Er sah ruhig auf zu ihr, die neben ihm stand. »Nenn sie, Traud.«

»Nein, ich fürchte mich nicht. Es wär' ja eine Lüge, wenn ich anders

sprechen wollte. Es gibt einen leichten Sinn, der sich heimlich

aufmacht und durch die Niederungen schleicht, einerlei, ob es durch

Sumpf- und Brackwasser geht, wenn nur die Spur nicht gefunden wird,

und es gibt einen leichten Sinn, der sich über alle Miseren in lichte,

frohe Höhen zu schwingen versteht, bis die Augen der Nachstaunenden ihn

nicht mehr zu fassen vermögen, bis er selber die Sonne verspürt und er

Gott anders begreift und seine Welt und erkennen lernt, daß es über

jede Misere hinaus einen lachenden, blauen Himmel gibt für den, der zu

fliegen versteht.«

»Weiter,« sagte Klaus Kreuzer nach einer Weile, »ich höre dir zu.«

»Weiter?« wiederholte sie. »Lern fliegen, und du brauchst meine

Weisheit nicht.«

Und wieder sagte Klaus Kreuzer nach einer Weile: »Ich habe es einmal

gekonnt -- oder wohl nur zu können geglaubt, denn ich schlage nur noch

zur Schau mit den Flügeln.«

»Weshalb?«

»Gott, liebe Traud, es gibt eben Menschen, die sich lieber einen

Pfauhahn halten, der der allgemeinen Bewunderung zugängig gemacht

werden kann, als einen Adler, der sich den Blicken der Leute entzieht.«

»Ich glaube gar, Klaus, du hast deinen ganzen Geheimratsfrack voll

Orden.«

Eine Röte glitt über seine Stirn. Dann sah er scharf auf.

»Keine Sorge, du wirst keinen zu sehen bekommen.« Und er erhob sich mit

verschlossenem, hochmütigem Gesicht.

Sie erwiderte nichts, stand auf und sah ihn lächelnd an. Bis es ihn

unruhig machte.

»Weshalb lächelst du denn nur, Traud?«

»Weil ich dich gerade im Schmucke deiner Orden sehe ... Adieu, Klaus,

und recht viel Vergnügen.« Und sie nahm das Tablett vom Tisch, winkte

ihm zu und ging aus dem Zimmer.

Einen erregten Schritt tat er ihr nach, besann sich, daß er

Gastfreundschaft in diesem Hause genoß, und meisterte seine Erregung.

Auf dem Tisch lag die Studentenmütze. Er griff nach ihr und zog sie

in den Nacken. Da kam Walter die Treppe hinauf. Straff ging er ihm

entgegen. »Junge, der Frühschoppen wartet, und wir wollen uns -- über

die Erdenschwere in die Lüfte schwingen.«

»Bist du nicht aufgeräumt, Papa?«

»Ich bin es sogar sehr, und zum Zeichen dessen machen wir jetzt den

Umweg übers Telegraphenamt.« -- -- --

Es war Nachmittag, und Frau Traud Werder saß in ihrem Zimmer vor dem

Klavier und spielte sich zur Freude ein still dahinschwebendes Lied.

Ihre Augen blickten über die Noten hinweg, und die Sonne lag, als wüßte

sie sich keinen schöneren Platz, voll auf ihrem Haarknoten und auf

ihren schlanken Schultern. Da pochte es an die Tür.

»Herein, wenn's eine Frühlingsbotschaft ist.«

Und die Hände auf die Klavierbank gestemmt, wandte sie sich um.

»Ach, Klaus -- Du? Schon Schluß gemacht mit der Freude?«

»Falsch geraten. Sie soll erst anheben. Und dazu bin ich hier.«

Sie sah ihn forschender an und erhob sich langsam. Und sah die

aufsteigende Spannung in seinen Zügen und lachte ihn aus.

»O nein -- jetzt hast _du_ falsch geraten. Ich habe durchaus keine

Angst vor dir und unserem Alleinsein. Also?«

Der Mann in ihm reckte sich in den Schultern. »Sei nicht immer so

schrecklich selbstsicher, das sieht fast wie Koketterie aus.«

»Wie's aussieht, ist mir gleich, ich tu' nur, was mich freut. Mach's

nach, Klaus.«

»Du,« sagte er, und die Stimme war ihm ganz schwer, »wenn ich dich

jetzt beim Wort nähme. Ich habe Hunger.«

Ohne Besinnen hatte sie die Klavierbank losgelassen und war bis vor

ihn hingetreten. »Es ist nicht der richtige, Klaus, es ist nur ein

Heißhunger. Das ist wie mit dem zweierlei Leichtsinn, weißt du? Und nun

sag dein Sprüchlein.«

»Wir wollen einen Ausflug machen. Hinaus zur Schwedenschanze. Die

anderen sind schon vorauf, und es sind Damen dabei.«

»Nun -- und?«

»Ich hätte dir so furchtbar gern eine Freude gemacht. Du sitzest hier

in deinen vier Wänden. Das behagte mir nicht.«

»Klaus -- da sind doch Professorengattinnen und hochwohlerzogene

Töchter?«

»Ich möchte sie alle zusammen mit dir ausstechen.«

»Wirklich --?« sagte sie leise. »Wirklich -- --?« Und ihre Brust hob

sich. »Gib mir mal deine Hand, Klaus. Wahrhaftig, jetzt sehe ich auch

deine Orden nicht mehr. Also mir wolltest du eine Freude machen, und

ich« -- sie strich ihm, wie tags zuvor, mit der Hand über die Augen --

»schau mich nicht so dumm an, ich hole mir meinen Hut.«

Sie war hinaus, und er stand, hob seine Hand und ließ sie denselben

Weg über die Augen gehen, den ihre Hand genommen hatte. Und blickte

sich um und horchte zugleich nach innen und nach außen. Ein leises

Singen war's. Sein Blut? Ihre Stimme, deren Klang noch durchs Zimmer

flatterte? Oder doch -- sein Blut? Und es konnte noch strömen und der

Freude entgegenwallen wie Jünglingsblut? Und er horchte nach innen und

nach außen und fand keine Begründung und nur -- dies Gefühl. Da wußte

er, daß es für dies Gefühl keine Begründung gab vor lauter warmer

Menschenfreude. --

»Deinen Arm, Traud.«

Sie legte ihn hinein und ging schlank und schmiegsam an seiner Seite.

Die Bürgersleute grüßten aus den Haustüren hinaus, und sie grüßten

beide wieder und verfolgten schweigend ihren Weg, der sie aus der Enge

der Gassen hinausführte ins weite Lahntal und den waldigen Höhen zu,

die im Gold des Ginsters standen.

»Weshalb sprichst du nicht, Klaus?«

»Wir haben ja nichts anderes getan, als miteinander gesprochen.«

»Gut,« sagte sie mit einem wohligen Ton, »schweige weiter.«

Er faßte die Hand, die in seinem Arme lag, führte sie an die Lippen und

legte sie wieder in seinen Arm zurück. »Nein -- jetzt, wo die Stimmen

einmal laut geworden sind, können wir auch bei dieser Sprache bleiben.

Denn nun werden wir uns auch in ihr nichts mehr verheimlichen.«

»Ich verheimliche nie etwas, Klaus. Das war ja schon immer der Kummer

der Familie.«

»Du hast deinen Mann sehr lieb gehabt, Traud?«

»Ja, Klaus, das habe ich.«

»Trotz aller Nöte und Bedrängnisse, in die er dich hineingebracht hat?«

»Das hat doch mit der Liebe nichts zu tun.«

»Ich meine -- es bedarf doch immer eines hohen Maßes von Achtung, um

jemanden durch dick und dünn immer noch lieb zu behalten. Ich meine so,

daß man die Augen schließen kann und nichts verspürt -- als Wohlsein --«

»Ach, Klaus, red doch keine Dummheiten. Das steht ja nur in deinen

dicken Büchern, und wenn sie noch viel dicker wären, wüßten sie darum

doch nichts vom Selbstverständlichen.«

»Was nennst du das Selbstverständliche, Traud?«

»Jemanden lieb haben, ohne nach Dingen zu fragen, auf die es keine

Antwort gibt. _Das_ nenn' ich so, du hochgelehrter Professor. Achtung?

Was heißt Achtung? Heiratest du nur die Tugenden oder auch die Fehler?

Aussondern ist nicht, und Achtung habe ich nur vor der grenzenlosen

Liebe, die sich immer wieder erschöpft, um sagen zu können: Da, nimm.

Besseres habe ich nicht zu vergeben. Und wenn der Mensch ein armer

Schlucker ist oder ein Himmelsstürmer.«

»Du -- Traud -- und so hast du immer -- gelebt?«

Sie drückte schweigend seinen Arm. »Leb' ich? Nun, wenn ich also nicht

dabei gestorben bin, so weißt du die Antwort.«

»Traud, ich habe Respekt vor dir. Wer hätte das vor einigen zwanzig

Jahren in dem kleinen Mädel gesucht.«

»Ja, Klaus, damals war ich fünfzehn und trug lange Zöpfe, bis in

die Kniekehlen. Das war meine Schwärmerei. Und noch eine andere

Schwärmerei kam hinzu, und du brauchst dich nachträglich nicht in die

Brust zu werfen, wenn ich dir heute sage, daß diese Mädchenschwärmerei

Studiosus Klaus Kreuzer hieß, denn das war ein ganz anderer, als der

nachmalige Professor und Geheime Rat gleichen Namens, und hatte den

rechten sonnigen leichten Sinn, der es verstand, zur rechten Zeit alle

Erdenschwere zu Boden fallen zu lassen und zu seiner und der Menschheit

Freude ein echtes Sonnenkind zu sein. Und schon damals hatte ich den

Glauben an die Wunderkraft der Sonne.«

»Und -- nachher?« fragte der Mann an ihrer Seite: »Und dann?«

»Und dann gab es eine schreckliche Szene mit meiner fünf Jahre älteren

Cousine Marianne, die mich ein kokettes dummes Ding schalt und dich

einen leichtsinnigen Couleurburschen, dessen große Fähigkeiten mit

Gottes Hilfe auf den rechten Weg gebracht werden müßten. Und das Leben

wäre kein Rosenpflücken, sondern ein Dornenweg.«

»Und das glaubtest du?«

»Hast du es etwa nicht geglaubt? Fort warst du von Marburg und trugst

Mariannens Ring und Siegel statt des goldnen Dichtersinnes -- denn

ehrlich, alter Klaus, das schmale Bändchen Gedichte, das du als Student

in die Welt schicktest, ist mir heute noch lieber als die dicksten

Bände Literaturgeschichten, die dir später einen so hohen Namen

machten. -- Ja, fort warst du, wurdest Doktor, Professor gar, saßest

mit fünfundzwanzig Jahren auf dem Lehrstuhl und im Ehehafen.«

»Und du?« fragte er hastig.

»Ich, Klaus? Ich war ja, wie Marianne sagte, ein kokettes dummes Ding,

und die Couleur hatte es mir nun einmal angetan. Der Hans Werder war

nicht wie du, aber er gab sich doch alle Mühe, so zu scheinen, und mir

schien er daher auch so. Nachher, wie ich den Unterschied merkte, und

daß heißes Blut noch lange keine heiße Seele ist, siehst du, da hatte

ich das heiße Blut nun schon mal gern gewonnen, und als der verliebte

Bursche durchs Staatsexamen fiel, heiratete ich ihn zum Schrecken der

ganzen Familie. Nun,« fügte sie nachdenklich hinzu, »er wäre auch ohne

dies und zum zweiten und dritten Male durchs Examen gefallen, denn

außer Liebesabenteuern wußte er in der Tat recht wenig, und ich habe

ihn doch noch ein Dutzend Jährlein über Wasser gehalten.«

»Es müssen schwere Zeiten gewesen sein, Traud.«

»Er hat nichts davon gemerkt, Klaus. Er war der geborene Zigeuner, und

weil ich ihn nahm, hielt er mich auch dafür, das ist ja so klar. Durfte

ich ihn enttäuschen? Der Mann muß daran glauben, daß er der Führer und

Lenker des Frauenherzens ist, er muß an seine Liebeskraft glauben. Und

dann glauben wir auch an ihn, so wenig wundergläubig man mit der Zeit

wird.«

Klaus Kreuzer war stehen geblieben: »Aber die Sorgen, die Sorgen des

Lebens?«

Sie standen im blühenden Gold der Sträucher, und der Wald wölbte sich

über ihnen und streute aus den Wipfeln wilder Obstbäume silberne

Blätter auf sie herab. Trauds Hände spielten in den Zweigen des

Gesträuchs, und ein Regen goldener Blüten rieselte durch ihre Finger,

als wäre sie eine Goldmacherin, von der die Märchen erzählen.

Klaus Kreuzer hielt den Atem an und staunte auf das Bild.

»Ach, Klaus, es braucht nicht viel, um glücklich zu sein. Nur den Mut

braucht es.«

»Aber leben muß man doch können, wenigstens leben!«

»Einmal war er Privatsekretär, ein andermal ordnete er Bibliotheken,

zuletzt war er Fechtmeister in Heidelberg. Und wenn er nach Hause kam

und sich ein wenig schämte, daß der Verdienst gar so mager ausgefallen

war, machte ich ihm meine strahlendsten Augen -- weißt du: so! -- als

ob ich ihn zum ersten Male sähe, und sagte nur immer: ›Kerl, was für

ein Kerl bist du! Ach, du holst mir ja doch noch einmal den Mond und

die Sterne vom Himmel!‹ Und dann -- ja, was tut ein Mann dann wohl? Er

gibt sich eine Haltung vor seiner Frau und sucht schleunigst das Beste

hervor, was er hat, seine allerdankbarste Liebe, damit die Frau nicht

merken soll, was für ein armer Teufel er im Grunde ist. Und siehst du,

Klaus, um dieser Haltung willen, die für eine Frau etwas Rührendes hat,

liebte ich ihn.«

»Und ist in diesem Wunderglauben gestorben ...«

Sie nickte und ließ immer noch das Gold der Ginsterblüten durch ihre

Finger rieseln.

»Fünf Jahre sind es. Und wie er mir sagte, starb er mitten aus dem

Glück heraus, obwohl kaum ein Stück Brot im Schranke war. Marianne

sagt: ein Dornenweg, kein Rosenpflücken. Marianne irrt sich. Wenn man

genauer hinblickt, sieht man auch am Dorn die Heckenrosen blühen.«

Er antwortete nichts, und plötzlich fühlte sie das Schweigen. Und

sie hob den Kopf und sah, daß er auf ihre Hände starrte, die mit den

goldenen Frühlingsblüten dicht gefüllt waren, und daß seine Gedanken

erst weitere und immer engere Kreise zogen. Und mit rascher Bewegung

hob sie die Arme und schüttelte die Hände voll Blütengoldes über ihn

aus.

»Klaus, Klaus! Ich verzaubere dich! Nun stehst du mitten im Frühling,

und im allergoldensten, du Sonntagskind!«

»Sonntagskind,« ahmte er ihr nach.

»Das bist du und das bleibst du, und wenn du die Schultern hebst

und sie schüttelst, werden deine Krankheiten von dir abfallen wie

Einbildungen.«

»Wer sagt dir denn, daß ich krank bin?«

»Ich habe es gefühlt, Klaus, und deshalb brauchst du es mir nicht zu

sagen.«

»Und möchtest mich gesund sehen?«

»Ja, Klaus, das möchte ich wahrhaftig.«

Sie standen und sahen sich in die Augen. Und dann sagte der Mann leise

und stockend: »Traud, ich wollte -- du wärst meine Frau geworden.«

Und sie erwiderte und sah ihn ruhig an: »Ja, Klaus, das wollte ich

auch.«

Und sie sahen sich an, bis die Sonne, die zwischen ihnen war, ihre

Augen blenden wollte und es in goldenen Punkten vor ihren Blicken

tanzte. Da streckten sie suchend die Hände aus.

»Traud ...«

Und er wiederholte ihren Namen wie eine Bitte.

Sie legte den Kopf in den Nacken. Ihre Lippen zitterten ein wenig.

»Du ...« sagte er. --

Da hob sie sich auf den Fußspitzen, nahm sein Gesicht zwischen beide

Hände und bot ihm den Mund.

Die Welt in Gold: Novelle · 第 11 / 18 题