»Wer ist auf dem Tische?« fragte der Commerzienrath, plötzlich munter

werdend und sich wie aus einem Pistol geschossen in seinem Bette

aufrichtend. »Heilige Mutter Gottes!« setzte er dann stöhnend hinzu,

als ihm die Erlebnisse der letzten Nacht wieder in der Erinnerung

auftauchten, »bin ich nicht am ganzen Leibe wie gerädert und

zerschlagen. Und deshalb habe ich die Post weiterziehen lassen, hier

eine ordentliche Nachtruhe zu halten, und nun -- aber der Mamsell will

ich meine Meinung sagen -- wo ist die Mamsell?«

Der Mann aber, an den er die Frage zu richten gedachte, hatte sich,

nachdem er seine Pflicht erfüllt und den curiosen Reisenden geweckt,

dessen Kleider gereinigt auf dem Stuhle lagen, dessen Stiefel blank

und blitzend vor dem Bette standen, wieder zu seinen andern Geschäften

zurückgezogen, und dem Commerzienrath Mahlhuber blieb nichts übrig, als

seinen Grimm noch auf kurze Zeit zu verbeißen und sich vor allen Dingen

in die Kleider zu werfen. Himmel, wenn er den Postwagen versäumte und am

Ende gezwungen gewesen wäre, noch eine Nacht in diesem Hause, in dieser

entsetzlichen »grünen Stube« zuzubringen. Aber er hatte noch Zeit genug,

und den dienstbaren Geist, der in Erwartung eines Trinkgeldes heute

Morgen sehr flink bei der Hand war, wieder heraufrufend, ließ er ihm das

Gepäck hinunter ins Packzimmer tragen, damit es gewogen und

weiterbefördert werden konnte.

Den Leuten unten aber, und besonders der Mamsell, wollte er einmal

tüchtig seine Meinung sagen über eine solche Behandlung -- er hatte

sich den Rock schon bis oben hinauf zugeknöpft, recht entschlossen und

determinirt auszusehen, und ging wirklich ein paar mal in seinem kleinen

Zimmer mit schnellen Schritten auf und ab, die Zornesworte sich zu

wiederholen, die er gegen sie auszuschleudern gedachte. War das eine

Behandlung für einen anständigen Mann, den Commerzienrath aus dem Spiele

zu lassen? war es nicht niederträchtig einem Kranken den so nöthigen

Schlaf förmlich abzustehlen, indem man nicht etwa Hunde zu ihm ins

Zimmer that, nein, ihn förmlich in eine ganze Sammlung von kleinen

nichtswürdigen winselnden heulenden Kröten hineinsperrte, als wenn man

es darauf abgesehen habe ihn zugrunde zu richten? »Sie -- Mamsell, Sie«,

wollte er sagen und sie dabei mit einem durchbohrenden Blicke ansehen,

»wie dürfen Sie sich unterstehen --«

»Der Kaffee ist fertig«, meldete der Hausknecht wieder, den Kopf über

der Treppe zeigend, »und wenn Sie nicht gleich kommen, können Sie keinen

mehr trinken.«

Keinen Kaffee trinken -- der ganze Tag wäre ihm verloren gewesen,

und rasch seine Reisemütze aufgreifend, stieg er mit schnellen

entschlossenen Schritten, die aber vorsichtiger wurden, als er die etwas

steile Treppe erreichte, hinunter.

Die Mamsell stand unten an der Treppe, und mit ihrem freundlichen

Lächeln und einem verschämten Blicke die Augen niederschlagend -- sie

dachte wahrscheinlich des Moments, in dem sie einander gestern Abend zum

letzten male gesehen -- sagte verbindlich:

»Wünsche herzlich wohl geruht zu haben und wollen Sie jetzt nicht

gefälligst nähertreten und Ihren Kaffee einnehmen?«

Wohl geruht zu haben -- nun auch noch Hohn zu alledem! -- Wohl zu ruhen

zwischen siebzehn Hunden, ohne die Alte, das war zu arg, und jetzt

sollte sie es bekommen. »Liebe Mamsell«, sagte der Commerzienrath mit

einer Stimme, der sich aber Rührung über das erlittene Unrecht

beimischte, und die deshalb viel weicher klang als es überhaupt in

seiner Absicht gelegen, »liebe Mamsell, ich möchte Sie sehr bitten --«

»Ach, verehrtester Herr Mahlhuber«, unterbrach ihn aber die Mamsell

rasch und fast ärgerlich, »Sie haben ja gar nicht um Entschuldigung zu

bitten -- ich war ja eigentlich Schuld daran.«

»Um Entschuldigung bitten?« fragte der Commerzienrath, dem in dem

wärmern Zimmer die Brille angelaufen war, indem er den Kopf niederbog,

über die Gläser wegzusehen, »um Entschuldigung bitten --«

»Ich glaubte Sie hätten sich lange zur Ruhe begeben -- und wagte

deshalb --«

»Ruh' begeben?« wiederholte der Commerzienrath und bog sich immer mehr

herunter, den Ausdruck in der Wirthin Gesicht zu sehen, »glauben Sie,

verehrteste Mamsell, daß man sich überhaupt zur Ruh' begeben kann, wenn

man das ganze Zimmer voll Hunde hat?«

»Voll Hunde, Herr Mahlhuber? -- Aber ich bitte Sie um Gotteswillen, wie

so denn voll Hunde?«

»Wenn man berechtigt ist«, sagte der Commerzienrath seinen Grimm jetzt

an dem mehr zugänglichen Kaffee auszulassen, indem er zum Tisch trat,

sich eine Tasse einschenkte und während des folgenden Gesprächs trank,

»fast anderthalb Dutzend mit dem Beiwort "voll" zu belegen, so kann ich

verantworten, was ich behaupte; wollen Sie so freundlich sein und mir

meine Rechnung geben?«

»Anderthalb Dutzend Hunde? -- aber bester Herr Mahlhuber -- bitte --

2 Gulden 15 Kreuzer macht das Ganze -- anderthalb Dutzend Hunde? -- wir

haben nur einen einzigen kleinen jungen Pudel im Hause, den der Herr

Postmeister vorige Woche erst mit von Bamberg gebracht hat.«

»Einen einzigen?« rief Herr Mahlhuber entrüstet, indem er das Geld

für sein Abendessen und Nachtquartier auf den Tisch legte, »nennen Sie

das einen einzigen? -- siebzehn, sage ich Ihnen, siebzehn habe ich in

dieser einen unglückseligen Nacht mit eigenen Händen unter meinem Bette

vorgeholt und aus der Thür geworfen, und -- die Alte ist vielleicht noch

oben.«

»Siebzehn Hunde?« rief die Mamsell, das Geld erst überzählend und

einsteckend und dann die Hände über dem Kopfe zusammenschlagend,

»siebzehn junge Hunde?«

Der Commerzienrath nickte durch die Tasse Kaffee durch, die er gerade an

den Lippen hielt.

»Aber wir haben nur einen einzigen im Hause, der allerdings immer da

oben liegt und den ich gestern ganz vergessen hatte.«

»Wollen Sie mir meine fünf Sinne und die schlaflose Nacht abstreiten?«

rief der Reisende.

»Ach du mein Himmel!« rief die Mamsell, der jetzt plötzlich ein Licht

über das Ganze aufzugehen schien, »da ist die kleine Kröte immer wieder

durch das eingeschnittene Loch ins Zimmer gekommen.«

»Was für ein Loch?« rief der Commerzienrath erschrocken.

»Was der Herr Postmeister hat oben in die Wand schneiden lassen, damit

das kleine Thier die Stube nicht verunreinigen soll, wenn die Thür

verschlossen wäre.«

»Und Sie haben nur einen Hund?«

»Nur einen einzigen in der Welt.«

»Und da hätt' ich die kleine infernalische Bestie siebzehn verschiedene

male zur Thür hinausgeworfen und jedesmal hinter ihr abgeschlossen,

während sie zu dem verdammten Loche wieder hereinkam?«

Die Mamsell wollte etwas darauf erwidern, als in dem Augenblick die

heranpolternde Post und das fröhliche Blasen des Postillons sie abrief.

Froh vielleicht, einem so unangenehmen Gespräch enthoben zu sein, sprang

sie rasch hinaus, nach den neuen Passagieren zu sehen, ob sie vielleicht

etwas verlangten, und der Commerzienrath hatte ebenfalls keinen

Augenblick Zeit mehr zu verlieren, seine Passage und Ueberfracht zu

bezahlen und einzusteigen.

Wie er gerade von dem Hausknecht gefolgt, der seine Utensilien trug,

aus der Thür treten wollte, saß der kleine Pudel ihm mitten im Wege und

kratzte sich mit dem nur zu gut gekannten Winseln den wolligen Pelz.

Der Commerzienrath hob auch in der That schon den Fuß, die kleine Bestie

wenigstens in etwas für die schlaflose Nacht auszuzahlen, aber seine

angeborene Gutmüthigkeit siegte; tief aufseufzend umging er den sich

wenig oder gar nicht um ihn bekümmernden Pudel, der seine Beschäftigung

ruhig fortsetzte, und bestieg, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen,

den Postwagen.

6.

+Die verhängnißvollen Schuhe.+

Die vorige unruhige Nacht hatte den sonst an seine ununterbrochenste

Ruhe und jede Bequemlichkeit gewöhnten Mann so mitgenommen, daß er seine

neue Reisegesellschaft, ohne sich auch nur im mindesten um sie zu

bekümmern, kaum begrüßte, sondern sich nur in die Ecke zurücklehnte und

die Augen schloß, das Versäumte jetzt wenigstens in etwas und nach

besten Kräften nachzuholen. Das Glück war ihm diesmal auch günstiger,

seine Mitpassagiere nickten ebenfalls hüben und drüben in den Ecken, und

der Commerzienrath schlief fest bis nach Burgkundstadt hinein, wo sie um

2 Uhr Nachmittags eintrafen und etwas später mit dem abgehenden

Eisenbahnzuge nach Bamberg befördert werden konnten.

Hier aber begann wirklich ein anderes Leben für den Commerzienrath; in

seinem ganzen Leben war er noch auf keiner Eisenbahn gefahren, und auch

das Kleinste, Unbedeutendste, was mit derselben in Verbindung stand, bis

auf die geflügelten Räder der Knöpfe und Mützenzierrathen hinunter,

interessirte ihn. Gerührt schien er ordentlich über die Gefälligkeit der

ihm doch wildfremden Menschen, seinen Regenschirm oder was er sonst in

der Hand hielt, zu tragen -- wer hätte sich selbst in Gidelsbach so weit

um ihn bekümmert, und er streute die Kreuzer nur so um sich her. Er

bedurfte aber auch fremder Menschen, ihn und sein Gepäck wieder richtig

an Ort und Stelle abzuliefern, daß er die Restauration und das

Gepäckzimmer, den Billetverkauf und sein Coupé fand. Behaglich dort in

eine Ecke und das weiche Polster gedrückt, hörte er mit einem

eigenthümlichen unheimlichen Wohlbehagen das scharfe Pfeifen der

Locomotive, fühlte die Wagen anziehen und sah sich gleich darauf zu

seinem unbegrenzten Erstaunen mit einer Schnelligkeit fortgerissen, von

der er früher allerdings keine Ahnung gehabt.

Das Coupé war ziemlich voll und der Commerzienrath befand sich zwischen

einer ganzen Anzahl von Damen, die, schon eine längere Strecke

zusammengefahren, miteinander flüsterten und schwatzten und sich

heimlicherweise ihre Bemerkungen über den frisch eingestiegenen

Mitpassagier in die Ohren flüsterten. Mit ihm zugleich gekommen war ein

junges bildschönes Mädchen von vielleicht 18 oder 19 Jahren, und die im

Wagen Sitzenden mußten natürlich glauben, wovon Commerzienrath Mahlhuber

auch nicht die Ahnung hatte, daß sie Beide zusammengehörten. Die

verschiedenen Ansichten boten jetzt ungemeines Interesse, ob sie ein

jung verheirathetes Paar oder Vater und Tochter sein könnten.

So unschuldig aber auch Freund Mahlhuber unter diesem förmlichen Schauer

von Vermuthungen saß und sich nur für Alles interessirte, was mit der

Bewegung und Einrichtung der Bahn und der verschiedenen Wagen selber wie

ihrer Fortbewegung in Verbindung stand, so aufmerksam hatte das scharfe

Ohr seiner jungen Nachbarin die einzelnen Worte hier und da aufgefangen,

und ihre Blicke hafteten mehre male, solange sie das unbemerkt thun

konnten, auf ihrem Nachbar.

Sehr einfach aber geschmackvoll gekleidet, trug sie einen

enganschließenden Oberrock von ungebleichter Seide mit einem

rosaseidenen Halstuche und in der Hand einen breitränderigen Strohhut

mit einem einfachen seidenen Bande, dann einen Sonnenschirm und eine

ziemlich vollgepackte etwas unbequeme Reisetasche, die sie neben sich

stehen hatte und auf die sie ihren linken Arm stützte. Sie sah aus wie

eine junge Dame, die ein paar Stationen fährt, irgend Verwandte zu

besuchen, dort vielleicht ein oder zwei Nächte zu bleiben und dann in

demselben Kleide nach Hause zurückzukehren. Nichtsdestoweniger hatte sie

etwas Unruhiges in ihrem Benehmen, das den scharfbeobachtenden Damen im

Coupé keineswegs entgangen war, und blos an dem gutmüthigen Lächeln des

Commerzienraths spurlos vorüberglitt. Nur ein einziges mal, als sie das

große dunkle Auge, gerade wie die Aufmerksamkeit der Uebrigen nach

anderer Richtung hingezogen wurde, auf ihn mit einem so ängstlich

fragenden Blick geheftet hielt, fiel es ihm selber auf und er wollte

sich in der That schon erkundigen, ob sie etwas von ihm wünsche oder ob

er Irgendjemandem aus ihrer Bekanntschaft, der er aber natürlich nicht

wäre, frappant ähnlich sähe. Sie drehte jedoch das Köpfchen gleich

darauf wieder leise erröthend nach der andern Seite, und er dachte nicht

weiter daran.

»Es ist jedenfalls Mann und Frau«, sagte indessen die eine alte Dame auf

der andern Seite des Coupé, die sich zu der ihr gegenüber Sitzenden mit

dem Oberkörper vorbog, damit sie, in dem Klappern der Wagen, nicht zu

schreien brauche, »sie reden fast gar nicht miteinander und die junge

Frau dreht nur manchmal das Köpfchen nach ihm herum, zu sehen was er für

ein Gesicht macht.«

»Der alte Esel hätte eher an sein Grab als an die Heirath mit einem so

jungen Dinge denken sollen -- wenn's wahr ist --« sagte die Andere.

»Ich möchte nur wissen wie lange das dauern wird«, meinte die Erste

wieder und stahl einen Seitenblick nach der jungen Frau, den sie aber

augenblicklich anscheinend gleichgültig zum Fenster hinauswarf, als sie

deren Auge fest auf sich geheftet fand; »sie kann das doch nicht gehört

haben«, setzte sie schnell und leise hinzu.

»Und was wär's?« sagte die Andere, den Kopf hinüberwerfend, »Jeder hat

ein Recht zu seiner Meinung, sollt' ich denken.«

Die dem Commerzienrath gegenübersitzende Dame hatte indessen kaum einen

Augenblick ruhig gesessen, sondern bald auf dem Sitze herum, bald mit

den Füßen unter sich gefühlt und bald ihre Röcke beiseite gedrückt und

an des Commerzienraths rechtem und linkem Beine heruntergesehen.

»Suchen Sie etwas?« fragte dieser endlich gefällig, und sie hatte

wirklich noch nichts Anderes gethan die ganze Zeit.

»Ach das ist mir sehr fatal«, sagte die Dame, »ich muß meine Ueberschuhe

zu Hause haben stehen lassen, denn ich erinnere mich nicht sie hier im

Wagen ausgezogen zu haben, und sie sind doch nirgends zu sehen. Wenn wir

jetzt noch Regen bekommen zu den schon so schmuzigen Wegen, kann ich mit

meinen dünnen Zeugstiefeln im Schlamme herumwaten.«

»Wenn Sie mir erlauben«, sagte der Commerzienrath und machte einen

verzweifelten, wenn auch völlig erfolglosen Versuch sich zu bücken, »so

will ich selber einmal nachsehen.«

»O bitte, bemühen Sie sich nicht -- ach das ist mir doch recht fatal«,

sagte die Dame, eine recht nette, noch ziemlich jung und frisch und

blühend aussehende Frau.

»Ja, man ist auf der Reise so manchen Unannehmlichkeiten ausgesetzt«,

sagte der Commerzienrath seufzend, »man muß so Manches entbehren, dessen

Nützlichkeit und Nothwendigkeit man wirklich erst einsieht, wenn man es

vermißt.«

»Ja, und besonders wenn man leidend ist«, sagte die junge hübsche Frau

mit einem tiefen Seufzer, indem sie jede Hoffnung auf die Ueberschuhe

aufzugeben schien, und neben dem Commerzienrath hin zum Fenster

hinaussah; »ich kann mir den Tod holen in meinen dünnen Schuhen.«

»Es ist unendlich fatal«, sagte der Commerzienrath und sah noch einmal

nach links auf die Knie der verschiedenen Damen nieder, die ihm jede

Aussicht nach unten rettungslos versperrten.

»Ich gehe nie in Zeugstiefeln«, sagte eine dicke Dame in einem

papagaigrünen seidenen Hute und blauen Blumen darin, mit sehr rothem

Gesichte und einem Paar entsetzlich großer emaillirter Ohrringe, die

rechts und links aus dem Hute heraushingen -- sie saß dicht neben der

jungen Frau, dem Commerzienrath schräg gegenüber, und hatte indessen

eben eine gestrichene Semmel mit Käse beendet, die einen warmen

unangenehmen Geruch im Coupé verbreitete --; »ich trage bei schmuzigem

Wetter immer Lederschuhe, und die sind mir noch manchmal zu heiß. Durch

die Ueberschuhe verdirbt man sich die Füße. Männer tragen sie und mögen

sie tragen -- Männer rauchen auch Cigarren, aber ich halte Ueberschuhe

für etwas Unweibliches.«

Der Commerzienrath, der keinesfalls den ganzen Sinn der Worte

verstanden, nahm das wunderbarerweise für ein ihm gemachtes Compliment,

wenigstens verneigte er sich gegen die Dame und sagte verbindlich:

»Ich kann mich auch nie erinnern Ueberschuhe getragen zu haben, obgleich

mein kränklicher Zustand mich wol dabei würde entschuldigt haben.

Dorothee, weiß ich, drang oft in mich mir ein Paar anzuschaffen, aber

ich sträubte mich hartnäckig dagegen -- ich habe Frostballen am linken

Fuß.«

»Dorothee heißt sie«, sagte die eine Dame an der andern Seite des Coupé

leise zu ihrer Freundin.

»Sie sehen aber gar nicht aus als ob Sie einen kränklichen Zustand

hätten«, erwiderte ihm die dicke Dame mit den großen Ohrringen. »Es ist

merkwürdig was die Männer immer gleich pimpeln und lamentiren, wenn

ihnen einmal der Finger wehthut, und uns nennen sie das schwache

Geschlecht! Sie sollten einmal unsere Schmerzen zu ertragen haben.« Und

sie nickte dabei mit dem Kopfe und sah sich unter ihren Nachbarinnen mit

einem triumphirenden Blicke ringsum, der nicht Anerkennung suchte, nein,

der wußte, daß er sie zu fodern hatte.

»Nun, ich weiß doch nicht«, meinte der Commerzienrath, und in der Furcht

in dem Klappern des Wagens nicht gehört zu werden, schrie er dabei etwas

mehr als gerade nöthig gewesen wäre; »ich zum Beispiel leide, nach einer

sehr schmerzhaften Operation, deren Folgen vielleicht noch im

Hintergrunde für mich lauern, an gelber Hypertrophie, die mir große

Sorgen bereitet und mich in der That auf Reisen getrieben hat.«

»Ueberdrofi?« fragte die dicke Frau erstaunt, »wer hat schon in seinem

Leben von Ueberdrofi gehört? Was sie jetzt für verrückte Namen für alle

Krankheiten haben!«

»Es ist eine speckige Entartung der Leber«, sagte der Commerzienrath

rasch und sehr erfreut, die Dame mit den großen Ohrringen in etwas

belehren zu können, »eine Art Fettleber, die, völlige drei Zoll zu groß

für den übrigen Bau meines Körpers, an Rippen, Zwerchfell und Magen

anstößt und mir die bedauerlichsten Unbequemlichkeiten veranlaßt. Ein

Fahren im Wagen ist mir deshalb von meinem Arzte als eine Art

Passivgymnastik besonders empfohlen worden.«

»Als was?« fragte die dicke Dame und sah ihn groß und erstaunt mit ihrem

vollen rothen Gesicht an.

»Als eine Art Passivgymnastik.«

»Das Fahren?«

»Ja wol --«

»Nun Gott sei Dank«, sagte die dicke Dame und warf wieder einen Blick

umher wie vorher, »und reist ihre Frau auch auf Passif--, wie hieß das

Andere?«

»Gymnastik -- meine Frau?« setzte der Commerzienrath überrascht hinzu

und die andern Damen steckten die Köpfe zusammen. Ehe er aber noch etwas

weiter darauf erwidern konnte, pfiff die Locomotive, der Zug ging

langsam und die junge hübsche ihm gegenübersitzende Frau mit den

vergessenen Ueberschuhen stand auf, ihr Umschlagetuch, das

zurückgefallen war, wieder über die Schultern zu nehmen.

»Sie wollen uns hier schon verlassen?« fragte der Commerzienrath,

während die dicke Frau sich von ihm abbog und ihre Nachbarin zur

Rechten, in einem Versuch der an der andern Ecke sitzenden Dame etwas

zuzuflüstern, fast erstickte.

»Ja, ich gehe nur bis Hochstadt«, lautete die Antwort, während die

Sprecherin aus dem Fenster und nach den Wolken schaute; »lieber Gott im

Himmel«, setzte sie dabei ängstlich hinzu, »da hinten steigen wirklich

schon Wolken auf und wenn wir noch mehr Regen bekommen, bin ich

verloren.«

»Sie werden sich ein Paar andere Schuhe kaufen müssen«, sagte der

Commerzienrath wohlmeinend, »es wird wirklich das Beste für Sie sein.«

»Ach das viele Geld so hinauswerfen«, sagte die kleine Frau seufzend,

»es wird mir aber am Ende nichts Anderes übrigbleiben, und ich glaubte

so fest, daß ich sie mithätte.«

»Nun vielleicht finden sie sich noch«, suchte sie Herr Mahlhuber zu

trösten; aber der Trost war sehr schwach, denn der Zug hielt in diesem

Augenblick und die junge Frau stieg, wie das Coupé geöffnet wurde, mit

freundlichem Gruß aus.

»Station Hochstadt!« sagte der Conducteur. »Der Zug wird gleich wieder

fortgehen.«

Der Commerzienrath hatte ihr eben den Reisebeutel nachgereicht, als

draußen ein Kellner mit Bier vorüberkam. Herrn Mahlhuber durstete,

ebenfalls eine Folge seines Leberleidens, wie er sich selber

entschuldigte, fortwährend, und er gedachte nicht eine so gute

Gelegenheit vorbeizulassen, den Durst zu löschen. Wie er aber ausstieg

warnte ihn der Conducteur den Zug nicht zu versäumen, der den Augenblick

wieder abgehen würde.

»Nur einmal trinken, lieber Freund«, sagte der Commerzienrath bestürzt,

»ich habe ein Leberleiden, die gelbe Hypertro--«

»Ja von der kommt's«, lachte der Mann, ebenfalls ein Glas auf einen Zug

leerend und sich den Bart wischend, »das weiß der Henker, die ist immer

trocken«, und ohne sich weiter mit dem Passagier einzulassen, ging er

seinen Geschäften nach den Zug hinunter.

Commerzienrath Mahlhuber trank sein Bier aus, bis auf die Nagelprobe,

sprang aber gleich darauf erschrocken, als die Locomotive einen kleinen

Pfiff that, in das Coupé zurück, solche Angst hatte er dagelassen zu

werden. Uebrigens blieb ihm auch gar nicht viel Zeit, denn als er eben

noch zum Fenster hinaussah, pfiff es draußen wirklich und der Zug setzte

sich langsam in Bewegung. Wie sie an den Bahnhofgebäuden vorüberfuhren,

sah er die junge Frau, die von ihnen ausgestiegen und deren Platz ein

junger Mensch mit semmelblonden Haaren eingenommen, draußen nicht weit

von den Schienen stehen. In dem Augenblick berührte aber auch zufällig

sein Fuß etwas im Wagen, das ihm wie ein Ueberschuh vorkam, und rasch,

in der Erregung des freudigen Gefühls, ein gutes Werk zu vollführen, und

selbst auf die Gefahr hin, seiner Leber Schaden zu thun oder ein paar

Knöpfe abzusprengen, fuhr er mit der linken Hand hinunter und erfaßte

wirklich zwei dort stehende große Schuhe.

»Hier sind Ihre verlorenen Schuhe, Madame!« rief er in vollem Jubel

hinaus.

»Ach, ist es möglich?« rief die junge Frau und streckte die Arme danach

aus. An ein artiges Ueberliefern war aber gar nicht mehr zu denken, denn

der Zug fing schon an rasch zu gehen, und mit wirklich lobenswerther

Entschlossenheit ergriff er die beiden Schuhe und warf sie nach der

Richtung hin, wo die Dame stand, die mit freundlichem Handwinken ihm für

seine Gefälligkeit, als er sich noch lächelnd nach ihr hinaus aus dem

Fenster bog, dankte.

»Herr, sind Sie des Teufels?« schrie in dem Augenblick die dicke ihm

schräg gegenübersitzende Dame und wurde kirschroth im Gesicht vor Zorn

und Aufregung. »Sie haben meine Schuhe aus dem Fenster geworfen -- halt

da! -- halt -- halt!« schrie sie dabei und drängte sich in wilder

Aufregung dem offenen Fenster zu, die ihr im Wege Sitzenden mit

Keilkraft auseinandertreibend; »halt!« schrie sie, sehr zum Ergötzen der

draußenstehenden Bahnwärter und Arbeiter, denn an den Gebäuden waren sie

schon vorüber, »halt, meine Schuhe -- ich muß meine Schuhe haben -- ich

kann nicht ohne meine Schuhe weiterfahren!«

Grinsende Gesichter der Draußenstehenden waren Alles, was man ihr darauf

antwortete. »Brrrr!« riefen wol Einige, in boshaftem Spotte die

Locomotive mit einem durchgehenden Pferde vergleichend, und ein Anderer

stellte sich hin und ahmte mit den Armen das Arbeiten eines Telegraphen

nach, der in gewaltiger Eile irgendeine wichtige Botschaft meldet; aber

Mitleiden durfte sie von den Leuten nicht erwarten -- noch weniger ihre

Schuhe, und wenige Secunden später hatte der Zug die Station weit und

unerreichbar hinter sich.

»Herr, Sie sind werth, daß man Sie hinter den Schuhen her würfe«, wandte

sich jetzt der Grimm der dicken Frau gegen den entsetzten

Commerzienrath, der sich im Anfange noch nicht einmal recht in das

Unheil, das er angerichtet, hineindenken konnte, »jetzt kann ich

barfußlaufen.«

»Aber ich denke Sie tragen keine Ueberschuhe«, rief der entsetzte Mann,

der sich, in der peinlichsten Lage von der Welt, nur noch an diesen

letzten Hoffnungsanker klammerte.

»Ueberschuhe -- wer redet von Ueberschuhen!« schrie die Frau, den jungen

semmelblonden Mann fest in seine Ecke hineindrückend, »daß der Böse Ihre

Ueberschuhe hole; meine Schuhe haben Sie hinausgeworfen.«

»Ihre Schuhe?« fragte der Commerzienrath in unbegrenztem Erstaunen,

während die andern Frauen untereinander lachten und kicherten, »aber wie

ist das möglich?«

»Möglich?« wiederholte die gereizte Dame mit blitzenden Augen, »möglich?

Ich hatte sie abgezogen, weil sie mir zu heiß wurden -- ich leide an

heißen Füßen; jetzt sitz ich in Strümpfen.«

»Aber ich bitte Sie um Gotteswillen!«

»Gehen Sie zum Teufel mit ihren Bitten!« schrie die gereizte Frau und

das Gesicht wurde ihr ordentlich braun in der furchtbaren Aufregung;

»nun sitz' ich hier barfuß und kann mir den Tod holen, bis ich nach

Bamberg komme.«

»Aber ich gebe ihnen mein Ehrenwort --«

»Behalten Sie Ihr Ehrenwort und geben Sie mir meine Schuhe?« schrie die

Amazone.

Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer · 第 3 / 10 段