib ißt,
der Bruder den Bruder oder die Schwester, der Sohn den Vater, und wenn
sie einen Gefangenen gemästet haben, so holen sie ihn an dem Tage,
an dem er gefressen werden soll, mit mancherlei Gesängen herbei, und
der Herrscher befiehlt, daß ein Indianer ihm jedes Glied abschneiden
muß, und so fressen sie ihn bei lebendigem Leibe. Nach der Aussage der
Einwohner von Arma haben sie mehr als achttausend Indianer verzehrt,
und einige Spanier haben diese Qual auch ausgestanden.“
Wir erwähnen diese Erzählung des ~Herrera~ nur, weil sie uns geeignet
erscheint, den Übergang zu der Anthropophagie der Inkaperuaner zu
machen. Denn sowie bei dem hochstehenden Volke auf der Hochebene von
Anahuac Menschenopfer und Kannibalismus herrschten, so kamen sie auch
in Peru vor. ~Garcilasso de la Vega~ entwirft ein abschreckendes Bild
von der Wildheit der ältesten Urbewohner Perus vor dem Auftreten der
Inkas, indem er die Opferfeste beschreibt, bei denen Menschen zu Tode
gemartert und gefressen wurden. Selbst unter den Inkas hatten die
Peruaner diese blutige Sitte noch, obgleich dieses traurige Erbteil
einer barbarischen Vorzeit unter einer humaneren Regierung schon
vor der Ankunft der Europäer mehr und mehr in Vergessenheit geraten
war.[220]
+Gebiet des Amazonas.+ Auf den Antillen (abgesehen von rückfälligen
Negern), in Mexiko, im Gebiete der Cordilleren ist unzweifelhaft heute
die Anthropophagie erloschen. Dagegen ist sie, was man mit Unrecht
bezweifelt hat, noch weit in den Tiefebenen Südamerikas, zumal bei den
umherstreifenden Horden im Gebiete des Amazonas und seiner Nebenflüsse
vertreten. Zu den Zweiflern gehört in erster Linie der verdiente
~Eduard Pöppig~, welcher von den am Ostabhange der Anden lebenden
Indianervölkern bemerkt: „Der ungewöhnliche Grad von Bildungsfähigkeit
der meisten den Anden näher lebenden Stämme wird wohl am besten durch
die Thatsache bewiesen, daß vor kaum 150 Jahren noch unter ihnen
Gewohnheiten herrschten, die sie der Anthropophagie dringend verdächtig
machten. Wenn man mit allem Ernste annimmt, daß dergleichen Völker
die niedrigsten und wildesten sind, so ist es um so mehr Beweis ihrer
guten Anlagen, wenn die Zucht der Europäer sie in ungewöhnlich kurzer
Zeit von ihren Lastern zu entwöhnen und bis zu einem unverhältnismäßig
hohen Grade zu civilisieren vermag“.[221] Andere, wie ~Azara~,
haben die Anthropophagie der Südamerikaner ganz ableugnen, und
alles darüber gesagte den sensationsbedürftigen Übertreibungen der
Eroberer und Missionare zuschreiben wollen.[222] Die Thatsachen
indessen beweisen, daß noch heute im östlichen Peru Menschenfresser
wohnen, und daß mit Nichten anthropophage Völker zu den „wildesten
und niedrigsten“ gehören. Im Gegenteil, wenn auch nicht immer, nehmen
gerade diese sehr häufig eine höhere Stufe als ihre Nachbarn ein,
die der Menschenfresserei nicht ergeben sind. Unter den neueren ist
es ~Woldemar Schultz~, welcher, mit philanthropischem Blicke auf die
südamerikanischen Indianer schauend, deren Anthropophagie in der
Gegenwart in Abrede zu stellen versucht.[223]
Diesem gegenüber haben wir festzustellen, daß bei den auf
tiefer Gesittungsstufe stehenden Jagd- und Fischernomaden des
südamerikanischen Kontinentes, zumal bei den schwachen Horden, die
verborgen in den Urwäldern am Amazonas und seinen Nebenströmen hausen,
die Anthropophagie noch jetzt eine sehr verbreitete ist. Bei der
atomistischen Zersplitterung dieser Völkerschaften kann nicht die
Rede davon sein, alle einzeln in ihrer Beziehung zur Anthropophagie
hier aufzuführen, doch genügt wohl eine Anzahl aus der Menge
hervorgegriffener Beispiele. ~Karl Friedrich Philipp von Martius~
hat uns bewiesen, daß die physiologische Entschuldigung für die
Anthropophagie bei den südamerikanischen Indianern in Wegfall kommt.
„Nur selten, sagt er, verfällt der Mensch in diesen fruchtbaren und
fischreichen Gegenden einem Hunger, der ihn zwänge, auf seines gleichen
wie auf ein zahmes Wild Jagd zu machen. Die weibliche Bevölkerung
ist mit so instinktivem Fleiße dem Anbau von Nährpflanzen und der
Mehlbereitung ergeben, daß es nicht leicht zu jener Extremität des
Hungers kommt. Aber außer allen übrigen Veranlassungen zu Streit und
Krieg zwischen den Söhnen des Waldes, reizt ihn die Aussicht seine
Gefangenen vorteilhaft zu verkaufen, zu fortwährenden Kämpfen und
ein bei dieser Veranlassung getöteter Widersacher wird als Edelwild,
das sich zur Wehre gesetzt hat, wie im Triumph verspeist. Es ist
also weder dringender Hunger noch Nationalhaß, sondern Berechnung
einer seltenen, leckeren, den rohen Stolz befriedigenden Mahlzeit, in
gewissen Fällen vielleicht auch Blutrache und Aberglauben, was diesen
Wilden zum Kannibalen macht. In der Kette ungünstiger Verhältnisse,
welche ihn in seiner Entmenschung erhalten, ist die Anthropophagie
eines der mächtigsten Glieder. Von allen tierischen Zügen in der
sittlichen Physiognomie des Menschen ist sie der tierischste und
obgleich sie ehemals vielleicht bei allen Völkerschaften Brasiliens im
Schwange ging, ist sie doch gegenwärtig bei den meisten verabscheut.
Die europäische Kultur kann sich rühmen erfolgreich gegen diese
entmenschte Sitte angekämpft zu haben“.[224]
Die Kaschibos am Ucayale, denen wir uns zuerst zuwenden, haben
wahrlich keinen Mangel an Wild, und der Fluß liefert ihnen Fische und
Schildkröten in Menge, dessenungeachtet sind sie Kannibalen. Allerdings
sind die Nachrichten darüber nicht immer bestimmt. _The Cashibos
are said to be cannibals_ meint ~Herndon~[225], während Professor
~Raimondi~ angiebt, daß sie nur ihre Alten aus religiösen Gründen
verzehren.[226] ~J. J. v. Tschudi~ dagegen behauptet, daß sie Kriege
führten, um sich Gefangene zum Verzehren zu verschaffen. Auch Leute des
eigenen Stammes verzehren sie, dagegen niemals Weiber, wie 1842 die
Missionare von Ocopa aussagten, nicht etwa aus Rücksicht und Schonung,
sondern weil sie die Weiber für etwas untergeordnetes und ihr Fleisch
für giftig halten.[227]
Am Cosiabatay, einem Nebenflüßchen des Ucayale, fand ~Marcoy~ einen
gekreuzigten Kaschibo-Indianer, die Schetibos hatten ihn hier lebendig
ans Kreuz geschlagen. _C’etait une vieille coutume des Schetibos
de tuer tout Cachibo qu’ils rencontraient, et cela pour punir la
nation dans l’individu, de son goût décidé pour la chair humaine._
~Marcoy~ bildet die ekelhafte Scene, wie die Aasgeier den Gekreuzigten
zerfleischen, auch ab.[228]
Diese Kaschibos (Carapuchos, Callisecas, Fledermausindianer) reichen
vom Pachitea bis zum Aguaita (linkes Ucayaleufer) und sind, wie Dr.
~Abendroth~, der sich unter ihnen aufhielt, versichert, gegenwärtig
die einzigen Anthropophagen in Peru.[229] Noch 1865 wurden die
peruanischen Offiziere Juan Tavara und Alberto West am Ucayale von den
Kaschibos ermordet und gefressen, und als 1866 die ersten Dampfer vom
Amazonas aus in den Ucayale einfahrend bis zu diesen wilden Indianern
kamen, wurden sie von ihnen angefallen. In einem Gefechte kamen 25
Kaschibos um, die auch nach dem Berichte dieser Dampferexpedition
„unzweifelhaft Kannibalen“ sind. Über die Motive des Kannibalismus bei
den Kaschibos bleiben wir im Unklaren.
Kannibalischen Gewohnheiten ergeben sind, wie ~Martius~ bezeugt, die
Miranhas und nach ~Marcoy~s Berichten die ihnen benachbarten Mesayas.
Beide Völker, noch verhältnismäßig zahlreich, haben der Civilisation
und den Seuchen Stand gehalten, beide leben in arger Feindschaft
miteinander und verzehren gegenseitig ihre Gefangenen aus Rachsucht.
Sie leben am Japure und an dessen Mündung in den Amazonenstrom sowie an
letzterem selbst.
Die Mesayas gehören zu dem weit verbreiteten Stamme der Umaüas und
sollen nach ~Marcoy~ noch tausend bis zwölfhundert Köpfe zählen.
Ihre Ältesten erzählen den Ursprung der Anthropophagie bei ihnen
folgendermaßen: Vor langer Zeit, als die Tiere noch sprechen konnten,
trieb sich eine Horde Miranhas am Japure umher und fand dort einen auf
dem Sande schlafenden Umaüa. Diesen schlugen die Miranhas, welche sehr
hungrig waren, tot und fraßen ihn auf. Die Umaüas erhielten Kunde von
diesem Vorgange durch einen Vogel, den Surucua; sie begannen von nun
an einen Rachekrieg gegen die Miranhas, und wer von diesen in ihre
Gewalt geriet, wurde aus Rache und Wiedervergeltung aufgefressen.
Dabei ging oder geht man mit ausgesuchtem Raffinement zu Werke. Der
Gefangene wurde im Dorfe der Mesayas streng überwacht, aber nicht etwa
eingesperrt. Man gab ihm eine Frau, die ihn recht gut und vollauf
füttern mußte, damit er wohlbeleibt werde. Nach etwa einem Vierteljahre
führte man ihn Abends bei Vollmond in den Wald; dort mußte er selber
das Holz sammeln, mit welchem er gebraten werden sollte. Wenn er mit
seiner Last im Dorfe angekommen war und dieselbe niedergelegt hatte,
bezeichneten die Krieger, die ihn bisher bewachten, mit rotem Oker jene
Körperteile, die sie am andern Tage verspeisen wollten, und nachher
wurde bei Mondschein ein Tanz aufgeführt, an welchem der Gefangene
teilnahm. Inzwischen brachten die Frauen das zum Schmause notwendige
Geschirr herbei, und nach Mitternacht mußte der Miranha in seine Hütte
gehen. Am nächsten Morgen wurde der Gefangene gerufen; sobald er
aus der Hütte trat, erhielt er sofort mehrere Keulenschläge auf die
Schläfe und sank leblos nieder. Dann schnitt man ihm den Kopf ab, der
auf eine Lanze gesteckt und im Dorfe umhergetragen wurde; den Körper
schleppte man zu den Kochkesseln, wo er zerlegt wurde; auch die Knochen
wurden entzwei geschlagen, damit man das Mark genießen könne. Von dem
Schlachtopfer durfte nichts übrig bleiben als der mit Farbe bemalte
Kopf, der in der Hütte des tapfersten Kriegers als Trophäe aufbewahrt
wurde. Aber was geschah unmittelbar nach dem Schmause? Alle Mesayas
waren bemüht, das genossene Menschenfleisch so rasch wie möglich wieder
von sich zu geben; sie ekelten sich selber vor der abscheulichen
Speise, und damit ist der Beweis geliefert, daß sie dieselbe nicht aus
Gier nach Menschenfleisch verzehrt hatten, sondern lediglich der Rache
und der Wiedervergeltung wegen. Der letzte Kannibalenschmaus soll nach
~Marcoy~ im Jahre 1846 stattgefunden haben.[230]
Was die Miranhas betrifft, so herrscht seit langer Zeit in ihrem Lande
Hungersnot. Zu Ackerbauern haben sie sich nie emporgeschwungen, sie
sind Jäger und Fischer. Seit langem nun giebt es in ihrem Gebiete
am rechten Japureufer, wie ~Marcoy~ erzählt, weder Tapire noch
Peccaris mehr, weder Affen noch große Nagetiere, selbst der Jaguar
kommt nicht mehr vor, und da wird es begreiflich, wenn den Miranhas
nachgesagt wird, sie fräßen ihre Kranken und Alten. Der Grund aber,
weshalb sie ihr armseliges Gebiet nicht verlassen, ist die Feindschaft
der angrenzenden Stämme, die jeden Miranha niedermachen, der sich
bei ihnen blicken läßt.[231] Nachbarn der Miranhas waren die jetzt
untergegangenen Yamas. Diese zerbrachen die Knochen ihrer Todten, um
das Mark auszusaugen, und sie thaten dieses, weil sie meinten, im Marke
stecke die Seele des Verstorbenen, und diese gehe in den Menschen über,
welcher das Mark verzehrt.[232]
Am Madeira sind die wilden, in den Wäldern hausenden, von allem
europäischen Einflüsse noch völlig unberührten Parentintins bei Crato
unzweifelhaft Kannibalen, die einen brasilianischen Seringueiro
(Kautschuksammler) bei Crato überfielen und auf einer Sandbank brieten
und verzehrten, wobei sie von den Verfolgern überrascht wurden.
Desgleichen gelten die Araras für Anthropophagen und beide Stämme
sind Ursache, daß die Seringueiros nicht in die ausgedehnten, reichen
Kautschukwälder der Nebenflüsse des Madeira vorzudringen wagen.[233]
Am Uaupés sind die Cobeus echte Kannibalen; sie verzehren die Leichen
der im Kriege erschlagenen Feinde, ja sie führen Kriege zu dem
ausgesprochenen Zwecke sich Menschenfleisch zu verschaffen. Haben sie
mehr davon, als sie auf einmal verzehren können, so räuchern sie den
Rest über Feuer und bewahren ihn lange auf.[234]
Die Indianer am Putumajo -- auf columbischem Gebiete im Territorium
von Caqueta -- haben im Jahre 1883, wie aus einem amtlichen Berichte
hervorgeht, einen jungen Columbianer Namens Portés erschlagen und
verzehrt. „Die Indianer sind in der That Kannibalen, essen aber nur
ihre Kriegsgefangenen, um Rache an denselben zu üben. Besondere
Vorliebe für Menschenfleisch ist nicht vorhanden.“[235]
Am Jauari sind die Majorunas noch jetzt Kannibalen, wofür ~Bates~ die
Beweise beibringt.[236]
Alle Tupivölker waren bei der Entdeckung Südamerikas Kannibalen und
so kann es nicht Wunder nehmen, wenn nun auch heute noch die zu
ihnen zählenden Stämme kannibalischen Sitten ergeben sind, so die
im Gebiete des Tapajoz wohnenden Apiacas, die zu den Centraltupis
gerechnet werden. Ihr Name stammt von dem Tupiworte Apiaba, Mensch
und ihre Sprache ist der herrschenden lingua geral so nahe verwandt,
daß über ihre ethnische Stellung keine Zweifel aufkommen. Wie ~de
Castelnau~ berichtet[237], töten sie im Kriege alle ihre Feinde,
gleichviel welchem Geschlechte dieselben angehören, um deren Leichname
dann zu braten und zu verzehren. Die Kinder der Feinde führen sie
aber mit in ihre Aldeas, um sie gleich ihren eigenen Kindern zu
behandeln und mit diesen zu erziehen. Wenn aber diese gefangenen
Kinder das Alter von 12 bis 14 Jahren erreicht haben, so dienen
sie zu einer Kannibalenmahlzeit, welche von dem ganzen Dorfe unter
großen Feierlichkeiten begangen wird. Mit Arafedern schön geschmückt
zieht die Bevölkerung auf, die Kriegstrompeten erklingen und die
unglücklichen Kinder werden in einem Kreis vor die tanzende Menge
geführt. Hinter den armen Geschöpfen stehen die Pflegeeltern, welche
sie aufgezogen und diese sind es auch, welche sie erschlagen. Während
der nächtliche Tanz fortdauert, werden die Leichen zerstückelt und
verzehrt. Auch junge Weiber hält man zuweilen jahrelang gefangen, ehe
sie geschlachtet und gefressen werden.
+Anthropophagie der Tupi zur Zeit der Entdeckung.+ Sowohl in dem
Berichte ~Marcoy~s über die Behandlung der zum Verzehren bestimmten
Gefangenen, als in dem, was ~de Castelnau~ über die Apiacas sagt,
erkennt man wesentliche Züge aus den eigentümlichen Gebräuchen wieder,
die von den ersten Entdeckern uns geschildert werden, als sie die
kannibalischen Gewohnheiten der Tupivölker kennen lernten.
~Amerigo Vespucci~, der 1501 die brasilianische Küste besuchte, bringt
in einem Briefe an ~Lorenzo Medici~ ausführliche Mitteilungen über
die Anthropophagie der Tupivölker, mit welchen er zusammentraf.[238]
Nachdem er über die Kämpfe der Eingeborenen untereinander gesprochen,
fährt er fort: „Wenn sie Sieger sind, schneiden sie die Besiegten
in Stücke, verzehren dieselben und versichern, daß es ein sehr
vortreffliches Gericht sei. Sie ernähren sich auch vom Menschenfleisch;
der Vater verzehrt den Sohn und der Sohn den Vater, je nach Umständen
und den Zufällen des Kampfes. Ich habe einen abscheulichen Menschen
gesehen, der sich rühmte, mehr als 300 Leute verzehrt zu haben. Ich
habe auch einen Ort gesehen, den ich etwa 27 Tage bewohnte und wo
Stücke gesalzenen Menschenfleischs an den Balken der Häuser hingen,
wie wir bei uns getrocknetes oder geräuchertes Schweinefleisch, Würste
oder andere Eßwaren aufhängen. Sie waren höchst erstaunt, daß wir nicht
gleich ihnen das Fleisch unserer Feinde verzehrten; sie sagten, daß
nichts vortrefflicher schmecke als dieses Fleisch und daß man nichts
saftigeres und delikateres haben könne.“
~Pigafetta~, welcher mit ~Magalhaes~ auf der ersten Weltumsegelung die
brasilianische Küste berührte und zwei Monate im Hafen Sta. Lucia
blieb, erzählt uns ein Geschichtchen[239] -- das den Ursprung der
Anthropophagie bei den Tupivölkern erklären soll. „Die Einwohner haben
den Gebrauch Menschenfleisch zu essen, üben aber diese Grausamkeit nur
gegen ihre Feinde aus, und sagen, diese Gewohnheit habe ihren Anfang
durch eine Frau genommen, deren einziger Sohn ermordet war. Als man
nachher verschiedene von den Thätern gefangen zu der Alten geführt,
wäre sie als ein wüthender Hund auf einen von ihnen gestürzt und hätte
ihm einen Teil der Schulter abgefressen. Dieser wäre nachher zu den
Seinigen entflohen und hätte ihnen seine Schulter gewiesen, worauf sie
alle angefangen, das Fleisch ihrer Feinde zu verzehren. Doch essen sie
solches nicht auf einmal, sondern schneiden es in Stücken und hängen es
in den Rauch, und einen Tag essen sie ein Stück gekocht, und den andern
gebraten, zum Andenken ihrer Feinde.“
Daß der Kannibalismus sich nach Süden zu bis an den la Plata
erstreckte, dafür haben wir abermals ~Pigafetta~s Zeugnis.[240] Unter
34½ Grad fanden die Weltumsegler einen großen Fluß von süßem Wasser
-- den la Plata -- und „gewisse Leute, die man Kannibalen nennt und
die Menschenfleisch essen. Unter anderen sahen wir einen derselben von
unserem Schiff, der so groß wie ein Riese war und eine Stimme hatte wie
ein Stier“. Der Name Kannibalen für Anthropophagen war also damals --
28 Jahre nach Entdeckung der Neuen Welt -- schon gang und gäbe.
Nehmen wir eine der alten Reisebeschreibungen, eines der zahlreichen
Flugblätter zur Hand, die im Beginn des 16. Jahrhunderts, kurz nach der
Entdeckung Brasiliens, erschienen und von dieser handeln, so finden wir
unfehlbar Berichte über die dort herrschende Menschenfresserei.
So zeigt ein um jene Zeit zu Nürnberg oder Augsburg gedrucktes Blatt
das Bild eines brasilianischen Indianers nebst Erläuterung, in der
es heißt: „Sy streiten auch miteinander. Sy essen auch einander
selbst die erschlagen werden und hencken dasselbig Fleisch in den
rauch.“[241] Keiner aber hat die Anthropophagie der Tupivölker besser
und eingehender geschildert als unser Landsmann ~Hans Staden~ aus
Homburg in Hessen, der als Abenteurer im Jahre 1547 beschloß, „Indien
zu besehen“ und zehn Monate lang Gefangener der Tupinamba im heutigen
Brasilien war, die er gründlich kennen lernte.[242]
Im 25. Kapitel des zweiten Teiles erläutert ~Hans Staden~ „warumb ein
Feind den andern esse“ und er giebt darauf die Antwort: „Sie thuen das
nicht aus Hunger, sondern nur aus großem Haß und Neid. Treffen sie im
Kriege aufeinander, so rufen sie einander zu, daß sie ihrer Freunde
Tod aneinander rächen, die Feinde erschlagen und verzehren wollen.“
~Staden~, der selbst nur durch ein Wunder dem Tode unter den Tupinamba
entrann, hat wiederholt den Kannibalenmahlzeiten beigewohnt, er spricht
als unverdächtiger Augenzeuge und schildert im 38. Kapitel des zweiten
Teils „mit was Ceremonien sie ihre Feinde tödten und essen“. Dort heißt
es: