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1. Ein fliegender Kriegsheld in einer Sage der
afrikanischen Neger. 7
2. Die Dichtung vom Luftkampf gegen den Schmied Wieland. 8
3. Kriegshörner vor 3000 Jahren. 10
4. Wie Isaak von Abraham mit einer Reiterpistole erschossen
werden sollte. 11
5. Kannte Moses das Schießpulver, war die Bundeslade ein
Laboratorium? 12
6. Das Sprachrohr im Altertum. 15
7. Der Schwimmgurt der assyrischen Krieger. 16
8. Der Widder vor seiner eigenen Erfindung. 18
9. Baumwollene Soldatenkleider im Altertum. 21
10. Ein Feuerrohr im Jahre 424 vor Chr. 22
11. Helmbezüge. 22
12. Zündete man mit der Sonne? 23
13. Ein Mehrladegeschütz im Altertum. 25
14. Über das Rauchen in römischen Legionslagern. 28
15. Kriegs-Brieftauben. 29
16. Die Armbrust im Römerreich. 32
17. Der erste fliegende Mensch? 33
18. Das Blasrohr als Waffe. 35
19. Wie die Luftballone des Mittelalters entstanden. 36
20. Fall-Petarden. 43
21. „Eine Feuerwaffe des Kaisers Barbarossa“. 44
22. Unterseeboote in der altdeutschen Dichtung. 49
23. Wie ein König gedachte an den Himmel zu rühren. 55
24. Von einem, der das Schießpulver nicht erfunden hat. 57
25. Eine geheimnisvolle Leiter. 59
26. Das erste Kriegsbuch in Deutschland. 61
27. Maskierungen beim Angriff auf Festungen im Mittelalter. 63
28. Unterstände im Jahre 1405. 64
29. Die „Revolver“-Kanone im Jahre 1405. 65
30. Sprenggeschosse von Anno 1405. 67
31. Bomben mit Seife und Teufelsdreck; Stinkbomben. 68
32. Wein als Waffe. 69
33. Ein Festungs-Aufzug mit Kraftbetrieb. 70
34. Spiegelnde Schilde. 72
35. Erschröckliche Kriegsmaschinen. 73
36. Luftkissen im Mittelalter. 74
37. Schneeschuhe. 75
38. Seilschwebebahnen im Krieg. 77
39. Wie man einer Wache den Teufel an die Wand malte. 79
40. Der erste Torpedo -- Anno 1420. 81
41. Wie sahen die ältesten Geschütze aus? 83
42. Wie ich das älteste datierte Gewehr fand. 86
43. Ein Nitro-Sprengstoff im Mittelalter. 88
44. „Schnellfahrende“ Kriegsboote. 89
45. Ein Papst als Erfinder. 92
46. Ein Taucheranzug aus dem Jahr 1430. 94
47. „Jäger zu Pferde“ im 15. Jahrhundert. 95
48. Granatierer -- Grenadiere. 96
49. Die „Maus“. 98
50. Ein Unterseeboot im Jahre 1460? 100
51. Alte Kriegsautomobile. 102
52. Brief-Schießen. 106
53. Geschützbespannung von hinten. 108
54. Wie wir zur Zigarre kamen. 109
55. Die erste Flaschenpost. 112
56. Die Schnellfeuergewehre von Kaiser Maximilian I. 113
57. Das erste Wellblech. 115
58. Feuertiere. 116
59. Leonardo da Vinci. 117
60. Leonardos Rebhühnermörser. 118
61. Gewalzte Geschützdauben. 119
62. Ein Dampfgeschütz. 120
63. Abwehr von Sturmleitern. 121
64. Ein listiger Rammsporn. 122
65. Leonardos „Zepata“. 123
66. Eine mechanische Trommel. 124
67. Ein unsanfter Wecker. 125
68. Wie einer im Jahre 1507 von England nach Frankreich
fliegen wollte. 126
69. Künstliche Hände in alter Zeit. 127
70. Feld-Uhren. 130
71. Von Mund- und Ziehharmonikas. 132
72. Wie der Teufel Kanonen und Schießpulver erfinden läßt. 133
73. Geschütze aus Holz. 135
74. Maschinen zum Festungsbau im Jahr 1565. 136
75. „Uraltes“ aus China. 138
76. Eine bewegliche Scheibe im 16. Jahrhundert. 141
77. Kanonen-Uhren. 143
78. Ein Schiffswagen. 145
79. Gewehrpatronen. 146
80. Die Feldküche. 146
81. Der Bleistift des Reitersmannes. 147
82. Der Mondscheintelegraph. 148
83. Das Tellereisen als Waffe. 149
84. Zielfernrohre und Distanzmesser im 17. Jahrhundert. 151
85. Ein Telegraph im Jahre 1616. 153
86. Eine Schwimmausrüstung. 155
87. Gefährliche Beute. 155
88. Eine Schießpulvermühle mit Dampfturbine, 1629. 156
89. Ledergeschütze. 158
90. Wallgucker und Opernglas. 160
91. Stammt das Bajonett aus Bayonne? 161
92. Not macht erfinderisch. 162
93. Versteckte Schießwaffen. 163
94. „Lobspruch deß edlen hochberühmten Krauts Petum
oder Taback...“ 163
95. Der Philosoph als Kriegstechniker. 166
96. Konserven für den Krieg. 169
97. Fleischextrakt im Kriege. 170
98. Ein Prophet des Luftkrieges vor 250 Jahren. 171
99. Küchen-Dragoner. 173
100. Wie eine Kriegsflugmaschine im Jahre 1709 aussehen
sollte. 174
101. Die Vorahnung des Luftballons im Jahr 1710. 176
102. Ein Riesenweck für die Manöver von 1730. 177
103. Die erste Dampffahrt eines Kriegsschiffes. 179
104. Geschütze aus Eis. 181
105. Die Stahlfeder beim Aachener Friedensschluß. 182
106. „Eine Verspottung der Maschinen-Erfinder“.
(Kupferstich) 183
107. Ein Flugzeug-Motor von 1751. 184
108. Die Erbswurst im 18. Jahrhundert. 185
109. Ein automobiles Geschütz um 1760. 186
110. Ein Luftkampf. 187
111. Das Luftgewehr als Kriegswaffe. 188
112. Ein närrischer Luftfisch? 190
113. „Heil Dir im Siegerkranze“. 191
114. Luftballone zum Laufen. 193
115. Der Telegraphenfächer. 194
116. „Telephon oder Fernsprecher“ anno 1796. 195
117. Ein „Lenk“-Ballon von 1799. 197
118. Die Zigarette. 198
119. Die Eroberung Englands durch die Luft und unter dem
Meere hindurch. 199
120. 100 Jahre Suppentafeln. 202
121. Der Anfang des Fahrrades. 203
122. Das erste Eisenbahn-Frachtstück. 206
123. Ein Eisenbahnjubiläum. 207
124. Ein Dampfluftschiff von 1842. 208
125. Der rettende Trompeter. 209
126. „Dampfmusik“. (2 Kupferstiche) 211
127. Luftbomben im Jahre 1849. 212
128. Von einem chloroformierten Bären. 214
129. Schneemäntel im Krimkrieg. 215
130. Das Aero-Brot. 216
131. Die Luftschiffahrt im Kriege von 1870/71. 217
132. Die Bilderpostkarte von 1870/71. 219
133. „Der Luftballon als Kinderwärter auf der
Urlaubspromenade“. Aus dem „Schalk“, 1879. 221
134. Knalldämpfer an Gewehren. 221
135. Petroleum als Waffe. 223
136. Von Hufeisen, Sätteln, Steigbügeln und Sporen. 227
137. Von nie gewesenen Pulvermühlen. 229
138. Zwei Erfinder der Gußstahlgeschütze. 231
139. Friedens-Glocken aus Kriegsmetall. 232
Quellen-Nachweis. 239
1.
Ein fliegender Kriegsheld in einer Sage der afrikanischen Neger.
Nordwestlich des großen Viktoriasees erzählen sich die Neger: „Ein
Held von Nakivingi war der Krieger Kibago, der fliegen konnte. Wenn
der König die Wanyoro bekriegte, so schickte er Kibago in die Luft
empor, um die Stellung der Feinde auszuspähen. Nachdem sie von diesem
außergewöhnlichen Wesen aufgefunden worden waren, wurden sie von
Nakivingi in ihren Verstecken und außerdem noch von dem tätigen und
treuen Kibago angegriffen, welcher aus der Luft große Felsstücke
auf sie herabschleuderte und auf diese Weise sie in ganzen Massen
erschlug. Zufällig sah Kibago unter den Gefangenen aus Unyoro ein
schönes Frauenzimmer, welches der König zur Frau begehrte. Da aber
Nakivingi seinen Diener für dessen in ihrer Art einzigen Dienste viel
Dank schuldig war, so gab er sie an Kibago als Ehefrau, jedoch mit der
Ermahnung, ihr die Kenntnis seiner Flugkraft nicht mitzuteilen, damit
sie nicht Verrat an ihm üben möge. Sie waren schon lange verheiratet,
ohne daß die Frau etwas davon erfuhr; da es ihr aber sehr auffiel und
verdächtig erschien, daß ihr Gatte oftmals plötzlich verschwand und
ebenso unerwartet heimkehrte, so überwachte sie ihn auf das Genaueste
und war eines Morgens höchst erstaunt, als er die Hütte verließ, ihn
plötzlich mit einer an seinen Rücken angeschnürten Bürde von Steinen
in die Luft emporsteigen zu sehen. Bei diesem Anblick erinnerte sie
sich, wie die Wanyoro sich darüber beklagt hatten, daß eine größere
Zahl ihrer Leute auf irgend eine unerklärliche Weise durch Steinwürfe
aus der Luft mehr als durch die Speere Nakivingis getötet würden,
und, wie eine andere Delilah, ihre Rasse und ihr Volk mehr liebend
als ihren Gemahl, eilte sie in das Lager ihres Volkes und teilte den
darüber erstaunten Wanyoro mit, was sie an jenem Tage beobachtet hatte.
Um sich an den Kibago zu rächen, legten die Wanyoro auf den Gipfeln
aller hohen Berge Bogenschützen in den Hinterhalt und erteilten ihnen
den Befehl, sich nur auf die Beobachtung der Luft zu beschränken und
auf das Schwirren seiner Flügel zu horchen und ihre Pfeile in der
Richtung dieses Geräusches abzuschießen, möchten sie nun etwas sehen
oder nicht. Infolge dieser Kriegslist wurde Kibago eines Tages, als
Nakivingi in die Schlacht zog, durch einen Pfeil tötlich verwundet. Man
sah große Blutstropfen auf den Weg niederfallen, und als der König an
einen hohen Baum kam, entdeckte er einen in die dicken Zweige desselben
verwickelten Leichnam. Als der Baum gefällt war, sah Nikivingi zu
seinem unendlichen Leidwesen, daß es der Leichnam seines treuen,
fliegenden Kriegers Kibago war.“
2.
Die Dichtung vom Luftkampf gegen den Schmied Wieland.
Die bekannteste aller Flugsagen ist die vom Schmied Wieland, dem Sohn
eines Riesen von der Insel Schonen. Sie wird aber fast immer falsch
wiedergegeben, weil man annimmt, Wieland habe sich ein eisernes
Flügelkleid „geschmiedet“.
Wieland war in Tirol von König Nidung durch Zerschneiden der
Kniesehnen gelähmt worden, weil er des Königs Schmied Amilias im
Wettkampf mit dem Schwert Mimung besiegt hatte. Um sich zu rächen,
tötete Wieland des Königs beide Söhne und nahm sich seine Tochter, die
von ihm Mutter des berühmten Wittich wurde. Sich selbst aber suchte er
in Sicherheit zu bringen, indem er sich ein Flügelgewand verfertigte.
Nachdem dieses fertiggestellt war, wollte Wieland es erproben. Er
überredete seinen Bruder Egil, einen Versuch damit zu machen, und riet
ihm, beim Niedersteigen auf die Erde sich vor dem Winde niederzulassen.
Egil stürzte, als er diesen Rat befolgte, und Wieland, der sich nunmehr
das Federkleid selbst anlegte, sagte zu seinem Bruder: „Ich traute dir
nicht, daß du das Federkleid wiederbringen würdest, wenn du erführst,
wie gut es wäre; und das magst du wissen, daß alle Vögel sich gegen
den Wind niederlassen und ebenso emporheben. Nun aber will ich dir,
Bruder, mein Vorhaben sagen: Ich will jetzo heimfahren, zuvor aber noch
zu König Nidung, mit ihm zu reden. Und wenn ich da etwas sage, was
den König verdreußt, sodaß er dich nötigt, nach mir zu schießen, so
ziele unter meinen linken Arm; darunter habe ich eine Blase gebunden,
worin Blut von Nidungs Söhnen ist. So vermagst du wohl deinen Schuß
einzurichten, daß mir kein Schade daraus entsteht; wenn du irgend
unsere Verwandtschaft ehren willst.“ Nun flog Wieland auf den höchsten
Turm der Königsburg und rief den König heraus, mit ihm zu reden. Der
König fragte ihn: „Bist du jetzt ein Vogel, Wieland? Was willst du
und wohin willst du fliegen? Mancherlei Wunder machst du aus dir.“ Da
sagte Wieland: „Herr, jetzo bin ich ein Vogel und zugleich ein Mensch;
von hinnen gedenke ich nun, und nimmer sollst du mich wieder in deine
Gewalt kriegen, nimmer erlebst du das.“ Indem flog Wieland hoch in die
Luft empor. Da rief König Nidung: „Du, junger Egil, nimm deinen Bogen
und schieß ihn in die Brust, nimmer soll er lebens von hinnen kommen,
für die Frevel, die er hier verübt hat.“ Egil antwortete: „Nicht mag
ich das tun gegen meinen Bruder.“ Da sagte der König Nidung, daß Egil
des Todes sein sollte, wenn er nicht schösse und fügte noch hinzu,
daß er schon den Tod verdient hätte für die Übeltaten seines Bruders:
„Und dadurch allein rettest du dein Leben, daß du ihn schießest, und
durch nichts anderes.“ Egil legte nun den Pfeil auf die Sehne und schoß
Wielanden unter den Arm, sodaß das Blut auf die Erde fiel. Da sprach
der König: „Das traf gut.“ Und er, und alle die das sahen, stimmten
ein, daß Wieland diesen Schuß nicht mehr lange überleben könne. Wieland
aber flog heim nach Seeland und wohnte in seinem Eigentum, welches
Riese Wade, sein Vater besessen hatte.
3.
Kriegshörner vor 3000 Jahren.
In Skandinavien, Mecklenburg und Hannover fand man mehrere riesige
Bronzehörner, die etwa ums Jahr 1000 vor Christus entstanden sind.
Sie sind aus kleinen, äußerst dünn gegossenen Stücken sorgsam
zusammengesetzt, haben einfache Kesselmundstücke und lassen sich noch
heute, allerdings erst nach besonderer Übung, blasen. Ein solches
Horn -- Lur genannt -- gibt die ersten zwölf Naturtöne und noch zehn
chromatische Töne unterhalb des Grundtones. Ob dies allerdings
die richtigen Töne der Instrumente sind, bleibt äußerst fraglich,
weil es doch weder bewiesen ist, daß die nordischen Bläser vor 3000
Jahren denselben Ansatz hatten wie unsere Hornisten und es sogar
unwahrscheinlich ist, daß der musikalische Geschmack jener Zeit sich
mit dem unsrigen deckt.
[Illustration: Lurer, um 1000 v. Chr.]
Immerhin zeugen diese Luren von einer hochentwickelten Kultur alter
Kriegsvölker des Nordens.
4.
Wie Isaak von Abraham mit einer Reiterpistole erschossen werden sollte.
Wo der Mensch auch immer schaffte, gern hinterließ er Spuren seiner
angeborenen Schalkheit. Nicht die Religion, nicht der Tod, weder Krieg,
Seuchen noch Gebrechen, weder Sonne noch Mücke, weder reich noch arm,
sind in Dichtung, Wortspiel, in Farbe und Stein von dem willkommendsten
der verneinenden Geister, dem Schalk, übergangen worden.
Ein Maler hat z. B. die Belagerung von Jerusalem, die im Jahre 70 nach
Christus stattfand, so dargestellt, daß Kanonen und Mörser ihr Feuer
gegen die Stadt richten, und daß der Oberbefehlshaber Titus, sowie die
übrigen Feldherrn Pistolen im Gürtel tragen.
Noch lustiger ist ein Gemälde in einer Dorfkirche unweit Haarlem,
das Opfer des Isaak darstellend. Abraham schwingt als Schlachtmesser
eine fürchterliche Reiterpistole über dem Haupt seines unglücklichen
Sohnes. Ihr Hahn ist schon gespannt, um auf den Knaben, der auf einem
Holzbündel kniet, abgedrückt zu werden. Da erscheint hoch in den
Wolken ein Engel, lüftet ein wenig sein leichtes Gewand und verrichtet
gleich einem segenspendenden Regen ein kleines Geschäftchen unter
dem Himmelsröckchen hervor, gerade so, daß sich ein rettender Strahl
naßplätschernd auf die Pulverpfanne der tötlichen Pistole ergießt.
5.
Kannte Moses das Schießpulver, war die Bundeslade ein Laboratorium?
Es gibt eine Reihe von Zeitungen, die alljährlich, wenn der 1. April
kommt, in ihren Blättern eine lustige Ecke einrichten, um dort mit der
ernstesten Miene allerhand Schabernack zum besten zu geben. Oft geht’s
gut, oft fällt aber auch jemand darauf rein, der, wie andere Leute eben
nicht daran gedacht hat, daß es sich um einen Aprilscherz handelt.
So erzählte die „Deutsche Uhrmacher-Zeitung“ vor einigen Jahren, daß
die hohen Häuser in Amerika, die sogenannten Wolkenkratzer, zum größten
Schrecken der Architekten sich allmählich gegen den magnetischen
Nordpol der Erde neigten. Selbst ernste Fachblätter gingen auf den
Leim und druckten diese schauerliche Tatsache in allem Ernste nach.
Wenn ich nun hier an die Leser die Frage gerichtet habe, ob Moses
das Pulver gekannt hat, so kann ich mit gutem Gewissen betonen, daß
es sich hier nicht um ein Geschreibsel zum ersten April oder um eine
Bierzeitung, sondern um die Besprechung einer ganz ernsthaften Schrift
handelt. Der Verfasser dieser Schrift, die, wie das Titelblatt sagt,
in 5000 Exemplaren über die ahnungslose deutsche Jägerwelt ausgestreut
wurde, ist, wie wiederum die Rückseite des Titelblattes meldet, ein
Mann, der bereits über das Geld im Verkehrsleben, über Argentinien,
über die Schweizerische Nationalbank, über zinsfreie Darlehn, über Geld
und Bodenreform und über die Verwirklichung des Rechts auf den vollen
Arbeitsertrag geschrieben hat, sein Name ist Silvio Gesell.
Als ich diese Schrift gelesen hatte, stand ich da, wie der gute Zettel
im „Sommernachtstraum“, nachdem ihm seine langen Eselsohren abgenommen
worden waren, die er kurz vorher noch über seinem Kopf gefühlt hatte.
Ich griff auch immer da oben hin und zitierte seine Worte: „Mir war,
als wär’ ich, und mir war, als hätt’ ich -- aber der Mensch ist nur
ein Lump -- und Lappenhans, wenn er sich unterfängt, zu sagen, was mir
war, als hätt’ ich’s.“ Ja, wahrlich, mir war doch, als hätte ich schon
so allerhand von der dunklen Geschichte des schwarzen Schießpulvers
gehört, das ein Schwarzkünstler namens Berthold Schwarz in seiner
dustern Seele ausgedacht hatte, aber von Moses... Kurz, nachdem ich
die Gesellsche Schrift gelesen hatte, wußte ich überhaupt nichts mehr.
Nicht einmal, wie man einen solchen haarsträubenden Unsinn schreiben,
so etwas drucken, so etwas verkaufen und gar so etwas noch lesen kann.
Weil in den Mosaischen Büchern von brennenden Büschen, von leuchtenden
Wolkensäulen und anderen Dingen die Rede ist, die mit dem Schießpulver
nur das Feuer gemeinsam haben, beglückt uns Herr Gesell mit der
Neuigkeit, daß Moses einen den heutigen Sprengmitteln ähnlichen Stoff
kannte und zu bereiten wußte, und daß er sich desselben in ausgiebiger
Weise bedient hatte. Wie der Verfasser die paar Dutzend Bibelstellen,
die er für seine Beobachtung zitiert, „beweist“, will ich durch eine
Stichprobe hier vorführen: „Zur Herstellung des Sprengpulvers braucht
man Schwefel und Salpeter. Beides aber findet man bekanntlich heute
noch in Mengen in Ägypten und Arabien. Zur künstlichen Herstellung
des Salpeters brauchte man bis in die neueste Zeit in den sogenannten
Salpeterplantagen Blut und Fett, und Moses sorgte dafür, daß ihm das
Blut und das Fett all der von einem Hirtenvolke geschlachteten Tiere
abgeliefert wurde. Wer von den Juden Fett und Blut der Tiere selbst
verbrauchte, wurde ausgerottet. Wozu brauchte Moses solche ungeheure
Mengen Blut? Er goß das Blut vor dem Altare aus. Und die Asche enthält
Kali (Pottasche), einen ebenfalls zu Sprengmitteln verwendbaren Stoff!
Es war also wohl eine Salpeteranlage, die Moses eingerichtet hatte.
Vielleicht bereitete Moses auf dem Brandopferaltar, dem ununterbrochen
ein dicker Qualm entstieg, Blutlaugensalz, ein Produkt, das auch zu
Sprengstoffen dient.“
Warum redet man eigentlich den Jägern nach, daß sie so viel Phantasie
hätten? Ist doch noch keiner von ihnen, obwohl er das Pulver täglich
gebraucht, darauf gekommen, es schon bei Moses in der Bibel zu suchen.
6.
Das Sprachrohr im Altertum.
Die Engländer schreiben sich die Erfindung des Sprachrohres, durch das
man sich noch heute auf See verständigt, unrechtmäßig zu.
[Illustration: Sprachrohr um 875 v. Chr.]
In den Trümmern von Ninive, der Hauptstadt des assyrischen Reiches,
fand man unter den vielen Darstellungen aus dem 9. Jahrhundert vor
Christus, die dort in Stein gehauen sind, auch die hier abgebildete.
Es ist eine Militärperson dargestellt, die von einem erhöhten Platz
aus durch ein Sprachrohr Befehle erteilt. Aber auch die Araber kannten
das Sprachrohr bereits um das Jahr 1550. Erst im Jahre 1671 wurde
das Sprachrohr in einer in London erschienenen Schrift unter der
Bezeichnung „Sprech-Trompete“ für Marinezwecke bekannt gemacht.
7.
Der Schwimmgurt der assyrischen Krieger.
Den Schwimmgurt wollen die Franzosen erfunden haben. Sie vergessen
bei diesem Anspruch, daß wir die Schwimmgurte schon mehr als 2000
Jahre vorher bei assyrischen Kriegern kennen. Es werden nämlich auf
einem der großen Alabasterreliefs am Königspalast zu Nimrud, nahe
der Hauptstadt Ninive, Krieger dargestellt, die, nur mit dem Helm
bekleidet, auf aufgeblasenen Tierbälgen mit der Flotte durch ein
Gewässer schwimmen. Ein Lederschlauch führt von diesem Schwimmkissen in
den Mund des Kriegers, sodaß sich die Luftfüllung regulieren läßt. Auf
diese Weise konnte der Krieger mehr oder weniger untertauchen, um sich
Nachforschungen oder den Geschossen des Feindes zu entziehen.
Die assyrische Darstellung, die diesen Schwimmgurt zeigt, stammt aus
den Jahren 885 bis 860 vor Christus.
Übrigens war auch den Römern der Schwimmgurt bekannt; denn schon im
Jahre 390 vor Christus durchschwamm ein Bote auf einem Korkgurt den
Tiber. Und im Jahre 74 vor Christus schwamm ein Soldat mit Hülfe
aufgeblasener Lederschläuche zum belagerten Kyzikos.
In den technischen Bilderhandschriften des Mittelalters werden die
Schwimmgurte immer wieder unter den Kriegsgeräten abgebildet. Leonardo
da Vinci rät gar ums Jahr 1480, daß jeder der eine Flugmaschine
über dem Wasser versuchen will, einen luftgefüllten Schlauch als
Rettungsgurt tragen müsse. Und an einer andern Stelle empfiehlt er
aufgeblasene Lederschläuche, mit deren Hülfe „dies Heer den Fluß
schwimmend übersetzen soll“.
[Illustration: Schwimmgurt, um 875 v. Chr.]
Einmal versuchte gar ein König, der spätere Kaiser Maximilian
I., mit Hülfe eines Schwimmgurtes über den Graben der Burg von
Brügge zu entkommen. Sein treuer Diener Kunz von der Rosen war mit
einem Schwimmgurt über den Graben geschwommen und hatte dem König einen
gleichen Gurt mitgebracht, um ihn aus der Gefangenschaft zu retten.
Das so glücklich begonnene Vorhaben mißlang nur, weil aufgescheuchte
Schwäne die Wache aufmerksam machten.
8.
Der Widder vor seiner eigenen Erfindung.
In der Kriegstechnik des Altertums spielte ein schwerer Balken von 15
bis 35 Meter Länge, der vorn mit einer starken bronzenen Haube versehen
war, eine große Rolle. Man gab dieser Haube häufig die Form eines
Widderkopfes. Der Balken wurde von Mannschaften, die unter Schutzdächer
standen, gegen die Mauer einer feindlichen Befestigung geschwungen, um
diese einzurennen. Die römischen Kriegsschriftsteller berichten über
die Erfindung des Widders: „Zuerst soll für die Belagerung der Widder
erfunden worden sein, und zwar auf folgende Weise. Bei Caditz nahmen
die Karthager (206 vor Chr.) einen Balken, und diesen mit den Händen
fortgesetzt schwingend und mit dem oberen Ende fortgesetzt oben gegen
die Mauer stoßend, warfen sie die Steinreihen herab. Durch dieses
angeregt, stellte ein tyrischer Techniker, namens Pephasmenos, einen
Mastbaum auf, hing daran quer einen anderen und brach mit diesem in
die Mauer von Caditz Bresche. Der Kalchedonier Geras fertigte zuerst
ein Gestell mit Räder darunter, hing an dieses den Widder und brachte
von Rindshäuten eine Schutzdecke an, damit diejenigen, die an jener
Maschine wären, gesichert sein.“
Unter Alexander dem Großen konstruierte der Ingenieur Diades einen
Widder, dessen Balken auf einer Reihe kleiner Walzen lagerte, auf
denen er mittels Flaschenzügen hin- und hergezogen wurde. Wir haben
es hier also schon im 4. Jahrhundert vor Christus mit einer der erst
in jüngster Zeit wieder so beliebten Walzenlagerungen zu tun. Die
Walzenlager sind mit den Rollen- und Kugellagern verwandt, und dienen
wie diese dazu, die Reibung an Maschinen möglichst zu verringern. Also
eine anscheinend ganz moderne technische Idee vor über 2200 Jahren!
[Illustration: Widder, um 875 v. Chr.]
Aber, der von den Römern in seiner Erfindung so eingehend geschilderte
Widder war im Orient längst bekannt. Wir sehen nämlich auf unserer
Abbildung, die von einem der Reliefs am Königspalast von Nimrud
in Assyrien stammt, einen fahrbaren Widder dargestellt, dessen in
der Höhenlage verstellbarer Balken unter einem sicheren Schutzdach
hervor die feindlichen Mauern bereits im 9. Jahrhundert vor Christus
erfolgreich berennt.
[Illustration: Feuerwidder, um 1540.]
Mit der Einführung des Wassergrabens vor den Festungsmauern verlor
der Widder seine praktische Bedeutung. Dennoch fand ich ihn in
mittelalterlichen Handschriften häufig wieder. Er hat aber dort
sein Wesen anscheinend geheimnisvoll verwandelt. Wir erkennen aus
unserer nächsten Abbildung einen solchen Widder nach einer in Berlin
aufbewahrten kriegstechnischen Handschrift von 1540. Eine schriftliche
Erklärung dieses Widders habe ich noch nicht gefunden. Zunächst fällt
es auf, daß der Widderbalken rund ist und hinten nicht aus seinem
Wagen herausragt, dann sehen wir, daß aus einem Schornstein des Wagens
geheimnisvoller Rauch quillt. Es wird also hinter dem Flechtwerk und
den das Dach schützenden Ochsenhäuten -- an denen man zur Erhöhung des
Eindrucks der Maschine die Schädel gelassen hat -- ein Feuer geschürt,
das seine große Flamme vorn zu dem metallenen Widderkopf heraussprühen
läßt. Vermutlich dient also dieser Feuerwidder weniger zum Anrennen,
als zum Anbrennen.
9.
Baumwollene Soldatenkleider im Altertum.
Es ist ein von England aus absichtlich genährter Irrtum, als sei die
Baumwolle und deren Bearbeitung von dort aus in die Welt gekommen.
Tatsächlich kannte das Altertum die Baumwollestaude aus Ostindien und
Oberägypten, und von dort her bezog man auch die baumwollenen Stoffe.
Alte indische Gesetzbücher, deren Abfassungszeit möglicherweise
Jahrhunderte vor der christlichen Zeit zurückreicht, sprechen von der
Baumwollestaude und deren Kultur.
Herodot, der weltgereiste Geschichtsschreiber berichtet schon im 5.
Jahrhundert vor Christus von der indischen Baumwollstaude: „Es tragen
dort wilde Bäume statt der Frucht eine Wolle, die an Schönheit und
Güte die Schafwolle übertrifft. Die Inder tragen Kleider von dieser
Baumwolle.“ Und die Bekleidung des Hülfskorps des Xerxes beschreibt
Herodot damals: „Sie hatten Kleider an von Baumwolle und führten Bogen
von Rohr und Pfeile von Rohr, an denen oben Eisen saß.“
Durch die asiatischen Kriege wurde die Baumwolle den Römern ums Jahr
190 vor Christus bekannt. Man fand vor mehreren Jahren in christlichen
Gräbern Ägyptens, die aus dem ersten bis vierten Jahrhundert stammen,
sogar baumwollne Kleider bei den Leichen.
Etwa mit dem Jahre 1700 beginnt die englische Baumwollindustrie.
10.
Ein Feuerrohr im Jahre 424 vor Chr.
Man kann ruhig behaupten, daß schon die alten Griechen mit
Geschützrohren, die auf einem Rädergestell lagen, in den Krieg gezogen
sind.
Man kann es sogar beweisen. Thukidides berichtet nämlich, das die
Böotier, jenes wegen seiner Plumpheit verrufene Volk im mittleren
Griechenland, im Jahre 424 vor Christus eine eigentümliche
Angriffswaffe in Stellung brachten. Sie bestand aus einem langen, aus
Holz ausgehöhlten und mit Eisenreifen umgebenen Rohr, das auf einem
Rädergestell lag. Vorn war ein durchbrochenes Gefäß mit glühenden
Kohlen angebracht. Auf die Kohlen warf man Pech und Schwefel. Hinten
erzeugten Bälge von großen Tieren ununterbrochen einen starken
Luftstrom. Infolgedessen entstand vorn am Rohr eine lange, heftige
Stichflamme, die von den Böotiern gegen die hölzernen Befestigungswerke
der Stadt Delion gerichtet wurde.
Man muß aber zu der Behauptung von einem griechischen Geschützrohr auch
die wichtige Erklärung abgeben, in wieweit es sich grundsätzlich von
unsern europäischen Schießpulvergeschützen, die nicht vor dem Jahre
1300 erfunden sein können, unterscheidet.
11.
Helmbezüge.
Die „Berliner Zeitung am Mittag“ machte jüngst darauf aufmerksam, daß
die Griechen bereits im Jahre 401 v. Chr. ihre blinkende Wehr durch
Stoffbezüge gegen den Feind abblendeten. So berichtet Xenophon in der
„Anabasis“ beim Zug der Griechen nach Kleinasien. Er erzählt, wie das
Heer am 9. März 401 v. Chr. von Sardes über Kunaxa nach dem Schwarzen
Meer marschiert. Vor der Königin findet bei Tyriaion eine Truppenschau
statt und nun wird beschrieben, wie die Griechen im Paradeanzug
erscheinen. Sie marschieren mit blanken Ausrüstungsgegenständen, Helm
und Schild usw. auf, haben also die Überzüge, die sie über diesen
trugen, abgenommen. Leider läßt sich aus keinem älteren Schriftsteller
feststellen, welche Farben diese Überzüge hatten.
12.
Zündete man mit der Sonne?
Als eines der geistvollsten Mittel im Seekrieg des Altertums galt die
Erfindung des Archimedes, die Flotte der Athener mit Hilfe großer
Brennspiegel zu zerstören.
Man wußte schon im alten Griechenland, daß man mittels der
Sonnenstrahlen, die durch ein Brennglas hindurchgeleitet waren, auf
einige Entfernung etwas in Brand stecken konnte. Der Lustspieldichter
Aristophanes will im Jahre 423 vor Christus in seiner Komödie „Die
Wolken“ einen Schuldschein dadurch aus der Welt schaffen, daß der
Schuldner sich dem Schein unvermerkt mit einem Brennglas nähert, so daß
der Zettel in Rauch aufgeht. Auch die Brennspiegel waren den Griechen
mindestens ums Jahr 300 vor Christus bekannt. Aber vom Entzünden einer
ganzen Flotte mit Hilfe großer metallener Spiegel ist im Altertum
nirgendwo die Rede.
Erst im zweiten Jahrhundert nach Christus berichtet der berühmte
griechische Arzt Galenos, daß Archimedes von Syrakus in den Jahren
213 bis 212 vor Christus die Flotte der Athener „durch künstliche
Mittel“ in Brand gesteckt habe. Welcher Art diese Mittel waren, wird
nicht gesagt. Erst im Jahre 530 nach Christus behauptet Anthemius ohne
irgend welchen Grund, hier seien Metallspiegel angewandt worden. Das
Mittelalter war ja die Zeit der Behauptungen. Schob man die Behauptung
gar noch in die Schrift irgend eines berühmten Mannes ein, so entstand,
selbst für die Gelehrten, auf diese Weise eine unantastbare Wahrheit.
Kein Mensch verlangte für eine solche Behauptung eine Nachprüfung.
Das gerade hat unsere Zeit so gewaltig groß gemacht, daß wir in
naturwissenschaftlichen und technischen Dingen alles und jedes sorgsam
prüfen. Im Mittelalter lernte man auf den Hochschulen das, und nur
das, was berühmte Männer vor Jahrhunderten ausgesprochen hatten. Und
daran zweifelte niemand. Unsere Zeit zeigt schon in den Schulen das
Experiment, und auf den Hochschulen muß jeder Student alles durch
eigene Versuche nachprüfen, was die Wissenschaft heute als richtig
anerkennt.
Im Mittelalter ein Jahrhunderte langer starrer Stillstand der Ideen,
nur unterbrochen von vereinzelten Großtaten einsichtsvoller Gelehrter.
In unserer Zeit dagegen eine ständige Bewegung und Umwertung in der
Wissenschaft, die einem tätigen und willensstarken Volk die Wege ebnet,
um Neues zu schaffen, wenn das Alte ihm durch die Mißgunst seiner
Feinde abgeschnitten wird.
13.
Ein Mehrladegeschütz im Altertum.
Wer von den Geschützen des Altertums sprechen will, muß zwei
verschiedene Konstruktionsarten scharf voneinander trennen:
Standarmbruste und Torsionsgeschütze.
Die Armbrust ist eine Verbesserung des Bogens unserer steinzeitlichen
Vorfahren, einer Waffe, die mindestens schon 25000 Jahre vor Christus
bekannt war. Die Führung des Pfeiles geschieht bei der Armbrust durch
eine besondere Bahn, und die Sehne wird von einem Mechanismus bis
zum Augenblick des Schusses gespannt erhalten. Standarmbruste sind
besonders groß gebaute Armbruste, die man auf Böcke frei aufstellen
kann.
Bei der Armbrust liegt die Kraft in den elastischen Bogenarmen. Anders
bei den Torsionsgeschützen. Diese haben nämlich statt der elastischen
Bogenarme starre Knüppel. Die Spannkraft wird dadurch erzeugt, daß
man die Knüppel in sehr starke Stränge einsetzt, die aus Tiersehnen
oder Frauenhaar geflochten sind. Diese Torsionsstränge werden so stark
gespannt, daß die darin steckenden Knüppel nur mittels Flaschenzügen
oder anderer Vorrichtungen rückwärts gezogen werden können. Läßt man
den Knüppel mittels einer Abzugsvorrichtung los, so schleudert er
-- einzeln oder paarweis -- einen Pfeil oder eine Kugel ab. Selbst
bei mittelgroßen Pfeilgeschützen beträgt der Anfangsdruck etwa 24000
Kilogramm.
Diese Torsionsgeschütze wurden etwa ums Jahr 400 vor Christus in
Syrakus, wahrscheinlich von syrischen Technikern, erfunden, und alsbald
im Festungs- und Seekrieg verwendet. Zuerst schoß man nur mit Pfeilen,
später auch mit kleineren und größeren Steinkugeln.
[Illustration: Revolvergeschütz, um 230 v. Chr.]
Unter den verschiedenen Verbesserungen, die diese Geschütze im Laufe
der Jahrhunderte erlebten, ist diejenige am interessantesten, die ein
automatisches Laden ermöglicht. Wir erkennen in unserer Abbildung das
auf einer Säule drehbar aufgestellte Geschütz, das auch in seiner
Höhenrichtung verstellbar ist. Links, dicht vor der Säule, sehen wir
den schweren Holzrahmen, in dem die Spannstränge sitzen. Aus jedem
Spannstrang ragt ein starrer Knüppel nach hinten hinaus. Die freien
Enden dieser Knüppel sind durch die Sehne verbunden. Die Sehne wird
in der Mitte von einem Haken erfaßt und durch Drehung des rechts
sichtbaren Kreuzes mit Hilfe zweier Gelenkketten langsam gespannt, bis
sie sich in der Abzugsvorrichtung festhakt. Gleichzeitig dreht sich
bei diesem Vorgang eine Walze, die in dem oberen bügelförmigen Teil
des Geschützes lagert. Über dieser Walze ist ein Behälter für Pfeile
angebracht. Die Walze ist mit einer Nute versehen, die genau so groß
ist, daß ein Pfeil darin Platz hat. Mithin wird die Walze bei jeder
Umdrehung, bei jedem Anspannen der Sehne, in ihrer Nute oben einen
Pfeil mitnehmen, und ihn nach unten hin auf die Läuferbahn befördern.
So kann der Geschützführer also nach jedem Abzug das Geschütz sogleich
wieder spannen, ohne sich um die Ladung zu kümmern.
Die Torsionsgeschütze des Altertums wurden im Mittelalter von einfachen
Schleudergeschützen verdrängt. Diese, Bliden genannt, trugen einen
senkrecht stehenden Balken auf wagerechter Achse. Diese Achse saß nahe
dem unteren Ende des Balkens, wo ihm ein schweres Gewicht, meist ein
Kasten mit Steinen, angehängt war. Das über die Achse hinausragende
lange Ende des Balkens trug eine Lederschleuder oder einen Löffel für
die Steinkugeln. Zum Schuß zog man den langen Balken zur Erde herunter,
legte die Steinkugel ein und ließ die Sperrvorrichtung des Balkens los,
so daß die Kugel weit weggeschleudert wurde.
Wie die Torsionsgeschütze des Altertums ausgesehen hatten, war völlig
in Vergessenheit geraten. Die verschiedensten Versuche, Geschütze
wieder herzustellen, waren mißlungen. Erst den unausgesetzten
Bemühungen von Oberst Schramm und Professor Schneider gelang es, solche
Geschütze wieder entstehen zu lassen. Im Jahre 1904 wurden sie unserm
Kaiser vorgeführt. Auf der Saalburg, auf der Hohenkönigsburg, in Goslar
und im Berliner Zeughaus kann man jetzt die Geschütze des griechischen
Altertums wieder genau kennen lernen.
14.
Über das Rauchen in römischen Legionslagern.
Ein römischer Soldat an einem keltischen Grenzwall, mit Schwert, Schild
und Lanze in Feindesland auslugend, die kleine Pfeife gemütlich im Mund.
Ist das ein Kalauer? Ist’s Wahrheit?
Dies Bild ist das Ergebnis aus zahlreichen Funden, die wir in
keltischen Siedelungen und römischen Militärstationen von Deutschland,
Frankreich, England, Spanien, den Niederlanden und der Schweiz gemacht
haben. Bei den Waffen und Geräten, die aus jener Zeit stammen, fanden
sich insgesamt hunderte kleiner Pfeifen aus Ton und Metall. Besonders
die Museen der Schweiz sind reich an solchen alten Soldatenpfeifen.
Schwierig bleibt die Beantwortung der Frage, was man sich damals in die
Pfeife stopfte, da doch der Tabak erst anderthalb Jahrhunderte später
durch die Entdeckung Amerikas in Europa bekannt wurde. Man vermutet,
daß man Lawendel oder Hanf rauchte.
Man kann sich für diese Vermutung sogar auf eine Stelle des
vielgereisten Herodot stützen, der schon ums Jahr 440 vor Christus
sagt: „Die Skythen nehmen die Körner vom Hanf, kriechen unter ihre
Filzzelte und werfen Hanfkörner auf glühende Steine. Wenn die Körner
darauf fallen, qualmen sie und verbreiten einen solchen Rauch, daß
kein hellenisches Dampfbad darüber kommt. Die Skythen aber heulen
vor Freude über den Dampf.“ Sicherlich ist hier eine Erquickung am
Dampf des Hanfsamens geschildert. Herodot hat den Vorgang wohl nicht
genau beobachtet, oder man hat erst in späterer Zeit das erquickende
Einfangen des Rauches praktischer, und vor allen Dingen tragbar
gestaltet, indem man das Pfeifenrohr erfand.
Es scheint sogar, daß man auch im Mittelalter die Pfeife noch
vereinzelt kannte. Es fanden sich nämlich vor einigen Jahren in der aus
dem elften Jahrhundert stammenden Kirche von Hubeville und im Kloster
von Corcumare in Irland zwei Figuren, die Männer in Gewändern der
Karolingerzeit darstellen. Beide Figuren halten kurze Pfeifen zwischen
den Zähnen.
Und in einem Gedicht über die Eroberung von Valencia aus dem Jahre 1276
findet sich wieder eine Andeutung, daß das Rauchen schon damals von
den Soldaten geschätzt wurde: „Man sagt von dem Lawendel, daß er die
Eigenschaft besitzt, den Schlaf zu vertreiben und dem Kraft zu geben,
der ihn _raucht_, weil er die Feuchtigkeit des Gehirns austrocknet
und auf diese Weise eine große Widerstandsfähigkeit entstehen läßt.“
15.
Kriegs-Brieftauben.
Aus vielen Stellen der Bibel und aus andern hebräischen Schriften läßt
sich schließen, daß die Verwendung von Tauben zur Beförderung von
Briefen etwa 1000 Jahre vor Christus im Morgenland schon gebräuchlich
war. Die Griechen kannten die Brieftaube etwa ein halbes Jahrtausend
später; denn Anakreon, der Dichter der Liebe und des Frohsinns, läßt
die Taube damals sprechen: „Ihm muß, wie du siehst, ich jetzt die
Briefchen der Liebe tragen.“ Die Römer kannten außer Tauben auch
Schwalben als Briefboten.
[Illustration: Brieftauben, phantastischer Holzschnitt von 1488.]
Die erste militärische Taubenpost wurde im Jahre 43 vor Christus von
Brutus, dem hinterlistigen Freund des großen Cäsar, bei der Belagerung
von Mutina -- dem heutigen Modena in Italien -- eingerichtet. Der
ältere Plinius berichtet uns darüber: „Decimus Brutus schickte bei
der mutinensischen Belagerung Briefe, die er an die Füße von Tauben
gebunden hatte, in das Lager der Konsuln. Was nützte nun dem Antonius
der Wall, die Wachsamkeit des Belagerungsheers und selbst die im Fluß
ausgespannten Netze, da der Bote durch die Luft ging?“
Während des ersten Kreuzzuges wurde zwischen Rodvan und dem Herzog
von Lothringen im Jahre 1098 bei Aleppo eine militärische Taubenpost
eingerichtet. Die erste vollständig organisierte staatliche Taubenpost
richtete Nur-Eddin im Jahre 1171 in Syrien ein. Unser kleines Bild
zeigt eine Taubenpost nach einem Holzschnitt des Jahres 1488. Die
Darstellung entstand nach den Handschriften einer Reiseerzählung des
Johann von Mandeville etwa vom Jahre 1360.
Übrigens hat man in diesem Jahre vergessen, eines Ereignisses zu
gedenken, das vor hundert Jahren, am 18. Juni 1815, stattfand. Das
Bankhaus Rothschild in London hatte Brieftauben bei der englischen
Armee, und diese überbrachten ihm noch am Abend jenes Tages die
Nachricht vom Sieg über Napoleon I. Dadurch war Rothschild am nächsten
Tage auf der Londoner Börse der einzige, der um diesen für Englands
Weltmachtstellung entscheidenden Sieg wußte. Das Haus Rothschild soll
durch diese Brieftaubennachricht damals Riesensummen an der Börse
verdient haben.
Während der Belagerung von Paris erfand Dagron den
mikrophotographischen Brieftaubendienst. Man photographierte jede
einzelne Depesche mikroskopisch klein. Eine Taube konnte 18 dünne
Kollodiumhäute in einer Federpose aufnehmen. Auf diesen Häuten
waren insgesamt 50000 Depeschen zu je 15 Worten photographiert. Auf
der Empfangsstation wurden die mikroskopischen Bilder durch einen
Vergrößerungsapparat auf eine weiße Wand geworfen, so daß man sie gut
lesen konnte.
16.
Die Armbrust im Römerreich.
Die Armbrust, die wichtigste Schußwaffe im Mittelalter, ist auch schon
im Altertum bekannt gewesen. Vermutlich kam sie auf Handelswegen aus
dem chinesischen Reich in die römische Kolonie von Südfrankreich.
Wir finden sie dort in zwei verschiedenen Formen auf Grabdenkmälern
abgebildet. Meine Zeichnung gibt die Figur auf einem dieser
Grabdenkmäler wieder.
[Illustration: Armbrust des 1. Jahrhunderts.]
Den Römern war auch noch eine besonders große Art der Armbrust bekannt,
deren Sehne man nur dadurch spannen konnte, daß man sich mit dem ganzen
Gewicht des Oberkörpers auf einen besonderen Schieber der Armbrust
lehnte. Man nannte sie deshalb damals „Bauchspanner“.
Ums Jahr 1100 war die Armbrust so sehr vervollkommnet worden, daß das
zweite lateranische Konzil und dem Papst Innozens II. ihre Verwendung
im Jahre 1139 gegen Christen verbot. Nur gegen Heiden durfte diese
furchtbare Waffe damals noch verwendet werden..... Genutzt hat das
Verbot nichts.
17.
Der erste fliegende Mensch?
Es ist oft über die Frage gestritten worden, welcher Mensch zuerst
geflogen sei. Soweit wir die Geschichte bis jetzt kennen, läßt
sich schon von einem Flugversuch im Jahre 67 nach Christi Geburt
berichten. Viele altchristliche Schriftsteller erzählen uns, wie
damals unter Kaiser Nero ein Zauberer namens Simon einen Flug durch
die Luft versucht habe. Dieser Simon wird ja auch im 8. Kapitel der
Apostelgeschichte als gefährlicher Zauberer erwähnt. Die großen
Kirchenschriftsteller kommen außerordentlich oft auf die Erzählung
von dem Flug des Simon zurück. Einige berichten, daß Petrus in dem
Tun des Simon eine Verhöhnung und Nachahmung der Himmelfahrt Christi
gesehen habe, und daß der Flug durch das Gebet Petri vereitelt worden
sei. Deshalb habe Kaiser Nero den Petrus gefangen gesetzt und später
kreuzigen lassen.
Unter der christlichen Legende, die sich so allmählich herausbildete,
liegt eine geschichtliche Tatsache verborgen, die uns auch von den
heidnischen Schriftstellern der damaligen Zeit bestätigt wird. Im
Herbst des Jahres 67 versuchte Simon im großen Zirkus zu Rom in
Gegenwart des Kaisers Nero einen Schwebeflug von einem hohen Gestell
herab. Er stürzte jedoch dabei und kam so nahe beim Kaiser zu Fall, daß
dessen Gewand vom Blut des Fliegers bespritzt wurde.
Im Mittelalter finden wir Simon in der Magussage wieder fliegend. Auch
der Zauberer Faust, dessen Erzählung sich auf diese Magussage aufbaut,
wird verschiedene Male als Flieger geschildert.
So läßt denn auch Goethe seinen Faust wieder fliegen. Die betreffende
Stelle ist allgemein bekannt, jedoch ihrem Sinne nach wenig beachtet.
Erinnern wir uns, daß Goethe diese Stelle im Jahre 1783, also während
der Aufstiege der ersten Luftballone in Frankreich schrieb. Goethe
verfolgte diese Luftfahrten damals mit größtem Interesse, und bereute
sehr, daß er früher gewisse Experimente nicht weiter verfolgt habe,
weil er jetzt sah, „wie nahe ich dieser Entdeckung gewesen“. Und er
empfand „einigen Verdruß, es nicht selbst entdeckt zu haben“.
Als Goethe nun 1783 die ursprüngliche Gestalt seines Faust-Dramas
umarbeitete, schuf er -- in Erinnerung der Flugsage von Magus Simon und
unter dem Eindruck der französischen Luftfahrten -- eine neue Szene.
Kurz nachdem der Schüler das Studierzimmer verlassen hat, tritt Faust
auf und fragt den Mephisto: „Wohin soll es nun gehn?“, und später: „Wie
kommen wir denn aus dem Haus? Wo hast du Pferde, Knecht und Wagen?“
So spießbürgerlich denkt Faust sich die Fahrt mit dem Teufel. Dieser
aber antwortet:
Wir breiten nur den Mantel aus,
Der soll uns durch die Lüfte tragen.
Ein bischen Feuerluft, die ich bereiten werde,
Hebt uns behend von dieser Erde.
Jetzt erkennen wir, daß Goethe den Mephistopheles hier von der Hülle
des Luftballons als Mantel sprechen läßt, und daß die Feuerluft, die
darunter bereitet wird, die Warmluft oder das Gas der Luftballone sein
soll.
18.
Das Blasrohr als Waffe.
Im alten Rom verwendete man das Blasrohr, mit dem heute unsere Kinder
gern schießen, zur Vogeljagd. Als Byzanz, das heutige Konstantinopel,
die Hauptstadt des oströmischen Kaiserreiches war, und man das
gefürchtete, in seiner Zusammensetzung nicht mehr genau bekannte,
griechische Feuer gegen den Feind zu schleudern verstand, verwendete
man auch Blasrohre unter der Bezeichnung „Hand-Siphone“, um dieses
Kriegsfeuer dem Feind auf kürzere Entfernung entgegen zu schleudern.
Auch benutzte man Blasrohre im Jahre 1108, als die Byzantiner bei
der Belagerung von Durazzo gegen die Normannen kämpften. Weil die
zeitgenössischen Nachrichten nur kurz von „Rohren“ sprechen, glaubte
man früher, die Byzantiner hätten Kanonen mitgeführt. Es handelt sich
jedoch nur um Blasrohre, aus denen man Geschosse warf, die aus Harz und
Schwefel gegossen waren, und die sich an einer besonderen Vorrichtung
beim Verlassen der Blasrohre entzündeten.
In Deutschland ist das Blasrohr wohl nie im Krieg verwendet worden;
denn Albertus Magnus, der vielseitige Kölner Gelehrte, verstand ums
Jahr 1250 die Beschreibung der Blasrohre nicht, die er in einem
zeitgenössischen griechischen Schriftsteller fand. Nur beim Aufkommen
der Gewehre wurde ums Jahr 1422 einmal angeregt, ein Blasrohr mit
Schießpulverladung zu konstruieren.
Eine große Verbreitung hat das Blasrohr bei den Eingeborenen in fast
ganz Amerika. Es finden sich Exemplare bis zu 5,5 Meter Länge. Manche
dieser Waffen sind sogar mit Visier versehen. Die Schußweite beträgt
bis zu 50 Meter, und als Geschosse werden gern vergiftete Pfeile
verwendet. In Hinterindien, Sumatra, Malakka und auf Borneo verwenden
die Eingeborenen Blasrohre als Waffe. Auf Borneo ist den Blasrohren
manchmal eine Lanzenspitze als Bajonett aufgesetzt.
19.
Wie die Luftballone des Mittelalters entstanden.
Wenn einmal eine Luftschiffzeitung, wie dies andere Fachblätter schon
seit Jahren tun, eine Aprilnummer herausgeben würde, möchte sich da
ein Artikel „Wie man im alten Rom den Drachen steigen ließ“ oder „Wie
man im Mittelalter dem Aufstieg eines Luftballons zusah“ nicht gut
ausnehmen?
Gemach! Auch der scheinbar größte Widersinn wird unter der kritischen
Betrachtung des Geschichtsforschers leicht aufgeklärt. Tatsächlich
kannte man im alten Rom so etwas wie den Luftdrachen und im Mittelalter
etwas ähnliches wie den heute im Kriege wohlbekannten, wurstförmigen
Fesselballon von Parseval.
Der sagenhafte Drache galt für eine riesige Schlange. Die Römer lernten
von fremden Völkern ein „Drachen“-Feldzeichen kennen, das auf einer
Stange getragen wurde. Es hatte einen metallenen, weit aufgesperrten
Rachen und einen aus Fellen zusammengenähten, schlangenartigen Leib.
Wenn der Wind in den offenen Rachen dieses Drachenfeldzeichens blies,
wand sich der Leib so, als sei das Tier lebendig. Auf der berühmten
Trajanssäule in Rom werden diese Drachenfeldzeichen mehrere Male
deutlich abgebildet, und sie sind uns auch von einigen Schriftstellern
der Römer klar beschrieben. Auch wissen wir, daß diese Drachen später
von den Persern und gar den Indern ins Feld mitgeführt wurden.
[Illustration: Deutsche Ritter im 9. Jahrhundert auf nächtlichem
Kriegszug -- Der Spitzenreiter trägt ein Drachenfeldzeichen vorauf, das
einen Feuerbrand im Rachen hält.]
Die hier abgebildete Malerei eines Drachens stammt aus einer überaus
wertvollen Handschrift der Bibliothek in St. Gallen, und zeigt
einen deutschen Ritter, der seiner Truppe einen Drachen voraufträgt.
Auffallend ist an dieser Malerei, daß der Drache Feuer speit. Man
gab also dem Feldzeichen, um es bei Nacht sichtbar zu machen, einen
Feuerwerkskörper ins Maul.
Hierbei mußte sich die an sich einfache Tatsache zeigen, daß der
ganze Drache leichter wurde, und mit seinem hohlen Leib nach oben hin
strebte; wurde doch die Luft in dem sackförmigen Leib erwärmt, als
sei dies ein Luftballon. Wann und wo man diese Tatsache beobachtete,
ist nicht erwiesen. Außer unserer, oben wiedergegebenen Malerei, die
etwa aus dem Jahre 850 stammt, wissen wir, daß die Chinesen im Jahre
1232 einen Feuerdrachen aufsteigen ließen. Auch aus der berühmten
Mongolenschlacht von Wahlstatt bei Liegnitz, am 9. April 1241,
wissen wir durch den Chronisten, daß die Mongolen einen Feuerdrachen
benutzten, um die Christen zu erschrecken.
Diese Feuerdrachen auf Stangen wurden im Lauf der Zeit von den
Kriegstechnikern so verbessert, daß sie als Luftballone frei schwebten.
Wann und durch wen das geschah, wissen wir leider noch nicht.
Als ich meine Ansicht von den Luftballonen im Mittelalter vor etwa
zehn Jahren zum erstenmal in der Fachpresse aussprach, wurde ich
verlacht. Inzwischen konnte ich soviel Belege für das Vorkommen dieser
Luftflugzeuge beibringen, daß auch die ärgsten Zweifler verstummt sind.
Hier kann ich nur andeuten, daß sich Darstellungen und Beschreibungen
solcher Luftdrachen in der Zeit von 1405 bis 1648 an _vielen_
Stellen fanden.
Die wichtigste Stelle findet sich bei dem süddeutschen Kriegsingenieur
Konrad Kyeser von Eichstädt, von dem wir noch mehr hören und sehen
werden.
[Illustration: Zwei Seiten aus der kriegstechnischen Handschrift des
Ingenieurs Konrad Kyeser von Eichstädt aus dem Jahr 1405. Rechts
der Drachenballon am Fesselseil. Links oben die Petroleumlampe
zum Drachenballon. Unten ein Krieger, der eine Büchse mittels des
Gluteisens abschießt.]
Zu der hier wiedergegebenen, äußerst feinen Miniaturmalerei, die uns
einen Reiter zeigt, der an einer kleinen Winde einen riesigen Drachen
freischwebend lenkt, berichtet uns Kyeser genau über die Herstellung
und den Auftrieb: Der Drache soll aus Pergament, Leinen und Seide
angefertigt und bunt bemalt werden. In dem offenen Maul trage der
Drache ein kleines Glas, das mit Petroleum gefüllt und mit einem
baumwollenen Docht versehen sei.
[Illustration: Militärischer Signalballon um 1540 mit Winde und
Fesselseil.
Der Drachenballon ist mit 2 Stabilisierungsflächen und Steuerschwanz
versehen. Im Maul trägt er die -- übertrieben gezeichnete -- brennende
Lampe zur Erhitzung der Luft im Innern. Nach einer Malerei in Codex
german. fol. 94 der Königlichen Bibliothek zu Berlin.]
Die Petroleumlampe wird also die im Drachen eingeschlossene Luft
erwärmen, und den Drachen schwebend erhalten. Da er an einer Schnur
festgehalten wird, wird auch der Wind gegen seine Fläche blasen, und
ihn, gleich unsern Kinderdrachen emporheben. Die Warmluftfüllung wurde
zu den Luftballonen auch angewandt, als man diese im Jahre 1782 in
Frankreich wieder aufs neue erfand. Erst später ging man zur Gasfüllung
über.
In den verschiedenen Malereien, die ich in späteren Handschriften
von solchen Kriegsdrachen entdeckte, finden sich immer wieder neue
Verbesserungen. Besonders wichtig sind größere Flügel, die man seitlich
am Leib des Drachens anbrachte. Sie dienen dazu, das Fahrzeug in der
Luft ruhig zu erhalten, oder wie wir heute sagen, zu stabilisieren.
Dann finden sich Raketen auf dem Rücken des Drachens so angebracht, daß
ihre Gase nach hinten hin gewaltsam ausströmen, mithin den Drachen in
der Luft vorwärtsbewegen. In zwei Handschriften fand ich den Drachen so
groß dargestellt, daß sein Seil an einer in die Erde gerammten Winde
gehalten werden mußte.
Ja, es muß damals sogar schon einen Streit der Meinung über das
„unstarre“ und das „starre“ System gegeben haben; denn in einer
Handschrift vom Jahre 1453, die sich im Besitz des Großen Generalstabes
zu Berlin befindet, ist der Drache mit einem großen, walzenförmigen
Leib dargestellt, der ersichtlich durch innere Reifen aufgespreizt
wird, sodaß annähernd die Form eines „Zeppelin“ herauskommt.
Wie das meiste Wissen der Kriegstechnik, blieb auch dieses ein
Geheimnis der Kriegsingenieure. Deshalb finden wir in der gedruckten
Literatur nur verhältnismäßig spät Angaben über hohle Drachen mit
innenstehenden Lampen. Und wo man solche Bemerkungen ums Jahr 1650
gedruckt findet, läßt sich aus den dürren Worten entnehmen, daß man
die Bedeutung dieser Luftdrachen längst nicht mehr kannte.
[Illustration: Starrer Warmluftballon, 1453.
Der Zeichner, der diese rohe Darstellung ausführte, verstand nicht den
Sinn der Darstellung und ließ daher das Seil zwischen Winde und Drachen
weg. Dafür mußte er der Winde -- man vergleiche deren Form in der
voraufgehenden Abbildung -- eine riesige Abmessung geben.]
Unzweifelhaft wußten aber die Kriegsingenieure des ausgehenden
Mittelalters, daß man einen gewöhnlichen Drachen hohl gestalten und
ihn mit Hülfe der Wärme eines Lichtes leichter steigen lassen konnte.
Sie bezweckten mit diesem Drachen wohl die Durchführung von Signalen
auf weit sichtbare Entfernungen.
Beachten wir, daß auch der Parsevalsche Drachenballon durch Winddruck
und leichte Füllung zugleich steigt, daß er, wie die Ballone des
Mittelalters, einen Steuerschwanz, Stabilisierungsflächen, ein
Halteseil und eine Erdwinde benötigt.
20.
Fall-Petarden.
Ehe man die hochexplosiblen Sprengstoffe kannte, spielte die Petarde,
die man auf feindliche Schiffe fallen ließ, im Kriegswesen eine Rolle.
Da wir heute aus Luftfahrzeugen wieder den Feind „von oben her“
bekämpfen, interessiert es, etwas von jenen alten, eigenartigen
Fallgeschossen zu hören.
Anna Komnena, die gelehrte Tochter des byzantinischen Kaisers Alexios
I., berichtet uns, daß die Seeschlacht vor Durazzo im Jahre 1081 durch
die Venetianer dadurch entschieden wurde, daß man einen schweren, mit
eiserner Spitze versehenen Holzblock von einer Segelstange aus in das
feindliche Führerschiff fallen ließ. Der Schiffsboden wurde von dieser
kalten Fallpetarde durchschlagen, das Schiff sank, und die übrige
Flotte von Guiscard, dem Beherrscher von Mittelitalien, hielt nicht
mehr stand.
Der erste, der das Schießpulver zu einem solchen Fallgeschoß
verwendete, war der Ingenieur Joseph Furttenbach, nachmals
Stadtbaumeister und Ratsherr von Ulm. Furttenbach zählt zu den
ersten Artilleristen Deutschlands. Er hatte in Italien, wo er mit
dem großen Galilei befreundet war, und bei den deutschen Lehrern des
Artilleriewesens Georg Hoff und Hanns Feldhaus studiert. Furttenbach
empfiehlt, daß man auf einer Segelstange des Führerschiffes einen
ausgestopften Vogel sehen lasse. Dieser soll das Zeichen sein, daß man
von den anderen Schiffen „einen Pettardo“ fallen lasse, um auf diese
Weise dem feindlichen Schiffsboden „ein übel geproportioniertes Loch,
welches nicht so leichtlich als wie die gebohrten Löcher“ zu verstopfen
sei, beizubringen.
21.
„Eine Feuerwaffe des Kaisers Barbarossa“.
Im Schloß zu Sondershausen steht seit Jahrhunderten die hier
abgebildete Bronzefigur. Ihrethalben wurde ein gewaltiger Strom
Tinte vergossen. Man nannte diese ums Jahr 1550 ausgegrabene Figur:
Pustericius, Beister, Büster, Beustard, neuerdings Püstrich. Weit
vielartiger als der Name sind die angeblichen Verwendungszwecke dieser
solange rätselhaft gebliebenen Figur. In Zeitschriftenartikeln,
gelehrten Abhandlungen und sogar in besonderen Büchern hat man alle
möglichen Erklärungen für diesen kleinen Bronzeknaben versucht. Er
sollte sein: „Ein von christlichen Geistlichen gebrauchtes Schreckbild
zur Erreichung von Gaben“ oder „Eine Gottheit der alten Deutschen“
oder „Ein Werkzeug zur kräftigen Beschützung Kaiser Friedrich I. oder
auch einiger Raubschlösser“ oder „Ein Gott der Slaven“ oder „Ein
Destillierapparat eines Brandweinbrenners“ oder „Eine Gießkanne“ oder
„Die Sockelfigur eines Taufbeckens“.
[Illustration: Der Sondershausener Püstrich.]
Uns interessiert hier besonders die Nachricht, wie man es sich
vorstellte, daß diese kleine Figur für ein gefährliches Kriegswerkzeug
gehalten werden konnte. Der Püsterich ist 57 cm hoch, wiegt etwas
über 35 kg und stellt einen Knaben in knieender Stellung dar. Bauch,
Brust und Kopf sind im Verhältnis zu den Armen und Beinen übermäßig
stark. Die Haartracht und auch die übrigen Merkmale deuten auf das 13.
Jahrhundert als Entstehungszeit hin. Die Figur ist hohl und mit zwei
kleinen Löchern versehen. Das eine Loch sitzt im Mund, das andere neben
dem Scheitel im Haar.
Weil Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, in der Nähe des
Fundortes dieses Püstriches einmal Hoflager gehalten hat, soll die
Figur ihm „als Schutzmann“ gedient haben. Sie habe hoch auf dem Berge
gestanden, „rings um sich Feuer ausgeworfen, und mit glühendem Regen
und Auswürfen die Feinde des Kaisers so abgehalten, daß keiner sich
demselben habe nähern können“. Diesen Unsinn berichtet Praetorius im
Jahre 1683. Tentzel weiß 1689 vom Püstrich zu sagen, daß dieser vor
langen Zeiten auf der Rotenburg gestanden habe, wo nicht allein die
heidnischen Pfaffen, sondern später selbst die christlichen Mönche mit
ihm das leichtgläubige Volk erschreckt und gezwungen haben sollen,
ihn mit mancherlei Gaben zu besänftigen. An diesen Unsinn glaube
er -- Tentzel -- aber nicht, sondern er halte den Püstrich für ein
Verteidigungswerkzeug des Raubschlosses Kyffhausen. Der Püstrich habe
dem Besitzer mittelst seiner Feuerauswürfe und der dadurch erfolglos
zu machenden feindlichen Anfälle sehr wohl als Verteidigungswerkzeug
dienen können.
Die beiden alten Gelehrten bekämpfen hier einen Unsinn mit dem andern.
Ich selbst habe den Püstrich niemals für etwas anderes gehalten, als
für einen Dampfbläser, für eine im Mittelalter beliebte Spielerei, die
man auf Schlössern im Kaminfeuer benutzte. Als ich meine Meinung vor
einigen Jahren öffentlich äußerte, wurde ich gerade von Sondershausen
aus maßlos spöttisch angegriffen. Nun wiegt aber bei wissenschaftlichen
Erklärungen nicht die Menge des Spottes, sondern allein das Gewicht
des Beweismaterials. In Sondershausen hat man sich nämlich neuerdings
wieder in einer Stadtgeschichte dafür festgelegt, daß der Püstrich
ehemals eine der Tragfiguren eines Taufbeckens gewesen sei. Den
Schein eines Beweises hat man nie erbracht. Jeder Kunstverständige,
der die zierlichen, fromm gebeugten Figuren großer Taufbecken kennt,
muß mitleidig lächeln, wenn jemand vier solcher Mißgeburten unter ein
Taufbecken setzen will.
Der Püstrich ist weder ein Taufbeckenträger, noch ein Kriegswerkzeug,
noch eine Gießkanne, sondern, wie ich schon sagte, ein Dampfbläser.
Albertus Magnus, der berühmte Gelehrte des 13. Jahrhunderts sagt uns
nämlich: „Man nehme ein starkes Gefäß aus Erz, das innen möglichst
gewölbt sei und oben eine kleine Öffnung, und eine andere wenig größere
im Bauch hat. Und das Gefäß habe seine Füße so, daß sein Bauch die
Erde nicht berühre. Es werde mit Wasser gefüllt und nachher durch
Holz kräftig verschlossen an jeder der beiden Öffnungen. Man setzt
es auf ein starkes Feuer, dann entsteht Dampf im Gefäß, dessen Kraft
durch eine der beiden verschlossenen Öffnungen wieder hervorbricht.
Bricht sie oben hervor, so wirft sie das Wasser weit zerstreut über
die umliegenden Stellen des Feuers. Bricht sie unten hervor, dann
spritzt die das Wasser in das Feuer und schleudert durch den Ungestüm
des Dampfes Brände und Kohlen und heiße Asche weit vom Feuer über
die Umgebung. Man nennt deshalb auch ein solches Gefäß gewöhnlich
~sufflator~ und pflegt es nach der Gestalt eines blasenden Mannes
zu formen“.
Diese von mir aufgefundene Stelle beschreibt also ganz deutlich die
Figur eines Püstrichs. Die Weltbedeutung der Schriften des Albertus
Magnus gab mir die Gewähr, daß ich solche Püstriche auch in späteren
Jahrhunderten wieder erwähnt finden würde. Und so kam es denn auch.
Ich fand die Püstriche nicht nur bei Leonardo da Vinci und in den
Handschriften mittelalterlicher Kriegsingenieure beschrieben, sondern
sogar mehrfach abgebildet. Und ich fand außer dem bronzenen Püstrich in
Sondershausen noch weitere Püstrichfiguren aus Bronze in den Museen zu
Wien, Hamburg und Venedig.
Der deutsche Kriegsingenieur Konrad Kyeser, von dem wir noch eingehend
hören werden, bildete im Jahre 1405 einen Püstrich ab, von dem er
folgendes sagt: „Dieser Kopf, der, wie du ihn hier abgebildet siehst,
in seinem Mund Schwefelstaub hat, zündet eine Kerze, so oft sie
ausgelöscht wird, immer wieder an, wenn sie seinem Mund genähert wird,
schießt der Feuerstrahl heraus.“ Und an anderer Stelle läßt Kyeser den
Püster sprechen: „Ich bin Philoneus, aus Kupfer, Silber, Erz, Ton, oder
Gold gefertigt. Ich brenne nicht, wenn ich leer bin. Doch halte mich
mit Terpentin oder feurigem Weingeist gefüllt an das Feuer, so sprühe
ich, erwärmt, feurige Funken mit denen du jede Kerze anzünden kannst.“
Statt der Wasserfüllung des Albertus Magnus kennt Kyeser hier also eine
Weingeistfüllung. Im Prinzip genau den gleichen Apparat verwenden wir
heute als Lötlampe.
Nun wird es uns auch erklärlich, wie man den Püstrich von Sondershausen
als ein Kriegsgerät des Kaisers Barbarossa bezeichnen konnte. Es war im
Volk noch das Wissen der alten Kriegsingenieure lebendig geblieben.
22.
Unterseeboote in der altdeutschen Dichtung.
Aristoteles, der Denker des Altertums, dessen Schriften ihren Einfluß
so lange und tief auf das Geistesleben des Mittelalters ausübten, wie
kein anderes Werk des heidnischen Altertums, Aristoteles ist auch
derjenige, der den Gedanken an unterseeische Arbeiten über anderthalb
Jahrtausend allein lebendig hielt. Der große Stagirite, „der Fürst
aller Philosophen“, dessen Einfluß erst im 16. Jahrhundert gebrochen
wurde, berichtet nämlich in seiner Schrift über die mechanischen
Probleme, daß die Elefanten mit Hilfe ihrer aufgerichteten Rüssel auch
noch unter Wasser atmen können. Dabei vergleicht er den Elefantenrüssel
mit den Hilfsmitteln zum Atmen unter Wasser, deren sich die
Dauertaucher bedienten.
Diese Stelle regte immer wieder spekulative Köpfe an, es mit Entwürfen
zu Unterseearbeiten zu versuchen. In der deutschen Sage ist, nach
Grimms deutscher Mythologie, die Rede von Wasserhäusern, tief unter der
Oberfläche. Goethe lehnt sich im zweiten Teil seines Faust daran an,
wenn er den Mephistopheles vor dem Kaiser von der „prächt’gen Wohnung
in der ew’gen Frische“, von einem unterseeischen, gläsernen Palast
gaukeln läßt.
In zwei mitteldeutschen Volksbüchern tritt uns alsbald die Beschreibung
von Tauchapparaten und Unterseebooten entgegen. Einmal in dem Volksbuch
von „Salman und Morolf“, das andere Mal in der „Geschichte des großen
Alexanders“. Salman und Morolf ist ein deutsches Spielmanngedicht,
das auf einem verlorenen byzantinischen Roman fußt, der wiederum
auf jüdischen Erzählungen aufbaut. Die erhabene Weisheit des Königs
Salomo wird in der Dichtung immer mit den rohen Späßen seines Gegner
beantwortet. So wird auch erzählt, wie Morolf der Königin einen wüsten
Streich spielt. Salman beschließt daraufhin, den Morolf gefangen zu
nehmen. Dieser aber hatte sich ein „schiffelin“ angefertigt, auf dem er
entwich. Der König Salman rüstete nun eine Flotte von 24 Galeeren und
verfolgte den Morolf:
ehe Morolf es dann wurde gewahr,
da war er mit 24 Galeeren umfahren.
nun ist umgeben Morolf, der Degen.
Er muß mit großer List
fristen sein Leben.
Da Morolf das ersah,
daß er mit 24 Galeeren
nun umgeben war,
Da gab er seine List kund:
vor ihrer Angesicht
senkte er sich nieder auf den Grund.
Eine Röhre in das Schifflein ging
Damit Morolf den Atem fing.
Die Dichtung sagt weiter, daß das Schiffchen mit Leder überzogen und
mit Pech verdichtet war, und daß es seinem Erbauer gelang, sich
in diesem unterseeischen Fahrzeug volle vierzehn Tage vor seinen
Verfolgern verborgen zu halten. Wir werden nachher sehen, wie lange es
dauerte, bis der von dem Dichter erwähnte Luftschlauch in der Praxis
allgemein wurde.
[Illustration: König Alexander in der gläsernen Tauch-Tonne auf dem
Meeresgrund. Miniatur-Malerei von etwa 1320.]
In der Geschichte des großen Alexanders, die zu den meistgelesensten
Volksbüchern des deutschen Mittelalters gehört, wird gleichfalls ein
Tauchversuch beschrieben. Bereits um die Mitte des 13. Jahrhunderts
berichtet der wegen seines physikalischen Wissens von seinem Orden hart
bestrafte englische Franziskaner Roger Baco: „Man kann Instrumente
herstellen zum Tauchen ohne irgendwelche Gefahr, wie Alexander der
Große solche Vorrichtungen herstellen ließ.“ Baco schreibt also dem
historischen König der Mazedonier, nicht dem diesem nachgebildeten
Helden des mittelalterlichen Romans, die Kenntnis von Tauchapparaten
zu. Der Romanheld Alexander aber ist der, der alles wagt, alles
glücklich vollbringt.
So taucht er ins Meer hinab, um -- wie er sagt -- „zu messen und zu
ergründen die Tiefe des Meeres, auch darin zu sehen und zu erfahren die
wilden Meerwunder“. Dieser Gedanke ließ ihn weder ruhen noch rasten und
zwang ihn so sehr, daß er ihm nicht mochte widerstehen. Da berief er
die besten Sternseher und Geometer, die er hatte, und auch gute Meister
der Alchemie, und bat sie, eine Truhe zu machen, dadurch man sehen
könne, und die fest und stark sei und nicht leicht zerbrechen könnte.
Das taten denn auch seine getreuen Meister und machten ihm einen
starken Kasten gar gut mit Eisen gebunden und überzogen mit gesalbten
Ochsenhäuten. Darinnen waren mit köstlicher List viele Fenster gemacht,
daß kein Wasser hineindringen konnte. Der Kasten war an eine lange
eiserne Kette gehängt. Darauf verabschiedete sich der König von seinen
getreuen Rittern, ging in den Kasten, nahm etliche Speise mit und
ließ sich versenken in das Meer, das man Ozean nennt, bis zu 30000
Klafter Tiefe. Da sah er mannigfache Gestalten, gebildet nach den
Tieren der Erde, die gingen auf dem Grunde des Meeres herum. Und er sah
Meerwunder, die so wild waren und sich so grausamlich stellten, daß er
es gar nicht zu erzählen vermochte.
Soweit der wesentliche Inhalt der Stelle über diesen Tauchversuch
im Alexander-Roman. Sowohl in einer Brüsseler, als einer Berliner
Pergamenthandschrift dieses Volksbuches findet man Miniaturmalereien
des 13. Jahrhunderts über diesen merkwürdigen Vorgang. Die
altfranzösische Überschrift in unserer, dem Berliner Exemplar
entnommenen Abbildung lautet in der Übersetzung: Wie Alexander sich
versenkt in das Meer in einer Tonne aus Glas. Der Hintergrund des
Bildes ist oben von einem Teppichmuster überspannt. Davor sehen wir ein
kleines Schiff, von dem aus zwei Männer den König in seiner Glastonne
an vier Stricken ins Meer hinabgelassen haben. Zwischen Schiff
und Meeresboden wimmelt es von allerlei Fisch- und Tiergestalten.
Greulich-groß schwimmt ein Wallfisch mit bösem Blick gerade über dem
Glasfasse dahin. Der königliche Held sitzt in vollem Ornat, mit Krone
und Zepter, dicht unter dem Einsteigedeckel seines Tauchapparates auf
einer Bank und beschaut beim Schein zweier Lampen, die links und rechts
neben ihm hängen, die Wunder ringsumher. Auf dem Meeresboden gibt es
vierfüßige Tiere, grünende Bäume und fischfressende Meermenschen.
Der Tauchversuch aus dem Alexander-Roman wurde um die Mitte des 14.
Jahrhunderts in der Weltchronik des Rudolph von Ems noch in einer weit
originelleren Weise in drei Malereien dargestellt, und natürlich dort
auch wieder dem historischen Alexander zugeschrieben. Als Tauchgefäß
dient eine große, gläserne Kugel, die an einer Kette befestigt
ist. Im ersten Bild wird die Kette von der Königin in einem Schiff
gehalten, und der König hat sich sogar seine Haustiere mit in die Tiefe
hinabgenommen. In dem zweiten Bilde, wo der König auf dem Meeresboden
Rast macht, wird sein Fahrzeug von häßlich gestalteten Meerwundern mit
Tier- und Menschenköpfen bedroht. Im letzten Bild entsteigt der König
seinem unterseeischen Fahrzeug. Diese Darstellung hat sich der Maler
besonders leicht gemacht, indem er nur einen schmalen Spalt an der
Kugel geöffnet erscheinen läßt.
Während der König noch den linken Fuß aus der Spalte herauszieht,
erzählt er bereits seinen Getreuen von dem, was er unten auf dem
Meeresboden gesehen.
Später ging die Darstellung des Tauchversuches auch in die
Druckausgaben des Alexander-Romans über; so findet man z. B.
die Abbildung in der Straßburger Ausgabe von 1488. Die schönen
Glasgefäße der Handschriften sind zu häßlichen nüchternen Kästen
zusammengezezichnet worden.
Daß der im Volk durch die Dichtungen lebendig gebliebene Glaube
an die Möglichkeit unterseeischer Arbeiten nicht nutzlos verloren
gegangen war, erkennen wir aus einer Reihe von Darstellungen in Werken
alter Kriegstechniker. Es sind Göttinger, Dresdener und Münchener
Handschriften aus der Zeit von 1405 bis 1460, die uns verschiedentlich
die praktische Anwendung der in den Volksdichtungen gegebenen
Anregungen zu Tauchversuchen zeigen.
Leider ist seit einer Reihe von Jahren die einzige, in Stuttgart
aufbewahrte Handschrift von Salman und Morolf, worin, wie wir hörten,
vom Luftschlauch die Rede ist, mehrerer ihrer Malereien beraubt worden.
Unter diesen befindet sich ersichtlich auch die Malerei über das
Unterseeboot Morolfs.
23.
Wie ein König gedachte an den Himmel zu rühren.
Im Alexanderroman wird auch erzählt, wie der König eine Luftfahrt
unternahm.
Als ich die künstlerische Darstellung dieser Luftfahrt vor Jahren
in der Berliner Handschrift des Alexanderromanes sah, hätte ich sie
beinahe nicht beachtet, weil doch von einer Luftfahrt oder von irgend
einem andern technischen Problem auf den ersten Blick nichts zu sehen
ist. Ich sah nur einen König auf seinem Thron sitzend, und das erschien
mir nicht besonders erachtenswert. Erst die altfranzösische Überschrift
des Bildes machte mich neugierig. Es heißt dort nämlich: „Wie Alexander
sich läßt tragen in die Luft von Vögeln, die man Greife nennt.“
Der ganze Hintergrund ist wiederum durch einen großen Vorhang
abgedeckt, vor dem sich folgendes ereignet. Zwei Gruppen von würdigen
Hofleuten schauen empor und deuten durch die Sprache ihrer Hände an,
daß sie etwas verwunderliches sehen. Ihre Blicke sind auf einen Thron
gerichtet, auf dem der König Alexander wieder im Königsornat sitzt.
An dem Thron bemerken wir lange, seitlich herausragende Stangen, und
an die Stangen sind geflügelte Tiere mit den Beinen festgebunden. Die
Blicke aller dieser Tiere sind mit gierigen Augen auf die große Lanze
gerichtet, die der König zum durchbrochenen Dach seines Luftsitzes
hinausgesteckt hat.
[Illustration: Eine königliche Luftfahrt nach einer Miniaturmalerei von
etwa 1320.]
Der Text zu dieser Malerei erzählt uns folgendes Erlebnis des Königs:
„Da gedacht ich, wie ich an den Himmel rühren möchte und ließ mir
bereiten eine starke Sänfte, die gut mit Eisen beschlagen war. Daran
hieß ich Stangen machen, und band daran gezähmte Greife. Und ich hatte
eine lange Stange, daran war den Greifen ihr Essen gemacht. Diese
Stange konnte ich zu den Greifen und von ihnen wegrücken. Ich ließ die
Greife von ihrer Speise kosten. Darnach reckte ich die Stange in die
Höhe; weil aber die Greife meinten, sie könnten ihre Speise erlangen,
schwangen sie ihr Gefieder: da erhoben sie sich mit der Sänfte von der
Erde. Ich aber reckte die Stange mit der Speise empor, „die greiffen
flugen nach und fürten mich so hoch in die lufft, das ich weder wasser
noch erden gesehen mocht.““
Nun erzählt Alexander weiter, wie er in den Lüften schwebt und unter
sich blickte. Er war so hoch, daß ihm die Erde wie eine kleine Kugel
erschien! Köstlich ist es zu lesen, wie der König wieder abwärts flog.
Er neigte einfach die Stange „unter sich“, und die Greife „sanckten
sich zu tal“. Als seine Getreuen ihn wieder in der Luft sahen, eilten
sie auf Dromedaren in schnellem Lauf herbei. Sie mußten aber zehn
Tagereisen bis in eine wilde Wüste zurücklegen, ehe sie ihren König
erreichten. Von dort aus führten sie ihn getreulich, fröhlich und wohl
gesund wieder zu seinem getreuen Volk. Da erhob sich große Freude und
Wonne, denn das ganze Volk hatte große Angst und großes Leid um den
König gelitten; denn sie meinten und besorgten fast, daß er nimmer
wieder zu ihnen kommen würde. So wurde denn diese Sorge und Angst in
große Freude und Wonne verkehrt.
24.
Von einem, der das Schießpulver nicht erfunden hat.
Je nach Laune behauptet und bestreitet man, daß der Franziskaner-Mönch
Berthold Schwarz, dessen Familienname vor dem Eintritt ins Kloster
Konstantin Ancklitzen gelautet habe, der Erfinder des Schießpulvers ums
Jahr 1354 gewesen sei.
Als ich die vorstehende Behauptung, die jeder wohl schon einmal,
wenigstens bruchstückweise, gehört hat, vor Jahren kritisch
untersuchte, blieb an ihr auch nicht ein wahres Wort. Ich sagte mir,
daß die Kriegstechniker des Mittelalters diesen Mann am besten gekannt
haben müssen, diesen Mann der durch seine Taten die ganze Kriegstechnik
in neue Bahnen zu weisen vermochte. Und so fand ich denn in einer Reihe
von Handschriften, deren älteste etwa bis zum Jahre 1420 zurückreichen,
einen gewissen Bertholdus auch stets erwähnt. Ich kann deshalb
folgendes über diesen Mann auf Grund jener alten Schriften sagen:
[Illustration: Der schwarze Berthold, nach einem Kupferstich von 1584.]
Ein deutscher Mönch im Kloster der Bernhardiner hieß Berthold der
Schwarze. Er hatte studiert und sich mit der Alchemie beschäftigt.
Bei einem seiner Experimente benutzte er die damals schon bekannte
Schießpulvermischung. Es erfolgte zufällig eine gewaltige Explosion,
und so kam Berthold zu einer Verbesserung der Mischung, deren Wesen
von ihm bei weiteren Untersuchungen „ganz erneut gesucht und gefunden
wurde.“ In Verbindung hiermit verbesserte er auch die Kunst aus
Büchsen zu schießen. Das geschah im Jahre 1380. Der Berthold aber ist,
„vonn wegen der kunst die er erfunden und erdacht hat, gerichtet worden
vom leben zum todt im 1388. Jar.“
Diese Angaben lassen sich mit den übrigen geschichtlichen Tatsachen
ganz gut in Einklang bringen. Eine so weltumgestaltende Erfindung,
wie Geschütz und Schießpulver, konnte nicht von einem einzigen Manne
ausgehen. Die einzelnen Erfinder sind überhaupt sehr rar, wenn man
ihre Leistungen kritisch betrachtet. Fast immer stehen sie auf den
breiten Schultern voraufgehender Männer. So auch dieser Bertholdus.
Er faßte wohl die Technik des Schießpulvergeschützes auf Grund
wissenschaftlicher Untersuchungen einheitlich zusammen, trat für diese
Erfindung ein, machte sie in weiten Kreisen bekannt, wurde von seinen
Gegnern der Zauberei angeklagt, verfolgt und hingerichtet. So wurde aus
dem Märtyrer einer Idee im Volksmund ein Erfinder.
Daß der Bertholdus aus Freiburg im Breisgau stammt, wird erst im Jahre
1599 ganz zufällig und ohne Angabe irgend eines Grundes angenommen.
Dort setzte man ihm ein Denkmal.
25.
Eine geheimnisvolle Leiter.
Als ich an einem trüben Herbsttag mit der elektrischen Taschenlampe
die äußersten Winkel des alten Klosters absuchte, in dem das berühmte
Germanische Nationalmuseum in Nürnberg untergebracht ist, entdeckte ich
in einem Kreuzgang unter der Decke eine zusammengerollte Strickleiter,
die mir verdächtig schien. Mir geht es wie dem Kriminalschutzmann:
alles was mir auf meinem Gebiet begegnet, ist mir verdächtig. Ich muß
die kleinsten Einzelheiten mißtrauisch betrachten.
An jener verstaubten Leiter fielen mir blaue Quasten auf, die am
Ende der Sprossen angebracht waren. Eine Leiter ist schließlich kein
Sofakissen, an dem man als Zierrat Quasten anbringen mag. Ich holte
die Leiter herunter und fand, daß die Quasten nur an einer Seite der
Leiter angebracht waren, und daß sie dort scheinbar Löcher zu verbergen
hatten, die in die Sprossen gebohrt waren.
Nach einiger Betrachtung fand ich, daß in diese Löcher starke Stifte
paßten, die an der anderen Seite der Leiter an jeder Sprosse saßen.
[Illustration: Strickleiter, die man zum Hinaufsteigen verwenden kann.