Es ist jetzt 100 Jahre her, daß Johann Friedrich Westrumb die ersten
Suppentafeln anfertigte. Alsbald ward die Herstellung solcher
Tafeln, in die viel Fleisch eingepreßt war von einer Gesellschaft in
Buenos-Ayres im Großen unternommen. 1849 wurden der Pariser Akademie
gepreßte Gemüse vorgelegt, die nach dem Aufweichen den früheren
Geschmack zeigten und sich deshalb auf das Beste für Kriegsschiffe
eigneten. Earl Borden jun. in Galveston (Texas) stellte im Jahre 1850
Fleischzwieback her, indem er eine bis zur Sirupkonsistenz verdampfte
Fleischbrühe mit Weizenmehl mischte und den Teig bei mäßiger Wärme
im Ofen backte. Diese Zwiebacke erregten großes Aufsehen; wie man
allerdings erst viel später sah, enthalten sie nicht die Nährstoffe
des Fleisches, sondern nur dessen Extraktivstoffe. Der französische
Fabrikant Etienne Masson konservierte im gleichen Jahr Gemüse, indem
er sie getrocknet einer starken Pressung unterwarf, und sie zu kleinen
viereckigen Tafeln formte. Die „Aktiengesellschaft für Fabrikation
comprimierter Gemüse“ zu Frankfurt am Main erhielt am 23. August 1855
ein frankfurtisches Patent (für die Zeit vom 31. Januar bis 30. Januar
1864) auf die Fabrikation konservierter Vegetabilien.
121.
Der Anfang des Fahrrades.
Der in Mannheim lebende Forstmeister Freiherr Drais von Sauerbronn
hatte sich im Jahre 1813 ein kleines Fahrzeug mit drei Rädern gebaut,
auf dem er zum nicht geringen Erstaunen seiner Landsleute in den
Straßen herumfuhr. Als der Kaiser von Rußland damals nach Mannheim kam,
ließ er sich das sonderbare Fuhrwerk vorführen, „fand Wohlgefallen
daran und sandte dem Erfinder einen brillantenen Ring für das
Vergnügen, welches ihm damit gemacht worden sei“.
Diese Ehrung stieg dem phantastisch veranlagten Freiherrn zu Kopf, er
verließ den Forstdienst und wurde Erfinder. Eine ganze Menge von Ideen
brachte er im Laufe seiner immer mehr abwärts neigenden Lebensbahn zu
Tage. Nur wenige vermochte er zu verwirklichen. Einige seiner Pläne
kamen erst lange nach seinem Tode zur Durchführung, darunter das
Fahrrad, die Schreibmaschine und die Spiegel, mit denen man Tageslicht
in dunkle Zimmer wirft.
Das Draissche Fahrrad, wie es hier in seiner ältesten bekannten Form
abgebildet ist, hatte keinerlei Tretmechanismus. Man setzte sich auf
den Sattel, legte die Unterarme bequem auf die Lenkstütze und stieß
sich mit den Füßen vom Fußboden ab. Um die Schuhspitzen nicht so sehr
abzunutzen, schraubte man sich Eisenkappen unter. Am 12. Juli 1817
machte Drais auf seiner Laufmaschine die erste Fahrt von Mannheim nach
Schwetzingen und zurück. Dieser Weg, der vier Poststunden lang war,
wurde von ihm auf dem Rad in weniger als einer Stunde zurückgelegt.
Drais verstand es meisterlich, für seine Erfindungen Reklame zu machen,
und so lesen wir denn auch bald in fast allen größeren Zeitungen und
Zeitschriften von dieser seiner erfundenen Laufmaschine. Besonders
empfahl er das Fahrrad dort zu benutzen, wo man sonst einen Eilreiter,
die Stafette, nötig hatte. Im Jahre 1818 erhielt Drais auf seine
Erfindung ein badisches Patent, und man ernannte ihn zum Professor der
Mechanik. Es ist der einzige mir bisher bekannt gewordene Fall, daß
jemand wegen einer Erfindung kurzerhand zum Professor ernannt wurde.
Nach allen Weltgegenden wurden die Draisschen Fahrräder, die man
damals Velocipedes oder Draisiennen nannte, verschickt. Besonders die
Fürstlichkeiten interessierten sich für dieses neue Verkehrsmittel. In
England gab man der Maschine sogleich einen Antrieb durch Handhebel.
Die miserablen Wegeverhältnisse der damaligen Zeit verhinderten jedoch
damals eine dauernde Verwendung dieser „Knochenschüttler“.
[Illustration: Das Fahrrad im Jahr 1817, Farbenkupferstich.]
Erst nach dem Tode des verarmten Erfinders (1851) begann man
mit Versuchen, die Laufmaschine mit Tretkurbeln zu versehen. Im
deutsch-französischen Krieg von 1870/71 wurden solche Fahrräder von den
Franzosen bereits in bescheidenem Umfange angewandt.
122.
Das erste Eisenbahn-Frachtstück.
Daß heute Tag und Nacht Unmengen von Gütern aller Art zu unseren
Truppen an die Front rollen, erscheint selbstverständlich.
Als die Eisenbahnen etwas neues waren, galt es als Besonderheit, einen
leblosen Gegenstand mit der Dampfbahn zu befördern.
Man hatte zwar bei der ersten deutschen Eisenbahn, die im Jahre 1835
zwischen Nürnberg und dem benachbarten Fürth in Betrieb gekommen war,
vorgesehen, neben dem Personentransport auch Güter zur Besorgung zu
übernehmen, doch ging man wieder bald von dem Gedanken ab, weil die
Schwierigkeiten zu groß erschienen.
Am 17. Mai 1836 stellte Andreas Jacob Hartmann den Antrag auf Benützung
der Ludwigsbahn zum Waren- und Gütertransport. Das Direktorium ging
jedoch nicht darauf ein. Es erwiderte dem Antragsteller am 10. Juli
1836: „Erst wenn die erforderliche Anzahl von Personenwagen vorhanden
sind, möchte die Möglichkeit gegeben sein, Warentransporte von größeren
Quantitäten versuchsweise anzustellen, obschon fast im voraus zu
entnehmen ist, daß dieselben bei den niedrigen Frachtpreisen und bei
den Auslagen, welche der Transport der Waren zur Bahn und von dieser
nach dem Hause des Empfängers verursacht, wofür die Boten 3 Kr. per
Zentner im ganzen erhalten, kein befriedigendes Resultat geben werden.
Der Transport von Pakets, Schachteln und Briefen aber bleibt auch für
die Zukunft eine unausführbare Idee, da der Verwirklichung derselben
einmal die Post- und Botenordnung entgegensteht, und die dadurch
bedingte Vermehrung des Dienstpersonals und die Ausgaben für passende
Lokalitäten in Nürnberg und Fürth selbst bei dem stärksten Betrieb
in keinen Verhältnissen zu den Einnahmen steht, abgesehen davon, daß
abermals eine große Anzahl von Familien, namentlich in Fürth, dadurch
brotlos gemacht werden dürfte. Der Antrag des Hartmann ist weder zeit-
noch zweckmäßig.“ Die Abweisung des Hartmannschen Antrages, die ihren
hauptsächlichsten Grund in dem Mangel an Transportwagen hatte, hinderte
indes nicht, bald darauf einen Versuch mit dem Gütertransport zu
machen, allerdings in einem sehr bescheidenen Umfang. Dem Bierbrauer
Lederer wurde nämlich am 11. Juli 1836 gestattet, mit den ersten nach
Fürth gehenden Wagen zwei Fäßchen Bier an den Wirt zur Eisenbahn gegen
Vergütung von je 6 Kreuzern Transportlohn unter der Bedingung zu
senden, daß die Fäßchen von dem Wirt bei Ankunft des Wagens sogleich
abgeholt werden. Direktorial-Kommissär Dr. Löhner sollte Sorge
tragen, daß dieser kleine Anfang des Gütertransportes in gehöriger
Ordnung vor sich gehe, „um solchen vielleicht späterhin ins Große
ausdehnen zu können,“ wie die Direktorial-Ordre hinzufügt.
123.
Ein Eisenbahnjubiläum.
Als im vergangenen Jahr unsere Eisenbahnen die Riesenmassen der Heere
mit einer Ruhe und einer Gleichmäßigkeit beförderten, als seien sie
Uhrwerke, haben wir im Ernst der Zeit ganz vergessen, daß wir das
Jubiläum der Truppentransporte in Preußen begehen könnten.
Wir lesen nämlich in der Geschichte der Unteroffizierschule in Potsdam
folgendes beim Jahre 1839: „An den Herbstübungen des Gardekorps,
welches in zwei Zeltlagern in der Umgegend von Potsdam zusammengezogen
war, nahmen auch das Lehr-Infanterie-Bataillon und in dessen Reihen die
kräftigsten Zöglinge des dritten Jahrgangs der Schulabteilung teil.
Das Infanterielager befand sich am Fahrländer See, das der Kavallerie
vor dem Brandenburger Tor, zwischen Schafgraben und Pirschheide. Nach
beendigtem Manöver kehrte die Berliner Infanterie per Eisenbahn in
ihre Garnison zurück. Von der Plattform des Bahnhofsgebäudes aus sah
Seine Majestät der König der Verladung und der Abfahrt der Truppen zu,
damals insofern ein interessanter Anblick, als es das erste Mal war, wo
dergleichen Truppenbeförderungen auf der Eisenbahn stattfanden.“
124.
Ein Dampfluftschiff von 1842.
Als man 1835 in Paris eine Europäische Luftschiffahrtsgesellschaft
gegründet und mit dem Bau eines großen Luftschiffes begonnen hatte, das
den Verkehr zwischen Paris und London aufnehmen sollte, regten sich
überall die Erfinder. In Deutschland zog der Nürnberger Mechaniker
Leinberger vergebens mit dem Modell seines Dampfluftschiffes herum, um
die Mittel zum Bau eines großen Dampfluftschiffs zu erlangen. Wie naiv
man damals an die gewaltige Aufgabe der Luftschiffahrt ging, beweist
die Anordnung des Schornsteins der Dampfmaschine, der mitten durch die
Ballonhülle hindurchführt.
[Illustration: Leinbergers Modell, 1842.]
125.
Der rettende Trompeter.
Die blutige Fackel des Bürgerkrieges hatte bereits dreimal über
Wien aufgelodert, als der verhängnisvolle 6. Oktober 1848 über die
Hauptstadt hereinbrach.
Damals lebten in Wien die aus Regensburg gebürtigen Mechaniker Johann
Nepomuk und Leonhard Mälzel. Der Jüngere von ihnen, Leonhard, war ein
großes musikalisches Genie und der Kaiser von Österreich hatte ihn
schon im Jahre 1827 wegen seiner vielen auf das beste ausgeführten
mechanischen Musikwerke zum „musikalischen Kammermaschinisten“
ernannt. Die Brüder Mälzel lebten in guten Verhältnissen und manches
wertvolle Stück war in ihrer Wohnung zu finden. Was Wunder, daß
unlautere Elemente der Revolution sich an ihrem Eigentum vergreifen
wollten, gehörte doch der eine der Brüder, wie gesagt, zum kaiserlichen
Hofstaat. Gruppenweis sammelten sich Leute an jenem verhängnisvollen
Tage vor den Fenstern des Mälzelschen Hauses und immer lauter wurden
die Drohungen gegen den Mann, der wegen seiner Anhänglichkeit an
den Kaiser unbeliebt war. Zwar hatten die kaiserlichen Truppen
schon die ganze Gegend eingeschlossen und Leonhard Mälzel hätte
auf jeden Fall für seine Person Schutz gefunden, doch er fürchtete
die Zerstörung seiner wertvollen Musikapparate. Immer mehr Volk
sammelte sich, immer drohender wurde das Geschrei der Menge. Einige
pochen an die Tür, andere wollen zu den Fenstern hereinklettern, da
erscheint hinter den Gardinen die mächtige Gestalt eines kaiserlichen
Trompeters in Paradeuniform und schmettert seine Fanfare über die
vor Schreck gelähmte Menge. Alles stob auseinander und im Augenblick
war die Umgebung des Mälzelschen Hauses wie ausgestorben. Denn wo
ein kaiserlicher Trompeter war, mußte mindestens auch eine Eskadron
Kürassiere zum Schutz des kaiserlich-musikalischen Kammermaschinisten
untergebracht sein. Mälzel und seine großen Kunstwerke waren gerettet,
gerettet durch einen künstlichen Trompeter, den Mälzel kurz vorher
vollendet hatte. Dieser Trompeter ist heute im Münchener Museum
zu sehen. Mittelst einer Kurbel werden starke Federn aufgezogen.
Vor Beginn des Spieles hebt der Trompeter den rechten Arm, der das
Instrument hält, in die Höhe, und 2 Blasbälge zwischen den Schultern
sitzend, erzeugen, vom Laufwerk getrieben, den Wind.
Noch heute ist dieser mechanische Trompeter betriebsfähig und kann
seine militärischen Signale, die einst ihm und seinem Meister das
Dasein retteten, erklingen lassen. Es ist einer der wenigen, noch
erhaltenen Automaten aus vergangener Zeit.
126.
[Illustration: Man beachte oben das Musikgeschütz auf der Bühne, die in
der Luft herumwirbelnden Noten und „Kugeln“, die verstohlen zündende
Hand in der unteren rechten Ecke der Bühne und die „lauschenden“ Ohren
in den Logen.]
[Illustration: „Dampfmusik“, Spottbilder auf die laute musikalische
Instrumentation von Berlioz, 1842.]
127.
Luftbomben im Jahre 1849.
Unter dieser Überschrift ging Anfang Juni eine Nachricht durch die
Presse, die folgenden Wortlaut hatte:
Über eine frühere Beschießung Venedigs aus Luftfahrzeugen befinden
sich in den Sammlungen des Wiener Kriegsarchivs Aufzeichnungen von
hohem Gegenwartsinteresse, die die Neue Freie Presse mitteilt. Der
österreichische Linienhauptmann und Doktor der Philosophie und der
freien Künste, Heinrich Hauschka, erzählt in seiner Schrift „Die
Belagerung von Malghera und Venedig“ folgendes aus dem Jahre 1849:
Im Monat Juli wurden Versuche angestellt, mittelst Luftballons Bomben
aufsteigen zu lassen. Bei Erreichung des Scheitelpunktes der belagerten
Stadt sollte sich die Bombe von ihrem Ballon trennen, herabfallen und
mittelst Perkussion explodieren. Die Zufälligkeiten des Windes, welcher
in den oberen Luftschichten eine andere Richtung als in den unteren
hatte, ließen diese Versuche, sowohl vom Lande als von der See aus auf
dem Dampfer „Vulkan“, nicht recht glücken, denn die meisten Bomben
fielen ins Wasser. Der Kapitän der englischen Brigg „Frolio“, sowie
der eines griechischen Fahrzeuges, welche zur selben Zeit in Venedig
waren, schilderten die Angst der Einwohner und Schiffe, überhaupt
den moralischen Effekt als sehr groß. Diese sinnreiche Idee ging vom
damaligen Artillerieoberleutnant Franz Uchatius aus. Dadurch dürfte
es feststehen, daß es mit dieser Art Ballons möglich ist, Bomben und
andere Feuerwerkskörper bis auf 5000 Klafter Distanz sowohl vom Lande
als auch von der See aus zu werfen, sobald die Grundbedingung, eine
günstige Windrichtung, vorhanden ist, und daß hierdurch viele der
größeren Städte, welche bisher durch ihre umliegenden Werke vor einem
Bombardement gesichert waren, es jetzt nicht mehr sind.
Tatsächlich gelang es im Verlaufe der Belagerung mehrmals Bomben
in der Richtung gegen Murano zu bringen und sie über feindliche
Schiffe zu dirigieren. Auch der französische Dampfer „Panama“ wurde
durch einen solchen Ballon bedroht. In dem offiziellen Kriegsbericht
wurde gemeldet, daß am 25. Juli 1849 zwei mit Schrapnells versehene
Ballons vom Dampfer „Vulcano“ aufstiegen und am Lido über dem
Giardino Pubblico in 1500 Meter Höhe und 6300 Meter Entfernung sich
entladen haben. Die Panik, die durch die Ballonbomben verursacht
wurde, wird übereinstimmend als sehr groß geschildert, und die heute
in Venedig bestehende Fliegerfurcht mag dem damaligen Stande der
Luftschiffahrt entsprechend der Wirkung gleich gewesen sein, welche die
Uchatius-Flieger hervorgerufen haben.
128.
Von einem chloroformierten Bären.
Es war im Jahre 1852. Professor Schönlein war bei König Friedrich
Wilhelm IV. um die Erlaubnis eingekommen, die Wirkungen des damals
neuen Chloroforms an einem lebenden Wesen, das operiert werden sollte,
zu versuchen. Einen Menschen wollte man nicht dazu opfern, aber der
König erteilte die Erlaubnis, daß ein großer Bär des zoologischen
Gartens, dem, weil er erblindet war, der Star gestochen werden mußte,
für das Experiment herhalten durfte. Die Operation gelang. Doch --
leider -- der Patient wachte nicht mehr auf. Die Berliner ulkten
natürlich über dieses Mißgeschick der Ärzte und der König war nicht
einer der letzten Lacher. Der Bildhauer Wolf modellierte daraufhin
eine kleine Gruppe, die dem König so sehr gefiel, daß er sie im
Guß verlangte. Man sieht in einem Sessel den Bär im Schlafrock und
Schlafmütze regungslos zusammengekauert. Um ihn herum stehen ratlos die
Ärzte, denen der Bildhauer die Physiognomie von Tieren gegeben hatte.
Dem König gefiel der Guß so sehr, daß er die Erklärung dazu in einem
Vers verlangte. Der Dichter, dem dies am besten gelänge, bekäme zur
Belohnung einen weiteren Abguß von der Gruppe. Da studierte auf der
Berliner Universität der Sohn des Berliner Professors Karl Heyse, der
spätere Dichter Paul Heyse, damals 22 Jahre alt; der schickte folgenden
Vers ein:
Der Bär ist jetzt ein toter Mann,
Das Chloroform ist schuld daran,
Ein ärztliches Kollegium
Ging mit dem Vieh zu menschlich um,
Das Füchslein grinst, das Bärlein flennt,
Der Wolf setzt’ ihm dies Monument.
129.
Schneemäntel im Krimkrieg.
Man könnte sagen: als es andersherum war, als heute, war es ebenso wie
jetzt. Nämlich so:
Als die Engländer und Franzosen anno 1855 mit den Türken gegen die
Russen verbündet waren, belagerte man diese in der Feste Sebastopol.
Und die Russen machten damals häufig Ausfälle aus der Festung, wobei
sie -- wie im jetzigen Krieg wieder -- in weiße Mäntel gehüllt waren.
[Illustration: Schneemäntel im Jahr 1855.]
Über diese sonderbaren Schneemäntel berichtete damals die „Times“ ihren
Lesern. Der Berliner Kladderadatsch griff diese Nachricht auf und
erläuterte sie durch unser eigenartiges Bildchen: „Die Russen machen
jetzt häufig Ausfälle aus Sebastopol, bei welchen sie ganz in weiße
Mäntel gehüllt, auf der blendenden Schneedecke nicht zu bemerken sind,
da dieselben aber keine Schlemihls sind, so werfen sie notgedrungen
einen Schatten, und erkennen so die Belagerer die nahende Gefahr.“
Daß Peter Schlemihl ein Mann des Märchens ist, der keinen Schatten
besaß, und darüber sehr unglücklich war, das hat uns ja Adalbert von
Chamisso einst erzählt.
130.
Das Aero-Brot.
[Illustration: Nach dem Brotgenuß.]
Wie „leicht“ es einmal den Menschen gemacht würde, sich in die Luft zu
erheben, ahnte ein Witzbold der Zeitschrift „Punch“ der Zeit voraus im
Jahr 1860; da ißt, wer zu einer kleinen Luftreise aufgelegt ist, zum
Frühstück mit der ganzen Familie etwas gashaltiges „Aero-Brot“ und die
aeronautische Reise beginnt sogleich. Wer länger reisen will, fastet
lange genug vorher und stillt seinen Heißhunger durch eine besonders
große Brotmenge.
Sieht es nicht so aus, als ob die Familie, die hier in die Höhe
gestiegen ist, sich im Brot vergriffen hätte? Ich glaube, die wollten
allesamt nur ihr einfaches Frühstück einnehmen, um zur Arbeit gehen zu
können. Nun müssen sie „steigen“ und machen lange Gesichter.
131.
Die Luftschiffahrt im Kriege von 1870/71.
Als die Deutschen im Winter 1870 bis 1871 Paris eingeschlossen hatten,
konnte man durch Brieftauben zwar Nachrichten aus der Festung hinaus
schicken, doch die Verbindung zur Festung mittelst Brieftauben wurde
den Franzosen zu unsicher. So versuchten sie denn den Nachrichten- und
Personenverkehr durch Luftfahrzeuge zu erreichen, und sie kamen dabei
sogar -- was wenig bekannt ist -- bis zum Bau eines militärischen
Luftschiffes.
Von Paris aus stiegen insgesamt 64 Luftballons während der Belagerung
auf. Außer den 64 Führern beförderten sie 91 Personen, darunter
am 7. Oktober den Diktator Gambetta, um die Regierung in Tours zu
übernehmen. Außerdem wurden 363 Brieftauben auf diese Weise aus der
Festung ins Land befördert, so daß die Tauben mit Nachrichten in
die Festung zurückfliegen konnten. Endlich wurden noch über 9000
Kilogramm Depeschen und eine besondere Zeitung „Ballon-Poste“, die
die Neuigkeiten der Hauptstadt in die Provinz tragen sollte, von den
Ballonen mitgenommen.
Zwei dieser Ballone gingen verloren, davon einer im atlantischen Ozean.
Fünf Lufballone fielen in die Hände der Belagerer. Krupp hatte in
aller Eile ein Ballongeschütz konstruiert; es bestand aus einem sehr
großen Gewehr, das in einem Gestell drehbar auf einem vierrädrigen
Wagen stand. Zwei Exemplare dieses ersten Kruppschen Ballongeschützes
befinden sich im Berliner Zeughaus, andere Exemplare in den
Waffensammlungen zu Dresden und München.
Außer diesen Freiballonen verwendeten die Franzosen in Paris
Fesselballone, um unsere Stellungen zu erkunden. Sie verfielen dabei
auf den originellen Gedanken, die Drahtseile, an denen die Ballone
gehalten wurden, an einer Lokomotive zu befestigen, so daß sie den
Ballon in der Luft hin- und herfahren lassen konnten.
Ihre Versuche, mittelst Luftballonen bei günstigem Wind von
verschiedenen Städten des Landes aus nach Paris zu gelangen, schlugen
gänzlich fehl.
Als die Not im belagerten Paris immer größer wurde, von den Armeen
und der Regierung im Lande aber keine Hilfe kam, erinnerte man sich
der Versuche, die der Ingenieur Giffard in den Jahren 1852 und 1855
mit einem Luftschiff gemacht hatte. Das Kriegsministerium beauftragte
einen tüchtigen, doch mit lufttechnischen Dingen nicht vertrauten,
Marineingenieur, namens Dupuy de Lôme, ein lenkbares Fahrzeug zu
bauen, das über die Köpfe der Belagerer hinweg bei Nacht den Verkehr
zwischen Paris und dem Lande unternehmen sollte. Mit allem Eifer
ging man sogleich an den Bau. Da es nicht möglich war, in Paris eine
geeignete Betriebsmaschine für das Luftschiff zu finden, begnügte der
Erbauer sich mit dem Antrieb der Luftschraube durch Menschenkraft: acht
Soldaten mußten in der Gondel mittelst Kurbeln die Luftschraube drehen.
Das Luftschiff hatte eine Länge von 36,2 Metern und einen Durchmesser
von 14,84 Meter.
Doch ehe das Luftschiff fertig war, hatten wir Paris genommen. Erst
am 2. Februar 1872 konnte dieses Luftschiff seine einzige Probefahrt
machen. Es hatte eine zu geringe Geschwindigkeit und wurde deshalb
sogleich auf Abbruch verkauft.
Unsere günstige Lage im deutsch-französischen Krieg stellte an uns
keine lufttechnischen Aufgaben. Dennoch wurden Anfang September 1870
in Köln zwei Luftschifferabteilungen mobil gemacht, die bei der
Belagerung von Straßburg zu Erkundigungen aufstiegen. Als sie nach
dem Fall von Straßburg nach Paris geschickt wurden, konnte unsere
Einschließungsarmee die Ballone nicht verwenden, weil es dort an Gas
zur Füllung fehlte.
132.
Die Bilderpostkarte von 1870/71.
Auch die heutige Ansichtspostkarte wurde aus dem Krieg geboren.
Die Postkarte selbst war erst am 25. Juni 1870 zum erstenmal zur
Ausgabe gelangt. Bald nachher kam der Krieg. Da druckte, es war am
16. Juli, der Buchhändler August Schwartz in Oldenburg, auf eine
gewöhnliche Postkarte ein in seiner Druckerei vorhandenes Bildchen ab,
das einen Artilleristen an seinem Geschütz zeigt. Seine Schwiegereltern
waren nämlich in Marienbad, und hatten große Not, sich durch den
Truppenaufmarsch bei der Mobilmachung bis Oldenburg durchzuschlagen.
Bis Magdeburg waren sie gekommen, mußten dort aber Aufenthalt nehmen.
So begrüßte der Schwiegersohn sie dort in der Hoffnung auf baldiges
Wiedersehen mit der oben abgebildeten Karte, deren Bildchen ein Hinweis
auf den Kriegszustand sein sollte.
[Illustration: Die erste Bilderpostkarte.]
Im Oktober 1875 erschien diese artilleristische Bilderkarte mit 24
ähnlichen Karten, die teils humoristische, teils ernste Bilder trugen,
bei Schwartz im Handel.
Alsbald nahmen Gasthäuser und Vergnügungsorte die Idee der
Bilderpostkarte zu Reklamezwecken auf.
133.
[Illustration: Der Luftballon als Kinderwärter auf der
Urlaubspromenade. Aus dem „Schalk“, 1879.]
134.
Knalldämpfer an Gewehren.
Johann Joachim Becher, der Sohn eines Pfarrers aus Speyer, ein im
17. Jahrhundert vielgelesener Schriftsteller, kam später in Verruf,
weil die Eigenart und die Menge der von ihm geäußerten Ideen so
garnicht in den ruhigen Gedankengang des bezopften Gelehrtentums des
18. Jahrhunderts passen wollte. Erst den neueren Bestrebungen zur
Erforschung der Geschichte der Naturwissenschaften, besonders der
Geschichte der Chemie, ist es zu danken, daß man sich die Werke von
Becher näher ansah. Wir lernten in ihm einen zwar unruhigen aber
äußerst vielseitigen und fruchtbaren Geist kennen. So berichtet er
z. B. schon von der Brauchbarkeit des Gases zur Beleuchtung, von der
Nutzbarkeit des Torfes, von der Spritfabrikation aus Kartoffeln und von
vielen andern erst weit später verwirklichten Ideen.
In Bechers Buch „Närrische Weißheit Und Weise Narrheit Oder Hundert
/ so Politische alß Physicalische / Mechanische und Mercantilische
Concepten und Propositionen / Deren etliche gut gethan / etliche zu
nichte worden / Samt den Ursachen / Umbständen und Beschreibungen
derselben“ (Frankfurt 1682) wird unter anderen Ideen auch von einem
Knalldämpfer für Gewehre berichtet. Es heißt nämlich im ersten Teile
des Buches -- wo diejenigen Erfindungen aufgeführt werden, „welche
dem euserlichen Ansehen nach närrisch, irraisonnable und ohnmöglich
geschienen, dennoch in praxi wohl succedirt, und mit Nutzen reussiret“
-- und zwar im 21. Kapitel: „Dousons Kunst-Rohr, welches da schießet
mit gemeinem Pulver und Bley, als ein ander Rohr, und doch keinen Knall
tut, und besteht die Kunst allein in Bereitung des Rohrs.
Diese Invention schickt sich zu den vorigen zweyen (diese beiden
Erfindungen behandeln das Süßwasserbereiten aus Meerwasser auf kaltem
Wege), denn ob sie wohl mechanisch ist, so thut sie doch einen
wunderlichen Physikalischen Effect: Man hat zwar vor diesem viel vom
stillen Pulver gesagt, es ist aber gedachtes Pulver still geblieben,
und nie vor den Tag kommen, so viel mir allzeit wissend, und so fleißig
ich nach demselben gefraget. Dieses Dousons Rohr aber hat gantz eine
andere Bewandtniß, denn er nimmt gemein Pulver und gemein Bley in der
ordinari-Ladung und thut weiter nichts darzu, schießet so stark als
ordinari, und wird doch kein Knall gehöret, und bestehet die Kunst
allein in dem Rohr, dessen Structur den Knall supprimirt. Ich habe
zwar selbst den Effect dieses Rohres nicht gesehen, aber Se. Hoheit,
der Prinz Ruprecht haben mir etliche mahl gesagt, daß sie dergleichen
Rohr haben, und die Probe darmit gethan, wie es mir dann auch Douson
selbsten bekräfftiget.“
Becher lebte in den letzten Jahren seines Lebens in England. Auch
Ruprecht von der Pfalz hielt sich von 1673 bis zu seinem Tode in
Windsor auf. Ruprechts physikalische und mathematische Sammlungen sind
zum Teil heute noch in England erhalten. Es wäre also nicht unmöglich,
daß ein in seinem Besitz gewesenes Rohr, „dessen Structur den Knall
supprimirt“, sich noch jetzt in England vorfände.
Der von Becher genannte „Douson“ hieß richtig d’Esson. Er war 1604 zu
Reims geboren und machte sich als Kupferstecher und Mechaniker einen
Namen. Er wird bei allerlei Erfindungen damaliger Zeit genannt, doch
ist sein Name meist verstümmelt, z. B. als: du Son, Tousson, Deson,
Lisson, d’Egmond, d’Aigmond usw.
135.
Petroleum als Waffe.
Das heute im Lande so begehrte Petroleum ist nicht von Amerika
aus bei uns bekannt geworden, sondern schon das Altertum kannte
Erdölquellen und verwendete deren Produkt als Waffe. Der bedeutendste
Kriegsschriftsteller des römischen Kaisertums, Flavius Vegetius, der um
die Völkerwanderungen schrieb, berichtet nämlich, daß man in besonders
konstruierten Brandpfeilen Harz, Schwefel, Erdpech oder Erdöl brennend
eingoß und so gegen den Feind schoß. Die Brandpfeile trugen hinter
der Spitze eine spindelförmige, durchlöcherte Hülse, die mit Werg
vollgestopft und mit den erwähnten brennbaren Stoffen getränkt war. Ein
solcher Feuerpfeil durfte aber nur von einem mäßig gespannten Bogen
abgeschossen werden. Er hatte also keine große Kraft und reichte nicht
weit. Auch wußte der Feind, daß man diese Feuerpfeile durch Aufwerfen
von Erde ersticken könne.
Man trachtete deshalb früh nach der Erfindung von Feuerwerkssätzen,
die nicht leicht ausgelöscht werden könnten. Als eine der ersten
Errungenschaften der Kriegsfeuerwerkerei ist wohl allen aus dem
Geschichtsunterricht noch das sogenannte griechische Feuer in
Erinnerung. Richtig heißt es „Byzantinisches Kriegsfeuer“, denn es
wurde unter den byzantinischen Kaisern erfunden, und dieser Zeit galt
das Wort Grieche als ein schlimmes Schimpfwort. In diesem Kriegsfeuer
war nur das Erdöl enthalten; sicherlich, weil es schon bei etwa 40
Grad sehr leicht entzündliche und in Vermischung mit Luft explosive
Dämpfe entwickelt. Die Erfindung des byzantinischen Feuers wird
auf Kallinikos, einen Kriegsbaumeister aus Heliopolis in Syrien,
zurückgeführt. Das Erfindungsjahr soll das Jahr 671 sein. Schon 678
zerstörten die Byzantiner mit diesem Feuer eine Belagerungsflotte
der Araber vor Kyzikos. Im Jahre 716 wurde die Hauptstadt Byzanz
zum ersten Male durch griechisches Feuer verteidigt. Den größten
Triumph erlangte die Erfindung im Jahre 941, als Kaiser Konstantinos
VII. mit seiner aus 15 Fahrzeugen bestehenden Flotte durch
griechisches Feuer die aus mehr als 1000 Schiffen bestehende Flotte der
Russen vor Byzanz vertrieb und zum Teil zerstörte. Der Kaiser erkannte
die Wichtigkeit dieser Erfindung, und sagte deshalb in seinen Schriften
über die Staatsverwaltung darüber: „Ein Engel, das sage jedem, der
dich darüber fragt, ein Engel brachte diese Wundergabe dem ersten
christlichen Kaiser Konstantin, und trug ihm auf, dies flüssige Feuer,
das aus Röhren Verderben auf die Feinde speit, einzig für die Christen
und nur in der christlichen Kaiserstadt Konstantinopel zu bereiten.
Niemand, so wollte es der große Kaiser, sollte dessen Zubereitung
kennen lernen; kein anderes Volk, wer es immer sei.... Deshalb ließ
er selber im Hause des Herrn eine Tafel aufhängen, auf der mit großen
Buchstaben eingegraben stand, daß, wer dieses wichtige Geheimnis einem
fremden Volke verrate, als ehrlos und des christlichen Namens für
verlustig erklärt wurde; ihn, den niederträchtigen Verräter, treffe
die härteste und grausamste Strafe.... Als dennoch ein Großer des
Reichs dies Geheimnis verriet, traf ihn die Strafe des Himmels: eine
Flamme kam, als er in das Gotteshaus eintrat, vom Himmel herab, ergriff
ihn und enthob ihn den Blicken der von großem Schrecken ergriffenen
Sterblichen.“
Der Kaiser umgab also die Erfindung absichtlich mit einem großen
Geheimnis und führte ihre Entstehung sogar auf Kaiser Konstantin den
Großen zurück. Erst vor wenigen Jahren hat v. Romocki in seiner
Geschichte der Explosivstoffe (1895, Bd. 1) auf Grund sehr schwieriger
Textuntersuchungen festgestellt, was dieses griechische Feuer
eigentlich war. Er zeigte vor allem dabei, welch wichtige Rolle der
Zusatz von Erdöl bei der Wirkung dieses so gefürchteten Kriegsfeuers
spielt. Romocki konnte nämlich nachweisen, daß sich die Rezepte des
byzantinischen Feuers, allerdings in entstellter Form, in spätere
Schriften von Kriegstechnikern eingeschlichen hatten. Dort wird nun
berichtet, daß die aus Schwefel, Harz, Erdöl, Salz und gebranntem Kalk
bestehende Mischung aus Druckspritzen gegen den Feind geschleudert
wurde. Da sich gebrannter Kalk in feuchter Luft -- oder in einer
Seeschlacht bei Berührung mit dem Wasser -- bis auf 150 Grad erhitzt,
so mußte er in dem beigemischten Erdöl leicht entzündliche Dämpfe
entwickeln.
Brachte man eine größere Menge eines aus Erdöl und ungelöschtem Kalk
bestehenden Feuerwerkssatzes dadurch mit vielem Wasser in Berührung,
daß man das Gemisch von einem Schiffe aus durch Spritzen auf der
Wasseroberfläche sich ausbreiten ließ, so entzündete sich das Erdöl
nicht ruhig, sondern die starke Erhitzung des Kalkes rief aus dem Erdöl
eine plötzliche heftige Entwicklung von Dämpfen hervor, die, mit Luft
gemischt, stark explosiv wirkten. Natürlich konnte man ein solches
Gemisch auch an der Mündung der Druckspritzen bereits entzünden.
Die alten Kriegstechniker waren bei der Bereitung ihrer erdölhaltigen
Feuerwerke auch auf die Destillation des Petroleums gekommen, d. h.
sie verstanden es schon, die am leichtesten flüchtigen und wegen
ihres hohen Gehaltes an brennbarem Wasserstoff mit der höchsten
Wärmeentwicklung brennenden Teile des Erdöls auszuscheiden. Schon
in vorchristlicher Zeit kannte man die Harzdestillation und betrieb
sie besonders in der Stadt Kolophon. Deshalb nennt man noch heute
die bei der Verflüchtigung des Terpentinöls zurückbleibende Masse
„Kolophonium“. Wie einfach die Destillation vor sich ging, berichtet
uns Plinius der Ältere ums Jahr 65 n. Chr. (Buch 1, Kap. 7); man kocht
das Produkt und spannt währenddem über dem Kessel Felle aus. Diese
Felle, in deren Wolle sich die flüchtigen Teile verdichtet hatten,
wurden alsdann ausgedrückt. Das 4. Jahrhundert n. Chr. kannte aber
bereits Destillierapparate mit Vorlagen. In byzantinischer Zeit wird
dann verschiedentlich vom Destillieren des Petroleums gesprochen, wenn
Rezepte für unauslöschbare Feuersätze gegeben werden.
136.
Von Hufeisen, Sätteln, Steigbügeln und Sporen.
Das Pferd braucht, solange es in der Freiheit lebt, keine Hufeisen.
Wenn es aber Lasten ziehen, oder Menschen tragen muß, oder wenn es
gar auf steiniger Straße geht, nützen sich seine Hufe schnell ab. Im
Altertum schützte man deshalb die Pferdehufe durch untergebundene
Sohlen oder Schuhe aus Bast, Ginster, Filz oder Leder. Besonders
schwache Hufe schützte man in der Römerzeit durch eine eiserne Sohle,
die mit Riemen am Huf befestigt wurde.
Wann und wo die untergenagelten Hufeisen aufkamen, wissen wir
nicht genau. Diesseits der Alpen verwendeten die Römer bestimmt
untergenagelte Hufeisen für Pferde. Besonders auf der Saalburg, jenem
großen Römerkastell nahe Frankfurt a. M., fanden sich zahlreiche
Hufeisen aus der Römerzeit.
Erst seit dem 9. Jahrhundert begann man, die Kriegspferde allgemein zu
beschlagen.
Der Sattel wurde im Altertum zunächst nur bei größeren Tieren,
besonders bei Kamelen verwendet, um ihnen Lasten bequem aufladen zu
können. Erst in römischer Zeit sieht man einzelne Reitpferde von
Offizieren auf Grabdenkmälern gesattelt dargestellt. Seit dem 4.
Jahrhundert wird der Reitsattel für Krieger allgemein. Bis dahin saß
man auf einer dem Pferd übergeschnallten Decke.
Im Altertum bestieg man das Pferd entweder mit einem Sprung, oder mit
Hülfe eines an den Heerstraßen in gewissen Abständen aufgestellten
großen Steines. Die Soldaten hatten an den Schäften ihrer Lanzen eine
starke Lederschleife, in die sie mit dem einen Fuß hineinstiegen, um
sich bequemer auf das Pferd schwingen zu können. Erst im 6. Jahrhundert
kommt vereinzelt der Steigbügel vor. Es war aber stets an jedem Pferd
zunächst nur ein Bügel angebracht, da man ihn nur zum Aufsteigen, nicht
zum Festhalten beim Reiten gebrauchte.
Erst unter Kaiser Otto I., im 10. Jahrhundert, wurde die Benutzung von
zwei Steigbügeln allgemein gebräuchlich.
Sporen finden sich bei den Einwohnern von Mitteleuropa schon im 3.
Jahrhundert v. Chr. und zwar bestehen sie aus einem kurzen eisernen
Bügel, an dessen Mitte eine kleine Spitze sitzt. Man befestigt den
Bügel mittels Riemen am Fuß. Die Römer aber kannten bereits die
Rädchensporen. Sie bogen jedoch den Rädchenhalter so stark nach
auswärts, daß man auch bei einer schrägen Haltung des Fußes das Pferd
nicht zufällig mit dem Rädchen treffen konnte.
137.
Von nie gewesenen Pulvermühlen.
Man liest allgemein im Jahre 1340 habe Augsburg, 1344 Spandau und 1348
Liegnitz je eine Pulvermühle besessen. Schon nach Lage des damaligen
Büchsenmeister- und Feuerwerksberufs erschienen mir diese Angaben als
unwahrscheinlich. Was hätte man mit dem Quantum Schießpulver anfangen
wollen, das eine Mühle täglich zu produzieren imstande ist? Sicherlich
hat im 14. Jahrhundert der Handmörser in den meisten Fällen genügt, um
das von Fall zu Fall notwendige Schießpulver zu bereiten. Ich wandte
mich jedoch auch an die drei genannten Städte und erfuhr von dort, daß
nichts von Pulvermühlen in so früher Zeit bekannt sei.
Das Stadtarchiv in Augsburg schrieb: Es ist mir keine urkundliche
Nachricht bekannt, die auf ihre Anfrage Auskunft gäbe.
Spandau besitzt eine große handschriftliche Chronik von D. F. Schulze,
die von Oberpfarrer Recke neu bearbeitet wurde. Letzterer teilte mir
mit, daß irgend eine Angabe über Schießpulver oder Geschütze so früh in
der Chronik nicht enthalten sei. Die gedruckte Geschichte der Stadt von
Kuntzemüller sagt, daß die erste Pulvermühle dort 1578 angelegt sei.
Über die angebliche Pulvermühle in Liegnitz stellte das dortige
Rathäusliche Archiv auf meine Bitte eingehende Nachforschungen an.
Zunächst wurde festgestellt, daß in den Urkunden des Stadtarchivs bis
zum Ende des Mittelalters, in den Stadtbüchern auch bis zu diesem
Zeitpunkte und in den Schöppenbüchern bis zum Jahre 1424 keine
Nachricht über eine Pulvermühle zu finden sei. Die Petro-Paulinische
Kirchenchronik, eine Handschrift vom Ende des 17. Jahrhunderts, erwähnt
die erste Pulvermühle im Jahre 1624: „Anno 1624 d. 19. Juli geht die
Pulvermühle im Rauch auf: erstlich die Offizin, da bleibet Meister und
Junge; hernach die Stube, worinnen in die 16 Zentner Pulver gelegen,
mit erschrecklichem Krachen, Beben und Schaden der ganzen Stadt. Die
Meisterin springet in die Bach und wird salviret. Anno 1685, den 6.
Dezember, zwischen 7 und 8 Uhr des morgends (ist die neue Pulvermühle)
abermals in die Luft geflogen, darinnen damahls in der 40 Pfund
gewesen, und die Mühle stille gestanden, da gleich der Geselle darin
gewesen, so sehr beschädigt worden.“
Nach dem Vorstehenden muß man also die bisherige Annahme, es hätten
in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts zu Augsburg, Spandau und
Liegnitz Pulvermühlen bestanden, fallen lassen.
Die erste sichere Nachricht von der Bereitung des Schießpulvers
haben wir aus dem Jahre 1360 aus Lübeck. Dort verbrennt „durch die
Unvorsichtigkeit derer, die das Schießpulver für die Geschütze
bereiten“ das Rathaus.
138.
Zwei Erfinder der Gußstahlgeschütze.
Als Napoleon I. zur Besiegung seines Todfeindes England das
europäische Festland absperrte, war es nicht mehr möglich, den
in England damals in bester Qualität hergestellten Gußstahl, der
besonders zu Werkzeugen und Waffen verwendet wurde, zu erlangen.
Deshalb beschäftigten sich viele Techniker mit dem Geheimnis der
Gußstahlbereitung. Auch Kaufleute versprachen sich von der Herstellung
dieses wichtigen Materials große Vorteile. So der Essener Kaffeehändler
Friedrich Krupp. Der später berühmt gewordene Sohn von diesem, Alfred
Krupp, erklärte später: „Sagen Sie nur, daß mein Etablissement im Jahre
1810 infolge einer Preisaufgabe Napoleons I. gegründet wurde,
welcher den Fabrikanten von Gußstahl gleich dem englischen 1 Million
Franks verhieß.“ Da Essen damals zu Frankreich gehörte, hatte Krupp
Hoffnungen, die von der französischen Regierung ausgesetzten Preise auf
die Herstellung von Gußstahl und Stahldraht zu erringen. Als der Erfolg
aber erzielt war, war die Franzosenherrschaft in Essen längst zu Ende.
Alfred Krupp, der spätere Kanonenkönig, versuchte seit dem Jahre 1844,
Geschützrohre aus Gußstahl herzustellen. Da es nicht möglich war,
schwerere Blöcke als 300 Pfund zu gießen, machte die Verwendung zu
Geschützen Schwierigkeiten. Krupp mußte sich deshalb damit begnügen,
nur die Seele des Geschützes aus Gußstahl zu machen, während die
Ummantelung, der Boden und die Zapfen des Geschützes aus Gußeisen
bestanden.
Es ist nun auffallend, daß sich neben Krupp zu gleicher Zeit
in der Nachbarschaft eine andere Fabrik mit der Erfindung der
Gußstahlgeschütze beschäftigte. Es war die Firma Mayer & Kühne, jetzt
als Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahlfabrikation bekannt. Zu
Ende des Winters 1846 wandten Mayer & Kühne sich nach Berlin, um
dort ein Patent auf ihre Gußstahlgeschütze zu erhalten. Auch sie
wollten, vielmehr konnten, nur ein Kernrohr aus Gußstahl in eine
gußeiserne Ummantelung eingießen. Da sie ihr Patentgesuch nicht auf die
Konstruktion, sondern lediglich auf das Material gestützt hatten, wurde
ihnen das Patent in Berlin versagt.
Alfred Krupp reichte sein Patentgesuch in Berlin im Jahre 1847 ein.
Die noch erhaltene Originalzeichnung zu seinem Gußstahlgeschütz trägt
das Datum vom 31. Juli 1847. Krupp legte in seinem Patentgesuch den
Hauptwert auf die Verbindung des Kernrohres aus Gußstahl mit dem
Mantel aus Gußeisen. Und so wurde ihm denn das Gußstahlgeschütz am 27.
September 1849 für Preußen patentiert.
139.
Friedens-Glocken aus Kriegsmetall.
Solche Geschichten könnte ich aus alten Büchern gar noch viele
erzählen. Aber allerlei mahnt zum Schluß. Das Buch würde sonst zu dick,
zu schwer für die Feldpost, zu teuer und auch zu spät fertig. Also
Schluß.
Auch beim Bücherschreiben sind drei Dinge schwerer als die übrige ganze
Arbeit: 1. ein guter Titel, 2. ein verständiger Anfang und 3. ein
„schöner“ Schluß.
Sicherlich säße ich bei diesen drei Dingen kauend an meinem
Federhalter, wenn ich nicht alles auf der Schreibmaschine geschrieben
hätte und diese sich doch nur schwer anknabbern läßt.
Aber halt. Ein Schluß!
Von Glocken will ich erzählen. Von den Glocken aus alten Geschützen,
den herrlichen Verkündern eines langdauernden Friedens.
Ich hatte vor einigen Jahren eine genußreiche Nacht im Hause jenes
Glockengießers in Apolda, bei dem Schiller seine Studien zum „Lied
von der Glocke“ machte. Am Abend vor dem Guß wurden 50 bis 60 Zentner
alte bronzene Geschützrohre und Metallbarren in den großen Schmelzofen
gebracht, der im wesentlichen einem Backofen ähnelt. Nur die große
Tür des Ofens liegt etwas höher als bei einem Backofen; denn sonst
würde das schmelzende Metall zur Tür herauslaufen. An der linken Seite
hat der Ofen das nach der Gießgrube hinführende Ausflußloch für das
glühende Metall. An der rechten Seite ist ein hoher Schacht neben dem
Ofen aufgemauert. Der Schacht hat unten einen Rost, und die Flamme,
die hier durch ununterbrochenes Nachheizen von Fichtenholz erzeugt
wird, schlägt in den Schacht empor. Da aber der Schacht jedes Mal
wieder geschlossen wird, sobald ein Scheit Holz in das Feuer geworfen
wird, muß die gewaltige Flamme ihren Weg in den nebenstehenden Ofen
nehmen. Die viele Meter langen Stichflammen umzüngeln die im Ofen
aufgeschichteten Geschützrohre und Metallblöcke und entweichen an
der andern Seite des Ofens durch einen hohen Schornstein. Von sechs
nachmittags, bis über den nächsten Mittag hinaus, sitzt der Meister
dem Ofen gegenüber in einem Sessel. Die Flammengarbe preßt sich
andauernd in einem breiten Fächer zwischen Ofenwand und Ofentür hervor,
und sobald diese dunkelrot und stark qualmenden Feuerzungen nachlassen,
ertönt des Meisters Ruf: „Auf“. Dann öffnet ein Mann den Schieber des
Feuerschachtes und wirft Holz auf. Stunde um Stunde verrinnt, nur
unterbrochen von dem eintönigen Kommandoruf, von dessen richtiger
Abgabe doch so vieles abhängt. Denn wird zu wenig geheizt, dann würde
sich die Vorbereitung zum Guß endlos lange hinziehen; würde aber zu
stark geheizt, dann würde das Metall, und besonders das Zinn der
Legierung verbrennen und ein anderes Gemisch aus dem Ofen herauskommen,
als in den Ofen hineingeschickt wurde.
Auch muß der Meister das Kommando geben, um in großen Zwischenräumen
weiteres Metall in den Ofen zu bringen. Zu diesem Zweck werden kleine
Metallstücke vor der Ofentür aufgebaut, damit sie sich anwärmen. Dann
wird die Tür aufgezogen und Metall in die flüssige Glut hineingestoßen.
Gegen Ende der Schmelzzeit werden mit langen Eisenhaken die auf dem
glühenden Metall schwimmenden, fast schneeweiß anzusehenden Schlacken
abgezogen. Schiller erklärt uns in seinem „Lied von der Glocke“, man
tauchte ein Stäbchen ein, um die Güte des Metalls zu prüfen. Heute
wendet man dieses Verfahren nicht mehr an, sondern man achtet auf
das Verhalten des Metalls und der Schlacke. Wenn der „Brei“ noch
nicht gut ist, weicht die Schlackenmasse zurück, und der bloßgelegte
flüssige Metallspiegel im Ofen erscheint schwarz. Ist aber die
richtige Temperatur erreicht, dann sieht sich die Oberfläche der
glühenden Masse an wie ein glänzender Spiegel. Nach der Zeit kann
sich der Glockengießer nicht richten, denn manches Mal muß der Ofen
vier oder fünf Stunden länger oder kürzer brennen, bis die richtige
Temperatur erreicht ist. Vier Fuhren Fichtenholz und für etwa 56000
Mark Rohmaterial waren seit sechs Uhr abend in dem Ofen verschwunden.
16 Glocken standen in der Gießgrube dicht vor dem Ofen und 16 andere
Glocken in einer benachbarten Grube. Vom Abflußloch des Ofens aus waren
die einzelnen Glocken durch einen fausttiefen, aus Lehm geformten Kanal
miteinander verbunden. Damit aber das Metall nach und nach von Glocke
zu Glocke laufen mußte, waren die Kanäle vor jeder Glocke durch eine
senkrecht stehende Dachschindel verschlossen.
[Illustration: Rohmaterial zum Glockenguß. (Im Hintergrund
Glockenklöppel).]
Alle Mann, von der nur durch zeitweisen Schlaf unterbrochenen
dreißigstündigen Arbeitszeit ermüdet, warten auf das Kommando:
„Fertig“. Die Gesellen treten zwischen die Glockenformen und halten
dort die Gießöffnungen der dem Ofen am nächsten stehenden Glocken durch
eiserne Stangen verschlossen, damit das Metall nicht in mehrere Glocken
zugleich gelangen kann. Alle stehen in sichtlicher innerer Erregung
vor den letzten entscheidenden Augenblicken ihrer mehrwöchigen Arbeit.
„Hut ab“ ruft der Meister; alles entblößt den Kopf. „Und der Herr unser
Gott sei uns freundlich und fördere das Werk unserer Hände.“ So betet
Meister Schilling, während er eine lange Eisenstange mit riesigen, über
die ganzen Arme hinaufreichenden Handschuhen gegen die Öffnung des
Ofens hält. Noch einen Augenblick Stille; dann: „Achtung“ -- „Stoßt
auf“, mit einem gewaltigen Ruck hat der Meister den eisernen Zapfen
mittels der Eisenstange in das Innere des Ofens hineingestoßen. Die
flüssige Bronze fließt in einem nur zwei bis drei Finger dicken Strahl
ruhig aus dem Ofen und nimmt ihren Weg in die Öffnung der zunächst
stehenden Glockenform. Aus zwei „Pfeifen“ entweicht die im Innern der
Glockenform befindliche Luft. Ein klein wenig Dampf und ein gurgelnder
Ton ist alles, was man während der kurzen Dauer des Gusses äußerlich
an der Form wahrnehmen kann. Wenn sich die Form mit flüssigem Metall
gefüllt hat, wird die Glut in den beiden Pfeifen sichtbar und brodelt
wohl auch ein wenig aus ihnen heraus. In diesem Augenblick wird die
Schindel zerschlagen, die dem Glockenmetall den Zugang zur nächsten
Form sperrte. So werden nach und nach alle Formen mit Metall gefüllt.
Die 16 ersten Glocken zu gießen forderte etwa acht Minuten Zeit.
Dann wurde der noch glühende Ofen von neuem mit einigen Geschützen
und fertig abgewogenen Metallblöcken beschickt und zum Guß für die
übrigen 16 Glocken geheizt. Die in dem Mauerwerk aufgespeicherte Glut
beförderte das Schmelzen so sehr, daß dieser Guß schon nach wenigen
Stunden erfolgen konnte.
Nach zwei bis drei Stunden wird die Erde aus der Grube
herausgeschaufelt und die Glocke vom Kran emporgezogen. Das Reinigen
und Abfeilen und das Nacharbeiten der Inschriften und Verzierungen mit
dem Meißel vollendet die Glocke.
Meister Schilling hat während seiner langen Tätigkeit 6728 Glocken
gegossen. Nun wartet er auf den Frieden, der ihm wieder sein edles
Metall freigibt.
Quellen-Nachweis.
Der knappe Raum gestattet es nicht, zu jedem einzelnen Artikel die
benutzten Werke anzuführen. Es sei deshalb hier auf die Stellen
verwiesen, die in den meisten Fällen genügend Auskunft geben können:
F. M. Feldhaus. _Die Technik der Vorzeit, der geschichtlichen
Zeit und der Naturvölker_. Ein Handbuch für Archäologen und
Historiker, Museen und Sammler, Kunsthändler und Antiquare. Leipzig
1914. 1400 Spalten Text mit 873 Abbildungen.
F. M. Feldhaus. _Ruhmesblätter der Technik von den Urerfindungen
bis zur Gegenwart_. Leipzig 1910. 631 Seiten mit 231 Abbildungen.
F. M. Feldhaus. _Leonardo da Vinci, der Techniker und
Erfinder_. Jena 1913. 166 Seiten mit 9 Tafeln und 131
Abbildungen.
_Geschichtsblätter für Technik, Industrie und Gewerbe,
illustrierte Monatsschrift_. Herausgegeben von Graf v.
Klinckowstroem und F. M. Feldhaus. Berlin, seit 1914. Monatlich ein
Heft.