Wolf blieb wochenlang in Wershagen. Er sah die Halme gelb werden
und die Ähren reifen. Die Ernte ging vorüber. Der Weizen und Roggen
füllte die Scheunen. Das frische Korn breitete sich nach und nach zu
mächtigen Haufen in den Speichern aus.
Wolf Plüddekamp war in dem einfachen, ruhigen Landleben an Körper und
Seele wieder gesundet. Er ritt täglich mit Oberamtmann Wichers auf die
Felder hinaus, und die launige Art des Landwirtes wirkte wohltuend
auf sein Gemüt ein. An den Abenden spielte er mit Lieschen vierhändig
Klavier. Die blauen Augen des jungen Mädchens schauten froh und
schelmisch drein, als wollten sie sagen: »Bin ich nicht ein lustiger
Kamerad?« Wenn sich Wolf auch noch nicht ausgesprochen hatte, Lieschen
wußte genau, daß mit seiner Krankheit alle törichte Leidenschaft in
ihm geschwunden war. Sie hatte sich den zukünftigen Gatten durch
Liebe und Aufopferung erkämpft. Was zwischen ihnen lag, war kein
wildes Empfinden, das sie gewaltsam zusammenband, sondern die milde,
wohltuende Flamme einer reinen Neigung, die am häuslichen Herd wärmend
und beglückend ausdauert.
Wolf Plüddekamp wollte nach Stettin zurück. Er nahm keinen Abschied
von Wershagen; ein kräftiger Händedruck, den er Oberamtmann Wichers
und Lieschen gab, offenbarte die Tiefe seines Gefühls. Der Händedruck
sprach aus: »Wir sind einig fürs Leben!«
* * * * *
Im alten Kaufherrnhause herrschte ungewohntes Leben und Treiben. Die
freudige Erregung ging von Jürgen Plüddekamp selbst aus. Schon am
frühen Morgen rief er seinen Freund und Prokuristen Armin herein.
»Die Kontore werden heute nachmittag geschlossen. Die jungen Leute
sollen den schönen Herbsttag benutzen und einen Ausflug machen. Sie
vertreten mich dabei, Armin! Ich will mich meinem Bruder widmen
und die Freude empfinden, daß er uns Geschwistern nach der langen,
schweren Krankheit gesund wieder geschenkt wurde.« --
Jochen war damit beschäftigt, eine mächtige Girlande über dem
Treppenaufgang anzubringen.
»Heute kommt mein Wolf,« schmunzelte er vor sich hin, »es wird auch
man Zeit. Das alte Haus schläft sonst noch ganz ein. Er pfeift doch
manchmal eins!«
Kurz vor Beginn der Mittagszeit traf Wolf Plüddekamp ein. Jürgen stand
vor dem Toreingang. Als sein Bruder aus dem Wagen sprang, sagte ihm
ein einziger Blick, daß dieser im Vollbesitz seiner Kraft wiederkam.
Der alte Hüne, Jochen Hindorf, hatte mit abgezogener Kappe neben
seiner Girlande Aufstellung genommen. Wolf gab ihm einen tüchtigen
Schlag auf die Schulter.
»Ich danke dir, Alter,« sagte er, ihm die Hand reichend, »und morgen
komm zu mir, dann sollst du deinen Dänen haben, der dir wohl schon
lange gefehlt hat.«
»Es muß ja nicht sein, Herr Wolf,« lachte Jochen über das ganze
Gesicht. »Die größte Freude habe ich, daß Sie wieder vergnügt sein
können.«
Die Geschwister zogen sich nach dem Mittagessen in die gemütliche Ecke
des Speisezimmers zurück.
»Ihr waret mit euren Briefen recht karg,« meinte Wolf lachend. »Es kam
mir auch ganz erwünscht. Ich mochte nichts mehr von dem Vergangenen
hören und selbst keine Feder zum Schreiben ansetzen. Dafür lief ich
den ganzen Tag in Feld und Wald herum. Du siehst, Jürgen, welche
starke Einwirkung die Natur auf mich ausübte. Ich habe die Empfindung,
daß ein ganz neues Leben in mir erwacht ist.«
»Du verspürst also keine Lust, Wölfchen, auf deinen Kontorsitz
zurückzukehren?«
»Offen gestanden, nein, Jürgen! Ich habe großes Gefallen an der
Tätigkeit eines Landwirtes gefunden, daß ich diese gern ausüben
möchte.«
Herta lächelte fein.
»Natürlich unter Mitwirkung einer hübschen kleinen Frau, Wölfchen!«
»Ja, Herta, du hast das Richtige getroffen! Als ich heute von
Wershagen fortfuhr, um euch im alten Plüddekampschen Hause
aufzusuchen, hatte ich dabei im stillen die Empfindung, bald aufs Land
zurückzukehren. Ich will mir ein eigenes Nest bauen, und Wichers hilft
mir dazu. Jürgen und du, ihr werdet noch lange unter Aufrechterhaltung
alten Herkommens eure Pflicht hier erfüllen. Mich aber soll nichts
mehr daran erinnern -- was einmal war. Ich habe Lieschen Wichers und
Wershagen herzlich lieb gewonnen.«
Jürgen blickte seinen Bruder ernst, aber mit größtem Wohlwollen an.
»Ich habe deinen Entschluß geahnt, und er wird für dich der richtige
sein. Das alte Haus vereint uns noch einmal -- dann werden wir dich
freigeben müssen. Das Leben verlangt das Schaffen von neuen Werten.
Wir wollen es hier und dort redlich tun. In deinen Söhnen wird uns
eine neue Generation erstehen. Land und Stadt sollen sich ergänzen,
dann kann ein kerniges Geschlecht neue Erfolge zeitigen.«
Herta hatte diesen Worten still zugehört. Sie seufzte tief auf und
setzte dann leise hinzu:
»Wenn ich euch Männer so sprechen höre, ist es mir wie ein vergessenes
Klingen und Singen einstiger Jahre. -- Ein Zeichen, daß ich dem wahren
Glück des Lebens aus dem Wege gegangen bin.«
[Illustration]