»Machen Sie rasch, meine Herrschaften«, drängte der Conducteur, »die

Zeit ist schon abgelaufen und wir sind überdies sieben Minuten zu spät.«

»Hier in dem Coupé sitzen der Herr Commerzienrath«, sagte zugleich die

zuvorkommende Stimme des Gendarm -- und Mahlhuber's Blut stockte -- sein

Puls hörte auf zu schlagen --

Die Thür wurde in diesem Augenblick aufgerissen und ein junger Mann sah

hinein; ein scharfer Pfiff der Locomotive ließ ihm aber keine Wahl

weiter, und er sprang rasch die eisernen Tritte hinauf, drehte sich in

der Thür um, um einen Reisesack in Empfang zu nehmen, und half dann

einer Dame nach. Die Thür wurde zugeworfen. »Ihre Billets, meine

Herrschaften«, sagte der Conducteur, und der Zug setzte sich langsam in

Bewegung.

14.

+Wieder unterwegs.+

Als der Commerzienrath den Damenhut sah, athmete er freier auf -- er war

gerettet -- der Zug im Gange und an eine Verfolgung der beiden wüthenden

jungen Leute für jetzt nicht mehr zu denken. Das Einzige blieb ihm noch

zu thun, sich in Burgkunstadt mit sowenig Aufsehen als möglich vom

Bahnhofe zu entfernen, spätere Verfolgung vielleicht irrezuleiten, und

da er dort gar nicht bekannt war, mußte es ihm auch leicht sein, einen

falschen Namen für den seinigen in das Register eintragen zu lassen.

Nach einem Paß fragte ihn auf der ganzen Strecke Niemand.

Die beiden jungen Leute, die mit ihm in einem Coupé saßen, hatten

indessen rasch und heimlich miteinander geflüstert und die Dame

besonders mehrmals den Kopf nach ihm umgedreht. Der Commerzienrath war

aber, nach den letzten bittern Erfahrungen, fest entschlossen, sich mit

Niemandem mehr hier draußen, wer es auch immer sei, in ein Gespräch

einzulassen, man konnte nie wissen, was dahintersteckte, und mit Frauen

besonders hatte er gerade genug in den paar Tagen erlebt.

»Wenn ich mich nicht ganz irre«, redete da plötzlich die junge Dame den

trotz der warmen Witterung in seinen Mantel zurückgezogenen

Commerzienrath an, »so habe ich schon gestern das Vergnügen gehabt, mit

Ihnen in einem Coupé zu fahren, mein Herr, und bin Ihnen zu so großem

Danke verpflichtet worden.«

»Mir?« sagte der Commerzienrath und sah seine Nachbarin groß und

erschrocken an, »mir zu Dank verpflichtet -- bei Allem was da lebt!«

fuhr aber plötzlich von seinem Sitze empor, »da ist meine Nichte!«

»Mein bester Herr, ich kann Ihnen gar nicht sagen, welch großen Dienst

Sie uns gestern durch Ihre freundliche Onkelschaft geleistet haben«,

nahm jetzt der junge Mann für die tieferröthete Dame das Wort, »meine

arme Marie, die sich einer verhaßten Verbindung, zu der sie ihr

Stiefvater zwingen wollte, aus Liebe zu mir durch die Flucht entzog,

wäre, ehe ich von ihrer Ankunft benachrichtigt sein konnte, fast

verrathen und dann jedenfalls wieder zurückgeliefert worden. Das ist

jetzt nicht mehr zu fürchten, und wir sind eben auf dem Wege, uns ihrem

Vater selber vorzustellen, der sich wohl oder übel über das einmal

Geschehene wird trösten müssen.«

»Na ich gratulire Ihnen«, sagte der Commerzienrath mit sehr zweideutigem

Tone. »Wenn Sie übrigens den beiden jungen Burschen, den Brüdern der

Dame, wenn ich nicht irre, die ich heute von Staffelstein aus nach

Koburg geschickt habe, um sie nur loszuwerden, in die Hände fallen, so

will ich auch meinem Gott danken, wenn ich nicht in der Nähe bin.«

»Meine Brüder nach Koburg geschickt?« rief die junge Dame,

hochaufhorchend, und der Commerzienrath mußte jetzt erzählen, wie das

gekommen und welche Angst er selber dabei als Mitschuldiger

ausgestanden. Die beiden jungen Leute hörten ihm im Anfange ganz

ernsthaft zu; über das liebe rosige Gesicht der jungen Frau blitzte und

zuckte es aber indessen wie zitterndes Sonnenlicht auf einem

leichtbewegten Bache, ihre großen braunen Augen funkelten in einem kaum

noch zu bezwingenden Humor, und als der Commerzienrath endlich zu der

Stelle kam, wo ihn die Brüder gefragt, ob er vielleicht der ältliche

Herr selber sei, konnte sie sich nicht länger halten und lachte

geradeheraus. Daß das so klar und silberhell klang und das kleine

Gesichtchen gar so lieb und gutmüthig, ja mitleidig und theilnehmend

dabei aussah, konnte den Commerzienrath nicht beruhigen, und seinen

ganzen Ingrimm über erlittene Unbill und schmähliche Behandlung

zusammenraffend, sagte er mit seinem zornigsten Ausdruck in Wort und

Blick, aber doch mit seiner nie zu verleugnenden Höflichkeit:

»Mein sehr verehrtes Fräulein, Sie haben jetzt sehr gut lachen, wenn

aber Ihre Leber --«

»Mein lieber bester Herr«, unterbrach ihn bittend und schmeichelnd die

junge Dame, »seien Sie recht bös auf mich, ich hab' es nur zu reichlich

meiner Undankbarkeit wegen verdient, aber verzeihen Sie mir dann auch,

und seien Sie versichert, daß ich wie Oskar nie im Leben die

Verbindlichkeit vergessen werden, die wir Ihnen schulden.«

»Bitte, bitte«, sagte der Commerzienrath abwehrend und durch die

herzlichen Worte schon vollkommen beruhigt, »aber -- Sie erlauben mir

die Frage, wie können Sie es jetzt wagen, nach dem gestern Vorgefallenen

heute schon nach Hause zurückzukehren? Ihr Herr Vater wird unter so

bewandten Umständen unter keiner Bedingung in eine Verbindung mit dem

jungen Herrn da einwilligen.«

»Wir sind verbunden«, sagte dieser freundlich, während das junge

Weibchen tief erröthete, »und alle Väter der Welt werden diese

Verbindung nicht wieder lösen können.«

»In der Geschwindigkeit?« rief der Commerzienrath erstaunt aus.

»Meiner Frau Onkel, und zwar der Bruder ihres Vaters, der stets gegen

die Verbindung mit jenem faden Menschen gewesen, ist selber Geistlicher

und hat uns, da er unsere Liebe kannte, gestern Abend miteinander, nach

den Gesetzen unserer Kirche, wenn auch ohne die nöthigen Aufgebote

getraut.«

»Nun das freut mich in der That«, sagte der Commerzienrath, dem sich

damit, auch der Brüder wegen, ein Stein von der Seele wälzte, »das ist

Alles recht hübsch und gut, aber ich möchte doch die letzten 24 Stunden,

die ich deshalb ausgestanden, nicht wieder mit durchmachen -- und wenn

ich sechs Heirathen stiften könnte.«

»O das thut mir ja recht leid«, sagte die kleine junge Frau erschreckt,

die Hände faltend und mit einem so mitleidigen Blicke zu dem alten Herrn

aufsehend, daß diesem ganz weh und weich ums Herz wurde.

»O bitte, bekümmern Sie sich deshalb nicht«, sagte der Commerzienrath,

»es war recht gern geschehen --.«

»Wenn ich je im Stande sein sollte, Ihre Freundlichkeit wenigstens in

etwas wiedergutzumachen«, rief auch jetzt der junge Mann, »so verfügen

Sie ganz über mich, hier ist meine Karte, dürfte ich nun auch wol um

Ihren Namen bitten?«

»Um meinen Namen?« sagte der Commerzienrath rasch und mistrauisch zu ihm

aufsehend, »nein, bitte um Verzeihung, Sie sind sehr freundlich, aber

mein Name hat mich in den letzten Tagen so genirt und in Verwickelungen

gebracht, daß ich ihn, wenn das möglicherweise anging, ganz abschaffen

würde, wie aber die Sachen stehen, so zurückhaltend von jetzt an damit

sein werde, als es eben möglich ist.«

»Aber ich bitte Sie um Gottes Willen --«

»Nennen Sie mich in Gedanken Müller«, sagte der Commerzienrath, »ich

habe mich heute schon einmal so geheißen, und der Name war mir recht

nützlich.«

»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir thut, daß Sie um

Mariens wegen soviel Unannehmlichkeiten gehabt zu haben scheinen, aber

das mag Ihnen doch einige Beruhigung gewähren, zwei Glückliche dadurch

gemacht zu haben.«

»Wenn ich damit meine Leber nur wieder kleiner machen könnte«, sagte der

Commerzienrath; »doch ich glaube wir kommen an die Station, der Zug

pfeift; nun ich wünsche Ihnen eine recht glückliche Reise und recht

guten Empfang zu Hause --.«

»Wir danken Ihnen recht herzlich.«

»Ist mir aber sehr angenehm, daß ich nicht mit muß«, setzte der

Commerzienrath hinzu.

»Und Sie wollen uns Ihre Adresse wirklich nicht sagen?« fragte Marie.

»Den Namen werden Sie jedenfalls, wie mir jetzt einfällt, durch Ihre

Herren Brüder erfahren, die ihn leider sehr genau kennen«, seufzte der

Commerzienrath, »meine Adresse erlauben Sie mir aber zu verschweigen.

Ich will froh sein, wenn ich in -- wenn zu Hause bei mir Niemand von

meinen Abenteuern hört. Würden Sie mich bis dorthin verfolgen, wäre ich

in 14 Tagen todt.«

»Station Burgkunstadt -- drei Minuten Aufenthalt«, sagte in diesem

Augenblick der Conducteur, die Thür öffnend. »Sie steigen ja wol hier

aus, mein Herr?«

»Ja wol -- können Sie mir nicht sagen, wann die Post abgeht?« rief der

Commerzienrath, seine Habseligkeiten aufgreifend.

»Wird wol gleich abfahren«, lautete die willkommene Nachricht, »hier

steht schon der Postwagen.«

»Ach, ich danke Ihnen sehr; also ich empfehle mich Ihnen nochmals.«

»Recht glückliche Reise!« riefen die beiden jungen Gatten ihrem

gepreßten Onkel nach, und der Commerzienrath sah sich im nächsten

Augenblick wieder mit einem Gefühl großer Genugthuung neben dem

Postwagen stehen, der ihn zurück zu seiner Dorothee, zu seiner

häuslichen Bequemlichkeit, zu Ruhe und Frieden bringen sollte. Sich um

den Zug auch nicht im mindesten weiter bekümmernd, gab er einem der mit

Nummern versehenen, also vereideten Diener seinen Gepäckschein mit dem

Auftrag, seine Koffer in das dicht dabei befindliche Postgebäude zu

tragen und wiegen zu lassen, und er selber begab sich ebenfalls rasch

dorthin, sein Fahrbillet direct nach Gidelsbach zu lösen. Die beiden

Brüder brauchte er, der empfangenen Nachricht nach, Gott sei Dank nicht

mehr zu fürchten, und er dachte gar nicht daran, noch in einem dritten

Wirthshause die entsetzlichen Scenen der beiden letzten Nächte zu

wiederholen -- er hatte von denen genug.

Sein Billet war gelöst, sein Gepäck besorgt und schon zum Eilwagen

geschafft, der dicht an das Postcoupé des Zuges anfuhr, die dort für das

Binnenland bestimmten Briefe und Packete in Empfang zu nehmen.

Der wurde heute übrigens etwas länger als gewöhnlich in Burgkunstadt

aufgehalten, da mehre Güterkarren hier gelassen, andere wieder angehängt

werden mußten, und die Post war dadurch zur Abfahrt fast ebenso früh

fertig als der Zug. Der Commerzienrath stand eben vor der geöffneten

Thür, in die er schon Reisesack und Schirm hineingeschoben, während eine

Dame mit ein paar Hutschachteln in der Hand ebenfalls zu ihm trat, als

plötzlich eine tiefe Stimme aus einem der geöffneten Fenster des Coupé

zweiter Classe herausschrie:

»Herr Commerzienrath Mahlhuber! Herr Commerzienrath Mahlhuber!«

Der Gerufene drehte sich, wie von einer Natter gestochen, nach der

Stimme um und erkannte zu seinem Entsetzen den schweigsamen Mann aus der

Post von Gidelsbach, der, ihm freundlich und ganz zutraulich winkend,

mit dem halben Leibe aus dem Coupéfenster lehnte.

»Nun wie geht's?« rief er dabei mit einem breiten Grinsen über das ganze

Gesicht und mit der Hand herübergrüßend, »schon zurück nach Gidelsbach?

-- Haben doch Ihre Pistolen wieder geladen? -- Wünsche Ihnen recht

glückliche Reise!«

Der Commerzienrath drehte sich halb nach dem frechen Menschen um und

warf ihm einen verächtlichen Blick zu, als in demselben Augenblick die

Locomotive einen scharfen grellen Pfiff that. Herr Mahlhuber aber, von

seiner bisherigen Eisenbahnfahrt immer noch in der steten Angst

zurückgelassen zu werden, vergaß ganz, daß er gar nicht mehr zu dem Zuge

gehöre und wollte in rücksichtloser Hast in den vor ihm geöffneten

Postwagen fahren.

»Nun, Herr Jesus, um Gottes Willen, was haben Sie denn nur? Sie rennen

Einen ja ganz über den Haufen!« rief die Dame, gegen die er in seiner

Angst angeprallt war.

»Bitte tausend mal um Entschuldigung!« rief der Commerzienrath, während

von dem sich jetzt in Bewegung setzenden Bahnzug ein höhnisches Lachen

zu ihm herübertönte, »die Locomotive pfiff --«

»Na die Post geht Ihnen deshalb doch nicht durch, lieber Mann«,

erwiderte die Dame, sich mit einigen leisegemurmelten, eben nicht

freundlichen Worten ihren Hut wieder in Façon drückend, »ist mir so

etwas schon in meinem Leben vorgekommen?«

Zerknirscht, doch ohne ein Wort weiter zu erwidern, nahm der arme

abgehetzte, mishandelte Commerzienrath nach der Dame in der

gegenüberbefindlichen Ecke Platz; jetzt aber fest entschlossen, was auch

geschehen möge, dem boshaften Geschick keinen weitern Halt an sich zu

geben. Schweigend legte er sich zurück, zog sich die Mütze tief in die

Stirn und schloß die Augen. Er sprach nicht, er hörte nichts, was zu ihm

gesprochen wurde, er beklagte sich nicht über Zug noch Hitze, kümmerte

sich weder um die schöne Gegend noch um die alte Nachbarin, und trug mit

einer wirklich rührenden Resignation die neuen Leiden der nächtlichen

Postfahrt, die seinem matten Körper kaum eine flüchtige Stunde Schlaf

gestattete.

In Otzleben besonders rührte er sich nicht von seinem Platze, und nur

einen verstohlenen Blick warf er aus dem heraufgezogenen Fenster, sich

bei dem Anblick des alten Postgebäudes die Scenen der vorvorigen Nacht

noch einmal ins Gedächtniß zurückzurufen und seinem Gott zu danken, daß

sie eben einer vergangenen Nacht angehörten.

Es war Abend -- die Mamsell stand in der Hausthür, die Arme mit den

aufgestreiften Aermeln in die Seite gestemmt, das große Schlüsselbund

vorn an der Schürze, und nebenan aus dem Stalle führte der halbe

Hausknecht die frischen Pferde herzu, mürrisch dabei mit den

Schlepppantoffeln über das Hofpflaster schlurrend. Welch stilles Bild

des Friedens -- und dort hinten? --

»Satanskröte«, murmelte der Commerzienrath zwischen den Zähnen durch,

als er den kleinen siebzehn mal hinausgeworfenen Pudel gerade wieder,

wie er ihn verlassen hatte, in der Thür sitzen und sich kratzen sah,

»weiter fehlte mir nichts, als heute Nacht noch ein solches Quartier im

grünen Zimmer.«

Die Dame, der einzige Mitpassagier im Wagen, die den Commerzienrath

schon mehrmals unterwegs angeredet und nach Dem und Jenem gefragt, aber

nie eine Antwort bekommen hatte, schien endlich zu der Ueberzeugung

gekommen zu sein, daß er entweder stocktaub wäre oder doch wenigstens

sehr schwer höre. Das herauszubekommen, denn das schweigsame

Imwagensitzen war ihr entsetzlich -- bog sie sich plötzlich soweit sie

konnte zu dem Commerzienrath über und schrie ihm ins Ohr:

»Wie heißt der Ort hier?«

»Herr du meine Güte«, sagte der Commerzienrath zusammenfahrend, »haben

Sie mich erschreckt.«

»Das hört er doch«, brummte die Dame befriedigt vor sich hin; »nun?«

schrie sie dann wieder, »wissen Sie nicht wie der Platz heißt?«

»Otzleben, soweit ich mich entsinne«, sagte ihr Nachbar, also gepreßt.

»Freundliches Dörfchen hier, wie?« schrie die Dame wieder; aber

Mahlhuber ging nicht in die Falle. Er dachte an die zerschossene

Hutschachtel, an die Ueberschuhe, an die Nichte. -- Das Alles waren die

Folgen eines leichtsinnig angeknüpften Gesprächs gewesen.

»Freundliches Dörfchen hier«, schrie seine Nachbarin noch einmal, sich

doch wenigstens gehört zu machen; der Commerzienrath aber warf noch

einen Blick hinaus auf seine Freundin, die Mamsell mit den langen Locken

und aufgestreiften Aermeln, auf den komischen Hausknecht und den Pudel,

zog dann den Mantel um sich her, drückte sich fest in seine Ecke und

verweigerte hartnäckig selbst seine Zustimmung zu dem ganz

unverfänglichen Lobe von Otzleben.

»Ist das ein tauber Esel«, brummte die Dame halblaut, aber vollkommen

verständlich zwischen den Zähnen durch; »wird man auch noch mit so einem

langweiligen Peter von Reisegesellschafter geplagt, du meine Güte!« und

ihren großen Reisekober neben sich zurechtrückend, stemmte sie die

beiden Füße auf den gegenüberbefindlichen Sitz, faltete die Hände im

Schoose und schloß ebenfalls die Augen.

15.

+Die Heimkehr.+

Eine Station nach der andern passirten sie derart, ohne auch nur ein

Wort weiter miteinander zu wechseln, aber auch ohne das mindeste

Außergewöhnliche oder Störende in ihrer Fahrt. An Schlaf war natürlich

für den des Fahrens ungewöhnten Commerzienrath nicht zu denken, und

seine Leber mußte seiner Meinung nach blaue Flecke bekommen haben, so

stieß sie fortwährend, worauf er hätte schwören wollen, gegen Magen und

Rippenwände an. Aber mit jeder Meile, die sie zurücklegten, kamen sie

auch seiner Heimat, seiner Häuslichkeit, dem gemüthlichen

Schlafrockleben wieder näher; jeder Stoß des Wagens half ihm über einen

Stein fort, der noch zwischen ihm und Gidelsbach lag, und er ertrug das

Schwerste mit einem Lächeln im Herzen.

In der Nacht bekamen sie noch mehr Passagiere in den Wagen; ein dicker

Herr mit einem entsetzlichen Schnupfen stieg etwa um Mitternacht ein,

als sie in einem kleinen Städtchen mit fürchterlichem Pflaster und einem

heisern Nachtwächter umspannten, und gegen Morgen kam noch ein junger

Bursch mit einer grünlackirten riesig großen Botanisirtrommel in den

Wagen und erzählte den Passagieren, daß er zum ersten male eine Fußreise

gemacht habe und jetzt wieder zurück zu seinen Aeltern gehe. Er hieß

Karl Becker, wie er aussagte, war 14 Jahre alt, in der Schule in Tertia,

und hatte bei der letzten Prüfung die beste Censur bekommen. An dem

Commerzienrath prallte das aber Alles ab, und die Dame begann dann mit

dem dicken verschnupften Herrn eine Unterhaltung über Kinder und

Butterpreise. Dieser wandte sich auch einmal im Laufe des Gesprächs an

Mahlhuber. »Der ist stocktaub«, entschuldigte ihn aber die Dame, und man

ließ ihn ungestört gewähren.

Dort lag Gidelsbach -- die Biegung der Straße enthüllte es plötzlich

ihren Blicken -- jetzt fuhren sie über die Roßbrücke, jetzt am

Chausséehause vorüber -- da drüben lag der Sommergarten, weiter links

nach vorn die Windmühle, und von dem leisen Luftzuge getragen, klangen

die melodischen Schläge der alten Thurmuhr, die die Mittagsstunde

kündete, zu ihnen herüber.

Dem Commerzienrath traten die Thränen in die Augen, es war ihm als ob er

zehn Jahre lang entfernt gewesen wäre, und den Bauern, die aus der Stadt

kamen, den zurückkehrenden Holzfuhrleuten nickte er zu und freute sich

wie ein Kind über das fröhliche Schmettern der Lerchen, über das

Schnattern der Gänse und das Kläffen der Hunde, die neben dem Postwagen

hersprangen.

Jetzt rasselten sie durch das steingewölbte alte Stadtthor auf das

Pflaster der Stadt, wo er jede Firma kannte, und wie er sich aus dem

Wagen bog, die lieben befreundeten Plätze wiederzubegrüßen, war das

erste bekannte Gesicht, das ihm begegnete, das des Doctor Mittelweile,

der ihn anstarrte, als ob er einen Geist gesehen hätte.

»Commerzienrath, sind Sie des Teufels?« rief er in Schreck und Staunen,

mitten auf der Straße stehen bleibend; der Commerzienrath erwiderte aber

kein Wort, nickte dem Manne nicht einmal zu, und die Post rasselte

weiter, ihrem Bestimmungsort zu.

An dem Postgebäude angelangt und von den Postbedienten auf das

freundlichste begrüßt, stieg er aus, ohne sich auch nur mit Wort und

Blick um die übrigen Passagiere zu bekümmern, gab Einem der Leute den

Auftrag, sein Gepäck augenblicklich in die eigene Wohnung zu schaffen,

und schritt dann, so leicht als ob er flöge, die schmale Gasse entlang,

die zu seiner Heimat führte.

Dorothee hatte heute natürlich gerade den Vetter zu Tische, und als der

Commerzienrath ohne anzuklopfen in sein Zimmer trat, schrie sie blos:

»Alle guten Geister loben Gott den Herrn!« und ließ einen Teller mit

Suppe fallen.

»Guten Tag, Dorothee!« sagte der Commerzienrath, ohne von dem Vetter

weiter Notiz zu nehmen, »ist mein Zimmer in Ordnung?«

»Jesus meine Zuversicht«, schrie die alte Haushälterin, die Frage nicht

einmal hörend, »der Herr Commerzienrath sind schon wieder da?«

»Ist mein Zimmer in Ordnung, Dorothee?«

»Ja wol, ja wol, bester Herr, aber was um Gottes Willen ist denn

vorgefallen?«

Der Commerzienrath hatte sich schon abgewandt, um in sein Schlafzimmer

zu treten, drehte sich aber in der Thür noch einmal um und sagte

freundlich:

»Ich bin wieder da, Dorothee, und ich bleibe auch hier und gehe nicht

wieder fort, und wenn der Mosje, der Doctor Mittelweile, kommt --«

In dem Augenblick klopfte es an die Thür, und ehe nur Jemand »Herein«

oder »Nicht herein« rufen konnte, ging diese auf und der Doctor selber

stand auf der Schwelle.

»Aber nun sagen Sie mir um Gottes Willen, Commerzienrath --«

»Guten Morgen, Doctor«, erwiderte der Commerzienrath, immer noch dabei

seine Mütze auf, seinen Reisesack an der Hand und Rock und Regenschirm

unter dem Arme.

»Was in aller Welt treibt Sie denn in zwei Tagen schon wieder zurück?«

rief dieser, »ich glaubte Sie wohlbehalten jetzt in München. -- Was ist

Ihnen denn passirt?«

»Ich will Ihnen etwas sagen, Doctor«, erwiderte der Commerzienrath mit

einer finstern dumpfen Entschlossenheit in der Stimme, »und Ihnen auch,

Dorothee -- hat der Vetter schon gegessen?«

»Ja wol, Herr Commerzienrath, ich danke Ihnen recht schön«, rief dieser

und wand sich, froh so abzukommen, wie ein Ohrwurm zur Thür hinaus. Der

Commerzienrath sah ihm nach, bis er diese hinter sich ins Schloß

gedrückt, und fuhr dann ruhig, aber mit vollkommen entschlossener Stimme

fort:

»Gerade ehe Sie eintraten, Doctor, habe ich es der Dorothee gesagt, ich

bin wieder da, und was mehr ist, ich gehe auch nicht wieder fort.

Weshalb ich so rasch zurückgekommen bin, geht Niemandem etwas an, es

braucht mich auch Niemand darum zu fragen, denn ich bin alt genug zu

wissen, was mir gut und nützlich ist und was nicht. Sie haben mich doch

alle Beide verstanden?«

»Ja wol, bester Herr Commerzienrath, aber --«

»Gut, dann bitte ich, daß jetzt die Thüren hier zugeschlossen werden und

Niemand vor morgen früh hereingelassen wird.«

»Aber Sie müssen doch erst essen, Herr Commerzienrath«, rief Dorothee in

Schreck und Angst.

»Wenn ich hungerig bin, werde ich's schon sagen«, erwiderte dieser,

»haben Sie sonst noch etwas zu bemerken?«

»Nein, Herr Commerzienrath, aber --«

»Schön -- dann wünsche ich Ihnen und mir eine angenehme Ruh«, sagte Herr

Mahlhuber und verschwand im nächsten Augenblick hinter der Kammerthür,

die er abschloß und dann den Nachtriegel vorschob.

»Er ist übergeschnappt!« sagte der Doctor achselzuckend, indem er seinen

Hut wiederaufsetzte und sich umdrehte, das Zimmer zu verlassen.

»Dann sind Sie daran schuld!« rief Dorothee, die Arme in die Seite

stemmend, »denn Sie allein haben dem armen alten unglücklichen Manne so

zugesetzt, bis er in aller Verzweiflung seine Heimat verlassen mußte und

hinaus in die Welt ging.«

»Die Dorothee ist auch übergeschnappt!« sagte der Doctor, und verließ

langsam und kopfschüttelnd das Haus.

Und der Commerzienrath? -- Lieber Leser, Morgens um 8 Uhr sitzt ein ganz

behäbiger und für sein Alter noch ziemlich rüstiger Mann an dem offenen

Fenster seiner Wohnstube, trinkt seinen Kaffee und liest mit großem

Wohlbehagen aus der vor ihm aufgeschlagenen Zeitung die Berichte über

das »Ausland«. Der Mann ist der Commerzienrath Mahlhuber in Gidelsbach

und befindet sich ganz außerordentlich wohl.

* * * * *

* * * *

* * * * *

Druckfehler

die sechsundfunfzigjährige Haushälterin

_"funf" ungeändert_

erbot und verpflichtete, ein Pistol

_Originaltext: "Ein"_

das sie ausbreitete

_Originaltext: "aufbreitete"_

von ungehobelten Brettern

_Originaltext: "Bretern"_

den dienstbaren Geist ... ließ er ihm das Gepäck ... tragen

_Text ungeändert (d.h. "ließ" gehört mit "den dienstbaren Geist",

nicht mit "ihm")_

die ihm gerade entgegen- die Straße herunterkam

_d.h. "ihm entgegenkam, die Straße herunterkam"_

sein Puls hörte auf zu schlagen --

_Originaltext: "schlagen,"_

den schon so schmuzigen Wegen

»ich trage bei schmuzigem Wetter immer Lederschuhe

_"schmuzig" ungeändert_

daß er sie zu fodern hatte

angehalten und aufgefodert wurde

in die jedenfalls unbillige Foderung

das Sie von Beiden fodern können

_"foder(n)" ungeändert_

Anführungszeichen

Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer · 第 9 / 10 段