29.
Die „Revolver“-Kanone im Jahre 1405.
Die Umständlichkeit, mit der man die ersten Geschütze laden mußte,
hatte eine äußerst geringe Feuergeschwindigkeit zur Folge. Unter einer
Viertelstunde konnte man selbst ein kleines Geschütz nicht laden,
und bei größeren dauerte es über eine Stunde und mehr. Deshalb lag
der Gedanke nahe, mehrere Rohre im geladenen Zustande so auf einer
Drehscheibe oder um eine Walze anzuordnen, daß man eines nach dem
anderen schnell abschießen konnte.
Kyeser zeichnet verschiedene derartige schnellfeuernde Geschütze. Am
interessantesten ist die kleine Malerei, die ein „~revolvendus~“
schießendes Drehgeschütz zeigt. Wir erkennen eine starke hölzerne
Walze, die auf einer Achse drehbar lagert. Seitlich ragt aus dem
Holzklotz ein Hebel heraus, sodaß man die Walze bequem drehen kann.
Kyeser sagt: „Dieser große mit sechs Büchsen versehene Block ist in
besonderer Art drehbar. Nach dem ersten Schuß dreht er sich, es folgt
der zweite, und so fort. Dadurch werden die Feinde getäuscht, die nach
dem ersten Schuß keinen weiteren erwarten.“
[Illustration: „Revolver“-Geschütz, 1405.]
30.
Sprenggeschosse von Anno 1405.
Kyeser zeichnet uns hier Sprenggeschosse. Sie sind mit Schießpulver
gefüllt und entweder mit starkem Leder umnäht (oben rechts), oder fest
umschnürt (Mitte): „Fülle diese Sprenggeschosse mit Schießpulver; ein
Feuerstrahl wird aus ihnen hervorstürzen, alles zerstören, was er
erreicht: so richtet man großen Schaden an.“
[Illustration: Kyesers Sprenggeschosse, 1405.]
Wir hören von Kyeser auch, wie der Aberglaube der Zeit noch in der
Praxis steckt. Es soll nämlich nach der Kyeserschen Vorschrift
Salpeter in eine Eierschale geladen, und diese ins Feuer gelegt
werden. Pulverisiert man dann die Eierschale, „und mischt sie mäßig
dem Pulver bei, und ladet damit ein Sprenggeschoß, so wird das Geschoß
zerspringen.“
31.
Bomben mit Seife und Teufelsdreck; Stinkbomben.
Auf einem Blatt bildet Kyeser fünf Fässer ab, und neben jedes dieser
Fässer schreibt er die Verwendungsmöglichkeit:
„Im Seekrieg schleudere mit Kalkstaub gefüllte Wurfgeschosse, durch die
du die Augen der Feinde blendest und diese so leicht besiegst.“
„Mit flüßiger Seife gefüllte Fäßchen schleudere auf Schiffe oder
Brücken. Dadurch werden diese schlüpferig, die Feinde stürzen, und du
siegst so durch List.“
„Oder du kannst Fäßchen mit Pech, Schwefel, Teufelsdreck, Öl, Kampfer,
Vernisium oder gutem Petroleum füllen, diese anzünden und auf Schiffe
oder Brücken schlendern, und diese werden verbrannt.“
„Oder du kannst sie mit altem übel riechendem Kot füllen und
schleudern, wohin du willst, so werden die Leute ohnmächtig und der
Boden wird schlüpfrig“ -- also Stinkbomben!
„Einzelne Gräben kannst du einebnen: werfe listigerweise mit Sand,
Erde oder Schotter gefüllte Fäßchen in den Wassergraben, dann stürmst
du trockenen Fußes und unter dem Schutz von Sturmdächern die Mauern,
besteigst sie im Kampf und besiegst den Feind.“
32.
Wein als Waffe.
Betrachten wir dieses Bild aus der Kyeserschen Handschrift:
[Illustration: Wein-Angriff, 1405.]
Im Hintergrund ein Faß auf einem Handwagen. Zwei gerüstete Krieger
daneben mit fröhlichen Mienen beim Wein.
Im Vordergrund links eine Quelle, in die sich ein Krieger eine
Feldflasche mit Wein zur Kühlung gestellt hat. Im hohen Gras versucht
der -- in der Perspektive damals selbstverständlich noch unerfahrene
-- Zeichner drei weinselige Krieger in schlafender Stellung
unterzubringen. Doch jeder von ihnen wird von einem nur schwach
gerüsteten Bauern unsanft geweckt und mit dem Knüttel erschlagen.
Kyeser gibt zu dieser sonderbaren Darstellung die Erklärung, daß man
Wurzeln gewisser Bäume einkochen und dem Wein beimischen soll: „So
kannst du mit einem Faß, daß man noch auf einem Lastwagen zu führen
imstande ist, eine große Legion vernichten. Es ist dies ein großes
Geheimnis der Weisen, des Wirkung du sehen wirst, wie es dir beliebt.
Ist kein Essig vorhanden, dann gibt es kein anderes Gegengift; denn
dieses Betäubungsmittel lähmt in kurzer Zeit. Bringst du einem einen
besonderen Samen durch dieses Getränk bei, so fassen sich die Trinker
an den Kopf und bekommen lahme Füße. Dies oben Geschriebene merke dir.“
33.
Ein Festungs-Aufzug mit Kraftbetrieb.
Als auch selbst die kleinen Städte im Mittelalter ihre eigene
Herrschaft führten, waren Überfälle aus der Nachbarschaft täglich zu
erwarten. Die Ingenieure trachteten deshalb danach, die wehrhaften
Bürger möglichst schnell auf die Verteidigungstürme der Festung hinauf
zu bringen. Das beste Mittel hierzu blieb der Aufzug.
Wir wissen heute, daß man schon im alten Rom den Aufzug kannte, und
dazu benutzte, um ohne lange Zwischenpausen die Kämpfer und die wilden
Tiere im großen Zirkus in die Arena fahren zu lassen.
[Illustration: Aufzug mit Windradbetrieb, 1405.]
Kyeser zeichnet hier einen Aufzug, und wenn wir von der etwas
wunderlichen Zeichnungsart absehen, ist die Darstellung ohne weiteres
verständlich. Wir erkennen die senkrecht stehenden Fahrschienen,
zwischen denen der Fahrkorb auf- und abgleitet. Nun ist aber noch
eine Maschinerie vorhanden, bestehend aus zwei ein wenig rückwärts
gelagerten Achsen, die an jedem Ende ein großes Windrad tragen. Um die
Achsen schlingt sich das Förderseil, und zieht, vorausgesetzt, daß
Wind geht, den Fahrkorb in die Höhe. Die Einzelheiten der Maschinerie,
besonders die Ausrückvorrichtung, die Bremse usw. läßt Kyeser in
seiner Skizze weg. Erklärend sagt er: „Die durch Wind arbeitende
hölzerne Maschine wird auf diese Weise gebaut: in dem in der Mitte
befindlichen Kasten sitzt der Mann, der sich durch Straffziehen des
Seiles emporhebt, durch Nachlassen herabläßt. Manche bringen unten noch
zwei Windräder an, dann ist der Gang sicherer, kräftiger und schneller.“
34.
Spiegelnde Schilde.
[Illustration: Der Spiegel als Waffe, 1405.]
Spaßig wirkt die Kyesersche Erklärung zu einer Malerei, die zwei
geharnischte Ritter im Dolchkampf zeigt. Oben links scheint die
Sonne in glühender Fülle: „Wenn der Kämpfende seinen Schild nach der
Sonne richtet, verrichtet er mit Hülfe der Sonne Mannes-Taten; denn
flimmernde Strahlen entsendet die Leuchte des Himmels und blendet das
Auge des anderen Mannes, der so besiegt werden muß. Denn der Schild
spiegelt das Bild der Sonne wieder.“
35.
Erschröckliche Kriegsmaschinen.
[Illustration: Das „Martiale“, 1405.]
Erinnern wir uns, daß Kyeser in der Zeit lebte, da Geschütze und
Gewehre noch neu waren, und die Kriegsweise des Altertums noch nicht
verdrängt hatten. So wundert es uns nicht, in seinem Werk eine Reihe
von Kriegsmaschinen zu finden, denen auch er keine Bedeutung mehr
beimessen konnte, die er aber erwähnen mußte, um zu zeigen, daß er das
durch die Länge der Zeit Geheiligte kannte und anscheinend schätzte.
Da sehen wir denn z. B. wie zwei Krieger einen riesigen eisernen Kopf
auf einem Rädergestell einen Hügel hinanschieben: „Dieses bewaffnete
Haupt, das auf zwei Rädern geschoben wird, und beiderseits mit den
Ohren schneidet, tötet, was es mit seiner Zunge und dem Horn sticht,
und wird Martiale genannt. Innen von Holz, ist es von außen mit
starkem Eisen gerüstet, damit es nicht mit zweischneidigen Hämmern
oder anderen Werkzeugen zerstört werden kann. Der indische König Porus
führte dieses Kriegsgerät, durch das er die Feinde besiegte, indem er
viele damit tötete.“
Es ist also einer der in der Kriegsführung des Altertums beliebten
Sichelwagen, zu seiner Wirkung jedoch auch auf das Grauenerregen
berechnet.
36.
Luftkissen im Mittelalter.
[Illustration: Luftkissen mit Blasebalg, 1405.]
Hier zeichnet uns Kyeser ein aus Leder zusammengenähtes Luftkissen.
Rechts oben erkennen wir einen kleinen Blasbalg, durch den man es
füllen kann. Mit den beiden Riemen bindet man die Füllöffnung fest zu:
„Das aufblähbare Ruhekissen wird auf allen vier Seiten mit starker Naht
versehen, sodann ein Blasbalg in dasselbe eingeführt, dadurch mit Luft
gefüllt und dann mit Schnüren unterbunden.“
37.
Schneeschuhe.
[Illustration: Schneeschuh, Holzschnitt von 1645.]
Daß Schneeschuhe, Schlittschuhe und andere meist nur zu lustigem Sport
dienende Geräte in einem Feldzug eine hohe Bedeutung haben, hat der
vergangene Winter uns gelehrt. Der heute so beliebte Schneeschuh,
auf dem man schnell über losen Schnee dahingleiten kann, hat seinen
Vorläufer in dem Schneeschuh, der nur das tiefe Einsinken in den Schnee
zu verhindern hat, in dem sogenannten Schneereifen. Schon Xenophon
berichtet uns ums Jahr 350 vor Chr., daß die Armenier zur Winterzeit
ihren Pferden Säcke um die Füße binden, um die Sohlenfläche des Tieres
zu vergrößern und so das Einbrechen zu verhindern. Fast 400 Jahre
später erzählt Strabon, das man im Kaukasus ungegerbte Ochsenfelle
unter die Füße befestigte, um im Schnee nicht einzubrechen. In Norwegen
war der Schneeschuh im 10. Jahrhundert schon bekannt. Die altnordische
Mythologie hat eine besondere Schneeschuhgöttin. Das Schiff wird dort
auch „Schneeschuh des Meeres“ genannt, woraus man schließen kann, daß
der Schneeschuh im Norden älter ist, als die Seeschiffahrt. Das um das
Jahr 1265 verfaßte Buch „Konungs skuggsjá“, d. h. Königsspiegel, eine
zusammenfassende Beschreibung von Grönland sagt: „Die Vögel im Fluge
oder die schnellsten Windhunde oder Rennntiere überholt der Läufer mit
Schneeschuhen an den Füßen.“
[Illustration: Schneereifen, 1405.]
Kyeser sagt, man soll sich aus Stroh Ringe flechten und diese mit
Strohbändern unter die Füße der Menschen und Pferde binden; dann werde
man nicht im Schnee versinken. Jetzt besteht der Schneereif aus einem
hölzernen Ring, der mit Seilen durchflochten ist. Auf diesen liegt ein
Stück Leder, das man unter den Fuß bindet.
38.
Seilschwebebahnen im Krieg.
[Illustration: Seilschwebebahn, Malerei von 1411.]
Die niedliche Malerei einer Seilschwebebahn, die wir hier sehen, stammt
aus einer technischen Handschrift, die sich in der Hofbibliothek in
Wien befindet. Die Zeichnung ist in ihren Einzelheiten zwar nicht sehr
genau, doch erkennen wir deutlich, wie der Mann einen Korb zu der
Burg hinüberkurbelt. Seit jener Zeit findet man in kriegstechnischen
Handschriften Seilschwebebahnen häufig dargestellt, um Geschütze oder
Menschen über Flüsse oder Täler zu befördern. Auch zum Festungsbau wird
die Seilschwebebahn schon im Jahre 1592 verwendet, um die Erde auf
größere Entfernungen wegzuschaffen.
Die erste Seilschwebebahn, von deren Ausführung wir wissen, wurde
im Jahre 1644 in Danzig erbaut, als man innerhalb der Festung eine
Bastei anlegte. Die nötige Erdmasse mußte vom außerhalb der Festung
liegenden Bischhofsberg herangeschafft werden. Um die Anlage einer
guten Fahrstraße und einer starken Brücke über den Festungsgraben zu
ersparen, baute der leitende Ingenieur eine Seilbahn, die bei den
Zeitgenossen großes Aufsehen erregte. Ein langes Seil „mit etlich
hundert angehängten kleinen Eymerlein“ wurde auf Pfosten von der Bastei
zum Bischofsberg hin- und hergeleitet. An den beiden Enden ging das
Seil über große Scheiben, die von Pferden getrieben wurden. „Wie nun
drei Männer bestellt waren, welche die Erdschollen auf dem Berge nach
und nach in die Eimer füllten, so waren auch etliche andere in der
Stadt, die solche im Laufe umstürzten und ausleerten, und so wurde der
Berg oder dessen Erde ohne Wunderwerk versetzt.“ Man verkaufte damals
in Danzig sogar einen großen Kupferstich, der diese Anlage in allen
Einzelheiten zeigte. In der Danziger Stadtbibliothek wird noch heute
ein langes Lobgedicht auf diese Bahn aufbewahrt.
Die Erfindung von _Drahtseil_-Schwebebahnen gebührt dem
Bergassessor von Dücker. Die erste große Ausführung wurde dadurch wenig
bekannt, daß sie im Auftrag des Staates nach dem deutsch-französischen
Krieg zu den Festungsbauten bei Metz erbaut wurde. Erst vor einigen
Jahren konnte ich die Erfindung aus den Akten der Fortifikation zu Metz
veröffentlichen.
39.
Wie man einer Wache den Teufel an die Wand malte.
[Illustration: Der Projektionsapparat im Krieg, um 1420.]
Die Münchner Hof- und Staatsbibliothek besitzt unter ihren reichen
Schätzen an Handschriften auch ein überaus merkwürdiges Geheimbuch
eines Kriegsingenieurs, namens Joannes Fontana, das ums Jahr 1420
verfaßt sein mag. Nach einer neueren Forschung war dieser Fontana
in den Jahren 1418 bis 1419 Rektor der artistischen Fakultät der
Universität Padua.
Um seine Geheimnisse nicht zu verraten, schreibt Fontana sämtliche
Aufzeichnungen in einer Geheimschrift. Wir erkennen diese in den
letzten drei Zeilen auf unserm Bild. Weit später hat jemand diese
Geheimschrift entziffert und den lateinischen Text in lesbarer Schrift
über die Geheimschrift geschrieben.
In dieser Handschrift werden alle möglichen geheimen Mitteln angegeben,
deren man sich besonders im Kriege bedienen soll. Eines unter ihnen
ist eine Zauberlaterne um bei Nacht den Feind zu erschrecken. Wir
sehen in der linken unteren Ecke des Bildes einen orientalisch
gekleideten Menschen, der eine runde Laterne in der Hand hält. Auf
der gewölbten Scheibe der Laterne ist, wie man deutlich zu erkennen
vermag, ein grausiger Teufel mit Flügeln, Hörnern und Krallen
gemalt, der einen gefährlichen Spieß schwingt. Wir bemerken auch den
kegelförmig aufgerollten Wachsstock auf dem Boden der Laterne, der
dieses Teufelsbild von innen her beleuchtet. Den übrigen Teil der
Laternenscheibe müssen wir uns durch Blech, oder durch schwarze Farbe
abgeblendet denken. Nähert man sich mit einer solchen Laterne einer
weißen Wand, so wird dort die Teufelsfigur vergrößert -- natürlich aber
auch verschwommen -- sichtbar werden. So zeigt denn Fontanas Zeichnung
auch, wie der Teufel recht groß und greulich auf der Wand erscheinen
soll.
Über zweihundert Jahre später findet sich die Zauberlaterne wieder,
nachdem man sie mit geschliffenen Gläsern der inzwischen erfundenen
Fernrohre versehen hatte. Heute feiert diese Laterne magica im
Kinematographen ihre höchsten Triumphe.
40.
Der erste Torpedo -- Anno 1420.
Fontana ist auch der erste, der uns die heute so gefürchtete
Torpedowaffe im Bilde zeigt. Wir erkennen ein kleines, spitziges
Fahrzeug, ringsherum geschlossen und mit zwei, nach hinten
hinausragenden Seitensteuern versehen. Zwischen diesen sitzt eine Öse,
an die ein Seil mit einem nachschwimmenden Mittelsteuer geknüpft wird.
Das Fahrzeug ist vorn mit einem langen, spitzen Widerhaken versehen,
und in seinem Innern mit Schießpulver gefüllt.
[Illustration: Selbstfahrender Torpedo, 1420.