Sehen wir hier nun Rachsucht als Ursache des Kannibalismus, so

erstaunen wir nicht wenig, wenn wir durch ~Franz Junghuhn~ erfahren,

daß die Menschenfresserei bei den Batta in einigen Fällen sogar

gesetzlich als Strafe vorgeschrieben ist und zwar dann, wenn ein

niedrig stehender Mann mit der Frau eines Radscha Ehebruch getrieben

hat, wenn Jemand sich des Landesverrats, der Spionage oder Desertion

zum Feinde schuldig gemacht und wenn ein Feind mit den Waffen in der

Hand gefangen genommen wird. Im letztern Falle ist ein Auffressen bei

lebendigem Leibe vorgeschrieben, in den beiden erstern Fällen ein

Verzehren, nachdem der Betreffende getödtet worden ist.[49] Daß der

Kannibalismus der Batta in der That integrierender Teil des Adat (der

Gesetzgebung) ist, bestätigt neuerdings Dr. ~S. Friedmann~[50], und der

amerikanische Reisende ~Albert S. Bickmore~[51] führt eine Reihe von

Beispielen an, daß noch vor kurzem, aller holländischen Oberaufsicht

zum Trotz, jene fürchterlichen Gesetze streng ausgeführt werden. Eine

Folge dieser fortgesetzten Übung des Kannibalismus ist gewesen, daß

ein Geschmack am Menschenfleisch bei einzelnen Batta sich eingestellt

hat, wie denn der Radscha von Sipirok dem niederländischen Gouverneur

von Padang versicherte, daß er zwischen dreißig- und vierzigmal

Menschenfleisch gegessen, und daß er in seinem ganzen Leben nie etwas

genossen habe, das ihm halb so gut schmeckte.[52]

Auf den übrigen Inseln des malayischen Archipels dürfen wir die

Anthropophagie größtenteils als eingegangen betrachten. Zwar herrschen

dort barbarische Gebräuche, wie das Kopfschnellen, noch immer im

ausgedehnten Maßstabe, aber Kannibalismus nicht mehr. Der Malaye

zeichnet sich durch Blutdurst aus, ja er ist nach ~Müller~[53] der

Kannibale κατ’ εξοχην; um so erfreulicher, daß die Menschenfresserei

bis auf geringe Spuren im Archipel verschwunden ist. Zu ~Pigafetta~s

Zeiten scheint sie noch weiter verbreitet gewesen zu sein, denn er

führt mehrere zu den Molukken gehörige Inseln -- die sich heute nicht

mehr identifizieren lassen --, ferner das Innere, damals noch von

Heiden bewohnte Amboinas, endlich Buru an, wo Kannibalen hausen.[54]

Mit dem Vordringen des Mohamedanismus ist die Anthropophagie auch hier

ausgerottet worden.

Einst mag auch bei den Dajaks auf Borneo die Anthropophagie weit

verbreitet gewesen sein; heute lassen sich nur verhältnismäßig geringe

Spuren derselben nachweisen. Am schlimmsten scheint es hiermit noch

bei den Kajans im Innern zu stehen, wie aus dem Zeugnisse ~Spenser

St. John~s hervorgeht. Das Fleisch eines im Kriege gefallenen Feindes

nahmen sie in Körben mit sich, um es Abends im Lager zu rösten und zu

verspeisen. Als 1855 mehrere Muka-Leute in Bintulu hingerichtet wurden,

versicherten einige Kajans sich des Fleisches, das sie brieten und

verspeisten. _Perhaps to strike terror into their enemies_, sagt unsere

Quelle.[55]

Von den Tring-Dajaks am Mahakkanflusse in Südostborneo giebt Bock auf

das entschiedenste an, daß sie Kannibalen seien. Augenzeuge ist er

indessen nicht gewesen. Eine Tringpriesterin erklärte ihm, daß die

innere Fläche der Hände, das Fleisch an den Knieen und das Gehirn die

größten Leckerbissen seien; der Häuptling des Stammes berichtete, daß

sein Volk nicht jeden Tag Menschenfleisch äße, dieses wäre nur ein

Festmahl bei Schädeljagden.[56] Im Verein mit der letzteren Thatsache

läßt sich hier Rachsucht als Motiv des Kannibalismus der Dajaks

annehmen.

Von Celebes sagt ~Bickmore~, daß im Innern ein Kopfjägervolk wohne,

welches die Küstenstämme Turaju nennen und das Menschen fressen soll.

~Barbosa~, dessen Werk 1516 erschien, und der mit ~Magalhaes~ später

ermordet wurde, behauptet ähnliches von allen Einwohnern der Insel zu

seiner Zeit. Er sagt, wenn sie nach den Molukken kämen, um Handel zu

treiben, pflegten sie den König jener Inseln zu bitten, er möge die

Güte haben, ihnen die Leute zu überlassen, die er zum Tode verurteilt

hätte, damit sie an den Leichen solcher Unglücklichen ihren Gaumen

befriedigen könnten, „als ob sie um ein Schwein bäten“.[57]

+Philippinen.+ Schon als die Spanier unter ~Magalhaes~ nach den

Philippinen kamen, finden wir bei deren Bewohnern wenigstens eine

beschränkte Anthropophagie erwähnt. ~Antonio Pigafetta~, der

überlebende Reisegefährte des großen Seemanns und der Schilderer seiner

Fahrten, berichtet nämlich[58]: „An einem Vorgebirge dieser Insel

Buthuan und Callaghan (Busuagan und Calamianes?) erzählte man uns als

eine zuverlässige Sache, daß an dem Ufer eines gewissen Flusses einige

haarigte große Männer wohnten, die sehr tapfer mit Bogen und hölzernen

Degen einer Hand breit stritten; und wenn sie einige ihrer Feinde

getötet hatten, sogleich das Herz roh mit Pomeranzen- und Citronensaft

fräßen. Diese haarigten Menschen heißen Benaian“.

Den Namen Benaian finden wir wieder in Cap Benuian, der Nordspitze der

Insel Mindanao, und es ist erlaubt, hierbei an den Stamm der Manobos zu

denken, ein heidnisches malayisches Volk an der Ostküste von Mindanao.

~Semper~[59] erzählt nämlich von ihren nächtlichen Überfällen und fügt

hinzu: „Ist der Feind glücklich niedergeworfen und getötet, so zieht

der anführende Bangani (Priester) ein heiliges, nur diesem Dienste

geweihtes Schwert, öffnet der Leiche die Brust und taucht die Talismane

des Gottes, die ihm um den Hals hängen, in das rauchende Blut ein. Dann

reißt er das Herz oder die Leber heraus und verzehrt ein Stück davon,

als Zeichen, daß er nun seine Rache an dem Feinde befriedigt habe. Dem

gemeinen Volk wird es nie gestattet, Menschenfleisch zu kosten; es ist

das Vorrecht, aber auch die Pflicht des fürstlichen Priesters.“

Desgleichen giebt ~Jagor~[60] uns Nachrichten, welche wenigstens

das sporadische Vorkommen der Anthropophagie auf den Philippinen

annehmbar erscheinen lassen. Er erzählt, daß fast in jedem größern

Dorfe auf Samar und Leyte unter den Bisaya-Indiern ein oder mehrere

Asuán-Familien wohnen, „die allgemein gefürchtet und gemieden, wie

Ausgestoßene behandelt werden und sich nur unter einander verheiraten

können. Sie stehen im Rufe Menschenfresser zu sein. Vielleicht stammen

sie von solchen ab? -- Der Glaube ist sehr allgemein und festgewurzelt.

Darüber zur Rede gestellt, antworten alte einsichtsvolle Indier, sie

glaubten allerdings nicht, daß die Asuánen jetzt noch Menschen fräßen,

aber ohne Zweifel hätten ihre Vorfahren es gethan“.

Im Zusammenhang mit der bekannten Kopfjägerei, und Rachsucht als

Beweggrund zeigend, steht eine kannibalische Gewohnheit des Stammes

der Gaddanen auf Luzon. Nach Dr. ~José de la Campa~ entnehmen sie den

abgeschlagenen Köpfen ihrer Feinde das Gehirn, um es zu verzehren.[61]

Die prähistorische Analogie für diese Art der Anthropophagie scheint

-- bevor letztere bekannt war -- in den Höhlenbewohnern von Gourdan

(Pyrenäen) durch ~Piette~ nachgewiesen.[62]

+Asiatisches Festland.+ Das asiatische Festland angehend, so kommen

auch hier einzelne Berichte vor, welche diese oder jene Völkerschaft

der Anthropophagie bezichtigen. Indessen hier kann es sich nur um

einen Nachhall früherer Unsitte handeln, oder einen gelegentlichen

Kannibalenschmaus aus Hungersnot. Vergebens aber sehen wir uns nach

Zeugnissen um, welche gewohnheitsmäßige Anthropophagie bei einem

asiatischen Volke -- die Batta ausgenommen -- heute bestätigen. Der

Vollständigkeit halber wollen wir indessen hier anführen, was wir

an Andeutungen gefunden haben. Staatsrat ~von Eichwald~ giebt an,

daß noch im Jahre 1863 bei den Ostjaken infolge von Hungersnot das

Verzehren von Kindern vorgekommen sei.[63] Derselbe will auch die

Samojeden des Kannibalismus bezichtigen, da der Name derselben sich

aus dem Russischen sehr gut als „Selbstesser“ erklären läßt. Indessen

bemerkt ~Fr. Müller~[64] mit Recht, daß dieser Name der Volksetymologie

zu Liebe aus Samod entstanden sein dürfte, mit welcher Bezeichnung

noch gegenwärtig um Archangel die Samojeden von den Russen bezeichnet

werden. Er ist wahrscheinlich mit dem Namen Suomi (Finne) und Same

(Lappe) verwandt und datiert aus der Zeit, wo Finnen, Lappen und

Samojeden in unmittelbarer Nähe zusammenwohnten. Die Kaschmiris

berichten, daß die Darden Anthropophagen seien, und ein Dardenstamm

sagt dies dem andern nach, wiewohl dies nach ~Leitner~ unbegründet ist;

doch soll unter ihnen das Trinken des Blutes vom Feinde vorkommen.[65]

Auf Hörensagen beruhen die Angaben des Mönchs ~Rubruk~ (~Rubruquis~,

~Ruysbroek~), daß bis zu seiner Zeit (13. Jahrh.) die Bewohner von

Tebec (Tibet) die abscheuliche Sitte gehabt haben sollen, die Eltern

nach dem Tode zu verzehren, sie seien deshalb von den Nachbarn

verabscheut worden.[66]

[45] I viaggi di Marco Polo. Ausgabe von ~Lodovico Pasini~. Venezia

1857. 157.

[46] Purchas His Pilgrims. The Third Part. London 1625. 128. -- Was

~Odoardo Barbosa~ (1516), ~Beaulieu~ (1622), ~de Barros~ (1558)

u. a. über die Anthropophagie der Batta sagen, mag nachgelesen

werden in ~J. R. Forster~ und ~M. C. Sprengel~: Beiträge zur

Völker- und Länderkunde. Leipzig 1783. III, 298.

[47] Beschreibung der Insel Sumatra. Leipzig 1785, 387.

[48] Account of Sumatra. Philosophical Transactions vol. LXVIII. I.

1778. 161.

[49] ~Franz Junghuhn~, die Battaländer auf Sumatra. Berlin 1847. II.

155 ff.

[50] Die ostasiatische Inselwelt. Leipzig 1868. II. 45 f.

[51] Reisen im ostindischen Archipel. Aus dem Englischen. Jena 1869.

323. 337. 338. 339.

[52] ~Bickmore~ a. a. O. 323.

[53] Allgemeine Ethnographie. Wien 1873. 295.

[54] ~Pigafetta~, Erste Reise um die Welt. In ~M. C. Sprengel~

„Beiträge zur Völker- und Länderkunde“. Vierter Teil. Leipzig

1784. 138. 139. 141.

[55] ~Spenser St. John~, Forests of the far east. I. 123. 124.

[56] ~C. Bock~, Unter den Kannibalen auf Borneo. Jena 1882. 152. 153.

[57] ~Albert S. Bickmore~ a. a. O. 70.

[58] ~Pigafetta~ a. a. O. 110.

[59] Dr. ~C. Semper~, Die Philippinen und ihre Bewohner. Würzburg

1869. 62.

[60] ~F. Jagor~, Reisen in den Philippinen. Berlin 1873. 236.

[61] Mitteilungen der Wiener anthropologischen Gesellschaft.

Verhandlungen 1884. 53.

[62] Oben S. 4.

[63] Archiv für Anthropologie. III. 333.

[64] Allgemeine Ethnographie. 337. Anmerkung.

[65] Dr. ~G. W. Leitner~, Results of a tour in Dardistan etc. Vol. I.

Part. III. 9. Anmerkung. Lahore 1873.

[66] Recueil des voyages publié par la Société de Géographie. Paris

1839. IV. 289.

+Afrika+.

+Guineaküste und Nigerdelta.+ Der verdiente Anthropologe ~Waitz~ war

geneigt, die Anthropophagie bei den Bewohnern Afrikas schon vor einem

Vierteljahrhundert für fast eingegangen zu betrachten[67], und nur noch

mit den Verleumdungen in Verbindung zu bringen, welche ein Negerstamm

gern über den andern aussprengt. So führt er nur wenige auf die

Westküste und das Nigerdelta bezügliche Beispiele an, ohne großen Wert

darauf zu legen und bemerkt nur, daß wohl Feindschaft und Rachsucht die

Triebfedern des einst weit verbreiteten Kannibalismus gewesen seien,

wie der überall weit verbreitete Ausdruck „den Feind auffressen“,

d. h. zu Grunde richten, noch andeute.[68] Abgesehen jedoch von den

zahlreichen Beispielen, welche neuere Reisende beibringen, lagen schon

zu ~Waitz~ Zeit gehäufte Beweise des Kannibalismus in Afrika vor, der

dort noch immer eine klassische Stätte hat. Im mohammedanischen Afrika

ist die Anthropophagie so ziemlich verschwunden und der Sudan kennt sie

kaum. Sie tritt dagegen gleich in dem noch dem Fetischdienste ergebenen

Küstensaume auf und reicht, mit geringen Unterbrechungen, von Sierra

Leone bis an den Gabon und darüber hinaus.

Daß es bei den Westafrikanern sich auch um reine Gefräßigkeit und

nicht nur um religiöse oder andere Beweggründe bei der Anthropophagie

handelt, dafür liegen die Beweise vor. ~T. J. Hutchinson~, lange Jahre

britischer Konsul in Westafrika, berichtet: „Ich habe (1860) in einer

in Sierra Leone erscheinenden Zeitung gelesen, daß der Missionar

~Priddy~ mit eigenen Augen sah -- nicht, daß er bloß davon hörte --

wie Körbe mit getrocknetem Menschenfleisch umhergeschleppt und der

Inhalt zum Zwecke des Verzehrens verkauft wurde. Das Fleisch stammte

von Gefallenen aus einer Fehde zwischen den Susu- und Timney-Stämmen.

Die Thatsache ist bei Gelegenheit der 67. Jahresversammlung der

Missionsgesellschaft konstatiert worden und sie hat sich ereignet in

einer unserer Kolonieen, auf welche unsre Regierung schon 8 Millionen

verwendet hat.“ Auf einem Palmölhulk bei Bonny (Nigermündung) wurde, in

Gegenwart des Kapitän ~Straw~, ein Ju-ju-Mann von ~Hutchinson~ wegen

seines notorischen Kannibalismus und darüber, daß er am Tage zuvor

einen Menschenkopf, der als Leckerbissen galt, verzehrt habe, zur Rede

gestellt. Kaltblütig antwortete er: _I no eat him, for my cook done

spoil him; he no put nuff pepper on him._ Also weil der Koch den Kopf

nicht genug gepfeffert hatte, verschmähte ihn der Kannibale.[69]

Wenn ~Hutchinson~ auch das Hinterland von Liberia als Stätte des

Kannibalismus anführt, so spricht er nicht aus eigener Erfahrung. An

und für sich erscheint die Sache nicht unwahrscheinlich, wir bemerken

nur, daß der amerikanische Neger ~Anderson~, der es bereiste und ein

Buch darüber schrieb, durchaus nichts von Anthropophagie in jenen

Gegenden berichtet.

Der französische Viceadmiral ~Fleuriot de Langle~, ein genauer Kenner

der afrikanischen Westküste, bringt Belege bei, daß die Schwarzen im

Hinterlande von Bassam (Guineaküste) ihre Kriegsgefangenen verzehren.

„Jene von N’diou sind Fremde, die, so sagte man mir, aus dem

Gebirge herabkommen. Sie gehören zu den Bambaras. Die Quaquas haben

gleichfalls diesen abscheulichen Gebrauch, und er mangelt auch nicht

den Bourbourys, sie haben acht senegal’sche Jäger verschlungen, die

sie aus einem Hinterhalt gefangen nahmen, und man mußte diesen Schimpf

durch Verbrennung von Badou, Mapoyenne u. s. w. rächen.“ Ein gewisser

Pieter, der in ~Fleuriot de Langle~s Berichten eine Rolle spielt, war

zu zehn Unzen Strafgeld verurteilt worden, weil er einen seiner Sklaven

aufgefressen hatte.[70] Die Sache ist dort übrigens nicht neu, denn von

Groß-Bassam an der Guineaküste berichtet bereits ~Hecquard~, daß die

dortigen Neger noch aus Aberglauben gelegentlich Kannibalen seien. So

findet bei der Gründung eines neuen Dorfes ein Menschenopfer statt; aus

den Eingeweiden des Geopferten weissagen die Fetischeros; Herz, Leber

und die übrigen Eingeweide werden mit einer Henne, einer Ziege und

einem Fische gekocht und alle Festteilnehmer sind dann gezwungen, von

dem Mahle zu essen. Solche Fälle ereigneten sich noch 1850.[71]

Bei den Aschanti ist Anthropophagie nur eine sehr vereinzelte

Erscheinung, die keineswegs auf das ganze Volk sich ausdehnt und wenn

sie vorkommt, auf Aberglauben zurückzuführen ist. ~Bowdich~, dessen

Werk über Aschanti auch heute noch eine der vorzüglichsten Quellen

über dieses Land ist, erzählt folgendes: „Die Fetischmänner, die der

Armee folgen, schneiden einigen Feinden das Herz aus, und nach vielen

Zeremonien und Verzauberungen mit allerlei geweihten Kräutern essen

alle die, welche noch nie zuvor einen Feind getötet haben, einen Teil

davon; denn man sagt, wenn sie es nicht thäten, so würde ihre Kraft

und ihr Mut im Geheimen durch die Geister der Gebliebenen gequält

werden. Man sagt, daß der König und alle die Großen das Herz eines

berühmten Feindes unter sich teilten; doch flüsterte man sich dies

nur zu. Dagegen rühmten sie sich, die kleineren Gebeine und Zähne des

erschlagenen Monarchen bei sich zu tragen. Man zeigte mir einen Mann,

der das Herz des Feindes, den er getötet hatte, immer auffraß.“[72]

So wenig Wert wir hierauf legen, um im allgemeinen die Aschanti als

Anthropophagen zu erklären, eben so gering sind die Anhaltepunkte, die

benachbarten Dahomeher denselben beizugesellen, so übel berüchtigt

sie auch sonst wegen ihrer Menschenopfer sind. Zwar erzählt ~Robert

Norris~[73], daß bei gewissen Menschenopfern „der Körper des

preisgegebenen fast ganz aufgefressen werde“, indessen wollen wir

diese vereinzelte Nachricht auf sich beruhen lassen, zumal andere

Berichterstatter, die in Abomeh die „großen Gebräuche“ mit ansahen,

wohl der Schauderdinge genug erzählen, von Anthropophagie indessen

nichts wissen. Manches deutet jedoch darauf hin, daß die Dahomeher

+ehemals+ Anthropophagen waren. Der dänische Arzt ~Isert~ erzählt,

daß noch zu seiner Zeit (zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts) der

König von Dahomeh in das in einer Schale aufgefangene Blut der beim

Jahresfeste hingerichteten Schlachtopfer einen Finger tauchte und

diesen ableckte. ~Isert~ vermutet hierin wohl mit Recht einen letzten

Rest, gleichsam ein Sinnbild der ehemaligen Menschenfresserei.[74]

Wir führen gern alle Zeugnisse an, welche bei der Anschuldigung der

Anthropophagie entlastend wirken können; bei der Gegend, der wir uns

jedoch nun nähern, dem Nigerdelta, Calabar u. s. w., vermögen wir nur

in den schwärzesten Farben zu schildern, wobei sehr unverdächtige und

mit dem Lande durch viele Jahre hindurch vertraute Männer unsre Führer

sind: Consul ~Hutchinson~ und der schwarze Bischof ~S. A. Crowther~.

~Hutchinson~[75] erzählt, daß Consul ~Campbell~ aus Lagos ihm

geschrieben habe, wie die Edjo (Edschu) im Nigerdelta allgemein als

Kannibalen gelten. In Brass und Bonny (beide im Nigerdelta) verzehre

man alle Kriegsgefangenen, in dem Wahne, dadurch tapferer zu werden.

Consul ~Hutchinson~ bezweifelte die Thatsachen, bis es ihm gelang, sich

durch den Augenschein von der Richtigkeit zu überzeugen.

Ich mußte, schreibt er (in den ersten Monaten des Jahres 1859), amtlich

Bonny im Nigerdelta besuchen. Insgeheim wurde mir mitgeteilt, daß dem

Jujuhause gegenüber ein Mann geschlachtet und der Körper verzehrt

werden sollte. Dieser Mann hatte einen Sklaven, der beim Palmölhandel

beschäftigt war, ermordet; die Leiche war in voriger Woche an einem der

Creeks des Hamballalandes verzehrt worden. Die Neger hielten die Sache

geheim, und kein Weißer durfte davon wissen. ~Hutchinson~ wußte sich zu

verbergen und sah, wie am andern Morgen das Schlachtopfer hingerichtet

wurde. „Der Henker ging fort und alle sprangen auf mit einem Geheul

und Geschrei, wie man es von wilden Tieren hört. Sie stürzten auf den

geschlachteten Mann zu, schwenkten ihre großen Messer in der Luft

umher und schnitten Stücke ab. Ich glaubte mich an das jenseitige

Ufer des Styx versetzt, ich sah schwarze Geschöpfe in Menschengestalt

wie gierige Geier. Selbst Knaben und Mädchen trugen Fleischstücke,

von welchen das Blut herabträufelte und den Weg bezeichnete. Ein Weib

riß einer andern Frau zankend und schreiend einen Bissen weg, Fleisch

von einem Manne, der vor wenigen Minuten noch unter den Lebenden war.

Nachdem das Fleisch verteilt war, trug man die Eingeweide fort. Diese

waren für die Iguana, die große Eidechse, bestimmt, die ein Schutzgeist

des Volkes von Bonny ist. Bevor ich meinen Schlupfwinkel verließ,

fragte ich mich, ob ich denn meinen eigenen Augen trauen konnte? Das

Alles geschah im Jahre 1859 nach Christi Geburt, bei Leuten, unter

welchen der europäische Handel seit länger als einem halben Jahrhundert

seinen ‚civilisierenden‘ Einfluß übt.“[76]

Als Ergänzung hierzu führen wir noch folgendes an: Ein ungenannter

britischer Seeoffizier, welcher sich außerordentlich vertraut mit den

Verhältnissen an der afrikanischen Westküste gezeigt hat, berichtete

gelegentlich des Aschantikriegs wiederholt über den Kannibalismus,

der im Nigerdelta herrscht, an die „Times“. „John Jumbo (in England

erzogener Sohn des mächtigsten Bonnyhäuptlings) erzählte mir, daß

Ja Ja’s Leute ihre gefangenen und erschlagenen Feinde gleich als

Rationen behandelten, und Kapitän ~Hopkins~ (englischer Konsul für

die sogenannten ‚Oelflüsse‘) sah, wie sieben Mann ganz nahe bei

Bonny getötet, gekocht und gefressen wurden vor zwei oder drei

Jahren. König Georg Peppel (von Bonny) liebt dies nicht, ebenso wenig

seine Häuptlinge.[77] Doch es ist schwer, die Eingeborenen in den

Landdistrikten von einer gelegentlichen Mahlzeit ‚Menschen-Beefsteak‘

abzuhalten, die, wie ein Bonny-Häuptling sich äußerte, entschieden

dem ‚Ochsen-Beefsteak‘ (_beefee-beefee_) vorzuziehen sei. Doch der

Kannibalismus verliert entschieden an Popularität und wird wohl mit der

gegenwärtigen Generation aufhören.“[78]

Endlich die Zeugnisse des Missionsbischofs ~Samuel Crowther~, der

alljährlich den Niger von der Mündung aufwärts bis zum Benué befuhr,

dessen Berichte im „Church Missionary Intelligencer“ regelmäßig

abgedruckt wurden und fast jedesmal von Klagen überströmen, wie

der Satan unter den Schwarzen noch seine Hand im Spiele habe.

„Wenige Schritte von unserer zeitweiligen Schulhütte, so schreibt

er, steht hier in Bonnytown das große Jujuhaus. Auf den Pfosten

der Eingangsthüren, an den Wänden und dann im Innern sieht man als

Schmuck und Verzierung des Götzenhauses Hunderte von Menschenschädeln

aufgestellt. Man sagt, sie seien von Kriegsgefangenen, welche dem Juju

geopfert wurden; das Fleisch wurde verzehrt, weil man dadurch Rache an

den Feinden zu nehmen gedachte. Draußen, der Vorderseite gegenüber,

befand sich ein etwa sechs Fuß hohes Gerüst, auf welchem die Knochen

der Geopferten lagen. -- -- Ueberall an der Bucht von Benin ist es

während der letztverflossenen Monate sehr unruhig gewesen. Brass, Bonny

und Okrika führten Krieg gegen Neucalabar. Auf einem Zuge gegen den

Feind machten die Leute von Neucalabar 45 Gefangene. Diese alle wurden

getötet und gefressen. Die einzelnen Glieder sind unter das Volk, Alt

und Jung, Weiber und Männer verteilt worden. Jeder trug seinen Anteil

ganz offen nach Hause; mehrere Supercargos, welche von den Schiffen

nach Hause kamen, sind Augenzeugen gewesen. Man macht auch gar kein

Hehl aus der Sache. Bei einer andern Gelegenheit nahmen die Krieger der

Okrika den Neu-Calabaresen 103 Gefangene ab, und zur Wiedervergeltung

wurden diese allesammt totgeschlagen und dann aufgefressen.“[79]

Daß der Kannibalismus vom Nigerdelta aus am Strome weiter aufwärts

reiche, dafür finden wir ebenfalls in ~Crowtherx~s Berichten manche

Belege. Von seiner Reise im Jahre 1872 erzählt er unter andern von

Onitscha (linkes Ufer unter 6° 10′ N.): „Ein europäischer Matrose starb

in der Faktorei und wir suchten einen Begräbnisplatz für ihn. Da noch

niemand im Friedhofe unsrer neuen Kirche beerdigt war, so ließ ich das

Grab dort graben und den Toten nach dem Ritus der Kirche von England

bestatten. Nachdem dies geschehen, erzählten uns einige Mitglieder

der Gemeinde, daß wenn das Grab nicht mindestens eine Woche vor einem

benachbarten Stamme geschützt würde, der kannibalische Gewohnheiten

habe und Obotschi heiße, dieser sicher den Sarg ausgraben und den

Leichnam verzehren würde. Auf diesen Wink hin gab ich dem Agenten

des Handelshauses Auftrag, eine Woche lang Wächter auf dem Kirchhof

während der Nacht aufzustellen, damit das Herankommen der Kannibalen

verhindert werde. Das ist das Volk, welches wir zum Christentum

bekehren sollen!“[80] Auch ~Robins~, der 1864 die Nigerexpedition auf

dem „Investigator“ mitmachte, sagt, der ganze untere Lauf des Stroms

bis Onitscha aufwärts sei von Kannibalen bewohnt.[81]

Noch weiter östlich, am Altcalabar, hausen kannibalische Stämme.

Wie ~Hutchinson~ angiebt, wurde im Jahre 1859 zu Duketown (Atarpah,

linkes Ufer jenes Flusses) auf öffentlichem Markte Menschenfleisch zum

Verkaufe ausgestellt, gerade wie Ochsenfleisch auch.[82]

Spuren des Kannibalismus zeigen sich auch in den Hinterlanden des Niger

und Benue. Die Tangale, ein heidnischer Negerstamm im Süden von Jakoba

in Bautschi, sind nach ~Eduard Vogel~, der sie 1855 besuchte, „wilde

Bursche, die Menschenfleisch allem andern vorziehen. Sie essen alle im

Kriege erlegten Feinde, die Brust gehört dem Sultan, der Kopf als der

schlechteste Teil wird den Weibern übergeben.“[83]

+Äquatoriales Westafrika.+ Unzweifelhaft ist auch das äquatoriale

Westafrika eine Stätte der Anthropophagie. Schon bei den alten

Schriftstellern, wie ~Battel~ und dem Compilator ~Dapper~, finden wir

verschiedene darauf bezügliche Stellen, und ~Huxley~ macht darauf

aufmerksam, daß in ~Ph. Pigafetta~s Uebersetzung von ~Edoardo Lopez~

„Regnum Congo“ (Frankfurt 1598) von dem landeinwärts vom Ogowé

wohnenden Anziquen[84] die Rede ist, welche einander essen und weder

Freunde noch Verwandte schonen. „Ihre Fleischerläden, so heißt es in

dem Bericht, sind mit Menschenfleisch gefüllt statt mit Ochsen- oder

Schaffleisch; denn sie essen die Feinde, die sie im Kampfe gefangen

nehmen. Sie mästen, schlachten und verzehren auch ihre Sklaven, wenn

sie nicht glauben, einen guten Preis für sie noch zu erhalten; überdies

bieten sie sich zuweilen aus Lebensmüdigkeit oder Ruhmsucht -- denn sie

halten es für etwas Großes und für das Zeichen einer edlen Seele, das

Leben zu verachten -- selbst als Speise an. Es giebt allerdings viele

Kannibalen, wie in Ostindien, in Brasilien und anderswo, aber keine

solchen wie diese; denn die andern essen nur ihre Feinde, diese aber

ihre eigenen Blutsverwandten.“[85]

Die Anthropophagie · 第 2 / 11 段