Noch hörte er Lindners Stimme. »Ich übergebe das Präsidium --«

Da stand er am Platz des Präsidenten, an dem er -- fünfundzwanzig Jahre

waren es bald -- so oft gestanden hatte.

»Ich danke euch. Ihr habt mir eine Ehrung dargebracht, und das ist

ein Geschenk. Da bedarf es einer Gegengabe. Wollt ihr sie haben? Nun,

dann nehmt von mir das Gelöbnis, daß ich jung bleiben will, wie ich es

einmal war, wie ihr es heute seid. Jung sein, jung bleiben! Und wenn

die Welt voll Teufel wär'! Nur diese eine Tugend gibt's. So wünsche

ich uns alle tugendhaft zu sehen bis ans Ende, und nicht anders.

Ach, was wißt ihr, wie ihr den Burschensang und -klang braucht im

Leben! Gott gab ihn uns zum Ausgleich. Gott gab ihn uns, damit wir

im Jagen und Drängen zur Besinnung kommen, wenn er uns plötzlich --

irgendwoher -- im Ohre ertönt. Daß wir vergleichen, prüfen, wägen und

-- zu leicht befinden. Daß wir beschämt innehalten. Wenn's not tut:

das Steuer herumwerfen. An Bord nehmen, was hinter uns her schwimmt

mit verlangenden Armen. Es ist der Kriegsschatz, ohne den wir verloren

sind gegen den schlimmsten Feind, gegen die schlimmste Sünde: Die

Blasiertheit. Nur diese Sünde gibt's, und keine andere. Ein blasierter

Mensch ist ein Bankerotteur, der sich seiner Daseinsberechtigung begab,

als er die Gaben Gottes nicht mehr zu erfassen vermochte. Laßt es

euch gesagt sein, ihr Burschen und Füchse: Die Schönheiten der Welt

sind keine Fuchsfallen, und der Herrgott liegt nicht auf einer Wolke

auf der Lauer und späht durchs Fernglas, zu sehen, wer von den armen

Menschlein ihm ins Eisen gehe. Es ist seine Vatergüte, die uns die

kurze Erdenspanne mit seinen Sonnen und Sternen bestreut. Greift sie

auf, und ihr könnt nicht altern. Nützet den Tag, und ihr behaltet eure

hellen Augen und euer klingendes Lachen. Nur wer den Kuß der Jugend

auf seinen Lippen spürt, ist noch im Sterben glücklich zu schätzen. Das

ist der Weisheit letzter Schluß. Trinkt Rest darauf, Leute!«

›Professor Kreuzer -- Geheimer Regierungsrat -- Mariannens Gatte --‹

schoß es ihm durch den Kopf.

Er lachte.

Um ihn herum stürmte der Beifall, die Begeisterung, die erschlossene

Seligkeit junger Gemüter.

Er lachte.

Das aber war ein anderes Lachen.

»Wir singen das Heckenrosenlied. Silentium! Musikanten, den ersten

Vers! Silentium -- das Lied steigt.«

»Es war ein Knab' gezogen wohl in die Welt hinaus,

War ihm sein Lieb auch gewogen, das Glück, das Glück blieb aus.

Und er wanderte weit

Zur Sommerzeit,

Wenn am Walde -- die Heckenrosen blühn.

Das Mägdlein barg sein Klagen daheim im Kämmerlein.

Sie durft' es ja niemanden sagen, und hoffte jahraus, jahrein.

Schaut' über die Heid'

Zur Sommerzeit,

Wenn am Walde -- die Heckenrosen blühn.

Ein Reiter kam geflogen, weit flattert sein Mantel im Wind.

Sag', bist du mir noch gewogen, herzallerliebstes Kind?

Da lachten sie beid'

Zur Sommerzeit,

Wenn am Walde -- die Heckenrosen blühn.

Und er hielt sie in den Armen, ihr Herz vor Wonne schlug.

Hat auch die Welt kein Erbarmen, die Liebe ist stark genug.

Und da küßten sich beid'

Zur Sommerzeit,

Wenn am Walde, am Walde, die Heckenrosen blühn.« --

Waren Stunden vergangen, seitdem das Lied verklungen war?

So waren sie wie Minuten gewesen, von denen der Sekundenschlag mehr

zählte als eine Stunde.

Kreuzer ging zum Fenster und zog die schwere Leinengardine zurück. Ein

dunkelblaues Dämmern füllte Nähe und Weite, ein letztes Verhüllen des

Morgenwunders. Und eine Nachtigall schlug vom blühenden Hang hinauf.

Das hatte er seit Jahren nicht mehr erlebt.

Er stand und horchte. Und vernahm, wie die Jugendfreunde hinter ihn

traten. Da griff er, ohne sich nach ihnen umzuwenden, nach ihren

Händen. »Kinder -- das ist zum Glücklichwerden!«

»Alter Pirat -- du hast dein Teil geborgen.«

»Ja, ja ... Und ihr?«

»Da es bedeutend schlimmer hätte kommen können, haben wir also -- das

große Los gezogen.«

»Sprecht ernsthaft.«

»Noch ernsthafter? Eine blühende Pfarrei, eine fröhliche Landpraxis

-- beim heiligen Veit von Staffelstein, wir sind doch keine

Duckmäusernaturen?!«

Halt. Das Wort hatte er schon gehört. Wann? Heute? Gestern?

Ganz gleich. Es war ein Wort im Alltagsgewand und voll innerer

Köstlichkeiten. Und -- Traud hatte es gesagt. Natürlich ...

»Unsere jungen Leute sind wohl schon heim? Wollen wir Überlebenden --

ja, was wollen wir Überlebenden?«

Seine Augen suchten das blaue Gewoge des dämmernden Tages zu

durchdringen.

»Den Morgen begrüßen, Kreuzer!«

»Marburg zeigen, wir leben noch! Wir werfen uns wie Antäos an der

Mutter Brust, neue Lebenskräfte einzusaugen, wenn uns ein Schicksal

trifft.«

»Hierher, Fax, Bowle hierher ans Fenster -- als festlich hoher Gruß,

dem Morgen zugebracht!!«

»Still,« sagte Kreuzer, »der Morgen will mit uns sprechen.«

Die Gläser in den Händen, saßen sie stumm beieinander und blickten in

die blauen, flatternden Schleier. Immer inbrünstiger wurde das Lied der

Nachtigall. Und nun kam eine Woge frischen Blütenduftes.

Die Sonne ...

Von den Hängen flatterten die Schleier los, über die Lahnwiesen

strichen sie hin in eiliger Flucht, die Bergkette schüttelte sie von

den Häuptern, daß sie zu silbernem Tau zerstiebten. Bilder taten sich

auf in stiller, schwelgender Frühlingspracht, in stiller, drängender

Liebe, in lebenzeugender Sonne.

Die Welt in Gold: Novelle · 第 9 / 18 题