Schwere Tage kamen über das Plüddekampsche Haus. Wolf war unter
der Wucht der auf ihn hereindrängenden Tatsachen gänzlich
zusammengesunken. Seine Liebe und Sehnsucht nach Ilse war durch die
wochenlange Abwesenheit so gewaltig geworden, daß er die nackte
Wahrheit, die ihm Jürgen eröffnete, nicht zu ertragen vermochte. Eine
Zeitlang ging er wie geistesabwesend einher. Er konnte seine Gedanken
von dem Geschehnis nicht ablenken und vermied es, sich mit Herta und
Jürgen in ein Gespräch einzulassen.
Tagsüber hielt er sich meistens im Garten auf, pflückte dort Blumen
und zerblätterte sie. Wenn der alte Jochen Hindorf ihm in den Weg
kam, gab er kaum dessen Gruß zurück. Durch seinen Verrat hatten die
Geschwister alles erfahren. Warum hatte er Ilse nicht mitgenommen?
Dann wäre sie für ihn gerettet gewesen. Zuweilen wollte er alles nicht
glauben und versuchte, es sich auszureden. Die Wucht der Gedanken aber
brach danach doppelt stark auf ihn herein.
Eines Tages kam ein Brief aus Nordhausen für Herta an, den ihm
der Briefträger zufällig übergab. Er war von Ilses Mutter. In der
Aufregung, etwas über sie zu erfahren, wartete er nicht, bis er die
Schwester fand, sondern riß das Schreiben auf. Seine Augen überflogen
die Zeilen, dann ballte er mit der Hand das Papier zusammen.
»Sie ist nicht dort!« rief er die Treppe hinaufeilend seiner Schwester
zu. »Ilse ist nicht in Nordhausen! Ihr habt mir doch gesagt, sie sei
bei ihren Eltern! Ich mag nicht ausdenken, wo sie sein kann! Das Blut
tobt in mir! Es zermalmt mir das Gehirn! Ich will Smiders suchen, ich
muß ihn zur Rechenschaft ziehen! Der Bube soll seine Strafe erhalten!«
--
Von dieser Stunde an war Wolf fieberhaft bemüht, etwas über Smiders'
Verbleib zu erfahren. Der Staatsanwalt, der die Anklage gegen den
Reeder erhoben und hinter ihm einen Steckbrief erlassen hatte, fand
keinen willigeren Helfer, als Wolf Plüddekamp. Dieser sah nur noch ein
Ziel vor sich: Smiders aufzufinden.
Er unterstützte die Bemühungen der Kriminalbeamten. Jeder Schritt,
den der Reeder noch in Stettin gemacht, wurde verfolgt. Man konnte
nachweisen, welche Summen er schnell eingezogen und wo er sich bis
zum Abend des Fluchttages aufgehalten hatte, dann aber war jede Spur
verwischt. Ebenso forschte Wolf Ilse nach. Der Kutscher sah noch
deutlich, wie sie die Fahrkarte löste und in den Wartesaal ging. Von
hier ab lag alles weitere im Dunkel.
Tag für Tag blieb Wolf unermüdlich tätig, Klarheit in die Dinge zu
schaffen. Es hatte sich bei ihm zur fanatischen Idee ausgebildet, daß
Smiders Ilse bewogen, mit ihm zu fliehen. Der sonst so lebensfrohe
junge Mann war vollständig verwandelt. Ein verbissener, ingrimmiger
Zug lag in seinem Gesicht. Mit wilder Glut wühlte es täglich in seinem
Herzen: »Ilse ist für dich verloren, -- Smiders aber erwürge ich mit
eigener Hand!«
In dieser fortgesetzten Aufregung untergruben sich seine Körperkräfte.
Das Ausbleiben von Resultaten ließ eine derartige Nervenüberspannung
entstehen, daß er zusammenbrach. Ein heftiges Nervenfieber warf ihn
aufs Krankenlager hin. Herta pflegte ihn mit Aufopferung.
Im Hause Plüddekamp wurde es unheimlich still. Niemand wagte fest
aufzutreten, aus Furcht, den Schwerleidenden zu stören. In wilden
Fieberphantasien wälzte sich Wolf auf seinem Lager. Die Ausbrüche von
Sehnsucht nach Ilse waren für Herta kaum zu ertragen. Als nach Wochen
noch keine Besserung eintrat und sie selbst von der Pflege derartig
angegriffen wurde, daß ihre Kräfte nachließen, sollte Wolf bereits in
eine Anstalt überführt werden. --
Die Kunde von seiner schweren Erkrankung war auch nach Wershagen
gedrungen. Lieschen Wichers schrieb mehrmals an Herta. Da diese nicht
gleich antworten konnte, kam sie selbst. Das liebenswürdige, heitere
Geschöpf brach in Tränen aus, als es von dem schweren Leiden Wolfs
erfuhr, und offenbarte dabei ihre ganze tiefe Liebe zu ihm.
»Lassen Sie mich ihn pflegen,« bat Lieschen die Geschwister, »ich
stehe an Ihrer Seite, um ihn für das Leben zu erhalten.« Sie mußten
einwilligen, daß das junge Mädchen im Plüddekampschen Hause blieb.
Lieschen waltete wie ein guter, freundlicher Geist in der
Krankenstube. Wolf erkannte sie zuweilen, und ein Lächeln glitt dann
über seine schlaff gewordenen Züge. Sobald aber das hohe Fieber
auftrat, schien sein Denken vollständig umnachtet zu sein.
Die Geschwister zogen Lieschen vollständig in ihr Vertrauen; sie
vernahm so vieles aus seinen wirren Reden, da mußte eine Aufklärung
stattfinden.
Endlich kam die Krisis.
Es waren Stunden der reinsten Verzweiflung, in denen alle verharrten.
Die gute Natur Wolfs siegte. Nach einem tagelangen, wenig
unterbrochenen tiefen Schlaf kam langsam die Genesung. Das Fieber
hörte auf. Nun galt es, die alten Erinnerungen in ihm durch eine
andere Umgebung zu verdrängen. Nur dadurch konnte sein Gemüt zur Ruhe
gelangen und sein Körper genesen.
Lieschen Wichers bat flehentlich, ihn mit nach Wershagen nehmen zu
dürfen. Was konnte den Geschwistern lieber sein, als den Bruder in der
herrlichen gesunden Luft von Wershagen, der freundlichen Landschaft,
dem gemütlichen Heim des Oberamtmanns zu wissen! Dort konnte er sich
von dem schweren körperlichen Leiden wie der starken Erschütterung
seines Innern am besten erholen.
Während seiner Krankheit liefen von vielen Seiten täglich Anfragen
ein. Es zeigte sich recht, welche Freundschaft er sich überall
erworben hatte. Graf Thadden-Bützenbrück war gekommen, um sich nach
Wolf zu erkundigen. Der Berleburger Schloßherr fehlte natürlich nicht
und so viele andere.
Die Übersiedlung nach Wershagen ging vor sich. Lieschen Wichers, die
von der Pflege etwas bleich geworden, saß strahlend an der Seite
Wolfs, als sie auf dem Gut eintrafen. Zusammengefallen und kraftlos
wurde er aus dem Wagen gehoben, nur in seinen Augen lag trotz des
matten Schimmers eine Hoffnung auf baldige Genesung. --
Jürgen Plüddekamp war in der letzten Zeit recht gealtert. Starke
Falten hatten sich auf seiner Stirn eingegraben. Das wochenlange
Schweben seines Bruders zwischen Leben und Tod rüttelte gewaltig an
diesem eisernen Mann. Sobald die Hoffnung in ihm zurückkehrte, daß
Wolf den Geschwistern erhalten blieb, belebte sich sein Blick wieder,
und er sah zuversichtlicher aus. Jetzt mußte sich noch alles zum Guten
wenden. Warum nur war Ilse Hergenbach in die glückliche Harmonie des
Plüddekampschen Hauses eingedrungen? Die Geschwister selbst trugen
die Schuld daran. Sie durften kein fremdes Wesen bei sich aufnehmen.
So war es ein Jahrhundert lang gehalten worden. Der Durchbruch dieser
alten Überlieferung beschwor die Gefahr herauf.
Während Jürgen Plüddekamp über die eingegangene Korrespondenz gebeugt
saß und an den Rand der Briefe Bemerkungen schrieb, läutete plötzlich
der neben ihm befindliche Telephonapparat. Er nahm den Hörer in die
Hand.
»Hallo! Hier Jürgen Plüddekamp!«
»Hier Charles Martens! Ich möchte dich heute sprechen, Jürgen!«
»Du bist mir jederzeit willkommen, Charles! Hast du irgend etwas
Wichtiges? Es handelt sich wohl um Smiders?«
»Ja und nein, Jürgen! Ich bin in einer Viertelstunde bei dir.«
Jürgen arbeitete ruhig weiter. Prokurist Armin kam herein und legte
Abschlüsse vor, die unterzeichnet werden mußten.
»Wird Berleburg in diesem Jahre viel liefern können?« fragte Jürgen
und sah zu seinem Prokuristen auf.
»Das Berleburgsche Glück hat sich bewahrheitet,« erwiderte Armin.
»Er läßt bereits auf dem Felde dreschen. Die landwirtschaftliche
Genossenschaft seines Bezirks hat eine große fahrbare
Dampfdreschmaschine angeschafft, die überallhin verliehen wird.
Dadurch läßt sich die Lieferung des ersten Roggens sehr beschleunigen.«
»Seine Schuld wird wohl herunterkommen, Armin?«
»Der Baron hofft sogar auf einen vollständigen Ausgleich seines
Kontos bei uns, Plüddekamp! Es soll sogar noch eine Badereise für ihn
übrigbleiben. Er will dabei, wie seit Jahren, nach einer reichen Frau
suchen.«
»Bei ihm wird der Anschluß wohl verpaßt sein, Armin, und Berleburg
einst dem Schicksal der Aufteilung nicht entgehen. Schade um diese
alten Besitzungen! Sie fallen eine nach der anderen den Anforderungen
der Neuzeit zum Opfer.«
»Uns erschwert es nur das Geschäft,« warf der Prokurist ein. »In
großen Posten kaufen wir viel günstiger, als wenn wir uns im
Kleinbetrieb verzetteln müssen.«
»Die Aufkäufer wollen immer mehr Prozente haben,« erwiderte Jürgen.
»Was bleibt schließlich noch für uns übrig! Ich sehe manchmal mit
Bitterkeit in die Zukunft. Würden wir nicht in früheren Jahren so groß
geworden sein, heute gehörte es zur Unmöglichkeit!«
»Leider!« stimmte Armin ihm bei. »Wie bei den Gütern, so wird auch
im alten ehrenwerten Kaufmannsstand manche Bresche geschlagen. Der
Weltbetrieb läuft zu rasch vorwärts und überhastet sich.«
In diesem Augenblick wurden sie durch die Anmeldung von Konsul Martens
unterbrochen, der auch gleich darauf eintrat. Armin verließ das
Zimmer, und die beiden Freunde waren allein.
»Setz dich auf Wolfs Platz, Charles,« bat Jürgen, »was bringst du uns?«
»Wie geht es ihm vor allen Dingen?« fragte Konsul Martens dazwischen.
»Von Tag zu Tag langsam besser, Charles! Der Aufenthalt in Wershagen
scheint ihm gut zu bekommen. Er ist schon ein paarmal im Park gewesen.
Wichers und seine Tochter sind wahrhaft liebe Menschen, bei denen man
in dem Gedanken wieder erstarken kann, daß Treue und Aufopferung noch
nicht ganz aus der Welt geschwunden sind.«
Konsul Martens nickte mit dem Kopf.
»Auf der anderen Seite breitet sich Lug und Trug in immer
größerem Maße aus. Mit der wachsenden Menschenzahl nimmt auch die
Schlechtigkeit erschreckend überhand. Hier ist wieder ein Beispiel
davon.«
Er zog einen Brief aus seiner Tasche und setzte sich das Augenglas auf.
»Ich komme deshalb heute zu dir, Jürgen. Dieses Schreiben an mich
kommt aus Amsterdam und ist -- von Ilse Hergenbach.«
»Ilse Hergenbach!« fuhr Jürgen auf. »Nenne mir nicht den Namen,
Charles! Sie kostet uns beinahe den Bruder.«
»Trotzdem mußt du mich anhören, Jürgen! Da du mich als besten Freund
der Familie in alles einweihtest, bin ich auch verpflichtet, dir von
diesem Schreiben Kenntnis zu geben. Ich will vorausschicken: mag das
junge Mädchen auch gefehlt haben, das Los, das sie jetzt betroffen
hat, ist erbarmungsvoll!«
»Wieso?« unterbrach ihn Jürgen in barschem Ton. »Wer bei Nacht und
Nebel davonläuft, kann es nicht anders erwarten!«
»Sie ist vor Monaten mit Smiders nach Amsterdam gefahren. Er ging dann
bald auf und davon und hat sie dem Elend überlassen. Wahrscheinlich
fürchtete er, daß seine Spur entdeckt werden würde. Der Schrei einer
Verzweifelten ist heute an mich gelangt. Sie will nicht weiter sinken,
und doch steht ihr das Furchtbarste bevor.«
Jürgen, der sonst so gelassene und ruhige Geschäftsmann, stand
plötzlich auf und schritt erregt im Zimmer hin und her.
»Was ist zu tun, Charles?« blieb er einen Augenblick stehen.
»Dies wollte ich mit dir besprechen, Jürgen! Ich halte es für richtig,
wenn jemand sofort nach Amsterdam fährt und sie abholt, ehe sie in
einen Abgrund versinkt. Ich kam hierher, um dich darum zu bitten.«
»Charles! Was fällt dir ein! Ich soll nach Amsterdam fahren?«
»Allerdings!« erwiderte der Konsul ruhig, »du bist der einzige, der
dafür geeignet ist. Irgend einen Fremden können wir nicht einweihen.
Mir selbst traue ich, offen gestanden, die Erledigung dieser
Angelegenheit nicht recht zu. Du bist allein der geeignete Mann dafür.«
»So? Es wird immer schöner!« rief Jürgen aufgeregt. »Dafür, daß sie
mir Frieden und Ruhe im Hause zerstörte, soll ich auch noch nach
Amsterdam fahren, um sie vor weiterer Schmach zu behüten!«
»Ja,« sprach Martens bestimmt, »du wirst es tun, Jürgen! Ich bitte
dich bei unserer Freundschaft darum. Man soll eine Frau, die noch
einen Funken von guter Gesinnung in sich hat, in einer fremden Stadt
nicht dem Menschenpöbel überlassen. Hast du nicht auch das Bewußtsein?«
Einen Augenblick hindurch bäumte sich der ganze Stolz Jürgens gegen
diese Zumutung auf. Seine Augen sandten förmliche Blitze, als er jetzt
ausrief:
»Sage es einem anderen, Charles, aber nicht mir! Ich bin dabei der
Letzte, der berufen ist, zu helfen!«
»Nein, Jürgen,« entgegnete der Konsul energisch, »du bist der Erste
dazu! Ich will jetzt nicht weiter in dich dringen. Überlege es dir
eine Stunde! Um zwei Uhr geht der Schnellzug, du kannst in Tag und
Nacht dort sein. Brauchst auch niemand etwas davon wissen zu lassen.
Bei euch sind ja geschäftliche Reisen an der Tagesordnung. Wolf ist
nicht hier, und Herta wird nicht erfahren, was du tust. Hier ist der
Brief, -- die Adresse von Ilse Hergenbach steht darin.«
Jürgen kämpfte noch mit sich. Die Adern an seiner Stirn waren stark
angeschwollen, ein Zeichen der inneren Erregung. Als Martens darauf
fortgehen wollte, hielt er ihn zurück.
»Warte, Charles,« sagte er kurz, »es fällt schwer, mich selbst zu
überwinden. Doch hier ist meine Hand, -- ich fahre nach Amsterdam!«
Konsul Martens zeigte ein feines Lächeln.
»Ich war davon überzeugt, Jürgen, du konntest nicht anders handeln! An
den Kosten darf ich mich doch beteiligen?«
»Nein, Charles, das darfst du nicht! Was ich will -- tue ich auch
ganz!«
Prokurist Armin trat herein. Er hielt ein Zeitungsblatt in der Hand.
»Sie haben Alfred Smiders gefaßt, Plüddekamp,« rief er befriedigt
aus, »hier, lesen Sie das Telegramm. Er ist bei seiner Ankunft in Rio
de Janeiro von einem Angestellten des deutschen Konsuls erkannt und
verhaftet worden. Seine Auslieferung steht bevor.«
»Ich gönne es dem Burschen,« fiel Jürgen ein, »die wohlverdiente
Strafe muß ihn treffen.«
»Solche Verhandlungen wirbeln nur Staub auf, säen Mißtrauen und
verderben das gute Geschäft,« meinte Konsul Martens.
»Mir tut der alte Vater leid. Besser für ihn, der Sohn wäre tot, als
daß er jetzt vor den Richter gezogen wird.«
»Er wird das Urteil nicht mehr erfahren,« erwiderte der Bankier. »Du
hast ja beigesteuert, daß wir ihn im Johanniterhospital unterbringen
konnten. Seine letzten Tage stehen bevor.«
Konsul Martens war schon an der Tür, als er sich noch einmal umwandte.
»Der ›Friedrich Barbarossa‹ ist glücklich aus dem Dock heraus! Ist ein
schmuckes Schiff geworden. Die Werft rechnet stark darauf, daß du ihn
chartern wirst! Vielleicht kauft ihn auch die neue Reederei, die die
Dampferlinien von Smiders & Sohn übernommen hat. Kneis aus Hamburg
soll dahinter stecken und sich mit großem Kapital beteiligt haben.
Sicher tritt er auch an dich heran. Dabei kannst du ein paar Worte für
unsern Dampfer mit einfließen lassen.«
»Wird geschehen, Martens! Für ein solides Geschäft bin ich stets zu
haben. Kneis kann vorzügliche Referenzen aufweisen und versteht als
alter Überseer sein Handwerk.«
»Lebe wohl, Jürgen! Gib mir Nachricht, wenn du zurück bist. Wir wollen
dann die Sache weiter besprechen.«
Dieser war in seinem Zimmer allein; er sah eine geraume Zeit vor sich
in das Leere.
»Menschen und Schicksale,« murmelte er dann, »ich hätte wahrhaftig nie
geglaubt, daß ich Ilse Hergenbach im Leben noch einmal wiedersehen
müßte.«