####################################################################
Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1887 so weit
wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
Symbole gekennzeichnet:
kursiv: _Unterstriche_
fett: =Gleichheitszeichen=
gesperrt: +Pluszeichen+
Kapitälchen: ~Tilden~
unterstrichen: ·Mittelpunkte·
####################################################################
DIE
ANTHROPOPHAGIE.
EINE ETHNOGRAPHISCHE STUDIE
VON
RICHARD ANDREE.
[Illustration]
LEIPZIG,
VERLAG VON VEIT & COMP.
1887.
Von demselben Verfasser erschien früher:
DIE METALLE
BEI DEN NATURVÖLKERN.
MIT BERÜCKSICHTIGUNG
PRÄHISTORISCHER VERHÄLTNISSE.
Mit 57 Abbildungen im Text, gr. 8. 1884. geh. 5 _M._
_Demnächst_ erscheint:
GRUNDRISS
DER
ANTHROPOLOGIE.
Von
Dr. E. Schmidt,
Privatdozenten an der Universität Leipzig.
gr. 8. Mit zahlreichen Abbildungen im Text.
Leipzig. Veit & Comp.
DIE
ANTHROPOPHAGIE.
EINE ETHNOGRAPHISCHE STUDIE
VON
RICHARD ANDREE.
[Illustration]
LEIPZIG,
VERLAG VON VEIT & COMP.
1887
Das Recht der Herausgabe von Übersetzungen vorbehalten.
Druck von +Metzger+ & +Wittig+ in Leipzig.
Vorwort.
Bei der Anthropophagie ist zu unterscheiden zwischen der zufälligen
oder notgedrungenen und der gewohnheitsmäßigen. Die erstere, welche
infolge von Hungersnot, bei Belagerungen, Schiffbrüchen u. s. w.
überall und zu allen Zeiten vorkommt, ist hier ausgeschlossen. Sie
bietet kein ethnologisches Interesse. Zur Darstellung soll dagegen die
gewohnheitsmäßige Anthropophagie gelangen, welche einen Teil der Sitten
eines Volkes ausmacht. Mit dieser allein habe ich es zu thun; die
Thatsachen sollen möglichst vollständig vorgeführt, die verschiedenen
Stufen und die Ursachen, die gleichfalls sehr mannigfacher Art
sind, erläutert werden. Zunächst behandle ich die Anthropophagie in
vorgeschichtlicher Zeit, woran sich eine kurze Übersicht der alten
geschichtlichen Nachrichten über den Kannibalismus anschließt, kurz
deshalb, weil dieses Thema bereits wiederholt bearbeitet worden ist.
Es schließt sich daran ein Kapitel über die anthropophagen Überlebsel
Europas, über dasjenige, was in Sagen, Märchen, Volkssitten und
Aberglauben auf ehemaligen Kannibalismus in Europa schließen läßt.
Dann folgt jener Teil meiner Arbeit, auf welchen ich den Nachdruck
lege: die heutige Verbreitung und Ausübung der Anthropophagie, wobei
die Thatsachen in geographischer Ordnung vorgeführt werden. Eine
Ableitung der Ergebnisse aus dieser Stoffsammlung ergiebt sich dann von
selbst und die verschiedenartigen Beweggründe, sowie die allgemeinen
Betrachtungen über die noch bei Millionen heute herrschende
Menschenfresserei, das allmähliche Schwinden derselben, gleichlaufend
mit dem Vordringen der europäischen Einflüsse und unserer Civilisation,
können klar gelegt werden.
Bereits in den Mitteilungen des Vereins für Erdkunde zu Leipzig 1873
habe ich eine Abhandlung über die Verbreitung der Anthropophagie
veröffentlicht, welche der nachstehenden Darstellung zu Grunde
liegt. Seit jener Zeit hat sich der Stoff gehäuft, es sind nicht
nur zahlreiche Belege, namentlich Afrika betreffend, hinzugekommen,
sondern auch die Frage nach der prähistorischen Anthropophagie ist
jetzt eingehender erörtert worden, als es nach dem damaligen Stande
der Wissenschaft der Fall sein konnte. Da jene kleine Abhandlung oft
verlangt wurde und an einem weniger zugängigen Orte sich befindet, so
habe ich mich entschlossen, dieselbe in ausführlicherer und mit den
neuesten Ergebnissen der Wissenschaft vermehrter Form hier wieder zu
veröffentlichen.
+Leipzig+, im Juli 1886.
=Dr. R. Andree.=
Inhalt.
Seite
+Die prähistorische Anthropophagie+ 1
Der primitive Mensch als Jäger 1. -- Höhlen der Quaternärzeit mit
Menschenknochen 2. -- Zweifel an der prähistorischen Anthropophagie
2. -- Kannibalen von Chauvaux 3. -- Analogien mit heutigen
Naturvölkern 3. -- Prähistorische Anthropophagie in Frankreich 4. --
Grotta dei Colombi 5. -- Grotte von Peniche 5. -- Die Höhle von
Holzen 5. -- Höhle von Scharzfeld 6.
+Überlebsel im Volksglauben+ 6
Mythen und Überlieferungen der klassischen Völker 6. -- Anthropophagie
und Folklore 7. -- Der wilde Jäger und deutsche Menschenfressermärchen
7. -- Striglen der Neugriechen 8. -- Aberglauben verknüpft mit
dem Genusse von Menschenfleisch 8. -- Kannibalismus in der russischen
Volkslitteratur 9. -- Finnische Sagen und Märchen 9. -- Märchen der
Turkvölker Sibiriens 10. -- Grabschändungen und anthropophager
Aberglauben 11.
+Alte geschichtliche Nachrichten über Anthropophagie+ 12
Nachrichten bei Herodot und Strabo 12. -- Massageten, Issedonen,
Derbiker 13. -- Irland 13. -- Griechische Mysterien 14. -- Römischer
Aberglaube 14.
+Asien+ 15
Malayischer Archipel 15. -- Marco Polos Bericht über Sumatra 15. --
Die Batta 16. -- Die Dajaks 18. -- Philippinen 19. -- Die Manobos 19.
-- Die Asuan 19. -- Samojeden 20.
+Afrika+ 21
Guineaküste und Nigerdelta 21. -- Sierra Leone 22. -- Bonny 22. --
Bassam 22. -- Aschanti 23. -- Dahomeh 24. -- Hutchinsons Schilderungen
aus dem Nigerdelta 25. -- Bischof Crowthers Zeugnis 26. -- Altcalabar
27. -- Die Tangale 27. -- Äquatoriales Westafrika 27. -- Die
„Anziquen“ 27. -- Die Fan 28. -- Die Kissama 30. -- Die Kimbunda
31. -- Die Jagas und das Sambamentofest 31. -- Kannibalenhöhlen
im Basutolande 32. -- Südafrika 35. -- Centralafrika 36. --
Darfor 36. -- Burum 36. -- Die Niam-Niam 36. -- Die Monbuttu 38. --
Mambanga 39. -- Manjuema 40. -- Kongovölker 41. -- Haiti und
der Wodudienst 42.
+Australien+ 43
Westaustralien 43. -- Südaustralien 44. -- Victoria 45. --
Neu-Süd-Wales 46. -- Queensland 46. -- Nordaustralien 48. --
Tasmania 48.
+Die Südsee+ 48
Die Polynesier eine Kannibalenrasse 48. -- Mythologisches 49. --
Neu-Guinea und Nachbarschaft 49. -- Louisiade-Archipel 51. --
Bismarck-Archipel 52. -- Salomonen 52. -- Neu-Hebriden 54. --
Neu-Caledonien 57. -- Loyalty-Inseln 59. -- Fidschi-Inseln 59. --
Sandwich-Inseln 63. -- Markesas-Inseln 64. -- Paumotu 65. --
Gesellschafts-Inseln 66. -- Samoa-Inseln 67. -- Tonga-Inseln 68. --
Neu-Seeland 68. -- Mikronesien 71.
+Amerika+ 72
Die Cariben Westindiens 72. -- Mexiko 73. -- Yukatan 76. --
Centralamerika 76. -- Peru 76. -- Gebiet des Amazonas 77. --
Südamerika 78. -- Die Kaschibos 79. -- Mesayas und Miranhas 80. --
Die Apiacas 82. -- Die Tupi 83. -- Die Botokuden 87. -- Die Puris 89.
-- Araukaner 89. -- Die Feuerländer 90. -- Eskimos 91. --
Tinné-Indianer 91. -- Chippeways 92. -- Potowatomis 93. -- Sioux und
Mohawks 94. -- Prähistorischer Kannibalismus in Florida 95. -- Die
Hametze auf Vancouver 96.
+Ergebnisse+ 98
+Die prähistorische Anthropophagie+.
Schon die weite Verbreitung, welche die Anthropophagie bei
niedrigstehenden Naturvölkern der Gegenwart besitzt und die zahlreichen
Nachrichten über dieselbe bei frühgeschichtlichen Völkern in den
Werken des klassischen Altertums legen die Vermutung nahe, daß auch
in vorgeschichtlicher Zeit Völker existierten, welche unter die
Anthropophagen gerechnet werden müssen. Es scheinen aber auch direkte
Beweise hierauf hinzudeuten.
Der prähistorische Mensch, der gleichzeitig mit den großen, jetzt
meist ausgestorbenen Säugetieren, dem Höhlenbären, dem Mammut, Ren,
Höhlenlöwen, dem haarigen Rhinoceros u. s. w., lebte, war Jäger und
ernährte sich zum großen Teil vom Fleische der Jagdtiere, deren Felle
wohl zu Kleidungsstücken verarbeitet wurden. Die Knochen der erlegten
Tiere wurden, wie zahlreiche Höhlenfunde beweisen, mit der Steinaxt
oder dem Feuersteinmesser geöffnet; an der Art und Weise nun, wie
namentlich die langen Röhrenknochen zerbrochen oder geöffnet sind, will
man erkennen können, ob dieses von Menschenhand geschehen sei. Für
die Zeitbestimmung der Funde ist dieses von der größten Wichtigkeit,
denn wenn die Knochen im +frischen+ Zustande von den Menschen geöffnet
waren, so konnte über die Gleichalterigkeit des Menschen und der
betreffenden Tiere kein Zweifel aufkommen.
Die Jagdmittel, welche die primitiven Höhlenmenschen besaßen, waren
sicher nur unvollkommener Art, schwer wurde es ihnen, die großen Tiere
zu überwältigen und wenn einmal die Jagd versagte und Hungersnot
herrschte, so ist es nur zu leicht erklärlich, daß der primitive
Mensch prähistorischer Zeit zum Anthropophagen wurde, wie heute noch
der Hunger selbst in Kulturländern zum Kannibalismus zwingt. Jenem,
dem zahlreiche Empfindungen und Begriffe noch fehlten, die uns heute
geläufig sind, wie z. B. Schamhaftigkeit oder Pietät, konnte es kaum
einen Unterschied machen, ob er Fleisch von einem Jagdtiere oder
Menschen verzehrte, wenn er nur seinen Hunger zu stillen vermochte.
Verzehrte der Mensch in der Quaternärzeit seinesgleichen, so wird er
sich auch an dem Mark der Menschenknochen erlabt haben, wie er sicher
die Markknochen der großen Säugetiere mit Steinhammer und Flintmesser
öffnete, um deren Inhalt zu verzehren. Findet man daher im Inhalt der
Höhlen der Quaternärzeit Menschenknochen, welche in absichtlicher Weise
geöffnet erscheinen und die Spuren der menschlichen Bearbeitung zeigen,
so kann man wohl schließen, daß sie zu dem Zwecke zerbrochen wurden, um
das Mark zu Nahrungszwecken zu erlangen. Eine große Anzahl Entdeckungen
sind nach dieser Richtung hin in der letzten Zeit gemacht worden; man
hat die deutlichsten Beweise künstlicher Öffnung von Markknochen, die
Schnitte der Feuersteingeräte an denselben finden wollen und sich immer
mehr der Ansicht zugeneigt, daß man es mit Überresten prähistorischer
Kannibalenmahlzeiten in solchen Fällen zu thun hat.
Allemal kommt es hierbei aber auf eine sehr genaue Untersuchung der
Menschenknochen an, auf die Art und Weise, wie dieselben geöffnet
wurden. Das Zerschlagen und Öffnen kann zu verschiedenen Zwecken
stattgefunden haben; es ist bekannt, daß heute noch einzelne Völker
das Mark von Röhrenknochen nur gewinnen, um damit Felle zu gerben.
Das kann auch bei einem prähistorischen Volke der Fall gewesen sein
und dann ist es ausgeschlossen, hier aus dem Knochenbefunde auf
Anthropophagie zu schließen. Mit absoluter Sicherheit wird sich niemals
sagen lassen: die und die aufgefundenen, zerschlagenen und geöffneten
Menschenknochen sind die Überreste einer kannibalischen Mahlzeit
oder das prähistorische Volk, welches in dieser oder jener Höhle
hauste, bestand aus Kannibalen. Es hat daher auch die Vorstellung von
prähistorischen Anthropophagen wiederholt Gegner gefunden. Mögen nun
aber auch die Schlüsse, welche man auf prähistorischen Kannibalismus
aus den zerschlagenen Menschenknochen zieht, hinfällig sein --
die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit für letztere ist trotzdem
vorhanden; sie werden gestützt durch die Analogie, welche zwischen den
vorgeschichtlichen Völkern und den heute der Anthropophagie ergebenen
Naturvölkern besteht, eine schlagende Analogie, die nicht mehr
besonders hervorgehoben zu werden braucht.
Der erste, welcher auf Kannibalismus in vorgeschichtlicher Zeit schon
vor vierzig Jahren hinwies, war Professor ~A. Spring~ in Lüttich,
welcher die Höhlen von Chauvaux bei Namur in Belgien durchforschte
und hier in großer Masse Menschen- und Tierknochen mit Asche und
Kohlenstücken vermengt vorfand. Alle Röhrenknochen waren zerschlagen,
„um zu dem Marke zu gelangen“, und ein Unterschied zwischen Menschen-
und Tierknochen fand hierbei nicht statt. Wohl aber durfte ~Spring~
sich wundern, daß kein einziger Knochen einem alten Mann oder
einer alten Frau angehört hatte, denn sämtliche Überreste stammten
von Jünglingen, jungen Frauen oder Kindern, woraus ~Spring~ auf
Feinschmeckerei der alten kannibalischen Höhlenbewohner schließt,
die nicht von der Not gedrängt, nur das zarte Fleisch jugendlicher
Genossen verzehrten. ~Spring~s Darlegungen erregten anfangs heftigen
Widerspruch, aber dem massenhaften von ihm vorgelegten Material
gegenüber neigte sich die Wagschale mehr zu gunsten seiner Ansicht.[1]
Nachdem durch ~Spring~ einmal der Kannibalismus des vorhistorischen
Menschen angeregt worden war, begannen die Forscher eifrig nach neuen
Belegen zu suchen und die aufgefundenen Menschenknochen unter dem
Gesichtspunkte der Anthropophagie zu betrachten. Besonders reiche
Beweise brachte man aus Frankreich bei, denen gegenüber die Zweifel zu
schwinden begannen, zumal es ja an und für sich nicht die geringste
Unwahrscheinlichkeit darbietet, daß unsere Vorfahren demselben Gelüste
gehuldigt haben, welches unter den heutigen Naturvölkern noch so weit
verbreitet ist. Wie bei den Australiern und nach ~Schweinfurth~ bei
den Niam-Niam, nach ~Bowdich~ bei den Aschanti noch heute Schädel- und
Knochenstücke von Menschen als Zierat getragen werden, so schmückten
die alten Bewohner des Departements Aveyron in Südfrankreich sich mit
durchbohrten Menschenzähnen, die, an Schnüren aufgereiht, als Ketten
getragen wurden, wie ~Cartailhac~ nachgewiesen hat.[2] Es mag uns in
diesem Falle freistehen, ein pietätvolles Erinnerungszeichen an einen
Verstorbenen nach Art der Australier oder an eine Siegestrophäe nach
Art der Niam-Niam zu denken, die von einem erschlagenen, möglicherweise
verzehrten Feinde herrührt. ~F. Garrigou~, der es sich zur besondern
Aufgabe setzte, die Anthropophagie der „Renntierfranzosen“
nachzuweisen, hat dafür eine Anzahl Beweise gesammelt.[3] Er führt aus,
daß die Menschenknochen, welche zuerst mit Tierknochen in den zur
Renntierzeit gerechneten Höhlen des Thals von Tarascon (Ariège), von
Sabart (Sounchut) von Niaux-Grande und Niaux-Petite, von Bédeillac etc.
im südlichen Frankreich vorkommen, für ihn als _restes de repas faits
par l’homme_ gelten. Er hat dann seine Beweise durch Belege aus dem
Departement Lot vermehrt, wo namentlich in der Höhle Cuzoul de Mousset
viele zerschlagene und kalcinierte Menschenknochen auf Kannibalismus
deuten.[4] In den Dolmen des Departements Lozère hat ~Prunières~ neben
einem mit Bronzeschmuck versehenen Skelette, Knochen von alten und
jungen Menschen, nur Bruchstücke, im „angenagten“ Zustande, nebst
einem aufgeschlagenen Röhrenknochen gefunden, die auf Kannibalismus
hinwiesen; Zweifel, welche der verdiente ~Broca~ erhob, schienen durch
eingesandte Belegsstücke widerlegt.[5] ~Felix Regnault~ behauptete
mit vielen Beweisstücken den Kannibalismus der alten Bewohner von
Montesquieu im Departement Ariège. Die zerbrochenen Menschenknochen
wurden dort zusammen mit Feuersteingeräten und den Knochen vom
Höhlenbär, Hirsch, Ochs, Pferd, Hund und der Höhlenhyäne gefunden;
die Menschenknochen waren _cassés par des instruments tranchants_ und
zwar nach einer ganz bestimmten Weise, die ~Regnault~ als _bec de
flûte_ bezeichnet.[6] ~A. Roujou~ bringt von der Station Villeneuve St.
Georges (Steinzeit) Beweise für die Anthropophagie bei.[7]
In der vortrefflichen Arbeit von ~Eduard Piette~ über die Grotte von
Gourdan, Departement Haute Garonne[8], wird die Frage aufgeworfen, ob
die alten Renntierjäger, deren Spuren dort massenhaft vorhanden sind,
auch Anthropophagen waren? Zahlreiche menschliche Schädelfragmente
mit sehr deutlichen Spuren von Schnitten, als ob die Schädelhaut mit
Feuersteingeräten abgezogen worden wäre, wurden dort aufgefunden. Dann
zerlegte man den Schädel, wie die Bruchstücke beweisen, und suchte
wohl zum Gehirn zu gelangen. Bemerkenswert ist, daß man nur Schädel
und Atlasknochen, keine anderen menschlichen Teile in der Grotte
fand. ~Piette~ meint, daß die Renntierjäger von Gourdan eine Art von
Kopfschneller gewesen seien, welche die Häupter ihrer Feinde als
Siegestrophäen in die Grotte hineinbrachten, diese dort skalpierten
und dann das Gehirn verzehrten. Für diese Ansicht sprechen genau die
Kopfjäger von der Insel Lazon, über welche freilich damals ~Piette~
noch nicht unterrichtet sein konnte (siehe unten).
Bei den Ausgrabungen in der Grotta dei Colombi auf der Insel Palmaria
(Golf von Spezia) hat ~Capellini~ neben rohen Feuersteinwerkzeugen,
Topfscherben und Knochennadeln, Knochen von Ziegen, Schweinen, Rindern
etc. auch Oberschenkelbeine gefunden, die vom Feuer versengt sind und
an der hinteren Fläche Einschnitte tragen, „die daher rühren, daß man
mit einem Feuerstein das Fleisch abgeschnitten hat“. Nach ~Capellini~s
Meinung gehören sie einem Affen (_Macacus inuus_) an; aber die
Untersuchungen von ~Boyd Dawkins~ und Prof. ~Busk~ haben ergeben, daß
es sich hier um das Oberschenkelbein eines etwa achtjährigen Kindes
handelt. Aus der Roheit der aufgefundenen Artefakte geht hervor, daß
in der Höhle sehr niedrig stehende Wilde lebten, welche auf Grund des
obigen Fundes für Kannibalen angesehen werden.[9]
Auf der iberischen Halbinsel sind die Menschenknochen, welche sich
in den neolithischen Ablagerungen der Grotte von Peniche vorgefunden
haben, von ~Delgado~ als Beweise für den Kannibalismus der Vorzeit
angesprochen worden. Ein zur Prüfung dieser Frage auf dem Lissabonner
prähistorischen internationalen Congress 1880 niedergesetzter Ausschuß
war geteilter Ansicht, indem einzelne Mitglieder zustimmten, andere die
Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit prähistorischer Anthropophagie in
diesem Falle zugaben und wieder andere dieselbe leugneten.[10]
Was schließlich unser Vaterland betrifft, so ist auch dieses nicht
frei befunden von prähistorischen Kannibalen. In einer der Bronzezeit
zugerechneten Höhle beim Dorfe Holzen, unweit Eschershausen, hat ~A.
Wollemann~ an den Herdstellen Anhäufungen von Menschenknochen gefunden,
deren Röhrenknochen sämtlich zerschlagen und angebrannt waren, „so daß
an den Feuern ohne Zweifel einst Menschen verbrannt wurden“. Unverletzt
dagegen waren die kein Mark enthaltenden Knochen; ~Wollemann~ deutet
daher die Knochenreste als Überbleibsel kannibalischer Mahlzeiten[11],
eine Ansicht, der sich unter näherer Begründung auch Prof. ~Nehring~
angeschlossen hat.[12]
Mindestens den Verdacht der Anthropophagie erregen die alten
Höhlenbewohner der neolithischen Zeit, welche in der Einhornhöhle
bei Scharzfeld am Harze wohnten. ~C. Struckmann~, der diese Höhle
untersuchte, fand darin zahlreiche menschliche Gebeine ohne jede
Ordnung wild durcheinander zwischen den zerschlagenen Tierknochen und
Topfscherben, also inmitten der Küchenabfälle. Ein Knochen scheint
nachweisbar von Menschenhand gespalten. Sichere Beweise aber, daß die
Mehrzahl der Knochen absichtlich wegen der Markgewinnung geöffnet
wurde, fehlen.[13]
[1] ~A. Spring~, Rapport sur un mémoire sur l’éthnographie de l’homme
du renne par ~Ed. Dupont~. Bull. de l’acad. royale du Belgique.
T. XXII. No. 9 und 10.
[2] In ~Mortillet~s Matériaux pour l’histoire positive et
philosophique de l’homme III. 65.
[3] L’Anthropophagie chez les peuples des âges du renne etc. Bull. de
la soc. d’Anthropol. 1867. 326.
[4] Bull. d. l. soc. de Géologie de France. T. XXVI. 461.
[5] Bull. d. l. soc. d’Anthropol. 1868. 317. 404.
[6] Bull. d. l. soc. d’Anthropol. 1869. 476. 485.
[7] Bull. d. l. soc. d’Anthropol. 1866. 607. 611 und 1867. 239.
[8] Bull. d. l. soc. d’Anthropol. 1873. 407.
[9] ~Boyd Dawkins~, Die Höhlen. Deutsch. Leipzig 1876. 208. und
Archiv für Anthropologie. IV. 163.
[10] Archiv für Anthropologie. XIII. Supplement. 106-108.
[11] Verhandlungen der Berliner Anthropologischen Gesellschaft. 1883.
517.
[12] Daselbst. 1884. 88.
[13] Archiv für Anthropologie. XIV. 227-229.
+Überlebsel im Volksglauben+.
Wie die vergleichende Mythologie in den Volksmärchen und Sagen reichen
Stoff zum Wiederaufbau der alten Götterwelt gefunden hat, so können,
und mit noch größerem Rechte, die Anklänge, welche Märchen und Sagen
verschiedener, heute auf einer hohen Kulturstufe stehender Völker an
Menschenfresserei zeigen, als Überlebsel aufgefaßt werden und dazu
dienen, das ehemalige Vorhandensein der Anthropophagie bei solchen
Völkern darzuthun. Mit größerem Rechte sage ich, weil die Analogie der
Naturvölker, bei denen heute noch die Anthropophagie in ausgedehntem
Maße herrscht, hier bestätigend zu Hilfe kommt, eine Analogie, die bei
Götterrekonstruktionen nicht im gleichen Maße zur Seite steht.
Was in den Mythen und Überlieferungen der klassischen Völker von
menschenfressenden Göttern und Helden berichtet wird, gehört auch in
das Gebiet, welches hier berührt wird; die Anschauung ist dieselbe,
wie in unseren heutigen Märchen und Sagen von Menschenfressern, wenn
auch eine Niederschrift schon vor tausenden von Jahren erfolgte. An das
Treiben der Höhlenkannibalen, wie prähistorische Funde es uns kennen
lehren, oder wie es unsere Zeit in den Höhlen des Basutolandes gesehen
hat, erinnert die Schilderung der Odyssee, wo der Kyklop Polyphem nach
den Gefährten des Dulders von Ithaka griff,
Deren er zween anpackt, und wie junge Hund’ auf den Boden
Schmettert: blutig entspritzt ihr Gehirn und netzte die Erde.
Dann zerstückt’ er sie Glied vor Glied, und tischte den Schmaus auf,
Schluckte drein, wie ein Leu des Felsengebirgs, und verschmähte
Weder Eingeweide, noch Fleisch, noch die markichten Knochen.
Tantalus, der am Tische der Götter speisen durfte, suchte deren
Allwissenheit zu prüfen, indem er ihnen das Fleisch seines wegen
Blutschande zerstückelten Sohnes Pelops vorsetzt. Nur Demeter ißt
aus Versehen von der Schulter, während die übrigen Götter die Speise
erkennen. Atreus tötet die beiden Söhne des Thyestes, läßt die
zerstückelten Leichname teils kochen, teils braten und setzt dem Vater
beim Gastmahle das Fleisch zu essen, das Blut unter den Wein gemischt
zum Trinken vor. Und so öfter.
Sehr reich an Beziehungen zur Anthropophagie ist das Gebiet dessen,
was wir heute unter der Bezeichnung „Folklore“ zusammenfassen.
Jedoch kann dieses Kapitel nicht eingehend hier behandelt werden, da
der Schwerpunkt meiner Arbeit auf ethnographischem Gebiete liegt;
aber zeigen läßt sich, daß in der Volkslitteratur die wesentlichen
Gesichtspunkte, welche bei der Anthropophagie in Betracht kommen,
von dem rohen, sättigenden Genuß des Menschenfleisches, also der
rein materiellen Seite, bis zu den damit verknüpften verfeinerten
abergläubigen Wahnvorstellungen vorhanden sind.
Der wilde Jäger oder Wod jagt und erlegt (in den pommerschen Sagen)
ein paar Frauenzimmer und wirft denen, die ihm bei der Jagd behilflich
waren, als Speise und Belohnung ein Frauenbein zu. „Hast mit jacht,
kâst uk mit frête.“[14] So verlangt der wendische Bauer von Dissenchen
in der Lausitz im Übermut vom Nachtjäger die Hälfte des Jagdertrags. Da
bekommt er die Hälfte eines Menschen.[15] Als die Hexen in Swinemünde
hungrig waren, sagte die eine zur anderen: Drüben unsere Nachbarin
liegt in den Wochen, da wollen wir ihr Kind holen und es schlachten.[16]
Nach dem altertümlichen serbischen Volksglauben fressen die Hexen
das Herz aus dem Leibe des Menschen. In einem Liede[17] ruft ein
Hirtenknabe, den seine Schwester nicht erwecken kann: Hexen haben mich
ausgegessen, Mutter nahm mir das Herz, Base leuchtete ihr. Daß der
nämliche Wahn unter den alten Deutschen herrschte, bezeugen Stellen
der Volksrechte: _si stria hominem comederit_.[18] Unsere heutigen
Märchen stellen die Hexen als Waldfrauen dar, die sich Kinder zur
Speise füttern und mästen[19], also rein materiell das Fleisch genießen.
Die Striglen der Neugriechen hingen mit den Strigen des
griechisch-römischen Altertums zusammen, jenen boshaften Zauberfrauen
des populären Aberglaubens, von denen man erzählt, daß sie des Nachts
in Vogelgestalt zu den Wiegen der Kinder flögen und diesen das Blut
aussaugten. In einer unter Johannes’ von Damaskus Namen überlieferten
Abhandlung werden die στριγγαι nach damaliger volkstümlicher
Auffassung geschildert als nachts durch die Luft fahrende Frauen,
welche die kleinen Kinder erwürgen oder ihnen die Leber ausfressen.
Der altertümliche Strigenglaube hat sich noch an einzelnen Orten
Griechenlands erhalten.[20]
Auch jener Zug, welcher bei den heutigen Anthropophagen
charakteristisch ist und häufig wiederkehrt, die völlige Vernichtung
des gehaßten Feindes dadurch, daß man ihn verspeist, ist schon
vorhanden in unseren Volksmärchen. Die Stiefmutter Schneewittchens
verzehrt Leber und Lunge von einem Frischlinge im Wahne es seien Leber
und Lunge des von ihr gehaßten Schneewittchen.
Es zeigen sich desgleichen in der Volkslitteratur jene abergläubischen
Vorstellungen, die mit dem Genusse von Menschenfleisch noch heute
bei den anthropophagen Naturvölkern verknüpft sind, nämlich, daß der
Verspeisende besondere Kräfte und Eigenschaften dadurch erhalte. „Wer
ein gekochtes Menschenherz ißt, wird unsichtbar.“[21]
Nicht anders die Chinesen noch heute, bei denen dieser Aberglaube bis
zur Ausführung herrscht. _The people in the district Cheung-lok seized
a youth, carried him to the top of a hill, where they killed him and
ate his heart_ (1871).[22] Ein englischer Kaufmann in Schanghai betraf
seinen chinesischen Diener darüber, wie er ein Menschenherz nach Hause
brachte, um es dort zu kochen und zu verzehren. Es sei das Herz eines
Taipingrebellen, sagte er, und er esse es, um tapfer zu werden.[23]
Auch dämonische Verwandlungen werden durch den Genuß von
Menschenfleisch bewirkt. So wird bei den Indern der Knabe Vijayadatta
dadurch, daß ihm Menschenhirn an die Lippen spritzt, zum mörderischen,
leichenzerfleischenden Rakschasa[24] und nach dem Volksglauben im
Braunschweigischen, muß jeder, der Menschenfleisch kostet, auf immer
Menschenfresser werden. Bei Seesen ging ein Mädchen durch den Wald,
dem begegnete eine Menschenfresserin, die der Kleinen Wurst anbot.
Da kam eine weiße Katze, die warnte das Mädchen, ja die Wurst nicht
anzunehmen, denn sie war aus Menschenfleisch. Die Katze hängte hierauf
die Würste an die Büsche, da kamen Raben und Wölfe und fraßen sie auf.
Seit jener Zeit mögen Raben und Wölfe am liebsten Menschenfleisch.[25]
Daß in der russischen Volkslitteratur Spuren vorhanden sind, die auf
alte Menschenopfer und Kannibalismus hindeuten, hat ~Wojewodsky~
nachzuweisen unternommen. Er führt ein Volkslied an, in welchem ein
Rätsel aufgegeben ist: Ein menschlicher Körper wird in seine Teile
zerlegt und diese werden zu allerlei verbraucht, z. B. aus dem Blut
wird Bier gebraut, aus dem Fette macht man Lichter u. dergl. Mit
Rücksicht auf die einzelnen Teile werden einzelne Fragen vorgelegt,
wie: Was ist das? Etwas Liebes brennt vor mir als Licht. ~Wojewodsky~
leitet die Entstehung jener Gedichte aus einer Zeit her, in welcher
noch Kannibalismus herrschte.[26] Auch das russische Märchen von der
schönen Wasilissa gehört hierher. Sie kommt zu einer Hexe, Baba-Jaga,
welche im dichten Walde eine Hütte bewohnt. Der Zaun um die Hütte
besteht aus Menschenknochen, auf denselben sind Menschenschädel
befestigt, an der Thür statt der Pfosten Menschenbeine, statt der
Riegel Hände; in der Nacht leuchten an den Schädeln die Augen u. s. w.
Den knöchernen Schädeln werden auch heute noch magische Wirkungen in
Rußland zugeschrieben.[27]
Die Märchen und Sagen der finnischen Völker im Innern des europäischen
Rußland zeigen ebenfalls Anklänge an ehemalige Menschenfresserei. Ein
wotjäkisches Märchen[28] berichtet von dem schlauen Knaben Wanka, den
eine Hexe durch ihre Tochter braten lassen will. Die Tochter befiehlt
ihm sich auf die Schaufel zu setzen, um ihn in den geheizten Backofen
zu schieben; er stellt sich aber ungeschickt und als die Tochter es
ihm vormacht, schiebt er diese schnell in den Ofen, wo sie gebraten
wird. Nun kommt die Alte zu Hause, sieht in den Ofen und spricht: „Ach,
Wanka, wie schön du gebraten bist.“ Sie zieht den Menschenbraten hervor
und verzehrt ihn. Sie verspeist somit ihr eigenes Kind und diesen
Zug finden wir auch anderweitig und die Backofengeschichte spielt
gleichfalls in deutschen Märchen.
In den Märchen und Sagen der Turkvölker Südsibiriens leben auch die
Menschenfresser fort, wiewohl wir bei den heutigen Viehzüchtern jener
Gegenden keinerlei Spuren von Kannibalismus nachzuweisen vermögen. In
dem von den Altajern erzählten Märchen von Tardanak und Täktäbäi Märgän
werden deutliche Menschenfressergeschichten erzählt, wie in unseren
Kindermärchen.[29]
Tardanak wird von dem siebenköpfigen Jälbägän in einen Sack gesteckt
um als Speise zubereitet zu werden; mit List befreit er sich daraus,
schneidet den Kindern Jälbägäns die Köpfe ab und kocht deren Leiber in
einem Kessel. Da kehrt Jälbägän zurück:
Sah das Fleisch, welches im Kessel gekocht war.
Als er das Fleisch sah, sprach er:
Meine Kinder haben gut gethan,
Den Tardanak haben sie getötet
Und gekocht, das ist gut.
Das im Kessel befindliche Fleisch nahm und aß er.
So ist also auch hier der Menschenfresser geprellt und verzehrt die
eigenen Kinder im Wahne, einen Fremden zu essen.
Die Anschauungen, wie sie in den Märchen und im Volksaberglauben hier
uns entgegentreten, namentlich der Wahn, dass im menschlichen Fleische
und Blute Heilkraft vorhanden sei, sie bestehen noch jetzt beim
gemeinen Volke und äußern sich praktisch.
Als die Hinrichtungen in Deutschland noch öffentlich waren, ist es
häufig vorgekommen, daß Zuschauer ihre Taschentücher in das Blut
hingerichteter Verbrecher eintauchten, um sie dann zu Heilzwecken zu
benutzen, gerade so wie der arme Heinrich des Hartmann v. d. Aue durch
das Herzblut einer reinen Jungfrau vom Aussatz geheilt werden sollte.
Bei Daber in Pommern wurde eine Kindsmörderin hingerichtet; als ihr
Blut umherspritzte, drängten sich alle Leute, die etwas zu verkaufen
hatten, besonders Bäcker und Brauer, heran, um in einem Lappen einige
Tropfen davon aufzufangen. Der Lappen mit solchem Blut wurde von den
Bäckern in den Brotteig, von den Brauern in das Bier getaucht, damit
sie Kundenzulauf erhielten.[30]
Mit solchem Aberglauben hängen auch sich wiederholende Grabschändungen
zusammen, wobei den Leichen Blut oder Stückchen Fleisch entnommen
werden, um sie Erkrankten einzugeben, wie derlei Fälle 1871 und 1877
festgestellt sind zu Rostasin bei Lauenburg (Pommern) und Heidemühl
(Kreis Schlochau). Gottfried Dallian aus Neukirch bei Elbing ermordete
und beraubte am 31. Dezember 1865 die ledige Elisabeth Zernickel
und verzehrte, wie die Gerichtsverhandlung ergab, einen Teil ihres
ausgebratenen Bauchfleisches „um Ruhe in seinem Gewissen zu finden“.
Die Herzen ungeborener Kinder gelten vielfach als Schutzmittel für
Räuber und Diebe. Sie werden roh, sowie sie dem Leibe der Mutter
entrissen waren, gegessen.[31] Berliner Zeitungen vom 13. November 1879
meldeten:
„In einem Gebüsch im Friedrichshain, gegenüber der Elbinger Straße,
fand man gestern früh um 8 Uhr einen Sarg, dessen Deckel abgehoben
war und in welchem die nur spärlich bekleidete Leiche eines etwa ein
Jahr alten Mädchens lag. Die sofort benachrichtigte Polizei des 51.
Reviers konstatierte eine grausige Verstümmelung der Leiche: Brust
und Leib waren aufgeschnitten und Herz, Leber und Lunge gewaltsam aus
dem Körper gerissen. Die sofort angestellten Ermittelungen ergaben,
daß das Kind die erst am Mittwoch der vorigen Woche am Keuchhusten
verstorbene, Sonntag begrabene Emma Schönberg, das Töchterchen des
in der Fischerstraße 29 wohnenden Schuhmachermeisters Schönberg,
ist. Die Bestattung hatte auf dem katholischen Kirchhof in Weißensee
stattgehabt. Der Chef der Kriminalpolizei, Graf Pückler und der
Staatsanwalt haben alle zur Entdeckung der Thäter führenden Maßregeln
selbst angeordnet.“ Offenbar liegt hier ein ähnlicher Fall vor, wie die
bereits oben gemeldeten. Man sieht also, wie die düstern Anschauungen,
die mit ehemaliger Anthropophagie zusammenhängen, bis auf unsre Tage
in der Hauptstadt des deutschen Reichs in niederen Volksschichten
fortbestehen, Anschauungen, denen wir bei ganzen Völkern im folgenden
noch sehr häufig begegnen werden. Ich nehme, der Parallele wegen, hier
einen Fall vorweg.
Die mohammedanischen Nubier, mit denen ~S. W. Baker~ seinen
Eroberungszug 1872 nilaufwärts nach Unjoro unternahm, waren
nicht frei von dem schrecklichen Aberglauben, dass das Verzehren
von Menschenfleisch besondere Eigenschaften verleihe. „Diese
abergläubischen Leute hatten die Vorstellung, dass jede abgeschossene
Kugel einen Mann aus Unjoro töten würde, wenn sie nur ein Stückchen von
der Leber ihrer Feinde verzehren könnten. Sie hatten daher die Leber
eines Erschossenen herausgeschnitten, unter sich verteilt und positiv
roh verzehrt. Den Körper hatten sie mit ihren Schwertbajonetten in
Stücken zerlegt, welche sie, zur Warnung für die Leute von Unjoro, auf
die Büsche gehängt hatten.“[32]
[14] ~Jahn~, Volkssagen aus Pommern. No. 19 und 21.
[15] ~Veckenstedt~, Wendische Sagen. Graz 1880. 43.
[16] ~Kuhn~ und ~Schwartz~, Norddeutsche Sagen. No. 32.
[17] Vuk. Nr. 363.
[18] In der lex sal. 67. ~Grimm~, D. M. 611.
[19] ~Grimm~, Kindermärchen. 51. 56. 113. Auch der siebenbürgische
Menschenfresser mästet die drei Schwestern mit Stritzeln und
Nüssen. ~Haltrich~, Deutsche Volksmärchen aus Siebenbürgen.³ No.
38.
[20] ~B. Schmidt~, Volksleben der Neugriechen. 136.
[21] ~Grohmann~, Aberglauben aus Böhmen. No. 1448.
[22] ~W. Lobscheid~, Evidence of the affinity of the Polynesians and
American Indians. Hongkong 1872. 62.
[23] ~Tylor~, Early history of Mankind. London 1865. 131.
[24] ~Brockhaus~, Somadeva. 142.
[25] ~Colshorn~, Märchen und Sagen. Hannover 1854. No. 8.
[26] Parallel läuft eine tschechische Sage, mitgetheilt von ~G.
Krek~, Einleitung in die slawische Literaturgeschichte. Graz
1874. 265.
[27] Nach einem Referat von ~L. Stieda~ im Archiv f. Anthropologie.
XI. 348.
[28] ~M. Buch~, Die Wotjäken. Helsingfors 1882. 116.
[29] ~Radloff~, Volkslitteratur der türkischen Stämme Süd-Sibiriens.
St. Petersburg 1866. I. 28. 32.
[30] ~Jahn~, Volkssagen aus Pommern. No. 440.
[31] ~Mannhardt~, Die praktischen Folgen des Aberglaubens. Berlin
1878. 17 ff.
[32] ~S. W. Baker~, Ismailia. London 1874. II. 354.
+Alte geschichtliche Nachrichten über Anthropophagie+.
Den Übergang aus der vorgeschichtlichen Zeit zum Kannibalismus der
Gegenwart vermitteln uns eine große Anzahl historischer Belegstellen
in den Schriften der Alten, die sämtlich, mit größerer oder geringerer
Wahrscheinlichkeit, einzelne Völker oder Völkerstämme der alten Welt
des Kannibalismus bezichtigen, in ihrer Gesamtheit aber jedenfalls den
Beweis herstellen, daß die Anthropophagie im Altertum eine Thatsache
war. Hier, wo der Schwerpunkt auf die Anthropophagie bei den Völkern
der Gegenwart gelangt ist, kann dieses Kapitel nur kurz behandelt
werden, um so mehr, als dasselbe schon wiederholt bearbeitet worden
ist.[33]
~Herodot~ wie ~Strabo~ sind eine wahre Fundgrube von Nachrichten
über alte Anthropophagen; bemerkbarer Weise beschuldigen sie jedoch
meistens solche Völker, die an der Peripherie ihres geographischen
Wissens wohnten, Stämme im heutigen Rußland und in Mittelasien. Wenn
unter den Massageten, so heißt es beim ~Herodot~[34], Jemand ein sehr
hohes Alter erreicht, so kommen seine nächsten Blutsverwandten zusammen
und opfern ihn und mit ihm mehrere Schafe. Nach vollbrachtem Opfer
kocht man sowohl den geopferten Anverwandten, als die geschlachteten
Schafe und verzehrt beide gemeinschaftlich. Die Massageten halten
diese Behandlung ihrer Anverwandten für ein großes Glück. Solche
Personen jedoch, die an Krankheiten sterben, verzehren sie nicht,
sondern begraben sie; dies wird aber als ein Unglück beklagt, da dem
Gestorbenen nicht die Ehre des Begräbnisses im Leibe seiner Verwandten
zu teil geworden. Gleichfalls nach ~Herodot~[35] war es unter den
Nachbarn der Massageten, den Issedonen, Sitte, daß die Söhne nach
dem Tode der Väter Opfertiere schlachteten, dann die gestorbenen
Väter wie die geschlachteten Tiere zerstückelten, beides kochten und
verzehrten. Besonders aber hoben sie die Schädel der Verstorbenen als
große Heiligtümer auf, fassten sie in Gold und brauchten sie bei ihren
jährlichen Opfern. ~Herodot~ nennt selbst in Indien mehrere Völker[36],
unter welchen entweder die Kinder ihre verstorbenen Eltern verzehrten,
oder wo man jeden kranken Verwandten bald umbrachte, damit das Fleisch
sich nicht verschlechtere, weil es zum Verzehren bestimmt war.
~Aristoteles~ hebt die Anthropophagie einiger Völker am Pontus hervor;
es sei dieses, sagt er, tierische Wildheit (θηριότης), krankhaftes
Gelüste wie bei den Schwangeren. ~Strabo~ berichtet ganz ähnliches
von den Derbikern in Margiana. Sie erwürgen Greise, sobald sie das
siebzigste Jahr zurückgelegt haben und die Verwandten verzehren deren
Fleisch. Alte Frauen von gleichem Alter werden zwar erwürgt, aber nicht
gegessen, sondern begraben.[37]
Von Irland (Ἰέρνη) erzählt ~Strabo~[38], daß seine rohen Bewohner
„sowohl Menschen- als Vielfresser sind und es für rühmlich halten,
ihre verstorbenen Eltern zu verzehren und sich öffentlich zu begatten,
sowohl mit andern Frauen, als mit ihren Müttern und Schwestern.
Doch auch dieses erzählen wir nur so, ohne glaubwürdige Zeugen zu
haben; obgleich wenigstens die Menschenfresserei auch eine Skythische
Sitte sein soll und in Belagerungsnöten auch die Kelten, Iberer und
mehrere andere dasselbe gethan haben.“ Desgleichen bemerkt ~Diodorus
Siculus~, daß unter den wilden Bewohner des Nordens und an den Grenzen
Skythiens es Menschenfresser gäbe, wie unter den Briten, welche
die Iris genannte Insel (das heutige Irland) bewohnen.[39] Bei den
blutigen Bacchanalen, die Omophagien genannt wurden und die man alle
drei Jahre beging, geschah es nach dem Zeugnis des ~Porphyrius~,[40]
daß man, namentlich auf Chios und Tenedos, einen Menschen gliedweise
zerstückelte und dessen Fleisch roh verschlang. Aber nicht allein
auf Griechenland beschränkten sich solche Mysterienbräuche. Nach
~Sallust~[41] tranken Catilina und seine Genossen zur Bekräftigung
ihres Bundes nicht bloß Menschenblut unter Wein gemischt, sondern es
wurde auch nach den bestimmten Versicherungen der Alten ein Knabe
geopfert, auf seine Eingeweide geschworen und davon gegessen. ~Juvenal~
redet von den Knabengedärmen, welche der Haruspex durchwühlt. Kleine
Kinder zu religiösen Zwecken geopfert zu haben macht ~Horaz~ in seiner
fünften Epode der vormals geliebten Canidia zum Vorwurf. Unter den
christlichen Vätern erwähnt ~Tertullian~ die Schauerlichkeit, wie man
bis auf seine Zeit im Bunde des Jupiter Menschenblut getrunken.[42]
~Juvenal~, welcher unter Domitian nach Ägypten verbannt wurde,
warf auch den Ägyptern vor, dass sie den Genuß von Menschenfleisch
gestatteten.[43] Noch in die ersten christlichen Jahrhunderte hinein
hören wir die Beschuldigung des Kannibalismus vorgetragen. Der heilige
~Hieronymus~, welcher gegen Ende des vierten und im Anfang des fünften
Jahrhunderts schrieb, schildert als Augenzeuge, daß die Atticoten sich
von Menschenfleisch nährten und den Busen der Weiber und den Hintern
als besondere Leckerbissen genossen.[44]
Das Angeführte genügt immerhin, um das Vorhandensein der Anthropophagie
im Gesichtskreise der Alten nachzuweisen und den Zusammenhang
festzustellen, welcher zwischen den Kannibalen der vorgeschichtlichen
Zeit und jenen der Gegenwart besteht. Eine nur zu reiche Ausbeute auf
diesem Felde werden wir aber halten, wenn wir uns den Völkern der
Gegenwart zuwenden und unsern Rundgang mit Asien beginnen.
[33] ~Petrus Petitus~, De natura et moribus anthropophagorum. Utrecht
1688. Eine im Archiv für Anthropologie IV. 245-286 befindliche
Abhandlung darf nur mit der allergrößten Vorsicht benutzt
werden. Eine sehr gute und klare Übersicht giebt Dr.
~Leonard Korth~ „Geschichtliches und Geographisches über den
Kannibalismus“. Ausland 1883. 1001. Aus dieser Übersicht habe
ich im nachstehenden einiges entlehnt.
[34] ~Herodot~ I. 216.
[35] ~Herodot~ IV. 26.
[36] ~Herodot~ III. 38. 97. 99.
[37] ~Strabo~ p. 520 ed. Casaub.
[38] p. 201 ed. Casaubon.
[39] Editio ~Dindorf~ et ~Müller~. Paris 1855. p. 273.
[40] abst. II. 55.
[41] Catil. 22.
[42] Adv. gnost. c. 7. Et Latio in hodiernum diem Jovi media in urbe
humanus sanguis ingustatur.
[43] Sat. XV. Noch im 13. Jahrhundert werden die Ägypter, und zwar
das ganze Volk, der Menschenfresserei angeklagt. Damals bereiste
ein Arzt aus Bagdad, ~Abd-Allatif~ ihr Land: „Als die Armen
Menschenfleisch zu essen begannen, waren Abscheu und Erstaunen
darüber so außerordentlich, daß die fürchterlichen Berichte
nicht aufhörten, das Tagesgespräch zu bilden. Endlich gewöhnte
sich aber das Volk daran und erlangte solchen Geschmack an der
schrecklichen Nahrung, daß selbst reiche und geachtete Leute sie
als gewöhnliche Speise zu sich nahmen und selbst Vorräte von
Menschenfleisch anlegten.“ Winwood Reade, Savage Africa. London
1863. 157. Bei dem alten Kulturvolke der Ägypter läßt sich
dagegen keine Spur von Anthropophagie darthun.
[44] Sanctus ~Hieronymus~, adversus Jovinianum. lib. II. t. IV. 2ᵃ
pars. p. 202 der Folioausgabe. Paris 1706. Quum ipse
adolescentulus in Gallia viderim Atticotos, gentem britannicam,
humanis vesci carnibus; et quum per sylvas porcorum greges et
armentorum pecudumque reperiant, pastorum nates et feminarum
et papillas solere abscindere, et has solas ciborum delicias
arbitrari. Daß diese Stelle sich auf Anthropophagie beziehe, ist
bestritten worden (Archiv für Anthropol. IV. 252).
+Asien+.
+Malayischer Archipel.+ Die Zeugnisse für die Anthropophagie im
indischen Archipel beginnen mit dem 13. Jahrhundert, mit ~Marco Polo~,
welcher die verschiedenen Inseln desselben erwähnt und die sechs
„Königreiche“ von Giava minore (Sumatra) schildert, die er besuchte.
Dagroian, sagt er, ist eins der Königreiche, welches eine besondere
Sprache hat. Man erzählte mir von einem abscheulichen Gebrauche, daß,
wenn einer krank ist, sie zum Zauberer senden, ob er wohl genesen
könne; sagen diese Teufel nein, so schicken die Verwandten zu einem
besonders dafür Angestellten, welcher den Kranken erwürgen muß. Hierauf
schneiden sie ihn in Stücken, und die Verwandten verzehren ihn mit
vielem Vergnügen, selbst bis auf das Mark der Knochen; denn -- sagen
sie -- wenn irgend etwas von ihm übrig bleibt, werden daraus Würmer
entstehen, welchen Nahrung mangelt und die so, zur großen Qual der
Seele des Verstorbenen, sterben würden. Die Knochen werden dann in
irgend eine Felsenhöhle getragen, damit die wilden Tiere sie nicht
berühren können. Wenn sie einen Fremden gefangen nehmen, so verzehren
sie ihn auch.[45] Ob nun hier speziell die heutigen menschenfressenden
Batta gemeint sind, läßt sich nicht mehr nachweisen.
Die Anthropophagie hat sicher in früherer Zeit weit ausgedehnter als
jetzt auf Sumatra geherrscht, und erst als der Islam sich an den Küsten
verbreitete und eine Anzahl kleiner mohammedanischer Staaten entstand,
wurden die Anthropophagen nach dem Innern zurückgedrängt, wo wir nun
in den Batta den letzten Rest derselben finden. Es ist der Venetianer
~Nicolo di Conti~, der uns wohl die früheste bestimmte Nachricht
bringt, daß die Batta entschiedene Anthropophagen seien. Er hatte 25
Jahre lang Asien bereist und erhielt 1444 vom Papste ~Eugenius~ IV.
Absolution dafür, daß er während dieser Zeit seinen Christenglauben
verleugnet hatte. Auf Sumatra verbrachte ~Conti~ ein Jahr, er
berichtet, was damals von großer Wichtigkeit, daß dort vortrefflicher
Pfeffer wachse, und daß in einem Teile des Landes, „Batech“ genannt,
das Volk Menschenfleisch esse.[46]
Die Batta, ein vergleichsweise hochstehendes malayisches Volk, mit
eigentümlicher Schrift und Litteratur, bewohnen im Innern Sumatras
die Hochebenen von Tobah, Sipirok, Sikunna und erstrecken sich
nordwärts bis über Singkel, wo das Pupa- und Duragebirge die Grenze
zwischen ihnen und den Atschinesen bildet. Im Süden reichen sie bis
in die Gegend von Ajer Bangis. Bei ihnen ist die Anthropophagie,
wie aus den mannigfachsten Zeugnissen hervorgeht, so eigentümlicher
Art und entspringt aus so merkwürdigen Motiven, daß wir hier etwas
ausführlicher uns damit beschäftigen müssen. Oft angezweifelt,
hat ~William Marsden~ in seinem immer noch brauchbaren Werke über
Sumatra die Thatsache, daß die Batta immer Anthropophagen sind,
festbegründet.[47] Die Batta, sagt er, essen nicht Menschenfleisch,
um den Hunger zu stillen, oder aus Mangel an anderen Nahrungsmitteln,
ebenso wenig wird es, wie unter den Neuseeländern, als ein Leckerbissen
gesucht. Sie essen es bloß als eine Art von Ceremonie, um ihren Abscheu
gegen das Laster durch eine schmähliche Strafe an den Tag zu legen
und als einen schrecklichen Beweis des Hasses und der Verspottung
ihrer unglücklichen Feinde. Die Gegenstände dieser unmenschlichen
Mahlzeiten sind im Kriege gemachte Gefangene und Missethäter, die
großer Verbrechen überwiesen sind. -- -- Nachdem das Urteil vollzogen,
wird der Unglückliche an einen Pfahl gebunden; das versammelte Volk
wirft seine Lanzen nach ihm in einer gewissen Entfernung, und sobald
er tödlich verwundet ist, laufen sie wüthend hin, schneiden Stücken
aus seinem Leibe mit ihren Messern, tauchen sie in die Schüssel mit
Salz und Citronensaft, rösten sie ein wenig über einem Feuer, das zu
dem Zweck bereitet wird, und verzehren die Bissen mit einem wilden
Enthusiasmus. Zuweilen verzehren sie den ganzen Körper, und man hat
Beispiele, daß sie mit noch erhöhter Barbarei das Fleisch mit den
Zähnen abgerissen haben. Folgen bei ~Marsden~ einzelne Belege.
Der Botaniker ~Charles Miller~, der gleichzeitig mit ~Marsden~
über Sumatra schrieb[48], bestätigt gleichfalls, daß die Batta
„Menschenfleisch eher zur Erschreckung der Feinde, denn als gewöhnliche
Nahrung essen; demungeachtet ziehen sie es allem übrigen vor und
sprechen mit besonderer Entzückung von den Fußsohlen und flachen
Händen als herrlichen Leckerbissen“.