XXIII.

Herta war erstaunt, als Jürgen ihr mitteilte, daß er auf einige Zeit

ins Ausland verreisen wollte.

»So plötzlich?« fragte sie.

»Du kennst doch unser Geschäft, Herta. Solange Wolf ausfällt, muß

ich jeden Augenblick reisefertig sein. Armin hat bereits die nötigen

Instruktionen.« Damit war er gegangen.

Am nächsten Abend traf er in Amsterdam auf dem Bahnhof ein und

ging direkt nach dem nahegelegenen Viktoriahotel. Von hier aus

konnte er leicht überall hingelangen. Das interessante Leben in den

Gesellschaftsräumen des bekannten Hotels regte ihn unwillkürlich

an. Viele fremde Nationen waren vertreten. Ein Gewirr von mehreren

Sprachen drang an sein Ohr. So mancher Roman spielte sich hier täglich

ab. Er selbst sollte jetzt das Ende eines solchen erleben.

Er faßte den Entschluß, Ilse Hergenbach bereits am frühen Morgen

aufzusuchen, ohne daß er ihr vorher eine Mitteilung davon machte. Als

kluger Geschäftsmann wollte er sich überzeugen, wie weit die Wahrheit

ihrer Worte zutraf.

Er hatte sich vorgenommen, die Angelegenheit als einen Geschäftsfall

aufzufassen. Während er aber in dem geräuschvollen Treiben des Saales

saß und die volle Lebenslust froher Menschen ihn umbrandete, entstand

ein seltsames Gefühl in ihm -- wie er Ilse Hergenbach morgen auffinden

würde. Mußte er sie mit einem anderen Maßstab messen, wie sonst

Durchschnittsgeschöpfe? Er entsann sich seiner eigenen Worte, die er

zu Herta gesprochen: »Ein Kind der Jetztzeit! Das vorige Jahrhundert

klebt ihm nicht mehr an! Es weiß nichts mehr von ihm, als daß damals

rückständige Menschen lebten!«

War er nicht selbst solch ein rückständiger Mensch? Hatte nicht die

heraufkommende Zeit gewaltsam an ihm gerüttelt? Er fühlte, wie die

jetzt herrschende Auffassung eine ganz andere wurde. Sprach man nicht

allerorten von der Gleichberechtigung der Frauen? Die Frau strebte aus

ihrer Einengung gewaltsam heraus, sie wollte die persönliche Freiheit

des Mannes erreichen. Würde sie nicht mit dem erlangten Recht auch in

alle Fehler des Mannes verfallen?

Ilse Hergenbach hatte zu ihm von der Gleichberechtigung der Frau

gesprochen. Das Ergebnis lag nun vor. Was Herta mit ihrem hohen

ernsten Sittlichkeitsgefühl erreichte, daran war Ilse bei dem ersten

Schritt aus dem Elternhaus und in die Freiheit gescheitert. --

Jürgen erfreute sich eines gesunden Schlafes und hatte eine ruhige

Nacht verbracht. Sein Leben lag wie immer im Gleichgewicht.

In aller Frühe bestellte er eine Autodroschke und gab Straße und

Nummer an, wohin er fahren wollte. Der Chauffeur sah den stattlichen,

fremden Herrn erstaunt an, als dieser einen armseligen Bezirk angab.

Das Auto hielt vor einer riesigen düsteren Mietskaserne. Schon das

ganze Äußere des Hauses deutete darauf hin, daß hier die Armut ihre

Stätte aufgeschlagen hatte. In diesem Haus mit den vielen kleinen

Wohnungen lebten zusammengedrängt Hunderte von Menschen.

Jürgen erstieg die Treppen bis zum obersten Stockwerk. Ein häßlicher

Geruch drang ihm überall entgegen; schmutzige, seit Jahrzehnten nicht

mehr im Anstrich erneuerte Wände starrten ihn an. Endlich hatte er die

Wohnung erreicht. Er las: Friedrich Kern. Der Name eines deutschen

eingewanderten Arbeiters, bei dem sich Ilse Hergenbach aufhalten

sollte.

Ein Klingelzug war nicht vorhanden, -- er klopfte. Nach einer ganzen

Weile wurde erst die Tür geöffnet. Eine ärmlich aussehende ältere

Frau kam heraus und schaute verwundert auf den elegant gekleideten

Herrn hin, der zu so früher Stunde hier erschien.

»Ist Fräulein Hergenbach zugegen?«

»Sie meinen die Ilse! Ich werde sie gleich rufen.«

»Unterlassen Sie es bitte!« fiel Jürgen ein. »Ich will sie in ihrem

Zimmer aufsuchen.«

Die Frau zeigte ein mattes Lächeln.

»Die Ilse hat kein Zimmer, Herr! Die hilft mir beim Kochen und der

groben Arbeit und schläft in der Küche.«

Jürgen Plüddekamp wurde von dieser Antwort stark berührt. Er hatte

noch bis zu diesem Augenblick nicht geglaubt, in welch grauenvoller

Lage sich Ilse Hergenbach befand, nun überzeugte er sich davon.

»Ich gehe zu ihr,« schob er die vor ihm Stehende beiseite. Er schritt

hastig in den kleinen dunklen Korridor hinein, von dem drei Türen

abgingen.

»Rechts wohnt ein Genosse von meinem Mann, dann kommt unsere Kammer,

und diese Tür links ist die Küche,« erklärte die nachfolgende Frau.

Jürgen Plüddekamp faßte nach dem Türdrücker und trat dann ein. Ein

düsterer, von Rauch geschwärzter kleiner Raum, dessen schmales Fenster

nach dem Hof hinausführte, lag vor ihm. Ein alter Kochherd, weniges

Küchengerät und eine schmale eiserne Bettstelle befanden sich darin.

Ilse reinigte das Geschirr in einer Blechwanne. Sie hörte den starken

Männertritt und wandte sich rasch um. Vielleicht glaubte sie, daß der

Arbeiter zurückkehre; im gleichen Augenblick aber erkannte sie Jürgen

Plüddekamp.

Sie unterdrückte einen Schrei. Ihre Gestalt begann zu schwanken, so

daß sie sich mit einer Hand schwer gegen die Wand stützen mußte, um

nicht zusammenzubrechen.

»Sie kommen -- zu mir, Herr Plüddekamp!« brachte sie tonlos über die

Lippen, -- »das ist -- entsetzlich!«

»Lassen wir alles Unnötige, Fräulein Hergenbach,« erwiderte Jürgen

kurz. »Ich bin hier, um Sie aus einer unwürdigen Lage zu befreien!

Sind Sie den Leuten noch etwas schuldig? Bitte sagen Sie es mir! Ihre

Sachen mag die Frau hinunterschaffen. Sie folgen mir sofort!«

»Nein, nein!« stieß sie heftig aus. »Lassen Sie mich in meinem

Unglück! Von Ihnen kann und will ich keine Hilfe annehmen.«

»Das ist Torheit, Fräulein Hergenbach!« fiel er scharf ein. »In einem

solchen Augenblick dürfen Sie keiner falschen Empfindung Raum geben.«

Sie sah erschreckend bleich aus. Tiefe Furchen lagerten sich um den

kleinen Mund. Die Augen lagen glanzlos in ihren Höhlen. Ihre Kleidung

war ordentlich gehalten, aber vollständig abgetragen. Ihren schmalen

Händen sah man die grobe Arbeit an, die sie zu verrichten hatten.

Jürgen wandte sich an die Arbeiterfrau, die nach einer kurzen

Rücksprache den Raum verließ.

»Gehen Sie jetzt mit mir,« trat Jürgen auf Ilse zu. »Sie haben an

Konsul Martens geschrieben, um wieder in geordnete Verhältnisse zu

kommen. Er verständigte sich mit mir. Ich bin sofort hierhergeeilt, --

zögern Sie nun nicht länger --«

Sie hielt ihm abwehrend beide Hände entgegen.

»Ich kann es nicht!« flammte es plötzlich in ihr auf. »Jedem anderen

würde ich folgen -- Ihnen aber nicht! -- Hätte ich Sie doch nie

gesehen! Daraus entstanden meine Vergehungen --«

»Denken Sie ruhiger, Fräulein Hergenbach,« unterbrach er sie ernst.

»Sie haben kein Recht, mir Vorwürfe entgegenzuschleudern!«

Ilses Augen blickten ihn wild an.

»Recht, -- Herr Plüddekamp? Nein! -- Kennt Liebe aber etwas anderes

als ein Naturgesetz, -- und wenn dies verhöhnt wird --« Sie wandte

sich ab und suchte ihr Schluchzen zu verbergen. »Ich ertrage mein Los

nicht länger -- jetzt bleibt mir nur -- die Amstel!«

»Das wäre ein leichtes Mittel -- um Torheit auszulöschen. Wem der

innere Halt fehlt -- der greift gern danach -- aber Kraft zeigen,

-- sich aufrichten, -- ein Leben neu aufbauen -- wenn die Hand dazu

geboten wird --.«

»Halten Sie ein!« schrie sie gequält auf. »Wie könnte ich mich wieder

hineinfinden --«

»Sie werden es -- Sie müssen es! Sie haben die Pflicht, Ihren

Charakter zu stählen -- es ist nicht so schwer -- als es Ihnen

erscheinen mag.«

Sie hörte zu weinen auf. Was waren dies für Worte? Durfte sie wirklich

noch hoffen, konnte sie sich selbst überwinden?

Er merkte sofort den Eindruck, den sie erhalten, und suchte diesen

rasch auszunutzen.

»Vor allen Dingen kommen Sie hier fort. Sie sollen sich dann in Ruhe

mit mir aussprechen, -- wir werden Ihre Zukunft überlegen, -- schenken

Sie mir endlich doch Vertrauen!«

Es kämpfte noch eine geraume Zeit gewaltig in ihr, -- dann rang sie

sich aber zu einem plötzlichen Entschluß durch.

»Ein Felsen kann nicht härter sein, als Sie zu mir waren, Herr

Plüddekamp, ich zerbrach daran! Nun wollen Sie mich wieder

aufrichten, -- ich fühle Ihren kalten Stolz, -- aber auch das

Stark-Ehrenhafte in Ihnen, -- und will den Haß im mir niederdrücken,

-- der mich ins Elend brachte. -- Ich -- folge Ihnen.«

Frau Kern brachte die Sachen Ilses. Sie wurden in eine kleine

Handtasche getan. Jürgen gab der Frau ein Goldstück. Dann schritt Ilse

vor ihm die Treppe hinunter und stieg mit in das Auto ein.

»Wir fahren zuerst nach einem Magazin. Sie müssen entsprechend

gekleidet sein, ehe Sie das Hotel betreten.«

Sie wollte dagegen aufbegehren. Ein Blick aus den großen, grauen Augen

traf ihn, der zu fragen schien: »Was denkst du von mir?!« Jürgen mußte

ihn verstanden haben.

»Seien Sie beruhigt, Fräulein Hergenbach! Ich traf Sie heute lieber

in dieser elenden Behausung an, als elegant gekleidet in bequem

möblierter Wohnung!«

Sie holte tief Atem und erwiderte dann:

»Sie handeln ohne Eigennutz an mir, Herr Plüddekamp! Ich füge mich

Ihren Anordnungen.«

Obwohl sich Jürgen mit weiblicher Ausstattung nie befaßt hatte, sprach

er doch ganz gewandt über diese Dinge. Kurz darauf hielten sie vor

einem großen Modemagazin. Er mußte dort einige Zeit geduldig warten,

damit sie sich eine neue Kleidung auswählen konnte. Als sie dann vor

ihn trat, war sie eine ganz andere geworden. Nach deutschem Muster,

einfach aber geschmackvoll angezogen, machte sie mit ihrer schlanken

Gestalt wieder einen angenehmen Eindruck. Nur in ihren bleichen Zügen

war noch das Elend der letzten Zeit zu erkennen. Jürgen sah sie

prüfend an.

»So,« sagte er darauf kurz, »jetzt können wir in das Hotel fahren.«

In den vornehmen Restaurationsräumen des Hotels stand das zweite

Frühstück bereit. Jürgen forderte Ilse auf, daran teilzunehmen.

Wie seltsam sich doch ihr Geschick gestaltete? Hätte nicht alles

anders sein können? Jetzt saß sie ihm an dem kleinen gedeckten Tisch

gegenüber, und es wurden ihnen die ausgewähltesten Speisen aufgetragen.

»So schön wie auf einer Hochzeitsreise,« dachte sie. Wohin aber hatte

sie das Schicksal geführt! -- Der ungeheure Unterschied von gestern

und heute drang zu gewaltig auf sie ein. Sie berührte kaum die Speisen.

»Essen Sie doch, Fräulein Hergenbach, Sie werden wohl in der letzten

Zeit keine genügende Kost gehabt haben!«

Sie versuchte ein leises Lächeln.

»Gewiß, Herr Plüddekamp, ich habe manchen Tag sogar gehungert. Der

Arbeiter Kern nahm mich auf, als ich in den Straßen umherirrte und aus

Schwäche von einer Ohnmacht befallen wurde. Ich vermochte mich niemand

in meiner Not anzuvertrauen; auch jetzt gab ich die Hoffnung auf, daß

Konsul Martens mir helfen würde. -- Heute drang alles so unerwartet

auf mich ein, daß ich kaum daran glauben mag. Ich sitze hier wie in

einem schönen Traum. Aus dem düsteren Raum heraus -- in diesen Glanz

der Welt hinein! -- Der Gegensatz ist zu schroff. Lassen Sie mir Zeit,

daß ich mich wiederfinde!«

»Das sollen Sie, Fräulein Hergenbach! Ich bin kein Unmensch und will,

daß Sie sich Ihre Stellung in der Welt zurückerobern. Noch können Sie

es.«

Sie richtete ihr Auge fragend auf ihn. In dem Blick war nicht mehr

das Überwältigen der Sinne des Mannes geboten, etwas Demütiges,

Unterordnendes lag in ihm. Jürgen erkannte daraus, daß sie eine

furchtbare Lehre empfangen hatte, die sie läuterte. Schade, daß manche

Menschen erst irren müssen, um dann auf den rechten Weg zu gelangen.

»Trinken Sie doch ein Glas Wein!« forderte er sie auf. Sie ließ aber

das Glas unberührt, das er ihr reichte.

»Ich bin es nicht gewohnt, Herr Plüddekamp. Der Alkohol würde mir zu

Kopf steigen.«

Er nahm ein auf dem Tisch stehendes größeres Glas, goß Wasser hinein

und vermischte dies mit dem Wein.

»So kann es Ihnen nicht schaden!«

»Es schmerzt mich, Herr Plüddekamp, daß Sie jetzt gütig zu mir sind.

Ihre Schroffheit war mir verständlicher.«

»Warum? Mir hat Mitleid nie ferngelegen,« erwiderte er kurz. »Es ist

jetzt meine Pflicht, daß es es Ihnen zuteil wird.«

Das Frühstück war vorüber. Jürgen wandte sich zu Ilse.

»Ehe Sie Ihr Zimmer aufsuchen, Fräulein Hergenbach, wollen wir ein

Programm entwerfen. In einem der kleinen Konferenzzimmer sind wir

ungestört. Ich muß meine Zigarre dabei rauchen.«

Es standen nur ein Tisch mit grüner Tuchplatte, ein paar hochlehnige

Stühle und einige Klubsessel in dem kleinen Raum, den sie nun

betraten. Jürgen ließ sich bequem nieder, langte eine kräftige Importe

heraus, die er nach jeder Mahlzeit rauchte, schnitt behutsam die

Spitze ab und brannte sie an. Ilse nahm auf einem Stuhl Platz.

»Hier sind wir besser aufgehoben, als vor Stunden in der Küche,

Fräulein Hergenbach. Sie können sich offen aussprechen. Es wird

niemand etwas davon erfahren. Ich bin nicht neugierig, muß aber klar

sehen, damit ich handeln kann.« Er reichte ihr freundschaftlich seine

Hand, in die sie die ihre zögernd legte. Er drückte diese kräftig.

»So, -- unser Pakt ist geschlossen -- nun reden Sie!«

Ilse atmete tief.

»Es wird mir schwer, die Worte zu finden, um Ihnen das Erlebte zu

schildern, Herr Plüddekamp.«

»Na, -- ohne Worte geht es schon nicht ab, Fräulein Hergenbach! Sie

liebten früher in solchem Falle -- stumm zu bleiben. Diesen Zug Ihres

Charakters haben Sie wahrscheinlich fallen lassen.«

Ihr Gesicht überflog eine schnelle Röte.

»Ich möchte reden -- und kann es nicht, Herr Plüddekamp! Sie würden

mich doch nicht verstehen! Ich erniedrige mich nur noch mehr, als es

schon geschah.«

»Unsinn! Es fällt kein Mensch so tief, daß er nicht wieder aufsteht.

Übrigens -- es macht mir besondere Freude, Sie -- die Moderne --

wieder auf die gute alte verstoßene Bahn zu heben --.« Er ließ

wohlgefällig sein breites Lachen ertönen.

Ilse fühlte die Herzensgüte, die sich unter den derben Worten Jürgens

offenbarte; dadurch kam ein sicheres Gefühl über sie. Wie ein

gewaltiger, lange zurückgedämmter Strom drang es jetzt hervor:

»Ja, -- Sie sollen es hören, Herr Plüddekamp, und dann mögen Sie mich

richten! -- Ich wurde hinausgesandt, ohne mich selbst zu kennen.

Meinen Eltern und Geschwistern glaubte ich nicht, -- warum sollte ich

auch anders geartet sein? Es lag aber ein wilder Drang in mir, den

ich den Blicken fremder Menschen verschließen mußte. Ich blieb stumm,

wenn ich am liebsten hinausgeschrien hätte: ›Laßt mich ausleben!‹ --

In der Pension erfuhr ich nur Überflüssiges, -- was einfache Mädchen

belastet. Eine Sucht nach der Schönheit im Leben, -- künstlerische

Neigungen wurden in mir erweckt, -- ich konnte stundenlang in den

Galerien die Bilder betrachten.«

»Die meisten Mädchen waren aus der Großstadt und mir in allem voraus.

Sie schürten mich täglich an -- die Kraft der Frau den Männern

gegenüber zu erproben -- Siegerin zu werden. Was war dies? Ich

verstand es nicht!«

»Kurz darauf kam ich in Ihr Haus. Der Ernst, der darin waltete,

erdrückte mich anfangs, -- ich sah mißmutig in eine andere Welt

hinein. Bald fühlte ich aber die siegreiche Macht der Frau. Sie

haschten alle nach mir. Ihr Bruder Wolf voran --«

»Leider,« warf Jürgen ein.

»Nur einer nicht --«

»Lassen Sie diesen einen beiseite, Fräulein Hergenbach. -- Es ist

kein Verdienst, -- nur eine Verstandeseigenschaft, die heute vielen

verkehrt erscheint.«

»Nein, es muß heraus, Herr Plüddekamp!« fuhr sie in leidenschaftlichem

Ton fort, und auf ihren Wangen entstanden scharf umrissene rote

Kreise. »Ich haßte Sie, und um mich zu rächen, gab ich Wolf mein Wort.

Ich wußte, daß Sie dies nicht wollten und ich Sie nicht tiefer treffen

konnte. Es war schlecht gehandelt --«

»Allerdings! Sie haben Wolf bis an den Rand des Todes gebracht,« fiel

er bitter ein.

Sie stand zitternd auf.

»Wolf -- Ihren Bruder -- unmöglich!«

»Es ist jetzt noch kaum genesen -- von Ihnen allerdings geheilt.«

»Wie soll ich dies verstehen, -- er hat mich betrogen, -- die blonde

Person in der Weinkneipe, -- in die mich Smiders lockte, -- stand ihm

näher --«

»Smiders fing Sie durch eine lächerliche Komödie. Er benutzte die

weibliche Eitelkeit. -- Sie sollen jetzt von mir die Wahrheit hören

--«

Wort für Wort drang auf Ilse ein. Sie sah ihn starr an, -- jeder

Blutstropfen ihres Gesichts wich zurück.

»Mein Gott -- Herr Plüddekamp,« stöhnte sie auf, »was kann ich tun, um

Wolfs Verzeihung zu erlangen!«

»Nichts, Fräulein Hergenbach,« erwiderte er ernst, »als daß Sie nie

mehr vor ihn hintreten. -- Er hat Ruhe und Frieden wiedergefunden.« --

--

Sie hörte von diesem Augenblick geduldig an, was er ihr vorschlug.

»Ich werde Sie nach Nordhausen in Ihr Elternhaus zurückbringen. Herta

war gezwungen, auf einen Brief Ihrer Mutter zu antworten, daß Sie uns

verlassen hatten. Trotzdem können Sie ruhig sein, -- ich spreche für

Sie. --«

Geschwister Plüddekamp · 第 29 / 30 题