sich hin, »das geschieht dir ganz recht, und es freut mich ordentlich,
daß es so gekommen ist. Du in deinen Jahren hättest gescheiter sein
können und sollen, als dich von einem Narren von Doctor in die Welt
hineinschicken zu lassen. War es doch die Dorothee; die kannte mich
besser, als ich mich selber kannte, und die Unbequemlichkeit, das Elend
dieser Nächte, die Aufregung und der Aerger am Tage, das Alles habe ich
verdient, reichlich verdient mit meinem Leichtsinn. Nur die Leber -- das
rasende Wachsen der Leber jetzt seit den letzten zwei Tagen, das ist
mein Tod, das habe ich nicht verdient, und ich sterbe als Märtyrer für
die Bequemlichkeit der Wallfahrer, unter Dach und Fach zu schlafen.
Wallfahrer«, fuhr er fort, seinen Grimm in eine neue Bahn lenkend, »das
nennen nun die Leute wallfahrten; kehren Abends ein, gehen zu Bier und
essen, spielen und schlafen und verdrängen andere kranke Reisende aus
ihrer gewohnten Ruhe und Bequemlichkeit -- Wallfahrer -- und der
unglückliche Mensch läuft noch immer wie besessen im Zimmer herum und
löscht das Licht nicht aus. Wenn ein Gerichtshof für moralische
Verbrechen existirte, verklagte ich ihn auf kaltblütig überlegten,
vorsätzlichen Mord -- der Mensch will mich todt machen.«
Der Commerzienrath schien ihm aber Unrecht gethan zu haben, oder war
Doctor Wickendorf selber müde geworden? er trat plötzlich zum Tische,
legte seine Papiere zusammen und schloß sie wieder in seinen Reisesack,
fing an sich zu entkleiden und stieg dann, das brennende Licht neben
sich auf einem kleinen Tische ungelöscht stehen lassend, ins Bett.
»Er wird es schon ausmachen«, tröstete sich der Commerzienrath, der
versteckt nach ihm hinüberblinzte, »er wird doch nicht mehr im Bette
lesen wollen? -- Das ist feuergefährlich.« Doctor Wickendorf las aber
weder, noch machte er das Licht aus; hätte aber der Commerzienrath das
von ihm abgewandte boshaft lächelnde Gesteht des Schriftstellers sehen
können, er würde gezittert haben.
Eine ganze Weile hielt es der arme gepeinigte Mahlhuber unverdrossen
aus; er genirte sich den Doctor zu belästigen und anzureden -- er mußte
ja das Licht doch zuletzt einmal auslöschen; dieser schien jedoch an
nichts weniger zu denken, und der Commerzienrath drehte sich endlich mit
einem gewaltsam gefaßten Entschlusse nach ihm um, hustete erst einmal
und sagte dann:
»Herr Doctor --.«
»Ja.«
»Sie schlafen doch noch nicht?«
»Nein.«
»Dürfte ich Sie bitten das Licht auszulöschen? Ich bin nicht im Stande
vorher einzuschlafen, und es ist auch feuergefährlich.«
»Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Mahlhuber«, erwiderte ihm sein
Schlafkamerad freundlich, »ich sehe mich Ihnen gegenüber zu der
Erklärung gezwungen, Sie nicht mehr zu beunruhigen als irgend nöthig ist
-- ich habe das Licht absichtlich brennen lassen.«
»Aber weshalb, um Gottes Willen?«
»Das will ich Ihnen sagen«, seufzte der Doctor, »solange bei Vollmond
ein Licht Nachts in meinem Zimmer brennt liege ich ruhig -- sobald ich
es auslösche, nachtwandle ich.«
»Herr du mein Gott!« stöhnte der Commerzienrath, »das hat mir noch
gefehlt.«
»Wünschen Sie es«, fuhr der entsetzliche Mensch ruhig fort, »so lösche
ich das Licht augenblicklich aus, aber ich bitte Sie dann ernstlich mich
zu halten, falls ich aus dem Fenster klettern wollte. Wir logiren
allerdings in der ersten Etage, aber es sind Steine unten.«
»Aber mein Herr«, sagte der Commerzienrath außer sich, »das nehmen Sie
mir nicht übel, mit einem solchen Leiden behaftet, sollten Sie auch
allein in einem Zimmer und womöglich mit vergitterten Fenstern
schlafen --.«
»Ich hatte auch den Wirth nur aus Rücksicht für Sie gebeten, Sie
anderswo einzuquartieren«, sagte der Doctor vollkommen ruhig, »also
wünschen Sie, daß ich das Licht auslöschen soll?«
»Um Gottes Willen, nein!« rief der Commerzienrath.
»Dann wünsche ich Ihnen eine recht angenehme Ruhe«, sagte Doctor
Wickendorf, drehte sich herum und war in der nächsten Minute auch schon
fest und sanft eingeschlafen.
12.
+Sind Sie Herr Mahlhuber?+
Der Commerzienrath Mahlhuber verbrachte eine furchtbare Nacht; solange
das Licht brannte, warf und quälte er sich mit Gedanken über seine
Leber, und als das Licht niederbrannte und verlöschte und einen
nichtswürdigen Qualm und Gestank im Zimmer verbreitete, peinigte ihn die
Angst über das gedrohte Nachtwandeln des entsetzlichen langhaarigen
Menschen, bis er endlich mit Tagesanbruch erst in einen unruhigen
fieberhaften Schlaf verfiel.
Als er am andern Morgen durch den Hausknecht geweckt wurde -- der
nachtwandelnde Doctor schlief noch --, konnte er kaum seine Glieder
rühren; seine erste Frage war nach dem telegraphirten Gepäck, und der
Hausknecht bekam 30 Kreuzer, als er ihm die freudige Mittheilung machte,
daß es unten in der Gaststube stehe.
Gidelsbach -- das war sein Ziel, dem er zuzustreben hatte, Gidelsbach --
was kümmerte ihn die andere Welt? -- dort lag seine Heimat, dort lag für
ihn Gesundheit und Ruhe, und Dorothee hatte ganz Recht gehabt, er war
ein Thor gewesen, auch nur einen Fuß herauszusetzen aus dem Weichbilde
der Stadt.
Rasch war er angekleidet, den Zug wenigstens heute Morgen nicht zu
versäumen und gezwungen zu sein noch länger in diesem schrecklichen
Neste liegen zu bleiben. Den Morgenzug hatte er aber schon versäumt,
denn er kam um 5½ Uhr vorüber, der nächste Personenzug dagegen erst
Mittag um 2 Uhr, und so lange Zeit blieb ihm jetzt, sich von den
Strapazen der letzten Nacht auszuruhen. Der Aufenthalt in dem mit
Menschen vollgedrängten Gasthofe, die heute in noch weit größern Massen
angeströmt kamen als gestern, war übrigens so unangenehm, daß er
beschloß, die ihm noch übrige Zeit lieber zu einem Spaziergang zu
verwenden. In seinem Zimmer lag noch der entsetzliche Doctor, und mit
dem wollte er unter keiner Bedingung weiter etwas zu thun haben.
Die Umgegend von Lichtenfels hatte mit den zwei Gulden, die er Strafe
bezahlt, indessen noch zu viel der trüben Erinnerungen für ihn, und er
beschloß deshalb das Thal hinunter und nach der nächsten kaum
Dreiviertelstunden entfernten Eisenbahnstation zu marschiren, dort ein
Glas Bier zu trinken und dann wieder, sich völlig Zeit nehmend, langsam
zurückzugehen. Sein Gepäck ließ er indeß vor allen Dingen an den Bahnhof
stellen, wo er es der Aufsicht des Gendarmen empfahl, nahm dann seinen
Regenschirm, richtete seine Uhr nach der Bahnhofsuhr in Lichtenfels,
schrieb sich die genaue Abfahrt des erwarteten Zugs in sein Taschenbuch
(fest entschlossen eine volle Stunde vorher an Ort und Stelle zu sein)
und wanderte langsam am Hange des Berges hinab, das reizende Mainthal
hinunter.
Das Wetter war wundervoll, und nur die Straße etwas heiß und staubig.
Der Commerzienrath dachte aber gar nicht daran sie zu verlassen; er
wollte sich nicht wieder pfänden lassen, und erreichte eben, den breiten
sonnenheißen Weg langsam entlangschlendernd, die kleine
Eisenbahnrestauration in Staffelstein, als eine Extrapost mit zwei
jungen elegant gekleideten Leuten anhielt und die Reisenden ausstiegen.
Der Commerzienrath betrat hinter ihnen das Gastzimmer und hörte nur
noch, daß die Eisenbahnleute ihre Witze über die Post machten, die, wie
der Postillon erzählte, von Bamberg kam.
»Die haben es auch nicht erwarten können, bis der Zug ankam«, lachte der
Eine, »oder fürchten sich am Ende gar vor dem Puffen --.«
»Na Gott sei Dank, in so einem alten Klapperkasten vier Stunden zu
sitzen«, sagte der Andere, »wo sie es heute Mittag in drei Viertel
hätten abmachen können. 's gibt doch überall verrückte Kerle.«
Der Commerzienrath, der des warmen Wetters wegen ein ganz unscheinbar
graues Sommerröckchen, selbst ohne den Orden, trug, das er zufällig in
seinem Reisesack gehabt, glich mit seinem baumwollenen Regenschirm (er
hatte sich in den Kopf gesetzt, daß seidene Regenschirme nicht gesund
wären), wie der grauen Schirmmütze eher einem gemüthlichen Kaufmann aus
irgendeinem kleinen Städtchen, als einem königlichen Commerzienrath.
Sein bescheidenes höfliches Wesen trug noch mehr dazu bei, Fremde in
diesem Glauben zu bestärken, und die beiden Reisenden, die nach leisem
Flüstern zusammen ihn eine Weile aufmerksam betrachtet hatten, schienen
sich auch in der That über ihn zu unterhalten.
Wie aber der Mann, welcher Hafer gestohlen hatte, später, sobald er zwei
Menschen heimlich miteinander flüstern sah, immer einen Dritten an sie
abschickte zu horchen, ob sie nicht von Hafer sprächen, so war es dem
Commerzienrath mit der ihm von dem Gendarmen unterschobenen Nichte
zumuthe. Er hatte ein böses Gewissen und dachte auch schon daran sein
Bier rasch auszutrinken und die beiden Fremden sich selber zu
überlassen, als der eine Reisende auf ihn zukam und freundlich zu ihm
sagte:
»Dürfte ich wol fragen, ob Sie hier in der Gegend ansässig und bekannt
sind?«
»Nicht besonders -- guten Morgen, meine Herren«, sagte der
Commerzienrath, etwas verlegen seine Mütze ziehend, »ich bin selber erst
kurze Zeit hier und komme von Lichtenfels herunter.«
»Von Lichtenfels, so?« fragte der Andere rasch, »dorthin wollen wir
gerade, also dort sind sie bekannt?«
»Nur sehr wenig.«
»Waren Sie gestern dort?«
»Gestern -- ja allerdings«, erwiderte Herr Mahlhuber, und ein eigenes
dumpfes Gefühl nahender Gefahr beschlich ihn, wenn er sich auch selber
noch keinen richtigen Grund dafür anzugeben wußte -- »gestern war ich
dort.«
»Und unten am Bahnhofe, wie der Morgenzug von Hof kam?«
»Ja -- zufällig«, sagte Herr Mahlhuber, die beiden Männer, einen nach
dem andern erstaunt und doch auch wieder scheu betrachtend.
»Ist da nicht«, machte plötzlich der Aeltere der Brüder seinen letzten
Zweifeln ein rasches Ende, »eine junge, sehr hübsche und elegant aber
einfach gekleidete Dame mit einem alten häßlichen, etwas krummgehenden
Herrn ausgestiegen, der sich für den Regierungsrath Redmeier, in
Lichtenfels aber für einen Commerzienrath Mahlhuber ausgegeben hat? Wie
ich übrigens aus ziemlich guter Quelle weiß, ist er keins von Beidem,
sondern ein Schwindler, der auf unbegreifliche Weise das junge Mädchen
bethört haben muß, und sich jetzt sogar für ihren Onkel ausgibt, weniger
Verdacht zu erregen. Die beiden Personen müssen Ihnen aufgefallen sein,
und Sie werden uns einen großen Gefallen erweisen, wenn Sie uns auf die
richtige Spur bringen wollten.«
Die Bombe war geplatzt. Das mußten jedenfalls die beiden Brüder der
jungen Dame sein, und was für derbe, handfeste, wildaussehende Bursche
waren es! Wie eilig hatten sie es dabei; nicht einmal Zeit auf den
Mittagszug zu warten, Gott bewahre, müssen Extrapost nehmen, nur um eine
Stunde früher an Ort und Stelle zu sein. Maria und Joseph! das hatte
noch gefehlt, und für seine Gutmüthigkeit konnte ihm da eine schöne
Suppe eingebrockt werden. Und wie grob -- häßlicher, krummgehender Herr
-- aber Gott sei Dank, das war jedenfalls eine malitiöse Verdächtigung
des Telegraphen, die ihm jetzt vortrefflich zustatten kam und die er für
sich benutzen konnte.
»Nun, erinnern Sie sich nicht?« fragte der Erste wieder, »die Dame trug,
wenn ich nicht irre, ein seidenes ungebleichtes Kleid und einen
Strohhut.«
»Ja, ganz recht«, sagte der Commerzienrath, dem keine weitere Zeit
gegeben wurde sich die Sache zu überlegen, »ich glaube ich erinnere mich
an ein solches Paar -- ein junges, sehr hübsches Mädchen und ein alter
würdiger Herr --«
»Würdiger Esel!« rief der Zweite wüthend aus, »der alte Hallunke sollte
an sein Grab denken, anstatt solche Streiche in seinen Jahren zu machen;
aber die Familie ist jetzt entehrt, und will das Mädchen denn einmal so
wahnsinnig sein, gut, dann mag sie ihn meinetwegen nehmen, aber in
unserer Gegenwart muß die Hochzeit sein, und in Stücke reiß ich den
Schuft, wenn er nur mit dem Zucken einer Wimper dagegen ansträubt.«
»Aber, meine Herren«, warf der Commerzienrath jetzt verlegen ein,
»wissen Sie denn auch, daß der ältliche Herr mit der jungen Dame
wirklich durchgegangen ist? -- Können nicht am Ende Umstände -- ein
eigentümliches Zusammentreffen --«
»Hallo!« rief der Eine von ihnen plötzlich, indem er den Commerzienrath
mit weitaufgerissenen Augen ansah, »heißen Sie am Ende Mahlhuber?«
»Ich? -- Nein!« rief der Commerzienrath, ehe er noch wußte, was er
gesagt hatte, und nur im Instinct der Selbsterhaltung Namen, Titel,
Orden, kurz Alles verleugnend, »hehehe! sehe ich aus -- sehe ich aus wie
ein Commerzienrath?«
»Nein«, lachte der Andere über die naive Frage, »das thun Sie allerdings
nicht, und mein Bruder machte nur Spaß, aber solch ein sonderbares
Zusammentreffen von Umständen, wie Sie es nennen, kann auch nicht
stattgefunden haben, denn ein alter Herr, wahrscheinlich derselbe, ist
vor einiger Zeit mit ihr mehrmals gesehen worden. Pest und Gift über den
Burschen, mir tritt die Galle ins Blut, wenn ich nur an ihn denke, und
Gnade ihm Gott, wenn er mir unter die Hände kommt. Erst will ich mein
Müthchen an ihm kühlen, nachher mag er sich entschuldigen. Und was ist
aus den Beiden geworden? In Lichtenfels muß man das doch erfahren
können.«
»Allerdings«, erwiderte ihm der Commerzienrath, dem der kalte
Angstschweiß auf die Stirn trat, »wenn Sie -- wenn Sie nur gleich auf
dem Bahnhofe den Packmeister oder in der Krone den Wirth fragen wollten,
in der Krone, glaub' ich, haben sie logirt.« Er wußte gar nicht mehr was
er sprach.
Der Jüngste der Beiden stampfte den Fuß auf den Boden, daß die Gläser
auf dem Tische zusammenklirrten.
»Haben Sie logirt?« fragte der Aeltere aufmerksam werdend.
»Ja --«, sagte der Commerzienrath und fühlte dabei wie er durch seine
Lüge in ein ganzes Netz von Verwickelungen immer weiter hineingerieth,
in dem er rettungslos hängen blieb, wenn er nicht rasch Anstalt machte
das Ganze mit Einem Schlage zu zerhauen. Zeit zum Ueberlegen blieb ihm
aber gar nicht, und nur in einer Art Instinct stammelte er, »ja, haben
sie logirt, aber -- die -- die Dame ist fort!«
»Wohin?« riefen Beide zu gleicher Zeit.
Der Commerzienrath Mahlhuber hatte in seinem ganzen Leben noch nicht so
rasch gedacht wie in diesem Augenblick. Sobald die beiden entsetzlichen
Menschen nach Lichtenfels kamen, wo ihn fast jedes Kind am Bahnhofe
kannte, und der Gendarm sich für seinen speciellen Freund hielt, war er
verloren. Dort erkundigten sie sich natürlich zuerst -- dem
Polizeibeamten gegenüber hatte er das Mädchen für seine Nichte
ausgegeben, wenigstens stillschweigend geduldet, daß sie ihn Onkel
nannte, und sein sämmtliches Gepäck stand dort aufgeschichtet; er konnte
ihnen gar nicht entgehen. Dorthin durften sie also nicht, und nur einen
einzigen Ableiter gab es jetzt für ihn, wenigstens ein paar Stunden Zeit
zu gewinnen.
Blitzschnell schossen ihm die Gedanken durch den Kopf, und in der
Verzweiflung, im Trieb der Selbsterhaltung das letzte Mittel ergreifend,
rief er rasch und entschlossen aus:
»Nach Koburg -- die beiden Leute sind etwa vor einer Stunde --
vielleicht kaum solange und in demselben Augenblick, als ich
hierherging, in einem verdeckten Wagen nach Koburg gefahren. Ich weiß,
daß sie sich noch bei dem Packmeister nach dem besten Wirthshause
erkundigten und von diesem, wenn ich nicht irre, in den "Bären" gewiesen
wurden.«
Der Commerzienrath log wie ein Leichenstein.
»Und das wissen Sie gewiß?« rief der Jüngere der Beiden.
»Das weiß ich gewiß -- sie wollten in Koburg Mittag machen und dann nach
Sonneberg fahren.«
»In der dortigen Gegend muß der alte Schuft auch zu Hause sein«, rief
der Aeltere rasch, »und er war dabei.«
Der Commerzienrath biß sich auf die Lippen, schien aber fest
entschlossen in diesem Augenblick nichts übelzunehmen, und sagte:
»Den ältlichen Herrn habe ich nicht selber gesehen, aber ein Koffer war
hinten aufgeschnallt.«
»Dann haben wir sie!« rief der Jüngere jubelnd, und in die Thür
springend schrie er dem Postillon zu, sich rasch bereitzuhalten und sie
augenblicklich nach Koburg zu fahren.
»Nach Koburg?« rief dieser erstaunt, »über Lichtenfels?«
Dem Commerzienrath stockte das Blut, der Aeltere machte seiner Angst
aber ein schnelles Ende.
»Gott bewahre!« rief er, »wir schneiden über Banz ein ganz Stück Weg ab
und können in zwei Stunden in Koburg sein. Komm Heinrich, trink dein
Bier aus, wir haben keinen Augenblick mehr zu verlieren -- apropos, wie
ist Ihr Name, mein Herr?«
»Mein Name?« rief der Commerzienrath, an den diese Frage gerichtet war,
bestürzt, »Müller -- Kaufmann Müller.«
»So nehmen Sie unsern herzlichsten Dank -- Sie haben uns einen sehr
großen Dienst erwiesen. Alles in Ordnung, Postillon?«
»Alles«, sagte dieser, sein Glas auf einen Zug leerend und einem
Mittelding zwischen Kellner und Packknecht zurückreichend.
»Also nach Koburg!« rief der Jüngere, seinem Bruder voran in den Wagen
springend, und einige Secunden später rasselte dieser auf der nach Banz
führenden Straße unter dem lustigen Hörnerklang des Postillons dahin.
Der Commerzienrath aber blieb wie in den Boden gewurzelt zurück und
starrte dem Wagen nach, soweit er ihn mit den Blicken verfolgen konnte.
»Befehlen Sie noch ein Glas Bier, Herr Müller?«
Mahlhuber sah sich ganz verblüfft um, als ihm einfiel, daß er ja selber
den Namen angegeben, und er wurde dunkelroth im Gesicht. Rasch dankend
drehte er sich von dem Kellner ab, zahlte für das Getrunkene und schritt
dann selber, aber nicht mehr in so gemüthlichem Schritte, als er
hierhergekommen, nach Lichtenfels zurück.
13.
+Die Flucht.+
Um 2 Uhr kam der Zug, bis dahin hatte er fast noch drei Stunden Zeit,
und jetzt erst fiel ihm die ganze Größe der Gefahr ein, der er sich
eigentlich muthwillig ausgesetzt. Muthwillig gewiß, denn was hätte ihm
denn geschehen können, wenn er den jungen Leuten erklärte, er sei der
Mahlhuber und so und so die Sache? War er nicht vollkommen unschuldig,
und würden hundert andere ältliche Herren an seiner Stelle nicht
Ebendasselbe gethan und einem jungen hübschen Mädchen, das sie darum
ansprach, aus der Verlegenheit geholfen haben? Aber wenn ihn nun die
Hitzköpfe nicht gehört, ihm nicht geglaubt hätten, wer konnte ihn denn
in der Geschwindigkeit vor ihren Mishandlungen schützen? -- Die Polizei?
-- Ja, mit der Polizei ist das eine eigene Sache; für den Betheiligten
kommt sie in solchen Fällen immer ein kleinwenig zu spät, und straft
allerdings nachher, wenn sie den Uebelthäter wirklich erreicht,
bekümmert sich aber sonst meist nur sehr wenig um den Betheiligten
selber, der in ihren Augen nur als +corpus delicti+ einen Werth hat.
Wegen des gegebenen und übertretenen Gesetzes wird bestraft, nicht wegen
des Schadens, den der passive Theil gelitten hat, der kann gehen, wohin
es ihm beliebt. Und durfte er sich überhaupt groß auf die Polizei
berufen? Hatte er nicht sogar -- er als königlicher Commerzienrath, mit
dem Ludwigskreuz im Knopfloch -- dem Gendarmen, dem officiellen Diener
des Gerichts gegenüber eine wissentliche Unwahrheit unterstützt und
behauptet, wo er in seiner Stellung dreifach verpflichtet gewesen wäre,
das Gesetz eher zu unterstützen als zu hintergehen?
Er seufzte tief auf, und der schöne Spaziergang, von dem er sich einige
Erholung für seine mishandelte Leber versprach, war ihm solcherart bös
und bitter vergällt worden. -- Und wenn die beiden unseligen, in den
April geschickten Burschen die Schwester nicht in Koburg fanden und auf
den unglücklichen Gedanken kämen, augenblicklich wieder nach Lichtenfels
umzukehren? -- Die Pferde liefen wie der helle Teufel, und für ein gutes
Trinkgeld jagt so ein leichtsinniger Bursche von Postillon die besten
Thiere aus seinem Stalle todt. Das wäre eine schöne Geschichte geworden,
wenn ihn die beiden Männer jetzt noch, gerade vor der Abfahrt, erwischt
hätten.
Der arme geplagte Commerzienrath lief mehr als er ging, den heißen
Sonnenstrahlen zum Trotz, gen Lichtenfels, als ob er durch seine eigene
Eile die Abfahrt des Bahnzugs hätte beschleunigen können. Der Schweiß
rann dabei in großen Tropfen von der Stirn nieder, und die Leber mußte
-- dem Gefühl in der Magengegend nach -- durch den übereilten
Spaziergang wenigstens wieder um einen halben Zoll gewachsen sein; wie
sollte das enden!
Athemlos und zum Tode erschöpft erreichte er endlich Lichtenfels und
verlebte hier noch anderthalb qualvolle Stunden, ehe von Staffelstein
das Zeichen heraufkam, daß der so heißersehnte Zug nahe. Sein Billet
hatte er indessen durch einen der Packleute lösen und sein Gepäck bis
Burgkunstadt aufgeben lassen, dadurch war er doch vielleicht im Stande
die Verfolger irrezuführen, besonders wenn er in Burgkunstadt einen
falschen Namen auf der Post angab. Heiliger Gott! wie viel Lügen hatte
schon die einzige Unwahrheit nachgezogen, und in was für ein
entsetzliches Gewebe von Falschheiten war er, der schlichte einfache
Mann aus der Provinzialstadt, durch seinen bösen Stern gejagt,
hineingerathen! Mußte er nicht zuletzt die Achtung vor sich selbst
verlieren; nicht erröthen, wenn er das mit solcher Seligkeit erhaltene
Ludwigskreuz wieder an seinen Rock knöpfte! Es war zum Verzweifeln!
Sein Blick streifte indessen unruhig von dem Bahngleis, das von
Staffelstein heraufführte, nach der lichtenfelser Chaussée hinüber,
deren weißer Streifen scharf gegen den dunkeln Hintergrund des Waldes
abstach -- und dort kam ein Wagen herunter, die Pferde liefen was sie
laufen konnten, und in dem Wagen -- wenn die beiden Menschen darin
saßen, war er verloren.
»Gehen Sie da vom Gleis herunter, mein bester Herr Commerzienrath«,
sagte der Gendarm, ihm freundlich auf die Achsel klopfend, und sein Herz
schlug ihm fast hörbar in der Brust, als er die Uniform erkannte, »da
hinten können Sie schon den Dampf vom herankommenden Zuge erkennen.«
»Ich -- ich bin Ihnen sehr dankbar«, stammelte der Commerzienrath,
»nicht wahr, der Zug hält sich nur sehr kurze Zeit auf?«
»Fünf Minuten etwa --«
Fünf Minuten -- der Wagen mußte indessen Lichtenfels erreicht haben.
»Das Gepäck von Ihrem Fräulein Nichte ist wol auch schon besorgt?« sagte
der Gendarm wieder.
»Von meiner Nichte?« stöhnte der Gepeinigte.
»Ach, wird wol Alles in Ordnung sein«, beruhigte ihn der Schrecken der
Vagabunden, »ich sah wie sie es vorhin dem Packmeister übergab.«
Der Commerzienrath wäre vor Schrecken beinahe in die Knie gesunken und
durfte jetzt nicht einmal, dem Manne gegenüber, das geringste Erstaunen
über die Nachricht bezeigen. Seine Nichte, das unglückselige
Frauenzimmer, war wieder hier, fuhr mit ihm wahrscheinlich wieder in
einem Zuge und mußte ja jeden Unbefangenen selbst in dem Verdacht
bestärken, daß sie Beide nach einem gemeinschaftlichen Plane handelten.
Und dazu der Wagen; das hatte noch gefehlt. Ein möglicher Ausweg zur
Rettung blieb ihm aber noch; Zeit genug sein Billet umzutauschen hatte
er, und in den Wagen erster Classe saßen gewöhnlich, wie er schon früher
bemerkt hatte, immer nur sehr wenig Personen. Dort konnte er sich dann
in eine Ecke drücken und, von Niemand gesehen, bis zu seiner Station
sitzen bleiben. Den Entschluß auch sofort zur Ausführung bringend,
zahlte er was er noch auf ein Billet erster Classe zu zahlen hatte, und
traf eben wieder zur rechten Zeit vor dem Bahnhofgebäude ein, den Zug
heranbrausen und halten zu sehen, während zu gleicher Zeit hinter der
Restauration das schmetternde Horn eines Postillons erklang.
Vor den Augen flirrte und flimmerte es ihm; ohne aber den Kopf auch nur
nach Irgendjemand noch umzudrehen, zog er seinen Mantel fest um sich
her, griff Reisesack, Schirm und Stock auf und wandte sich an den ersten
Conducteur, der vom Wagen sprang, seinen Platz erster Classe angewiesen
zu bekommen.
»Bis wohin?«
»Burgkunstadt.«
»Steigen Sie nur hier ein«, rief der Mann sehr artig, »hier ist Platz
genug.«
»Empfehle mich Ihnen, Herr Commerzienrath«, sagte der Gendarm, und im
nächsten Augenblick saß der gequälte Mahlhuber, Todesangst im Herzen,
fest in einer Ecke des vollkommen leeren Coupé gedrückt und zählte unter
Zittern und Zagen die Secunden bis zur Abfahrt.
Draußen vor dem Coupé wurden jetzt Stimmen laut.