Zeichnung von etwa 1480]

Betrachten wir zunächst das nebenstehende Bild, das uns die

Konstruktion schneller klar macht. Wir sehen eine Strickleiter mit

starren Sprossen. Links trägt jede Sprosse eine Bohrung; rechts je

einen Stift. Die Stricke zwischen zwei Sprossen sind so lang, daß

man den Stift der zweiten Sprosse in die Bohrung der ersten stecken

kann. Steckt man dann die dritte Sprosse auf den Stift der zweiten,

und fährt so fort, so erhält man eine lange Stange. Auf diese Stange

steckt man zuletzt den großen Haken (in der Zeichnung sind die zu

diesem Haken führenden Seile zu kurz gezeichnet). Man kann also den auf

der Stange sitzenden Haken auf eine Mauer auflegen. Zieht man alsdann

an der untersten Sprosse, so werden die Stifte aus den Bohrungen

herausrutschen und es kommt eine Leiter zustande.

Es ist dies also eine Strickleiter, die auch zum Aufsteigen benutzt

werden kann, während die gewöhnliche Strickleiter nur zum Absteigen

verwendbar ist.

Jüngst fand ich eine solche Steckstrickleiter schon in einer im Wiener

Hofmuseum befindlichen Handschrift vom Jahre 1435 abgebildet. Ums Jahr

1620 findet sich diese Leiter mit einer Vorrichtung dargestellt, durch

die man den Haken wieder von der Mauer entfernen kann, wenn man an

einem dritten Strick zieht. Man brauchte also die Leiter dem Feinde

nicht zu überlassen, wenn der Aufstieg mißlungen war.

26.

Das erste Kriegsbuch in Deutschland.

Am 28. August des Jahres 1405 vollendete der aus Franken stammende

Ingenieur Konrad Kyeser von Eichstädt ein Prachtwerk, in dem er alles

zusammentrug, was zur technischen Kriegsführung seiner Zeit geeignet

war. Über drei Jahre lang wurde an der kostbaren, auf Pergament

geschriebenen und mit mehreren hundert Malereien gezierten Reinschrift

gearbeitet. Diese Reinschrift war für Kaiser Rupprecht von der Pfalz

bestimmt; sie wird heute auf der Universitätsbibliothek in Göttingen

aufbewahrt.

Kyeser gibt seinem Werk den lateinischen Titel Bellifortis, womit er

andeuten will, daß der Besitzer dieses Buches zum Krieg besonders

gestärkt sei. Zu Anfang seiner umfangreichen Einleitung betet Kyeser:

„O höchste Weisheit, verleihe mir Klugheit, bis ich die scharfsinnigen

Pläne zu Ende geführt habe, durch die der ganze Erdkreis mit wilder

Tapferkeit bezwungen wird.“

Soll man nicht glauben, diese Worte wären ein halbes Jahrtausend später

für uns geschrieben? Doch hören wir noch weiter, was Kyeser in seiner

lateinischen Widmung des Werkes zu sagen weiß.

Soll das Buch zunächst dem Kaiser gehören, so vergißt Kyeser doch

nicht, es auch den berühmten Herzögen, den äußerst kriegstüchtigen

Landgrafen, den glänzenden Rittern, den hochherzigen Heerführern,

den kühnen Hauptleuten, den kraftvollen Kapitänen, den ausdauernden

Soldaten und andern Ständen zuzueignen.

Seine deutsche Heimat liebt Kyeser über alles: „Rühmt sich Indien

seiner Edelsteine, Arabien seines Goldes, Ungarn seiner schnellen

Pferde, Italien seiner List (!), England seines Reichtums, Frankreich

seiner Vornehmheit und Freundlichkeit (?): so ist Deutschland

wahrlich berühmt durch seinen entschlossenen, starken und tapferen

Soldatenstand. Wie der Himmel sich mit Sternen schmückt, so leuchtet

Deutschland hervor durch seine freien Künste, wird geehrt wegen seiner

mechanischen Kenntnisse und zeichnet sich aus durch vielerlei Gewerbe,

deren wir uns billig rühmen. Im übrigen ist unser Heer über die ganze

Erde berühmt geworden; _denn als die Erhebung vieler Nationen die

Augen auf sich zog, die_ gesetzliche Ordnung störte, und die Wage

des Rechts aus dem Gleichgewicht brachte; _da handeln wir Deutschen

nicht also_; wir sind nicht von Sinnen, und leiden nicht an jener

geistigen Schwäche, daß wir uns nicht lieber von der Wahrheit leiten,

als von der Falschheit betrügen ließen, und nicht dem Kaiserthron, der

uns von höchsten Wesen für ewige Zeiten übertragen und bestimmt war,

lieber durch Gerechtigkeit schützen, als durch Ungerechtigkeit wanken

machen.“

Als Kyeser dies niederschrieb lebte er als Verbannter in den böhmischen

Wäldern. Weshalb er verbannt war, was er sich im Wechsel des Krieges

hatte zuschulden kommen lassen, wissen wir nicht. Nachdem er sein Buch

vollendet hatte, bleibt er für uns verschollen.

Aus dem vielseitigen Inhalt seines Werkes sei in den folgenden

Abschnitten einiges herausgenommen.

27.

Maskierungen beim Angriff auf Festungen im Mittelalter.

Eine Malerei in der Kyeserschen Handschrift zeigt den Angriff auf

eine Burg. Rechts erkennt man, wie die aufgeklappte Zugbrücke mittels

eines besonderen langen Hakens gefaßt wird, um sie dann an Stricken

herabzuziehen. Währenddem die Belagerten so vom Feinde beschäftigt

werden, nähern sich der Burg Krieger von der anderen Seite zu einem

„Angriff mittelst Körben, die bis zu den Lenden herabreichen und

gleichmäßig aus grünem Holz hergestellt sind.“

[Illustration: Maskierungen, 1405.]

28.

Unterstände im Jahre 1405.

„Hier kannst du einen Zugang kennen lernen, der aus schief ineinander

greifendem Flechtwerk hergestellt wird und in den Graben herausragt. Er

schützt die darin Verborgenen und bewahrt sie vor den Fährlichkeiten

des Krieges. Darunter treten die Greise, die Führer und die

Unerfahrenen.“

[Illustration: Unterstände in einem Graben.

Modernste Kriegswaffen - alte Erfindungen · 第 4 / 8 题