XXII.

Schwere Tage kamen über das Plüddekampsche Haus. Wolf war unter

der Wucht der auf ihn hereindrängenden Tatsachen gänzlich

zusammengesunken. Seine Liebe und Sehnsucht nach Ilse war durch die

wochenlange Abwesenheit so gewaltig geworden, daß er die nackte

Wahrheit, die ihm Jürgen eröffnete, nicht zu ertragen vermochte. Eine

Zeitlang ging er wie geistesabwesend einher. Er konnte seine Gedanken

von dem Geschehnis nicht ablenken und vermied es, sich mit Herta und

Jürgen in ein Gespräch einzulassen.

Tagsüber hielt er sich meistens im Garten auf, pflückte dort Blumen

und zerblätterte sie. Wenn der alte Jochen Hindorf ihm in den Weg

kam, gab er kaum dessen Gruß zurück. Durch seinen Verrat hatten die

Geschwister alles erfahren. Warum hatte er Ilse nicht mitgenommen?

Dann wäre sie für ihn gerettet gewesen. Zuweilen wollte er alles nicht

glauben und versuchte, es sich auszureden. Die Wucht der Gedanken aber

brach danach doppelt stark auf ihn herein.

Eines Tages kam ein Brief aus Nordhausen für Herta an, den ihm

der Briefträger zufällig übergab. Er war von Ilses Mutter. In der

Aufregung, etwas über sie zu erfahren, wartete er nicht, bis er die

Schwester fand, sondern riß das Schreiben auf. Seine Augen überflogen

die Zeilen, dann ballte er mit der Hand das Papier zusammen.

»Sie ist nicht dort!« rief er die Treppe hinaufeilend seiner Schwester

zu. »Ilse ist nicht in Nordhausen! Ihr habt mir doch gesagt, sie sei

bei ihren Eltern! Ich mag nicht ausdenken, wo sie sein kann! Das Blut

tobt in mir! Es zermalmt mir das Gehirn! Ich will Smiders suchen, ich

muß ihn zur Rechenschaft ziehen! Der Bube soll seine Strafe erhalten!«

--

Von dieser Stunde an war Wolf fieberhaft bemüht, etwas über Smiders'

Verbleib zu erfahren. Der Staatsanwalt, der die Anklage gegen den

Reeder erhoben und hinter ihm einen Steckbrief erlassen hatte, fand

keinen willigeren Helfer, als Wolf Plüddekamp. Dieser sah nur noch ein

Ziel vor sich: Smiders aufzufinden.

Er unterstützte die Bemühungen der Kriminalbeamten. Jeder Schritt,

den der Reeder noch in Stettin gemacht, wurde verfolgt. Man konnte

nachweisen, welche Summen er schnell eingezogen und wo er sich bis

zum Abend des Fluchttages aufgehalten hatte, dann aber war jede Spur

verwischt. Ebenso forschte Wolf Ilse nach. Der Kutscher sah noch

deutlich, wie sie die Fahrkarte löste und in den Wartesaal ging. Von

hier ab lag alles weitere im Dunkel.

Tag für Tag blieb Wolf unermüdlich tätig, Klarheit in die Dinge zu

schaffen. Es hatte sich bei ihm zur fanatischen Idee ausgebildet, daß

Smiders Ilse bewogen, mit ihm zu fliehen. Der sonst so lebensfrohe

junge Mann war vollständig verwandelt. Ein verbissener, ingrimmiger

Zug lag in seinem Gesicht. Mit wilder Glut wühlte es täglich in seinem

Herzen: »Ilse ist für dich verloren, -- Smiders aber erwürge ich mit

eigener Hand!«

In dieser fortgesetzten Aufregung untergruben sich seine Körperkräfte.

Das Ausbleiben von Resultaten ließ eine derartige Nervenüberspannung

entstehen, daß er zusammenbrach. Ein heftiges Nervenfieber warf ihn

aufs Krankenlager hin. Herta pflegte ihn mit Aufopferung.

Im Hause Plüddekamp wurde es unheimlich still. Niemand wagte fest

aufzutreten, aus Furcht, den Schwerleidenden zu stören. In wilden

Fieberphantasien wälzte sich Wolf auf seinem Lager. Die Ausbrüche von

Sehnsucht nach Ilse waren für Herta kaum zu ertragen. Als nach Wochen

noch keine Besserung eintrat und sie selbst von der Pflege derartig

angegriffen wurde, daß ihre Kräfte nachließen, sollte Wolf bereits in

eine Anstalt überführt werden. --

Die Kunde von seiner schweren Erkrankung war auch nach Wershagen

gedrungen. Lieschen Wichers schrieb mehrmals an Herta. Da diese nicht

gleich antworten konnte, kam sie selbst. Das liebenswürdige, heitere

Geschöpf brach in Tränen aus, als es von dem schweren Leiden Wolfs

erfuhr, und offenbarte dabei ihre ganze tiefe Liebe zu ihm.

»Lassen Sie mich ihn pflegen,« bat Lieschen die Geschwister, »ich

stehe an Ihrer Seite, um ihn für das Leben zu erhalten.« Sie mußten

einwilligen, daß das junge Mädchen im Plüddekampschen Hause blieb.

Lieschen waltete wie ein guter, freundlicher Geist in der

Krankenstube. Wolf erkannte sie zuweilen, und ein Lächeln glitt dann

über seine schlaff gewordenen Züge. Sobald aber das hohe Fieber

auftrat, schien sein Denken vollständig umnachtet zu sein.

Die Geschwister zogen Lieschen vollständig in ihr Vertrauen; sie

vernahm so vieles aus seinen wirren Reden, da mußte eine Aufklärung

stattfinden.

Endlich kam die Krisis.

Es waren Stunden der reinsten Verzweiflung, in denen alle verharrten.

Die gute Natur Wolfs siegte. Nach einem tagelangen, wenig

unterbrochenen tiefen Schlaf kam langsam die Genesung. Das Fieber

hörte auf. Nun galt es, die alten Erinnerungen in ihm durch eine

andere Umgebung zu verdrängen. Nur dadurch konnte sein Gemüt zur Ruhe

gelangen und sein Körper genesen.

Lieschen Wichers bat flehentlich, ihn mit nach Wershagen nehmen zu

dürfen. Was konnte den Geschwistern lieber sein, als den Bruder in der

herrlichen gesunden Luft von Wershagen, der freundlichen Landschaft,

dem gemütlichen Heim des Oberamtmanns zu wissen! Dort konnte er sich

von dem schweren körperlichen Leiden wie der starken Erschütterung

seines Innern am besten erholen.

Während seiner Krankheit liefen von vielen Seiten täglich Anfragen

ein. Es zeigte sich recht, welche Freundschaft er sich überall

erworben hatte. Graf Thadden-Bützenbrück war gekommen, um sich nach

Wolf zu erkundigen. Der Berleburger Schloßherr fehlte natürlich nicht

und so viele andere.

Die Übersiedlung nach Wershagen ging vor sich. Lieschen Wichers, die

von der Pflege etwas bleich geworden, saß strahlend an der Seite

Wolfs, als sie auf dem Gut eintrafen. Zusammengefallen und kraftlos

wurde er aus dem Wagen gehoben, nur in seinen Augen lag trotz des

matten Schimmers eine Hoffnung auf baldige Genesung. --

Jürgen Plüddekamp war in der letzten Zeit recht gealtert. Starke

Falten hatten sich auf seiner Stirn eingegraben. Das wochenlange

Schweben seines Bruders zwischen Leben und Tod rüttelte gewaltig an

diesem eisernen Mann. Sobald die Hoffnung in ihm zurückkehrte, daß

Wolf den Geschwistern erhalten blieb, belebte sich sein Blick wieder,

und er sah zuversichtlicher aus. Jetzt mußte sich noch alles zum Guten

wenden. Warum nur war Ilse Hergenbach in die glückliche Harmonie des

Plüddekampschen Hauses eingedrungen? Die Geschwister selbst trugen

die Schuld daran. Sie durften kein fremdes Wesen bei sich aufnehmen.

So war es ein Jahrhundert lang gehalten worden. Der Durchbruch dieser

alten Überlieferung beschwor die Gefahr herauf.

Während Jürgen Plüddekamp über die eingegangene Korrespondenz gebeugt

saß und an den Rand der Briefe Bemerkungen schrieb, läutete plötzlich

der neben ihm befindliche Telephonapparat. Er nahm den Hörer in die

Hand.

»Hallo! Hier Jürgen Plüddekamp!«

»Hier Charles Martens! Ich möchte dich heute sprechen, Jürgen!«

»Du bist mir jederzeit willkommen, Charles! Hast du irgend etwas

Wichtiges? Es handelt sich wohl um Smiders?«

»Ja und nein, Jürgen! Ich bin in einer Viertelstunde bei dir.«

Jürgen arbeitete ruhig weiter. Prokurist Armin kam herein und legte

Abschlüsse vor, die unterzeichnet werden mußten.

»Wird Berleburg in diesem Jahre viel liefern können?« fragte Jürgen

und sah zu seinem Prokuristen auf.

»Das Berleburgsche Glück hat sich bewahrheitet,« erwiderte Armin.

»Er läßt bereits auf dem Felde dreschen. Die landwirtschaftliche

Genossenschaft seines Bezirks hat eine große fahrbare

Dampfdreschmaschine angeschafft, die überallhin verliehen wird.

Dadurch läßt sich die Lieferung des ersten Roggens sehr beschleunigen.«

»Seine Schuld wird wohl herunterkommen, Armin?«

»Der Baron hofft sogar auf einen vollständigen Ausgleich seines

Kontos bei uns, Plüddekamp! Es soll sogar noch eine Badereise für ihn

übrigbleiben. Er will dabei, wie seit Jahren, nach einer reichen Frau

suchen.«

»Bei ihm wird der Anschluß wohl verpaßt sein, Armin, und Berleburg

einst dem Schicksal der Aufteilung nicht entgehen. Schade um diese

alten Besitzungen! Sie fallen eine nach der anderen den Anforderungen

der Neuzeit zum Opfer.«

»Uns erschwert es nur das Geschäft,« warf der Prokurist ein. »In

großen Posten kaufen wir viel günstiger, als wenn wir uns im

Kleinbetrieb verzetteln müssen.«

»Die Aufkäufer wollen immer mehr Prozente haben,« erwiderte Jürgen.

»Was bleibt schließlich noch für uns übrig! Ich sehe manchmal mit

Bitterkeit in die Zukunft. Würden wir nicht in früheren Jahren so groß

geworden sein, heute gehörte es zur Unmöglichkeit!«

»Leider!« stimmte Armin ihm bei. »Wie bei den Gütern, so wird auch

im alten ehrenwerten Kaufmannsstand manche Bresche geschlagen. Der

Weltbetrieb läuft zu rasch vorwärts und überhastet sich.«

In diesem Augenblick wurden sie durch die Anmeldung von Konsul Martens

unterbrochen, der auch gleich darauf eintrat. Armin verließ das

Zimmer, und die beiden Freunde waren allein.

»Setz dich auf Wolfs Platz, Charles,« bat Jürgen, »was bringst du uns?«

»Wie geht es ihm vor allen Dingen?« fragte Konsul Martens dazwischen.

»Von Tag zu Tag langsam besser, Charles! Der Aufenthalt in Wershagen

scheint ihm gut zu bekommen. Er ist schon ein paarmal im Park gewesen.

Wichers und seine Tochter sind wahrhaft liebe Menschen, bei denen man

in dem Gedanken wieder erstarken kann, daß Treue und Aufopferung noch

nicht ganz aus der Welt geschwunden sind.«

Konsul Martens nickte mit dem Kopf.

»Auf der anderen Seite breitet sich Lug und Trug in immer

größerem Maße aus. Mit der wachsenden Menschenzahl nimmt auch die

Schlechtigkeit erschreckend überhand. Hier ist wieder ein Beispiel

davon.«

Er zog einen Brief aus seiner Tasche und setzte sich das Augenglas auf.

»Ich komme deshalb heute zu dir, Jürgen. Dieses Schreiben an mich

kommt aus Amsterdam und ist -- von Ilse Hergenbach.«

»Ilse Hergenbach!« fuhr Jürgen auf. »Nenne mir nicht den Namen,

Charles! Sie kostet uns beinahe den Bruder.«

»Trotzdem mußt du mich anhören, Jürgen! Da du mich als besten Freund

der Familie in alles einweihtest, bin ich auch verpflichtet, dir von

diesem Schreiben Kenntnis zu geben. Ich will vorausschicken: mag das

junge Mädchen auch gefehlt haben, das Los, das sie jetzt betroffen

hat, ist erbarmungsvoll!«

»Wieso?« unterbrach ihn Jürgen in barschem Ton. »Wer bei Nacht und

Nebel davonläuft, kann es nicht anders erwarten!«

»Sie ist vor Monaten mit Smiders nach Amsterdam gefahren. Er ging dann

bald auf und davon und hat sie dem Elend überlassen. Wahrscheinlich

fürchtete er, daß seine Spur entdeckt werden würde. Der Schrei einer

Verzweifelten ist heute an mich gelangt. Sie will nicht weiter sinken,

und doch steht ihr das Furchtbarste bevor.«

Jürgen, der sonst so gelassene und ruhige Geschäftsmann, stand

plötzlich auf und schritt erregt im Zimmer hin und her.

»Was ist zu tun, Charles?« blieb er einen Augenblick stehen.

»Dies wollte ich mit dir besprechen, Jürgen! Ich halte es für richtig,

wenn jemand sofort nach Amsterdam fährt und sie abholt, ehe sie in

einen Abgrund versinkt. Ich kam hierher, um dich darum zu bitten.«

»Charles! Was fällt dir ein! Ich soll nach Amsterdam fahren?«

»Allerdings!« erwiderte der Konsul ruhig, »du bist der einzige, der

dafür geeignet ist. Irgend einen Fremden können wir nicht einweihen.

Mir selbst traue ich, offen gestanden, die Erledigung dieser

Angelegenheit nicht recht zu. Du bist allein der geeignete Mann dafür.«

»So? Es wird immer schöner!« rief Jürgen aufgeregt. »Dafür, daß sie

mir Frieden und Ruhe im Hause zerstörte, soll ich auch noch nach

Amsterdam fahren, um sie vor weiterer Schmach zu behüten!«

»Ja,« sprach Martens bestimmt, »du wirst es tun, Jürgen! Ich bitte

dich bei unserer Freundschaft darum. Man soll eine Frau, die noch

einen Funken von guter Gesinnung in sich hat, in einer fremden Stadt

nicht dem Menschenpöbel überlassen. Hast du nicht auch das Bewußtsein?«

Einen Augenblick hindurch bäumte sich der ganze Stolz Jürgens gegen

diese Zumutung auf. Seine Augen sandten förmliche Blitze, als er jetzt

ausrief:

»Sage es einem anderen, Charles, aber nicht mir! Ich bin dabei der

Letzte, der berufen ist, zu helfen!«

»Nein, Jürgen,« entgegnete der Konsul energisch, »du bist der Erste

dazu! Ich will jetzt nicht weiter in dich dringen. Überlege es dir

eine Stunde! Um zwei Uhr geht der Schnellzug, du kannst in Tag und

Nacht dort sein. Brauchst auch niemand etwas davon wissen zu lassen.

Bei euch sind ja geschäftliche Reisen an der Tagesordnung. Wolf ist

nicht hier, und Herta wird nicht erfahren, was du tust. Hier ist der

Brief, -- die Adresse von Ilse Hergenbach steht darin.«

Jürgen kämpfte noch mit sich. Die Adern an seiner Stirn waren stark

angeschwollen, ein Zeichen der inneren Erregung. Als Martens darauf

fortgehen wollte, hielt er ihn zurück.

»Warte, Charles,« sagte er kurz, »es fällt schwer, mich selbst zu

überwinden. Doch hier ist meine Hand, -- ich fahre nach Amsterdam!«

Konsul Martens zeigte ein feines Lächeln.

»Ich war davon überzeugt, Jürgen, du konntest nicht anders handeln! An

den Kosten darf ich mich doch beteiligen?«

»Nein, Charles, das darfst du nicht! Was ich will -- tue ich auch

ganz!«

Prokurist Armin trat herein. Er hielt ein Zeitungsblatt in der Hand.

»Sie haben Alfred Smiders gefaßt, Plüddekamp,« rief er befriedigt

aus, »hier, lesen Sie das Telegramm. Er ist bei seiner Ankunft in Rio

de Janeiro von einem Angestellten des deutschen Konsuls erkannt und

verhaftet worden. Seine Auslieferung steht bevor.«

»Ich gönne es dem Burschen,« fiel Jürgen ein, »die wohlverdiente

Strafe muß ihn treffen.«

»Solche Verhandlungen wirbeln nur Staub auf, säen Mißtrauen und

verderben das gute Geschäft,« meinte Konsul Martens.

»Mir tut der alte Vater leid. Besser für ihn, der Sohn wäre tot, als

daß er jetzt vor den Richter gezogen wird.«

»Er wird das Urteil nicht mehr erfahren,« erwiderte der Bankier. »Du

hast ja beigesteuert, daß wir ihn im Johanniterhospital unterbringen

konnten. Seine letzten Tage stehen bevor.«

Konsul Martens war schon an der Tür, als er sich noch einmal umwandte.

»Der ›Friedrich Barbarossa‹ ist glücklich aus dem Dock heraus! Ist ein

schmuckes Schiff geworden. Die Werft rechnet stark darauf, daß du ihn

chartern wirst! Vielleicht kauft ihn auch die neue Reederei, die die

Dampferlinien von Smiders & Sohn übernommen hat. Kneis aus Hamburg

soll dahinter stecken und sich mit großem Kapital beteiligt haben.

Sicher tritt er auch an dich heran. Dabei kannst du ein paar Worte für

unsern Dampfer mit einfließen lassen.«

»Wird geschehen, Martens! Für ein solides Geschäft bin ich stets zu

haben. Kneis kann vorzügliche Referenzen aufweisen und versteht als

alter Überseer sein Handwerk.«

»Lebe wohl, Jürgen! Gib mir Nachricht, wenn du zurück bist. Wir wollen

dann die Sache weiter besprechen.«

Dieser war in seinem Zimmer allein; er sah eine geraume Zeit vor sich

in das Leere.

»Menschen und Schicksale,« murmelte er dann, »ich hätte wahrhaftig nie

geglaubt, daß ich Ilse Hergenbach im Leben noch einmal wiedersehen

müßte.«

Geschwister Plüddekamp · 第 28 / 30 题