der noch gar nicht verstand, um was es sich hier eigentlich handelte und
ein etwas verdutztes Gesicht in das allgemeine Vergnügen hinein machte,
die Einzige von den Zuschauern gewesen, die nicht gelacht hatte; oder
sie wollte es auch vielleicht verbergen, denn sie bog das Köpfchen, wie
der Blonde in den Wagen stieg, tief nieder, als ob sie den Ausdruck
ihres Gesichts -- vielleicht das ganze Gesicht verbergen wollte. Während
des von weiblicher Seite leidenschaftlich genug geführten Gesprächs
sagte sie auch kein Wort, und in der That ließ auch die Dame in dem
papagaigrünen Hute, in dem Bewußtsein ihrer schändlich misbrauchten
hülflosen Lage, Niemand Anderes zu Worte kommen.
»Aber, liebste Madame --«, sagte der Commerzienrath in einem trostlosen
Versuche sie zu besänftigen.
»Gehen Sie mir mit Ihrer Madame«, schrie die Frau, »schaffen Sie mir
meine Schuhe -- Herr! Wer gibt Ihnen ein Recht hier, anderer Leute
Schuhe zum Fenster hinauszuwerfen?«
»Aber ich will sie Ihnen mit größtem Vergnügen bezahlen --«
»Und was zieh' ich denn jetzt an? Soll ich etwa barfuß oder in Strümpfen
in Bamberg zu einem Schuster laufen?«
»Ich würde Ihnen gern ein Paar von den meinigen --«
»Haben Sie Schuhe bei sich?«
»Schuhe? Nein, aber Stiefel --«
»Glauben Sie, daß ich in Männerstiefeln in der Stadt herumlaufen soll?«
rief die Schöne entrüstet, »nein, ist schon Jemandem eine solche
Unverschämtheit vorgekommen?«
»Aber was um des Himmels Willen verlangen Sie, das ich thun soll?« rief
der Commerzienrath in Verzweiflung, »das Unglück ist einmal geschehen
und ich kann nicht mehr thun, als daß ich Ihnen selber überlasse zu
bestimmen, was ich thun soll.«
Die dicke Dame hatte aber noch gar nicht die Absicht, den durch ihr
erlittenes Unrecht gewonnenen Vortheil, das Wort allein zu haben, sobald
wieder aufzugeben, und erst als der Commerzienrath in dumpfem
unheilvollen Schweigen und tief aufseufzend in seine Ecke zurücksank,
zeigte sie sich bereit überhaupt auf Unterhandlungen einzugehen, die
dahin endeten, daß der unglückliche Mann vor allen Dingen sechs Gulden
für ein Paar neue Schuhe auszahlte, ferner nach der letzten Station
versprechen mußte zurücktelegraphiren zu lassen, daß die verwechselten
Schuhe mit dem nächsten Zuge in den Goldenen Ochsen nach Bamberg
geschickt würden, und außerdem seinen Reisesack öffnete und der dicken
Madame seine dunkeln tuchenen ganz neuen Pantoffeln, die er kaum zwei
mal an den Füßen gehabt und die auf Versuch vollkommen gut paßten,
anbot, in Bamberg wenigstens damit in einen Schuhladen gehen zu können,
den Schaden zu ersetzen. So dreifach entschädigt beruhigte sich die Dame
wenigstens insoweit, das erlittene Unrecht in die Busen ihrer
Nachbarinnen auszuschütten und mit den schon benutzten Hausschuhen des
Commerzienraths -- denen sie verleumderischerweise nachsagte, daß sie
ihr zu weit wären -- zu scharren.
Der semmelblonde junge Mann hatte indessen bei genauerer Musterung des
Coupé auch das junge Mädchen bemerkt und, von dem Anblick seiner übrigen
Reisegefährten rasch befriedigt, seinen Blick länger und aufmerksam auf
ihr ihm noch halb entzogenes Antlitz geheftet. Der Blick wurde aber,
schon während des Tumults im Coupé, forschender, als er wirklich
bekannte Züge zu entdecken glaubte, bis die junge Dame, die doch nicht
immer in der niedergebückten Stellung bleiben konnte, den Kopf einmal in
die Höhe hob und er nun sah, daß er sich nicht getäuscht hatte.
»Wenn ich nicht irre, mein Fräulein«, redete er sie jetzt an, während
seine Nachbarin zur Rechten noch immer gegen sein +vis-à-vis+ ein
Kreuzfeuer hinüberdonnerte, »habe ich das Vergnügen Fräulein Redmeier
vor mir zu sehen?«
Das junge Mädchen wurde purpurroth im Gesicht und stammelte verlegen
einige Worte.
»Sie waren, glaub' ich, im vorigen Monat --«, die Frau schrie jetzt so
dazwischen, daß er für eine zeitlang den Versuch aufgeben mußte, und
erst später, als sie sich endlich beruhigt, begann er wieder: »Sie
waren, glaub' ich, im vorigen Monat in Schweidnitz bei meinen Aeltern --
Karl schrieb uns, daß er unendlich glücklich sei.«
Das junge Mädchen verneigte sich wieder halb gegen ihn, und während sich
der Commerzienrath mit einem aus tiefster Brust geholten Seufzer, nach
beendigter Unterhandlung, in seine Ecke zurücklehnte und das Reisen
verwünschte, das ihm nun schon seit er den Postwagen bestiegen, ihm dem
ruhigen, gesetzten Mann, fast nur eine Reihe von Abenteuern und
Fährnissen in den Weg geworfen, fuhr der junge semmelblonde Mann in
seiner süßen Weise fort: »Sie werden einen braven wackern Mann in ihm
finden -- und er spielt vortrefflich die Violine. -- Gott sei Dank, er
hat es nicht nöthig, aber in den Abendstunden ist es doch eine sehr
angenehme Erholung -- er wird Sie auf den Händen tragen.«
Die junge Dame wechselte indessen mehrmals die Farbe und schien in einer
ziemlichen Verlegenheit, was aber der junge semmelblonde Mann gar nicht
bemerkte, sondern in seiner faden süßlichen Weise fortfuhr.
»Aber wo wollen Sie denn eigentlich hin?« unterbrach er sich plötzlich,
als ihm der Gedanke das Hirn kreuzte; »wie mir Mama geschrieben hat,
erwarten sie doch Karl morgen oder übermorgen zu Hause und ich habe mich
eigentlich nur hier in Hochstadt aufgesetzt, um mir in Bamberg, wo ich
sehr bekannt bin und meinen alten Schneider habe, einen Anzug anmessen
zu lassen -- es ist merkwürdig, wie stark ich in dem letzten Jahre
geworden bin; das gute Bier hier kräftigt den Körper ungemein.«
Sein Blick fiel in diesem Moment auf den Commerzienrath und er sagte
rasch, mit einer halben fast erschrockenen Verbeugung:
»Doch nicht Ihr Herr Onkel, wenn ich fragen darf? -- Sie hatten ihn ja
wol erwartet?«
»Ja«, hauchte die junge Dame in wirklich tödtlicher Verlegenheit, und
der Commerzienrath, der sich eben den Schweiß von der Stirn trocknete
und, noch mit dem Gedanken an seine Schuhe beschäftigt, gar nicht darauf
gehört hatte, was seine beiden Nachbarn miteinander verhandelten, und
dem also auch die letzten Worte gänzlich entgangen waren, erwiderte in
aller Unschuld halb verbindlich, halb verlegen die tiefe,
ehrfurchtsvolle Verbeugung des jungen Mannes, der ihm in einigen
undeutlichen Worten, die auch größtentheils das Klappern der Wagen
verschlang, versicherte, daß er sich unendlich glücklich schätze seine
werthe Bekanntschaft zu machen, und daß er hoffe, wie sie als künftige
Verwandte recht gute und treue Nachbarschaft halten würden.
Der Commerzienrath Mahlhuber, der keine Idee davon hatte, was der junge
fade Mensch von ihm wolle und noch viel weniger sich daraus machte,
verbeugte sich noch einmal und lehnte sich dann wieder, zufrieden einem
weitern Gespräch mit ihm enthoben zu sein, in seine Ecke zurück. Die
Dame in dem papagaigrünen Hut, der daran lag, zu wissen wer der Unmensch
sei, der ihre Schuhe zum Fenster hinausgeworfen -- benutzte aber die
erste Gelegenheit, wo der junge blonde Mann sich wieder gerade
aufrichtete, ihn mit halb unterdrückter Stimme zu fragen, wer der Mensch
da drüben sei und wie er heiße.
Der junge Mann, dem daran lag die Dame wissen zu lassen, mit wem er
verwandt sei, vertraute ihr ebenso leise, daß er der Herr Regierungsrath
Redmeier und jetzt gerade von Nordamerika zurückgekehrt sei, wohin er im
Auftrage der Regierung eine Reise gemacht.
Die dicke Dame erschrak; ein Regierungsrath -- und was für Grobheiten
hatte sie ihm angethan; wenn er das nun dem König wiedersagte -- und
also das war der Onkel von der jungen Frau -- nicht der Mann? --
Gott bewahre! Die junge Dame heirathete in nächster Zeit seinen ältesten
Bruder, den Referendar Fädchen, einen braven wackern jungen hübschen
Mann, der auch vortrefflich Violine spielte. Gott sei Dank, er hatte es
nicht nöthig, aber in den Abendstunden war es doch sehr angenehm. Er
selber war Oekonom auf einem Gute in der Nähe von Hochstadt -- hatte
eine sehr gute Stelle -- sein Principal konnte gar nicht ohne ihn fertig
werden -- er führte die ganze Wirthschaft -- er spielte auch Klavier,
aber nicht so gut wie sein Bruder die Violine.
Der junge Fädchen hatte seinen Kopf soweit als möglich abgebogen, damit
die Braut nicht etwa hören sollte, daß von ihrem Bräutigam gesprochen
wurde.
»Bester Herr«, flüsterte das junge Mädchen da rasch und heimlich dem
ausruhenden Commerzienrath zu, indem sie vorsichtig seinen Arm berührte.
»Bitte tausend mal um Entschuldigung«, murmelte der Commerzienrath, der
wahrscheinlich glaubte, daß er sie angestoßen habe. --
»Bester Herr«, wiederholte das arme Mädchen in Todesangst, denn der
günstige Moment konnte schon im nächsten Augenblick verflossen sein,
»wenn Sie Mitleid mit einem armen Mädchen haben wollen, so widersprechen
Sie mir nicht und steigen Sie in Lichtenfels mit aus -- sei es auch nur
sich in ein anderes Coupé zu setzen -- die Verzweiflung und Noth treibt
mich zu diesem Schritt, und Sie leisten einem unglücklichen Wesen einen
großen Dienst.«
»Hallo!« dachte der Commerzienrath und sah überrascht seine Nachbarin
an, deren liebes, von der Erregung der eigenthümlichen Situation rosig
übergossenes Antlitz so bittend und vertrauend, so ängstlich und
kummervoll zu ihm aufgehoben war, während in den treuen dunkeln Augen
ein ganzer Himmel lag. Er begriff auch gar nicht, da er kaum die Hälfte
der Worte verstanden, was sie eigentlich von ihm wollte, hätte es aber
auch nicht übers Herz bringen können, Nein zu ihr zu sagen, was es auch
gewesen sein mochte. Lange Zeit zum Ueberlegen wurde ihm dabei gar nicht
gelassen, denn Herr Fädchen, dem es nicht entgangen war, daß seine
künftige Schwägerin etwas mit ihrem Onkel geflüstert und ihm
wahrscheinlich mitgetheilt haben mochte, wer er selber sei -- der alte
Herr hatte ganz erstaunt dabei ausgesehen --, glaubte jetzt für sich
selber wieder den günstigen Zeitpunkt gekommen ein Wort einfließen zu
lassen.
»Sie haben doch hoffentlich eine gute Reise gehabt, verehrter Herr
Regierungsrath?« sagte er mit seiner süßen, auf Alles gefaßten Stimme,
die jeder Biegung, nur nicht des Widersprechens fähig war.
»Regierungsrath?« Der Commerzienrath wollte gegen einen solchen, ihm
nicht zustehenden Titel protestiren, aber der leise Druck, den er an
seinem Arme fühlte, war ihm Dasselbe, was dem Gefangenen das Bewußtsein
der Kette ist -- er war nicht mehr frei, und in einer dunkeln Ahnung von
allen möglichen neuen Unbequemlichkeiten machte er wieder eine etwas
ungeschickte Bewegung gegen den jungen Blondin.
»Sie haben doch hoffentlich eine gute und glückliche Reise gehabt?«
schrie dieser aber jetzt lauter als vorher, weil er glauben mochte, der
alte Herr habe ihn nicht verstanden, und auch ein dunkles Gefühl hatte,
als ob ihm einmal Jemand gesagt, er höre etwas schwer.
»Gute Reise?« brummte der Commerzienrath, dem die in den letzten 48
Stunden ertragenen Leiden vor der Seele im Nu emporstiegen, »glückliche
Reise? -- bisjetzt war's eine Marterpartie, und wenn ich Dorothee
gefolgt hätte....«
»In Bamberg werde ich mir das Vergnügen machen, Sie bei einem Onkel von
mir einzuführen«, schrie der junge hoffnungsvolle Mann wieder, »er hat
eine Materialienhandlung und ist ein vortrefflicher alter Herr -- spielt
auch ausgezeichnet die Flöte -- er wird uns heute Abend etwas vorspielen
-- er thut das alle Abende, manchmal zwei, drei Stunden lang -- es ist
ein prächtiger alter Kauz. -- Sie gehen doch bis Bamberg?«
Der Commerzienrath, der nur eine unbestimmte Ahnung hatte wo Bamberg
lag, hätte schon einen Umweg gemacht, als er nur von der Flöte hörte,
denn erstens war ihm jedes Instrument unangenehm, die Maultrommel
ausgenommen, und dann die Flöte noch besonders verhaßt vor allen
übrigen. Er fühlte aber auch, daß er hier mit dem jungen hübschen
Mädchen und dem so laffig aussehenden jungen Burschen jedenfalls in eine
Verwickelung käme, der er am besten vielleicht noch durch einen zeitigen
Rückzug entgehen konnte. Abenteuer -- hatte er es dem Doctor nicht
vorhergesagt? -- da war eins brühwarm vom Feuer weg, und fix und fertig
gleich aufgetragen, um verzehrt zu werden. Das hatte ihm noch gefehlt,
die Nacht keinen Schlaf und am hellen Tage Aufregungen und
Verwickelungen. Nein, dagegen gab es ein probates Mittel; er nahm an der
nächsten Station leise und ohne Jemandem ein Wort davon zu sagen, seinen
Reisesack und sein Sitzkissen unter den Arm und empfahl sich; dann
konnte die übrige Gesellschaft ruhig nach Bamberg oder wo sie sonst
hinwollte fahren, und nachdem er sich hier einen Tag ausgeruht, war
er dann immer im Stande die Reise, und zwar in aller Gemüthlichkeit
und unbelästigt, fortzusetzen. Vor allen Dingen beschloß er dabei
sich fern von Damen zu halten, die ihn jetzt regelmäßig in die
verschiedenartigsten Verlegenheiten gebracht, und wenn es wahr ist,
daß man durch Schaden klug wird, so wollte er sich die Sache gesagt
sein lassen und davon profitiren.
Um nun wenigstens nicht mehr angeredet und belästigt zu werden, lehnte
er sich in seine Ecke zurück, schloß die Augen und that als ob er fest
eingeschlafen wäre.
7.
+Die Nichte.+
Auch seine junge Nachbarin hatte sich fest in ihr Tuch gewickelt und
zurückgelehnt, aber der blonde Schwager +in spe+ schien sich davon nicht
abschrecken zu lassen, sondern setzte das Gespräch unverdrossen, wenn
auch nur auf seiner Hälfte, fort, bis der Zug in der Nähe der nächsten
Station Lichtenfels pfiff.
»Gott sei Dank!« murmelte der Commerzienrath leise vor sich hin, »aus
der Verlegenheit wär' ich denn also bald heraus«, und leise seinen
Schirm zurechtrückend und den neben sich liegenden Reisesack umdrehend,
daß er den Henkel gleich erfassen konnte, saß er sprungfertig und
aufmerksam auf das geöffnete Fenster schauend da, bis der Zug hielt und
der Conducteur den Schlag öffnete.
»Station Lichtenfels!«
»Wollen Sie uns hier schon verlassen, Herr Regierungsrath?« tönte eine
Stimme mitten aus dem Waggon heraus -- es war die Dame mit dem
papagaigrünen Hut, die wenigstens nicht im Grolle von dem betitelten
Mann scheiden mochte.
»Wünsche allerseits glückliche Reise!« sagte der Commerzienrath, ohne
sich umzusehen und selbst den künftigen Verwandten keines Blickes
würdigend.
»Es thut mir unendlich leid, so angenehmer Gesellschaft so früh entsagen
zu müssen«, hörte er noch hinter sich, und mit einem in den Bart
gemurmelten »Bitte, bitte recht sehr!« kletterte er, den Reisesack und
das Sitzkissen hinter sich herschleifend, die eisernen Tritte nieder und
eilte jetzt spornstreichs, und ohne sich nur umzusehen, der Restauration
zu, dort seine Sachen abzulegen und nach seinem übrigen Gepäck zu sehen.
Ein kleiner Junge, der sich ihm dienstfertig zum Führer anbot, geleitete
ihn rasch zum Packwagen zurück, wo der Packmeister, der das für
Lichtenfels bestimmte Gut schon verabfolgt hatte, eine Partie
mitgehender Packete in Empfang nahm.
»Ich möchte gern mein Gepäck haben!« rief der Commerzienrath.
»Liegt da drüben«, lautete die prompte Antwort und Herr Mahlhuber
schüttelte erstaunt mit dem Kopfe und sagte bewundernd:
»Das muß ich gestehen, das ist eine vortrefflich rasche Expedition.«
Der Zug hielt sich aber hier nur wenige Minuten auf; das Zeichen wurde
gegeben, die Conducteure sprangen auf ihre Sitze und die lange dunkle
Wagenreihe setzte sich wieder langsam, mit dem ruckweisen Anspannen der
Ketten, in Bewegung.
»Empfehle mich ergebenst, Herr Regierungsrath!« rief der semmelblonde
junge Mann aus dem Coupéfenster heraus und winkte mit der Hand hinüber.
»...pfehle mich. -- Daß dich der Böse hole sammt deinem Regierungsrath!«
knurrte Herr Mahlhuber leise und finster vor sich hin, ohne sich auch
nur nach dorthin umzusehen, von wo die Stimme kam, denn seine
Aufmerksamkeit war jetzt vor allen Dingen auf den kleinen Haufen Gepäck
gerichtet, der aufgeschichtet an der Barrière lag und in dem er nicht
ein einziges Stück seines Eigenthums entdecken konnte.
»Wo sind denn meine Koffer?« fragte er, als ihm die Ahnung eines neuen
Unfalls dämmerte, rasch und erschrocken den einen Postbeamten, der bei
den Sachen stand und die Expedition derselben zu haben schien.
»Ihre Koffer? -- Weiß ich nicht«, brummte dieser, die Spitze eines
Bleistifts zwischen den Lippen und ein kleines schmales Buch in der
Hand, indem er die einzelnen Stücke zu überzählen schien, »3, 4, 5,
6 --«
»Aber sie sollten doch hier liegen --«, rief der Commerzienrath.
»Weiß ich nicht -- 7, 8, 9, 10 -- waren nach Lichtenfels bestimmt? --
11, 12, 13, 14.«
»Nein, nach München; aber ich fragte den Packmeister deshalb --«
Der Postbeamte warf den Kopf auf die Seite und deutete, ohne weiter eine
Miene zu verziehen, mit dem Bleistift über die Schulter, hinter dem
wegbrausenden Zuge her.
»Futsch!« sagte er dabei so ernsthaft, wie es das in tausend kleine
Winkel und Falten gezogene Gesicht nur möglicherweise erkennen ließ, und
notirte zu gleicher Zeit die richtig befundene Anzahl der eingetroffenen
und registrirten Colli in sein kleines Buch.
Der Commerzienrath blieb wirklich im ersten Augenblick sprachlos vor
Schreck, denn der Gedanke, trotz aller erlittenen Unbill, war ihm noch
zu neu, sich mitten in der Welt wie er ging und stand und allein auf
sich selber angewiesen zu wissen; dann aber, wie uns das oft so im Leben
geht, wenn zu viel des Unheils über uns plötzlich und gewaltsam
zusammenbricht, lachte er geradeheraus und sah dann gleich darauf wieder
so ernsthaft aus, als ob er eine Stecknadel verschluckt hätte.
Der Postbeamte blickte ihn halb mistrauisch, halb erstaunt an; da es ihn
aber ungemein wenig interessirte, was der Passagier that und trieb,
drehte er sich ohne ein Wort weiter zu sagen um und ging langsam seinen
Geschäften nach.
Der Commerzienrath blieb rathlos da stehen, wo er sich gerade befand,
und überlegte sich eben, was er jetzt thun solle, seinen Sachen mit dem
nächsten Zuge nachreisen oder danach schreiben und sie hier erwarten,
als Jemand Anderes seinen Gedanken eine neue Richtung gab.
Seinen Augen wollte er nicht trauen, als er das junge hübsche Mädchen,
seine Nachbarin aus dem Coupé, die er wenigstens halbwegs nach der
nächsten Station glaubte, mit einem Gendarmen gerade auf sich zukommen
sah, und das Erstaunen wuchs, als ihm die Schöne auf die herzlichste
Weise mit »Lieber Onkel« anredete und ihm mit halbverbissenem Lächeln
erzählte, der »Herr« da -- der Gendarm nämlich, habe sie gefragt, wo sie
herkomme und wohin sie wolle, und durchaus ihren Onkel zu sehen
verlangt.
Der Commerzienrath sah erst den Gendarmen und dann das junge hübsche
Mädchen an, und heimlicherweise kniff er sich dabei in den Arm, um sich
unter der Hand erst einmal vor allen Dingen davon zu überzeugen, daß er
nicht träume, sondern diese tollen Geschichten wirklich und bei
vollkommen gesundem Verstande mit durchmache. Daran war übrigens kein
Zweifel, und die dem anständig aussehenden alten Herrn gegenüber sehr
artig gestellte Frage des Gendarmen, mit wem er das Vergnügen habe zu
sprechen, brachte ihn endlich zu vollem Bewußtsein zurück.
»Mahlhuber -- Commerzienrath Mahlhuber«, sagte er mit einer gewissen Art
von Selbstbewußtsein, denn einem königlichen Beamten gegenüber hörte
jedes Incognito auf. War es Absicht oder Zufall dabei, wer kann in den
Falten des menschlichen Herzens lesen? aber sein Oberrock klappte in
diesem Augenblick ein wenig zurück, und dem aufmerksamen Blick des
Gendarmen entging nicht der darunter eingeknüpfte Orden, der ihm im Nu
ein verbindliches Lächeln über das breite Gesicht zog.
»Entschuldigen Sie«, sagte er mit einer nicht ungelungenen Verbeugung,
»daß ich Ihr Fräulein Nichte belästigt habe, aber die junge Dame ging
dort allein mit ihrem Reisebeutel auf und ab, und vor etwa einer
Viertelstunde ist uns erst hierhertelegraphirt worden, auf ein einzelnes
Mädchen, deren unvollkommene Beschreibung allerdings die entfernte
Vermuthung einer Aehnlichkeit mit Ihrer Fräulein Nichte zuließ, zu
fahnden. Die junge Dame sollte wahrscheinlich in Bamberg, möglicherweise
auch schon in Lichtenfels aussteigen. Der Herr Commerzienrath werden
entschuldigen --«
»Bitte, bitte«, sagte dieser, während er dem dankenden Blick der jungen
Fremden begegnete, »aber -- das ist ganz hübsch und gut -- meine
sämmtlichen Sachen sind jedoch aus Versehen nach München anstatt nach
Lichtenfels expedirt, und wie krieg' ich die wieder?«
»Haben Sie schon telegraphiren lassen, Herr Commerzienrath?« fragte der
Gendarm, sehr geehrt dadurch, einem solchen Herrn einen Rath ertheilen
zu können.
»Telegraphiren? -- Nein -- und wann kann ich die Sachen wieder hier
haben?«
»Sollen sie hierher zurückgehen?«
»Ja«, sagte Herr Mahlhuber, nach kurzer Ueberlegung, entschlossen.
»Jedenfalls mit dem Nachtzuge -- erlauben Sie mir, daß ich das für Sie
besorge?«
»Mit Vergnügen«, sagte der Commerzienrath, und das junge Mädchen schien
während der etwas langedauernden Verhandlung, in der sich der
dienstfertige Mann die Nummern der Packzettel geben ließ und dann damit
in das Telegraphenzimmer ging, wie auf Kohlen zu stehen. Endlich war das
Alles besorgt. Die Nachricht, das Gepäck hierher zurückzusenden, war
schon in München und der Gendarm seinen Geschäften nachgegangen. Der
Commerzienrath Mahlhuber stand mit der jungen Fremden allein auf dem
Platze.
»Aber nun, mein Fräulein«, brach er endlich, indem er sich die Brille
abwischte und wieder aufsetzte, das Schweigen, »möchte ich Sie doch um
Alles in der Welt gebeten haben, mir zu sagen, was Sie eigentlich von
mir wünschen und wie ich in der That zu der Ehre komme --«.
»Zu so großem Dank ich Ihnen verpflichtet bin«, sagte tief erröthend die
junge Fremde, »darf ich Ihnen doch in diesem Augenblick noch nicht
vollen Aufschluß geben; aber Sie haben mir und Jemand Anderm einen
großen Dienst erwiesen, und vielleicht kommt einmal die Zeit, wo ich im
Stande bin, mich Ihnen dankbar zu erweisen. Darf ich Sie jetzt nur noch
bitten, mit mir zum Fluß hinunterzugehen, wo ich mich übersetzen lassen
möchte? die Leute hier dürfen mich nicht allein gehen sehen.«
»Das wird Ihnen wenig helfen, mein Fräulein«, sagte der Commerzienrath,
dem mit dieser aufgezwungenen Ritterschaft doch anfing unheimlich zu
werden, »sowie Sie über den Fluß kommen, sind Sie doch allein, denn ich
versichere Sie, daß ich nicht daran denke, mich noch weiter in diese mir
schon außerdem höchst unangenehme Sache einzulassen -- meine Stellung
als Staatsbürger und mein Leberleiden als Mensch verbieten mir --«.
»Sobald ich das andere Ufer betrete«, unterbrach ihn rasch die junge
Dame, »bin ich aus dem Bereich jeder Verfolgung.«
»Verfolgung?« wiederholte der Commerzienrath ängstlich, dem es überhaupt
ein bängliches Gefühl wurde, Jemandes Flucht zu unterstützen, nach dem
sich ein Gendarm erkundigt hatte, »Sie werden doch nicht -- nicht
irgendetwas -- irgendetwas angegeben haben?«
»Nichts Böses«, lächelte das junge Mädchen; ein tiefes Roth stahl sich
dabei über die sanften Züge, und die treuen Augen sahen so offen und
unschuldsvoll zu ihm auf, daß an einen Zweifel an ihren Worten gar nicht
zu denken war.
»Aber was verlangen Sie denn noch von mir?« fragte der Commerzienrath,
dessen gutes Herz gegen jedes andere selbstsüchtige und
commerzienräthliche Gefühl arbeitete, »was muß ich thun, um sie
wenigstens für den Augenblick aus irgendeiner -- irgendeiner
unangenehmen Lage zu ziehen?«
»Mich nur an -- oder wenn Sie Ihrer Güte die Krone aufsetzen wollen,
über den Fluß begleiten -- dort hab' ich Freunde.«