Gegenständen ab, denn sie erkundigte sich nach den Befehlen des Gastes
wegen »Abendbrot«. Die Auswahl war freilich sehr beschränkt, also leicht
getroffen: aufgewärmter Kalbsbraten mit getrockneten Birnen und einer
halben Flasche Rothwein »vom Besten«, wie er noch vorsichtig
hinzusetzte, denn die altmodischen dickgeschliffenen Weingläser mit
viereckigem Fuße erweckten eine dunkle Ahnung von sauerm Landwein in
ihm, die er nicht gleich wieder von sich abscheuchen konnte.
»Kommen Sie schon weit her?« fragte jetzt die Mamsell, die sich die
Schürze an der einen Seite aufgesteckt und die Aermel, man wußte
eigentlich nicht recht weshalb, in die Höhe gekrempelt hatte.
»Von Gidelsbach«, sagte der Commerzienrath in seiner Unschuld, »und --
und drüber hinaus«, setzte er dann etwas rascher hinzu, denn er hatte
sich ja einmal vorgenommen »incognito« zu reisen.
Die Mamsell war eine nicht gerade sehr junge Dame, in ihren »besten
Jahren«, so zwei- und vierunddreißig vielleicht, aber mit sonst noch
sehr jugendlichem Aeußern, langen Locken, zurückgescheitelten Haaren
und großen goldemaillirten Ringen in den Ohren. Auch der Schnitt ihres
Kleides gehörte jedenfalls einem vergangenen Alter an, während sie die
Fragen an den Gast mit einer schüchternen mädchenhaften Verschämtheit,
die in eigenthümlichem Widerspruch zu ihren ersten Worten, als sie noch
in der Thür stand, richtete.
»Ach, Gidelsbach liegt so schön«, nahm die Mamsell den Anknüpfungspunkt
an den einen bekannten Namen, »es ist von jeher mein Lieblingswunsch
gewesen dort zu wohnen, das muß ein wahres Paradies sein. Sind Sie dort
bekannt?«
»Wenig«, sagte der Commerzienrath, seine Vaterstadt verleugnend; »das
Essen ist wol bald fertig?«
»Den Augenblick«, sagte die Mamsell, fast unwillkürlich bei der
Frage halb von ihrem Stuhle aufstehend, und dann wieder auf den Sitz
zurücksinkend. »Aber was ich gleich fragen wollte, haben Sie Geschäfte
in Otzleben?«
»Wo?« fragte der Commerzienrath erstaunt.
»In Otzleben.«
»Otzleben! -- Wo liegt das?«
»Nun hier der Ort, wo wir uns befinden.«
»Der heißt Otzleben? -- So -- nein -- ich wollte nur hier übernachten;
nicht wahr, der Kalbsbraten ist gleich fertig?«
»Ja wol -- den Augenblick«, sagte die Mamsell, wieder von ihrem Sitze
aufschnellend, und der Commerzienrath stand ebenfalls auf und ging
indessen mit raschen Schritten im Zimmer auf und nieder. Es fröstelte
ihn, und wie der Sand auf den Dielen, ein ganz ungewohntes Gefühl,
unter seinen Füßen knirschte, kam ihm bei dem düstern, auf dem Tische
brennenden einzelnen Talglichte das Zimmer noch einmal so still und öde
vor, als es ihm im Anfange erschienen.
Die Hausmagd öffnete in diesem Augenblick die Thür und kam mit einem
zwar groben aber reinlichen Tischtuche herein, das sie ausbreitete,
Teller, Messer und Gabel mit dem großen Salzfaß darauf arrangirte und
dann wieder hinausging, das Abendbrot hereinzuholen. Die Mamsell hatte
indessen eins von den geschliffenen Weingläsern von der Commode genommen
und mit dem Schürzenzipfel einigen darin gesammelten Staub und mehre
todte Fliegen herausgewischt; dann stellte sie die Flasche auf den
Tisch, und wenige Minuten später konnte sich der Commerzienrath zu dem
in langer Brühe schwimmenden aufgebratenen Kalbstoß niedersetzen und
nach Herzenslust zulangen.
»Heute ist ja wol auf der Post ein Unglück geschehen?« fragte endlich
die Mamsell, die ihm gegenüber Platz genommen, nach einer hinreichenden
Pause.
»Ein Unglück?« sagte der Commerzienrath, überrascht zu ihr aufschauend,
indem er einen Augenblick mit Kauen einhielt, »wie so ein Unglück?«
»Es soll einem der Passagiere ein geladenes Pistol losgegangen sein, hat
der Postillon erzählt.«
»Der Postillon sollte sich um seine Pferde bekümmern«, brummte Herr
Mahlhuber, »da thät' er gescheiter --«
»Er hat doch Niemanden getroffen?« fragte die Mamsell mit einiger
Entschlossenheit weiter, der Sache auf den Grund zu kommen.
»Wer?« sagte der Commerzienrath, »der Postillon?«
»Nein, der Passagier.«
»Nicht daß ich wüßte«, sagte dieser, die indessen eingestellte
Beschäftigung wieder mit frischen Kräften aufnehmend. So mittheilend er
sonst war, wo er Irgendjemanden fand, mit dem er sich unterhalten und
vielleicht die Geschichte seiner Krankheit und Leiden anbringen konnte,
so schüchtern und zurückhaltend war er heute geworden, wo eben die
Erzählung solche furchtbare Folgen gehabt, und die neugierige
Wirthschafterin mußte es bald aufgeben aus dem schweigsamen Gaste
Neuigkeiten herauszulocken, von denen er am Ende gar nichts wußte oder
die er, im andern Falle, Grund hatte zu verschweigen. Namen und Stand
ihres Gastes zu erfahren, besaß sie aber noch ein anderes Mittel, das
Fremdenbuch, und als er vom Tische aufstand und sich das letzte Glas
Wein aus seiner Flasche, der er gar wacker zugesprochen, einschenkte,
schob sie ihm das mit einem freundlichen Knix zur Beachtung hin.
Dem Commerzienrath blieb keine andere Wahl als sich da einzuschreiben,
und Hieronymus Mahlhuber stand bald darauf in zierlicher Schrift über
Namen- und Wohnortsrubrik zugleich hinweg, die letztere dadurch
geschickt umgehend. Stand? -- Das »Co« hatte er schon in aller Unschuld,
der alten Gewohnheit folgend, begonnen, als er sich eines Bessern besann
und die beiden Buchstaben zu einem P umformte, dem er sein »rivatmann«
dahintersetzte. Die übrigen Colonnen füllte er so gewissenhaft wie
möglich aus und bat dann seine freundliche Wirthin ihm seine
Schlafstätte anzuweisen, da er entsetzlich müde sei und auszuruhen
wünsche. »Und wann kommt die Post morgen früh wieder vorbei?«
»Zurück nach Gidelsbach?«
»Nein, den andern Weg.« -- Was hatte er in Gidelsbach zu thun?
»Die andere? -- um 9 Uhr -- eher noch ein paar Minuten früher.«
Das paßte ihm und er bestellte, daß er dann morgen früh etwa um ¾8 Uhr
geweckt würde, und einen starken heißen Kaffee vorfände. Die Mamsell
versprach Alles aufs beste zu besorgen.
5.
+Das grüne Zimmer.+
»Gott sei Dank, der Tag war überstanden!« murmelte der Commerzienrath
leise vor sich hin, als er mit dem Sitzkissen in der einen und seinem
Regenschirm und Rock in der andern Hand, von der Mamsell gefolgt, die
den Reisesack und das Licht trug, die Treppe hinaufstieg, zu dem »grünen
Zimmer«; »nun die Nacht gut geschlafen, und der Mensch kann seine Reise
morgen mit frischen Kräften fortsetzen. -- Ach, ist dies das grüne
Zimmer?« unterbrach er sich, als seine Führerin eine Art kleiner
Bodenkammer aufstieß und ihn bat näherzutreten, »hm, das ist sehr
einfach.«
»Ja, wir sind freilich ein wenig hier mit Raum beschränkt, Herr
Mahlhuber«, sagte die Mamsell, und der Commerzienrath drehte sich rasch
und fast erschrocken nach ihr um. In dem Augenblick fiel ihm aber das
Fremdenbuch ein und er nickte zustimmend mit dem Kopfe, als die Mamsell
fortfuhr das Zimmer zu entschuldigen und nun das Bett dagegen zu loben,
in dem Herr Mahlhuber schlafen würde wie in Abraham's Schoos.
Mit einem etwas dunkeln Begriffe, wie das eigentlich sein würde, legte
er seine Sachen ab, öffnete das kleine Fenster, das aufs Dach hinaussah,
und schloß es gleich wieder, hob die schwere Federbettdecke auf und
legte sie mit einem prüfenden, etwas mistrauischen Blicke zurück und sah
dann das Licht an, das die Mamsell auf den Tisch gestellt hatte, sich
dann nach der Thür zurückziehend, wo sie auf irgendeinen Befehl oder
vielleicht auf ein Lob für das vortrefflich eingerichtete Lager zu
warten schien. Dem Commerzienrath war es aber nur um Ruhe zu thun, und
er fing an sich den Rock aufzuknöpfen, während er über die Schulter weg
einen Blick nach der Wirthin warf, ob dieser das Zeichen noch nicht
deutlich genug sei.
»Nun, Herr Mahlhuber, ist Alles in Ordnung?« sagte diese endlich, nicht
im Stande den Platz ohne eine beifällige Anerkennung zu verlassen, »ist
es zu Ihrer Zufriedenheit?«
»Vollkommen; schlafen Sie recht wohl!« sagte der Commerzienrath.
»Wünsche angenehme Ruhe!« sagte die Mamsell, »und wenn Sie mit dem
Lichte fertig sind, möchte ich Sie freundlichst gebeten haben, es nur
dort an die Thür zu stellen, ich hole es mir später. -- So, lassen Sie
sich etwas Angenehmes träumen«, setzte sie mit ihrem verbindlichsten
Lächeln hinzu und verschwand dann, von einem leise gebrummten Danke des
Gastes begleitet, wie sie gekommen.
»Das grüne Zimmer«, brummte dieser weiter, als er sich allein sah und
kopfschüttelnd einen Blick in dem kleinen Raum umherwarf, dessen Grenzen
an drei Seiten die weiße Kalkwand und an der vierten, wo das Bett stand,
ein schräg niederlaufender Verschlag von ungehobelten Brettern bildete,
»_grüne_ Zimmer? es ist kein grüner Faden im ganzen Nest. Und ausgekehrt
haben sie hier seit voriger Woche nicht -- unter dem Bette Stroh, und da
in der Ecke ein Paar alte Stiefeln. -- Hm, hm, Dorothee hat doch am Ende
Recht, und Doctor Mittelweile wäre am besten selber auf Reisen gegangen.
Lieber Gott, ich, ein ruhiger friedliebender Mensch, was habe ich heute
nicht schon Alles erlebt und gethan und -- ertragen -- hm, hm. Nun es
ist jetzt wenigstens Abend und eine ruhige Nacht gebe uns der liebe
Gott.«
Damit sich die Nachtmütze über die Ohren ziehend -- denn er hatte sich
während des Selbstgespräches vollständig entkleidet --, hob er eben das
rechte Bein, in das etwas hohe Bett zu steigen als er an das Licht, und
den ihm gewordenen Auftrag dachte, es dicht an die Thür zu stellen. Eine
Lichtschere lag überdies nicht auf dem Teller und der Commerzienrath
haßte nichts so sehr als den Qualm einer Lichtschnuppe. So das Bein
wieder zurückziehend, nahm er das Licht und trug es, sorgsam vorher
jedoch noch einmal in seine Pantoffeln schlüpfend, sich nicht zu
erkälten, zu dem bezeichneten Platze, setzte es dort nieder und stieg
dann, tief und dankbar aufseufzend, in das sehr weiche, aber etwas
voluminöse Bett, sich die Decke bis unter das Kinn ziehend, den
Augenblick zu erwarten, wo die Mamsell das Licht abholen würde; vorher
war er nicht im Stande einzuschlafen.
Eine Minute nach der andern verging aber und die Mamsell kam nicht;
durch die Thürspalte zog es auch ein wenig und das Licht flackerte hin
und her, daß der Talg in großen Streifen niederfloß. Es konnte doch kein
Unglück damit geschehen?
»Hm, das ist ärgerlich«, murmelte er, sich im Bette aufrichtend, den
Platz besser übersehen zu können, und dann, als er fand, daß das Licht
vollkommen freistand, wieder zurücksinkend, doch am Ende einzuschlafen
trotz der brennenden Talgkerze; aber es ging nicht, es war eine positive
Unmöglichkeit und darauf zu warten, daß das Endchen Licht von selber
niederbrennen sollte? -- das hätte wol noch eine volle halbe Stunde und
länger dauern können. Eine Viertelstunde wenigstens hatte er jetzt schon
in peinlicher, immer wachsender Ungeduld auf das Abholen desselben
gewartet.
Der Zustand wurde ihm endlich unerträglich und er beschloß aufzustehen
und das schon jetzt qualmende Licht auszulöschen, er konnte es ja
umdrehen und ärgerte sich, daß er das nicht schon lange gethan. In
Gedanken vollbrachte er diese Operation jetzt auch fünf oder sechs mal
hintereinander und drehte dabei selbst unwillkürlich die rechte Hand;
aber das Licht blieb freilich stehen und flackerte weiter. Mit einem
verzweifelten Entschlusse warf er endlich die Decke von sich, fuhr mit
beiden Beinen aus dem Bette und in seine Pantoffeln und machte ein paar
Schritte dem Lichte zu, als er plötzlich erschrocken stehen blieb und
horchte, denn es war ihm genau so gewesen, als ob er draußen etwas
gehört hätte auf dem Gange. -- Wenn die Mamsell jetzt gerade
hereingekommen wäre und ihn in dem Aufzuge gesehen hätte! Er wollte im
ersten Schrecke wirklich wieder ins Bett zurückziehen, aber -- es war
auch nicht das Mindeste weiter zu hören; er blieb noch ein paar Secunden
lauschend stehen -- keine Maus; -- doch, unter seinem eigenen Bette
raschelte etwas im Stroh und er blickte schnell dorthin, das konnte eine
Maus gewesen sein; im Hemde durfte er jedoch nicht länger stehenbleiben,
und jetzt rasch und entschlossen zu dem Lichte hinschreitend, bog er
sich eben nieder und streckte die Hand aus es zu ergreifen, als die Thür
geöffnet wurde und die Mamsell in derselben Absicht auf der Schwelle
erschien.
»Jesus Maria!« rief sie, als ob sie einen Geist gesehen, als sie die
keineswegs empfangsmäßige Gestalt vor sich erblickte, und der
Commerzienrath fuhr mit einem ebenso verblüfften »Bitte tausend mal um
Entschuldigung!« in demselben Moment rückwärts nach seiner Lagerstätte
zurück, als die erschreckte Mamsell die Thür wieder ins Schloß warf und
also spurlos verschwand.
Als der Commerzienrath den Kopf endlich wieder unter der schützend über
sich gezogenen Decke vorstreckte, brannte das Licht, von beiden Theilen
im Stiche gelassen, noch immer ruhig fort und an ein zweites Aufstehen
war jetzt gar nicht zu denken, denn das schreckliche Frauenzimmer konnte
in gleicher Absicht noch immer hinter der Thür stehen, wieder denselben
unglücklichen Moment zu wählen sie zu öffnen. Es mußte niederbrennen,
und mit einer verzweifelten Art von Ueberwindung schloß er endlich die
Augen in der festen Absicht einzuschlafen, ob das grüne Zimmer
erleuchtet sei oder nicht. Trotzdem war er es nicht im Stande und mochte
etwa eine halbe Stunde so zwischen Wachen und Schlafen gelegen haben,
als der leergebrannte Docht endlich umfiel, noch einmal hell
aufflackerte und dann verlöschte.
»Gott sei Dank!« stöhnte der Commerzienrath in einem halben Bewußtsein
seiner Lage und drehte sich jetzt entschieden auf die rechte Seite, das
Versäumte seiner so leichtsinnig geopferten Nachtruhe nachzuholen, als
er das Rascheln wieder unter dem Bette hörte, aber diesmal weit stärker
als vorher und zugleich ein leises Winseln, als ob eine junge Katze oder
etwas Derartiges darunterläge.
»Na, das hat mir noch gefehlt«, brummte der gepeinigte Gast leise und
ingrimmig vor sich hin, »was ist jetzt wieder los?« -- Er horchte eine
Weile, aber das Geräusch ließ nach und er fing eben erst an wieder in
Schlaf zu kommen, als es von neuem und stärker begann.
»Heiliger Gott im Himmel!« sagte der geplagte Commerzienrath, gewaltsam
einen Fluch zurückhaltend, »ist das nicht um selbst den gesundesten
Christenmenschen zur Verzweiflung zu bringen, und dabei soll ich meine
gelbe Hypertrophie verlieren?«
Das Rascheln und Winseln wurde jetzt stärker und es blieb dem im Bette
Liegenden bald kein Zweifel mehr, daß irgendein junger Hund sich gerade
unter der Bettstelle in dem dort befindlichen Stroh sein Lager gemacht
und nun durch Flöhe oder böse Träume gepeinigt werde. An Selberschlafen
war aber unter solchen Umständen gar nicht zu denken, nach irgendeiner
Bedienung zu rufen blieb ebenfalls ganz außer der Frage, und der
Commerzienrath entschloß sich endlich, wie das Rascheln und Winseln
immer stärker wurde, noch einmal aufzustehen und den kleinen Störenfried
zu fassen und aus der Thür zu werfen. Ein Ueberfall des Lichtes wegen
war nicht mehr zu fürchten.
Vorsichtig nach den Pantoffeln fühlend, die er rasch wieder anzog,
kauerte sich jetzt der würdige Mann, den Kopf etwas nach rückwärts
gezwängt, weil er ihn gegen die Bettstelle pressen mußte, vor seinem
Lager nieder, mit der Hand in dem Stroh nach dem Gegenstande seines
Grimmes zu suchen. Es dauerte gar nicht lange, so griff er einen jungen
Hund, der sich winselnd auf den Rücken legte, als er die Berührung
fühlte, erwischte ihn beim Felle und trug ihn, sich schwerfällig damit
am Bette aufrichtend, der Thür zu. Ueber den Leuchter stolpernd, an den
er nicht mehr gedacht, fand er aber doch zuletzt die Klinke, öffnete sie
und warf den jungen winselnden Köter mit einem zwar leise gemurmelten,
aber desto herzlicher gemeinten Fluche ins Freie.
»So«, sagte er dann, als er die Thür wieder sorgfältig geschlossen und
sich zum Bette zurückfühlte, »so, nun hat der Skandal auch ein Ende und
ich werde doch einmal wenigstens zur Ruhe kommen. -- O meine Leber!«
Und wieder unter seine Decke fahrend suchte er sich den leidenden Theil
so bequem zu legen als möglich und brachte dann seine rechte Hand an den
Kopf, dort die ihm noch so schwere Sorgen bereitende Narbe seiner
Balggeschwulst solange zu drücken bis sie ihm wehthat, und sich dann mit
dem Gedanken zu quälen, daß daraus jedenfalls einmal ein Krebsschaden
entstehen müsse, der ihn langsam in sein Grab hinunterfräße. Schon
manche liebe lange Nacht hatte er auf ähnliche Art im Schlafe gestöhnt
und auch jetzt gewann die Müdigkeit eben wieder die Oberhand und sandte
ihm schon in ungewissen schwankenden Traumbildern die Erlebnisse des
vergangenen Tages. Aber diese kamen nicht in der erlebten Reihenfolge,
sondern begannen mit dem letzten, denn er hörte deutlich wieder das
Winseln und Rascheln von vorher und wollte sich eben selbst im Traume
mit dem Bewußtsein trösten, daß es eben nur ein Traum sei, als das
Geräusch stärker und lebendiger wurde und er sich endlich, ordentlich in
die Höhe fahrend, wieder im Bette aufrichtete, um darauf zu horchen.
»Jesus Maria Joseph!« rief er fast unwillkürlich als er zu der ganz
unzweifelhaften Gewißheit einer ganz neuen Störung gelangte, »da ist
beim Himmel noch so eine Bestie darunter, und ich habe doch vorher
ringsumher gefühlt. Na, an die Nacht will ich denken; wenn ich aber je
zurück nach Gidelsbach komme, werde ich mir ein Vergnügen daraus machen,
dem verdammten Doctor dieselbe Tour und ein Nachtquartier in dem Nest
hier -- wie hieß es gleich? -- zu empfehlen. Der soll mir wiederkommen!«
Betrachtungen nutzten aber hier durchaus nichts; der junge Hund ließ
sich weder weg noch zur Ruhe philosophiren, und nach mehrmaligen
vergeblichen Versuchen, trotz der »Giftkröte« wiedereinzuschlafen,
mußte der unglückliche Reisende, wenn er nicht die ganze Nacht solchen
Experimenten opfern wollte, zum dritten male heraus aus dem Bette, den
Störenfried zu entfernen. Wieder erwischte er ihn hinten im Nacken, trug
ihn an die Thür, die er noch fest eingeklinkt fand, öffnete sie, warf
ihn hinaus, schloß sie wieder und ging zum vierten male heute zu Bette,
der so nöthigen Ruhe zu pflegen.
Es war umsonst, und kaum hatte er lange genug gelegen, sich nicht mehr
um das nun einmal Geschehene zu ärgern, als das Winseln von neuem
begann. Wieder sträubte er sich gegen die Macht der Umstände, er mußte
noch einmal aus dem Bette, den dritten Hund hinauszuwerfen und selbst
nach seinem Regenschirm tappte er jetzt umher, unter dem Bette, ehe er
sich nun wieder hinlegte, umherzufühlen, ob nicht etwa noch solch eine
kleine entsetzliche Bestie darunter versteckt sei, die nur auf den
Augenblick seines Einschlafens mit boshafter Sicherheit warte. Er konnte
nirgends mehr etwas entdecken; Stroh lag noch überall, aber kein Hund,
und den Schirm an das Bett lehnend, wie in Vorahnung eines neuen
Unheils, hatte er sich eben umgedreht und auf seine Lagerstätte gesetzt,
die Beine dann heraufzuziehen unter die Decke, als ein neues Rascheln,
dem bald darauf das unselige Winseln folgte, ihm in Verzweiflung die
Jagd aufs neue beginnen machte. Wohl suchte er jetzt seine
Schwefelhölzchen vor, dem Reste dieser unseligen Nachtlärmer auf die
Spur zu kommen, er fand sie, aber er hatte kein Licht mehr daran zu
entzünden und fürchtete sich auch in dem vielen zerstreuten Stroh
umherzuleuchten. Wie leicht konnte da Feuer entstehen, und das war Alles
was ihm noch gefehlt. Mit dem Stocke stieß er jetzt in alle Winkel und
Ecken, unter dem Bette nach jeder Richtung hin, unter die Commode, an
deren scharfer Kante er sich das Schienbein beschädigte, und unter den
Kleiderschrank, gegen den er mit dem Knie so heftig anrannte, daß er
gegründete Ursache zu haben glaubte, den Schwamm zu befürchten.
»Vier junge Hunde!« murmelte er dabei leise vor sich hin, »wo nur die
Alte steckt, oder ob sich die am Ende auch noch meldet? -- Vier solche
kleine malitiöse Töhlen. Und wenn sie sich nur wenigstens gleich alle
auf einmal gemeldet hätten, dann könnte ich jetzt wenigstens schon eine
Stunde schlafen. Außerdem werde ich mir wol hier den Tod an den Hals
holen mit meiner dünnen Kleidung und dicken Leber; -- wenn ich nur den
Doctor hier hätte!« setzte er mit einer Art Ingrimm hinzu, als er sein
Lager wieder suchte und sich laut aufseufzend zurück auf das Kissen
warf.
Armer Commerzienrath -- deine Ruhe sollte nur von entsetzlich kurzer
Dauer sein, denn noch war er nicht einmal in seine Lieblingsstelle
gerückt, als das jetzt förmlich unheimlich werdende Winseln von neuem
begann. Wie von einer Natter gestochen sprang er im Bette empor. Fast
unwillkürlich suchte auch die Hand nach seinen Pistolen, die er gewohnt
war über seinem Bette zu wissen, wenn ihm die Erinnerung daran auch
einen Stich durchs Herz gab, suchte nach dem Klingelzuge, Hülfe
herbeizuholen gegen solche Qual. Weder das Eine noch das Andere war zu
fühlen; nichts als die kahle schräge Wand, und eiskalt lief es ihm bei
dem Gedanken über den Rücken, daß er es doch am Ende hier mit etwas
Uebernatürlichem zu thun haben könne in dem fremden alten Gebäude. Aber
die jungen Hunde waren doch von Fleisch und Bein gewesen, hatte er nicht
das warme weiche Fell in seiner Hand gefühlt bei ihnen allen? Und wo kam
jetzt der neue Zuwachs her? Welchen Winkel im Zimmer mußte er übersehen
haben, und blieb es nicht räthselhaft, daß sie sich nur immer solange
stillhielten, bis er eben wieder im Bette lag?
Er wollte es jetzt durchsetzen und die kleine Kröte winseln lassen
solange es ihr beliebte, wickelte sich demzufolge entschlossen in seine
Decke, aber -- er war nicht im Stande es durchzuführen. Der feine
winselnde Ton drang ihm durch Mark und Bein und er mußte zuletzt wieder
heraus, sie den andern nachzuschicken -- um wieder und wieder dasselbe
Spiel zu erneuern. Wie der unerschöpfliche Hut eines Taschenspielers,
der Bouquets und Karten, Perücken, Eier und Taschentücher ausspeit in
ununterbrochener Reihe, so lieferte das lockere Bettstroh junge Hunde,
und der Commerzienrath -- denn man gewöhnt sich ja an Alles --, der es
zuletzt anfing ganz in der Ordnung zu finden, daß er sich die Nacht
damit beschäftige junge Hunde aus der Thür zu werfen, tröstete sich beim
neunten mit dem Gedanken, daß er noch nie gehört habe, wie eine Hündin
mehr als neun Junge gehabt, und beruhigte sich beim zehnten damit, daß
er zugab, sie könnten von zwei Hündinnen herrühren. Halb im Schlafe,
denn er wurde nach und nach müde von der ungewohnten Arbeit, stand er
auf, wenn er die furchtbaren Laute hörte, griff unters Bett, zerrte die
immer stärker winselnde Bestie bei den Ohren vor und setzte sie in einem
schon kaum mehr bewußten Zustande an die Luft, bis sich die andere
meldete.
Erst mit dämmerndem Morgen sollte er Ruhe finden; der halbe Hausknecht
von gestern Abend kam schwerfällig die Treppe heraufgeschlurrt, gerade
als der Commerzienrath den siebzehnten aus der Thür schleuderte.
»Da«, schrie er dabei, »habt Ihr noch einen und der nächste, der mir nun
noch in die Kammer kommt, den werf ich aus dem Fenster, so wahr wie ich
Hieronymus heiße. Ist das hier ein Gasthaus für anständige Reisende,
wo die Kammer von Hunden wimmelt?« Und die Thür zuschlagend, daß die
Fenster klirrten, warf er sich wieder ins Bett und hörte nur noch wie
der Hausknecht den kleinen Köter aufgriff und streichelte und liebkoste
und dann langsam mit ihm den Gang zurücktappte, wie er gekommen.
Weiter vernahm er nichts; seine Müdigkeit gewann endlich die Oberhand
und er sank in einen festen fast krankhaften Schlaf, aus dem ihn der
Hausknecht später, zu der gegebenen Stunde, kaum wieder herausrütteln
konnte.
»Da ist schon wieder einer!« sagte er noch im Traume, der ihn auch
selbst die wenigen Stunden hindurch verfolgt haben mußte. »Satansbestie,
kleine, wenn ich dich jetzt nicht --«
»Papelt der irre?« sagte der Hausknecht ruhig, seine Operation ihn
munter zu bekommen an ihm wiederholend, »he holla -- der Kaffee ist
auf'm Tisch und die Post wird gar nicht mehr solange bleiben.«