Anthropophagie aufzufassen, so erhalten wir hierfür weitere Bestätigung
durch ein von Cook mitgeteiltes Märchen: In den Bergen der Insel lebten
vor Zeiten zwei Kannibalen, die großen Schaden verursachten. Zwei
Brüder machten sich auf, sie zu töten, luden sie ein und setzten ihnen
glühende in Brotfruchtteig gehüllte Steine vor. Der erste Kannibale
starb daran; der zweite aber, gewarnt durch das Zischen der heißen
Steine im Halse seines Gefährten, wollte nicht essen. Da überredeten
ihn die Brüder, die Wirkung ginge rasch vorüber. Jener aß und starb.
Die Brüder zerschnitten die Leichen der Menschenfresser und begruben
sie. Eines der Weiber der Kannibalen, das zwei große Hauzähne hatte,
aber kein Menschenfleisch aß, wurde nach seinem Tode unter die Götter
versetzt. ~G. Forster~ schloß ganz richtig aus diesem Märchen, daß
hierdurch auf ehemals weiter verbreitete Anthropophagie hingewiesen
werde[195], was auch daraus erhellt, daß die Tahitier direkt zu ~Cook~s
Leuten ihre Vorfahren als _Tahe-ai_, Menschenfresser, bezeichneten.[196]
+Samoa-Inseln.+ Hier ist der Kannibalismus jetzt erloschen. Daß
er herrschte, darf nicht bezweifelt werden, wenn auch nur noch
spärliche Anzeichen für denselben aufgefunden werden können. ~George
Turner~ berichtet, daß bei den Kriegen der Eingeborenen gelegentlich
ein Leichnam gekocht wurde, doch war dies stets ein wegen seiner
Grausamkeit berüchtigter Feind, von dem zu essen, als der Gipfelpunkt
des Hasses und der Rache betrachtet wurde, nicht etwa um einem Gelüste
zu fröhnen. Letzteres war jedoch in alten Zeiten wohl der Fall. „Ich
will dich braten“, ist die größte Beleidigung, die man einem Samoaner
zurufen kann, ja ein Häuptling erklärte auf diesen Schimpf hin Krieg.
Stolze Häuptlinge verließen die Missionskapelle, wenn eingeborene
Prediger vom höllischen Feuer berichteten. Unterwirft sich ein
kriegführender Teil dem andern, so ist es Sitte, sich vor dem Sieger zu
beugen und Brennholz und ein Bündel Laub emporzuhalten, wie sie beim
Braten der Schweine benutzt werden, gleichsam als wollten sie sagen:
„Töte und koche uns, wenns dir beliebt.“[197]
Nach ~W. J. Pritchard~ dem Jüngern sind die Samoa-Insulaner zwar im
allgemeinen von der Anthropophagie freizusprechen; doch kommen einzelne
Fälle noch immer vor, wenn auch hierbei eine gewisse Renommage der
bewegende Grund zu sein scheint.[198]
Auf der nordwestlich von den Samoa-Inseln gelegenen Insel Rotumah, die
gleichfalls von Polynesiern bewohnt ist, erscheint die Anthropophagie
erloschen; als in ~Turner~s Gegenwart 1845 einige Maoris die dortigen
Insulaner aufforderten, die Leichen der im Kriege Gefallenen zu
verzehren, wiesen die Eingeborenen dies mit Abscheu zurück.[199]
+Tonga-Inseln.+ Auf diesen war gleichfalls zur Zeit der Entdecker die
Anthropophagie im Erlöschen und kam nur noch infolge von Hungersnot,
wo nach ~Mariner~ auch Weiber sich beteiligten, oder als Äußerung des
Hasses vor. Ein beleidigter Insulaner erschlug seinen Feind, schnitt
ihm die Leber, den Sitz der Leidenschaften, heraus und tauchte sie,
zum Entsetzen der übrigen Tonganer, in sein Getränk. Die schlimmsten
Flüche auf Tonga sind nach ~Mariner~: „Koche deinen Großvater“ oder
„Grabe deinen Vater bei Mondlicht aus und friß ihn“. Weiße zu fressen,
galt für schädlich, da einige Tonganer, welche drei Weiße gefressen
hatten, nach dem Genüsse des Fleisches erkrankten und starben. Zu
~Mariner~s Zeiten (1818) hatten einige Tonganer auf den benachbarten
Fidschi-Inseln die Anthropophagie wieder gelernt und übten sie zur
Abscheu ihrer Landsleute aus.[200]
+Neu-Seeland.+ Als ~Cook~ auf seiner ersten Reise Neu-Seeland wieder
aufgefunden hatte und er beim Königin-Charlotte-Sund mit seinen
Begleitern ~Banks~ und ~Solander~ ans Land gegangen war, sollte er
sofort mit eigenen Augen beobachten, wie Maoris neben einem Hunde
auch Menschenfleisch verzehrten, das in Körben neben jenem lag. Auf
die Frage, warum sie denn nicht den im Wasser schwimmenden Leichnam
einer Frau äßen, antworteten jene, die Frau sei eines natürlichen
Todes verstorben und ihre Verwandte, sie aber verzehrten nur die
Leichen ihrer in der Schlacht erlegten Feinde. ~Georg Forster~ nimmt
Gelegenheit, die angezweifelte Anthropophagie der Maoris zu bestätigen
und macht die Bemerkung, daß dieses Volk weit über die erste Barbarei
hinaus sei, darum also die Menschenfresserei desselben um so mehr
auffalle. Mangel an animalischer Nahrung könne nicht die Ursache
dieses schrecklichen Gebrauches sein, denn überall gebe es Fische im
Überfluß, man züchte viel Hunde und auch an wilden Vögeln sei kein
Mangel. Was aber auch die Ursache sein möge, als sicher erscheine
die außerordentliche Vorliebe der Neu-Seeländer für Menschenfleisch.
Höchst wahrscheinlich, nimmt ~Forster~ an, liege Rachsucht zu Grunde
und mit der Zeit werde wohl der schauderhafte Gebrauch aufhören, wozu
die Einführung der europäischen Haustiere wohl auch das ihrige mit
beitragen werde.
Alle späteren Reisenden, sowie die Missionare bestätigten im vollsten
Maße die weite Verbreitung der Anthropophagie unter den Neu-Seeländern
und wenn die Missionare entsetzt darüber jammerten, antworteten die
Maoris: „Die großen Fische fressen die kleinen, Hunde fressen Menschen,
Menschen Hunde, Hunde einander, Vögel einander, ein Gott den andern.“
Aus den Überlieferungen der Maoris soll hervorgehen, daß der
Kannibalismus erst lange nach ihrer Einwanderung auf Neu-Seeland
aufkam und ~Hochstetter~ nimmt an, daß die Anthropophagie daselbst
zur Zeit der Entdeckung ihren Gipfelpunkt erreicht hatte; den Frauen
war übrigens der Genuß von Menschenfleisch nur in Ausnahmefällen
gestattet. Was den Ursprung der Menschenfresserei betrifft, so ist
derselbe Forscher der Ansicht[201], daß mit der Zunahme der Bevölkerung
auf den Inseln das Erträgnis der ohnehin wenig ergiebigen Jagd und
damit die einzige Quelle der Fleischnahrung immer spärlicher wurde,
und daß um neue Jagdgebiete, um gutes Ackerland und um ergiebige
Fischplätze Streitigkeiten entstanden, die zum Kriege führten. Durch
diese Kriege verwilderte der Geist des Volkes, die Feldarbeiten wurden
vernachlässigt, Not trat ein und Hunger im Verein mit Rachedurst und
Haß führten im Kriege zu den ersten Fällen des Kannibalismus. Aber
die Kriege dauerten fort, der Mangel an Fleischnahrung wird mit der
allmählichen Ausrottung der Tier- und Vogelarten (der Moas etc.), die
das Hauptjagdwild ausmachten, immer fühlbarer, und was anfangs nur in
der höchsten Not und in der äußersten Aufregung der Leidenschaften als
vereinzelter Fall vorgekommen, wurde nach und nach ein fürchterlicher
Brauch, der erst dann wieder aufhörte, als durch die Einführung
ergiebiger Nahrungsquellen dem Mangel und Elend abgeholfen und die
Grundursache der blutigen Kriege gehoben wurde. Das geschah mit der
Einführung der Schweine, Kartoffeln und Getreidearten durch die
Seefahrer zu Ende des vorigen Jahrhunderts. Dazu kamen die wohlthätigen
Einflüsse des Christentums, das die wilden Sitten milderte und so
verzeichnet die Geschichte schon im Jahre 1843 -- siebzig Jahre nach
~Cook~ -- den letzten (?) wirklichen Fall von Kannibalismus.[202]
Dieser Ansicht ~Hochstetter~s widerspricht aber ~Georg Forster~s
Bemerkung auf das bestimmteste, daß zu seiner Zeit (~Cook~s zweite
Reise) an animalischer Nahrung kein Mangel auf Neu-Seeland gewesen sei
und auch wir sind geneigt, eher das von ~Forster~ hervorgehobene weit
verbreitete Motiv der Rachsucht als die Ursache der Anthropophagie
anzunehmen.
~Darwin~ führt an, daß schon zur Zeit, als er Neu-Seeland besuchte
(1835), der Kannibalismus dort selten gewesen sei[203]; indessen fällt
gerade in jene Zeit eine der kannibalischen Hauptthaten der Maoris.
Damals überfielen Neu-Seeländer die nach Osten zu gelegene Warekaûri-
oder Chatham-Insel, deren Eingeborene (sog. Moriori) sie zum großen
Teil erschlugen und verzehrten. „Die Grausamkeit der Kannibalen war
so raffiniert, daß die armen Geschöpfe das Holz herbeitragen und die
Ofen herrichten mußten, in denen sie gebraten werden sollten. Die zum
Schmause ausersehenen wurden dann in einer Reihe auf die Erde neben
den Öfen gelegt und von einem der Maorihäuptlinge durch Schläge mit
einem Mere (Steinkeule) getötet.“[204] Die Moriori waren, wie alle
Polynesier, früher selbst Anthropophagen gewesen.
Der heutigen dahinschwindenden Maorigeneration erscheint übrigens jene
alte Zeit nur wie ein Traum. Nachkommen jener Kannibalen sitzen im
Parlamente von Neu-Seeland und ~Hochstetter~ erzählt eine bezeichnende
Geschichte, welche darthut, wie bei den Maoris jetzt alles verschwunden
ist, was auf den Kannibalismus hindeutet. „Ein alter Häuptling, der mit
einem jungen Manne auf der Reise war, erinnerte sich, als sie an einem
Kriegspah vorbei kamen, vergangener Tage und erzählte seinem jungen
Freunde: ‚Siehe, hier haben wir deinen Vater gefangen, dort haben wir
ihn getötet und gegessen.‘ Der junge Mann hörte der Geschichte zu, als
ob sie ihn weiter gar nichts anginge; beide schliefen gemütlich in
demselben Zelte, aßen aus demselben Topfe und waren gute Freunde.“[205]
+Mikronesien.+ Hier war die Anthropophagie zur Zeit der Entdeckung so
gut wie verschwunden und nur wenig Tatsächliches liegt darüber vor.
Von den Kingsmill-Inseln sagt ~Wilkes~: „Die Körper der Erschlagenen
werden gewöhnlich nicht verzehrt; doch kommt es gelegentlich vor, daß,
wenn ein berühmter Krieger erschlagen wurde, die jungen Männer aus
Haß Teile seines Fleisches essen.“[206] Daß die Anthropophagie aber
einst über die verschiedenen Inselgruppen verbreitet war, dafür liegen
noch einzelne Andeutungen vor. So berichtet ~Chamisso~[207] von den
Marshall-Insulanern, daß beim Abschlusse eines Friedens dieselben vom
Fleische eines gefallenen feindlichen Häuptlings kosteten und sich den
Namen des gefallenen Häuptlings beilegten, eine Sitte, die häufig mit
kannibalischen Gewohnheiten verknüpft erscheint.
Daß auf den Pelew- oder Pelau-Inseln Anthropophagie niemals vorkam,
sucht ~Chamisso~[208] zu beweisen. Weder ~Wilson~ noch ~Semper~
berichten davon, obgleich sie das Kopfschnellen der Insulaner recht gut
kennen und bei dem besten und gründlichsten Kenner der Pelau-Inseln,
~Johann Kubary~, finden wir auch nur eine leise hierauf bezügliche
Andeutung, welche aber auch nur auf ehemals vorhandene Anthropophagie
hinweist. Die Bewohner der Insel Corror hatten nämlich jene von
Molegojok auf Baobeltaop als Menschenfresser geschildert, wiewohl
~Kubary~ dort keine Spur von Anthropophagie fand.[209] Hierbei bleibt
stets zu beachten, daß die Pelauer wesentlich Papuas sind, wiewohl
mit malayischem Blute durchsetzt, und daß fast überall noch die
Papuas heute als Anthropophagen auftreten, und der malayische Stamm
auch Kannibalen stellt. Wir glauben daher im Gegensatz zu ~Chamisso~
annehmen zu dürfen, daß die Pelauer allerdings früher Anthropophagen
waren.
[140] United States Exploring Expedition. VII. 37.
[141] Bemerkungen auf seiner Reise um die Welt. 290.
[142] ~W. Ellis~, Polynesian Researches. London 1829. II. 222.
[143] De Papoewas der Geelvinksbaai door ~A. Goudswaart~. Schiedam
1863.
[144] Neu-Guinea und seine Bewohner. Bremen 1865. 48. Der Ansicht,
daß +kein+ Kannibalismus auf Neu-Guinea herrsche, schließt sich
auch ~Fr. Müller~ in seiner „Allgemeinen Ethnographie“ Wien
1873. 109 an.
[145] ~Albert S. Bickmore~, Reisen im Ostindischen Archipel. Aus dem
Englischen. Jena 1869. 234.
[146] Ocean Highways. Juni 1873. 115.
[147] Seine Berichte stehen: Ausland. 1873. 964. Ocean Highways.
Dezember 1873. 388. Mitteilungen der k. k. geographischen
Gesellschaft in Wien 1873. 538. Nature, 4. Dezember 1873. 77.
[148] A cruise among the cannibals. Ocean Highways. Dezember 1873.
364.
[149] Ocean Highways. Dezember 1873. 393.
[150] ~Chalmers~ and ~Gill~. New-Guinea. London 1885. 48. 144. 234.
[151] Naufrage et scènes d’anthropophagie à l’île de Rossel dans
l’archipel de la Louisiade. Im Tour du Monde. IV. 87 (1861).
[152] Missionar D. ~Carlo Salerio~ in ~Petermann~s Mitteilungen.
1862. 342.
[153] ~Salerio~ a. a. O. 343.
[154] ~W. Powell~, Unter den Kannibalen von Neu-Britannien. Leipzig
1884. 60. 82. 87. 219.
[155] ~Spry~, Die Expedition des Challenger. Leipzig 1877. 245. 248.
[156] Courte relation du voyage que fit ~Alvaro de Mendana~ à la
récherche de la Nouvelle-Guinée, traduit de l’espagnol par
~M. Ed. Dulaurier~. Nouvelles Annales des Voyages. Juillet
1852. -- ~Figueroa~, der auch eine Schilderung der Reise des
~Mendana~ 1612 in Madrid veröffentlichte, erzählt den Vorfall
folgendermaßen: „Der Kazike sandte ~Mendana~ das Viertel
eines Kindes mit Arm und Hand. Der spanische General ließ es
in Gegenwart jener, die es gebracht, vergraben. Sie schienen
beleidigt und verwirrt von dem schlechten Erfolge ihrer
Gesandtschaft und schlichen mit gesenktem Haupte hinweg.“
[157] Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. VIII. 96
(1873).
[158] A cruise among the cannibals. Ocean Highways. Dezember 1873.
361.
[159] Revue d’Ethnographie. IV. 214 (1885).
[160] ~G. Forster~, Sämmtliche Schriften. II. 232.
[161] ~Forster~ a. a. O. II. 243.
[162] ~George Turner~, Nineteen Years in Polynesia. London 1861. 83.
[163] Auf dieser Insel wurde am 20. November 1839 der „Apostel der
Südsee“, ~Williams~, nebst seinem Gefährten ~Harris~ verzehrt.
[164] The illustrated Missionary News. 1. Januar 1874.
[165] ~O. Rietmann~, Wanderungen in Australien und Polynesien. St.
Gallen 1868. 171.
[166] ~M. Eckardt~, Der Archipel der Neu-Hebriden. Hamburg 1877. 15.
[167] ~De Rochas~, Sur les Néo-Calédoniens. Bull. soc. d’Anthropol.
1860. 414.
[168] Bull. soc. d’Anthropol. 1862. 566.
[169] ~Jules Garnier~, Voyage à la Nouvelle Calédonie. Tour du Monde.
Vol. XVI. 11. Paris 1868.
[170] Bull. soc. d’Anthropol. 1870. 30 ff.
[171] ~B. Balansa~, Nouvelle Calédonie. Bull. d. l. soc. de
géographie. 1873. 139.
[172] Bull. soc. d’Anthropol. 1885. 363.
[173] ~Balansa~, Les îles Loyalty. Bull. d. l. soc. de géogr. 1873.
528.
[174] ~G. Turner~, Nineteen years in Polynesia. London 1861. 427.
[175] Fiji and the Fijians. London 1858. I. 205 ff.
[176] Die Öfen sind bis 3 Meter tiefe und sehr weite Löcher in
der Erde, welche mit Steinen ausgelegt sind und mit Holz
geheizt werden. Sind die Steine heiß geworden, so legt man den
zu kochenden Gegenstand darauf und deckt ihn mit Laub und Asche
zu. ~Williams.~ I. 147.
[177] ~Williams~, Fiji. I. 213.
[178] Er ist abgedruckt im Appendix A. im Journal of a cruise among
the islands of the western Pacific by ~John Elphinstone
Erskine~. London 1853.
[179] Globus. XIII. 25.
[180] ~Petermann~s Mitteilungen. 1869. 62. 67.
[181] A. a. O. 261.
[182] The illustrated Missionary News. 1. Dezember 1873.
[183] ~Waitz~, Anthropologie. VI. 157 ff.
[184] Nature, 10. Juli 1873. Vol. VIII. 211.
[185] ~John Turnbull~s Reise um die Welt. Aus dem Englischen. Weimar
1806. 204.
[186] ~Camille de Roquefeuil~, Journal d’un voyage autour du Monde.
Paris 1823. I. 320.
[187] ~Lamont~, Wild Life among the Pacific Islanders. London 1867.
[188] L’Illustration, Journal universel. Paris. 4. Oktober 1873. 228.
[189] Bull. soc. d’Anthropol. 1884. 497.
[190] ~Meinicke~, Der Archipel der Paumotu. Zeitschrift der
Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. V. 396 (1870).
[191] ~Palmer~ im Journal Roy. Geogr. Soc. XL. 171 (1870).
[192] Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde. V. 396.
[193] ~James Wilson~, Missionsreise nach dem südlichen Stillen Ozean
in den Jahren 1796-1798. Aus dem Englischen. Weimar 1800. 338.
[194] Polynes. Researches. II. 223.
[195] ~G. Forster~, Sämmtliche Schriften. II. 57.
[196] ~J. R. Forster~, Bemerkungen auf seiner Reise um die Welt. 290.
[197] ~G. Turner~, Nineteen Years in Polynesia. London 1861. 194.
[198] Polynesian Reminiscenses. London 1866.
[199] ~Turner~ a. a. O. 358.
[200] ~Mariner~, Tonga Islands.² London 1818. I. 321.
[201] ~Hochstetter~, Neuseeland. Stuttgart 1863. 469.
[202] „Saraca, der ‚letzte‘ Menschenfresser auf Neuseeland, ist im
April 1872 in Olunemuri gestorben. Er befehligte auf
dem letzten Kriegszuge, nach welchem ein Kannibalenfest
veranstaltet wurde. Zum Begräbnis hatten sich viele Maoris
versammelt; sie legten ihn in einen Sarg, an dessen Kopfende
ein Fenster angebracht war. Beim Leichenschmaus wurde
+präserviertes Schaffleisch+ genossen.“ (Globus. XXII. 144.)
Hier muß man wirklich ausrufen: Tempora mutantur!
[203] Naturwissenschaftliche Reisen. Deutsch von ~Dieffenbach~. II.
205.
[204] Bericht von ~H. H. Travers~ in ~Petermann~s Mitteilungen.
1866. 63.
[205] v. ~Hochstetter~ a. a. O. 471.
[206] ~Ch. Wilkes~, Voyage round the World (U. St. Explor. Exped.).
New York 1851. 559.
[207] Bemerkungen auf einer Entdeckungsreise. Weimar 1821. 136.
[208] ~Chamisso~ a. a. O. 137.
[209] Journ. d. Mus. ~Godeffroy~. Heft IV. 20.
+Amerika+.
+Westindien.+ Als die Spanier die Antillen entdeckten, stießen sie
auf das Volk der Calinago oder Calina, das allgemeiner unter dem
Namen der Cariben bekannt ist. Menschenraubend zogen sie von Insel zu
Insel in Flotten, die ein Dutzend Segel und oft fünfhundert Streiter
zählten. Die männlichen Gefangenen wurden gebraten und verzehrt. Die
Anthropophagie der Cariben ist von ~Las Casas~ bestritten worden,
auch ~Kolumbus~ wollte anfangs in diesem Punkte nicht den Erzählungen
der Domingoindianer trauen, bis er selbst mit den Thatsachen vertraut
wurde und Meldung davon macht, daß die Cariben sogar die mit gefangenen
Weibern erzeugten Kinder verzehrt haben sollen.[210]
Was die Verbreitung der Cariben betrifft, die vom südamerikanischen
Festlande kamen, so wissen wir, daß sie die ganzen kleinen Antillen
einnahmen und auch die Westküsten von Portorico und Haiti besetzt
hatten. Mit dem Verschwinden und Aussterben der Cariben auf den
Antillen ist auch dort die Anthropophagie verschwunden, die indessen
mit dem Namen dieses Volkes stets verknüpft bleiben wird, da aus ihm
das Wort „Kannibale“ entstand. Die von den Bahamainseln stammenden
Gefangenen am Borde des Kolumbus widersetzten sich nämlich der
Fahrt nach der Insel Haiti, indem sie ~Kolumbus~ die Einwohner als
Menschenfresser schilderten. Sie ließen dabei den Namen Cariben laut
werden, den der Admiral mißhörte, so daß durch ihn der Ausdruck Caniba
oder Canibalen für die anthropophagen Stämme Amerikas verbreitet worden
ist. Nach ~Antonio de Herrera~ bedeutet der Name Canibal soviel wie ein
Tapferer. ~Du Tertre~[211], der uns mit Einzelheiten des westindischen
Kannibalentums vertraut macht, sagt, daß Auffressen der gefallenen
Feinde sei auf dem Schlachtfelde erfolgt; die Gefangenen aber habe man
zu Hause verzehrt, wobei dem tapfersten Krieger das Herz zu teil wurde
-- ein deutliches Zeichen, daß auch hier Aberglaube im Spiele war.
Übrigens sollen viele nach dem Genusse von Menschenfleisch erkrankt
sein.[212]
+Mexiko.+ ~Bernal Diaz~ und ~Sahagun~ sind diejenigen Schriftsteller,
welche am ausführlichsten über die Anthropophagie und die Menschenopfer
der Mexikaner handeln und nach ihnen sind diese beiden zu einer
speziellen Studie von ~Jourdanet~ gemacht worden, der wir in der
nachstehenden Darstellung folgen wollen.[213]
Zur Zeit der spanischen Eroberung waren die Tempel außerordentlich
zahlreich in Mexiko. Bei diesen Tempeln befand sich oft eine Terrasse
mit zwei Türmchen, welche für die Idole bestimmt waren und vor den
Türmchen lagen die Steine, auf denen man die Menschenopfer darbrachte.
Diese Steine waren der Länge nach konvex gestaltet, so daß das darauf
gelegte menschliche Schlachtopfer seine hervortretende Brust besser dem
Schlachtmesser darbot. Noch existieren altmexikanische Darstellungen,
welche uns zeigen, wie die Ceremonie vor sich ging. Das Opfer wurde
von fünf kräftigen Gehilfen gehalten und der Oberpriester öffnete ihm
mit einem Obsidianmesser die Brust, indem er die Knorpelansätze der
Rippen beim Brustbein durchschnitt. Dann griff er in die Brust des
Unglücklichen, nahm das Herz und schnitt es heraus, um es zu Füßen des
Idols niederzulegen, vor dem Weihrauch brannte. Noch mehrmals griff er
in die Brust, um mit dem Blute des Geopferten die Priester und Gehilfen
zu besprengen. Der Leichnam diente dann teilweise zur Nahrung für die
Priester, teils erhielt denselben derjenige zur Speise, welcher das
Opfer veranlaßt hatte.
Solche Menschenopfer waren ungewöhnlich häufig, da sie auch bei jeder
der überaus zahlreichen religiösen Festlichkeiten dargebracht wurden.
Die zahlreichen Tempel der größeren Städte in Betracht ziehend kommt
~Jourdanet~ zu einer Schätzung von 20000 Opfern dieser Art im Jahre,
während andere Autoren eine noch weit größere Anzahl herausrechnen.
Fehlten einmal Opfer, dann bedrohten die Priester das Volk mit den
schrecklichsten Landplagen und um diese hintanzuhalten begann man
Kriege, nur um sich Gefangene zu verschaffen, mit deren Blut die
erzürnten Götter versöhnt werden sollten.
Oben ist die Ausübung des Opferns in seiner einfachsten Form
geschildert worden; allein es liegen auch Berichte vor, daß der Akt
mit ganz besonders barbarischen Bräuchen umgeben wurde. So erzählt
~Sahagun~[214]: „Man band ihnen Hände und Füße. So gefesselt nahmen
die Priester oder ihre Gehilfen sie auf ihre Schultern und führten
unter diesem Gewicht verschiedene Tänze um ein großes Feuerbecken auf.
Plötzlich warf man das Opfer in das lodernde Feuer, ließ es eine Weile
schmoren, ergriff es dann noch lebend mit einem Haken und schleifte
es über den Boden weg zum Opferstein, wo man ihm das Herz herausriß.“
Bei anderen Gelegenheiten baten die Gehilfen, daß die Opferung auf
ihrem Rücken, statt auf dem Steine stattfände, damit sie recht von
dem Opferblute überströmt wurden. ~Sahagun~ berichtet auch, daß man
den Geopferten häufig die Haut abzog und daß sich damit irgend ein
kräftiger Mann wie mit einer Kleidung bedeckte.
Im Gegensatz zu dieser Barbarei stand die aufmerksame Behandlung,
welche häufig die zum Abschlachten Bestimmten vor ihrem Tode erlitten,
und so gleich einer _demonstratio ad oculos_ der Vergänglichkeit
menschlicher Freuden und Lüste erscheint; denn so kann man die ein Jahr
lang dauernde Behandlung des Gefangenen vor seiner Opferung auffassen.
Man wählte zu diesem Zweck einen schönen, jungen Gefangenen von
tadelloser Körperbeschaffenheit und von aufgewecktem Geiste aus. Man
lehrte ihn, berichtet ~Sahagun~, das Flötenspiel, man gewöhnte ihn an
das Rauchen nach Art der Großen und Prinzen, die besten Speisen wurden
ihm vorgesetzt, die schönsten Kleider angelegt und während der letzten
Lebensmonate führte man ihm die schönsten Mädchen zu. War aber das
Freudenjahr abgelaufen, dann fand unwiderruflich seine Opferung statt,
nicht in der Hauptstadt Mexiko, sondern in einer Stadt zweiten Ranges.
Er wurde in einem Schiffe über den See gefahren und in dem Maße, als er
dem Bestimmungsorte sich näherte, entäußerte man ihn seiner Kleidung,
bis er zuletzt nackt anlangte. Am Tage seiner Hinrichtung wurde sofort
ein neuer Gefangener auserwählt, der anstatt des Geopferten nun ein
Jahr lang in Herrlichkeit und Freuden lebte. Oft fanden beim Opfer auch
Tänze statt, an denen man den Gefangenen zwang teilzunehmen.
Gewöhnlich waren es Kriegsgefangene, die man den Idolen opferte;
mehrere Gefährten des ~Bernal Diaz~ sind so gemordet worden. Doch kamen
auch freiwillige Opferungen vor, wie es denn sich ereignete, daß sogar
hochgestellte Personen ihr Leben den Göttern darbrachten. Blutopfer
der Priester selbst für die Götter waren nichts ungewöhnliches; sie
schnitten sich z. B. die Ohren ab und brachten sie dem Idole dar, oder
nahmen Blut von der Zunge, um das Götzenbild damit zu bestreichen.