Da lag Marburg, die alte, liebe Stadt, und war nur schöner geworden. --

»Versteht ihr?« fragte Klaus Kreuzer.

Die anderen nickten.

»Das will uns sagen,« fuhr Klaus Kreuzer fort, »ich bin ein Gleichnis

und will in euer Leben hinein und euch aufrufen, wenn ihr vergeßt, was

euch not tut. Euer Leben mag älter, aber es darf nur schöner werden.

Nein -- mehr noch. Es gibt keine Zeit, wenn ihr es nicht wollt. Seht

her und macht sie nach: die tägliche Auferstehung. Habt nur den Mut zum

Glücke ...«

Er brach ab und starrte hinaus. Was würden die guten Kerle davon wissen

... Kaum ihre Atemzüge hörte er.

Und in die tiefe Stille klang die Stimme des Landarztes, und über

seinem Gesichte lag ein merkwürdiger Hauch, der es verschönte und

vergeistigte. Und in die tiefe Stille hinein sagte er nur: »Es braucht

kein Geist aus dem Grabe und kein Professor aus Berlin zu kommen, um

uns das zu verkünden.«

Und der lange Ritter fügte hinzu, und seine Blicke tranken den Morgen:

»Siehst du, deshalb sind wir hier.«

Da war es Kreuzer, als griffe ein Neid an sein Herz.

So viel war er geworden und so wenig die anderen, und doch wußte er

nichts zu erwidern.

»Klaus,« bat die schmeichelnde Knabenstimme Lindners, »komme öfter

herüber von Berlin. Wirklich, du solltest es tun. Der Lorbeer läuft dir

nicht weg, aber die Rosen, Klaus. Und du bist doch erst fünfundvierzig.«

Das packte ihn, daß der Neid sein Herz losließ, daß der Hochmut die

Segel strich, daß nichts mehr in seinem Blute war als eine grimmige

Sehnsucht.

»Ich komme, Kinder, ihr habt mein Wort darauf. Das mit dem Lorbeer und

den Rosen, Lindner, das war gut gesagt. Nur ein reiner Tor konnte das

Wort prägen, dem keine Wissenschaft beikommt. Her mit den Gläsern.

Angestoßen. Guten Morgen, du Frühlingsmorgen!«

»Nach Hause jetzt.«

»Um drei Uhr Fäßchenpartie nach der Schwedenschanze.«

»Burschen heraus!«

Zu zweit untergefaßt, traten sie in den blinkenden Morgen hinein,

gingen sie die krummen Gassen hinab, verweilten sie vor diesem Haus,

vor jenem Platz, standen sie sich lachend Red' und Antwort, riefen sie

sich Mädchennamen zu und die Namen der Gegner, die sie auf der Mensur

bestanden hatten, die Namen der Philister, die sie gemartert, und die

Namen der herbeigestürmten Häscher, die sie nicht minder gemartert

hatten.

»Weißt du noch, Klaus? Hier saustest du barhaupt und hemdärmelig

die Straße hinunter, ein Bündel unterm Arm, und wir schrien aus dem

Fenster hinter dir her, bis alle Philister aufgeregt in den Fenstern

lagen und mitschrien, und die Stadtschergen erschienen und wie

besessen die Verfolgung aufnahmen. Das ging wie die wilde Jagd den

Schloßberg hinunter und um die Elisabethenkirche herum und zurück zur

Universität, und die ganze Studentenschaft war auf den Beinen. Und

plötzlich bogst du um und ranntest gegen den atemlosen Polizeimann, der

die Hand nach dir streckte, und sagtest: ›Pardon, mein Herr, wissen Sie

hier in der Nähe nicht einen billigen Schneider? Ich habe hier einen

Rock zu flicken!‹

»Wie Lots Weib stand der Mann, und es folgte eine Tobsucht. ›Mensch,

weshalb laufen Sie denn, als ob Sie gestohlen hätten? Sie -- Mensch!‹

Und verwundert erwidertest du: ›Mein Herr, weil ich es nicht für

anständig halte, in Hemdärmeln langsam über die Straße zu gehen!‹

Verneigtest dich und warst im Schwarm der Buntmützen verschwunden.«

»O Academia!«

»Kinder, Kinder!«

Und die Erlebnisse wuchsen aus dem Boden und trugen die edle Patina der

Verklärung, und die Geschichten folgten sich.

»Hier geht mein Weg,« sagte Klaus Kreuzer. »Ich habe euch

versehentlich durch die halbe Stadt begleitet und muß nun wieder den

Berg hinauf. Schlaft wohl!«

»Wo wohnst du, Kreuzer? Nicht bei uns im Hotel?«

»Ich wohne bei Frau Werder.«

»Frau -- Werder? Haben wir nicht einen Werder in der Couleur?

Natürlich! Werder, der Amoroso. Wo ist er geblieben, der heißblütige

Kerl?«

»Verstorben. Und seine Witwe ist die Cousine meiner Frau. Deshalb wohne

ich dort. Und mein Junge hat Marburger Quartier dort bezogen.«

»So, so. Auf Wiedersehen, Kreuzer.«

»Auf Wiedersehen, ihr.«

Prachtvoll war die Morgenluft. Er atmete sie aus tiefen Lungen, als er

den Berg hinaufschritt. Die Mütze saß im Nacken. Das Band lag fest um

die Brust. Und in ihm sangen und klangen die alten Studentenweisen.

Weit, ganz weit dehnte er die Arme ...

Er trat ins Haus und dämpfte den Schritt. Vor der weißlackierten Tür

blieb er stehen. War das nicht ein Kichern? Er klopfte.

»Willst du wohl!« tönte eine Stimme.

»Nur guten Morgen wünschen. Auf Wiedersehen, Traud.« Und elastisch ging

er die Treppe weiter hinauf.

Da öffnete sich hinter ihm die Tür, und die Hausfrau stand im hellen

Morgenkleid und lachte hinter ihm drein.

»Guten Morgen, Klaus. Gut bekommen -- das Stelldichein mit dem Klaus

von ehedem?«

»Warte, ich habe dir eine Probe mitgebracht.«

»Pirat,« lachte sie und war in ihrem Zimmer.

Klaus Kreuzer aber schlief einen festen Jugendschlaf, und als er um die

elfte Morgenstunde erwachte, stand der Sohn an seinem Lager.

»Was, du bist vor mir auf?«

»Frühschoppen, Papa.«

»Ich denke, du wolltest sofort ins Kolleg?«

»Ach, Papa, auf den einen Tag wird's wohl nicht ankommen.«

Ein Lächeln huschte um des Professors Mund. »Nein, nein, auf den

einen Tag wird's wohl nicht ankommen. Aber damit du nicht weiter in

Anfechtungen fällst, werde ich -- ja, ja, das werde ich -- an Mama

depeschieren, daß ich erst morgen komme.«

»Papa! Famos, Papa!«

»Und nun laß mir eine halbe Stunde zur Toilette. Wir gehen dann

zusammen.«

»Du -- Papa ...«

»Was denn, mein Junge?«

»Ich war gestern abend rasend stolz auf dich. Und ich habe es auch

Tante Werder schon gesagt.« Und nun war der Junge draußen. Und der

Vater sann hinter ihm her. -- --

Eine halbe Stunde später betrat er frisch und hoch gestreckt das

Frühstückszimmer.

»Guten Morgen, verehrte Cousine. Bin ich nicht ein Frühaufsteher?«

Sie legte den Kopf auf die Seite und betrachtete ihn.

»Alle Achtung, Klaus. Dafür, daß du schon um sechs Uhr früh auf den

Beinen warst, bist du noch immer recht rüstig.«

»Spötterin. Dürfte ich wirklich noch um eine Tasse Kaffee bitten? Wo

steckt der Walter?«

»Das ist ein Junge, Klaus. Nachdem er mir mit strahlenden Augen von

_ihm_, dem herrlichsten von allen -- das solltest du nämlich sein,

Klaus -- erzählt hatte, bekam er plötzlich das zweite Gesicht und mußte

eiligst noch ein Kolleg belegen. Sehr beschämend für den väterlichen

Leichtsinn.« Und sie schenkte ihm das Frühstück ein.

»Leichtsinnig? Ich --? Ach, Traud, ich wollte, ich könnte es noch

einmal von Herzen sein.«

»Ja, ja, ich glaub's. Was ihr so darunter versteht. Von Zeit zu Zeit

mal über die Stränge schlagen und sich heimlich freuen, daß es keiner

gemerkt hat. Lieber Klaus, das ist ein billiger Leichtsinn für kleine

Leute und würde gar nicht zu dir passen. Schlag's dir aus dem Kopf.«

»Kennst du _zwei_ Arten von Leichtsinn? Eine passende und eine

unpassende?«

»Ja,« sagte sie und hob die Stirn. »Wenn du schon bei dem Wort bleiben

willst, so kenne ich zwei Arten.«

Die Welt in Gold: Novelle · 第 10 / 18 题