Illustration versehen, die von den Gebrüdern ~de Bry~ herrührt, und bei
der ein Frankfurter Metzgerladen als Modell gedient hat; nur daß hier
statt der Teile von Ochsen oder Schweinen menschliche Glieder zur Schau
gestellt sind.
Auch ~Edward Bowdich~, derselbe, der sich durch seine Reise nach
Aschanti um die Völkerkunde verdient machte, bringt uns Belege für den
Kannibalismus der Völker am Gabon. Einige Tagereisen weit im Innern,
erzählt er, liegt das Land Kaylee, dessen Bewohner eine vergleichsweise
hohe Stufe einnehmen; aber sie sind Menschenfresser und essen nicht
allein ihre Gefangenen, sondern auch ihre Toten, deren Leichname
sogleich nach ihrem letzten Atemzuge feilgeboten werden. Häufig ißt ein
Vater sein eigenes Kind. Geflügel und Ziegen giebt es hier in Menge,
aber sie werden nicht gegessen, so lange man noch Menschenfleisch haben
kann.[86]
~Bowdich~s „Kaylee“ vermag ich mit keinem Völker- oder Ländernamen auf
unsern heutigen Karten zu identifizieren, indessen dürfte der immerhin
übertriebene Bericht auf die Fan zu beziehen sein. Als ~Du Chaillu~
deren grauenvollen Kannibalismus betonte und das erzählte, was er mit
eigenen Augen gesehen, erhob sich arges Kopfschütteln. Und doch hatte
er nichts neues gesagt.[87]
Als ~Du Chaillu~ von der Corisco-Bai aus vordringend auf die ersten
Fandörfer traf, begegneten ihm sofort Spuren von Kannibalismus; er
traf ein altes Weib, das einen Menschenschenkel schleppte, „gerade als
wollte sie zu Markte damit gehen“, und in einem Palaverhause war ein
Körper verteilt worden; der Kopf wurde für den König aufbewahrt.[88]
Später sah er beim Fankönige Ndiayai, wie der Leichnam eines Menschen,
der an einer Krankheit gestorben, zum Verspeisen verteilt wurde,
worüber er sich nicht wenig entsetzte. „Sie sprachen frei und offen
über die ganze Sache und man sagte mir, daß sie regelmäßig die Toten
der Oscheba kaufen, die umgekehrt wieder die ihrigen kaufen. Sie kaufen
auch die Toten anderer Familien ihres eigenen Stammes und erhandeln
die Körper vieler Sklaven von den Nbichos und Mbondemos, wofür sie
gern Elfenbein geben, einen kleinen Stoßzahn für einen Leichnam.“ Auf
die Autorität des Missionars ~Walker~ am Gabon gestützt, erzählt ~Du
Chaillu~ ferner, daß Fan, die aus dem Innern an den Gabon kamen, dort
einen frischbegrabenen Toten ausgruben, kochten, verzehrten. Andre
räucherten das Fleisch eines Menschen und nahmen es mit sich als
Vorrat. Ohne alle Scham und Scheu betreiben sie die Menschenfresserei
ganz offen; ~Du Chaillu~ sah bei ihnen hochgeschätzte Messer, deren
Heft mit Menschenhaut überzogen war.[89] Noch weiter nach dem Innern
hin verzeichnet ~Du Chaillu~ außer den bereits erwähnten Oscheba auf
seiner Karte noch die Moschobo als Kannibalen.
Mag einige Färbung in diesen, übrigens mit ~Bowdich~ übereinstimmenden
Erzählungen unterlaufen, so sind sie nichtsdestoweniger im allgemeinen
wahr, und an Kontrolle fehlt es keineswegs. ~Winwood Reade~ berichtet
ähnliches, und er bestätigt ausdrücklich die Geschichte, daß die Fans
am Gabon Leichen ausgegraben und verzehrt haben. Nur darin weicht
er von ~Du Chaillu~ ab, daß er angiebt, die Fan schämten sich ihres
Kannibalismus und jedes Dorf schiebe die Sache auf sein Nachbardorf.
Doch bleibt die Thatsache selbst dadurch unberührt, und im Gespräch
mit einem „Veteran-Kannibalen“ erfuhr er, daß Menschenfleisch so
gut und fett wie Ochsenfleisch sei. Der Alte verneinte aber auf das
bestimmteste, daß die Fan ihre Verwandten verzehrten, obgleich alle
Nachbarstämme dies von ihnen behaupten.[90] Jene Menschenfresser
ihrerseits hielten alle Weißen für Kannibalen und glaubten fest,
daß die Sklaven nur darum von ihnen fortgeführt würden, um in fernen
Landen verspeist zu werden. „Warum die Schwarzen besser als die Weißen
schmeckten“, wurde ~Winwood Reade~ gefragt, worauf er „aus Politik“ zur
Antwort gab, das Fleisch der Weißen sei giftig.[91]
Wäre noch weitere Bestätigung des Kannibalismus der Fan notwendig,
so finden wir diese bei französischen Reisenden. Der Marinearzt
Dr. ~Griffon du Bellay~, der mit dem Lieutenant ~Serval~ mehrere
Fahrten vom Gabon aus ins Innere machte und von 1861 bis 1864
vollauf Gelegenheit hatte, die Fan kennen zu lernen, giebt uns
weitere bestätigende Nachrichten, indessen mit dem Zusatze, die Fan
hielten die Sache geheim und schlössen selbst ihre Kinder bei den
Kannibalenschmausereien aus.[92] Nach ~Griffon du Bellay~ sind auch die
Bakalai am Gabon Anthropophagen.[93]
Noch weiter südlich treffen wir in Angola auf die Kissama (Quissama)
am Koanza, die 1870 ~Charles Hamilton~ besuchte. Unter diesem Volke
fand der Reisende noch Kannibalen „weiter nach dem Innern hin“: bei
denjenigen Kissama jedoch, welche am Koanza und dessen Nähe wohnen,
kommt die Anthropophagie nur selten vor. Die wenigen Menschenfresser,
mit welchen Hamilton in Berührung kam, sahen häßlich und ungesund aus.
Interessant ist es von Hamilton zu erfahren, daß die Menschenfresserei,
ähnlich wie bei den Batta auf Sumatra, bei den Kissama als eine Strafe
ausgeübt wird. Wer unter den Kannibalen seine Schulden nicht bezahlen
kann, oder wer ein Verbrechen begangen hat, wird ohne weiteres getödtet
und verzehrt. In neuer Zeit kommt es aber vor, daß „die Aufgeklärteren“
dem Verbrecher die Wahl lassen, ob er sterben oder als Sklave an die
Portugiesen verkauft werden wolle; in der Regel zieht er den Tod vor,
denn die Portugiesen sind außerordentlich verhaßt.[94] Es ist das
Innere des portugiesischen Westafrika von altersher ein bevorzugter
Boden für die mit Anthropophagie verknüpften Greuel gewesen, denn dort
war der Sitz der mit Sagen umwobenen Jagas, worunter Herrscher und Volk
verstanden werden.
Mit Opfergebräuchen vermischt ist die gelegentliche Anthropophagie bei
den Kimbunda (portugies. Westafrika). Damit die Regierung des Fürsten
glücklich ausfalle, wird der Ouri-Kongo geopfert, der tapferste unter
allen Kriegsgefangenen. Durch das Verzehren seines Fleisches wird auch
der Fürst tapfer. ~Ladislaus Magyar~ berichtet als Augenzeuge: Der
Wahrsager zerlegt den Rumpf, reißt die Eingeweide heraus und wahrsagt
daraus. Dann werfen seine Gehilfen die Eingeweide weg, mit Ausnahme des
Herzens. Endlich wird der Kadaver in kleine Stücken zerschnitten und
unter den anwesenden Hokaführern verteilt, wobei der Wahrsager Sorge
trägt, daß jeder außer dem Stück Fleisch auch etwas vom Herzen bekomme
(wohl weil letzteres als Sitz der Tapferkeit gedacht ist). Der Fürst
und die Kriegshäupter mischen das erhaltene Menschenfleisch mit Hunde-
und Rindfleisch, kochen es an den vielen Feuern und essen es. Sie
glauben nun infolge dessen eine solche Kraft zu erlangen, daß sie immer
mit Erfolg gegen ihre Feinde kämpfen werden.[95]
Menschenopfer mit Anthropophagie verknüpft fanden am Hofe der Jagas bei
der Sambamento genannten Festlichkeit noch zur portugiesischen Zeit in
Kassanje statt. Wenn der Nicango, das Schlachtopfer, auserwählt war,
wurde er bei Hofe mit denselben Ehren wie der Fürst selbst behandelt,
ein Verfahren, daß wir auch anderweitig bei den dem Tode geweihten
Opfern finden (Mexiko, Brasilien). Am Tage des Festes wurde der Nicango
vor den Jaga geführt mit dem Rücken dem letzteren zugewendet, worauf
der Jaga mit einem halbmondförmigen Messer den Rücken des Nicango
durchschnitt, bis er zum Herzen gelangt, das er herauszog. Er nahm
einen Bissen davon, den er dann wieder ausspuckte und ließ dann das
Herz verbrennen. Unterdessen hielten die Macotas (Hofwürdenträger)
das Schlachtopfer so, daß sein Blut über die Brust und den Bauch des
Jaga strömte; nachdem dieses geschehen, rieben sie sich selbst den
Körper damit ein, dabei ausrufend: Groß ist der Jaga! Der Leichnam
des Nicango wird dann abseit enthäutet, in kleine Stücken zerhackt und
mit Ochsen-, Hunde- und Hühnerfleisch zusammen gekocht. Dieses Gericht
wird zuerst dem Jaga, dann seinen Würdenträger und zuletzt allem Volk
zur Speise vorgesetzt. Wer sich weigert davon zu essen, verfällt der
Sklaverei. Mit Gesang und Tanz endigte das Sambamentofest. Früher
erhielt auch der portugiesische Direktor der Messe in Kassanje sein
Teil von dem Gericht, wofür er ein Fäßchen Branntwein spendete.[96]
+Südafrika.+ Erst in der letzten Zeit haben wir Nachrichten von
dem Vorhandensein der Anthropophagie auch an der Südspitze Afrikas
erhalten, und die Kannibalenhöhlen im Basutolande haben nicht geringes
Aufsehen erregt. Das Basutoland liegt zwischen dem Oranjefreistaat
und den englischen Besitzungen mitten inne und war der Schauplatz
fortwährender Kriege zwischen den Weißen sowohl und den Basuto,
als zwischen eingebornen Stämmen selbst. Während der Verwilderung
und Hungersnot, die infolge dieser Kriege eintrat, soll erst der
Kannibalismus entstanden sein. Die ausführlichsten Nachrichten über
denselben erhielten wir durch ~James Henry Bowkwer~, Dr. ~Bleek~ und
Dr. ~John Beddoe~.[97] ~Bowker~ besuchte 1868 eine der Höhlen, die
in der Nähe der verlassenen Missionsstation Cana gelegen ist. „Der
Eingang, sagt er, liegt unter weit vorstehendem und überhängendem
Gestein und bildet so ziemlich in der ganzen Breite der Höhle einen
weiten, von der Natur gewölbten Bogen. Die Länge der Höhle beträgt etwa
130, die Breite 100 Ellen. Die hohe, gewölbte Decke ist von Rauch und
Ruß geschwärzt; auf dem Fußboden lagen ganze Haufen von Menschenknochen
umher, teils förmlich aufgeschichtet, teils überall zerstreut. Auch
vor der Höhle lagen auf dem Abhange, soweit das Auge reichen konnte,
Knochen und Schädel umher, letztere in außerordentlich großer Menge
und zumeist von Frauen und Kindern. Sie waren vermittels stumpfer Äxte
oder auch geschärfter Steine in Stücke geschlagen worden, gleich den
Markknochen, welche man dann der Länge nach gespalten hatte. Nur an
einigen wenigen waren Spuren von Feuer zu bemerken; die Höhlenmänner
zogen das Kochen dem Braten vor.“
„Man kann sich denken, unter welcher Aufregung ich diese düstere Höhle
untersuchte. Der Führer geleitete mich an eine Stelle, wo einige
rauhe, unregelmäßige Stufen in eine dunkle Galerie führten; dort
wurden die Schlachtopfer aufbewahrt, bis an sie die Reihe kam. An ein
Entrinnen von dort war nicht zu denken. Bei Wilden, welche etwa durch
Hungersnot zum äußersten getrieben werden, um ihr nacktes Leben zu
fristen, findet der Kannibalismus eine Erklärung. Mit dem Volke hier
aber verhält sich die Sache ganz anders. Diese Menschen bewohnen ein
fruchtbares Land, in welchem auch Wild in Menge vorhanden ist. Aber
trotzdem machten sie nicht bloß Jagd auf ihre Feinde, um dieselben
aufzufressen, sondern sie verzehrten sich untereinander, sie machten
Gefangene von ihrem eigenen Stamme, und wenn eben keine anderen
Schlachtopfer vorhanden waren, dann kamen ihre eigenen Kinder und
Weiber an die Reihe. Eine träge oder zanksüchtige Frau wurde sofort
schnell abgethan und gab ein leckeres Mahl; ein Kind, das zu viel
schrie, wurde ohne weiteres still gemacht und abgekocht; Kranke und
Schwache ließ man nicht etwa des natürlichen Todes sterben, sie hätten
ja dann nicht den Magen stillen können. So war es mit diesem Volke
beschaffen. Man sagt zwar, daß sie den Kannibalismus schon seit vielen
Jahren aufgegeben hätten, ich fand aber in der Höhle ganz untrügliche
Beweise dafür, daß die Praxis noch nicht verloren gegangen ist, denn
einige Knochen waren sehr frisch; sie hatten augenscheinlich einem
starkknochigen Mann angehört, dessen Schädel hart wie Erz war; an den
Gelenken befand sich noch Mark und eine fettige Substanz. Er konnte
erst vor einigen Monaten geschlachtet worden sein.“
„Diese Höhle gehört zu der größten in der ganzen Gegend und diente den
Kannibalen als eine Art Hauptquartier. Vor dreißig Jahren war übrigens
das ganze Land vom Molutaflusse bis zum Caledon, dann auch ein Teil der
Region am Putesanaflusse von Anthropophagen bewohnt, welche Schrecken
unter den umwohnenden Stämmen verbreiteten. Sie schickten Jagdpartien
aus, welche sich in der Nähe betretener Pfade oder Gärten, Triften und
Trankplätze in den Hinterhalt legten und es vorzugsweise auf den Fang
von Frauen und Kindern abgesehen hatten.“
„Noch heute leben viele alte Kannibalen, und an demselben Tage, an
welchem ich jene Höhle besuchte, machte ich mit einem derselben
Bekanntschaft. Er ist nun etwa sechzig Jahre alt. Als er noch in der
Höhle hauste, fing er einst drei junge Weiber; davon nahm er eines zu
seiner Gefährtin, die beiden andern wurden gekocht. Jene Ehe ist dann
eine recht glückliche gewesen, und die Frau Gemahlin hat sich bald
an die neue Lebensweise gewöhnt; man zeigte mir den Winkel, welcher
dieser glücklichen Familie zum Aufenthalt gedient.“
So weit ~Bowker~. Der deutsche Sprachforscher Dr. ~Bleek~ fügte dem
Aufsatze einige Bemerkungen hinzu, welche für die Geschichte dieses
Kannibalismus von Interesse sind. Danach findet man weiteres darüber
in dem Werke: „Relation d’un voyage d’exploration au nordest de la
colonie du Cap de bonne Espérance par ~Arbousset~ et ~Daumas~“,
Paris 1842, 105-123. Die Reise fällt in das Jahr 1836. Ferner kurze
Notizen in ~Edward Salomon~s „Two lectures on the Native Tribes of the
interior“, Capstadt 1855, 62 bis 64. ~Salomon~ zufolge fand sich der
Kannibalismus bei vier Stämmen; zwei davon, die Bakufeng und Makatla,
sind Betschuanen; die beiden andern, Bamakakana und Bamatlapatla,
sind Kaffern. Höchst wahrscheinlich wurden sie Kannibalen infolge
der Kriege, durch welche jene Gegenden arg verwüstet wurden. Die
Liebhaberei nach Menschenfleisch blieb, als die Not längst vorüber war,
und der Kannibalismus hielt sich dann längere Zeit. Die einheimische
Sage der Zulu wie der Betschuanen weiß viel von den Amazimu und Marimo,
den Menschenfressern, zu erzählen.[98]
Dr. ~John Beddoe~ endlich berichtet über die Art und Weise, wie
die Anthropophagen mit ihren Schlachtopfern umgingen, und zwar war
das Verfahren ein außerordentlich regelmäßiges, man kann sagen mit
Fleischerkunst ausgeübtes. Jeder Schädel ist vermittels einer Axt am
Nasenbein querüber auseinander gehauen; die Backenknochen wurden als
unbrauchbar weggeworfen. Dann wurde in den Oberkopf ein Loch geschlagen
und das Hirn herausgezogen. Die Rippenstücke wanderten in den Kochtopf.
Die Röhrenknochen wurden der Länge nach gespalten, und dann nahm man
das Mark heraus. Vielfach bemerkte man noch die Knorpel und sah man
Spuren von Messerschnitten an den Schädeln, von denen das Fleisch
streifenweise abgelöst wurde. Alle Europäer (Boers), welche bei dem
Angriffe auf Thaba Bosiu (Moscheschs Feste im Basutolande) fielen,
wurden sofort aufgefressen, weil man wähnte, daß dadurch ihr Mut in den
Leib der Kannibalen übergehen würde.
Daß die Anthropophagie in Südafrika nicht bloß auf die Basuto
beschränkt bleibt, hat ~Karl Mauch~ angedeutet.[99] Er selbst hat zwar
keinen Fall von Kannibalismus darthun können, indessen fand er, daß die
Eingebornen allgemein davon sprachen. „Am glaubwürdigsten, schreibt
er, scheint mir noch die Aussage meines Dolmetschers 1871 zu sein.
Als wir nämlich in die Nähe von Lomando, einem Baromapulana-Häuptling
in den östlichen Zoutpansbergen kamen, riet mir der Dolmetscher ja
recht vorsichtig zu sein, insofern Lomando ein unversöhnlicher Feind
der Boers sei. Unter andern erwähnte er auch, daß er (Lomando) sich
öfter junge Mädchen im Felde fangen lasse, um sie zu schlachten und
aufzuessen; besonders sollen die Schamteile für ihn das Leckerste
daran sein. Was das Aussehen dieses Häuptlings betrifft, so entspricht
es ganz solcher Möglichkeit; ich habe nirgends eine Physiognomie
beobachtet, welche so sehr der tierischen sich nähert: breite,
aufgeworfene Lippen mit ungemein stark ausgebildeten Freßwerkzeugen;
die Lider bedecken zur Hälfte die kleinen blutrünstigen Augen; eine
sehr niedrige Stirne, rohes Geschwätz bei kreischender Stimme; roh
gebaut und äußerst schmutzig; eine treffliche Kreatur, einen Kannibalen
darzustellen, wie ich in meinem Journal sagte.“
„Ein Missionär, der seine Station in der Nähe des westlichen Endes
der Zoutpansberge hat, sagte mir, alle Baromapulana seien Kannibalen;
er bewache deshalb seine Kinder ängstlich, damit sie nicht gestohlen
würden.“
„Albasini, portugiesischer Konsul in derselben Gegend, wollte ebenfalls
bemerkt haben, daß in den Zoutpansbergen noch Menschenfresser wohnen.“
Auf diese Zeugnisse gestützt mag es wohl erlaubt sein, die Baromapulana
unter die Anthropophagen einzureihen. Weiter nördlich bei den Matebele
fand ~Mauch~ keine Spuren von Kannibalismus, und ebenso wenig erzählen
andere Reisende, die mit diesem mordlustigen Kaffernstamme in Berührung
kamen, wie z. B. ~Mohr~, etwas davon. „Gegen Nordosten -- also nach
dem untern Sambesi hin -- habe ich nie etwas von Kannibalen gehört“,
schrieb mir ~Mauch~.
Alle diese Mitteilungen über den Kannibalismus unter südafrikanischen
Bantu-Stämmen reichen aber nicht hin dieselben im ganzen
zu gewohnheitsmäßigen Kannibalen zu stempeln und es muß, in
Übereinstimmung mit ~Fritsch~[100] dargethan werden, daß die
Menschenfresserei unter ihnen sporadisch wohl vorgekommen, nie aber zur
Stammessitte geworden ist.
+Centralafrika.+ In vorislamischer Zeit hat die Anthropophagie am Nile
weiter abwärts geherrscht, wenigstens im Bereiche der Neger, und Spuren
davon sind bis auf unsere Zeit gekommen, soviel der Islam auch hier
aufräumte.
In Darfor war es Brauch bei der Thronbesteigung des Sultans und dann
an einem bestimmten Festtage in der Residenz zwei Knaben, Söhne der
gleichen Eltern, zu opfern; das Fleisch wurde vom Sultan und den
höchsten Beamten verzehrt; wer sich dessen weigerte, wurde als Verräter
betrachtet. Dieses aus der Heidenzeit stammende Opfer hat sich selbst
lange in dem islamitischen Darfor erhalten und ist erst vom Sultan
Husseïn (regierte in den fünfziger Jahren) abgeschafft worden.[101]
Unsicher ist die Anthropophagie der Burum, die zwischen 11° und 12°
nördl. Br. in mehreren Stämmen die innere Dschesireh (Insel, das
Land zwischen dem blauen und weißen Nil) bewohnen. Sie zeigen „den
vollendeten Negertypus, sind meist von kolossalem Bau und großer
Wildheit, ja es wird ihnen sogar allgemein Anthropophagie zur Last
gelegt“, meldet von ihnen ~Ernst Marno~, welcher 1870 an die Grenze
ihres Gebietes gelangte.[102] Wie ~Marno~ mir mündlich berichtete,
besaß er einen Diener, der diesem Stamme angehörte und ihm offen
eingestand, daß bei seinem Volke Kannibalismus herrsche, doch konnte
der Reisende sich nicht persönlich hiervon überzeugen.
Desto sicherer ist die Anthropophagie der Niam-Niam, deren Gebiet
zwischen 4° und 7° n. Br. von 29° östl. L. v. Gr. nach Westen hin an
den Zuflüssen des weißen Nil sich erstreckt, und die sich selbst Sandeh
nennen. Alle Reisenden, die an den weißen Nil kamen, hörten von ihnen
und berichteten neben manchem Märchen -- man gab sie ja lange Zeit für
„geschwänzte“ Menschen aus -- auch daß sie Kannibalen seien. ~Theodor
von Heuglin~, der von Norden her ihrem Lande am nächsten kam, sucht sie
vom Verdachte der Anthropophagie zu reinigen[103], indessen sollten
bald vollgültige Beweise hierfür beigebracht werden.
Ein italienischer Handwerker, ~Carlo Piaggia~, trieb sich mehrere
Jahre lang mit nubischen Elfenbeinhändlern und Sklavenjägern im
Niam-Niamlande herum und brachte ein volles Jahr, bis Februar 1865,
bei dem Häuptlinge Tombo zu, wo er nicht nur Nachrichten über die
Anthropophagie einzog, sondern selbst Zeuge war, wie das Fleisch der
erschlagenen Feinde verzehrt wurde.[104] Hätten an ~Piaggia~s Berichten
noch Zweifel aufkommen können, so sind wir über den Kannibalismus der
Niam-Niam durch ~Georg Schweinfurth~ völlig aufgeklärt, welcher auf
seiner epochemachenden Reise 1870 sie genau kennen lernte. Der Name
Niam-Niam ist der Sprache der Dinka entlehnt und bedeutet „Fresser,
Vielfresser“, auf die Anthropophagie dieses Volkes anspielend. „Im
großen und ganzen darf man getrost die Niam-Niam als ein Volk von
Anthropophagen bezeichnen, und wo sie Anthropophagen sind, sind sie
es ganz und ohne Reserve um jeden Preis und unter jeder Bedingung.
Die Anthropophagen rühmen sich selbst vor aller Welt ihrer wilden
Gier, tragen mit Ostentation die Zähne der von ihnen Verspeisten auf
Schnüre gereiht wie Glasperlen am Halse und schmücken die Pfähle
bei den Wohnungen mit Schädeln ihrer Opfer. Am häufigsten und von
allgemeinstem Gebrauche wird das Fett von Menschen verwertet. Dem
Genusse ansehnlicher Mengen schreiben sie allgemein berauschende
Wirkung zu. Verspeist werden im Kriege Leute jedes Alters, ja die Alten
häufiger noch als die Jungen, da ihre Hilflosigkeit sie bei Überfällen
zur leichten Beute des Siegers gestaltet. Verspeist ferner werden
Leute, die eines plötzlichen Todes starben und in dem Distrikte, wo sie
lebten, vereinzelt und ohne den Anhang einer Familie dastanden; es ist
das jene Kategorie von Menschen, welche bei uns der Anatomie verfallen.
-- -- Nach den von Niam-Niam selbst eingezogenen Nachrichten und
Erklärungen verabscheuen diejenigen, welche überhaupt Anthropophagen
sind, nur dann den Genuß von Menschenfleisch, wenn der Körper einem an
ekelhaften Hautkrankheiten Verstorbenen angehörte“.[105]
Die Details, welche ~Schweinfurth~ über den Kannibalismus der Niam-Niam
beibringt, sind haarsträubender Natur. Das Fett der Babuckr, eines
Negerstammes, der vorzugsweise den Niam-Niam Fleisch liefert, dient
allgemein als Speiseöl, und der Reisende mußte seine Lampe damit
speisen, da anderes Öl nicht aufzutreiben war. „Im Niam-Niamlande
war ich selbst Zeuge, daß man die Krieger, welche die Nubier auf
einem Sklavenraubzug ins Babuckr-Gebiet begleitet hatten, mit alten
untauglichen Weibern beschenkte -- zum Essen, und mir gab man nach
einiger Zeit die Köpfe.“ Ebenso sah ~Schweinfurth~ neugeborene Kinder
von Sklavinnen, die als Leckerbissen zum Fressen bestimmt waren. „Diese
Wahrnehmung war das Ungeheuerlichste, was ich gesehen; ich hätte sofort
meinen Revolver in Thätigkeit setzen mögen, doch wandte ich schnell der
gräßlichen Scene den Rücken“.[106]