Der Commerzienrath schüttelte mit dem Kopfe, die ganze Geschichte kam

ihm mehr wie ein Märchen vor, das ihm Jemand erzählt hätte und das er

glauben konnte oder auch nicht -- wie es ihm gerade gefiel. Es blieb ihm

aber jetzt gar keine andere Wahl als sich zu fügen, denn verrathen

durfte er das vielleicht durch unglückliche Familienverhältnisse zu

einem solchen Schritte getriebene junge Mädchen nicht, und sie jetzt im

Stiche lassen wäre fast Dasselbe gewesen. So also mit einem aus tiefster

Brust heraufgeholten Seufzer ihr den Arm bietend, führte er seine schöne

Schutzbefohlene -- oder wurde vielmehr durch sie geführt -- den schmalen

Pfad hinab, der sich zum Wasser niederzog. Als er aber wieder, etwa eine

halbe Stunde später, in die Restauration zurückkehrte, ließ er sich ein

Zimmer mit einem Bett geben, aß etwas, zog sich dann aus und legte sich

-- nachdem er die Thür vorher sorgfältig verschlossen und verriegelt

hatte, ordentlich schlafen.

Dem Kellner war strenge Ordre geworden, ihn nicht eher zu stören, bis er

von selber aufstehen würde, und mit dem beruhigenden Gefühl, allen

Unannehmlichkeiten entgangen und in wenigen Stunden diesem ganzen

fremden Unwesen enthoben zu sein, faltete er die Hände und war bald

sanft und süß eingeschlafen.

Der Commerzienrath Mahlhuber war fest entschlossen, mit dem ersten

Morgenzuge und sobald er nur wenigstens erst einmal seine

durchgegangenen Koffer wieder hatte, unbeschadet des Gelächters

einzelner Narren und gefühlloser Menschen, die Heimfahrt anzutreten --

er dachte nicht daran einen neuen Don Quixote aus sich zu machen.

8.

+Der Ueberfall.+

Reisen -- ja, es sollte ihm noch einmal Jemand kommen und ihn auf Reisen

schicken wollen, dem wollte er sagen, was er von ihm dächte. -- Reisen

-- alles liederliche Gesindel der Welt trieb sich auf Reisen umher:

verkappte Engländer, junge leichtsinnige Mädchen, entsetzliche

Frauenzimmer mit Hutschachteln und ohne Ueberschuhe -- und was für Geld

flog dabei auf die Straße! Lieber Himmel, was hatte er in den zwei Tagen

nicht allein an Schadenersatz für Hut und Schachtel, Wagenpolster,

Fensterscheiben, Ueberschuhe für Unkosten gehabt, außerdem sein ganzes

Gepäck in die Welt hineinfahren lassen, und Telegraphen und Wirthshäuser

bezahlt, und wie war er behandelt worden!

Auf die Dorothee war er besonders böse -- die mußte ihm jedenfalls das

Pistol geladen haben -- und dann das entsetzliche Frauenzimmer mit dem

papagaigrünen Hute mit den zum Fenster hinausgeworfenen Schuhen. -- Kein

Wunder, daß der Commerzienrath Mahlhuber eine ganze Weile in dem sonst

nicht schlechten Bette lag und vergebens einzuschlafen versuchte. Auch

die Leber fing ihn wieder an zu drücken, und die operirte Balggeschwulst

preßte er solange, bis sie ihn ebenfalls schmerzte.

Reisen -- Handwerksburschen reisten und hatten einen Zweck dabei;

Postillone reisten, weil sie dafür bezahlt wurden, sie wußten auch wohin

sie wollten und trieben sich nicht unnützerweise in Gegenden umher, in

die sie nicht gehörten. Aber er, was hatte er, der Commerzienrath

Mahlhuber aus Gidelsbach, hier in Lichtenfels im Hirsch zu suchen?

Weshalb war er hier, was trieb er hier und was sollte ihm eine solche

Reise nützen? Seine Leber verringern? Er hätte darauf schwören mögen,

daß sie seit den letzten 24 Stunden um 1½ Zoll gewachsen war, sie stieß

ihn jetzt auch an die Rückenwirbel an, und in die Narbe der operirten

Geschwulst hatte sich wahrscheinlich die gestern geholte Erkältung

gezogen, denn sie brannte ihm wie Feuer. Und der junge Pudel -- heiliger

Gott, wenn er an den jungen winselnden Satan dachte, lief es ihm noch

jetzt eiskalt den Rücken hinunter.

Mit dem Gedanken fiel er endlich in einen unruhigen, unerquicklichen

Schlaf, der ihn, wenn auch nicht gerade die überstandenen Scenen, doch

andere ähnliche qualvolle durchleben ließ.

Ihm träumte, er läge in Gidelsbach in seinem eigenen Bette -- was hätte

er darum gegeben, wenn es wahr gewesen wäre --, und Dorothee hatte

gerade gebacken und brachte ein großes Schwarzbrot herein, das sie ihm

oben auf die Bettdecke und gerade auf die Brust legte. Er wunderte sich

noch darüber, weshalb das wol geschehen sein könne, als sie ein zweites

herbeitrug und auf das erste stellte; er wollte schreien und dagegen

protestiren, aber er brachte keinen Ton heraus, und die Magd kam auch

und schleppte ein drittes riesiges Brot herbei, und dann die Frau mit

dem papagaigrünen Hut, und dann die Mamsell aus dem otzlebener Gasthofe

mit den aufstreiften Aermeln und den langen Locken, und dann das junge

Mädchen aus dem Coupé, dessen Onkel er unfreiwillig geworden, und

zuletzt der schweigsame Passagier aus dem Postwagen, den er für einen

Engländer gehalten und der zuletzt zu ihm »Gute Nacht, Herr

Commerzienrath!« gesagt hatte. Eine furchtbare Angst überkam ihn dabei,

die ihm fast die Besinnung raubte, und ihm nun endlich, nach langem

Ankämpfen gegen die Schwäche, Kraft genug gab, mit einem in der Hast

aufgegriffenen Regenschirm aus der Stube, die Treppe hinunter und aus

dem Hause zu stürzen. »Meine Schuhe!« schrie die Dame mit dem

papagaigrünen Hut hinter ihm her, »Lieber Onkel!« das junge Mädchen,

»Aber Herr Commerzienrath!« die alte Dorothee, er hörte und sah nicht

mehr und lief in einemfort, bis er zu seinem Entsetzen entdeckte, daß er

sich im äußersten Négligé, wirklich nur im Hemd und von der Mittagssonne

beschienen, in dem belebtesten Theile von Gidelsbach befand. Die Füße

drohten ihm dabei den Dienst zu versagen, der kalte Schweiß trat ihm auf

die Stirn, und sich nun rasch an die nächsten Häuser drückend, spannte

er den Regenschirm auf, in dessen Schutz sich den Blicken der Volksmenge

soviel als möglich zu entziehen und sein Haus wieder zu erreichen.

»Guten Morgen Herr Commerzienrath!« sagte der Amtsschreiber Weber, der

ihm begegnete; »Herr Gott, Sie gehen ja in bloßen Füßen.« »Guten Morgen

Herr Commerzienrath!« nickte ihm die Frau Geheimräthin Beutel aus dem

gegenüberliegenden Hause zu; »ach bitte, kommen Sie doch einmal herüber,

ich habe Ihnen etwas Nothwendiges zu sagen.« »Guten Morgen, Herr

Commerzienrath!« rief der Materialwaarenhändler Bohne, an dessen offener

Thür er mit ungedeckter Flanke vorüber mußte, »Herr Jemine Sie werden

sich erkälten!« »Ne seht nur -- da leeft Ener im Hemde!« schrie da

plötzlich ein junger nichtsnutziger Tagedieb, der an irgendeiner Ecke

stand.

»Hurrah, hurrah!« hörte der Commerzienrath in seinem Traume die Buben

schreien und die Straße heruntertoben, näher und lauter. »Aber Herr

Commerzienrath«, sagte da die Frau Bauräthin Drilling, die ihm gerade

entgegen- die Straße herunterkam und rasch und erschreckt ihre grüne

Brille abnahm. -- Der Commerzienrath hörte nichts mehr, wartete nichts

weiter ab, sondern fuhr, gleichgültig wohin er gerieth, in das erste

beste offene Haus hinein, das er fand und mit ungeheurer Beruhigung

erkannte. Er erinnerte sich nämlich, daß dieses Haus mit der hintern

Wand an das seine stieß, und wenn er unbemerkt oben auf den Boden kommen

konnte, der mit seinem Dache in Verbindung stand, war er gerettet. So

rasch ihn seine Füße trugen, lief er die Treppe hinauf und rannte in der

ersten Etage beinahe ein Dienstmädchen um, das, als es ihn sah, einen

Eimer mit Wasser fallen ließ und um Hülfe schrie. Hinter ihm bellte ein

Hund, schrien Stimmen, klapperten Thüren, er floh wie ein gehetztes Reh

die steilen Treppen, weder an Leber noch Balggeschwulst denkend, hinauf,

bis er den Boden erreichte und offen fand. Jetzt war er gerettet, lief

durch die erste Kammer, dann durch eine zweite, dann eine dritte, bis er

plötzlich den letzten Dachstuhl erreichte, und hier den Boden nicht mehr

gedielt, sondern nach unten offen fand. Nur die Querbalken lagen etwa

drei Fuß voneinander entfernt darüberhin; dicht hinter ihm aber tönten

die Stimmen der Verfolger, und eine Wahl blieb ihm nicht -- er mußte

hinüber. Er sprang auf den ersten Balken, von diesem auf den zweiten --

er fühlte wie ihm die Leber dabei gegen seine Rippenwände schlug, wie

das Blut in der Narbe auf seinem Kopfe pulsirte, er wollte einhalten und

konnte nicht mehr, sein schwerfälliger Körper war einmal in Schuß

gekommen, er mußte weiterspringen. -- Und unter ihm gähnte die dunkle

Tiefe -- ein Abgrund, von dessen Existenz er keine Ahnung gehabt, dessen

Tiefe er nicht mit dem scheuen Blicke erreichen konnte. Und weiter wurde

die Entfernung zwischen den einzelnen Balken, immer weiter, jetzt 3½,

jetzt 4 Fuß, immer noch setzte er darüber hin und es war als ob die

Angst ihm Flügel geliehen. Jetzt lagen sie 4½ Fuß, jetzt 5, jetzt 6 Fuß

voneinander entfernt. Athemlos schnellte er sich von Holz zu Holz und

kein Ende konnte er erkennen, so weit in die Unendlichkeit hinein lag

die gefährliche Bahn, der er folgte, und auf der ihn ein schadenfroher

Geist dahinriß. Kaum noch mit den Fußspitzen erreichte er den schmalen

Halt, jetzt wankte er, er wollte das Gleichgewicht wiedergewinnen,

umsonst, noch einen verzweifelten Sprung wagte er nach dem nächsten

Balken, dieser knackte, brach unter seinem Gewicht und der

Commerzienrath schlug mit der Hand, die er ausstreckte sich zu retten

und irgendwo anzuklammern, dermaßen an die weiße Kalkwand, an der sein

Bett stand, daß er, in Angstschweiß gebadet und an allen Gliedern

zitternd, davon erwachte und in seinem Bette emporfuhr. Im ersten

Augenblicke hatte er wirklich auch keine Ahnung, wo er sich eigentlich

befand.

Ein lautes Klopfen an der Thür brachte ihn endlich soweit wieder zu

sich, daß er sich besinnen konnte, er sei weder in diesem unanständigen

Aufzuge in Gidelsbach umhergelaufen, noch von den Bodenbalken

heruntergestürzt, wenn ihn die Knochen auch in der That gerade so

schmerzten. Aber wer klopfte mit einer solchen Hartnäckigkeit an seiner

Thür? Und hatte er nicht strenge Ordre gegeben (er sah nach seiner Uhr,

es war 5 Uhr Nachmittags, und er mochte etwa vier Stunden geschlafen

haben), ihn unter keiner Bedingung zu stören?

»O Dorothee«, klagte der gequälte Mann vor sich hin, »wäre ich dir und

nicht diesem verdammten Doctor gefolgt, so säße ich jetzt noch -- herein

denn zum Donnerwetter! -- Wer ist da draußen, und was klopfen Sie als ob

Sie die Thür einschlagen wollten?«

»Ich kann nicht hinein«, sagte eine freundliche Stimme von außen, die

jedenfalls einem Manne gehörte, »es ist von innen zugeschlossen.«

»Aber wer sind Sie, was wollen Sie?« rief der Commerzienrath, nicht ohne

eine unbestimmte Ahnung, daß der heutige Gendarm mit diesem Klopfen in

näherer Beziehung stehen könnte.

»Ich habe Ihnen eine erfreuliche Nachricht mitzutheilen«, sagte die

Stimme von außen wieder, »und bitte sich nicht im mindesten meinetwegen

zu geniren.«

»Geniren?« brummte der Commerzienrath und streckte, halb überlegend, das

eine Bein aus dem Bette; »der Bursche glaubt wol, ich ziehe einen Frack

an -- aber erfreuliche Nachricht? Wahrscheinlich ist mein Gepäck

angekommen, Gott sei Dank, daß es endlich überstanden ist. Warten Sie

einen Augenblick«, rief er dann wieder mit lauter Stimme und weit

energischer, als er sich bisjetzt in irgendeinem Lebensverhältnisse

gezeigt, »ich werde gleich aufmachen«; stieg dann aus dem Bett, riegelte

die Thür auf, glitt rasch wieder mit einem leisen Schmerzensschrei »O

meine Leber!« unter die Decke und rief: »Herein!«

»Guten Morgen, Herr Commerzienrath«, sagte fast mit dem »Herein«

zugleich eine süßliche unendlich höfliche Stimme, und ein wohlfrisirter

und gelockter Kopf mit dem Scheitel in der Mitte, was dem Träger etwas

unleugbar Dummes gab, streckte sich augenblicklich, von dem übrigen

Körper gefolgt, in das Zimmer. Der Fremde war übrigens sehr elegant,

wenn auch gerade nicht besonders geschmackvoll gekleidet, trug eine

schwere goldene, oder wahrscheinlich vergoldete Uhrkette, eine Tuchnadel

mit riesiger Camee, Ringe an den Fingern und im linken Ohr sogar einen

sehr kleinen und sehr zierlichen Ohrring; außerdem Stiefeln von

Glanzleder, umgeklappte Vatermörder und sehr lange weiße Manchetten.

»Mit wem habe ich die Ehre?« sagte der Commerzienrath, der sich mit dem

unbehaglichen Gefühl eines nicht Angezogenen solcher Staatstoilette

gegenüber womöglich noch tiefer in seine Decke zurückzog. »Sie wollten

mir etwas Angenehmes mittheilen, ich muß tausend mal um Entschuldigung

bitten, daß sie mich zu dieser Tageszeit --«

»Um Gottes Willen machen Sie keine Umstände, bester Herr

Commerzienrath«, rief der Fremde, der sich indeß vergeblich nach einem

freien Platze umgesehen, seinen Hut abzulegen und ihn endlich dem

vollgepackten Reisesack anvertrauen mußte, auf dem er nicht recht die

Balance zu halten schien; »wie ich gehört habe, sind Sie gesonnen sich

hier in Lichtenfels häuslich niederzulassen.«

»Ich?« rief der Commerzienrath, erstaunt emporsehend.

»Nun ich weiß, daß es noch Geheimniß bleiben soll«, beruhigte ihn der

Fremde, »und auf meine Discretion können Sie sich verlassen, jedenfalls

ist es aber ein sehr glücklicher Umstand für Sie, daß ich heute den

Morgenzug versäumte und zu spät von Koburg herüberkam, ich reise für das

Haus Helboldt und Sohn und mache in feinen Weinen und Champagnern --

Helboldt und Sohn, Herr Commerzienrath, ich brauche Ihnen blos den Namen

zu nennen, und Sie werden einsehen, wie nur ein glücklicher Zufall mich

hier noch zurückhalten konnte. Helboldt und Sohn führen eine wahre

Pracht von Weinen und ich hege nicht den geringsten Zweifel, daß Sie

nach bester Auswahl reichlich bestellen werden. Hier«, fuhr er dann

fort, indem er nach und nach aus allen seinen verschiedenen Taschen

winzig kleine Flaschen mit Etiketten hervorbrachte und auf den

Nachttisch des wirklich vor Erstaunen sprachlosen Commerzienraths

stellte, »habe ich Ihnen gleich die besten Sorten, unter denen Sie

jedenfalls Das finden werden, was Sie suchen, mitgebracht.«

»Aber Herr, zum Donnerwetter«, brach jetzt endlich der verhaltene Grimm

des Commerzienraths los, »sind Sie des Teufels oder wollen Sie mich zum

Narren haben?«

»Ich, Herr Commerzienrath?«

»Deshalb sind Sie hierhergekommen? mir Ihre sauern Weine anzupreisen?«

rief jetzt der in seiner Ruhe, in seinem Schlafe (Leber und

Balggeschwulst noch gar nicht gerechnet) mishandelte Mann. »Das war die

gute Nachricht, die Sie mir zu bringen hatten?«

»Saure Weine, Herr Commerzienrath?« wiederholte der Weinreisende mit

einem Gefühl, als ob ihm Jemand einen Dolchstich versetzt hätte.

»Helboldt und Sohn saure Weine -- ich bitte Sie um tausend Gottes Willen

-- nicht einmal unser Weinessig --«

»Gehen Sie zum Teufel, Herr!« unterbrach ihn der sonst so schüchterne,

jetzt jedoch zur Verzweiflung getriebene kleine Mann, »ich liege hier

halb todt im Bette, mich auszuruhen, um meine Gesundheit

wiederherzustellen, um mit Tagesanbruch dies verdammte Nest verlassen zu

können, und Sie brechen mir hier gegen alles Land- und Völkerrecht unter

falschen Vorspiegelungen in mein Zimmer, mich unter meiner eigenen

Bettdecke zu maltraitiren. Packen Sie Ihre verwünschten Flaschen wieder

ein und lassen Sie mich ungeschoren.«

»Aber, Herr Commerzienrath, bei einem längern Aufenthalt hier --

Helboldt und Sohn --«

»Ich sage Ihnen ja, daß ich auf der Durchreise bin, Herr, ist Ihnen das

nicht deutlich genug --«

»Aber Ihr Fräulein Nichte --«

»Meine Nichte?« rief der Commerzienrath stutzig werdend, und

aufhorchend.

»Ihr Fräulein Nichte« fuhr der nicht so leicht abzuschüttelnde Bursche

fort, »hat doch vorhin in meinem Beisein geäußert, daß Sie gesonnen

wären, sich hier häuslich niederzulassen, weil Ihnen die Gegend enorm

gefallen hätte.«

»Meine Nichte? Herr, lassen Sie mich mit Ihren Weinen und meiner Nichte

zufrieden«, tobte der Commerzienrath, durch den neuen Beweis nicht im

geringsten milder gestimmt, »ich will von Beiden nichts wissen; und nun

seien Sie so gut und packen Sie die verdammten Flaschen wieder ein --

Sie verstehen doch deutsch? -- und lassen Sie mich zufrieden. Ich bleibe

nicht hier, habe keine Nichte, will keinen Wein und liebe nicht, mich,

wenn ich im Bette liege, mit fremden Leuten zu unterhalten. Guten

Morgen, Herr Helboldt und Sohn.«

»Herr Commerzienrath«, sagte der Weinreisende pikirt, indem er seine

Flaschen wieder einpackte und seinen Hut ergriff, »wenn auch nicht gegen

mich persönlich, so sollte doch wenigstens die Achtung, die Sie der

Firma Helboldt und Sohn schuldig --«

»Helboldt und Sohn soll --«, brummte der Commerzienrath, sich unwillig

in seinem Bette mit dem Gesicht nach der Wand, ebenso rasch aber auch

wieder zurückdrehend, da er an sein Portemonnaie und die Uhr dachte, die

auf dem Tische lagen.

»Nun ich sehe«, sagte achselzuckend der Geschäftsreisende, »daß wir doch

wol in keine Geschäftsverbindung miteinander treten können; es thut mir

auch leid Sie bemüht und meine kostbare Zeit solcherart vergeudet zu

haben, ich bin Reisender --«

»Reisen Sie glücklich«, brummte der Commerzienrath, mit einem halb

malitiösen Lächeln unter seiner Bettdecke vor.

»Guten Morgen, Herr Commerzienrath«, brach der Bevollmächtigte kurz ab

und warf die Thür hinter sich ins Schloß, daß die Scheiben im Fenster

und Wasserflasche und Glas im Waschtische zusammenklirrten.

»Flegel!« knurrte Mahlhuber leise vor sich hin, als er sich wieder im

Bett zurechtrückte, die Augen noch einmal schloß und einen Versuch zu

machen schien aufs neue einzuschlafen. Das aber ging unter keiner

Bedingung; der Aerger mit dem unverschämten zudringlichen Menschen hatte

ihn dermaßen aufgeregt, daß an eine Fortsetzung seiner unterbrochenen

und überhaupt mittelmäßig genug gewesenen Ruhe gar nicht zu denken war.

Er hob sich endlich mit einem schweren Seufzer von seinem Lager, wusch

sich und zog sich an, und beschloß einen Spaziergang in der wirklich

freundlichen Umgebung zu machen, um müde zu werden und dann wenigstens

Aussicht auf einen Nachtschlaf zu haben. Sein Gepäck mußte ja doch noch

heute Abend oder spätestens morgen früh ankommen und, Gidelsbach lag

nicht so entsetzlich weit entfernt, es nicht wieder erreichen zu können.

Der Spaziergang schien keine so üble Idee gewesen zu sein, nur störte

ihn die Unmasse von Heiligen- und Märtyrerbildern, die er überall traf,

und die blutigen Leiber und Wunden derselben riefen ihm auf peinliche

Art seine eigene Leber wie seine Operation wieder und wieder ins

Gedächtniß zurück. Mit Gewalt zwang er sich jedesmal nicht daran zu

denken, aber kaum hatte er sich durch einen andern Gegenstand zerstreut,

tauchte wieder, in Stein oder Holz, und immer bunt bemalt, mit einem

Ueberfluß von Blut daran, ein neues Bild vor ihm auf.

»Es ist zum Verzweifeln!« seufzte der Commerzienrath leise vor sich hin,

während er sich scheu, soweit als möglich, um die solchen bösen Eindruck

auf ihn machenden frommen Kunstwerke herumdrückte; »es ist wirklich zum

Verzweifeln, und ich begreife eigentlich doch nicht recht, weshalb diese

Masse von Monumenten nöthig ist.« Als Commerzienrath und guter Christ

durfte er aber nicht mehr denken, ja er machte sich in seinem Innern

schon schreckliche Vorwürfe soviel gedacht zu haben, und suchte sich

endlich dadurch eine Erleichterung zu verschaffen, daß er quer über ein

Feld hinweg dem nächsten Holzrande zuzueilen suchte, dort mehr

»ungestört« zu sein. Das freilich hatte nur die unangenehme Folge für

ihn, daß er unterwegs, und mitten in einem etwas weichen und unbequemen

Saatfelde, von einem biedern Landmanne, dem Eigenthümer desselben,

angehalten und aufgefodert wurde, zwei Gulden Strafe für das Verlassen

des Weges zu zahlen, widrigenfalls er, der Bauer, sich in die

unangenehme Nothwendigkeit versetzt sehen würde ihn zu pfänden.

Der Commerzienrath wollte dagegen protestiren, ja knöpfte unter dem

Vorwande, ihm eine Karte mit seinem Namen zu geben und ihm zu beweisen,

daß er nicht absichtlich ihm einen Schaden habe zufügen können, seinen

Rock auf, unter dem der Orden schimmerte; der Bauer blieb aber gänzlich

gefühllos, selbst gegen das bunte Band im Knopfloche des Fremden, das er

vielleicht nicht einmal sah, keinesfalls beachtete. Er bestand auf

seinen zwei Gulden, oder Hut und Schnupftuch des Uebertreters der

Gesetze, ja wurde dermaßen grob gegen den kleinen unbehülflichen Mann,

daß dieser nicht umhinkonnte, in die jedenfalls unbillige Foderung oder

vielmehr Erpressung zu willigen und das Geld zu zahlen.

Damit kam er noch dazu nicht einmal nach dem Waldrande, sondern wurde

mit Zwangspaß auf die Straße zurückgeschickt, nochmals Spießruthen

zwischen den ihm fatalen Erinnerungen zu laufen bis Lichtenfels.

Der Marsch hatte übrigens das Gute für ihn, daß er hungerig und durstig

den kleinen Ort wiedererreichte, vor allen Dingen nach den

Bahnhofsgebäuden hinabging, sich dort die Gewißheit zu holen, daß seine

Sachen noch nicht gekommen wären, und dann langsamer die krummen,

schauerlich gepflasterten Straßen des Städtchens zurück bis in sein

Wirthshaus wanderte, etwas zu genießen.

9.

+Die Gesellschaft im Hirsch.+

Das Gastzimmer im Hirsch war heute von festlich gekleideten Menschen,

von denen dem Reisenden auch schon eine Menge auf der Straße begegnet

waren, ziemlich besetzt, und es wurde eine große Quantität Bier

getrunken, wie unzählige Portionen Essen nach allen Richtungen hin

aufgetragen, die fast ebenso rasch verschwanden als sie kamen.

Allerdings hatte der Commerzienrath darunter zu leiden, denn er wollte

zuerst auf seinem Zimmer essen, wohin er sich eine Portion Rinderbraten

mit jungen Bohnen, sowie eine Flasche Wein bestellte; aber vergebens

wartete er eine halbe Stunde darauf, es kam nichts; er rief die Treppe

hinunter, es hörte ihn Niemand. -- Unten wurden Thüren aufgerissen und

zugeschlagen und unzusammenhängende Reden, wie Portion Kalbsbraten --

Kartoffeln -- drei Halbe Bier -- gleich -- komme schon -- geführt, und

einzelne dieser Ausrufe bekam auch er zur Antwort, weiter aber nichts,

und er sah endlich ein, daß er, wenn überhaupt gesonnen heute noch etwas

zu essen, in die Gaststube mit hinunter müsse, den dort hineinströmenden

Lebensmitteln und Getränken ebenfalls in den Weg zu kommen.

Das gelang ihm auch endlich nach einiger Anstrengung, und nachdem ihm

ein junger Mensch von Kellner oder Wirthssohn, der die Teller herumtrug,

als ob er es nur gewissermaßen aus Gefälligkeit oder zu seinem eigenen

Vergnügen thue, einen sehr guten Rinderbraten und sehr schlechten

Rothwein gebracht hatte, drückte sich der kleine Mann damit in eine

Ecke, zwischen ein paar politisirende bairische Staatsbürger hinein und

hörte geduldig ihre über ihn hinüber gewechselte Meinung der neuesten

Verhältnisse, das Für und Wider des gerade ausgebrochenen russischen

Kriegs, wie ihre Urtheile über das vaterländische Ministerium mit an.

Die beiden durch das starke Bier etwas erhitzten Leute thaten aber dabei

Aeußerungen, die den schüchternen Commerzienrath zuerst mit Erstaunen,

dann mit wirklichem Entsetzen erfüllten. Wenn ihnen Jemand, der es gut

mit dem bairischen Ministerium meinte, zugehört hätte, mußte er ja

glauben, daß er, der Commerzienrath Mahlhuber, Besitzer des

Ludwigkreuzes und vollkommen loyaler Unterthan, mit diesen Menschen

gleiche Gesinnungen theile, und stand er jetzt auf und trug seinen

Teller an einen andern Tisch (selbst den Fall gestattet, daß ein anderer

Tisch frei gewesen wäre), so konnte er den schönsten Skandal mit den zu

Allem fähigen Menschen bekommen. Was er aß und trank, so sehr er sich

auf die Mahlzeit nach der starken Bewegung gefreut, schmeckte er gar

nicht; freilich kam ihm das, wenn es ihm bei dem Rinderbraten

nachtheilig war, wieder bei dem Wein zugute, und er hatte Flasche wie

Portion eben beendet, als noch zwei andere Männer in Uniform, der

hiesige Gendarm mit dem Conducteur der thüringischen Post, das Zimmer

betraten und zu ihrem Tische kamen. Gott sei Dank, die beiden rothen

Republikaner hörten doch jetzt wenigstens auf zu politisiren.

»Guten Abend, meine Herren«, sagte der Conducteur, mit der Hand

militärisch an die Mütze greifend; »Platz doch hier nicht belegt?«

»Bitte, nein«, sagte einer der Politiker, »haben Sie nichts Neues gehört

vom Kriegsschauplatz? -- Keine neuen Zeitungen mitgebracht?«

»Ich? Nein«, lachte der Postbeamte, »wollte sie uns hier holen -- ist

aber eben ein Unglück hier in der Stadt passirt«, setzte er dann

ernsthafter hinzu.

»Ein Unglück? Hier in Lichtenfels?«

»Ja«, sagte der Conducteur, »in der Staffelstraße ist ein armer Teufel

von Maurer mit einer großen Familie vom Gerüst gefallen.«

»Mit der ganzen Familie?« rief der Commerzienrath erschreckt.

Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer · 第 5 / 10 段