Als im vergangenen Jahr unsere „Emden“ den kühnen und erfolgreichen
Vorstoß gegen den Feind machte, wobei sie sich mit einem vierten
Schornstein maskiert hatte, waren genau hundert Jahre verflossen,
daß das erste durch eigne Dampfeskraft bewegte Kriegsschiff von Stapel
gelaufen.
104.
Geschütze aus Eis.
Die Deutsche Tageszeitung berichtete kürzlich über Eisgeschütze
folgendes: „Die ersten Eiskanonen scheinen in dem strengen Winter 1740
in St. Petersburg hergestellt worden zu sein. Es handelt sich um sechs
Kanonen und zwei Mörser, die in ihren Größenverhältnissen völlig den
üblichen Metallgeschützen entsprachen. Die Ladung bestand aus ¼ Pfund
Pulver, als Geschoß dienten „Werck-Ballen“ oder auch eiserne Kugeln.
Anläßlich eines Probeschießens, das in der Gegenwart des gesamten
Hofstaates stattfand, wurde auf 60 Schritt Entfernung ein Brett von
zwei Zoll Dicke durchlöchert. Einen ähnlichen Versuch unternahm in
dem kalten Winter 1795 der Professor und kurfürstliche Rat Weber zu
Landshut in Bayern. Er ließ „aus einigen der reinsten und dicksten
Eisstücke aus der Donau“ Kanonen und Mörser drehen, wobei das Eis die
Form der Geschütze vollständig annahm. Die Eisgeschütze wurden auf
Lafetten gelegt und mit Pulver und Kugeln, welch letztere ebenfalls
aus Eis bestanden, geladen. Dabei gelang es, eine 36 Lot schwere
Eiskugel aus dem senkrecht gestellten Mörser zu einer solchen Höhe
emporzutreiben, daß sie erst nach fast zwei Minuten wieder die Erde
erreichte. Selbst als Tauwetter eingetreten war, glückte der Versuch
noch, nachdem man das geschmolzene Eis herausgewischt und den Mörser
mit Löschpapier ausgetrocknet hatte. Das Geschütz erlitt durch das
Abfeuern nicht die geringste Beschädigung.“
105.
Die Stahlfeder beim Aachener Friedensschluß.
Den zerbrechlichen Gänsekiel hatte man schon in früheren Jahrhunderten
durch bronzene oder eiserne Röhrchen ersetzt, die vorn zugespitzt und
gesplissen waren. Unsere Stahlfeder wurde erst während des zweiten
Aachener Friedenskongresses im Jahre 1748 erfunden. Darüber erzählt
uns der damalige Aachener Bürgermeistereidiener Johannes Janßen:
„Eben umb den Congres Versammlung hab ich auch allhier ohn mich zu
rühmen neuwe Federn erfunden. Es konnte vielleicht sein, daß mir
der liebe Gott diese Erfindung nicht ohngefähr hätte lassen in den
Sinn kommen mit diese meine stahlene Federn zu machen, deweil alle
und jede allhier versammelte H. Hr. Gesandten davon die Erste und
Mehreste gekauft haben, hoffentlich den zukünftigen Frieden damit zu
beschreiben, und dauerhaft wird sein wie diese meine stahlenen Federn,
daß der liebe Gott will geben, dan der verderbliche Krieg hatt lang
genug gewährt; weilen aber jetzo alles wohl zum Frieden aussieht,
hatt man auch Hoffnung, daß er lang dauern soll, eben wie der harte
Stahl, damit er beschrieben wird. Dergleiche Federn hatt Niemand nie
gesehen noch von gehört, wie diese meine Erfindung ist, allein man muß
sie rein und sauber von Rost und Dinten halten, so bleiben sie viel
Jahr zum Schreiben gut, ja wenn man auch 20 Reis Papier damit würde
beschreiben, mit einer Feder, so wäre die letzte Linie beschrieben
wie die erste, sonder was an die Feder zu verandern, sogar sie seindt
in allen Ecken der Welt hineingeschickt worden als eine rare Sach,
als nach Spanien, Frankreich, Engeland, Holland, ganz Teutschland. Es
werden deren von anderen gewiß nachgemacht werden, allein ich bin doch
derjenige, der sie am ersten erfunden und gemacht hat, auch eine große
Menge verkauft außer und binnen Lands, das Stück for 9 M. aix oder ein
Schilling specie und was ich hier hab kunnen machen ist mir abgeholt
worden.“
106.
[Illustration: Eine Verspottung der Maschinen-Erfinder. Kupferstich von
1754. Die „Bartroßmühle“, eine Maschine, die über ein Dutzend Männer
zugleich rasiert. Man hält das eingeseifte Gesicht nur in eines der
runden Fenster, hinter dem die von dem Pferd bewegten Rasiermesser
kreisen.]
107.
Ein Flugzeug-Motor von 1751.
[Illustration: Wie man sich um 1750 den Antrieb einer Flugmaschine
dachte.]
In einer der vielen Robinsongeschichten, die dem echten weltbekannten
Roman vom Seefahrer Robinson Crusoe folgten, wird eine köstliche
Darstellung einer Flugmaschine gegeben. Der Held der Erzählung
erreicht, nachdem sein Gefährte schon ermattet zusammengebrochen ist,
mit seiner Flugmaschine ein gesegnetes Eiland. Viel Platz haben die
beiden auf ihrem Eindecker nicht gehabt. Ununterbrochen mußten sie, als
ständen sie an einer Feuerspritze, „den Schwengel drehen“.
108.
Die Erbswurst im 18. Jahrhundert.
Der Direktor der Kgl. Hofapotheke zu Berlin, Herr Johann Heinrich Pott,
erfand im Jahre 1756 ein „Pulver wider den Hunger“. In den bekanntesten
Tagebüchern des Generalmajors von Scheelen wird über diese Erfindung
folgendermaßen berichtet: „Der Regiments-Felscher Schmuckert von der
Garde hatte ein Pulver erfunden, davon man ohne Brot und ander Essen
14 Tage leben kann, und es dem König gemeldet, der König machte also
die Probe. Den 5. mußte von der Garde der Lieutnant Raoul mit drei Mann
vor die langen Brücke nach der Maulbeerplantage vom Waisenhause gehen
und daselbsten acht Tage in einem Hause sich einquartieren und alle
Tage stark arbeiten und manchmal des Tages zwei Meilen marschieren.
Es waren drei verschiedene Kerls. Der erste war ein gesunder starker
Kerl, der für zwei Mann essen konnte. Der zweite war ein ordinairer
Esser, aber ein starker Trinker, etwas liederlich. Der dritte ein sehr
ordentlicher Mensch im Essen und Trinken. Der Lieutnant Raoul hingegen,
war der schwächlichste von ihnen allen. Ein jeder bekam des Tages zwölf
Loth Pulver, des Morgens zwei Loth, alsdann vier Stunden gearbeitet,
zu Mittag sechs Loth, wieder vier Stunden gearbeitet, als Wasser zu
trinken. Der liederliche konnte Tabak rauchen und täglich vor ein
Dreier Branntwein trinken, des Abends vier Loth. Man tat das Pulver
in kochend Wasser und ließ es zwei Minuten kochen, so war es gut und
wie ein Brei zu essen, es quoll auf, die Leute bekamen sonst nichts
anderes zu essen, der Lieutnant mußte davon repondieren. Sie bekamen
auch nichts. Die ersten Tage sättigte das Pulver die Leute sehr gut,
ohne daß ihre Kräfte abnahmen. Der Lieutnant rapportierte alle Morgen
schriftlich davon General Retzwo, Major Diericke. Des Nachts schliefen
die Leute auch draußen. Das neuerfundene Pulver wider den Hunger ist
in Frankreich erst vorm Jahr erfunden worden, man hält es dorten sehr
geheim. Der Herzog von Nivernois hat unserm König was davon gegeben,
dieser hat es in Berlin durch den Professor Pott auflösen lassen.
Das Rezept hat Balbi und General Retzwo an den Regiments-Felscher
Schmuckert gegeben, der hat das Pulver nachgemacht und gibt es vor
seine Erfindung aus.“
So ist auch die Erbswurst, die der Berliner Koch Grüneberg im Jahre
1867 aufbrachte, an sich nichts neues gewesen.
109.
Ein automobiles Geschütz um 1760.
Der Kupferstecher Bodenehr zeichnete das hier als Titelbild
dargestellte Geschütz, das wohl damals von irgend einem Erfinder
ausgedacht wurde. Der riesige Wagen soll mit der ganzen Bedienung von
dem hinten sitzenden Soldaten anscheinend bequem und schnell gekurbelt
werden.
110.
Ein Luftkampf.
In dem Roman „Die fliegenden Menschen“ wird erzählt wie ein Reisender
zu einem Volk kommt, das die Fähigkeit hat mittelst eines Flügelkleides
zu fliegen und sich in der Luft so zu bewegen, als sei es auf fester
Erde. Dieser Roman erlebte mehrere Auflagen und wurde in verschiedenen
Sprachen herausgegeben.
[Illustration: Der Reisende ist Zuschauer bei einem Luftkampf von
„Nasgig“ und dem „General von Harlokin“, Kupferstich von 1763.
Man beachte links und rechts oben die in der Luft still-schwebenden
Flieger.]
111.
Das Luftgewehr als Kriegswaffe.
Der österreichische Gewehrtechniker G. C. Girardoni, ein äußerst
fruchtbarer und genialer Erfinder, hatte 1780 eine Reptierkonstruktion
an einem 15 mm Jägerstutzen versucht. Dabei zerschmetterte eine
Magazinexplosion ihm den linken Arm. Mit einer eisernen Hand an dem
zerstörten Arme vervollkommnete Girardoni seine Erfindung dennoch
weiter. Nur verwandte er statt der gefährlichen Pulverkammer eine
Kammer mit komprimierter Luft. „So entstand“, sagt Dolleczek nach
einem Privatbrief der Urenkel Girardonis, „die Windbüchse, welche als
Reptierwaffe mit rauch- und nahezu knallosem Schusse über 35 Jahre in
der österreichischen Armee eingeführt war.“
Diese Girardonische Windbüchse führte, wie jedes andere Armeegewehr,
eine dienstliche Bezeichnung „Reptier-Windbüchse M. 1780“. Sie hatte
13 mm Kaliber, einen mit zwölf Zügen versehenen Lauf mit ⁵⁄₄ Drall, an
den sich hinten ein messingnes Ventilgehäuse, dann der in den kleinen
mit Leder überzogenen Kolben eingekleidete Rezipient anschloß. Dieser
Kolben, Flasche genannt, wurde vor dem Schießen abgeschraubt mit
gepreßter Luft gefüllt und dann wieder luftdicht angeschraubt. Die
Luftfüllung reichte für 40 Schuß. Jeder Schütze führte 24 gefüllte
„Flaschen“ mit ins Gefecht. Jeder Kompagnie führte man auf Wagen
Reserveflaschen und zwei Luftpumpen nach.
Anfänglich wurden vier Mann in jeder Kompagnie mit Luftgewehren
ausgerüstet; 1790 schon schritt man zur Bildung eines eigenen Korps,
1313 Mann stark, das vom Hauptmann des General-Quartiermeister-Stabes
Freiherrn von Mach instruiert wurde. Diese Schützen schossen nur
je 20 Schuß aus einer „Flasche“, da dann infolge geringeren Drucks
Treffsicherheit und Schußweite abnahmen. Auf der rechten Seite des
Laufes befand sich das Kugelmagazin, aus dem durch einen leichten
Druck auf einen Querriegel eine Kugel in den Lauf vor das Luftventil
gelangte. Durch einen anderen Druck wurde der Hahn und mithin die
Feder gespannt, die beim Abdrücken das Ventil öffnete. Die Handhabung
war also sehr einfach, sodaß der Schütze in der Minute 20 Schuß
abgeben konnte. Die Schußweite habe 150 bis 400 Schritte betragen.
Im Kleinkrieg war die Windbüchse eine fast unbezahlbare Waffe.
Napoleon I. ließ in den Kriegen gegen Österreich jeden sogleich
erschießen oder aufhängen, der eine Windbüchse besaß. Hätte das Gewehr
nichts geleistet, dann wäre der Korse wohl nicht zu dieser Maßregel
veranlaßt worden. Die Herstellung der Windbüchse wahrte Österreich als
strenges Geheimnis. Girardoni erhielt eigene Werkstätten und beeidete
Arbeiter.
Daß sich diese merkwürdige Waffe nicht erhalten hat, und nach dem Jahre
1815 als disponibler Vorrat der Festung Olmütz überwiesen wurde, liegt,
abgesehen von den veränderten taktischen Ansichten, hauptsächlich
an dem Umstande, daß für die Behandlung der feinen Schloß- und
Ventilbestandteile ausgebildete Büchsenmacher nicht vorhanden
waren, und daher „der in den Relationen ersichtliche Prozentsatz
der unbrauchbar gewordenen Windbüchsen ein so erschreckend großer
ist“. 1848 und 49 sind aus den Beständen des Olmützer Zeughauses
die brauchbarsten jener Windbüchsen von Girardoni nochmals zur
vorübergehenden Verwendung gekommen.
112.
Ein närrischer Luftfisch?
Daß die Fischform für ein schnellfahrendes, dickbauchiges Luftschiff
die beste sein muß, erkannte man schon in einer Zeit, da die
Verwirklichung dieser herrlichen Idee noch unmöglich war.
[Illustration: Der Fischballon, Kupferstich von 1784.]
Beachten wir dies, so erscheint uns das Bild des Luftfisches nicht
mehr so närrisch, wie zuvor. Ein Schweizer meinte im Jahre 1784, also
im zweiten Jahre der Gasballone, daß ein solch fischförmiges Fahrzeug
gewiß sich im Luftozean ebenso schnell fortbewegen müsse, wie der
Körper eines Fisches im Wasser am besten zu schwimmen vermöge. Ein
riesiger Schwanz sollte als Steuer dienen und große Flossen -- aus dem
Innern gleich Ruder bewegt -- das Vorwärtskommen des Untieres bewirken.
Es scheint gar so, als sollte dieser Luftfisch ein kriegerisches Ziel
verfolgen; denn aus dem vordersten Fenster der Gondel schießt doch wohl
jemand auf die Erde hinab?
Denken wir an den spitzen Kopf unserer Luftschiffe, an deren
Schwanzsteuer, und deren Stabilisierungsflossen, an deren verschlossene
Gondel, wenn wir dies alte Bild betrachten!
113.
„Heil Dir im Siegerkranze“.
Es ist bekannt, daß unser Lied „Heil Dir im Siegerkranz“ von Balthasar
Gerhard Schumacher am 17. Dezember 1793 als „Berliner Volksgesang“
in den Berlinischen Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen
bekannt gemacht wurde. Schumacher bezeichnete seinen Gesang als eine
Umarbeitung des „Liedes für den dänischen Unterthan an seines Königs
Geburtstag zu singen in der Melodie des englischen Volksliedes“.
Mit der heute so oft gesungenen Melodie unserer Hymne wurden wir
Deutsche -- darauf sei hier wohl zum erstenmal hingewiesen -- im
Februar des Jahres 1793 durch das in jener Zeit angesehene, heute recht
selten gewordene „Journal des Luxus und der Moden“ (S. 73) bekannt.
Vermutlich lernte auch Schumacher die Melodie aus dieser Quelle kennen.
Daß die Hymne bereits 1796 in Berlin vor dem König gesungen wurde,
konnte ich vor einigen Jahren an anderer Stelle nachweisen. In einem
Bericht über ein physikalisches Theater, der unter dem 20. Juni 1796
an das Journal des Luxus eingesandt wurde, und dort im Augustheft
zum Abdruck kam, fand ich die Nachricht, daß man „Heil Dir im
Siegerkranze“ am 24. Juni 1796 in Berlin sang. Es war nämlich ein aus
Stuttgart stammender Mechaniker namens Enslen wiederum -- wie bereits
1791 -- nach Berlin zur Vorstellung gekommen. Er zeigt zunächst
drei automatische Figuren, nämlich einen Flöte spielenden Spanier,
eine Harmonika spielende Frau und einen Trompeter. Alsdann kam ein
Bühnenkunststück mit einem Luftballon, der die Form von einem Reiter
zu Pferde hatte. Darnach kam ein turnender Automat an die Reihe. Im
zweiten Teil der Enslenschen Vorstellung wurden optische Kunststücke
vorgeführt. So erschienen Petrarca und Laura, Heloise und Abelard.
Das nächste Bild wird also beschrieben: „Dann zeigt sich in der Ferne
ein heller Stern, erweitert sich, und aus ihm entwickelt sich das
sehr ähnliche Bild Friedrichs des zweyten, in seiner gewöhnlichen
Kleidung und Haltung, also nicht als Geist. Das Bild wird immer größer,
kommt immer näher, bis es dicht vor dem Orchester in Lebensgröße zu
stehen scheint. Der Eindruck, den diese Erscheinung in dem Parterre
und den Logen machte, war auffallend. Das Klatschen und Jauchzen war
unaufhörlich. Da Friedrich sich zu seinem Stern zurückzuziehen anfing,
riefen Viele: O bleibe bey uns! Er ging in seinen Stern zurück, aber
auf das laute Ancorarufen mußte er noch zweimal wiederkommen.“
Alsdann wird berichtet, daß am 24. Juni der König selbst -- also
Friedrich Wilhelm II. -- mit den Prinzen und Prinzessinnen
das Enslensche Theater besucht habe. Es wurde diesmal anstatt der
Erscheinung Friedrichs II. ein transparentes Bild des Königs
vorgestellt. Das Orchester spielte das Lied: „Heil Dir im Siegerkranze“
und das ganze Parterre sang es laut.
Die Vorstellungen von Enslen fanden im Pinettischen Theater in der
„Bärenstraße“ statt. Es trug seinen Namen nach einem Künstler, der
sich Chevalier Pinetti de Merci nannte und dem der König das ehemalige
Döbblinische Haus in der Behrenstraße geschenkt hatte.
114.
Luftballone zum Laufen.
Eine der merkwürdigsten Verwendungen der Luftballone hat am Ende des
18. Jahrhunderts ein Franzose vorgeschlagen. Er machte sich einen
Ballon von etwa 3 Meter Durchmesser, füllte ihn mit Gas, band ihn
zu und befestigte das kleine Luftfahrzeug mittelst Riemen an einen
Brustgurt über seinem Kopf schwebend. Ein solcher Ballon vermag etwa
50 Pfund zu tragen und sein Erfinder wollte ihn zu Fußreisen benutzen,
damit er an seinem eigenen sterblichen Gewicht einen ½ Zentner
weniger zu tragen habe. Statt des Spazierstockes nahm der Erfinder
ein großes Doppelruder aus Taffet, mit dem er, als wäre er im Wasser,
Bewegungen ausführte. Was aus dieser Erfindung geworden, weiß man
nicht. Sie scheint vergessen worden zu sein, weil es jenen Leuten mit
hochfliegenden Plänen zu niedrig war, den Ballon des freien Äthers im
Staube zu benutzen.
115.
Der Telegraphenfächer.
Als der optische Telegraph bei seinem Auftreten in Frankreich
(1793) durch die fabelhaft schnelle Übermittlung der Nachrichten
vom Kriegsschauplatz populär geworden war, ersann ein findiger Kopf
eine unterhaltende Spielerei für die Pariser Gesellschaft: den
Telegraphenfächer.
In der damals recht leichtlebigen Pariser Gesellschaft spielte der
Fächer bei den Damen eine große Rolle. Hinter ihm konnten sie sich
beliebig verstecken und unbeobachtet nach einer Richtung hin ihre Augen
spielen lassen. Der Fächer war damals noch der ständige Begleiter einer
jeden Dame.
So eignete er sich besonders gut, an ihm einen Telegraphen anzubringen.
Am oberen Rande des Fächers waren halbkreisförmig die einzelnen Zeichen
des optisch-telegraphischen Alphabets so aufgezeichnet, daß die Dame,
die hinter dem Fächer kokettierte, die Zeichen ablesen konnte. Aus dem
letzten Stab des Fächers oder aus einer der beiden Deckplatten konnte
man ein zierlich aus Silber gearbeitetes Stäbchen herausziehen. Am Ende
dieses Stäbchens drehte sich ein kleiner Querbalken, der an seinen
beiden Enden wiederum zwei bewegliche Ärmchen besaß. Dieser winzige
Apparat glich vollständig den großen optischen Telegraphenapparaten.
Die Trägerin des Fächers konnte die einzelnen Buchstaben eines Wortes
an dem kleinen Telegraphen einstellen, nachdem sie von ihrem Fächerrand
die Stellung des Telegraphen für jeden Buchstaben abgelesen hatte. In
Deutschland wurden die Telegraphenfächer 1796 bekannt. Nach England
kamen sie im folgenden Jahre. Ein Italiener Badini verbesserte den
Telegraphenfächer, sodaß man die kleinen Signalflügel schneller
einstellen konnte.
116.
„Telephon oder Fernsprecher“ anno 1796.
In Berlin erschien 1796 eine Abhandlung über einige akustische
Instrumente, mit Zusätzen versehen von Gottfried Huth. Der Verfasser
nennt sich: Doktor der Weisheit und öffentlicher, ordentlicher Lehrer
der Mathematik und Physik auf der Universität zu Frankfurt a. O.,
sowie Mitglied einiger Gelehrtengesellschaften. In dem dritten Zusatz
zu diesem Buch hören wir des Verfassers Ansicht „Über die Anwendung
der Sprach-Röhre zur Telegraphie“. Es wird ziemlich umständlich
auseinandergesetzt, wie man an Stelle des optischen Telegraphen mit
Hilfe gewöhnlicher Sprachrohre, wie sie auf See verwendet werden, eine
Verständigung auf weite Entfernung herbeiführen könne. Es sollen in
gewissen Abständen Stationen errichtet werden, die die Nachrichten
in einer Geheimsprache mittels Sprachrohren über Land rufen. Der
Verfasser kehrt also im wesentlichen wieder zu den Rufpostenketten der
alten Perser zurück. Was uns an seiner Abhandlung allein interessiert,
ist die von ihm gewählte Benennung des Apparates. Er meint, da sein
Apparat ganz anders sei als der eines Telegraphen, so verdiene er
auch einen andern Namen, und er sagt: „Welcher würde sich hier nun
schicklicher empfehlen als der gleichfalls aus dem Griechischen
entlehnte: Telephon oder Fernsprecher. Es sey mir also erlaubt, in der
Folge dieser Abhandlung mich dieses Wortes der Kürze wegen für die
hier vorgeschlagene Anstalt zu bedienen, und so den Telephon von dem
Telegraphen, ob sie gleich einen und ebendenselben Zweck haben, da sie
ihn durch ganz verschiedene Mittel erreichen, zu unterscheiden.“
Richtig übersetzt hat Huth das Wort Telephon nicht: denn sonst
hätte er statt Fernsprecher, Ferntöner sagen müssen. Es ist nun
aber sehr merkwürdig, daß eine richtige Übersetzung bereits seit
kurzer Zeit vorlag. Christian Heinrich Wolke, ehemaliger Mitstifter
und Direktor des philanthropischen Erziehungsinstituts in Dessau
hatte nämlich kurz vorher eine bereits seit mehreren Jahren von ihm
erdachte „Pasiephrasie“ erfunden, d. h. ein für alle kultivierten
Völker brauchbares Universalwörterbuch. Dieses höchst umständliche
System einer Universalsprache nannte er auch „Telephrasie oder
Fernsprechkunst“.
Auch noch später läßt sich mehreremal ein unserm Wort Telephon
ähnlicher Ausdruck nachweisen. So hieß ein Musiktelegraph von Sudre
vom Jahre 1828 „Telephonium“, und der Physiker Wheatstone bezeichnete
drei Jahre später die Fähigkeit hölzerner Stangen, den Schall auf
mechanischem Wege fortzuleiten, mit dem Ausdruck „Telephon“. Die
gleiche Benennung wandte Romershausen 1838 auf ein Schallröhrensystem
an. Der erste aber, der von einer elektrischen Telephonie sprach, war
der Unterinspektor der Französischen Telegraphie, Charles Bourseul, der
am 26. August 1854 einen Artikel über „~Téléphonie électrique~“
in der „~L’Illustration de Paris~“ veröffentlichte. Unser
Philipp Reis begann nach eigenen Angaben seine Arbeiten erst 1852. Am
26. Oktober 1861 machte er sein Telephon zuerst bekannt. Vor genau
55 Jahren, also 1860 soll auf seinen Apparaten zuerst folgendes
kleine Zwiegespräch im Garnierschen Institut in Friedrichsdorf bei
Homburg v. d. Höhe geführt worden sein: (Reis) „Die Pferde fressen
keinen Gurkensalat.“ -- (sein Freund) „Das weiß ich längst, Sie alter
Schafskopf.“
117.
Ein „Lenk“-Ballon von 1799.
[Illustration: „Lenk“-Ballon von 1799.]
Im Jahre 1799 legte der in Wien lebende Jakob Kaiserer im Archiv
der Universität eine Schrift nieder: „Über meine Erfindung, einen
Luftballon durch Adler zu regieren.“ Diesem merkwürdigen Vorschlag
wurde die Ehre zuteil, vor mehreren Jahren wiederum gedruckt zu
werden. Kaiserer geht von der Beobachtung aus, daß Adler Lämmer rauben
können und daß ein Pferd, das kaum einige Zentner tragen kann, 100
Zentner gegen den Strom zu ziehen vermag, mithin müsse ein Adler auch
zehnmal soviel ziehen als tragen können. Da man Raubvögel zur Falknerei
züchten könne, würde er seine Adler auf Ruf und Peitschenknall
abrichten. Solch ein Paar gezähmter Adler wollte Kaiserer mittelst
eines Joches von Fischbein und Leder vor die Mitte des Ballons spannen
und sie gleich Pferden lenken.
118.
Die Zigarette.
Da ich vom Ursprung des Tabaks und der Zigarren schon erzählt habe,
will ich auch vom Alter der Zigarette berichten. Gehören die drei Dinge
im Krieg doch zum „Unentbehrlichen“.
Ein Hamburger, namens Nemnich, erzählt im Jahr 1808 in einer deutschen
Zeitschrift, dem „Journal für Fabrik“, daß man auch „Papier-Cigarren“
habe, die besonders in Sevilla unter dem Namen „Pitillos“ hergestellt
würden. In Havanna und im übrigen spanischen Amerika nenne man sie
„Cigarritos“.
Das Brockhaussche Konversationslexikon, das seit der ersten Auflage
von den „Cigarros“ spricht, weiß von den heute so beliebten Zigaretten
erst in der zehnten Auflage im Jahre 1852 zu berichten: „Cigarrettas
oder Cigarritos heißen die spanischen Papierzigarren, welche aus
einem Röllchen feinem Papiers oder Reisstrohs bestehen, das mit
feingeschnittenem Tabak gefüllt ist; sie werden auch in Deutschland
verfertigt, wo sie aber wenig beliebt sind.“ Diese Angaben widerlegen
die allgemein verbreitete Ansicht, wir hätten die Zigarette erst im
Jahre 1862 aus Rußland kennen gelernt.
119.
Die Eroberung Englands durch die Luft und unter dem Meere hindurch.
Ob die Engländer jetzt nicht mit einem unbehaglichen Gefühl der
Spottbilder gedenken, die im Jahre 1804 erschienen, als Napoleon
I. England mit allen Mitteln zu bekämpfen suchte? Damals schlug
jemand vor, eine französische Armee auf riesigen Luftballonen über den
Kanal nach England zu senden. Napoleon wies den Plan als unausführbar
ab.
Er trachtete damals eine Flotte von 2000 Fahrzeugen zusammenzubringen.
Im Juni 1805 war alles zur Landung bereit. Gegen 132000 Mann, 15000
Pferde und 450 Geschütze konnten in zwei Stunden eingeschifft werden
und sollten zehn Stunden später auf englischem Boden stehen. Nur
der englischen Kriegsflotte konnte Napoleon mit seinen Fahrzeugen
nicht Herr werden. Eine beabsichtigte Täuschung der Engländer
war zwar gelungen, doch eines ihrer schnellen Schiffe konnte die
Heimatsflotte noch rechtzeitig warnen. Der französische Admiral
verzagt, und Napoleons genialer Plan, der die Welt von der drückenden
Willkür Englands befreien sollte, hatte so die geeignete Zeit der
Verwirklichung verpaßt.
Von wem der Plan, England im Luftballon zu erreichen ehemals ausging,
ist nicht bekannt geworden. Selbstverständlich war das Vorhaben für die
damalige Zeit gänzlich undurchführbar.
Ein wohl satyrisches Blatt zeigt links den Hafen von Boulogne, rechts
-- reichlich nahe -- die englische Küste. Der Zeichner benutzte als
Vorlage ein Blatt, das im Jahre 1785 veröffentlicht worden war, als
zwei Franzosen eine, allerdings mißlungene, Fahrt im Luftballon über
den Kanal angetreten hatten.
In großen Warmluftballonen sind die napoleonischen Heere verladen.
Wir sehen Soldaten, Pferde, Fahnen, Kanonen und Fahrzeuge in den
Riesengondeln. Unter einem jeden Luftballon hängt eine große Öllampe,
deren Flamme durch einen Glaszylinder geschützt ist. Diese Lampe hat
den Zweck, die sich an den Ballonwandungen allmählich abkühlende Luft
während der Fahrt wieder aufzuwärmen.
Außer diesem satyrischen Blatt muß in Frankreich damals eine Serie mit
Projekten zur Eroberung Englands erschienen sein; denn unser großes
Bild ist als zweites Blatt „Verschiedener Projekte zum Abziehen nach
England“ bezeichnet. Links haben wir wieder die französische, rechts
die englische Küste. Der Tunnel unter dem Kanal, von dem vor zwei
Jahren wieder so viel die Rede war, ist fertig und niemand denkt daran,
den Franzosen ihren Durchzug mit Roß und Geschütz zu hindern!
[Illustration: Angriff auf England durch die Luft und unter Wasser,
1801.]
An der französischen Küste ist es lebendig. Wir sehen große
Zeltlager und den Aufstieg von truppenbesetzten Luftballonen.
Optische Telegraphen auf dem Berg und an der Küste sprechen mit der
übersetzenden Flotte. In den vordersten Schiffen erkennen wir
Geschütze, die die englische Küste beschießen. Man hat die einfachsten
und billigsten Transportschiffe gewählt, während die Engländer ihre
hochmastige Flotte zur Verteidigung gegen den Angriff zur See längs
ihrer Küste aufgestellt haben.
Sobald die französischen Lufballone in den Bereich der englischen
Küste kommen, werden sie heftig beschossen. Die Scharfschützen
baumeln an den Schwänzen riesiger Luftdrachen, deren Halteseile vom
englischen Festland aus dirigiert werden. Aber dennoch nähern sich die
französischen Kriegsballone immer mehr der Küste, und der erste Ballon,
der sich über den englischen Schiffen befindet, wirft schon eine
mächtige Brandbombe aus seiner Gondel herab....
Englands Sonderstellung muß gebrochen werden. So war es damals, so ist
es heute; denn
Seine Handelsflotten streckt der Brite
Gierig wie Polypenarme aus,
Und das Reich der freien Amphitrite
Will er schließen wie sein eigen Haus!
(Schiller).
120.