Oben: von oben gesehen. Unten: von der Seite gesehen.]

Um es bei seiner geheimnisvollen Annäherung dem überraschten Feind

möglichst gefährlich erscheinen zu lassen, sind ihm zwei Augen so

aufgemalt, daß es -- aus dem angegriffenen Schiff von oben her gesehen

-- wie der Kopf eines heranschwimmenden Ungeheuers aussieht.

Seinen Antrieb erhält dieser Torpedo durch zwei aus seinem Deckel

nach hinten hinausragenden Raketen. Ihre Brandsätze werden vor dem

Abfahren angezündet. Sie sind in ihrer Brenndauer so berechnet, daß der

Torpedo sein Ziel erreicht hat, ehe die Raketen ausgebrannt sind. Ihre

Endladung wird also, sobald sich die gefährliche Waffe mit ihrer Spitze

in die Holzwand des feindlichen Schiffes eingebohrt hat, die ganze

Pulvermasse im Torpedo entzünden, sodaß das getroffene Schiff durch die

gewaltige Explosion ein Leck bekommt.

Der Fontanasche Torpedo geht in seiner Konstruktion auf kleinere

Fahrzeuge zurück, die den Arabern schon ums Jahr 1258 bekannt waren.

In den späteren Jahrhunderten hört man nichts mehr vom selbstfahrenden

Torpedo. Man beschränkte sich darauf, den Torpedo entweder durch

schwimmende Mannschaft heimlich an den Feind zu bringen, oder ihn beim

Nahkampf mittels Stangen von Schiff zu Schiff zu lanzieren. Man hatte

nämlich erkannt, daß das Schießen unter Wasser keine einfache Sache ist.

Erst seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts beschäftigt man sich

mit Torpedokonstruktionen. Damals erhielt die Waffe auch den heutigen

Namen, und zwar nach dem „Torpedo“, einem Fisch, der aus besonderen

Organen gefährliche elektrische Schläge auszuteilen vermag.

41.

Wie sahen die ältesten Geschütze aus?

Über das Vorkommen und Aussehen der Schießpulverwaffen herrscht noch

in den weitesten Kreisen Unklarheit, sodaß es sich wohl lohnt, einmal

einen kurzen Überblick über die Geschichte des Schießpulvers, der

Gewehre und der Geschütze zu geben.

Höchstwahrscheinlich sind die Chinesen ums Jahr 1175 im Besitz einer

Mischung von Salpeter, Schwefel und Kohle gewesen, die sie als

_Spreng_-Mittel in eisernen Bomben verwendeten. Die Sprengwirkung

eines solchen Schießpulvers beschreibt in Europa im Jahre 1242 der

von der Kirche wegen seiner naturwissenschaftlichen Forschungen

später heftig verfolgte Roger Baco. Wenige Jahre hernach berichtet

ein Grieche, namens Marchos, über dieses sprengsame Schießpulver und

im Jahre 1265 macht der vielgelesene Albertus Magnus weitere Kreise

hierauf aufmerksam.

Wer dieses Schießpulver in seinem Mischungsverhältnis so verändert, daß

es in einem eisernen Rohr _treibend_ wirken konnte, ist gänzlich

unbekannt. Den Vater der bedeutsamsten Erfindung aller Zeiten kennen

wir nicht!

Wir wissen nur, daß zwischen 1325 und 1350 Schießpulver und Geschütze

in verschiedenen Urkunden erwähnt, bezw. primitiv abgebildet werden.

Die älteste Darstellung eines solchen Geschützes findet sich als

dekorative Zugabe in einer Randleiste eines in Oxford aufbewahrten

lateinischen Manuskriptes „Über das Amt der Könige“. Die Malerei

verrät, daß der Künstler ein Geschütz nur von Hörensagen kannte.

Auf einer viel zu schwach gezeichneten Holzbank liegt ein an der

Pulverkammer übertrieben verstärktes Rohr. Aus seiner Mündung schießt

ein Kugelpfeil gegen das Tor eines Turmes, weil ein hinter dem Geschütz

stehender Ritter im Augenblick ein glühendes Eisen an die kleine

Pulverpfanne hält.

Die Ungeschicklichkeit des Malers kann gerade uns heute nicht wundern.

Erleben wir es doch, daß niemand von uns etwas sicheres über die

neuen Waffen der Gegenwart weiß, obwohl wir mehrere Male am Tage

aus den Berichten unserer Zeitungen die erstaunlichsten Leistungen

dieser neuen Waffen erfahren. Wie anders erst vor 600 Jahren, wo die

Geheimniskrämerei, verbunden mit einer starken Dosis Aberglauben, und

unterstützt durch die langsame Berichterstattung, fast in jedem Beruf

zu finden ist. Im Beruf der Kriegstechniker ist das Geheimnis noch

Jahrhunderte lang möglichst in allen Dingen gepflegt worden. Ihre

Handschriften, deren wir trotz aller Kriegswirren vergangener Zeiten

noch einige hundert Stück besitzen, sind entweder ganz ohne Text,

oder in Geheimschrift, oder in einer unverständlichen, phantastischen

Sprache geschrieben, und immer wieder begegnet man, wenn der Verfasser

kaum begonnen hat, eine Neuerung zu erklären, den eiligen Schlußworten

„so fortfahrend kannst du dies machen, wenn du die Kunst kannst“.

Weil wir in der Technik überall zuerst das Grobe, und erst später als

Verbesserung das Feine finden, können wir annehmen, daß das schwere

Geschütz älter ist, als die Handfeuerwaffe. Die Urkunden bieten zwar

wenig Anhalt für diese Annahme, weil eine feststehende Bezeichnung

in keiner Sprache zu finden ist. Die Franzosen nennen ihre ersten

Geschütze Eisenköpfe, wir bezeichnen große und kleine Rohre zunächst

als Büchsen. Chronisten, die später ältere Urkunden abschrieben

oder übersetzten, haben viele Verwirrung angerichtet, weil sie nach

Gutdünken solch unklare Ausdrücke präzisierten. So entstanden denn

dort, wo höchstens eine Wurfmaschine oder ein Rohr zum Schleudern

einfacher Brandsätze erwähnt wird, willkürlich eine „Kanone“ oder

ein „Gewehr“. Das ist z. B. in vielen spanischen und orientalischen

Urkunden der Fall. Ebenso in einer Genter Urkunde von 1313 bezw. 1393

und einer Metzer Urkunde von 1324. Ließt man die Urtexte, so steht vom

Schießpulvergeschütz nicht das geringste darin.

Die ersten Geschütze wurden bald aus Eisen, bald aus Bronze

angefertigt. Sie hatten eine Rohrlänge von sechs Kalibern, d. h.

das Rohr war sechs Mal so lang als die dazu gehörige Kugel. Kugeln

waren bald aus Eisen, bald aus Stein gefertigt. Bemerkenswert bei

den ältesten Rohren ist die innere Konstruktion. Fast alle Rohre

haben nämlich, wenn man etwa bis zu ⅝ in ihre Rohrlänge eingedrungen

ist eine scharfe Verengung. Hinter diese Verengung schüttet man das

Schießpulver, dann trieb man einen Holzklotz in das Rohr, der sich

gegen die Verengung stemmen mußte und alsdann lud man die Kugel vor

den Holzklotz und befestigte sie durch kleine Holzteile. Zwischen dem

Schießpulver und dem Holzklotz blieb ein Luftraum, sodaß ein allzu

starkes Eintreiben des Klotzes das Schießpulver nicht zur Entzündung

bringen konnte. Zum Schießpulver führt eine Bohrung, die mit Pulver

gefüllt und mit dem glühenden Geschützhaken (Abb. Seite 39) erst später

mit der Lunte, entzündet wurde. Neben einem jeden Geschütz brannte ein

kleines Feuer, oder ein kleiner Ofen, um den eisernen Geschützhaken an

der Spitze glühend zu machen. Das Geschützrohr hatte keinerlei Zapfen.

Es wurde auf eine Balkenunterlage gelegt und dort stark verkeilt.

Infolgedessen hatte das Geschütz nur eine einzige Schußrichtung. Das

Laden und Abfeuern eines Geschützes nahm eine viertel bis eine volle

Stunde Zeit in Anspruch. Was wir heute als Geschützlafette bezeichnen,

ist uns aus dem ersten Jahrhundert der Geschütze so unbekannt, daß

noch keine Zeughausverwaltung bis heute für ihre ältesten Rohre

eine glaubwürdige Lafette konstruieren konnte. Noch zur Zeit Kaiser

Maximilians finden wir zu Anfang des 16. Jahrhunderts schwere

Geschützrohre in den einfachsten unbeweglichen Balkenbettungen liegen.

42.

Wie ich das älteste datierte Gewehr fand.

Die ältesten Gewehre waren sogenannte „Stangenbüchsen“, das heißt

einfache Schießrohre, die auf einer Stange von etwa anderthalb bis zwei

Meter Länge saßen. Man lud sie vorn mit Pulver, Pfropfen und Kugel, und

feuerte sie gegen den Feind ab, indem man einen glühenden Haken oder

eine brennende Lunte an die Pulverpfanne hielt. Die Pulverpfanne war

manchmal durch einen Deckel gegen Wind und Wetter geschützt.

Diese Gewehre waren also verkleinerte Kanonen auf Stangen, sodaß sie

sich bequem tragen ließen. Wann und wo die Handfeuerwaffen aufkamen,

weiß kein Mensch; um’s Jahr 1340 finden sie sich plötzlich an

verschiedenen Orten.

Das älteste mit einer Jahreszahl versehene Gewehr entdeckte ich vor

einigen Jahren auf sonderbare Weise im Museum für Völkerkunde in

Berlin. Es lag dort in einem Schrank der chinesischen Abteilung und war

als „Wallpistole“ bezeichnet. Das aus Bronze gegossene Rohr mißt 35 cm

in der Länge und trägt in chinesischen Zeichen die Aufschrift „Kaiser

Yunglo, im 19. Jahr, 7. Monat“. Außerdem sind noch Inventarnummern

auf dem Rohr zu lesen. Das 19. Jahr der Regierung jenes chinesischen

Kaisers war unser Jahr 1421.

[Illustration: Das älteste datierte Gewehr, 1421.]

Als ich mir diese chinesische Inschrift hatte erklären lassen, war

ich nicht wenig erstaunt, eine Wallpistole in der Hand zu halten, die

120 Jahre älter sein mußte, als die früheste Nachricht von Pistolen

überhaupt. Gewiß, die Form der Waffe sprach für eine Pistole: in der

Mitte den wulstigen Teil mit einer länglichen Zündpfanne, die ehemals

durch einen Deckel geschlossen werden konnte, als Handgriff der lange

Schaft, und als Pistolenrohr der kurze Teil. Betrachten wir unsere

Abbildung, so wäre der Handgriff nach oben hin, das Pistolenrohr nach

unten hin gerichtet (der im Pistolenrohr versteckte Holzschaft fehlte).

Als ich diesen seltenen Fund zweifelnd in der Hand hielt, kam mir der

erleuchtende Gedanke zur rechten Zeit: blase in den Lauf hinein, dann

kommt die Luft zum Zündloch hinaus. Schlau, nicht wahr?

Und ich blies. Es kam aber keine Luft.

Und ich blies schließlich in den langen, wohl zur Gewichtserleichterung

hohl gegossenen Handgriff der Pistole, da zischte die Luft zum

Zündloch hinein. Zunächst allgemeines Staunen. Dann lieh ich mir einen

Besenstiel, steckte die angebliche Wallpistole mit ihrem kurzen „Lauf“

darauf auf und konnte so den erstaunten Sinologen die Verwendung ihrer

Waffe klar machen. Es ist gar keine Wallpistole, sondern die älteste

bisher bekannt gewordene, datierte Stangenbüchse, zugleich das älteste

datierte Gewehr überhaupt. Aus unserer Abbildung erkennen wir, wie das

Bronzerohr auf dem Holzschaft steckt. Bei näherer Untersuchung fanden

sich in der unteren, kurzen Bohrung noch die Reste eiserner Stifte, die

Rohr und Holzschaft ehemals zusammenhielten.

43.

Ein Nitro-Sprengstoff im Mittelalter.

In den beiden deutschen Reichspatenten Nr. 12122 und 39511 aus

den Jahren 1880 und 1886 werden Verfahren zur Herstellung eines

Explosivstoffes angegeben, wie sie schon 4½ Jahrhunderte vorher bei

den deutschen Kriegsfeuerwerkern bekannt waren. Es handelt sich um

einen wirksamen Sprengstoff, wie wir ihn jetzt im Dynamit verwenden.

Wer diesen Sprengstoff im Mittelalter erfand, wissen wir nicht.

Vielleicht war es ein Büchsenmeister namens Abraham, der im Jahre 1422

zu Herzog IV. von Österreich in den Dienst trat. Das alte Rezept

ist in dem sogenannten „Feuerwerksbuch“ jener Zeit niedergeschrieben.

Dieses Buch war damals einem jeden Artilleristen bekannt.

Es ist überaus auffallend, daß die Vorschrift zur Herstellung dieser

mittelalterlichen Dynamitart sogar wortgetreu in andere Werke überging,

daß aber niemand soviel Einsicht hatte, um die ungeheure Wirkung

dieses Nitrosprengstoffes zu erkennen. Wäre die Erfindung damals, als

selbst die Schießpulverbereitung noch in primitivster Form betrieben

wurde, verfolgt worden, dann hätten sich daraus für die Menschheit

Umwälzungen ergeben müssen, denen gegenüber die Umwälzungen, die uns

das Schießpulver brachte, verschwindend klein erscheinen müssen.

So aber ruhte dieses gewaltige Rezept, verborgen in alten

Handschriften, bis auf unsere Tage.

Erst Sobrero entdeckte 1846 ein ähnliches Produkt, das Nitroglyzerin.

Zwanzig Jahre nachher tränkte Alfred Nobel Infusorienerde mit diesem

Sprengstoff und erhielt somit das Dynamit.

44.

„Schnellfahrende“ Kriegsboote.

In fast allen kriegstechnischen Handschriften des Mittelalters werden

Schiffe beschrieben, die durch einen geheimen Mechanismus betrieben

werden. Sie sind durch Bohlen völlig überdeckt, sodaß der Feind den

Mechanismus nicht erkennen, und durch Schüsse beschädigen kann. Unsere

Malerei zeigt ein solches Boot nach einer Handschrift im Besitz

des Fürsten von Fürstenberg. Sie ist etwa ums Jahr 1425 entstanden.

Wahrscheinlich sind diese Boote aber schon tausend Jahre älter. Der

Maler hat hier die Bohlen weggelassen, um den Mechanismus des Antriebs

zu zeigen. Die Perspektive ist schlecht geraten. So steckt z. B. die

Antriebsachse diagonal in dem Balkengerüst, und der Fahrer müßte sich

gründlich verrenken, wollte er die Kurbel von seinem Sitz aus drehen.

Solche zeichnerischen Fehler kommen aber im Mittelalter ganz allgemein

vor.

[Illustration: Kriegsboot mit Schaufelrad-Antrieb, um 1425.]

In einer in Weimar aufbewahrten Ingenieurhandschrift wird das folgende

Schiff abgebildet, das auf stillen Wassern gehen sollte. Wir erkennen

die Schießscharten und sehen auch vorn ein drohendes Geschützrohr

herausragen. Der Text sagt: „Dies ist ein Schiff, das geht auf

stillem Wasser und hat vier Fittichräder, und da gehören vier Mann

zu, die sie drehen, zwei hinten, zwei vorn. Und es mag wohl zwanzig

Gewappnete tragen, außer den vier Mann, die das Schiff treiben. Und

die Fittiche gehen in dem Wasser um und inwendig hat jeder Fittich

eine Kurbel, die man umdreht. So mag man fahren auf dem Wasser auf und

abwärts. Und das Schiff ist verdeckt und heißt ein Streitschiff, und

damit sind die Katalonier allen andern Schiffen überlegen.“

[Illustration: Kriegsboot der Katalonier. Zeichnung von etwa 1430.]

45.

Ein Papst als Erfinder.

In den Zeitschriften mittelalterlicher Kriegsingenieure begegnet uns

immer die Konstruktion der Mühle; denn die Verpflegung der Truppe mußte

bei den schlechten Wegeverhältnissen des Mittelalters, die so schlecht

waren, daß wir uns heute vielleicht nur in Polen wieder einen Begriff

davon machen konnten, meist vom Halm aus erfolgen. Überall mußte der

Reibstein oder die Mühle zur Zerkleinerung der Halmfrüchte mitgeführt

werden. Je größer aber die Heermassen wurden, um so schwieriger war die

Brotbereitung auf kleinen Mühlen. Die Mühlen des Feindes fand man stets

zerstört. Zum Bau von Wasser- und Windmühlen fehlte die Zeit; denn die

Herstellung von Zahnrädern, Achsen usw. erforderte große Vorbereitung.

Nach einer Handschrift aus der Zeit der Hussitenkriege kam der Papst

auf den Gedanken, eine einfache Mühle mit einem Wasserrad zu verbinden.

Alle Zahnräder und Getriebe fallen weg, wenn man das Wasserrad und

den Läuferstein auf dieselbe Achse setzt. Man leitet das Bachwasser

dann seitwärts auf die Schaufeln des Rades und läßt es durch Stoßkraft

wirken.

[Illustration: Mühle mit Turbine gekuppelt, um 1430.]

Wer dieser Papst sein mag, konnte ich trotz weitgehender

Nachforschungen nicht feststellen. Dieser Erfinder auf dem Stuhl Petri

in Rom wies uns den Weg zur Konstruktion der wirksamen Turbinenräder,

durch die wir heute, besonders in Gebirgsgegenden Millionen von

Pferdekräften für die Industrie nutzbar machen.

46.

Ein Taucheranzug aus dem Jahr 1430.

[Illustration: Taucheranzug, um 1430.]

In der gleichen Handschrift der Zeit der Hussitenkriege sehen wir hier

einen Taucher auf dem Meeresgrund dargestellt. Seine Ausrüstung ist so

vollständig, daß wir uns über das hohe Alter dieser Malerei nicht genug

verwundern können. Der Mann trägt einen Anzug aus Leder, Schuhe mit

Bleisohlen und einen großen, kugelförmigen Taucherhelm. Vor den Augen

sitzen große Gläser. Um die Lenden schlingt sich ein Strick, an dem der

Taucher hinabgelassen und hinaufgezogen wird. Ein Luftschlauch geht

bis über den Spiegel des Wassers. Seine Mündung schwimmt dort, von

Korkkugeln getragen. So ausgerüstet kann der Taucher versunkene Ballen

und Fässer an besondere Seile befestigen, damit sie emporgezogen werden.

Wie so manche Aufzeichnung in den Handschriften mittelalterlicher

Ingenieure, sind auch Zeichnungen von Taucheranzügen Jahrhunderte

lang nur denen bekannt geworden, die sich beruflich mit dem Inhalt

kriegstechnischer Werke zu beschäftigen hatten.

47.

„Jäger zu Pferde“ im 15. Jahrhundert.

Die neu geschaffene und alsbald neu vermehrte Reitertruppe der „Jäger

zu Pferde“ hat im Mittelalter ihren Vorläufer in dem „~eques

scoppetarius~“ gehabt, den wir ums Jahr 1450 in verschiedenen

Handschriften des Ingenieurs Mariano dargestellt finden.

[Illustration: Reiter mit Feuerrohr, Zeichnung um 1450.]

Roß und Reiter sind schwer gepanzert. Der Reiter trägt eine

langgeschäftete Hakenbüchse von großem Kaliber als Waffe. Beim

Schuß legt er den Haken in eine Gabel, deren unteres Ende am Sattel

befestigt ist. Den Schaft der Waffe stützt er gegen den Brustpanzer.

Das Gewehr wird mit der linken Hand gerichtet, während die rechte die

brennende Lunte bereit hält. Die Munition trägt der Reiter in einem

besonderen Sack, der hinter den Sattel gelegt wird. Aus dem Text ist

zu entnehmen, daß diese Jäger zu Pferde -- wörtlich Stutzbüchsenreiter

-- noch ihr Schwert zum Angriff oder zur Verteidigung gebrauchen, wenn

ihnen in der Schlacht das Pulver oder die Kugeln ausgehen. „Die Jäger

zu Pferde sind geeignet zum ersten Angriff auf den Feind, auch erregen

sie großen Schrecken und Pein und sind die Ursachen für den Sieg.“

48.

Granatierer -- Grenadiere.

[Illustration: Granatenwerfer, Holzschnitt von 1561.]

Handgranaten waren bereits im 15. Jahrhundert, wie eine im Hofmuseum

zu Wien befindliche Handschrift berichtet, den deutschen Heeren

bekannt. Sie bestanden aus zwei hölzernen Halbkugeln, die mit Pulver

und „Schifferstein“ angefüllt waren. Irdene Handgranaten beschrieb

1559 der berühmte Kriegstechniker Reinhard v. Solms, und zwei Jahre

später zeigte Brechtel in einem Holzschnitt, wie man die Granaten mit

der Hand werfen mußte. Daß die Sprödigkeit der Granatenhülle für die

Wirkung der Handgeschosse von besonderem Werte sei, berichtet zuerst

Boillot im Jahre 1598; er wußte allerdings kein anderes Material als

sprödes Glockenmetall zu empfehlen. Ums Jahr 1600 bildete Sebastian

Hälle Handgranaten mit Fallzündern ab. Graf Johann v. Nassau beschrieb

im Jahre 1610 die Herstellung der Handgranaten zum ersten Male

eingehend. Er erzählt, daß die am meisten angewandte Art die Größe

eines Granatapfels habe, und daß man deshalb den Geschossen ihren Namen

gegeben habe. Das Gewicht seiner Handgranaten schwankte zwischen 1,5

und 3 Pfund. Als Material kamen bei ihm Eisen, Bronze oder Glas zur

Verwendung. Vor dem Wurf wurde die Brandröhre entzündet und krepierte,

wenn der Zündsatz verbrannt war. Eine zweite Art, die Johann v.

Nassau beschrieb, entzündete sich beim Aufschlagen auf die Erde. Die

Granatenwerfer, ehemals „Granatierer“ genannt, waren meist freiwillige

Musketiere. Sie trugen im Tornister zehn Handgranaten und eine Lunte.

Als Waffe trugen sie eine Pistole. „Oft werden die Granatierer von

ihren eigenen Granaten gesprengt, und an diesem gemeinen Unheil

und miserablen Verstümmelungen der Menschen“ seien meistens die

Feuerwerker schuld, so berichtet Michael Mieth, einer der bedeutendsten

Artilleristen des 17. Jahrhunderts. Mieth war wohl der erste, der das

Werfen der Handgranaten aus kleinen, tragbaren Mörsern empfahl. Am 22.

Oktober 1711 zeigte der berühmte Mechaniker Gärtner aus Dresden Peter

dem Großen auf der Durchreise nach Karlsbad einen Granatenwerfer, der

auf eine Entfernung von 1300 Schritt Granaten schleuderte. Der Vorteil

dieser Maschine war der, daß man sie „als eine Flinte“ auf der Schulter

tragen konnte. In Preußen schieden die letzten Handgranaten 1885 aus;

der russisch-japanische Krieg brachte der alten Waffe wieder neue

Anerkennung.

49.

Die „Maus“.

Wer heute eine Maschine konstruieren will, muß die vielen Einzelteile

genau kennen, deren man sich zur Erreichung eines gewissen Zweckes zu

bedienen vermag. Da gibt es Nieten, Schrauben, Keilarten, Hebel, Lager,

Gestänge und eine Unzahl von eigentümlichen Bewegungsmechanismen.

Es ist höchst erstaunlich, daß manche dieser Einzelheiten in gewissen

Zeitabständen wieder als Neuheiten aufgetaucht sind. Die Kurbel ist

doch wahrlich eine Erfindung, die ein Alter von Jahrtausenden hat und

doch wurde sie zur Dampfmaschine im Jahre 1780 neu erfunden und sogar

patentiert. Infolgedessen konnte der berühmte James Watt sie damals zu

seiner Dampfmaschine nicht verwenden!

[Illustration: Minierende Maus, Malerei um 1450.]

Ich freue mich nun immer, wenn es mir gelingt, bei den pfiffigen

Ingenieuren des Mittelalters Maschinenteile zu finden, die erst nach

Jahrhunderten in der Technik öffentlich vorkommen. Das schönste

Beispiel für das Alter mancher Maschinenteile ist die hier abgebildete

„Maus“. Diese Maschine soll gleich einer Maus ein Loch unter der

Stadtmauer hindurchgraben. Ich stelle mir den wohl mit Eisenplatten

beschlagenen Kasten recht groß vor. Der Erfinder dachte sich wohl

diese Maschine in einen Minengang zu bringen und ihn dort vorwärts zu

schieben. Wenn die hinten sichtbare Kurbel gedreht wird, setzt sich

eine in dem Kasten liegende Förderschnecke in Bewegung, um das Erdreich

nach hinten zu schaffen, das von den Messern gelöst wird, die an den

Achsen der Laufräder sitzen.

Ich halte die Ingenieure des Mittelalters nicht für so blöd, daß sie

diese Maschine genau so gebaut haben, wie die Zeichnung es angibt. In

allen ihren Handschriften versuchen sie ihre Geheimnisse zu bewahren.

Nur der Mann vom Fach sollte ihre Aufschriften verstehen. So wohl auch

hier. Hier soll es doch nur darauf ankommen, zu zeigen, wie man beim

Untergraben der Mauer die Erde mit Hülfe einer Förderschnecke rückwärts

schaffen kann, und wie man mit walzenförmig gestellten Messern die Erde

wegzuschneiden vermag. Die Ausführung müßte eine wesentlich andere

sein. Dieser anscheinend närrische Gedanke birgt die Konstruktion der

ums Jahr 1800 aufgekommenen, heute als Transportvorrichtung überaus

wichtigen „Schnecke“ und ebenso die Idee des rotierenden Spiralmessers,

das erst seit dem Jahre 1812 an Tuchschermaschinen aufkam.

50.

Ein Unterseeboot im Jahre 1460?

Die Königliche Bibliothek in Dresden besitzt eine sehr schön gemalte

Handschrift des Ingenieurs Valturio aus der Zeit von 1460. Im Jahre

1472 erschien der Inhalt dieser Handschrift als erstes technisches

Buch im Druck.

[Illustration: Unterseeboot? Malerei von etwa 1460.]

Sowohl in der Handschrift als auch in den Druckausgaben findet man ein

ringsum geschlossenes Boot in zwei Ansichten dargestellt. In der oberen

Darstellung sind die beiden Spitzen des Bootes abgenommen. Es soll also

wohl gezeigt werden, auf welche Weise man das Boot zu besteigen hat.

In der unteren Darstellung ist das Boot ganz geschlossen. Außen an dem

Fahrzeug erkennt man kleine Schaufelräder. Auf ihren Achsen sitzen

Kurbeln, um die Räder zu drehen. Der Zeichner hat sich die Darstellung

wieder einmal recht bequem gemacht, indem er auch die Kurbeln so

zeichnet, als ob sie außen säßen. In Wirklichkeit müssen die Achsen

natürlich in das Innere des Bootes führen, damit die Insassen von dort

aus die Schaufelräder in Bewegung setzen können.

Dieses sonderbare Boot wird allgemein für das erste Tauchboot gehalten.

Mir sind in dieser Beziehung neuerdings Bedenken aufgestiegen und

ich möchte die Zeichnung nur auf ein Boot beziehen, das teilweise

unter Wasser geht. Es soll dann soweit eintauchen, daß die Achsen der

Schaufelräder noch ein wenig über dem Wasser liegen.

Das erste Tauchboot, von dem wir sichere Nachricht haben, wurde im

Jahre 1623 auf der Themse versucht. 1663 versuchte man ein solches

Fahrzeug in Rotterdamm und 1692 ein ähnliches in Deutschland auf der

Fulda. Seitdem haben sich viele Erfinder mit der Konstruktion von

Unterseebooten beschäftigt.

51.

Alte Kriegsautomobile.

Der genannte Valturio zeigt uns auch zum ersten Male, wie man sich

einen _Kriegs_kraftwagen bauen kann.

[Illustration: Gedecktes Automobil mit Schießscharten für Gewehr und

Geschütz, Malerei von 1558.]

Bereits im Jahre 1257 sagt der Gelehrte Roger Baco, „es können Wagen

hergestellt werden, die von keinem Tier gezogen werden und mit

unglaublicher Gewalt daherfahren.“ Der Ingenieur Fontana, dessen

Teufelslaterne und Torpedo wir schon kennen lernten, zeichnete im

Jahre 1420 einen Kraftwagen, der mittelst eines Seilantriebes von dem

bewegt wurde, der darin fahren wollte. Im Jahre 1421 führte man bei der

Belagerung von Zateo an der Eger einen Sturmschild vor, der von den

darunter stehenden hundert Mann mittelst eines besonderen Mechanismus

fortbewegt wurde. Die Memminger Chronik berichtet, daß am 2. Januar

1447 ein Wagen ankam, der „ohn Roß, Rindter und Leutt“ fuhr. Er wurde

von dem Meister bewegt, der in dem Wagen saß. Auf welche Weise dies

geschah, habe ich nicht sehen können, weil der Wagen „wol verdeckht“

gewesen sei. Und die Chronik von Pirna weiß zu erzählen, daß im Jahre

1504 ein Wagen „mit rädern und schraubengezeug“ von seinem Erfinder

nach Dresden gefahren werden sollte. Die Straße war aber zu schlecht,

sodaß der Meister wieder umkehren mußte. Ähnliche Nachrichten finden

sich später noch häufig.

[Illustration: Durch Windräder getriebener Kriegswagen, Holzschnitt von

1472.]

[Illustration: Durch Segel getriebener Kriegswagen des Prinzen Moritz

von Nassau-Oranien, 1599.]

Valturio will zum erstenmal eine Naturkraft, den Wind, zur Fortbewegung

des Wagens verwenden, und er hofft ihn so für den Krieg brauchbar

zu gestalten. Bei Betrachtung des Bildes müssen wir uns an die

ungewöhnliche, im Mittelalter sehr beliebte Darstellungsart, einen

Gegenstand von mehreren Seiten zugleich zu zeigen, gewöhnen. Wir sehen

nämlich den Wagen nicht nur von vorn, sondern auch von beiden Seiten.

Das Wagengestell ist sehr hoch und es soll mit starken Bohlen gegen

feindliche Geschosse verschalt werden. Die vier Laufräder weisen

zwischen den Laufkränzen Zahntriebe auf, in die große Zahnräder

eingreifen. Diese Räder werden durch kleine Zahngetriebe bewegt, an

denen je ein Windrad sitzt. In der Zeichnung sind die Räder viel zu

klein geraten. Wie der Wagen gelenkt werden soll, ist nicht gezeigt.

Als diese Abbildung wenige Jahre nach ihrer ersten Veröffentlichung in

einem deutschen Buch erschien, verstand man sie so wenig, daß man das

ganze Bild auf dem Kopf stehend abdruckte.

Zur praktischen Verwendung kamen die durch Windkraft bewegten Wagen

im 16. Jahrhundert. Besonders gerühmt wird das Fahrzeug, in dem Prinz

Moritz von Nassau-Oranien -- bekanntlich einer der Ahnen des deutschen

Kaisers -- nach der Schlacht von Nieuport (2. Juli 1600) mit dem

gefangenen Admiral Don Francisco de Mendoza „an den holländischen

Ufern, wo es eben war, zur ~recreation~ angefahren“. Es gibt von

diesem Wagen verschiedene Darstellungen, die einen flach gebauten,

langen Wagen zeigen, der von zwei großen Segeln fortbewegt wird. Es

erschien damals aber auch ein prächtiger Kupferstich, der den Wagen in

übertriebener Form zeigt. Ich bilde ihn hier nach einer Photographie

ab und verweise auf die Geschützrohre und auf den Mann unter dem

Großsegel, der das Herannahen des Wagens durch Hornsignale ankündigt.

52.

Brief-Schießen.

Wäre ich nicht in Neuß auf die Welt gekommen, so hätte ich seine

Chronik wohl nie gelesen, und könnte nicht von der sonderbaren

Begebenheit erzählen, die sich zutrug, als diese Stadt, die am

Niederrhein bei Düsseldorf liegt, im Jahre 1475 von Karl dem Kühnen

und dem Bischof von Köln belagert wurde. Die Stadt war eng vom Feinde

umschlossen, und so der Besatzung und den Einwohnern jede Verbindung

nach außen hin abgeschnitten. Die Kölner Bürger waren mit ihrem

Bischof nicht einig, und sie beschlossen denn den Neußern Schießpulver

und Lebensmittel zuzuführen. Doch ihre Versuche scheiterten an der

Wachsamkeit der Belagerer. So verfielen sie denn auf eine List.

Sie schossen am 21. April 1475 drei Kanonenkugeln, in denen Briefe

enthalten waren in die Stadt Neuß hinein. Die Neußer, zunächst bestürzt

über die Beschießung, schöpften aus der Hülfe, die die Kölner ihnen in

ihrer Kugelpost versprachen, neue Hoffnung. Einen ganzen Monat lang

ging diese Kugelpost zwischen Neuß und dem Lager der Kölner Bürger über

die Köpfe der Belagerer hinweg. Bald schossen die Neußer einen Brief,

bald antworteten die Kölner auf gleiche Weise. Das Stadtarchiv in Köln

besitzt noch heute die aus Neuß herausgeschossenen Originalbriefe. Die

Neußer Chronik berichtet über diese sonderbare Postverbindung in einem

Kapitel „wie uyssz (aus) dem coelschen heir (Heer) troestlich brieve

binnen Nuyß geschossen wurden“.

Die Erfindung der Kölner besingt der Neußer Chronist:

Köln! Dich mag Gott bewahren!

In Dir sind viele wohl erfahren

Und tapfere Mannen eingesessen,

Und Weisheit groß und ungemessen.

Alwo die Kunst man hat erfunden,

Des Briefe-Schießens zu diesen Stunden

Ich will glauben, das dergleich

Nicht mehr gesehen ist auf Erdenreich!

Im Jahre 1789 machte jemand der Pariser Regierung den Vorschlag, eine

schnelle Verbindung der Armeen der Republik mit Paris auf folgende

Weise zustande zu bringen. Es sollten in Schußweite um die Hauptstadt

nach allen Richtungen hin besondere Stationen für die Kugelpost erbaut

werden. Die von Paris abgeschossenen Kugeln sollten hohl und ihre

Hälften durch Scharniere verbunden sein. Die zu befördernde Nachricht

hätte in der hohlen Kugel Platz gefunden. Die Geschütze dieser Post

wären fest eingemauert, sodaß die Schußrichtung bei gutem Wetter

stets gegeben wäre. Die Kugeln würden auf den Stationen in einem

besonderen Kugelfang aufgelesen, sogleich wieder in das Geschütz der

Station geladen und zur nächsten Station abgeschossen. Auf diese Weise

wäre eine schnelle Beförderung von Nachrichten durch ganz Frankreich

möglich. Der Erfinder dieser Kanonenpost ging sogar soweit, daß er

einen ausführlichen Plan der notwendigen Gebäude zeichnete und diesen

seinem Manuskript beilegte. Das Manuskript befindet sich jetzt in

Besitz des Grafen von Klinckowstroem in München.

Im Jahre 1831 schlug Ingenieur Alexander Gordon der englischen

Militärverwaltung vor, lange hohle Geschosse zur Beförderung von

Depeschen und Briefen auf drei Meilen Entfernung zu verwenden.

53.

Geschützbespannung von hinten.

In einer in Heidelberg aufbewahrten, von Philip Mönch verfaßten

Bilderhandschrift des Jahres 1496 fand ich eine Malerei, die ich

hier in Umrissen wiedergebe. Es wird gezeigt wie man ein schweres,

mit Schutzschild versehenes Geschütz bis in die Feuerstellung

schieben kann. Anscheinend soll das Geschütz sogar während der Fahrt

abgeschossen werden, denn der im Vordergrund stehende Krieger nähert

den Luntenstock dem Zündloch. Diese Idee, das Geschütz vorwärts

schieben zu lassen, findet sich in späterer Zeit noch mehrfach.

[Illustration: Geschütz, das von der Bespannung in die Feuerstellung

geschoben wird. Nach einer Malerei von 1496.]

54.

Wie wir zur Zigarre kamen.

Das schon die römischen Soldaten ein Pfeifchen zu schätzen wußten,

haben wir in einem früheren Artikel gehört. Sie mußten sich mit

Lawendel, Hanf oder ähnlichem begnügen. Den Tabak lernten wir erst nach

der Entdeckung Amerikas im Jahre 1497 kennen.

Die Amerikaner rauchten ehemals den Tabak aus Pfeifen, deren Rohre in

zwei Spitzen ausliefen. Diese steckte man in die Nase, um so den Rauch

einzusaugen. Daß man aber auch die Zigarre schon vor der Entdeckung

Amerikas kannte, zeigt der hier abgebildete Außenpfeiler an der

ehemaligen Stadt Palenque in Mexiko. Man sieht einen Gott oder einen

Priester des Maya-Volkes in den Stein gehauen, der eine gewaltige

Zigarre im Mund hält, und ihr große Dampfwolken entströmen läßt. Noch

heute findet man auf den Philippinen die riesige Familienzigarre, an

der alle, vom kleinen Kinde bis zur Urgroßmutter des Hauses, saugen.

Auch jedem eintretenden Gast wird die Familienzigarre ohne weitere

Förmlichkeiten in den Mund gesteckt.

In Europa wurde die Zigarre erst ziemlich spät bekannt, und zwar

durch die Holländer. Wohl die früheste Nachricht findet sich in

einem Wörterbuch vom Jahr 1735: „Seegars sind Tabaksblätter, die

so zusammengerollt werden, daß sie sowohl zur Pfeife als auch

allein brauchbar sind.“ Fünfzig Jahre später wurde das öffentliche

Zigarrenrauchen in einzelnen Städten von Amerika bereits bestraft.

So heißt es in der Polizeiverordnung von Newburyport: „Jede Person,

die Pfeife oder Sergars rauchend auf den Straßen und Plätzen, Alleen,

Werften befunden wird, verfällt einer Strafe von zwei Schilling für

jeden einzelnen Fall.“

[Illustration: Mexikanische Darstellung der Zigarre, vor 1490.]

In Deutschland versuchte Hans Heinrich Schlottmann in Hamburg die

Zigarrenfabrikation, die er in Spanien kennen gelernt hatte, im Jahre

1788. Damals wurden von Hamburger Seeleuten vereinzelt Zigarren in

Hamburg geraucht. Das Schlottmannsche Unternehmen ging so schlecht,

daß er sein Fabrikat verschenken mußte, um es bekannt zu machen. Erst

als mehrere Schiffe Zigarren aus Amerika brachten und Abnehmer dafür

fanden, ging es mit Schlottmanns Unternehmen besser. Es dauerte aber

noch bis zum Jahre 1796, ehe die Zigarre ein Bedürfnis des Hamburger

Rauchers geworden war. Wie wenig bekannt die Zigarre vor hundert Jahren

im übrigen Deutschland noch war, sieht man aus den ersten Auflagen

des Brockhaus’schen Konversations-Lexikons: „Cigarros sind Blätter,

welche man zu fingerdicken hohlen Cylindern zusammenrollt, und dann

an einem Ende anzündet, mit dem andern in den Mund genommen und so

geraucht werden. Ob aber dadurch den Rauchern der Geschmack veredelt

oder verbessert werde, ist wohl nicht gut zu bestimmen, eben weil es --

Sache des Geschmackes ist.“

* * * * *

Kürzlich mußte die Postbehörde vor der Versendung von Zigarren mit

Selbstzündern warnen, weil diese neue Art feuergefährlich ist, und die

Feldpost gefährdet. Diese Selbstanzünder tragen an der Spitze eine

Zündmasse. Reibt man diese auf einer rauhen Fläche, so setzt sich die

Zigarre in Brand.

Wie neu diese Selbstzünder sind, kann man in Zeitschriftenartikel des

Jahres 1835 nachlesen, wo sie damals beschrieben werden.

55.

Die erste Flaschenpost.

Ist ein Schiff auf See in Gefahr, dann wirft man eine gutverschlossene

Blechbüchse oder Flasche, in der sich die Nachricht von den letzten

Schicksalen der Besatzung befindet, ins Meer. Auch in diesem

gegenwärtigen Weltkriege haben einzelne solcher Flaschenposten uns

Nachrichten von untergegangenen Schiffen gebracht. Manches Mal

dauert es Jahre, ehe eine Flaschenpost angetrieben oder aufgefunden

wird. Bisher nahm man stets an, die Erfindung dieses eigenartigen

Verkehrsmittels sei jüngeren Datums.

Doch schon in den Tagebüchern des Kolumbus, des Entdeckers von Amerika,

finden wir hierüber eine Nachricht. Als der große Seefahrer auf der

Rückreise von seiner glücklichen Entdeckung in der Nacht vom 14. zum

15. Februar 1493 einen schweren Sturm zu bestehen hatte, glaubte er,

die letzte Stunde seines kleinen Schiffes sei gekommen. Er verschloß

deshalb eine kurze aber genaue Nachricht des Entdeckungsweges in ein

kleines Faß, verpichte es und warf es über Bord. Diese erste Seepost

kam nie an, wohl aber der kühne Seefahrer. Wären beide verschollen

geblieben, wer weiß, ob so bald einer wieder den Wagemut besessen

hätte, die kühne Fahrt zu unternehmen.

Fast 300 Jahre dachte niemand mehr an eine solche Seepost. Da schlug

man im Jahre 1784 schwimmende Flaschen vor, um die Meeresströmungen

kennen zu lernen. Und am 17. August 1786 wurde die erste genau

bezeichnete Flasche im Golf von Biscaya in Spanien ausgeworfen; sie

landete am 9. Mai 1787 an der Küste der Normandie in Frankreich.

56.

Die Schnellfeuergewehre von Kaiser Maximilian I.

Kaiser Maximilian I., der den Ehrennamen „der letzte Ritter“

führt, kann auch den Titel „der erste Artillerist“ für sich in Anspruch

nehmen. Von seinen Bemühungen um die Ausgestaltung des Artilleriewesens

zeugen noch heute die überaus prächtigen, in seinem Auftrag gemalten

Inventare der Zeughäuser seiner Lande. Die Feuerwaffen, sowohl

die großen Geschütze, wie die kleinen Gewehre, bekamen durch die

Bemühungen des Kaisers erst den ihnen gebührenden Platz im Heer.

Besonders bemühte sich der Kaiser um die Einführung mehrläufiger

Geschütze und Gewehre. Bei den Geschützen dieser Art lagen drei bis

sechs Rohre gleich Orgelpfeifen nebeneinander. Man nannte sie deshalb

Totenorgeln. Auch kommt ein Geschütz in den Zeughausbüchern vor, bei

dem fünf Lagen von je acht Rohren übereinander liegen. Die Zündlöcher

einer jeden Lage waren durch einen gemeinsamen Kanal miteinander

verbunden, sodaß dieses Schnellfeuergeschütz fünf Salven von je acht

Schuß hintereinander abgeben konnte.

[Illustration: Unten: Abschießen eines Schnellfeuergewehres mittels der

Lunte. Oben: Zwei solche Schnellfeuergewehre.]

Sonderbar ist der Gedanke des Kaisers, vier Gewehrrohre auf einem

Schaft zu vereinigen. Er nannte diese, oben abgebildete Gewehrart

„Schaufelpüchsen“. Wir erkennen, wie ein Krieger die Schaufelbüchse

unter dem rechten Arm hält, während er sie mit der linken Hand

richtet. Ein Kriegsknecht zündet den einen Lauf der Schaufelbüchse

mittelst einer Lunte. War auch der nebenliegende Lauf auf diese Weise

abgeschossen, so wendete der Schütze das Gewehr, und es konnten alsdann

das dritte und das vierte Rohr der Schaufel abgeschossen werden. Ein

etwas umständliches Verfahren.

Die Abbildung zeigt über den beiden Schützen zwei Schaufelbüchsen in

deutlicherer Darstellung.

57.

Das erste Wellblech.

Die große Bedeutung des gewellten Bleches ist im gegenwärtigen Kriege

beim Bau von Unterständen wieder erkannt worden. Soviel man bisher

wußte kam das Wellblech zuerst im Jahre 1837 als Zinkplatten von

16 Zoll Länge und Breite auf, und wurde damals zu einem der Dächer

des Botanischen Gartens in Paris verwendet. Man stellte es zunächst

mittelst eines Fallwerkes her, versuchte seit 1854 in Amerika aber auch

die Herstellung auf dem Walzwerk.

Der Zweck des Wellbleches ist, die Tragfähigkeit des Bleches wesentlich

zu erhöhen. Und seine Erfindung wurde ursprünglich auf Grund der

Erfahrungen in der Schlacht gemacht. Als nämlich gegen Ende des

15. Jahrhunderts die Formen der eisernen Leibpanzer immer breiter

wurden, erfuhr man, daß ein solcher Panzer nicht mehr die genügende

Widerstandskraft gegen Hieb und Stoß hatte. Deshalb wellte man unter

Kaiser Maximilian zuerst den Brustteil und alsbald auch die übrigen

Teile der Rüstung vom Helm bis zu den Fersen. Auf diese Weise erhielt

man selbst bei Verwendung dünner Bleche eine große Widerstandsfähigkeit

der Rüstung. Genau wie bei unserm Wellblech.

58.

Feuertiere.

[Illustration: Büffel mit Feuertrog, Zeichnung um 1450.]

Wie man schon im Altertum Elefanten verwendete, um die Reihen der

Feinde zu durchbrechen, so versuchte man im ausgehenden Mittelalter

durch Tiere Feuerbrände in die Reihen der Feinde zu schaffen. Wir sehen

hier die Zeichnung eines Büffels, der auf einem besonderen Sattel den

an einer langen Stange hängenden Feuertrog vor sich trägt. Durch einen

Schutzschild ist das Tier vor den Flammen geschützt. Meistens aber

waren die Feuerbrände Hunden oder Katzen an die Schwänze gebunden,

sodaß die Tiere in ihrer Todesangst vor dem Feuerbrand mit wilder Wut

in die feindlichen Reihen stürzten.

59.

Leonardo da Vinci.

[Illustration: Verladen eines Riesengeschützes, Skizze von Leonardo um

1500.]

Es ist wenig bekannt, daß der große Maler und Bildhauer Leonardo da

Vinci in seinem Hauptberuf Ingenieur, zuletzt „General-Ingenieur“ für

die oberitalienischen Festungen war. Wir besitzen noch heute mehrere

tausend technische Handzeichnungen dieses vielseitigen Mannes, der

sicherlich auch ein großer Erfinder war. Am meisten beschäftigte ihn

die Konstruktion von Flugmaschinen, Fallschirmen, Werkzeugmaschinen,

Hebezeugen und Maschinen für die Weberei und für die Tuchmacherei.

Seine Geschütze sind meistens Hinterlader, und zu den Gewehren erfand

er wahrscheinlich das Radschloß.

60.

Leonardos Rebhühnermörser.

[Illustration: Rebhühnermörser, Malerei um 1500.]

Eine sehr große Malerei von Leonardo zeigt uns, wie man zwei Mörser mit

vielen Kugeln laden kann, deren Zwischenräume durch besonders geformte

Geschosse ausgefüllt sind. Unter die Geschosse ladet man ein starkes

Brett, den sogenannten Spiegel. In der Abbildung sieht man die beiden

Bretter kurz vor der Mündung der Mörser herausfliegend. Sobald die

einzelnen Geschosse am Ziel aufschlagen, soll aus besonderen Bohrungen

ein neuer Geschoßregen herausdringen.

61.

Gewalzte Geschützdauben.

[Illustration: Walzwerk für Geschützdauben angetrieben von einer

Turbine, um 1500.]

Leonardo zeichnete unter seinen vielen Maschinen ein Walzwerk,

das er durch die im Vordergrund sichtbare Wasserturbine antreiben

läßt. Das rechts vorn sichtbare Zahnrad bewegt die lange rechte

Schraubenspindel, an der das zu ziehende, glühende Eisen angehängt

ist. Dieses Eisen soll eine solche verjüngte Form bekommen, daß sich

etwa zwölf dieser Eisen zu einem Geschützrohr zusammenschweißen lassen.

Die endgültigen Querschnitte eines Eisens erkennen wir in den beiden

rechts sichtbaren kleinen Skizzen. Die allmähliche Verjüngung des

Eisenstabes wird in der Maschine dadurch bewirkt, daß eine oben links

allein gezeichnete stählerne Spirale das glühende Eisen immer mehr

zusammenpreßt. Die Wirkung der Maschine läßt sich in der deutlichen

Skizze ohne weiteres verfolgen.

62.

Ein Dampfgeschütz.

[Illustration: Leonardos Skizzen zum Dampfgeschütz, um 1500.]

Leonardo berichtet uns, daß er einmal ein Dampfgeschütz versucht

habe. Es habe eine Kugel, die ein Talent wog, sechs Stadien weit

geworfen. Man kann dem großen Meister diese Behauptung wohl glauben,

wissen wir doch, daß er sich auch sonst eingehend mit Untersuchungen

über die Dampfkraft beschäftigt hat. In der Skizze erkennen wir das

Dampfgeschütz unten fertig zusammengestellt; oben sehen wir in drei

Skizzen die Einzelheiten. Ein Kohlenfeuer erhitzt das im hinteren Ende

des Laufes eingeschlossene Wasser. Sobald man das oben sichtbare Ventil

öffnet, wird die Kugel herausgeschleudert. Kohlen und Wasser werden

in besonderen Kästen am Lafettenschwanz mitgeführt. Noch in späteren

Jahrhunderten versuchte man häufig Dampfgeschütze, doch stets ohne

Erfolg.

[Illustration: Abwehr von Sturmleitern, um 1500.]

63.

Abwehr von Sturmleitern.

Recht findig ist eine Idee von Leonardo, um den stürmenden Feind

von der Mauer herabzuwerfen. Wir erkennen in der Leonardoschen

Handzeichnung, wie die von außen her an die Festungsmauern angelegten

Leitern von einem in der Mauer verborgen liegenden Balken in dem

Augenblick umgeworfen werden können, da die Feinde die Leitern

erstiegen haben. Wie das Umwerfen geschieht, ist aus der Skizze

deutlich zu ersehen. Leonardo vermerkt zu der Skizze: „Das Holz, wo

sich die Leitern aufstützen, muß in der Mauer verborgen liegen, damit

die Feinde nicht die Leitern tiefer anlegen und dieses Holz mit Äxten

zerhauen.“

[Illustration: Rammen eines Schiffes, um 1500.]

64.

Ein listiger Rammsporn.

Ein eigene „Art und Weise, ein Schiff in den Grund zu bohren“

beschreibt Leonardo also: „Es ist vor allem nötig, daß die einander

feindlichen Schiffe ineinander verschränkt seien, das heißt, derart

ineinanderverhakt, daß du von deines Schiffes Spitze aus nach deinem

Belieben loshaken kannst, damit, wenn das (feindliche) Fahrzeug

auf Grund geht, es das deinige nicht mit sich ziehe. Und es wird

folgendermaßen gemacht: ziehe ein Gewicht in die Höhe und darauf laß

es los, und im Fallen wird dasselbe einen derartigen Schlag ausüben,

wie dies bei einem Pfahle seitens eines Rammblocks geschieht. Und beim

Fallen zieht sich der Kopf eines Balkens, der in einem Zapfen lagert

(beweglich) aufgerichtet ist, nach rückwärts. Und wenn der obere Kopf

des Balkens herankommt, so geht der untere (Kopf hinweg) und bringt das

Schiff zum Sinken. Aber mache, daß das Holz schneidend sei, damit, wenn

es zum Stoß heraneilt, das Wasser ihm keinen Widerstand bereite. Und

vor allem mache, daß die Fesseln, welche die Fahrzeuge aneinandergehakt

halten, sich nach deinen Belieben von deiner Seite aus zerschneiden

lassen, damit das gegnerische Fahrzeug beim Untersinken dich nicht mit

sich ziehe.“

65.

Leonardos „Zepata“.

[Illustration: Sprengschiff um 1500.]

Mit dem geheimnisvollen Namen Zepata bezeichnet Leonardo das hier

abgebildete Fahrzeug, das die blockierende Flotte durchbrechen soll.

Dies ist der erste Entwurf zu einem Sprengschiff. Sobald dieses

Fahrzeug, von gutem Wind getrieben, gegen die Hafensperre stößt, werden

eine Reihe von Zünddrähten in Schießpulverpfannen gesenkt. Die unten im

Schiff aufgespeicherte Pulverladung explodiert und wirft die darüber

aufgeschichteten Balken umher.

66.

Eine mechanische Trommel.

Wie man eine große Trommel beim Heerzug selbsttätig schlagen lassen

kann, zeigt die hier wiedergegebene Skizze Leonardos. Von den beiden

Laufrädern des kleinen Wagens aus werden zwei Stiftwalzen durch

Zahnräder in Bewegung gesetzt. Von den Stiften werden die Trommelstöcke

auf beiden Kalbfellen bewegt.

[Illustration: Mechanische Trommel, um 1500.]

67.

Ein unsanfter Wecker.

In unserem Bildchen, einer flüchtigen Handskizze von Leonardo, wird

jeder vergebens nach einer Weckuhr suchen; und doch ist sie da.

Leonardo vermerkt zu seiner Skizze: „Dies ist eine Uhr für solche

anwendbar, die in der Verwendung ihrer Zeit geizig sind. Und sie wirkt

so: wenn der Wassertrichter so viel Wasser in das Gefäß ~e~

fließen ließ, wie in der anderen Wagschale ist, gießt diese, indem sie

sich hebt, ihr Wasser in das erstgenannte Gefäß. Dieses hebt, indem es

sein Gewicht (dadurch) verdoppelt, mit Gewalt die Füße des Schlafenden,

dieser richtet sich auf und geht seinen Geschäften nach.“

Der erwähnte Buchstabe „~e~“ ist in der sehr vergilbten Zeichnung

schwer zu erkennen. Rechts sehen wir einen Menschen im Bett liegend.

Einige Schritte vom Fußende des Bettes entfernt, steht ein hohes

hölzernes Gestell, das ein Wassergefäß trägt. Aus diesem läuft über

Nacht das Wasser ganz langsam in die darunter befindliche Schale

~e~. Diese Schale sitzt an einem röhrenförmigen Hebel, der seinen

Drehpunkt an dem hohen Gestell hat. Nahe an dem Fußende des Bettes

erweitert sich der rohrförmige Hebel zu einem flachen Wassergefäß.

Über diesem und dem Wassergefäß auf dem hohen Gestell, sowie auch über

dem runden Wassergefäß am andern Ende des Hebels, liest man jedesmal

das Wort „Wasser“, von Leonardos Hand geschrieben. Sobald das runde

Wassergefäß sein Übergewicht bekommt, senkt es sich. Dadurch hebt

sich das flache Wassergefäß ein wenig, und es schüttet seinen Inhalt

schnell durch den rohrförmigen Hebel in das runde Wassergefäß. Wer sich

mit dieser Weckvorrichtung zu Bett begibt, muß seine Füße abends in

eine Schlinge legen, die an dem Hebel befestigt ist. Durch den Ruck,

den das plötzlich ausstürzende Wasser erzeugt, wird der Schläfer wohl

wach werden.

[Illustration: Weck-Maschine, um 1500.]

Diese Weckvorrichtung ist mehr originell als praktisch. Vom technischen

Standpunkte aus ist sie aber sehr interessant, weil sie uns wohl zum

ersten Male den Grundgedanken verrät, auf dem unsere sogenannten

„mechanischen Relais“ oder „Krafteinschalter“ beruhen. Es sind dies

Mechanismen, bei denen durch geringe Kraft eine leicht bewegliche

Steuerung so umgeschaltet wird, daß jetzt eine große Kraft hinzukommt,

die die eigentliche Bewegung ausführt.

68.

Wie einer im Jahre 1507 von England nach Frankreich fliegen wollte.

Am 21. September des Jahres 1507 versuchte John Damian im Flug

schneller über den Kanal zu kommen, als eine Gesandtschaft, die

an diesem Tage von England nach Frankreich abreiste. Die Chronik

berichtet darüber: „Zu diesem Zweck ließ er sich ein Paar Schwingen aus

Federn herstellen, die er fest auf seinen Körper band, und flog von der

Mauer des Stirling-Schlosses auf, stürzte aber sogleich zur Erde und

brach sich ein Bein.“

Aber was bedeutet ein solches Mißgeschick, wenn man die richtige

Entschuldigung dafür zu finden weiß. Der Chronist berichtet: „Die

Ursache hierfür schrieb Damian dem Umstand zu, daß sich in den

Schwingen einige Federn von Hennen befunden hätten. Diese strebten

immer zum Miste, nicht aber zum Himmel hinauf.“

69.

Künstliche Hände in alter Zeit.

In dem herrlichen, urdeutschen Schauspiel von Goethe „Götz von

Berlichingen“ ist eine der schönsten Szenen die, da Bruder Martin --

unter dem Goethe sich den jungen Luther vorstellt -- den Ritter erkennt.

Am Abend trifft Bruder Martin den Ritter vor einer Herberge; wie gern

möchte er diesem Ritter gleichen, der so mannhaft spricht! Wenigstens

seinen Namen möchte er wissen, aber Götz darf sich nicht zu erkennen

geben, und er reicht dem frommen Bruder die Linke zum Abschied.

„Bin ich die ritterliche Rechte nicht wert?“

„Und wenn ihr der Kaiser wärt, Ihr müßtet mit dieser vorlieb nehmen.

Meine Rechte, obgleich im Kriege nicht unbrauchbar, ist gegen den Druck

der Liebe unempfindlich: sie ist eins mit ihrem Handschuh; Ihr seht, er

ist von Eisen.“

„So seid ihr Götz von Berlichingen! Ich danke dir, Gott, daß du mich

hast ihn sehen lassen, diesen Mann, den die Fürsten hassen, und zu

dem die Bedrängten sich wenden! (er nimmt die rechte Hand). Laßt mir

diese Hand, laßt mich sie küßen!........ Laßt mich! Du, mehr wert

als Reliquienhand, durch die das heiligste Blut geflossen ist, totes

Werkzeug, belebt durch des edelsten Geistes Vertrauen auf Gott.....

Es war ein Mensch bei uns vor Jahr und Tag, der Euch besuchte, wie

sie Euch abgeschossen ward vor Landshut. Wie er uns erzählte, was ihr

littet, und wie sehr es Euch schmerzte, zu Eurem Beruf verstümmelt zu

sein, und wie Euch einfiel, von einem gehört zu haben, der auch nur

eine Hand hatte, und als tapferer Reitersmann doch noch lange diente --

ich werde das nicht vergessen.“.......

Berlichingen hatte seine rechte Hand im Jahre 1504 vor Landshut durch

einen Schuß aus einem Nürnbergischen Geschütz dadurch verloren, daß die

Kugel den Schwertgriff entzweischlug, und ihm die Hälfte davon zwischen

Hand und Arm eindrang. Viele Monate lag der Ritter in Landshut, gequält

von dem Gedanken, daß er nun zum Kriegshandwerk dauernd untauglich

sei. Da erinnerte er sich, von seinem Vater gehört zu haben, daß ein

Kriegsknecht, namens Köchle, eine künstliche Hand getragen habe.

Vom Dorfschmied, der nahe der Burg des Ritters wohnte, ließ er sich

eine Eisenhand anfertigen, die sich noch heute im Besitz seiner Familie

befindet. Sie ist roh gearbeitet. Die vier Finger sind nur gemeinsam

in ihrer gekrümmten Stellung nach innen hin beweglich, und während man

sie bewegt, nähert sich ihnen der gekrümmte Daumen. So konnte Götz

zwischen Daumen und Finger die Schwertscheide, die Zügel, oder sonst

etwas einklemmen. Drückt man auf einen Knopf oben auf dem Handrücken,

dann springen Finger und Daumen wieder auseinander. In späteren Jahren

ließ Götz sich eine sorgfältig gearbeitete Eisenhand anfertigen, die

gleichfalls noch erhalten ist. An ihr ist jedes einzelne Fingerglied

verstellbar, und drei verschiedene Druckknöpfe lassen das Handgelenk,

die Gelenke des Daumen und die Gelenke sämtlicher Finger wieder in

Streckstellung springen.

[Illustration: Eiserne Hand, um 1450. Die eisernen, gekrümmt stehenden

Finger sind nur paarweis, der Daumen ist allein beweglich. (Im Besitz

des Gymnasium zu Neu-Ruppin.)]

Sind die Eisenhände des Götz die bekanntesten, die ältesten sind sie

bei weitem nicht.

Bereits der Urgroßvater des berüchtigten römischen Staatsmannes

Catilina, der im zweiten punischen Krieg um 210 vor Christus die rechte

Hand verloren hatte, ließ sich dafür eine eiserne anfertigen.

Die älteste wohlerhaltene Eisenhand habe ich hier abgebildet. Man fand

sie im Jahre 1836 beim Brückenbau in Alt-Ruppin. Sie mag 50 bis 100

Jahre älter sein, als die Eisenhände des Götz.

In späteren Jahrhunderten wurden künstliche Hände für Kriegsbeschädigte

häufig angefertigt. Auch mehrere fürstliche Personen, die im Kriege

eine Hand verloren hatten, ließen sich mechanische Eisenhände

anfertigen.

Als der berühmte österreichische Waffenschmied Girardoni im Jahre 1779

bei der Probe eines von ihm konstruierten Magazingewehres die Linke

verloren hatte, fertigte er sich selbst eine so künstliche Eisenhand,

mit der er an der Werkbank arbeiten konnte. Diese unglückliche

Explosion veranlaßte ihn aber auch, das gefährliche Pulvermagazin

aufzugeben, und ein Luftmagazin anzuwenden. So wurde er, wie wir noch

hören werden, zum Erfinder der Kriegs-Windbüchse.

70.

Feld-Uhren.

In früheren Zeiten muß man einer richtig gehenden Uhr im Kriege keine

Bedeutung beigelegt haben; denn in der Kriegsliteratur ist nur sehr

selten von Uhren die Rede, und nur ein einziges Mal fand ich eine Uhr

für das Feld abgebildet.

Ums Jahr 360 vor Christus sagt der griechische Kriegsschriftsteller

Ainaias, man verwende einfache Wassergefäße mit einer kleinen

Ausflußöffnung, um im Felde die Zeit zu messen. Je nach der Jahreszeit

verstopfte man die Öffnung mehr oder weniger durch Wachs, um bei

kürzeren oder längeren Nächten eine gleichmäßige Einteilung der

Nachtwachen zu erhalten. Die erwähnte Abbildung einer Wasseruhr für

den Krieg fand ich in dem Buch von Valle aus dem Jahre 1521.

[Illustration: Wasseruhr fürs Feld, Holzschnitt von 1521.]

Ein Wassereimer hängt an einem Seil, an dessen anderem Ende 24 Gewichte

übereinander angebracht sind. Je mehr Wasser aus dem Eimer abläuft, um

so leichter wird er. Mithin würde er immer schneller nach oben steigen.

Nun legt sich aber in jeder Stunde eines der Gewichte auf den Fußboden,

und gleicht dadurch den Gewichtsverlust an Wasser aus. Mithin bewegt

sich der Zeiger am Eimer gleichmäßig über die 24 Stundenzahlen. -- Ob

mit genügender Genauigkeit?

71.

Von Mund- und Ziehharmonikas.

Mund- und Ziehharmonikas, im Felde heute die beliebtesten

Musikinstrumente, sind Berliner Erfindungen. Sie wurden von Christian

Friedrich Ludwig Buschmann erfunden, und zwar in den Jahren 1821

und 1822. Sie hießen damals Mund-Aeoline und Hand-Aeoline. Die

Mundharmonika, auch Aura genannt, geht auf die deutschen Brummeisen

des ausgehenden Mittelalters zurück. Das Brummeisen bestand aus einem

eisernen Bügel, in dem eine Zunge schwingend angeordnet war. Blies

man gegen diese Zunge, so entstand ein brummender Ton. Wie man den

Geschützen im Mittelalter Namen gab, die man von ihrem Aussehen,

oder ihrem Ton herleitete, so nannte man einzelne Geschütze auch

Trummel, Maultrommel oder Brummerin. Diese Benennung leitet sich von

den Brummeisen oder Maultrommeln her. Im Berliner Zeughaus liegt noch

heute ein französisches Prachtgeschütz vom Jahre 1535, auf dem man

ein solches Brummeisen bildlich dargestellt sieht. Ein ganz ähnliches

Geschütz ist in das Arsenal von Woolwich gekommen, und dort noch

vorhanden. In der Literatur erwähnt wird die Maultrommel wohl zuerst

im Jahre 1658 von dem berühmten Pädagogen Comenius in seinem „~Orbis

pictus~“. Es ist also nicht richtig, daß man den Jesuiten Kircher

als den Erfinder der Maultrommel bezeichnet. Er beschrieb sie nur im

Jahre 1673.

Die Ziehharmonika von Buschmann war noch äußerst primitiv. Eine weite

Verbreitung erlangten solche Instrumente seit 1829 durch den Wiener

Klaviermacher Demian unter der Bezeichnung „Acordion“. Ursprünglich

hatten die Instrumente fünf Tasten, die je einen Akkord zum Ansprechen

brachten. Knöpfe an Stelle der Tasten führten Bichler und Klein

1834 ein. 1843 erfand Band in Krefeld die komplizierte Form der

Ziehharmonika, das Bandonion.

72.

Wie der Teufel Kanonen und Schießpulver erfinden läßt.

Der Holzschnitt, den unsere Abbildung nach einem Original vom Jahr

1544 wiedergibt, knüpft an den Bericht alter Kriegsbaumeister, daß

ein deutscher Mönch, genannt Berthold der Schwarze, der Erfinder

der Schießpulvergeschütze sei, an. Neuere Forschungen haben ja

auch ergeben, daß der schwarze Berthold ums Jahr 1380 irgendwo in

Deutschland als wissenschaftlicher Reformator auf dem Gebiete der

Artillerie tätig war. Aber noch Jahrhunderte lang waren die Chronisten

und die Dichter dem Manne gram, der das „graußamn vnd erschröcklich

püxengeschütz erfundten“ hatte. Man erklärte seine Erfindung als eine

Einflüsterung des Teufels und fluchte ihr noch lange. Wir sehen deshalb

auf dem Bildchen auch den Teufel als den Urheber der Erfindung, den

Mönch nur als sein willenloses Werkzeug. Das Bildchen zeigt zwei

getrennte Vorgänge nebeneinander: rechts den Teufel und den Mönch

beim Pulvermachen, links die beiden an einer Kanone beschäftigt. Beim

Pulvermachen führt ein häßlicher, fliegender Teufel den Stössel mit

seinem Maul. Am Geschütz umarmt ein Teufel liebevoll den Mönch, der

beim Laden ist. Im Vordergrunde sitzt ein häßliches Tier, wie ein

Dudelsack anzusehen, das mit seinem Rüssel Schießpulver aus einer

Schüssel frißt. Es soll auf die unheimlichen Töne hindeuten, die das

anscheinend harmlose Pulver zu geben vermag.

[Illustration: Wie der Teufel dem Mönch das Geschütz und das

Schießpulver erfinden hilft, Holzschnitt von 1544.]

73.

Geschütze aus Holz.

In einem dem Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen ums

Jahr 1620 gewidmeten Manuskript wird ein dreiläufiges, aus Holz

anzufertigendes Geschütz dargestellt. Es sei „ein sonderbahren hultzern

Hagell Geschütz, Welches denn Hagell sehr weit von sich wirfft undt

solches eine geraume Zeit treibt, wirdt in Sturmes nöthen sehr

nützlichen von den Defensoren gebraucht“.

[Illustration: Holzgeschütz, Malerei von 1620.]

Ob hölzerne Geschütze wirklich, wenn man solche auch in der höchsten

Not der Belagerung angefertigt hatte, einen praktischen Wert hatten,

bleibt zweifelhaft. Eine starke Pulverladung durfte man ihnen nicht

zumuten. Angeblich wurden schon im Jahre 1544 hölzerne Geschütze von

den Engländern bei der Belagerung von Boulogne gebraucht. Wenigstens

zeigte man solche Geschützrohre in London, bis sie dort im Jahre 1841

beim Brand des Towers vernichtet wurden.

74.

Maschinen zum Festungsbau im Jahr 1565.

[Illustration: Festungsbau, Kupferstich um 1565.]

Bei der Anlage von Befestigungswerken bediente man sich schon längst

nach Möglichkeit der Maschinen. Ja, wenn der Maschinenbau von irgend

einer Seite her ständig befruchtet wurde, so geschah es aus den

Bedürfnissen des Krieges. Wenn es gilt, Haus und Hof zu schützen, die

Selbständigkeit einer Stadt, eines Volkes zu wahren, dann kommt es

weder auf die Kosten noch auf die Innehaltung althergebrachter Regeln

an. Und die Kostenfrage, noch weit mehr aber die aus dem Innungs- und

Zunftwesen herausgewachsenen Regelungen der Technik, wirkten stets

hemmend. Für Erfinder war es ehemals schwer, ein Feld der freien

Entfaltung zu finden.

[Illustration: Die vorige Abbildung „chinesisch“, 1726.]

War aber die Heimat bedroht, galt es den Feind niederzuringen, dann

fragte man nicht nach Innungswesen und Zunftregeln. Dann durfte der

Rotschmied auch einmal gehämmertes Messing verarbeiten, während er

sonst nur gegossene Ware behandeln und verkaufen konnte, und der

Messingschlager durfte seine gehämmerte Ware sogleich blank schaben,

ohne vom Nachbarn, dem Meister Messingschaber, sogleich beim Rat

verklagt zu werden.

Eine sehr interessante Maschine -- eine der zahllosen, die beim

Festungsbau zur Entwässerung, Gründung, Erdanschüttung in Gebrauch

waren -- zeigt uns der Ingenieur Besson in einem ums Jahr 1565

geschriebenen, häufig herausgegebenen und auch (wie die meisten

ähnlichen Werke jener Jahrhunderte) in deutscher Sprache erschienenen

Buch.

Wir sehen von Künstlerhand gestochen, einen Festungsbau. Es ist

mit Sicherheit anzunehmen, daß man diese Maschine damals praktisch

anwendete, sonst hätte man nicht einen namhaften Künstler der damaligen

Zeit herangezogen, um sie zu verewigen. Es soll der Zwischenraum im

Mauerwerk einer Festung mit Erde ausgefüllt werden. Nach außen hin die

starke Mauer, nach innen hin eine schwache Mauer, dazwischen Erdreich.

Mittelst einer Eimerkette wird die Erde nach oben befördert. Man läßt

diesen Eimerkettenbagger aber noch nicht selbst schöpfen, sondern füllt

die Eimer unten mittelst Schaufeln. Der Antrieb erfolgt durch ein

Schneckenrad.

Die Eimerkettenbagger wurden im Jahre 1753 wieder erfunden, aber erst

im Jahre 1859 kamen sie in die Praxis.

75.

„Uraltes“ aus China.

Vergleichen wir einmal die beiden voraufgehenden Bilder. Beide zwei

Kettenbagger mit Eimern. Beide Maschinen beim Festungsbau, die

Menschen an beiden Baggern in gleicher Zahl und Stellung, und auch die

technischen Einzelheiten fast völlig übereinstimmend. Es fällt uns

zunächst nur auf, daß auf dem zweiten Bild Chinesen und chinesische

Schriftzeichen zu sehen sind.

Nun hat wohl jeder schon einmal von dem „uralten chinesischen Lexikon“

gehört, das, aus vielen hundert Bänden bestehend, eine unausschöpfliche

Quelle menschlicher Weisheit sein soll. Man weiß auch, daß chinesische

Kaiser und Weisen schon vor Jahrtausenden alle möglichen wichtigen

Erfindungen, so etwa den Pflug, das Papier, den Kompaß und ähnliches

erfunden haben sollen.

In dem großen chinesischen Wörterbuch, das auch in mehreren Exemplaren

in Deutschland vorhanden ist und aus über 1600 Bänden besteht, findet

sich die hier abgebildete Baggermaschine und noch eine Menge anderer

geistreicher Apparate abgebildet und beschrieben.

Man kann also wohl daraus schließen: die Chinesen sind die Erfinder

aller dieser Maschinen. Man hat diesen Schluß auch genügend oft und

genügend laut getan. Es gibt ja bei uns immer noch Leute, die alles,

was „von fremd her“ kommt, bis über die Puppen loben.

Und die Wahrheit: fast alle Maschinen in dem großen chinesischen

Wörterbuch sind aus europäischen Werken abgezeichnet, zum größten

Teil sogar falsch nachgezeichnet und -- das ist am wichtigsten -- das

riesige chinesische Wörterbuch ist erst im Jahre 1726 gedruckt!

Nix uralt!

Die Erklärung ist ziemlich einfach. Europäische Missionare brachten

unter anderen Wissenschaften auch die Bücher über Maschinenbau mit

nach China, dort wurden sie ins chinesische übersetzt, und diese

chinesischen Bücher alsdann zur Bearbeitung des großen Wörterbuches

mitbenutzt. Fast alle europäischen Schriftsteller über Maschinenbau,

die vor dem Jahre 1700 arbeiteten, sind in dem chinesischen Riesenwerk

wiederzufinden.

An technischen Einzelheiten verraten die Chinesen übrigens ihre

Unkenntnis. So kann man an der Baggerkette leicht verfolgen, daß

mehrere Einzelheiten sinnlos verzeichnet sind. Es fehlen z. B. oben und

unten die Walzen, über die die Baggerkette geht. Es fehlt insbesondere

das Schraubenrad, durch das ein einzelner Mann imstande ist, die

schwere Last von acht bis 12 gefüllten Eimern zu heben. Besonders

spaßhaft ist es zu sehen, was man aus dem unten links stehenden Manne

machte, der die Hacke schwingt, um das Erdreich zu lockern. Er wird

in China zu einem Kerl, der mittelst eines Hakens gewaltig an der

Baggerkette zieht.

Das eine Beispiel mag hier genügen. Es ließen sich hunderte von andern

und ähnlichen Maschinen beibringen. Wären die Maschinen in China uralt,

so müßten sie sich auch in älteren chinesischen Werken finden. Das

ist aber nicht der Fall; denn in dem großen chinesischen Lexikon vom

Jahre 1629 ist keine Spur von ihnen zu finden, obwohl auch dort einige

primitive Maschinen beschrieben und abgebildet werden. In jener Zeit

waren die europäischen Missionen in China noch nicht bei Hofe seßhaft.

76.

Eine bewegliche Scheibe im 16. Jahrhundert.

Verachtet mir _die Meister_ nicht!

Und ehrt mir ihre Kunst!

Was ihnen hoch zum Lobe spricht,

Fiel reichlich euch zur Gunst,

läßt Wagner seinen Hans Sachs in den „Meistersingern“ strengverweisend

sprechen, als der junge Stolzing den Wert des Alten, wenn auch

Veralterten, nicht anerkennen will.

Suchen wir unter der Oberfläche der Geschichte, so findet sich gar

manches, was uns in Staunen setzt, weil es eine entwickelte Technik

„alter“ Zeiten in kleinen Einzelheiten hervorlugen läßt.

Ist da im Münchner Kupferstichkabinett ein kleines Bild von etwa 1579,

wie wir es hier sehen. Vor dem abgesperrten Platz stehen links die

Zuschauer, innerhalb des Zaunes hohe Herren als Schützen. Zwischen

zwei kleinen Häusern, die die Gewehre enthalten, steht der überdeckte

Schützenstand. Man schießt gegen eine Reiterscheibe, die auf einer

Schiene hin- und herläuft. Vermutlich wird die Scheibe mittels eines

Seiles, das in einem Graben liegt, bewegt. An der Schutzmauer hinter

der Scheibe sieht man die Spuren der fehlgegangenen Schüsse. Rechts im

Hintergrund spielt die Musik und von dem dort stehenden Anzeigestand

aus läuft eine „gloggen schnur“ nach dem Stand der Schützen, um

mittels einer Glocke Zeichen geben zu können.

[Illustration: Bewegliche Scheibe, Kupferstich von etwa 1579.]

Also: ein Schießstand mit beweglicher Scheibe und tele„phonischer“

Verbindung vor 300 Jahren.

77.

Kanonen-Uhren.

In Parkanlagen sieht man öfters inmitten eines freien Rasenplatzes

eine kleine Kanone, auf einer Säule stehen, die jeden Mittag 12 Uhr --

astronomischer Zeit -- selbsttätig einen Schuß abgibt. Zufällig stieß

ich auf eine Stelle, die das hohe Alter dieses seltsamen Zeitsignals

erkennen läßt.

Samuel Zimmermann, ein Augsburger Kriegsbaumeister, schrieb ein Buch

mit dem Titel: „Dialogus oder Gespräch zweier Personen, nämlich eines

Büchsenmeisters mit einem Feuerwerkkünstler.“ Die Handschrift ist

vom Jahre 1573 datiert und in mehreren zeitgenössischen Abschriften

verbreitet. Eine dieser Abschriften, datiert 1577, besitzt das Berliner

Zeughaus. Nachdem der Verfasser von der Anlage der Sonnenuhren

gesprochen hat, sagt er: „Also auf diese Weise kann man auch wohl ein

Büchsengeschoß legen, daß wie gemelt (= gemeldet), durch der Sonne

Schein und Wiederschein auff eine gewisse Stunde vnd Zeit ab und los

ginge, dardurch also leichtlich und balt erschossen...“

Der Büchsenmeister, der in diesem Dialog immer Fragen an den

Feuerwerker stellt, fragt hier: „Welche Stunden im Tage oder Zeit soll

ich erwehlen, darin die Sonne zum allerkräfftigsten und stercksten

scheint?“ Darauf antwortet der Feuerwerker: „Alle Wege umb den Mittag

auff 12 Uhr oder zwischen 12 vnd 1 Vhr ist der Sonnen Hitze vnd Schein

am kräftigsten, bis Mittag nimbt die Sonne zu von Stundt zu Stundt,

Nachmittag aber nimbt sie ab an Hitze vnd Schein mit Wiederschein,

von Stundt zu Stundt, biß zu ihrem Untergang. Die Zeit aber im Jahre

zu erwehlen, seindt 3 Monat, nemblichen Junius, Julius, Augustus, in

welchen dreyen Monden der Sonnen Hitze vnd Schein am krefftigsten ist.“

[Illustration: Kanonen-Uhr, um 1830.]

Zimmermann verwendet „ein metallisch oder cristallischen Spiegell“, um

die Sonnenstrahlen auf die Pulverpfanne der kleinen Kanone zu lenken.

Wann derartige Kanonenuhren in der Gartenbaukunst Eingang fanden,

konnte ich nicht ermitteln. Es erscheint mir sehr auffallend, daß dies

hübsche Schaustück schon über 300 Jahre alt ist.

Denn bekannt gemacht wurden diese Kanonenuhren erst ums Jahr 1798,

und in unseren Museen sind sie überaus selten. Die hier abgebildete

Uhr soll aus Moskau stammen, ist wohl aber deutschen Ursprungs. Sie

befindet sich im Mathematisch-physikalischen Salon zu Dresden.

78.

Ein Schiffswagen.

[Illustration: Schiffswagen, Kupferstich von 1588.]

Vor wenigen Jahren erregte die Konstruktion eines Automobils großes

Aufsehen, mit dem man ohne weiteres vom Land in einen Fluß oder einen

See hineinfahren konnte, um am gegengesetzten Ufer mit dem Wagen

wieder auf dem Trockenen weiterzufahren. Die Idee zu einem solchen

amphibischen Fahrzeug ist schon über dreihundert Jahre alt. Wir sehen

hier den Entwurf des Ingenieurs Ramelli, der seine Wagen, die zu

Lande allerdings von Pferden gezogen wurden, im Wasser mittels großer

Schaufelräder weiterbewegt. Solche Fahrzeuge dienen, wie wir sehen, zum

Angriff gegen Festungen.

79.

Gewehrpatronen.

Ganz vereinzelt kommen Patronen schon vor über 300 Jahren vor. In den

Dresdner Sammlungen haben sich Patronen erhalten, die von der Leibwache

des Kurfürsten Christian I. stammen. Im dreißigjährigen Kriege

hatten die Soldaten von Gustav Adolf stets einige Gewehrpatronen für

den Notfall bei sich. Allgemeiner wurde die Patrone erst in späterer

Zeit mit der Einführung der Hinterladegewehre.

[Illustration: Sächsische Gewehrpatrone, um 1589.]

80.

Die Feldküche.

Jüngst sind alle mögliche Leute aufgetreten, von denen jeder „der

allein echte“ Erfinder der transportablen Feldküche sein wollte. Daß

man tragbare Feldküchen schon vor Jahrhunderten kannte, zeigt unser

Bild. Das Tragtier sollte auf jeder Seite eine Holzkiste tragen, in die

ein metallener Kasten eingesetzt war. Auf einem Rost kochten in dem

Kasten die Speisen während des Marsches. Der Holzkasten schützte vor

Wärmeverlusten.

[Illustration: Feldküche. Ausschnitt aus einem Kupferstich von etwa

1595.]

Im Jahre 1798 wurde eine auf Rädern mitgeführte Feldküche bekannt

gemacht, die das Essen für 1200 Mann während des Marsches kochte. In

Bayern führte man 1806 fahrbare Feldküchen für 1000 Mann versuchsweise

ein, und im Jahre 1869 bemühte sich ein Breslauer Erfinder, eine

gleiche Feldküche an den Staat zu verkaufen.

81.

Der Bleistift des Reitersmannes.

Der Krieg versteht es immer sich die neuesten Neuheiten zu Nutzen zu

machen, und ihnen so eine Verbreitung zu verschaffen, die sie bei der

Gleichgültigkeit des Volkes sonst vielleicht nie, oder erst recht spät

erreichen würde.

Zum Beispiel: Als die Gelehrten vor genau 250 Jahren dünn gesägte

Graphitstäbe beschrieben, die man in eine gedrechselte Holzhülse

einfaßte, so wie wir es in unserer Abbildung sehen, blieben diese

Schreibstifte ein Kuriosum.

[Illustration: Bleistift in Holzfassung, nach Gesner, 1565.]

Als aber im Jahre 1595 Graf Johann der Jüngere von Nassau seine

Vorschriften für die Ausrüstung der Reiter niederschrieb, empfahl er,

diese „Federn von spanischem Blei“ nicht zu vergessen, weil sie dem

Reiter zum Aufschreiben von Nachrichten weit dienlicher wären, als

Tinte und Federkiel.

82.

Der Mondscheintelegraph.

Im Gebirgskrieg, zumal im Kolonialkrieg, wenn die Sonne heiß und

dauernd aus wolkenlosem Himmel niederstrahlt, spielt der Heliograph

eine Rolle. Man fängt die Sonnenstrahlen in einem kleinen Spiegel auf,

um sie so auf weite Entfernungen zum befreundeten Posten zu lenken. Der

Spiegel ist beweglich, sodaß man mittels solcher Strahlenbündel längere

und kürzere Zeichen geben kann, die sich zu einem telegraphischen

Alphabeth vereinigen. Ehe diese Sonnentelegraphen aufkamen, hören

wir aus der Geschichte, daß man mittels der Mondstrahlen einmal auf

gleiche Weise telegraphiert habe. In einem Bericht über die Eroberung

der ungarischen Festung Raab am 26. März 1598 heißt es, daß Kaiser

Rudolph über diesen Erfolg schon genau unterrichtet war, als der

Oberbefehlshaber ihm den Sieg durch einen Kurier mitteilen ließ. Der

Kurier war hierüber sehr bestürzt, da „hat ihm Ihr Majest. vermelt, sie

wissens durch eine Kunst.... mit zwei Spiegeln... damit man von vil

Meil einander in Monschein zaichen geben kan.“ Der eine dieser Spiegel

sei beim Oberkommando, der andere im kaiserlichen Lager gewesen.

Was an dieser Geschichte wahres ist, läßt sich nicht mehr nachprüfen.

Die Idee der Telegraphie mit Himmelslicht ist zweifellos hier

ausgesprochen.

83.

Das Tellereisen als Waffe.

[Illustration: Das Fuchseisen als Waffe, 1598.]

Vor mehr als dreihundert Jahren kam jemand auf die sonderbare Idee,

das Tellereisen nicht nur auf der Jagd, sondern auch im Kriege zum

Menschenfangen zu verwenden. Es hatte sich damals in Festungskriegen

eine besondere Art von Geschossen, die sogenannte Petarde, bewährt.

Diese Petarden bestanden aus starken, eisernen Gefäßen, die man mittels

eines Ringes an ein Festungstor hing, um dieses aufzusprengen. Die

Erfindung geschah um 1575 in Frankreich, und ihre erste Anwendung

versuchte man zur Breschierung des Tores von Ambert im Jahre 1577.

Deutschland lernte die Petarde am 23. Dezember 1587 am Rheintor von

Bonn kennen. Hatte sich ein Soldat mit einer Petarde bei Nacht und

Nebel an eines der Stadttore geschlichen, so gab es für das Tor kaum

noch eine Rettung. Nach wenigen Minuten war die Zündschnur abgebrannt,

und die Pulverladung der Petarde hatte in das Holz des Tores Bresche

gelegt. -- Boillot sagt 1598 zu dem obenstehenden Kupferstich, diese

Erfindung könne an vielen Orten dienlich sein, um die „Petardierer und

andere vorhaben zu verhindern auch solche, die dergleichen understünden

umzubringen oder zu beschedigen“. Man soll das Instrument vor einem

Tor aufrichten, anhängen oder flach niederlegen. Wer es in der Mitte

berühre, werde „beschädiget, auch der gestalt gefesselt und angehalten

werden, daß jhme unmüglich, sich darvon zu entledigen“. Aus der nun

folgenden Beschreibung möchte man entnehmen, daß die Tellereisen damals

noch nicht allgemein bekannt waren, denn der Verfasser beschreibt das

Instrument in allen seinen Teilen äußerst umständlich. -- Vielleicht

regen diese Zeilen dazu an, dem Ursprung des Tellereisens weiter

nachzugehen.

84.

Zielfernrohre und Distanzmesser im 17. Jahrhundert.

An Geschützen und Gewehren ist das Zielfernrohr heute eine alltägliche

Zugabe geworden. Es wird deshalb interessieren, etwas über das hohe

Alter der Instrumente zu erfahren. Vor der Erfindung der Fernrohre

-- sie sind wahrscheinlich nicht in Holland im Jahre 1608, sondern

in Italien vor dem Jahre 1590 erfunden worden -- benutzte man zum

Distanzmessen zwei im Winkel zu einander bewegliche Maßstäbe mit

zwischengeschobenem Sinusmaßstab. Man maß die Entfernung also nach den

Regeln der Trigonometrie, indem man sich zwischen Geschütz und Ziel ein

rechtwinkliges Dreieck konstruierte. Die Verbindungslinie zwischen Ziel

und Geschütz, also die gesuchte Entfernung, war die eine Kathete des

Dreiecks, zugleich dessen Höhe. Der rechte Winkel lag beim Geschütz.

Die Basis des Dreiecks war der eine Maßstab. Die Hypotenuse wurde von

der Basis aus durch den zweiten Maßstab auf das Ziel hin visiert und

nun durch den Sinusmaßstab dieser Basiswinkel gemessen. Da man jetzt

die Länge der Basis und die beiden Winkel an der Basis kannte, mußte

die an dem Sinusmaßstab abgelesene Entfernung der Länge der zweiten

Kathete, d. h. der Zielentfernung entsprechen.

Im Jahre 1608 erschien von Leonhard Zubler, einem Züricher

Büchsenmeister, eine damals hochgeschätzte Schrift, welche die

Verwendung eines solchen Distanzmessers erläuterte. Der Titel der

Schrift lautet: „Newe Geometrische Büchsenmeisterey, d. i. Grundlicher

Bericht, wie man durch ein new Geometrisch Instrument mit sonderer

Behendigkeit jedes Geschütz nit allein richten, sondern zugleich auch

desselben Höhe und Weite messen soll.“ Tatsächlich sind mit dieser

Ankündigung die Aufgaben, welche Zubler seinem Instrument stellt,

noch keineswegs erschöpft. Es soll nämlich nicht nur zum Richten

und Justieren des Geschützes, sondern auch zum Distanzmessen, zum

Höhenmessen und Terrainaufnehmen dienen. Von den Gewohnheiten der

Büchsenmeister, all ihr Wissen geheimnisvoll zu gestalten, konnte

sich Zubler auch noch nicht frei machen, deshalb bleibt vieles in

seiner Schrift dunkel. Vielleicht kam es aber auch dem Mann darauf an,

durch seine Schrift die Fachgenossen aufzufordern, seine persönliche

Unterweisung zu suchen, um das Nähere über die Verwendung des

Instrumentes zu erfahren.

Der erste, der von der Anwendung eines Fernrohres zum Distanzmesser

spricht, ist der um die Kriegswissenschaften hochverdiente Philosoph

Leibniz. Er sagt im Jahre 1670 in einem an Spinoza gerichteten

Brief, er habe eine neue Form der Linse eines Fernrohres erdacht,

welche zugleich als Distanzmesser dienen könne. Leider gibt er die

Konstruktion nicht an.

85.

Ein Telegraph im Jahre 1616.

[Illustration: Optischer Telegraph, Kupferstich von 1616.]

Der Italiener Porta hatte 1589 in seinem weit verbreiteten Buch über

natürliche Magie Anregungen zur optischen Telegraphie gegeben. Der

aus Wetzlar stammende Maler Franz Keßler unternahm daraufhin Versuche

und legte deren Ergebnis in einer heute außerordentlich seltenen

Schrift „Secreta, Oder Verborgene geheime Künste“ nieder, die 1616 in

Oppenheim erschien. Wir sehen aus dem Bilde, daß eine telegraphische

Verbindung zwischen Napfort und Eckhausen geplant ist, um „durch die

freie Luft hindurch, über Wasser und Land von sichtbaren zu sichtbaren

Orten, alle Heimlichkeiten zu offenbaren und in kurzer Zeit zu

erkennen“. Auf beiden Stationen befinden sich brennende Feuertonnen.

Sobald der Beamte Hans auf der Station Napfort an einem Strick zieht,

wird sein Feuer dem Beamten Peter in Eckhausen sichtbar. Aus der Anzahl

der auf diese Weise zustande gekommenen Signalblitze läßt sich das

telegraphierte Wort von einer neben der Feuertonne liegenden Tafel

ablesen.

86.

Eine Schwimmausrüstung.

[Illustration: Schwimmausrüstung eines Jägers, Kupferstich von 1616.]

Keßler zeigt in seinem Buch auch, wie sich ein Jäger durch aufgeblasene

Schwimmhosen über Wasser erhalten und durch Klappruder an den Füßen im

Wasser fortbewegen soll. Bleischuhe verhindern das Umschlagen im Wasser.

87.

Gefährliche Beute.

[Illustration: Der Koffer als Höllenmaschine, Kupferstich von 1620.]

Boillot gibt im Jahre 1598 an, wie man dem Feind mit List Koffer,

Fässer oder Körbe mit Eiern auf den Weg stellen soll. Wer an

diesen Beutestücken die Stricke löst, oder den Kranz aus den Eiern

herauszieht, löst dadurch Radschlösser aus, die eine verborgene

Pulverladung zur Explosion bringen. Wir sehen, daß unter den Eiern

scharfe Eisenstücke verborgen liegen, die den Feind schwer beschädigen

müssen.

[Illustration: Die Eier-Kiepe als Höllenmaschine, Kupferstich von 1620.]

88.

Eine Schießpulvermühle mit Dampfturbine, 1629.

Dem gesuchten, und in Kriegszeiten geplagten Pulvermacher, der sein

gefährliches Gewerbe je nach Bedarf und Bezahlung bald in dieser

Stadt, bald bei jenem Landesherrn ausübte, seine Arbeit zu erleichtern,

trachtete der Urheber unseres kleinen Bildes.

[Illustration: Schießpulvermühle mit Dampfturbine, Holzschnitt von

1629.]

Es war ein kenntnisreicher Ingenieur, namens Branca, der im Jahre 1629

ein Buch über vielerlei neuartige Maschinen herausgab. Hier plant er,

das Stampfwerk eines Pulvermachers durch Dampfkraft zu betreiben.

In einer üblichen Perspektive wird gezeigt, wie mehrere Zahnräder die

Bewegung eines großen Dampfrades immer mehr verlangsamen und endlich

eine Walze drehen, an der zwei Stifte die Stampfer emporheben. Gegen

die Zellen des Dampfrades bläst ein Strahl aus einem lächerlich klein

gezeichneten Dampfkessel. Um dies Blasen dem Laien verständlich zu

machen, hat der Dampfdom die Gestalt eines blasenden menschlichen

Kopfes. Oben auf dem Schädel sehen wir die Verschraubung zum Einfüllen

des Wassers. Der Dampfkessel ruht etwas primitiv auf einer dreibeinigen

Pfanne, aus der die Flammen an den Kesselwandungen emporzüngeln.

Welch langer und mühseliger Weg, zwischen diesem Dampfrad und unsern

heutigen, ähnlichen Dampfturbinen, die uns unsere Kriegsschiffe treiben!

89.

Ledergeschütze.

Damit die Geschütze „erstlich nicht so viel kosten, zum andern,

daß solche leicht fortzubringen“ erfand der kaiserliche Oberst von

Wurmbrand im Jahre 1625 leichte Kartätschengeschütze aus dünnen

Kupferrohren, die mit Tauen umwickelt und mit Leder umhüllt waren. Da

Wurmbrand später zu den Schweden überging wurden diese ledernen Kanonen

Gustav Adolph bekannt und durch ihn während des dreißigjährigen Kriegs

berühmt. „Sie sind aber durch die Hern schweden selbst bald verworffen,

weil sie in wenig Schüssen zersprungen und zunichte worden.“ Die

Abschaffung geschah bei den Schweden bereits im Jahre 1631, und zwar

hauptsächlich deshalb, weil das dünne Kupferrohr sich stark erhitzte

und dadurch leicht eine Selbstentzündung der Ladung herbeiführte.

In Preußen wurden im Jahre 1627 vorübergehend Ledergeschütze benutzt.

Zwei Jahre später erfand der Leutnant Wolff Müller in Chemnitz ein

Ledergeschütz, von der der Kurfürst von Sachsen zwei Stück anfertigen

ließ. Nach einer Aufzeichnung des Dresdener Zeughauses müssen die damit

angestellten Versuche aber ungünstig verlaufen sein.

Im nächsten Jahre, 1630, „hat ein Geistlicher in Antorf ein

einpfündiges Geschütz aus einer Kupferröhre gefertigt, die mit eisernen

Platten belegt, durch Ringe zusammengehalten und mit Hanf umwickelt“

wurde und einen Anstrich von Tischlerleim erhielt.

Das Berliner Zeughaus besitzt gegenwärtig fünf Ledergeschütze aus

der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Eins stammt aus Stettin, ein

anderes aus Stralsund; die Herkunft der übrigen läßt sich nicht mehr

feststellen. Die Länge der Rohre schwankt zwischen 121 und 216 cm, das

Kaliber zwischen 3,5 und 6,1 cm. Zwei dieser Geschütze haben statt der

kupfernen Innenrohre sogar Lederkernrohre. Eins ist sogar ohne jedes

Metall gebaut, und vollständig elastisch. Was man mit einer solchen

biegsamen Kanone bezweckt hat, läßt sich nicht erkennen. Es ist nur

anzunehmen, daß in den Wirren des dreißigjährigen Krieges manches Mal

Geschütze aus dem ersten Material gebaut wurden, was zur Hand war. Not

kennt kein Gebot.

90.

Wallgucker und Opernglas.

Im heutigen Stellungskrieg spielt der alte Wallgucker wieder eine große

Rolle als -- neue Erfindung.

Der berühmte Danziger Astronom Hevelius gab im Jahre 1637 ein

Instrument an, das er „Polemoskop“ oder Wallgucker nannte. Es bestand,

wie heute, aus einer Röhre, an der oben und unten je ein Spiegel saß.

Hob man die Röhre mit ihrem einen Ende über den Rand des Walles, so

konnte man, ohne den Kopf herausstecken zu müssen, im Spiegel am untern

Ende alles sehen, was vor dem Wall geschah.

Aber nicht nur, daß dieses heute wieder so beliebte Instrument schon

Jahrhunderte alt ist, interessiert uns als Kuriosität, noch mehr, daß

aus diesem ehemals das „Opernglas“ hervorging.

Im Jahre 1755 beschrieb nämlich der Mathematiker Kästner den alten

Wallgucker unter der Bezeichnung „Operngucker“. Man sollte sich des

Instrumentes im Theater bedienen, um von seinem Platze aus, ohne sich

zu regen, rings Umschau halten zu können. Das Rohr war sehr kurz

gebaut. Man hielt das Ganze in der Hand verborgen vor ein Auge und

konnte nun, indem man das Rohr langsam drehte, unter sich, nach links,

nach oben und nach rechts in die Logen schauen. Kein Mensch wußte,

wohin man sah, weil es den Anschein hatte, als sehe man geradeaus auf

die Bühne; bei den Damen waren diese Gläser damals bald beliebt.

Unser heutiges Opernglas -- aus dem später der Feldstecher hervorging,

entstand aus der Vereinigung zweier Fernrohre. Man versuchte solche

Instrumente schon im Jahre 1609 zu bauen, doch führten sie sich erst

1823 unter dem Namen „Doppel-Theater-Perspektive“ ein.

91.

Stammt das Bajonett aus Bayonne?

Wir hörten schon, daß die Eingeborenen der Insel Borneo auf ihren

Blasrohren Lanzenspitzen als Bajonette anbringen. Seit wann sie dies

tun, wissen wir nicht. Es ist aber anzunehmen, daß sie einmal das

europäische Bajonett kennen lernten und es nachahmten.

[Illustration: Deutsches Bajonett, um 1640.]

Wir wissen auch nicht, wo das Bajonett bei uns aufgekommen ist. Daß

seine Einführung oder gar Erfindung ums Jahr 1643 in der französischen

Stadt Bayonne geschah, läßt sich durch nichts beweisen. Die ältesten

erhaltenen Bajonette besitzt das Zeughaus der Burg Schwarzburg an der

Schwarza. Die Länge der Messer schwankt zwischen 22 und 32 cm. Ein

eiserner Ring hält die oben abgebildete Waffe über dem Gewehrlauf fest.

Diese Bajonette stammen mindestens aus der Zeit, in der sie in Bayonne

erfunden sein sollen.

Sicher bekannt ist nur, daß die Franzosen das Bajonett bei ihren

Kämpfen in den Niederlanden im Jahre 1647 benutzten und dadurch die

Waffe bekannt wurde.

92.

Not macht erfinderisch.

Als der Hohentwiel, die herrliche Burg im Hegau, 1641 lange belagert

wurde, kamen die Belagerten auf den Einfall, sich eine Maschine zu

erbauen, die bei jedem Wind gehen mußte. Wir erkennen deutlich rechts

neben der Windmühle das riesige, dicht auf einem Turm liegende Rad

dieser Windturbine, deren Kraft den Belagerten das Wasser pumpen und

Getreide mahlen konnte.

[Illustration: Windmühle und große Windturbine auf dem Hohentwiel, um

1641.]

93.

Versteckte Schießwaffen.

Das Gewehr galt sowohl im Kampf, als auf der Jagd in der ersten

Zeit nicht als eine Herrenwaffe. Nur langsam gab der Ritter Lanze,

Streitaxt und Schwert als erste Angriffswaffe auf. Als die Gewehre zu

treffsicheren, gefährlichen Waffen geworden waren, versteckten findige

Waffenschmiede sie gern in Prunkwaffen für hohe Herrn. So sehen wir

hier einen Barten von sorgsamer Metallarbeit, der in seinem Schaft ein

Feuerrohr birgt. Der Mechanismus des Feuersteinschlosses ist in einem

Wulst untergebracht.

[Illustration: Radschloßgewehr in einem Streithammer versteckt, 16.

Jahrhundert.]

94.

Lobspruch deß edlen / hochberühmten Krauts Petum oder Taback / von

dessen Ankunfft / vnd gar löblichen Gebrauch bey manchen teutschen

Helden / sampt desselben waaren Krafft vnd Wirckung.

Der Tabak wurde in Mitteleuropa durch den dreißigjährigen Krieg erst

allgemeiner verbreitert. Kein Wunder, daß man diese „Unsitte“ nach

dem Krieg auszurotten versuchte. Aus einem in ABC-Form verfaßten

Flugblatt gegen den Tabak, das im Jahre 1652, also vier Jahre nach

jenem verhängnisvoll langen Krieg erschien, sei hier einiges mitsamt

den Bildern mitgeteilt. Zunächst wird das Kraut schlecht gemacht, „weil

es von wilden Leuten kömmt“; denn es „pflegt toll und voll und wilde

Leut zu machen“. Dann wird bei jedem Buchstaben etwas gegen den Tabak

vorgebracht.

Bei C heißt es zu unserm ersten Bild:

Der Teutsche lobt die neue Trunkenheit /

die sich gar wol zu der Bierkanne schikket.

er tuht jetzt auch ein Maul voll Rauchs bescheid

dem es allzeit im Sauffen sonst geglücket.

Schad ists / daß / die so viel erfunden haben /

die Teutschen nicht erdacht auch diese Gaben.

Der Veix / der kaum geschmeckt vor die Tür /

kömmt wieder / raucht und schmaucht im Haus herümme /

und denkt / er sey dadurch ein brav Monsieur;

zum Sauffen hat er gar eine gute Stimme.

Die Mutter murrt / die Schwester / ob den Buben /

sein Rauch beist sie fast alle aus der Stuben

[Illustration]

Beim Buchstaben D lesen wir:

Manch armer Tropf offt kaum in Kleidern stak:

noch steckt diß Kraut in seiner leeren Taschen.

hat er sonst nichts / so hat er doch Taback;

das truckne Maul plegt er damit zu waschen.

diß Kräutlein ist nit Stolz / ist voll Erbarmen:

man find es / wie bey Reichen / auch bey Armen.

Viel denken dann: der Kerle dörft je nicht

deß Praches; ließ er dafür die Hosen flicken.

Ja / Momus / hör zuvor / was ihn anficht:

er muß sich so in sein Verhängnis schikken,

Tabak fürn Hunger hilft: es ist gar Zucker

bey ihm das Brod / drüm schmäucht der arme Schlucker.

[Illustration]

Beim E heißt es:

So ist ein Kraut gewachsen für den Tod:

diß Kräutlein hier läßt niemand hungers sterben.

Do leiden jo die Weiber Hungersnoth /

Taback läßt sie die Nachtspeiß nit erwerbe.

er rückt das Fleisch offt ihnen aus den Zähnen /

macht Faste-nächt. Sie pflegens zu erwähnen.

Die eine klagt der andern: Ach mein Mann

der pflegt soviel des Plunders einzusauffen /

daß er hernach / du weist wol was / nit kann.

er schläft bey Nacht / und kan sonst nichts als Schnauffen.

Küßt er mich dann, so pflegt sein Mund zu stinken.

wie ein Schornstein. Der Teufel hol diß Trinken.

Und beim F steht:

Sie wünschen offt / daß der ersoffen wär

und straks erstickt / der erstlich Rauch gesoffen /

und der dies Kraut geholet über Meer.

Der Landsknecht wolt nicht / daß es eingetroffen:

Taback kürzt ihm im Feld die langen Stunden /

die Asche dient zu seines Pferdes Wunden.

Was führt der Krieg nit in die Länder ein?

der Bauer / daß ihn zwar sein Äcker kostet /

hat so gelernt Französisch / Welsch / Latein:

das Teutsche ist in seinem Maul verrostet.

Hat ihm sonst nichts genutz das Einquartieren /

so lehrt es ihn doch Rauch im Munde führen.

95.

Der Philosoph als Kriegstechniker.

Der große Philosoph und Staatsmann Leibniz hat sich viel mit der

Technik befaßt. Wir besitzen von ihm z. B. in Hannover noch eine

großartige Rechenmaschine, die ihren Verfertiger fast ein ganzes

Vermögen gekostet hat. Leibniz war auch an der Erfindung der

Dampfmaschine beteiligt, und besonders rührt die selbsttätige Öffnung

und Schließung der Ventilhähne von ihm her. Auch die Heißluftmaschine

ist seine Erfindung. Ferner sprach er zuerst die Idee des

Aneroidbarometers aus.

1714 weist er auf die Vorteile leichter Metallpontons an Stelle der

schweren hölzernen Kähne zum Brückenbau hin. Gleichfalls konstruierte

er einen Distanzmesser.

Im Jahre 1670 suchte Leibniz geschichtlich nachzuweisen, daß Alexander

der Große, Hannibal und Gustav Adolf ihre Erfolge im wesentlichen dem

Waffenwesen zu verdanken gehabt hätten. Von den Bomben sagt er damals:

„Wenn der erste Erfinder die Sache einem einzigen Fürsten mitgeteilt,

und dieser sein Geheimnis so wohl gewahrt hätte, wie die Chinesen

das ihrige beim Porzellan, so hätte er leichtlich Herr der ganzen

Welt werden können.“ An Stelle des Söldnerwesens wies Leibniz bereits

energisch auf die Notwendigkeit eines stehenden deutschen Heeres hin,

an dessen Seite außerdem noch eine Art Landwehr zu bilden sei. An

Stelle der Piken, von deren Unbrauchbarkeit er überzeugt war, sollte

das Bajonett treten.

Besonderen Wert legte Leibniz auf eine sichere Schußwaffe. Es seien

deshalb vor allen Dingen die Luntenschloßgewehre abzuschaffen und an

deren Stelle die Batterieschloßgewehre einzuführen, damit die Truppe

stets feuerbereit sei. Vom Radschloß hält er nicht viel, und er regte

darum den Gedanken an, auf irgend eine andere Art ein „lebendiges

Feuer“ im Gewehr zu verbergen, damit man daraus jederzeit zünden könne.

[Illustration: Verschluß eines Hinterladegewehrs von 1658.

Links der Lauf, rechts der Kolbenteil mit dem Schloß und der Kammer.

Der Lauf wird mit einer halben Drehung auf das unterbrochene Gewinde

aufgesetzt.]

Besonders auffallend ist folgende Stellung aus den Leibnizschen

„Gedanken der teutschen Kriegsverfassung“ (1670), wo der Philosoph

von Hinterlade- und Reptiergewehren spricht: „Neue Art sehr guter,

beständiger und in allem mehr vorteilhafter Feuerrohre, als die man

bisher gebraucht; nämlich man soll die Rohre von hinten laden, ~par

la culasse~, dergestalt, daß man nicht anders vonnöthen habe, als

hinten ein Gewerbe (-Wirbel, der sich in einem Gelenk dreht) aufzuthun,

die Kammer hineinzuschieben und dann vermittelst einer Feder wieder

zuschnappen lassen; welches mit großer Geschwindigkeit geschieht. Der

Schuß ist unvergleichlich schärfer und gerader, die Ladung (Ladeweise)

auch geschwinder als auf die gemeine Weise, und hat man dann keine

Stopfens und Pfropfens vonnöthen, aus dessen Ermangelung sonst doch

oft der Schuß ganz matt ist. -- Solches Gewehr würde zwar noch eins

soviel als das gemeine kosten, hingegen gut und beständig sein und wohl

zehnmal soviel Nutzen bringen.

Gewehr, daraus man oft ohne neue Ladung mit Pulver schießen kann, ist

zum gemeinen Gebrauch nicht bequem, dieweil alles darin gar zu nett

auf einander passen muß, sonst ist Gefahr dabei. Man könnte aber an

dessen Statt mit Wind ohne neue Ladung zum öfteren schießen; und weil

die Windbüchsen nicht leicht zu laden, solche hernach mit einem Schuß

Pulver wieder spannen.“

Ferner hebt Leibniz den großen Nutzen tüchtiger Waffenschmiede hervor.

Auch mit der Stückgießerei und mit gegossenen eisernen Geschützen

befaßt er sich. Endlich macht er Vorschläge zu Brandsätzen und

Höllenmaschinen und gibt einige Regeln der Ballistik und des Wurffeuers.

96.

Konserven für den Krieg.

Leibniz ist auch der erste, der daran dachte, die Truppen während

langer Märsche oder anderer großer Anstrengungen durch Verpflegung mit

Konserven dauernd bei ausreichenden Kräften zu erhalten. Die besten

Mittel hierzu beschreibt Leibniz in einer in Hannover aufbewahrten

Handschrift, die als „Utrechter Denkschriften“ bezeichnet ist. Seine

Konserven nennt er „Kraft-Compositiones“.

Aber schon in früheren Jahren, um 1680, hatte Leibniz mit dem Erfinder

der Dampfmaschine, dem Marburger Professor Papin, über das Einkochen

der Konserven korrespondiert. Papin hatte sich seit der Erfindung

seines verschließbaren Dampfkochtopfes mit dem Einkochen von Fleisch

und Gemüse beschäftigt. Auf Grund dieser Erfahrungen konnte er Leibniz

mitteilen, daß er die zum Einmachen verwendeten Gefäße mit schwefeliger

Säure behandele, das Einlegen der Konserven im luftleeren Raume

vornehme und den Deckel mit Kitt abdichte.

Leider wurden diese Vorschläge damals nicht berücksichtigt. Erst im

Jahre 1807 machte die französische Marine Versuche mit konservierter

Fleischbrühe, konserviertem Fleisch und Gemüsekonserven.

97.

Fleischextrakt im Kriege.

Ein „Extract aus Fleisch, dessen Composition mir bekannt ist“ wird

gleichfalls von Leibniz ums Jahr 1714 in den Utrechter Denkschriften

erwähnt. Auch hierüber hatte Leibniz mit Papin korrespondiert.

Allerdings kommt damals die Bezeichnung Fleischextrakt noch nicht vor,

sondern es ist nur von der Bereitung eines höchst nahrhaften Gelées die

Rede, das die geistigen und flüchtigen Bestandteile des Fleisches, die

man beim üblichen Einsalzen verliere, festhalte.

Niemand beachtete diese Anregung. Erst Napoleon I. ließ 100

Jahre später den Verwundeten in Ägypten Fleischextrakt zur Stärkung

geben. Eine Bedeutung erlangte der Fleischextrakt erst, als der

Hamburger Ingenieur Giebert im Jahre 1863 das Liebigsche Verfahren zur

Bereitung des Fleischextraktes in riesigem Maßstab in den viehreichen

Gegenden von Südamerika zur Durchführung brachte.

98.

Ein Prophet des Luftkrieges vor 250 Jahren.

Vor 250 Jahren arbeitete der Jesuit Lana eifrig an einem umfangreichen

Werk „um die inneren Prinzipien der Naturwissenschaft nach genauer

Methode von Versuchen und Erfindungen aufzudecken“. In diesem, dem

Kaiser Leopold I. gewidmeten Buch werden eine Reihe von Erfindungen,

z. B. die Chiffreschrift, die Blindenschrift, Apparate für die

Wetterkunde, Säemaschinen, Fernrohre usw. behandelt. Besonders

eingehend beschäftigt Lana sich mit seinem eigenen Plan zur Herstellung

eines Luftfahrzeuges. Die Natur der Gase war damals noch wenig bekannt,

wohl aber wußte man durch die Versuche des geistvollen Magdeburger

Bürgermeisters Otto v. Guericke, daß ein luftleeres Gefäß wesentlich

leichter ist, als ein mit Luft gefülltes. Auf diese Tatsache stützte

Lana seinen Plan. Er wollte vier dünnwandige Kugeln aus Kupfer oder

Glas anfertigen, die Kugel luftleer pumpen, und sie über einer Gondel

befestigen. Er schloß richtig, daß er mit diesem Fahrzeug in die Luft

steigen könne. Theoretisch hat Lana vollständig recht, und die Idee

des Vakuumluftschiffes ist bis auf unsere Tage immer wieder verfolgt

worden. Praktisch ist die Idee undurchführbar, weil der Luftdruck die

dünnwandigen Ballongefäße eindrücken würde.

In Lanas Plan, der im Jahre 1670 im Druck erschien, interessiert uns

heute die folgende Stelle „... sonst sehe ich keine Schwierigkeiten,

die man vorbringen könnte, außer einer, die mir größer erscheint als

alle andern: Gott wird niemals zugeben, daß eine solche Maschine

wirklich zustande kommt, um die vielen Folgen zu verhindern, die die

bürgerliche und politische Ordnung der Menschheit stören würden. Denn

wer sieht nicht, _daß keine Stadt vor Überfällen sicher wäre_, da ja

das Schiff zu jeder Stunde über dem Platz derselben erscheinen und die

Mannschaft sich herablassen und aussteigen könnte. Dasselbe geschehe

in den Höfen der Privathäuser _und bei den Schiffen_, die das Meer

durcheilen. Ja, wenn das Schiff nur aus hoher Luft bis zu dem Segelwerk

der Meerschiffe herabstiege, könnte es die Taue kappen, und auch ohne

herabzusteigen, könnte es _mit Eisenstücken_, die man aus dem Schiff

nach unten werfen könnte, die Fahrzeuge zum kentern bringen, die

Mannschaft töten und die Schiffe mit künstlichem Feuer, _mit Kugeln und

Bomben in Brand stecken_. Und nicht nur Schiffe, sondern auch Häuser,

Schlösser und Städte mit völliger Gefahrlosigkeit für diejenigen, die

aus ungemessener Höhe solche Sachen herabwürfen.“

Professor Lohmeier aus Rinteln ließ sechs Jahre später durch einen

seiner Schüler die Lanasche Arbeit in weitgehendem Maße zu einer

Doktorarbeit benutzen, und antwortete darin: „Hat Gott die Erfindung

der Säbel, Flinten, der Kanonen und des Pulvers, womit einige

Jahrhunderte her soviel Blut vergossen worden ist, nicht verhindert,

warum sollte er diese Kunst verhindern? Der Staat wird, wenn es einmal

dahin kommen sollte, schon Gegenmittel finden und, gleich wie wir

Flinten gegen Flinten und Kanonen gegen Kanonen gesetzt haben, _so

würden wir auch Luftschiff gegen Luftschiff vorrücken lassen und

förmliche Luft-Bataillen_ liefern.“

99.

Küchen-Dragoner.

Was heute ein Küchendragoner ist, das brauche ich doch nicht zu sagen.

Aber, wie wir zu dieser Bezeichnung kamen, ist interessant zu lesen.

Es gab in den Jahren 1689 bis 1704 drei Dragonerregimenter, die die

dienstliche Bezeichnung „Hofstaats- und Küchendragoner“ führten,

und zwar deshalb, weil sie damals den Dienst am Hofe und besonders

in der Hofküche versehen mußten. Als der „alte Dessauer“ -- Fürst

Leopold von Anhalt-Dessau -- im Jahre 1729 die Stammliste der

preußischen Regimenter aufstellte, schrieb er über das Reiterregiment

von Blanckensee Nr. 4, es sei „anno 1674 von denen Hofstaats- oder

Küchendragonern“ gebildet und zum Leibregiment ernannt worden. Daß

gerade dieses Regiment zu den Küchendragonern gehörte, ist nicht

nachgewiesen worden. Es scheint also, daß der alte Dessauer sich hierin

irrte. Die heutige scherzhafte Bezeichnung „Küchendragoner“ geht aber

doch auf diese ehemalige dienstliche Bezeichnung zurück.

100.

Wie eine Kriegsflugmaschine im Jahre 1709 aussehen sollte.

Ein Kurier, der mit allerlei neuen Nachrichten anfang Juni 1709 nach

Wien kam, berichtete auch über eine Flugmaschine, die am 24. Juni in

Portugal erprobt werden sollte. Man veröffentlichte damals in Wien

sogleich diese Neuigkeit mit dem nebenstehenden Bild in der Zeitung:

„... eine Kunst zu fliegen, vermittelst welcher man in 24 Stunden durch

die Lufft 200 Meyl machen, denen Kriegs-Heeren in denen weit entlegenen

Ländern die Ordre, auch zu jenen neben denen Brieffen, Volck, Lebens-

Kriegs- und Geld-Mitteln überschicken“ könne.

Nicht weniger könne man „die belagerten Plätze mit allen

Nothwendigkeiten versehen“. Diese Erfindung sei von einem Brasilianer

gemacht und dem König von Portugal angeboten worden.

Kein Wunder, daß die Nachricht von diesem Kriegsluftfahrzeug schnell

durch Sonderdrucke und Flugblätter verbreitet wurde. Ein findiger

Buchdrucker erweiterte die Nachricht sogar und erzählte sogleich von

einer geschehenen Luftreise von Portugal nach Wien. Die Reise sei sehr

gefährlich gewesen und der Luftschiffer habe mit Adlern, Störchen und

auf der Erde unbekannten Vögeln kämpfen müssen. Auf dem Mond sei ein

großer Tumult entstanden, als das Luftschiff gesichtet worden sei,

und der Luftfahrer habe die Mondbewohner deutlich erkennen können.

Leider sei die Landung in Wien mißlungen; denn das Fahrzeug sei gegen

die Spitze des Stephansturmes gefahren und dort hängen geblieben,

so daß man den Luftfahrer nur mit Mühe habe retten können. Zunächst

habe man den kühnen Mann in Wien gastlich aufgenommen, hernach aber

doch eingesehen, daß er ein Hexenmeister sei, sodaß man ihn verhaften

mußte. Er „dürffe nebst seinem Pegaso erster Tage verbrandt werden;

vielleicht; damit diese Kunst, welche, wenn sie gemein werden sollte,

große Unruhe in der Welt verursachen könnte, unbekannt bleiben möge“.

[Illustration: Phantasie einer Luftfahrt von Portugal nach Wien, 1709.]

Von der „großen Unruhe“, die die Luftschiffahrt zu bringen vermag, kann

jetzt manche Stadt, zumal London etwas erzählen.

101.

Die Vorahnung des Luftballons im Jahr 1710.

[Illustration: Mondfahrt mit einem Luftballon, der mit Rauch gefüllt

werden soll, 1710.]

Wir hörten, daß der mit warmer Luft gefüllte Ballon zwar im Mittelalter

bekannt gewesen ist, daß die Kenntnisse zu seiner Herstellung mit der

Zeit aber verloren gingen. Erst im Jahre 1782 füllte man in Frankreich

wieder einen großen Ballon mit warmer Luft, und im folgenden Jahr

begann dann die Zeit der gasgefüllten Ballone.

Und doch sehen wir hier einen Luftballon gen Himmel steigen, wenn auch

der Künstler den Ballon selbst ein wenig zu klein, oder die Gondel zu

groß gezeichnet hat. Wir haben das Titelblatt eines vielgelesenen

Romanes „Reise nach dem Mond“ vor uns. Dort wird erzählt, wie man

mittelst einer mit Rauch gefüllten Kugel in die Luft emporsteigen kann.

So haben also ein Dichter und ein Maler fast dreiviertel Jahrhundert

früher die Darstellung eines Luftballons gegeben, ohne daß jemand hier

den so überaus fruchtbaren Gedanken fand.

102.

Ein Riesenweck für die Manöver von 1730.

Eine Liebesgabe von gewaltiger Abmessung sandte man im Juni des Jahres

1730 den Kgl. polnischen und Kurfürstlich sächsischen Truppen ins

Hauptquartier.

Wir sehen links auf dem Bilde einen schwebenden Engel, der die

Zeichnungen des Grundrisses und des Ofenprofiles, sowie die Darstellung

des zehn Ellen langen Messers, das zum Zerschneiden der Liebesgabe

diente, hält. Der Ofen selbst ist im freien Felde aufgemauert. Der

Dresdner Bäckermeister Zacharias leitete das gewaltige Unternehmen.

Er rührte einen Teig aus 18 Scheffeln Mehl, 1½ Tonne Hefe, 326

Kannen Milch, 3600 Eiern und drei Pfund Muskatblüten. Auf einer

Bretterunterlage brachte man den Teig mit Hülfe der vor dem Ofen

aufgestellten Maschine mittelst Stricken in den Ofen, und zog ihn

hernach wieder so heraus. Der „Strietz oder Kuchen“ maß 18 Ellen in der

Länge, acht Ellen in der Breite und 1½ Schuh in der Höhe.

[Illustration: Die größte Liebesgabe, 1730.]

Im Vordergrund des Bildes sehen wir den Kuchen auf einem besonders

zu diesem Zweck erbauten Wagen, von acht Pferden gezogen und unter

militärischer Bedeckung in das Königliche Hauptquartier bei Radewitz

geführt.

103.

Die erste Dampffahrt eines Kriegsschiffes.

Die Engländer verstanden es von jeher, sich alle Erfindungen zu Nutzen

zu machen, die der Schiffahrt und dem Seekrieg dienen konnten.

Von besonderer Wichtigkeit mußte der englischen Flotte eine Erfindung

sein, mit deren Hülfe sie ihre Kriegsschiffe bei windstillem Wetter

aus oder in den Hafen bringen konnte. Auf hoher See findet sich schon

ein wenig Wind, wenn es am Lande auch noch so still ist. Der Engländer

Jonathan Hulls ließ sich am 21. Dezember 1736 ein Schiff patentieren,

in dem ein Dampfkessel mit Dampfmaschine untergebracht waren. Die

Dampfmaschine trieb ein großes an Heck liegendes Schaufelrad. Wir sehen

auf unserm Bild deutlich das Rad und die dazugehörige Seiltransmission.

Ein solches Dampfschiff nahm die Fregatte ins Schlepptau. Es wird

berichtet, daß die englische Admiralität mit dieser Erfindung sogleich

einen Versuch anstellen ließ. Näheres ist nicht bekannt geworden, weil

der Versuch, wenn er überhaupt stattgefunden hat, wahrscheinlich geheim

gehalten wurde.

[Illustration: Schleppdampfer für Kriegsschiffe, 1736.

Modernste Kriegswaffen - alte Erfindungen · 第 6 / 8 题