sich nicht ändern; warum lag er in fremden Betten herum, da er zu Hause
ein besseres hatte. Wenn er nur jetzt wenigstens einschlafen konnte, die
Versäumnisse und Schrecken der letzten Nacht in etwas nachzuholen.
Großer Gott, was hatte er nicht Alles in den letzten 48 Stunden erlebt?
-- und wo befand er sich jetzt? -- Er löschte das Licht aus, daß er den
unbehaglichen fremden Platz nur gar nicht länger zu sehen brauchte, und
wollte sich dann mit einem höflichen »Gute Nacht!« für seinen
Stubengefährten auf die rechte Seite drehen; aber das andere Licht
brannte noch, und mit einem brennenden Lichte im Zimmer war er nun
einmal nicht im Stande einzuschlafen. Es ging nicht, er mochte noch so
müde sein; wollte denn der Mensch die ganze Nacht durch lesen?
Der Commerzienrath warf sich eine ganze Stunde lang im Bette herum, an
Einschlafen war nicht zu denken, und sein Stöhnen machte endlich den
Fremden ebenfalls aufmerksam.
»Sie können nicht schlafen?« sagte dieser, den Kopf halb nach ihm
herumdrehend.
»Mein Herr Doctor -- wenigstens nicht solange ein Licht im Zimmer
brennt«, erwiderte der Commerzienrath, fest entschlossen, seinen neuen
Quäler wenigstens wissen zu lassen, was ihn beunruhige. Doctor
Wickendorf hatte die Anspielung gar nicht gehört oder nicht verstanden,
denn er las ruhig weiter, und nur das erneute Stöhnen des Schlaflosen
weckte ihn endlich wieder aus seinem Brüten.
»Mein lieber Herr«, sagte er, mit einem tiefen Seufzer von seinen
Schriften aufsehend, indem er sich ganz nach dem Bette des Andern
umdrehte, »apropos, Sie haben mir noch nicht einmal ihren Namen
genannt.«
»Mahlhuber!« stöhnte der Commerzienrath.
»Ah -- mein lieber Mahlhuber, wie es scheint können Sie doch nicht
einschlafen --«
»Wenigstens nicht solange das Licht brennt.«
»Da wären Sie vielleicht nicht abgeneigt«, fuhr der Doctor, ohne auf den
Einwand zu hören, fort, »mir Ihre Hülfe in einer sehr schwierigen Sache
angedeihen zu lassen.«
»Meine Hülfe?« sagte der Commerzienrath, sich erschreckt in seinem Bette
emporrichtend, »mein lieber Herr Doctor, ich kann mir selber nicht
helfen, und denke gar nicht daran mich in die Affairen anderer Leute
weiter hineinzumischen, als ich schon, vollkommen gegen meinen Willen,
hineingerathen bin. Wenn Sie mir nur erlauben wollten, daß ich --«
»Ich verlange nichts von Ihnen als Ihren Rath«, sagte der Doctor, ohne
auf die Einsprache weiter Rücksicht zu nehmen. »Sie sollen nicht die
geringste Verantwortlichkeit dabei übernehmen, Ihr Name wird nicht
einmal genannt. Nur, wie schon gesagt, Ihren Rath wünschte ich, denn ich
habe es schon oft gefunden, daß das Urtheil eines vollkommen
unbefangenen ruhigen Mannes manchmal mit Leichtigkeit und spielend das
Rechte trifft, während wir armen Sterblichen uns umsonst abmühen, ein
glückliches befriedigendes Resultat auf irgendeine künstliche Weise
herbeizuführen. Es betrifft Leben und Tod eines Menschen, der die
scheußlichsten, nichtswürdigsten Verbrechen --«
»Leben und Tod?« rief der Commerzienrath erschreckt. --
»Bitte, unterbrechen Sie mich nicht«, sagte der Doctor, die Hand dabei
gegen die entfernte leere Zimmerecke ausstreckend und mit hohlem, aber
begeistertem Tone fortfahrend, »der die scheußlichsten, nichtswürdigsten
Verbrechen unter dem Mantel christlicher oder vielmehr geheuchelter
Frömmigkeit begangen, sich in Familien eingeschlichen und die Töchter
verführt, sich in Geschäfte gedrängt und die Firmen ruinirt, sich an
Reiche gehängt und sie ausgesogen hat, bis sie in Verzweiflung einem
raschen Tode in die Arme sprangen, oder in Elend und Siechthum ihrem
Grabe entgegenwelkten. Der letztvorkommende Fall ist der furchtbarste,
und ich weiß noch nicht, was die Folgen sein werden. Nach unsern
moralischen Gesetzen kann ein solcher Verbrecher nicht frei ausgehen,
und doch ist er nicht zu fassen, doch hat er sich bisjetzt schlau Allem
zu entziehen gewußt, was den Gerichten auch nur den geringsten Halt an
ihm bieten konnte --«
»Das muß ja ein ausgefeimter Schurke sein«, rief der Commerzienrath,
halb in dem Wunsch sich mit dieser Bemerkung wieder unter seine Decke
zurückziehen zu können und die Unterhaltung damit für heute abgebrochen
zu haben, halb aber auch in gerechter staatsbürgerlicher Entrüstung über
ein solches Scheusal, das unter dem Deckmantel der Religion Jammer und
Elend in der Welt säete, und nun noch dazu von der weltlichen
Gerechtigkeit, trotz erwiesener Schuld, nicht erfaßt und zermalmt werden
konnte.
»Darf ich Ihnen diese Aufzeichnungen vielleicht einmal vorlesen?« sagte
der Doctor jetzt wieder, einen freundlichen Blick auf den Commerzienrath
werfend, »wenn Sie die Triebfedern von des Verbrechers Charakter erst
einmal hieraus kennenlernen, werden Sie eher im Stande sein ein Urtheil
zu fällen. Ich fürchte, der liebe Gott selber wird einen Blitz oder eine
furchtbare Seuche oder etwas Derartiges über den Menschen schicken
müssen, ihn zu bestrafen, denn auf andere Art sehe ich nicht wie ihm
beizukommen ist -- das letzte Verbrechen müßte denn klar bewiesen werden
und gegen ihn zeugen.«
»Aber ich sollte doch denken die Polizei müsse da im Stande sein ihn zu
überführen?« rief der Commerzienrath, »wofür ist sie denn da?«
»Sie werfen da eine schwierige Frage auf«, lächelte der Doctor, »aber
Sie werden mir selber Recht geben, wenn Sie einmal die Einzelheiten
gehört haben.«
»Wie viel Uhr haben wir denn eigentlich?« sagte der Commerzienrath,
vergebens bemüht, in seiner dunkeln Ecke das Zifferblatt der einen Uhr
zu erkennen.
»O es ist kaum 10 Uhr, wir haben noch Zeit genug zum Schlafen. Ich bitte
Sie aber jetzt den einzelnen Punkten aufmerksam zu folgen, Sie werden
über ein solches Gewebe von Bosheit erstaunen.«
Der Commerzienrath wollte noch eine Einwendung machen; es war 10 Uhr und
die Zeit für ihn zur Ruhe, die, wenn er sie überschritt, sich am andern
Tage unrettbar an ihm strafte; aber er schämte sich auch einer so
furchtbaren Nothwendigkeit gegenüber, wo es sich um die Bestrafung oder
Entdeckung eines wirklich gefährlichen Menschen handelte, gleichgültig
zu scheinen, fühlte noch einmal nach Leber und Kopf, seufzte tief und
schmerzlich auf und sagte dann endlich resignirt:
»Nun gut, Herr Doctor, wenn sich die Sache wirklich so verhält, so
fangen Sie in Gottes Namen an -- es wird doch nicht so sehr lange
dauern?«
»Kaum eine halbe Stunde«, lautete die wenigstens in dieser Hinsicht
tröstliche Antwort, und der Doctor putzte sein Licht, räusperte sich,
trank einen Schluck Bier aus dem neben ihm stehenden Glase, stützte den
Kopf wieder in die linke Hand und begann:
11.
+Die Geschichte von dem Scheusal.+
»In einer großen Stadt in Deutschland, die wir Yburg nennen wollen, ich
habe den wirklichen Namen absichtlich weggelassen, besonderer
Rücksichten halber -- lebte der Commerzienrath Schöler --«
»Commerzienrath?« fragte unser Freund gespannt und sich etwas weiter aus
dem Bette lehnend, das Ganze besser zu hören.
»Der Commerzienrath Schöler; ich muß Sie aber bitten, mich jetzt nicht
weiter zu unterbrechen, da Sie sonst den Faden verlieren und dem Ganzen
nicht aufmerksam genug folgen können; ich will lieber noch einmal von
vorn anfangen: In einer großen Stadt in Deutschland, die wir Yburg
nennen wollen, lebte der Commerzienrath Schöler in sehr glücklichen, mit
jeder irdischen Lebensgabe reichlich ausgestatteten Verhältnissen. Er
besaß ein stattliches Haus mitten in der Stadt, in einer der besten
Lagen -- die erste Etage bewohnte er selber, die zweite allein trug ihm
400 Thaler Miethe --, war in allen ersten Familien eingeführt, galt für
einen Liebling des Königs, trug drei Orden verschiedener Herren Länder,
bezog vom Staate noch außerdem eine Pension von 1200 Thalern, und
verfügte als Vormund der Tochter eines reichen vor einiger Zeit
verstorbenen Bankiers außerdem über ein sehr bedeutendes Capital. Diese
junge Dame hieß Rosaura.«
»Der Commerzienrath Schöler war ein anerkannt ehrenwerther und außerdem
sehr frommer Mann, Mitglied des Gustav-Adolf-Vereins, Vorsteher eines
Armeninstituts, Kassirer des Waisenhauses, Director des Missionsvereins
und Protector aller übrigen mildthätigen Anstalten in der Stadt und
Umgegend, dabei etwa 52 Jahre alt, noch immer ziemlich rüstig und
unbeweibt --«
»Aber Sie wollen doch nicht behaupten, daß dieser Mann«, warf der
Commerzienrath Mahlhuber eine fast ebenso erschrockene als erstaunte
Bemerkung ein.
»Bitte, unterbrechen Sie mich nicht«, sagte der Doctor rasch, »es gibt
in unserm gesellschaftlichen Leben viele Dinge, die wir uns nicht
träumen lassen; aber Sie werden gleich selber hören. In dem Hause des
Generalsuperintendenten, wo der Commerzienrath freien Eintritt hatte,
erkrankte die Tochter so schwer, daß ihr Arzt, ein intimer Freund des
Commerzienraths, keine andere Rettung wußte, als sie in ein ziemlich
entfernt gelegenes Bad zu einer von seinen eigenen Verwandten zu
schicken; das geschah. Die Kasse des Waisenhauses wurde eines Morgens
erbrochen gefunden. In dem Local, wo sie aufbewahrt worden, fanden sich
deutliche Spuren, daß im Hause selber Irgendjemand mit den Spitzbuben --
es war ein Capital von 15,000 Thalern entwendet worden -- gemeinsame
Sache gemacht hatte; aber trotz allen Nachspürens der Polizei blieb der
Dieb unentdeckt. Der Commerzienrath war an dem Nachmittag, wie er das
sehr häufig dringender Arbeiten wegen that, der Letzte im Bureau
gewesen. Er selber sagte aus, daß bei seinem Fortgehen Alles in der
gewöhnlichen und gehörigen Ordnung gewesen sei, und er die Fenster noch
selber eigenhändig untersucht habe, ob die Läden fest und gut
geschlossen seien. Ein Resultat war nicht zu erzielen, und Mehre, der
Unterkassirer, wie der Hausmann und andere niedere Beamte, auf die man
in diesem Falle Verdacht werfen mußte, wurden eingezogen und eine Weile
in Untersuchungshaft gehalten, und als sich ihnen nichts beweisen ließ,
abgelohnt und entlassen.«
»Es ist entsetzlich!« stöhnte der Commerzienrath.
»Als Director des Missionsvereins«, fuhr der Doctor fort, »hatte der
Commerzienrath, der mit Australien und Afrika in brieflicher Verbindung
stand und einzelne Freunde dort drüben hatte, übernommen, die Gelder wie
die wollenen Unterröcke und Strümpfe für die Heidenkinder an ihre
Adressen zu befördern. Die Unterröcke und Strümpfe kamen an, das Geld
nicht --«
»Aber da hätten ja die Postscheine augenblicklich ergeben müssen, wo das
Geld abhandengekommen«, rief der Commerzienrath erstaunt aus.
»Wahrhaftig, Sie haben Recht«, sagte der Doctor, »daran habe ich noch
gar nicht gedacht, sehen Sie, das war ein sehr guter Gedanke, das muß
ich mir überlegen. Aber hören Sie weiter. Commerzienrath Schöler nimmt
vor einigen Jahren ein armes junges Mädchen, eine Waise, deren Vater und
Mutter auf eine schaudererregende Art in dem Brande ihres Hauses
umkamen, bei sich auf, läßt sie unterrichten und zieht sie zu seiner
Wirthschafterin heran. Das Mädchen heißt Susanna. Die Tochter des
Bankiers, sein Mündel, die einige Zimmer in der Etage des
Commerzienraths bewohnt, kränkelt indessen seit einiger Zeit und wird
von demselben Doctor, der die Tochter des Generalsuperintendenten in das
Bad geschickt hat, behandelt. Ihre Krankheit ist eigener Art,
nervenlähmend, mit heftigem Drücken des Herzens und Magens.«
»Das kenne ich«, rief der Commerzienrath lebhaft, »das ist der Anfang
der Hypertrophie.«
Der Doctor, der sich an seinem Tische gegen ihn mit dem Stuhle gewendet
hatte, sah überrascht zu ihm auf, über das Papier weg und sagte ruhig:
»Ich muß Sie ernsthaft bitten alle derartigen Unterbrechungen zu
vermeiden, ich sehe mich sonst genöthigt das Lesen aufzugeben.« Der
Commerzienrath überlegte sich eben, ob das überhaupt eine Drohung sei,
als jener in den Schriften suchend, die verlorene Stelle wiederzufinden
fortfuhr: »Ihre Brust ist beengt, ihr Athem erschwert, häufiger Schweiß
auf der Stirn, Uebelkeiten und Kopfschmerzen --«
»Ich gebe Ihnen mein Wort, daß --« fuhr der Commerzienrath unwillig
heraus, biß aber seine Worte kurz ab und schluckte den übrigen Satz
hinunter, als er dem finsterzürnenden Blick des Lesenden begegnete.
»Merkwürdig«, sagte dieser, ohne sich weiter stören zu lassen, »daß
diese Zustände sich oft auf einige Zeit besserten, ja fast vollkommen
hoben, nur um nach einiger Zeit mit um soviel größerer Stärke
wiederzukehren, bis sie ihnen endlich erlag. Das Testament kam jetzt zur
Vollstreckung, nach dem -- solchen Fall vorausbestimmt, daß die einzige
Erbin vor ihrer erlangten Mündigkeit sterben sollte -- ziemlich
bedeutende Summen an Wohlthätigkeitsanstalten und fromme Stiftungen
übergingen, für den Rest aber, mit einem Capital von etwa 100,000
Thalern, der Commerzienrath Schöler zum Erben eingesetzt war.«
»Sie hat Gift bekommen!« rief der andere Commerzienrath, in seinem Bette
die Hände vor Entsetzen zusammenschlagend.
»Commerzienrath Schöler war jetzt mehr noch als je ein reicher Mann«,
las der Doctor lächelnd weiter, »betrauerte allerdings den Tod der
jungen Erbin ein volles Jahr durch schwarze Kleidung und einen breiten
Flor um den Hut, setzte sich aber ungesäumt in den Besitz des
bedeutenden Vermögens und lebte herrlich und in Freuden.«
»Noch existirte ein armer, aber naher Verwandter des Bankiers, und zwar
der Stiefsohn seiner Schwester, der aber, jung und leichtsinnig, dem
alten reichen Herrn nie recht gefallen hatte. Karl, so hieß er, war ein
herzensguter braver Bursche, selten bei Kasse, es ist wahr, aber stets
leichten Herzens und fröhlichen Sinnes, bis er einst in des Onkels
Hause, dem er eine Visite machte, dessen Tochter sah -- kennenlernte und
-- mit dem Todespfeile im Herzen die Schwelle wieder verließ.«
»Nun bestand eine Sage in der Familie, daß vor alten Zeiten eine
Großmutter dieses jungen Mannes in Indien verheiratet gewesen, später
gestorben sei und ein rasendes Vermögen hinterlassen habe, das aber ein
malayischer Regent, wegen eines fälschlich in Besitz genommenen
Landstrichs, anfechten wollte, und sich ein District in jener Gegend
auch schon deshalb empört haben sollte. Eines Morgens tritt plötzlich
ein sonnengebräunter Mann, der Aehnlichkeit mit einem Matrosen hat, in
Karl's Thür, fragt ihn, ob er Karl Neumann heiße, der Enkel einer in
Indien verstorbenen Frau, Namens Katharina Neumann sei und seine
Erbschaft von dort, etwa sieben Millionen spanische Thaler, richtig
empfangen habe.«
»Sieben Millionen Thaler!« flüsterte der Commerzienrath in halblautem
Erstaunen vor sich hin.
»Karl schrak zusammen«, fuhr der Doctor fort, »als ob er ein Verbrechen
begangen habe und dabei entdeckt worden wäre; seine Wangen verließ das
Blut, seine Glieder zitterten und er mußte sich an einem Stuhle halten,
um nicht umzusinken.«
»Sieben Millionen Thaler«, stöhnte er, »sieben Millionen Thaler -- von
Indien?«
»Sie haben nichts empfangen?« rief der Seemann rasch und erstaunt, »wäre
es möglich, daß jener indische Rajah Sie darum betrogen hätte, hm, dann
wehe ihm! Allah's Zorn und meine Rache sollen ihn treffen, und flöhe er
zu den Stufen seines Tempels, zu dem Heiligthum des ewigen Sarges, ich
würde ihn erreichen.«
»Wer sind Sie?« fragte ihn Karl, »daß Sie solchen Antheil an meinem
Schicksal nehmen, und glauben Sie, daß Sie mir zu der Erbschaft oder
wenigstens zu einem Theile derselben wiederverhelfen könnten?«
»Glaub' ich!« wiederholte der Seemann indignirt, »ich weiß gewiß, daß,
wäre das Geld in der That noch nicht abgesandt, es Ihnen werden muß, und
wenn der erste Rajah selber die gierigen Hände schon darübergebreitet.
Wir hatten in Indien die Adresse eines Mannes aufbekommen, an den die
Summe abgeschickt werden sollte, der indische Fürst schwor in meine Hand
sie richtig zu befördern.«
»Und wie hieß der Mann, dem man für mich ein solches Capital anvertrauen
wollte?« rief Karl, von einer fürchterlichen Ahnung ergriffen --
»Commerzienrath Schöler«, sagte der Seemann, und Karl brach bewußtlos
neben seinem Stuhle zusammen. Wie lange er so gelegen, wußte er nicht;
als er wieder zu sich kam, fühlte er wie ihm Jemand kaltes Wasser in
sein Gesicht goß, und er stöhnte: "Wo bin ich?" Der indische Seemann war
noch bei ihm und suchte ihn ins Leben zurückzurufen, und Karl mußte ihm
jetzt, sobald er sich nur soweit erholt, wieder sprechen zu können,
erzählen, welche Befürchtungen er habe, und daß er fast überzeugt sei,
wie der Commerzienrath das Geld unterschlagen hätte.
»Aber ich bitte Sie um Gottes Willen«, brach jetzt der arme gequälte
Mahlhuber, der immer noch nicht sah, daß der entsetzliche Mensch zur
eigentlichen Sache kam, und es ebenfalls für höchst unwahrscheinlich
fand, daß ein deutscher Commerzienrath sieben Millionen Thaler
unterschlagen könne, das Schweigen. Er war fest entschlossen jetzt
ebenfalls ein Wort mit hineinzureden. »Sie haben ganz Recht, dieser
Mensch muß ein wahres Scheusal sein, und wenn wir 7 Uhr Abends hätten,
verehrter Herr, würde ich nicht das mindeste Bedenken tragen, Ihnen mit
dem größten Interesse zuzuhören, denn der Fall ist in der That
außergewöhnlich und muß, sobald er vor die Oeffentlichkeit kommt, ein
gewaltiges Aufsehen machen; aber thun Sie mir die Liebe -- ganz
abgesehen davon, daß ich wirklich glaube, Sie haben den Commerzienrath
mit den sieben Millionen in einem falschen Verdacht -- und geben Sie mir
lieber die Umrisse des Ganzen, die einfachen nackten Thatsachen, und
lassen Sie besonders die Gespräche der Leute weg, denn ich bin sonst
wahrhaftig nicht im Stande ein unbefangenes Urtheil zu fällen. Mir ist
der Kopf schon jetzt -- ich kann Sie versichern -- so wirr und voll von
den vielen Namen und Begebenheiten, daß ich anfange irre zu werden --
wie viel Uhr haben wir wol?«
»O es ist noch früh«, sagte der Doctor, flüchtig auf seine Uhr sehend,
ohne die Frage selber zu beantworten. »Ich kann Ihnen übrigens nicht
helfen, denn diese Einzelheiten, die eben das Ganze bilden, müssen Sie
kennenlernen, um im Stande zu sein, ein richtiges Urtheil zu fällen.
Uebrigens kommt gerade jetzt die Hauptsache, und ich bin fest überzeugt,
sobald wir die berührt haben, werden Sie so gepackt und aufgeregt sein,
die ganze Nacht nicht mehr schlafen zu können.«
»Das wäre mir aber nicht lieb«, stöhnte der Commerzienrath vor sich hin,
»die ganze vorige Nacht Hunde aus der Thür geworfen, und heute Nacht
über ein Menschenleben zu Gericht sitzen, daß man sich später vielleicht
die schrecklichsten Vorwürfe macht, jahrelang eine blutige Gestalt vor
Augen sieht und hinter jeder Thür, unter jeder Bettstelle, besonders
aber unter der eigenen, irgendeine entsetzliche Gestalt vermuthet. Das
bischen Seelenruhe ist dann auch noch zum Teufel. -- Guter allmächtiger
Gott! und ein Commerzienrath dieser nichtswürdige bigote Heuchler -- es
ist eine Schmach für den sonst so ehrenwerthen Stand. Man müßte wirklich
bei der hohen Staatsregierung darauf antragen, daß ihm der Titel und
Rang, sobald sein Verbrechen nur erst einmal constatirt worden, wieder
abgenommen würde, daß er aller dieser Ehrenrechte verlustig gehe. -- Ein
wahres Scheusal von einem Commerzienrath.«
Der Doctor hatte indessen wieder einmal getrunken, und das Manuscript
aufnehmend, begann er von neuem:
»Jetzt muß ich noch erwähnen, daß das Haus, in welchem Karl wohnte,
dicht an das des Commerzienraths Schöler stieß und mit diesem auch in
der That einen durch eine dünne Backsteinwand getrennten Keller hatte.
Karl war nicht reich, aber er liebte es doch in seinem eigenen Keller
sein eigenes Bier einzulegen, und er fühlte sich jetzt so schwach, daß
er einer Stärkung, welcher Art sie auch sei, bedurfte. Er ging hinunter,
das Bier heraufzuschaffen, und hörte unten, als er die Thür langsam
aufgeschlossen hatte, ein dumpfes Graben und Stoßen nebenan, als ob die
Erde aufgeworfen würde. In dem Augenblick achtete er aber nicht darauf,
nahm einige Flaschen Bier unter den Arm und stieg wieder nach oben.«
»Dem Seemann schloß er nun sein ganzes Herz auf, gestand ihm, daß er arm
aber ehrlich sei, und bat ihn um seinen Rath, wie es möglich gemacht
werden könnte, dem gierigen Vormund das wahrscheinlich unterschlagene
Capital zu entreißen.«
»Nicht um des Geldes wegen«, rief der junge Mann, und ein edles Feuer
blitzte aus seinen Augen, »nicht des schnöden Mammons wegen sehne ich
mich nach dem Besitze; was ich brauche, verdiene ich mir durch meine
Feder, und frei und unabhängig stehe ich in der Welt, aber -- weh mir --
ich liebe hoffnungslos, und die Geliebte ist des falschen Onkels
Mündel.«
»Aber die ist ja schon todt!« rief der Commerzienrath voller Erstaunen,
»ich bin ja schon fest davon überzeugt gewesen, daß sie der
nichtswürdige Mensch vergiftet hat.«
»Ja -- Sie haben Recht«, sagte der Doctor, »aber hier lasse ich den
Leser einen vermutheten Scheintod ahnen -- ich spanne ihn gewissermaßen
auf die Folter und glaube gerade, daß mir diese Wendung vortrefflich
gelungen ist. Jetzt warten Sie -- jetzt verschwindet das Mädchen, das er
zu sich ins Haus genommen hat, und dadurch, daß Karl in seinem Keller
das Graben und Erdewerfen gehört hatte, habe ich den Commerzienrath
vollständig in meiner Gewalt -- ich kann ihn entweder durch eine
Haussuchung überführen und entdeckt werden, oder vorher, durch den
Seemann vielleicht, der sich dafür einen Theil der sieben Millionen
sichert, warnen und nach Amerika flüchten lassen.«
»Ich werde noch verrückt!« stöhnte der Commerzienrath, mit beiden Händen
seine eigene Stirn fassend und pressend. »Ist denn die Mündel wirklich
todt oder lebt sie noch?«
»Ich sage Ihnen ja, ich kann das noch machen wie ich will«, erwiderte
ihm der Doctor freundlich, »und auch hierüber wollte ich mir Ihre
Ansicht erbitten, ob Sie nicht auch glauben, daß man durch einen
glücklichen Scheintod das Interesse des Lesers weit gewaltiger anspannen
könnte.«
Der Commerzienrath fuhr mit beiden Beinen zugleich aus dem Bette.
»Haben Sie mir da Thatsachen vorgelesen?« rief er dabei, »oder mich zum
Narren gehabt mit einer wahnsinnigen, erdichteten Geschichte, Herr?«
»Zum Narren gehabt? Wahnsinnige Geschichte? Mein Herr, das ist oder wird
vielmehr eine Novelle, wenn ich im Stande bin sie so durchzuführen, wie
sie angelegt ist, die ihres Gleichen in der Literatur sucht, und nur um
Ihre Meinung darüber zu hören und mir in der Entwickelung vielleicht
durch einen einfach praktischen Rath an die Hand zu gehen, habe ich sie
Ihnen vorgelesen.«
»Herr Doctor!« rief jetzt der Commerzienrath, mit den Füßen wieder
zurück unter die Decke fahrend, als ob er draußen auf heißes Eisen
getreten wäre, und mit beiden Händen zugleich seine weiße Nachtmütze
fest und entschlossen über die Ohren ziehend, »wenn ich Ihnen das jetzt
sagte, was ich von Ihnen denke, könnten Sie mich bei jedem Criminalamt
auf die furchtbarste Verbalinjurie verklagen. Soviel will und muß ich
Ihnen aber bemerken, daß ich ein kranker Mensch bin, der vorige ganze
Nacht kein Auge zugethan und Ihnen aus übergroßer, wie ich nun einsehe,
alberner Gutmüthigkeit sein eigenes Zimmer mit eingeräumt hat, um jetzt,
unter der Vorspiegelung, wichtige Thatsachen erzählt zu bekommen, mit
einer faden confusen Novelle mishandelt zu werden. Ich verlange jetzt
ernsthaft von Ihnen, daß Sie mich in Ruhe lassen und endlich Ihr Licht
auslöschen, ich bin sonst nicht im Stande einzuschlafen und -- und
wünsche Ihnen eine angenehme Ruhe.«
Damit fiel er wie todtgeschlagen auf sein Kopfkissen zurück, schloß die
Augen und machte ein Gesicht, als ob er Arsenik genommen hätte und nun
bereit wäre zu sterben.
»Fade Novelle?« rief der Doctor Wickendorf, an seiner empfindlichsten
Stelle gefaßt. »Mein Herr, ich habe Ihnen mehr Beurtheilungskraft
zugetraut, als Sie wirklich zu besitzen scheinen, und kann nur bedauern,
meine Zeit damit verschwendet zu haben, Sie um eine Meinung darüber zu
ersuchen. Schlafen Sie wohl!«
Der Mann war aufgesprungen und ging, zu des Commerzienraths stillem
Grimme, ohne das Licht auszulöschen, mit raschen Schritten und mit
festverschlungenen Armen im Zimmer auf und ab, dann und wann einen
zürnenden Blick nach der Stelle hinüberwerfend, wo sein duldender
Schlafkamerad, äußerlich ein Bild des stillen Friedens, mit der über die
Ohren gezogenen Nachtmütze auf dem Rücken lag, innerlich aber den
unruhigen Gesellen mit dem brennenden Lichte dahin wünschend, wo der
Pfeffer wächst. In einer Art von verzweifelter Resignation schien der
Commerzienrath entschlossen, auch das Schlimmste über sich ergehen zu
lassen, ohne weiter dagegen anzumurren.