Kannibalismus ~Richard Oberländer~, der längere Zeit unter ihnen
lebte, seine eigenen und fremde Erfahrungen zusammengestellt.[133]
„Die Eingeborenen Australiens, so berichtet er, sind Kannibalen,
machen daraus kein Geheimnis und sprechen davon als von einer
selbstverständlichen Sache, wie sie denn auch die Art und Weise der
Zubereitung des Mahles ganz unbefangen beschreiben.“ Nach ~Buckley~,
den ~Oberländer~ citiert, begegnete jener auf seinen Wanderungen dem
wegen seines Kannibalismus übel berüchtigten Pallidurgbarran-Stamme,
der nicht nur das Fleisch seiner getöteten Feinde verzehrt, sondern
Menschenfleisch bei allen möglichen Gelegenheiten. „Der Barrabulstamm,
schreibt ~Oberländer~ ferner, fing einen alten Mann und ein Mädchen
ein, die zu einem andern Stamm gehörten, und welche sie beschuldigten,
meinen Freund ~Gellibrand~ gemordet zu haben. Das Mädchen ward getötet
und gebraten und das Fett als Haarpomade benutzt. Etwas warmes Fleisch
ward lachend einem Engländer zum Kosten gereicht. Dr. ~Cotten~ nahm, so
viel mir erinnerlich, einen Teil des Schenkels als Beweis der Thatsache
mit sich fort.“
In Neu-Süd-Wales, woher ~Majoribanks~ 91 Beispiele des Kannibalismus
zusammenstellt, aß man besonders das Nierenfett der Gefallenen, dessen
Genuß man übernatürliche Kräfte zuschrieb.[134]
~Angas~, bekannt durch seine Arbeiten über die Australier, teilte
den Gelehrten von der Novara-Expedition mit, daß in der Nähe der
Moreton-Bai (Queensland) ein Knabe starb, dessen Kopf und Haut, der
rohen Sitte gemäß, vom übrigen Körper getrennt und an einem Stocke
über Feuer getrocknet wurden. Vater und Mutter waren bei dem Vorgange
zugegen und stießen laute Schreie aus. Das Herz, die Leber und die
Eingeweide wurden unter die anwesenden Krieger verteilt, welche Stücke
davon an den knöchernen Spitzen ihrer Speere mit forttrugen, während
die gerösteten Oberschenkel -- angeblich die größten Leckerbissen
-- von den Eltern selbst verzehrt wurden. Haut, Schädel und Knochen
dagegen packten die Eingeborenen sorgfältig zusammen und nahmen sie
in ihren Säcken aus Grasgeflecht auf die Reise mit. Nicht selten
soll eine Mutter ihr eigenes Kind in dem dunkeln Wahn auffressen,
daß jene Kraft, welche ihre Leibesfrucht ihr entzogen, auf solche
Weise wieder in den Körper zurückkehre! Fällt den Eingeborenen ein
Krieger eines feindlichen Stammes in die Hände, so sollen sie ihrem
erbarmungswürdigen Opfer mit fanatischer Wildheit das Fett der Nieren
aus dem Leibe reißen und sich in dem Glauben damit beschmieren, daß
dies dem Körper Kraft, dem Herzen Mut verleihe.[135]
Ein Gutsbesitzer am obern Mary River (nördlich von Brisbane,
Queensland), giebt höchst eingehende auf Selbstbetrachtung gegründete
Schilderungen des merkwürdigen Gebrauches, wie die Schwarzen den Toten
die Haut abziehen, die Knochen vom Fleisch befreien und beides zu
abergläubigen Zwecken bewahren. In seiner Gegenwart schämte man sich
indessen auch das schon geröstete Fleisch zu verzehren. Er fügt aber
seinem Bericht hinzu: „Ich fühle mich verpflichtet es auszusprechen,
daß die Eingeborenen das Fleisch ihrer verstorbenen Freunde verzehren
und indem sie das thun, glauben sie fest, daß sie sich damit eine
Wohlthat erweisen und den Toten ehren. Sie verzehren es nicht etwa,
weil sie nach demselben lüstern wären; doch ist dem früher so gewesen,
und noch vor einigen Jahren schmausten die alten Männer mit großem
Appetit das gut geröstete Fleisch junger Frauen. Infolge des Verkehrs
mit den Weißen geschieht das aber nicht mehr häufig und man begräbt
oftmals auch Frauen und Kinder unzerstückelt, aber die Männer,
insbesondere die Häuptlinge, werden auch jetzt (1871) noch verzehrt. Es
ist mir mitgeteilt worden, daß noch ganz vor kurzem alte abgemagerte
Männer, deren Fleisch gewiß nicht saftig war, gewissenhaft gefressen
worden sind. Wenn man das Fleisch eines Menschen genießt, gewinnt man
dadurch die Kraft und die guten Eigenschaften, welche derselbe gehabt
hat. Das ist Wahnglaube.“[136]
Auch die Schwarzen im nördlichen Queensland machen kein Geheimnis
daraus, daß sie Menschenfleisch verzehren; doch scheint es, daß sie
mehr aus gewissen Traditionen als aus Nahrungsbedürfnis Anthropophagen
sind. Die meisten Schwarzen werden begraben, ohne gefressen zu werden.
Auch an der Wide Bay werden diejenigen, die man verzehrt, vorher
abgehäutet. Die Haut wird um ein Bündel Speere gewickelt, so, daß das
Haar auf die Spitzen zu stehen kommt. Die Fingernägel läßt man an der
Haut sitzen. Die Reliquie wird von Lager zu Lager geschleppt und in
jedem aufgestellt, wo sich die Trauerweiber um dieselbe versammeln und
sich mit Beilen Einschnitte beibringen. Am Carpentariagolf verzehrt man
die im Gefecht Gebliebenen. Sterben sie infolge der Wunden Abends oder
in der Nacht, so kocht man sie am Morgen. Ein großes Loch wird im Boden
ausgehöhlt und der Leichnam wird in einem Stück gekocht, wozu drei bis
vier Stunden nötig sind. Die Weichteile werden nicht gegessen, sondern
herausgenommen und begraben. Am Golf häutet man die Toten nicht, ehe
man sie verzehrt. Nachdem das Fleisch gegessen ist, werden die Knochen
auf einen Baum gelegt oder begraben. Die Leichen der Feinde bleiben
da liegen, wo sie gefallen sind; man verzehrt nur die Leichen von der
eigenen Partei. Kinder werden verzehrt, wenn sie sterben; Kindsmord ist
nicht häufig in Queensland.[137]
Der kannibalische Ring um den australischen Kontinent wird geschlossen,
wenn wir die Beweise für die Anthropophagie im Norden beibringen. Schon
als ~Owen Stanley~ mit dem Aufnahmeschiff Rattlesnake Nordaustralien
besuchte, wurde die Bemerkung gemacht, daß man die Leichen der
erschlagenen Feinde verspottete und zerstückelte. Der Kopf aber wird
als Trophäe mitgenommen und die Krieger verzehren die Augen nebst den
Wangen, im Glauben, dadurch tapfer zu werden.[138]
Wenn auch in Tasmanien dieselben Naturverhältnisse herrschten wie auf
dem australischen Kontinente und die dortige, jetzt ausgestorbene
Rasse den Australiern sehr nahe stand, so ist sie doch, zur Zeit der
Entdeckung wenigstens, von Kannibalismus frei zu sprechen gewesen. Es
waren wenigstens keine Beweise dafür beizubringen.[139]
[123] ~Waitz~ (~Gerland~), Anthropologie der Naturvölker. VI. 749.
[124] ~Petermann~s Mitteilungen. 1870. 147. 148.
[125] ~Oldfield~ in Transactions of the Ethnolog. Society. New
Series. III. 245.
[126] ~Oldfield~ a. a. O. 248.
[127] ~Oldfield~ a. a. O. 286. 288.
[128] Transactions of the Ethnological Society. New Series. I. 291.
[129] The Native Tribes of South Australia. Adelaide 1879. 2.
[130] Auszug aus der zu Tanunda erscheinenden „Deutschen Zeitung“.
Globus XVI. 15.
[131] Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. 1868. II.
16.
[132] Verhandlungen der Berliner Anthropologischen Gesellschaft.
1879. 237.
[133] Globus IV. 279.
[134] ~Waitz~ (~Gerland~), Anthropologie der Naturvölker. VI. 748.
[135] Reise der österreichischen Fregatte Novara um die Erde. III. 32.
[136] Journal of the Anthropological Institute. II. 179 (1873).
[137] ~E. Palmer~, Notes on some Australian Tribes. Journal of the
Anthropological Institute. XIII. 282.
[138] ~Macgillivray~, Narrative of the Voyage of H. M. S.
~Rattlesnake~. London 1852. I. 152.
[139] ~Bonwick~, Daily Life of the Tasmanians. 23.
+Die Südsee+.
In der Südsee treffen wir auf den klassischen Boden der
Menschenfresserei. Von Neu-Guinea bis zur Osterinsel hin waren oder
sind noch deren Bewohner Anthropophagen, weder Melanesier noch
Polynesier machen eine Ausnahme, und nur der Grad derselben ist ein
verschiedener, von der rohesten, rein auf das Nahrungsbedürfnis
gerichteten Form bis zu den letzten Überbleibseln des Kannibalismus,
die sich noch in symbolischen Handlungen oder Sagen offenbaren. _The
Polynesians may, without injustice, be called a race of cannibals_,
sagt ~H. Hale~[140] und unserm ~J. R. Forster~, welcher vor länger als
100 Jahren noch keinen sicheren Überblick über alle Südseeinsulaner
haben konnte, drängte sich damals schon die Überzeugung auf „daß
alle Bewohner der verschiedenen Inseln im Südmeere, selbst in dem
glücklichsten, fruchtbarsten Erdstriche, wo die Hauptnahrung in
Früchten besteht, nichts destoweniger vor Zeiten Menschenfresser
gewesen sind.“[141]
In der Mythologie der Polynesier finden wir Züge, die auf
Anthropophagie hinweisen. So glaubten sie, daß die Geister der
Gestorbenen von den Göttern oder Dämonen verzehrt, und daß der
geistige Teil ihrer Opfer von dem Geiste des Idols, dem das Opfer
galt, verspeist wurde. Die Vögel, welche zum Bereiche der Tempel
gehörten, nährten sich nach polynesischer Meinung von den Körpern der
Menschenopfer und man nahm an, daß der Gott in Vogelgestalt sich dem
Tempel näherte und die auf dem Altar liegenden Opfer verschlang. Auf
einigen Inseln war sogar das Wort „Menschenfresser“ eine Bezeichnung
der Hauptgötter. Kriege, nur zu dem Zwecke unternommen, um sich
Menschenfleisch zur Speise zu verschaffen, waren bei den Polynesiern
nichts seltenes; die Genugthuung und der gestillte Rachedurst, welche
nach dem Verzehren des Feindes sich einstellten, waren indessen
keineswegs der einzige Beweggrund zur Anthropophagie der Polynesier:
wir finden vielmehr auch Beispiele, daß Hungersnot sie zu dieser
Unsitte trieb.[142]
+Neu-Guinea und Nachbarschaft.+ „Unter allen wilden Völkern, die als
Anthropophagen berüchtigt sind, werden die Papuas zuerst genannt und
obschon es sich nicht leugnen läßt, daß sie in ihren Sitten noch
sehr roh sind, so ist dies doch keineswegs auf die ganze Bevölkerung
bezüglich und man thut ihnen gewiß hierin entschieden Unrecht. Obwohl
auch in einem neuen Reisewerke[143] bemerkt wird, daß die Papuas ihre
Gefangenen, ja die Bewohner an der van Dammen-Bai (Geelvinksbai) ihre
eigenen Toten verzehren, so sind doch noch von keinem glaubwürdigen
Manne bestimmte Nachrichten darüber vorhanden und wir müssen diese
vagen Gerüchte daher mit Recht als unwahr bezeichnen.“ So urteilt in
seiner verdienstvollen Schrift über Neu-Guinea ~Otto Finsch~.[144]
Aber was er als vages Gerücht hinstellt, hat sich als entschieden
wahre Thatsache erwiesen. Da auch sonst die Melanesier des großen
Oceans der Anthropophagie ergeben sind und auf den umliegenden Inseln
Neu-Guineas dieselbe entschieden nachgewiesen war, so ließ sich dadurch
mit Wahrscheinlichkeit schon auf das Vorkommen von Kannibalismus
auf Neu-Guinea schließen. Neuere Reisende bestätigen dies denn auch
vollständig.
Schon der Amerikaner ~Bickmore~ brachte beglaubigte Beweise von der
Anthropophagie der Papuas bei[145] und übereinstimmend berichten,
~Wallace~ ausgenommen, dasselbe die späteren Reisenden, die sich die
Aufgabe gestellt haben, das unbekannte Innere dieser das deutsche Reich
an Größe übertreffenden Insel zu erforschen. Der Florentiner ~Odoardo
Beccari~, welcher 1871 nach Wonim di Bati, der nordwestlichen Halbinsel
von Neu-Guinea, ging und dort das Arfakgebirge bestieg, brachte
Berichte von Menschenfressern, die zwischen 132° und 133° östl. L. v.
Greenwich hausen und dem Stamme der Kraton angehören.[146]
Noch eingehender erforschte den Nordwesten Neu-Guineas unser Landsmann
Dr. ~A. B. Meyer~, dem es auch gelang die Nordwesthalbinsel an ihrer
engsten Stelle, von der Geelvinksbai zum Mac Cluergolf zu kreuzen.[147]
Nach ihm sind Kannibalen in dem besuchten Teile: Der Stamm der Karoans
in den Bergen an der Nordküste, zwischen Amberbaki und den zwei kleinen
Inseln Amsterdam und Middelburg; die Tarungarés an der Ostküste
der Geelvinksbai, welche sogar ihre eigenen Todten verzehren; die
Bergbewohner der Insel Jobi in der Geelvinksbai. Daß auch an Mac Cluer
Inlet Kannibalen wohnen, ist bestätigt worden. Ein Hamburger, Namens
Schlüter, Steuermann des Schiffes „Franz“, Kapitän Redlick, wurde dort
nebst einigen Matrosen von den Papuas ermordet und der Körper als
Speise an benachbarte Stämme verkauft.[148]
Während wir so Kunde vom Vorkommen der Anthropophagie im Nordwesten
Neu-Guineas erhalten, kam gleichzeitig Bestätigung über deren
Verbreitung im Südosten. ~Moresby~, der die dortigen Küsten
aufnahm, stellt sofort dort Kannibalismus fest[149] und die dann
später dort angesiedelten englischen Missionare geben dann weitere
Einzelheiten. Die Kiefern der Verzehrten werden als Armschmuck
getragen. Am Flusse Aivei oder Alele sind die Eingebornen „alle
Menschenfleisch essende Kannibalen, sei es gekocht oder ungekocht;
sie sagen es sei eine bessere Nahrung als alles andere“. Am Südkap
kam ein befreundeter Häuptling zu der Frau des Missionars Gill und
bot ihr eine Menschenbrust zur Speise an, die er als saftigen Bissen
rühmte.[150] Das sind deutliche Beweise, daß hier das Menschenfleisch
als Genußmittel betrachtet wird; ob andere Beweggründe dort für die
Anthropophagie noch vorhanden sind, läßt sich aus den Berichten noch
nicht ersehen.
In der Verlängerung der östlichen Halbinsel Neu-Guineas, nur durch
eine schmale, korallenreiche See getrennt, ethnographisch und
physikalisch aber mit dem Hauptlande übereinstimmend, liegt der
Louisiade-Archipel, dessen melanesische Eingeborene Anthropophagen
sind; vollauf Bestätigung ihres abscheulichen Kannibalismus verdanken
wir dem französischen Schiffsarzt ~V. de Rochas~.[151] An der
östlichen Insel Rossel strandete im Sommer 1858 das Schiff St. Paul,
welches 317 chinesische Kulis von Hongkong nach Australien führen
sollte. Die Schiffbrüchigen retteten sich auf eine kleine Nebeninsel
und der Kapitän fuhr in der Schaluppe fort, um Hilfe zu holen. Er
gelangte nach Neu-Caledonien, wo die französische Behörde sofort ein
Kriegsschiff, auf dem Rochas sich befand, nach Rossel abordnete, um
die Schiffbrüchigen zu retten. Am 5. Januar 1859 traf das Schiff dort
ein; aber von mehr als 300 Männern waren nur noch vier am Leben, die
übrigen waren von den Eingeborenen ermordet und aufgefressen worden.
Einzelheiten übergehen wir, da sie nicht geeignet sind, Licht auf
die Motive der That zu werfen, wenn es auch fast scheint, als sei
bloße Lust nach dem Genusse von Menschenfleisch die Ursache des
schauderhaften Vorfalls gewesen.
Von den übrigen Satelliten Neu-Guineas erwähnen wir, daß auf Rook kein
Kannibalismus herrscht. „Die Menschenfresserei, welche an den Küsten
Neu-Guineas herrscht, erregt auf Rook Abscheu.“[152] Dagegen sind
die Eingeborenen der Massims-Inseln (d’Entrecasteaux-Inseln, an der
Südostspitze Neu-Guineas) Kannibalen.[153]
Den Kannibalismus der Melanesier des Bismarck-Archipels kennt ~Wilfred
Powell~ aus eigener Anschauung, er wohnte den Menschenfressermahlzeiten
bei und sein Reisewerk ist ein fortlaufender Bericht über die
verschiedensten kannibalischen Einzelheiten. Beim Häuptling Toragood
der Duke of York Insel bei Neu-Britannien sah ~Powell~ abgehackte
Menschenglieder an einem Tabubaum hängen. Von einem bei seinem
Hause liegenden Leichnam sagte Toragood: „der Mann half meine
Mutter verzehren“; jetzt kam er selbst an die Reihe. „Ich glaube,
sagt ~Powell~, es ist für diese armen Geschöpfe fast unmöglich
den Kannibalismus aufzugeben, so groß ist ihre Begierde nach
Menschenfleisch.“ Frauen werden durch die Heirat völliges Eigentum
des Mannes und wenn letzter erzürnt ist, kann er die Frau töten, um
sie zu verzehren, was vorkommt. Jeder Häuptling hat zwei ständige
Minister: einen Sprecher und einen Schlächter. Ersterer besorgt das
Reden, letzterer das Schlachten und Zerlegen. Das wertvollste Stück
vom Manne ist der Schenkel, vom Weibe die Brust. Der Kopf wird nie
gegessen, ebensowenig die Eingeweide, welche man verscharrt. Bein- und
Armknochen von Feinden werden am stumpfen Ende der Speere befestigt;
die Eingebornen glauben, dies verleihe ihnen die Stärke des Mannes,
dessen Gebein sie tragen und machen sie unverwundbar gegenüber den
Verwandten der Gefressenen. Selten verzehren sie einen Mann aus ihrem
eignen Stamm. Sollte aber einer von seinem Häuptling getötet oder wegen
Verbrechen hingerichtet sein, so kann der Leichnam an einen andern
Stamm verkauft werden. Auch die Neu-Irländer sind Kannibalen.[154]
Den Naturforschern des „Challenger“ erschienen die Bewohner der
Admiralitätsinseln unzweifelhaft als Kannibalen; sie zeigten
ihnen durch Pantomimen, wie sie menschliche Glieder kochten und
verzehrten.[155]
+Salomonen.+ Am 7. Februar 1567 entdeckte der Spanier ~Alvaro Mendana
de Neyra~ die Salomonen, landete auf der von ihm so benannten Insel
Santa Ysabel im Sternhafen (Puerto de la Estrella) und trat mit den
Eingeborenen in Verkehr, deren Häuptling Tauriqui Biliban Harra nach
polynesischer Sitte durch Namentausch mit ihm Freundschaft schloß.
Während eines zweimonatlichen Aufenthalts hatte er Gelegenheit,
die Sitten der Eingeborenen genügend kennen zu lernen, deren
Anthropophagie ihm sofort auffiel. „Diese Menschen, sagt er, sind
Barbaren, Anthropophagen, Fresser von Menschenfleisch; sie verschlingen
sich untereinander, wenn sie Kriegsgefangene machen und selbst dann,
wenn sie, ohne in offener Feindschaft miteinander zu sein, sich durch
Hinterlist gefangen nehmen. Der Beweis, daß sie Anthropophagen sind,
besteht darin, daß sie dem General bei verschiedenen Gelegenheiten
Stücke von Indianern anboten, als ein sehr delikates und von ihnen
geschätztes Gericht“.[156]
Seitdem haben alle Reisenden und Missionare, welche von den
Salomons-Inseln berichteten, deren Bewohner als unzweifelhafte
Kannibalen geschildert. Die Anthropophagie besteht dort völlig
unvermindert fort, wofür wir Belege aus der allerneuesten Zeit anführen
wollen. Im Jahre 1872 besuchte das britische Kriegsschiff Blanche,
Kapitän ~Cortland H. Simpson~, die Insel Ysabel, wo sich ihm in einem
der an der Küste gelegenen Dörfer ein schauderhafter Anblick darbot.
An dem Hause eines Häuptlings waren 25 Köpfe von Feinden angenagelt,
welche erst vor drei Wochen hinterrücks getötet und dann verspeist
worden waren.[157]
Noch eingehender berichtet Kapitän ~Edwin Redlick~ vom Schoner
„Franz“, der in neuester Zeit eine Kreuzfahrt durch das Inselgewirr
des westlichen stillen Ozeans bis Neu-Guinea unternahm. Er ankerte in
der Makira-Bai der Insel San Christoval (Bauro) und ging, begleitet
von einem dort wohnenden Engländer, ~Perry~, der Jagd wegen ans Land.
„Beim Verlassen der Bai begegneten wir verschiedenen großen Canoes
und an eins derselben heranrudernd, fanden wir, daß in demselben ein
zugerichteter oder gekochter Leichnam lag. ~Perry~ nahm die Sache
kühl, als etwas alltägliches und da er uns höchst entsetzt sah und den
Matrosen übel wurde, bemerkte er, daß er mindestens zwanzig Körper in
diesem Zustande gesehen habe, die gleichzeitig am Strande lagen, um
verspeist zu werden. An Bord des Kriegscanoes waren zwei Gefangene,
ein Knabe und ein Mädchen von etwa 14 Jahren. In der Absicht, ihr
Leben zu retten, erbot ich mich sie zu kaufen; doch konnte ich bieten,
was ich wollte, die Eingeborenen gingen nicht darauf ein. Wir hörten
später, daß die Schwarzen nach Makira gingen, die Hälfte des Körpers
dort verkauften und das Übrige einem andern Stamm; auch ihre beiden
Gefangenen verkauften sie. Wir kamen bald nachher an zwei Häuser, in
denen eine große Zahl Schädel von Leuten aufbewahrt wurden, die sie
gefressen hatten. Wir fanden die Eingeborenen ruhig und inoffensiv,
doch alle Kannibalen.“[158]
Die neuesten Nachrichten über den Kannibalismus auf den Salomonen
verdanken wir dem dort stationierten katholischen Missionar ~Verguet~.
Er ist dort noch _en pleine vigueur_; die Eingeborenen kennen nichts
delikateres als Menschenfleisch. Das ganze Dorf erschallt von
Freudenrufen, wenn ein Kannibalenfest stattfindet, man zerschlägt
Kokosnüsse, raspelt Taro und Ignamen, um Pasteten zu backen, während
der Leichnam zubereitet wird. ~Verguet~ schildert als Augenzeuge; nach
ihm ward der Kadaver in große Bananenblätter gewickelt und dann mit
stets erneuerten heißen Kieseln umgeben, bis er gar war. So bleibt
das Fleisch saftig. Man sieht sich vor, daß die Haare nicht verbrannt
werden; diese zieht man skalpartig mit der Haut ab und setzt diese
Perrücke auf eine Kokosnuß, die im Gemeindehaus aufgehangen wird.
Wenn die Insulaner Menschenfleisch verzehren, verstecken sie sich vor
den Europäern, doch verbergen sie die Sache nicht, wenn sie zufällig
bei ihren Mahlzeiten überrascht werden. Nicht selten, namentlich auf
Ysabel, sieht man Armbänder von Menschenzähnen oder am Halse der
Eingeborenen hängen Finger, Ohren oder andere Teile _qu’on ne nomme
pas_. Nach ~Verguet~ scheint keinerlei besonderer Aberglauben hier mit
dem Kannibalismus verknüpft zu sein.[159]
+Neu-Hebriden.+ ~Cook~ und seine Begleiter, welche nicht „so lieblos“
sein wollten, die Bewohner der Neu-Hebrideninsel Tanna auf eine bloße
Vermutung hin der Anthropophagie zu beschuldigen, wurden verhindert,
in das Innere der Insel vorzudringen, wobei man ihnen andeutete, man
würde sie, falls sie weiter vorwärts gingen, fressen. „Sie deuteten
durch Zeichen sehr verständlich an, daß sie einen Menschen zuerst
totschlügen, hierauf die Glieder einzeln ablöseten und dann das Fleisch
von den Knochen schabten. Endlich setzten sie die Zähne an den Arm,
damit uns gar kein Zweifel übrig bleiben sollte, daß sie wirklich
Menschenfleisch äßen.“[160] Und noch wiederholt geschah während der
Anwesenheit des Entdeckers dasselbe, so daß schon damals kein Zweifel
darüber herrschen konnte, die Bewohner von Tanna seien Anthropophagen.
~G. Forster~, nach dem Grunde forschend, ruft dann aus: „Gemeiniglich
pflegt man dieselbe dem äußersten Mangel an Lebensmitteln Schuld zu
geben; allein was für einer Ursache will man sie hier beimessen, wo
das fruchtbare Land seinen Einwohnern die nahrhaftesten Pflanzen und
Wurzeln im Überfluß und nebenher auch noch zahmes Vieh liefert? Wohl
ungleich wahrscheinlicher und richtiger läßt sich diese widernatürliche
Gewohnheit aus der Begierde nach Rache herleiten.“[161]
Die Neu-Hebriden-Bewohner sind, wie die übrigen Melanesier, bis zu
dieser Stunde greuliche Kannibalen. Der Missionar ~George Turner~, der
lange auf Tanna lebte, bemerkt von den dunkelfarbigen Eingeborenen:
„Wenn der Körper eines Feindes erhalten wird, richtet man ihn für
den Ofen her und serviert ihn bei der nächsten Mahlzeit mit Yams.
Es kann darüber kein Zweifel herrschen. Sie sind ganz erpicht auf
Menschenfleisch und verteilen es in kleinen Bissen weit und breit unter
ihre Freunde als eine köstliche Speise. Ich erinnere mich eines Tages
mit einem Eingeborenen darüber gesprochen zu haben und versuchte, ihm
die Sache vergeblich zuwider zu machen. Er nahm alles mit herzlichem
Lachen auf und antwortete: ‚Schweinefleisch ist gut für Sie, dies aber
paßt für uns,‘ und indem er mich wie durch die That überzeugen wollte,
biß er in seinen Arm und schüttelte ihn, als ob er mit den Zähnen ein
Stück herausbeißen wollte. Auf anderen Inseln ist es anders, doch auf
Tanna ziehen kannibalische ‚Kenner‘ einen schwarzen Mann einem Weißen
vor. Der letztere, sagen sie, schmecke ‚salzig‘. Sie betrachten alles,
was ihnen in den Weg kommt, als ‚Fisch‘, wie die Niedermetzelungen
weißer Männer gezeigt haben.“[162]
Wie auf Tanna, so liegen die Verhältnisse auf den übrigen Eilanden
der Neu-Hebriden, auf Erromango[163], Malikollo, Espiritu Santo. Von
dieser nördlichen Insel haben wir einen den Kannibalismus bestätigenden
Bericht des dort wohnenden Missionars ~John Goodwill~, der vom 24.
Juni 1873 datiert ist.[164] Es herrschte einer der häufigen Kriege
unter den Eingeborenen. „Der zwei Miles von meiner Station wohnende
Häuptling tötete fünf ‚Buschleute‘ und verteilte sie unter die uns
befreundeten Dorfbewohner, damit sie sich daran ergötzen möchten.
Ich that alles, was in meiner Macht stand, sie davon abzuhalten
und erklärte ihnen, wie abscheulich der Kannibalismus sei. Ihre
ständige Antwort aber war: Es waren Ihre Feinde, die Sie zu töten
und auszuplündern suchten; sie stahlen Ihre Hühner, zerbrachen Ihre
Fenster, Möbel u. s. w. und das ist Grund genug, sie zu töten und zu
verzehren.“