bemerkt nach den Angaben dortiger Missionare, daß die Eingeborenen von
Mallicolo arge Kannibalen seien. Während er sich auf Deck die Hände
wusch, kam ein Schwarzer grinsend auf ihn zu, ergriff seinen Arm und
gab zu verstehen, daß der gut zu essen sei. Sein Geberdenspiel und das
mehrfach wiederholte Wort kaikai, daß in den meisten Dialekten der
Gruppe „essen“ bedeutet, zeigten genügsam an, wonach ihn gelüstete.
„Wenn, sagt ~Rietmann~, unter den Eingeborenen Australiens manche
Stämme Kannibalen sind, so erklärt sich das. Die Natur hat sie nur
karg mit Nahrung aus dem Tier- und Pflanzenreiche beschenkt und man
begreift, daß solche Wilden ihre Zuflucht zu Menschenfleisch nehmen.
Aber auf den von der Natur geradezu beglückten Inseln der Südsee bringt
die Natur nahrhafte und wohlschmeckende Pflanzen in Fülle hervor: Yams,
Taro, Brotfrucht, Bananen und viele andere; den Eingeborenen stehen
Schweine, Vögel und Fische zu Gebote, und doch sind sie auf manchen
Eilanden die eingefleischtesten Kannibalen.“[165]
Noch einige Nachrichten finden wir bei ~Eckardt~.[166] Nach ihm
ward auf Aneityum 1853 der letzte Mensch gefressen; an den Küsten
derjenigen Inseln, wo häufig Europäer verkehren, ist die Anthropophagie
verschwunden, doch im Innern dauert sie fort; so bei den Ermama
Kararei, den Buschleuten, auf Tanna. Das Schiff Rosario konstatierte
1871 beim Besuche Espiritu Santos noch unverblümte Vorliebe für
Menschenfleisch. Auf Vaté dagegen liefert man die im Kriege
Erschlagenen den Verwandten gegen eine Anzahl Schweine aus.
+Neu-Caledonien.+ Als ~Cook~ 1774 Neu-Caledonien entdeckte, erkannte
er die seitdem festgestellte Anthropophagie der Eingeborenen nicht,
ja er erzählt sogar eine Geschichte, wie die Insulaner sich erstaunt
und angeekelt von den Matrosen abgewendet hätten, welche einen
Rinderknochen benagten, wobei sie nicht undeutlich zu verstehen gaben,
daß sie glaubten, jene nagten an Menschenknochen, da ihnen größere
Säugetiere völlig unbekannt waren.
Alle späteren Reisenden und namentlich die auf Neu-Caledonien
angesiedelten Franzosen bestätigen dagegen den ausgedehnten
Kannibalismus der schwarzen Eingeborenen. Der Schiffsarzt ~Rochas~
sagt trocken, wenn auch nicht ganz richtig: _L’anthropophagie est
purement alimentaire chez les Néo-Calédoniens._ Sie führen Krieg aus
keinem anderen Grunde als um sich Fleisch zu verschaffen, da in ihrem
Lande von Säugetieren nur eine Fledermausart vorkommt, die nicht eßbar
ist. Nach dem Kampfe werden die wenigen Toten in Stücke zerhackt und
unter die Häuptlinge verteilt. Die Neu-Caledonier ziehen das Fleisch
ihrer Landsleute demjenigen der Europäer vor, da letzteres ihnen zu
salzig schmeckt. Daß die Häuptlinge allein das Recht haben die Körper
der Feinde zu verzehren beruht auf angemaßtem Privileg; sie verteilen
dann das erhaltene Fleisch in ihren Familien.[167] Völlig beglaubigt
ist der Fall, daß im Jahre 1850 fünfzehn Mann von der Besatzung des
französischen Kriegsschiffs Alcmène von den Neu-Caledoniern erschlagen
und verzehrt wurden.[168]
Noch weit eingehender spricht sich der Ingenieur ~Jules Garnier~
über den Kannibalismus aus. Sein Besuch Neu-Caledoniens fällt in das
Jahr 1864, er hat vortrefflich darüber geschrieben und wiederholt
mit eigenen Augen die Kannibalenschmausereien gesehen.[169] Die
Gegend, in welcher er beobachtete, ist der Distrikt von Houagap an
der Nordostküste, wo von befreundeten Eingeborenen sehr häufig den
französischen Postenkommandanten das Fleisch von erlegten Feinden
angeboten wurde. ~Garnier~ wohnte einem Pilufeste des Widustammes bei,
der die französische Herrschaft anerkannt hat. Im Schein des Feuers sah
er zwölf Häuptlinge sitzen, zwischen denen auf Bananenblättern Stücke
gebratenen Menschenfleisches mit gekochten Yams und Tarowurzeln lagen.
Es waren die Leichen der im Kampfe erschlagenen Feinde, welche das
Material zu dem gräßlichen Mahle geliefert hatten. Folgen ekelhafte
Einzelheiten, die wir hier übergehen.
~Garnier~ hat sich die Frage vorgelegt, wie die Neu-Caledonier und die
Melanesier überhaupt zu der gräßlichen Sitte gelangt sind und teilt
uns ein Gespräch mit, das er darüber mit einem Neu-Caledonier geführt
hat. Dieser erklärte die Sache damit, daß die Europäer andere und
bessere Speisen hätten; für die Neu-Caledonier aber sei Menschenfleisch
das beste. Das wäre also eine physiologische Entschuldigung der
Unsitte. Übrigens benutzte man nicht bloß erschlagene Feinde und
Kriegsgefangene, sondern auch Übelthäter zum Verzehren; letztere wurden
auf Befehl des Häuptlings getötet. Ferner wurden alte Leute und zwar
mit ihrer Genehmigung den Göttern geopfert und gegessen. Endlich sollen
nach ~Garnier~ auch mißgestaltete Kinder von ihren eigenen Eltern
geschlachtet und gefressen werden.
Auch der Missionar ~X. Montrouzier~, welcher zwanzig Jahre auf
Neu-Caledonien zugebracht hat, ist in der Lage gewesen sehr eingehend
über die dortige Anthropophagie zu berichten. Die Insel ist in zwei
große Conföderationen gespalten, die der Ot und die der Wawap. Die
Kriege zwischen beiden werden bis aufs Messer geführt und diejenigen,
welche in der Schlacht fallen, werden von den Siegern verzehrt, deren
Erfolg nicht als vollständig gilt, wenn sie sich nicht die Leichen der
Feinde verschaffen können. Alte Rivalität, bei dem geringsten Anlasse
erneut, führt zu diesen Kriegen, die man außerdem zu bestimmten Zeiten
unternimmt. So pflegte der zu den Ot gehörige Stamm der Puebo alle fünf
Jahre den zu den Wawap gehörigen Stamm der Balade zu überfallen.
Abgesehen von den Kriegen haben die Neu-Caledonier noch andere Mittel
sich Leichen für den Ofen zu verschaffen. Dahin gehört zunächst die
Anklage wegen Zauberei und jeder, der einmal angeklagt wird, ist
sicher, auch geopfert zu werden, denn Anklage und Verurteilung sind
eins. Die Häuptlinge pflegen hiervon reichlichen Gebrauch zu machen.
Auch bei den Festlichkeiten verschafft man sich Menschenfleisch,
indem man einen oder mehrere der geladenen Gäste tötet. Der Häuptling
bestimmt seinen Vertrauten das Schlachtopfer; ein plötzlicher
Tumult wird erregt und der Betreffende dabei erschlagen, nur um
das nötige Fleisch zum Feste zu liefern. Die Häuptlinge töten oft
ihre eigenen Untertanen, um sich Fleisch für Gäste zu verschaffen,
wofür ~Montrouzier~ verschiedene Beispiele anführt. Daß aber die
Schlachtopfer vorher gemästet werden, bestreitet der Missionar auf das
Entschiedenste.[170]
Wenn nun im Jahre 1873 ~Balansa~ von Neu-Caledonien schreibt:
_Aujourd’hui heureusement cette horrible coutume a disparu de
l’île_[171], so müssen wir dem leider das viel jüngere Zeugnis
~Moncelon~’s gegenüberstellen, welcher noch heute vorkommende Fälle
von Anthropophagie erwähnt; namentlich werden Weiber weggefangen und
verzehrt. Auch er führt teils Hunger, teils Rachsucht als Motive
an.[172]
Auf den Loyalitätsinseln bei Neu-Caledonien haben wir das Aufhören der
Anthropophagie den Missionaren zu verdanken. Trotz des Zwiespaltes, in
den die Eingeborenen durch die einander feindlich gegenüberstehenden
katholischen und protestantischen Missionare gerieten, ist dort ein
Fortschritt zu bemerken gewesen, aber mit diesen eine totale Umwälzung
unter den Eingeborenen hervorrufenden Fortschritten ist auch ihr
Untergang besiegelt. Sie nehmen an Zahl stark ab. _L’idolatrie a
disparu depuis peu d’années, et avec elle l’anthropophagie et tous les
maux qu’elle entraîne. A des tribus indépendantes et en état de guerre
presque permanent, guerres qui le plus souvent avaient pour enjeu la
chair humaine, une religion toute de paix est venue._[173] So wie
auf der Hauptinsel Lifu liegen auch die Verhältnisse auf den beiden
kleinern Inseln Maré und Uea.
Noch 1845 fand ~Turner~ auf Maré den gräßlichsten Kannibalismus,
der ganze Körper wurde in sitzender Stellung, die Beine zum Kinn
heraufgezogen, im Ofen gebraten und so aufgetischt.[174]
+Fidschi-Inseln.+ Auf diesen, wo der Kannibalismus zu den sozialen
Einrichtungen gehörte, hat derselbe wohl seinen höchsten Grad erreicht.
Die Ursachen dafür sind auch dort verschiedener Art. Wir erkennen
dieselben am besten, wenn wir dem Berichte des Missionars ~Thomas
Williams~ folgen[175], der sich längere Zeit auf den Inseln aufhielt.
Daß nicht bloß Geschmack am Menschenfleisch die Insulaner zum
Kannibalismus trieb, erkennt man daran, daß derselbe im Zusammenhang
mit den Tempelbauten oder dem Stapellauf der Kähne vorkam. Menschen
wurden als Walzen bei letzterem benutzt und dann den Zimmerleuten
zur Speise übergeben. Das Deck der neuen Kähne wurde mit Menschenblut
abgewaschen; wird der Mast zum ersten Male niedergeholt, so schlachtet
man ebenfalls Menschen ab und verspeist sie. Hier liegt sicher ein
abergläubisches Motiv zu Grunde: durch die Menschenopfer wollte man den
Kähnen glückliche Fahrt verschaffen.
Daß die natürlichen Todes Gestorbenen verzehrt wurden, leugnet
~Williams~; man begrub dieselben stets. Auch die im Kriege Erschlagenen
wurden nicht immer alle gefressen; denn die Leichen Hochstehender
wurden davon zuweilen ausgenommen. Auch ist manchmal die Masse des
vorhandenen Menschenfleisches zu groß, um verzehrt werden zu können, so
daß man Stücke wegwarf. Im Jahre 1851 wurden einmal zu Namena fünfzig
Kadaver gleichzeitig gekocht, es war Überfluß an Fleisch vorhanden,
so daß man die Köpfe, Hände, Eingeweide wegwarf und nur das übrige
verzehrte. Ist wenig Menschenfleisch vorhanden, so verzehrt man jedoch
alles am Körper.
Wenn die Körper für den Ofen zugerichtet werden, so wird dieses
durch einen besonderen Trommelschlag kund gethan. „Bakolo“, der für
das Kannibalenmahl bestimmte Körper des Erschlagenen, wird unter
bestimmten, von ~Williams~ mitgeteilten Gesängen und Kriegstänzen
herangeschleppt, vor dem Häuptling niedergeworfen und von diesem dem
Priester übergeben, um ihn dem Kriegsgott zu opfern -- woraus ein
religiöses Motiv sich für diese Form des Kannibalismus ergiebt. Während
der große Ofen geheizt ist[176], zerlegt ein Fleischer kunstgerecht
den vorher gewaschenen Körper; die einzelnen Teile werden in Blätter
gewickelt und dann auf die heißen Steine gelegt. Zuweilen werden die
Kadaver auch ganz, in sitzender Stellung gebraten. Kocht man dagegen
das Menschenfleisch, so löst man es vorher von den Knochen.
Wie sehr auch Rachsucht beim Kannibalismus dieser Insulaner das Motiv
ist, erkennt man daraus, daß, als 1850 Tuikilakila seinen eigenen ihm
feindlichen Vetter Ratu Rakesa besiegte, ersterer nicht zugab, daß
der Leichnam des letzteren begraben wurde. Er ließ ihn dem Kriegsgott
opfern und sprach dabei: „Wäre ich in seine Hände gefallen, so hätte er
mich verzehrt; nun er mein ist, verzehre ich ihn“. Daß aber auch reine
Genußsucht nach Menschenfleisch Beweggrund für die Anthropophagie
ist, ergiebt sich aus folgendem abscheulichen Fall. Ein gewisser Loti
ging mit seinem Weibe in die Taropflanzung, um dort zu arbeiten. Als
das Werk gethan war, ließ er sie Holz holen, den Ofen heizen und einen
Bambussplitter herbeibringen, um die Speise zu zerlegen. Nachdem sie
gehorsam dieses ausgeführt, erschlug er das Weib, kochte und verzehrte
er es, wobei ihm von einem Bekannten Gesellschaft geleistet wurde.
Niemals hatte der Unmensch mit dem Weibe, mit dem er ruhig lebte,
Streit gehabt. Schiffbrüchige verzehrt man regelmäßig, da der Glaube
herrscht, das Meer habe sie nur darum nicht verschlungen, damit sie
verspeist werden könnten.
Einzelne heidnische Häuptlinge verabscheuten allerdings den
Kannibalismus und konnten nie dazu vermocht werden Menschenfleisch zu
essen. Diese aber waren Ausnahmen von der Regel. Die Anthropophagie war
weit verbreitet und Menschenfleisch galt als Delikatesse. Man raubte
Menschen um sie zu fressen. Dabei wurde weder Alter noch Geschlecht
verschont, Kinder wie Greise wanderten in den Ofen. Herz, Schenkel
und Oberarm galten als die größten Leckerbissen, der Kopf war weniger
beliebt.
Die Weiber aßen selten „Bakolo“ und einigen Priestern war es verboten.
Auf der Insel Moala wurden sogar oft die Gräber geöffnet, um die
Leichen daraus als Nahrung zu verwenden. Häuptlinge sandten zuweilen
ihren Freunden Leichname als Geschenk in weite Entfernung. Während
der Insulaner sonst alles Fleisch nur im durchaus frischen Zustande
verzehrt, erregt ihm faulendes Menschenfleisch keine Abscheu.
Gewöhnlich kocht man Menschenkörper allein und die Öfen und Töpfe, in
denen sie zubereitet wurden, sind ebenso streng tabu wie die bei der
Mahlzeit benutzten Schalen und Gabeln. Zuweilen dienen die Schädel
der Opfer als Trinkschalen, aus den Schienbeinen macht man Nadeln zum
Segelnähen. Der schrecklichste, bei der Anthropophagie vorkommende
Brauch jener Insulaner, ist aber das vakototoga, die Tortur, wobei dem
noch lebenden Feinde Stücken Fleisch vom Körper abgeschnitten, dann
gekocht und vor seinen Augen verzehrt werden. ~Williams~ erzählt von
einem Häuptling, der 900 Menschen verzehrt hatte, deren Zahl durch
aufgestellte Steine bezeichnet wurde.
Während die Polynesier bis zur Zeit der Ankunft der Europäer die
Töpferei nicht kannten, besaßen die Fidschi-Insulaner schon Töpfe und
in diesen kochten sie ihre Speisen, zumal auch das Menschenfleisch.
Noch mehr, sie bedienten sich auch der Gabeln, was um so mehr auffallen
muß, als dieses Kulturinstrument selbst bei uns in Europa ziemlich
späten Datums ist. Wir wissen, daß sie zu ihren Kannibalenmahlzeiten
ganz besondere, aus Holz geschnitzte Gabeln gebrauchten, die als
Erbstücke in den Familien sich erhielten und mit individuellen Namen
belegt waren, wie denn die Gabel eines Häuptlings, der sich durch
großen Kannibalismus auszeichnete, undro-undro hieß, d. h. „ein kleines
Ding, das eine große Last trägt.“[177]
~Williams~, der durchaus glaubwürdige Missionar, sagt ausdrücklich,
daß er in seinem Berichte alle Färbung vermieden habe und daß er das
schauderhafte Bild durch Mitteilung mancher Einzelheiten noch düsterer
habe gestalten können. Es wird anderweitig genügend bestätigt.
Wer sich für die scheußlichen Einzelheiten interessiert, die bei den
Kannibalenmahlzeiten der Fidschi-Insulaner stattfinden, der möge den
Bericht des englischen Matrosen ~John Jackson~ nachlesen, der 1840-42
freiwillig unter ihnen lebte.[178] Diese eingehenden und ausführlichen
Berichte liegen allerdings vierzig und fünfzig Jahre zurück. Seitdem
haben die Fidschi-Inseln, die jetzt britische Besitzung sind, auch
eine europäische Bevölkerung, wenigstens an ihrem Rande und auf den
kleinen Eilanden erhalten: der 1883 verstorbene König Thakombau war
Christ geworden, die Missionare sind thätig und die Anthropophagie
hat abgenommen. Aber ganz ausgerottet ist sie noch keineswegs, und
der Insulaner, der heute als guter Christ erscheint, kann morgen,
wenn Gelegenheit sich bietet, wieder plötzlich in die alte Gewohnheit
zurückverfallen. Fälle von Kannibalismus sind nicht ganz selten und man
darf die Insulaner noch zu den Anthropophagen rechnen. Im Juli 1867
verließ der zu Mbau angesiedelte wesleyanische Missionar ~T. Baker~
nebst mehreren Gefährten, trotz verschiedener wohlgemeinter Warnungen,
seine Station, um im Innern von Viti Levu bei dem Stamme der Navosa
das Christentum zu predigen: Er wurde erschlagen und verzehrt.[179]
Glücklicher passierte dieselbe Stelle zwei Jahre vorher Dr. ~Eduard
Gräffe~, der über den Kannibalismus, wie er gegenwärtig auf den
Fidschi-Inseln herrscht, bemerkt, daß wesentlich der Geschmack am
Menschenfleisch dort die noch nicht ganz ausgerottete Anthropophagie
begründe.[180]
Indessen haben wir doch gesehen, daß außer der reinen Gourmandise,
welche allerdings bei den Fidschi-Insulanern in Bezug auf
Menschenfleisch nicht geleugnet werden kann, noch anderweitige
Beweggründe der Anthropophagie auf diesen Inseln herrschte. Auch
~Erskine~[181] berichtet, daß die erschlagenen Feinde den Göttern
geweiht wurden, bevor man sie fraß.
Die Weihung der zu Fressenden den Göttern, das Tabu, welches dabei
über manche Gegenstände ausgesprochen war, beweisen den ursprünglich
religiösen Beweggrund der Anthropophagie, wozu dann noch Rachsucht
sich gegen den erschlagenen Feind gesellt, die schließlich in
Feinschmeckerei und gewohnheitsmäßigen Menschenfleischgenuß überging.
So haben wir eine völlige Skala.
Ein furchtbarer Ausbruch des Kannibalismus, der wie eine Seuche ganze
Distrikte erfaßte und an dem auch bereits „bekehrte“ Stämme Teil
nahmen, fand im Jahre 1873 statt. Besonders waren die Kannibalen,
die Alles mordeten und fraßen, was ihnen unter die Hände kam, darauf
erpicht, „einen Jehovapriester zu fressen“, was ihnen indessen nicht
gelang. Die Einzelheiten schildert der zu Rewa angesessene Missionar
~A. J. Webb~.[182]
+Sandwich-Inseln.+ In Melanesien, wo die Anthropophagie bis auf unsere
Tage herrscht, scheint dieselbe den Höhepunkt erreicht zu haben; in
Polynesien dagegen ist sie heute bis auf geringe Reste verschwunden.
Der Einfluß der Missionare hat hier durchgreifend gewirkt, er konnte
dieses um so mehr, als bereits im verflossenen Jahrhundert die
Entdecker jene Unsitte im Absterben begriffen sahen. Daß sie aber einst
allgemein über Polynesien verbreitet war, darf nicht bezweifelt werden.
Da ~Gerland~ eine sehr große Anzahl von Belegstellen für den
Kannibalismus der Polynesier zusammengestellt hat[183], so können wir
uns hier etwas kürzer fassen.
Auf den Hawaiischen Inseln war wohl schon zu ~Cook~s Zeiten die
Menschenfresserei in der Abnahme begriffen, ja man schämte sich
derselben. Daß Teile von ~Cook~s Leichnam selbst verzehrt worden
seien, wie wohl angegeben wurde, ist noch neuerdings von Dr. ~Winslow~
eingehend widerlegt worden, der überhaupt die Sandwich-Insulaner von
der Anthropophagie freisprechen möchte.[184] Letzteres ist indessen
ein vergebliches Beginnen, indem, nach ~Forster~, die Hawaier selbst
erzählten, daß ihre Vorfahren Kannibalen gewesen seien; als ein Rest
der Anthropophagie muß auch angesehen werden, daß der König bei seiner
Einweihung that, als ob er das ihm dargereichte linke Auge eines
geopferten Menschen verschlinge. ~John Turnbull~, der in den ersten
Jahren unseres Jahrhunderts die Südsee durchkreuzte, bemerkt dieses
und glaubt überhaupt, daß zu seiner Zeit noch Anthropophagie vorkam.
Er fand den Spucknapf des Königs mit den Zähnen erschlagener Feinde
ausgelegt.[185] Durch das Verzehren des linken Auges glaubte man die
Kraft des Herzens des Opfers in sich aufzunehmen.
+Markesas-Inseln.+ Ist, wie von anderen polynesischen Eilanden, auch
die Anthropophagie der Eingeborenen der Markesas-Inseln geleugnet
worden, so kann daran doch keineswegs gezweifelt werden, wenn auch
ein allmähliches Eingehen des Kannibalismus daselbst beachtet wurde,
so daß derselbe gegenwärtig fast erloschen ist. Bemerkenswert bleibt,
daß die Weiber sich an den Kannibalenschmausereien ebensowenig wie die
Kinder beteiligen durften. Allgemein ausgeübt wurde sie nur im Kriege,
wo man namentlich Augen und Herz, letzteres roh, verschlang. Von den
Menschenopfern durften nach ~Ellis~ außer den Priestern nur Häuptlinge
und Greise essen.
~Camille de Roquefeuil~, ein französischer Seemann, welcher 1817 auf
den Markesas-Inseln des Sandelholzhandels wegen war, fand damals die
Anthropophagie noch in voller Blüte. Sein Gewährmann war ein lange
Zeit auf den Inseln ansässiger Engländer Namens ~Ross~, der ihm
berichtete, wie 1815 noch die ganze Mannschaft eines europäischen
Bootes von den Einwohnern Wahitoas niedergemetzelt und verzehrt wurde.
In viele feindliche, sich stets untereinander bekriegende Parteien
getrennt, rieben sich die Insulaner untereinander auf. Die Leichen
der erschlagenen Feinde sowie die Kriegsgefangenen wurden regelmäßig
verzehrt und es gab nur eine Ausnahme von dieser Regel, nämlich dann,
wenn die Priester im Namen ihrer Eatuas (Götter) dagegen einkamen.
Gewöhnlich rettete diese Weihung das Leben des Gefangenen nicht, aber
er wurde wenigstens nicht gefressen und man beerdigte ihn bei den
Hütten, wo die Fetische in die Erde verscharrt waren.[186]
Berichte aus der jüngsten Zeit, welche die Anthropophagie der
Markesaner bestätigen, sind folgende. Dem Irländer ~Lamont~, der 1852
als Geschäftsmann Nukahiwa besuchte, wurde in der Hanapae-Oao-Bucht
von den Eingeborenen ein Ofen gezeigt, welcher kurz vorher erbaut war,
um einen weißen Ansiedler zu braten, weil er einen der Ortshäuptlinge
erschlagen.[187]
Im Jahre 1872 unternahm die französische Fregatte „La Flore“ eine
Expedition nach verschiedenen Inseln der Südsee und besuchte auch
die Markesas. Berichte von dieser Reise hat der Schiffsfähnrich
~Julien Viaud~ veröffentlicht und in einem derselben sagt er: Die
Anthropophagie ist auf Nukahiwa seit mehreren Jahren erloschen und
herrschte jetzt nur noch auf der Nachbarinsel Hivaoa (Dominica).[188]
Noch neuer ist der Bericht ~Clavel~s. Dieser hält es für ausgemacht,
daß die Anthropophagie auf den Markesas nicht in der Vorliebe für
den Genuß von Menschenfleisch, sondern nur in der Befriedigung der
Rachsucht begründet sei. Seine Anschauung begründet er durch folgende
Beispiele: Vor wenigen Jahren wurde ein verstümmelter Leichnam
gefunden; infolge der deshalb angestellten Untersuchung stellte sich
heraus, daß die Mörder kleine Stückchen vom Fleisch des Ermordeten
in Zündholzschachteln mit sich genommen und zwischen ihrer Nahrung
genossen hatten. Ein Häuptling von Hatihéu, der seine Schwiegermutter
verzehrt hatte, gab auf ~Clavel~s Frage, ob sie gut geschmeckt habe,
eine abweisende Antwort. Jetzt ist die Anthropophagie dort so gut wie
erloschen.[189]
+Paumotu.+ Ursprünglich sind alle Bewohner der Paumotu-Inseln
Anthropophagen gewesen und auf den östlichen sind sie es noch jetzt,
was ihren Zusammenhang mit den Rarotongern (Hervey-Gruppe) beweist, bei
denen das Menschenfressen allgemein geübt wurde; auf den westlichen
Inseln ist es aber schon vor der Einführung des Christentums durch den
Einfluß der Tahitier unterdrückt worden.[190] Auf dem östlich von den
Niedrigen Inseln gelegenen +Rapanui+ (Osterinsel) _cannibalism was
practised four or six years since_ (1862 oder 1864); _some Spaniards
were eaten_.[191]
+Gesellschaftsinseln.+ ~Meinicke~ nimmt an, auf Tahiti sei die
Anthropophagie niemals Sitte gewesen.[192] Indessen da alle übrigen
polynesischen Inseln sie kannten und teilweise noch kennen, so wird
auch Tahiti keine Ausnahme gemacht haben, wenn auch der Kannibalismus
dort zur Zeit der Entdecker schon in den letzten Zügen lag. Nur um zu
prahlen, verschlangen dort einige Leute ein paar Bissen Rippenfett
wie ~Cook~ und ~Ellis~ bezeugen, und das Darreichen des Auges
eines Geopferten war hier so gut Sitte wie auf den Sandwich- und
Samoa-Inseln. ~Wilson~ berichtet darüber folgendermaßen: Motuaro, das
Oberhaupt von Eimeo, leistete dem jungen Könige (Pomare, Otu), der
auf den Schultern eines Mannes getragen wurde und von allen seinen
Vornehmen umgeben war, seine Huldigung. Er brachte von Eimeo drei
Menschenopfer, der Priester höhlte von jedem ein Auge aus und reichte
es auf einem Pisangblatte dem Oberherrn dar. Zugleich hielt er dabei
eine feierliche Rede; die toten Körper wurden hierauf fortgetragen und
im Morai begraben. Dieselbe Ceremonie wurde hernach von einem jeden
Oberhaupte oder Fürsten der verschiedenen Distrikte wiederholt. Einige
brachten ein, andere zwei Menschenopfer; sie waren an einem langen
Pfahl befestigt und wurden nach Überreichung des Auges beerdigt.
„Man erklärte die grausamen Opfer auf folgende Art: der Kopf wird für
heilig gehalten, und das Auge für dessen kostbarsten Teil. Dies wird
daher dem Könige, als des Volkes Haupt und Auge, überreicht. Bei der
Überreichung des Auges sperrt der König den Mund auf, +als ob er es
verschlingen wolle+. Hierdurch glauben sie, erhalte er großen Zuwachs
von Weisheit und Klugheit; auch glauben sie, daß ein Schutzgott
bei dieser Feierlichkeit zugegen sei, das Opfer annehme und durch
Mitteilung von mehr Lebenskraft die Seele des Königs stärke.“[193]
~Ellis~ erzählt Kannibalengeschichten von der kleinen westlich von
Tahiti gelegenen Insel Tapamanoa.[194]