Der Wagen war vorgefahren. Ilse stieg ein. Die Sachen wurden
aufgeladen. Niemand begleitete sie -- niemand bot ihr den
Abschiedsgruß. Nur der alte Jochen Hindorf kam und machte den
Wagenschlag zu. Ein breites Lächeln glitt über sein Gesicht, als die
Pferde anzogen.
»Sie hat nicht einmal schön Dank gesagt, und das Portemonnaie saß ihr
verteufelt fest in der Tasche. Na -- es ist gut, daß sie weg ist. Nun
wird mein lieber Wolf wohl wieder vernünftig sein,« brummte er und
ging an seine Arbeit. --
Auf dem Bahnhof angelangt, übergab Ilse ihre Koffer einem Gepäckträger
und trat an den Billettschalter. Sie sah sich scheu um. Vielleicht
fürchtete sie, beobachtet zu werden. Sie nahm ein Billett bis zur
nächsten Station und begab sich dann nach dem großen Wartesaal. Hier
hielt sie sich eine Zeitlang auf, um anscheinend den Schnellzug
abzuwarten.
Als er donnernd in die Halle fuhr, hatte sie einen Augenblick das
Gefühl, daß es für sie besser wäre, mit einzusteigen. Dann kam aber
der Gedanke wieder: »Es ist unmöglich! Ich darf Smiders nicht
freigeben! Für mich ist kein Raum mehr daheim, -- ich will in die Welt
hinaus. Der Kampf mit ihm war nicht leicht. Nur gut, daß er gerade
auf längere Zeit nach London gehen muß, dort ist eine Verbindung ohne
Schwierigkeit zu bewerkstelligen.« --
In später Nachtstunde löste sich ein kleiner Dampfkutter von der
Landungsstelle in Bredow ab und fuhr die Oder hinunter. Sowie sich
gegen Morgen der Landwind stärker erhob, schaukelte das kleine
Fahrzeug heftig auf den kurzen Stoßwellen des Haffes. Außer dem
Maschinisten und dem Heizer waren nur noch ein Herr in langem dunklem
Mantel und eine dichtverschleierte junge Dame an Bord.
»Ich tue es um deinetwillen, Ilse,« sagte Alfred Smiders, »es braucht
niemand zu wissen, daß du mit mir fortgegangen bist. Am Bollwerk gibt
es beim Einsteigen hundert neugierige Menschen, die jedes Vorkommnis
beobachten und weitertragen.«
»Was mache ich mir jetzt daraus,« antwortete Ilse, »für mich ist alles
vorbei! Du hast mich doch besitzen wollen, -- nun bin ich bei dir, und
du mußt für mich sorgen.«
Das Gesicht von Alfred Smiders zeigte bei ihren Worten ein höhnisches
Lächeln.
»Ich werde es auch tun,« erwiderte er. »Du verstehst es ja
meisterhaft, deinen Willen durchzusetzen.«
Die Wellen im Haff wurden immer höher, und ihr weißer Gischt schlug
zuweilen über die Spitze des kleinen Kutters hinweg. Er lag hart an
der Swinemünder Fahrt. Alfred Smiders hatte den Auftrag gegeben, den
dänischen Dampfer ›Klampenborg‹, der am frühen Morgen von Stettin
abging, anzulaufen.
Ilse, die das Seefahren nicht gewohnt war, befand sich in schlechter
Stimmung. Das fortgesetzte Schaukeln des kleinen Kutters verursachte
ihr das größte Unbehagen.
»Wenn nur erst der Dampfer kommen möchte,« sagte sie, »ich fühle mich
grenzenlos elend!«
Smiders erwiderte nichts darauf. Er starrte in die Wellenberge
hinein, die sich gegen das kleine Fahrzeug auftürmten. Würde nicht
jetzt das Leben ebenso auf ihn hereinbrausen? Viel hatte er aus dem
Zusammenbruch, der ihm nachfolgen mußte, nicht retten können, und nun
hängte sich dieses Geschöpf noch an ihn. --
Es war bereits heller Tag, als endlich die Signalmasten und das
Bugspriet des großen dänischen Schiffes sichtbar wurden.
»Geschickt anfahren!« befahl Smiders.
Der Dampfer kam rasch näher. Der Maschinist des Kutters gab mit
der Dampfpfeife ein Zeichen, daß er Passagiere abgeben wollte. Der
Kapitän des Dänen, der oben auf der Kommandobrücke stand, winkte ab.
Die Wellen gingen zu hoch, so daß ein sicheres Anlaufen während der
Fahrt nicht möglich war. Der kleine Kutter legte sich aber beharrlich
in den Weg, und trotz der Warnungszeichen vom Schiff schoß er im
nächsten Augenblick hart an dieses heran. Der Heizer griff nach einem
vom Steuerbord herabhängenden Tau, und nun flog das kleine Fahrzeug
äußerst gefährdet neben dem großen Dampfer hin.
Die Weilen schlugen darüber hinweg. Die Mannschaft des Dampfers kam
auf Deck zusammen und schaute hinunter.
»Laßt ab!« donnerte der Kapitän oben. Der Kutter hielt aber stand.
Seine Insassen schwebten in größter Lebensgefahr. Schlugen die Wellen
in die Maschine hinein, so war eine Explosion des Kessels sehr leicht
möglich.
Die Aufnahme wurde gewaltsam erzwungen. Es öffnete sich die
tiefgelegene Schiffsluke, eine Strickleiter wurde hinuntergeworfen.
Alfred Smiders brachte im nächsten Augenblick die vor Aufregung und
Angst halb bewußtlose Ilse hinauf. Der Heizer gab rasch das Gepäck
nach, dann löste sich der Kutter ab und blieb mit den starken Wellen
kämpfend zurück.
Ilse Hergenbach stand gänzlich durchnäßt und fröstelnd auf dem Deck.
Der Kapitän, der herangekommen war, geriet mit Alfred Smiders in
heftigen Wortwechsel. Sie sprachen dänisch miteinander. Dann mußten
sie sich aber geeinigt haben. Es wurde kurz darauf den beiden
Passagieren eine Kabine zur Überfahrt nach Kopenhagen eingeräumt. Der
Dampfer ›Klampenborg‹, der des Kutters wegen leicht gestoppt hatte,
nahm jetzt wieder volle Fahrt auf und ging mit nördlichem Kurs in die
See hinaus.
* * * * *
Wochen waren verstrichen. Herta hatte es vermieden, an Frau Hergenbach
zu schreiben. Sie erwartete deshalb auch keine Nachricht aus
Nordhausen. Die beiden Geschwister hatten sich beraten, was sie Wolfs
wegen tun wollten.
»Ich kann ihn bloß noch mit vieler Mühe fernhalten,« meinte Jürgen.
»Wenn er nur mit anderer Anschauung zurückkäme, als er fortgegangen
ist!«
»Nein, Jürgen,« erwiderte seine Schwester, »du hältst Wolf für
oberflächlicher, als er es in der Tat ist. Ich fürchte nach den
Briefen an mich, daß sich die starke Neigung zu Ilse nicht vermindert,
sondern durch seine Abwesenheit sogar noch vertieft hat. Der Schlag
wird so gewaltig für ihn sein, daß wir das Schlimmste dabei befürchten
können. Was sollen wir ihm nur bei seiner Rückkehr sagen?«
»Weiß nicht,« brummte Jürgen, »Wolf ist nun einmal aus anderem Holz,
als wir Plüddekamps sonst geschnitzt wurden. Wir rütteln und schütteln
uns Gutes und Böses ab. Einen Augenblick mag es uns im Innern stark
erfassen, dann aber sind wir wieder gefestigt und lassen uns nicht
mehr beirren.«
»Wolf ist das Bild meiner lieben Mutter, dieser schönen, gütigen
und lebenslustigen Frau. Auf ihn haben sich alle ihre herrlichen
Eigenschaften vererbt,« erwiderte Herta.
Jürgen nickte mit dem Kopf.
»Es wäre besser, er gliche unserem Vater, wie du, Herta. Sein Weg in
der Welt würde ihm leichter werden.«
Beide Geschwister waren schwer bedrückt. Sie liebten Wolf zärtlich
und empfanden, welcher Schmerz ihn bei der bevorstehenden Eröffnung
treffen mußte. Jürgen versuchte Wolfs Aufenthalt in Spanien durch
Depeschen zu verlängern. Er bat ihn in einem Schreiben, sich durch die
Schönheiten und den Reiz der alten Städte Südspaniens festhalten zu
lassen. Es sei doch zweifelhaft, ob er noch einmal dorthin käme. Wolfs
Briefe lauteten aber entgegengesetzt.
So eifrig er alles Geschäftliche erledigte, die Sehnsucht nach Ilse
sprach aus den Schlußzeilen im erhöhten Maße hervor. In Spanien trat
bereits die wärmere Jahreszeit ein, und Wolf liebte als guter Pommer
die starke kühle Seebrise seiner Heimat.
»Du meinst es gut mit mir, Jürgen,« schrieb er in seiner Antwort. »Es
nutzt dir aber nichts, lieber Bruder, die Sehnsucht nach Hause ist
stärker in mir, als der Drang, alte arabische Kunst und spanische
Schönheit näher kennen zu lernen. Es wird mir im Leben schon noch
einmal vergönnt sein, diese mit Ilse zusammen anschauen zu können.«
Jürgen sandte wieder Depesche auf Depesche. Er fürchtete geradezu die
Stunde der Heimkehr Wolfs. In einem folgenden Briefe schien es sogar,
als wenn sich dieser noch zur Reise nach Südspanien entschließen
wolle. --
Eines Tages jedoch gegen Mittag hielt plötzlich eine Droschke vor dem
Plüddekampschen Hause an. Wolf sprang heraus und eilte ins Kontor.
Als Jürgen ihn so frisch und lebenslustig, voll glücklicher Erwartung
in den Zügen kommen sah, breitete er unwillkürlich seine Arme aus und
drückte den Bruder an seine breite Brust.
»Wölfchen, du bist ein Prachtkerl!« rief er aus. »Wie dunkelgebräunt
du von Spaniens Sonne ausschaust! Hast deine Sache wacker gemacht,
mein Junge. Komm, setz dich auf deinen alten Platz und erzähle uns.«
Der Prokurist war ebenfalls hinzugetreten und hatte seinem zweiten
Chef kräftig die Hand geschüttelt. Wolf war so erregt von dem
augenblicklichen Gefühl des Glückes, wieder in der Heimat zu sein,
daß er seine Erlebnisse fast übersprudelnd hervorbrachte. Er hatte
vorzüglich abgeschnitten. Die spanischen Firmen waren ihm in der
liebenswürdigsten Weise entgegengekommen und verhalfen ihm trotz
der Schwierigkeiten zum Ankauf von Korn. Ebenso fand er die größte
Bereitwilligkeit bei den Leitern der spanischen Brennereien, ihre
Anforderungen zu ermäßigen. Er brachte sogar noch bedeutende Aufträge
mit. Die Verbindungen waren durch sein persönliches Eingreifen stark
gefestigt worden.
»Du bist ein famoser Minister des Auswärtigen,« lobte ihn Jürgen, »nur
schade, daß du so wenig an dich selbst gedacht hast. Du konntest dir
viel mehr Zeit gönnen und brauchtest dich nicht abzuhetzen. Hier ist
es geschäftlich glatt gegangen.«
Der Prokurist lächelte fein. Unter Jürgen Plüddekamps Leitung war
stets ein ruhiger, sicherer Betrieb.
»Was sagst du zu Alfred Smiders?« fuhr Jürgen jetzt fort. »Ein netter
Bursche! Er hat sich stark hineingebuddelt und auf alle mögliche Weise
Geld verschafft. Der Sturz mußte endlich kommen. Er war schon vorher
verschwunden.«
»Es ist ein betrügerischer Bankrott,« setzte Armin hinzu. »Alfred
Smiders wird steckbrieflich verfolgt.«
»So weit ist es mit ihm gekommen?« rief Wolf erstaunt aus und sah zu
seinem Bruder fragend hinüber.
Jürgen vermied den Blick und schaute zur Seite. Die Hand des sonst so
ruhigen Mannes zuckte nervös.
»Ich bedaure den alten Herrn Smiders. Er wird aus dem Zusammenbruch
kaum etwas retten. Die Werft hat die Dampfer mit Beschlag belegt und
baut den ›Friedrich Barbarossa‹ auf eigene Rechnung fertig. Es sind
eine ganze Anzahl Banken stark in Mitleidenschaft gezogen worden.
Alfred Smiders hat in unglaublicher Höhe Wechselreiterei getrieben.
Er muß im Auslande sein. Bis jetzt hat man ihn noch nicht erwischen
können.«
»Der Hamburger Großkapitalist, den Smiders hereinhaben wollte, sprang
im letzten Augenblick ab,« fügte der Prokurist hinzu. »Man spricht
alles mögliche. Die Ursache soll auf die Weinstube an der ›Grünen
Schanze‹ zurückzuführen sein, in der sich beide Herren für eines der
Mädchen interessierten.«
Jürgen wurde unruhig.
»Schon gut, Armin,« sagte er, um jedes weitere Wort abzuschneiden.
»Bei solchen Vorfällen wird in der Stadt viel geklatscht.«
Armin schaute betroffen zu Jürgen auf. Warum wies der Freund ihn so
schroff zurück? Lagen noch tiefere Gründe vor? Sein Blick überflog
beide Brüder. Merkwürdig, die Freude des Wiedersehens schien bei
Jürgen in eine stetig wachsende Unruhe übergegangen zu sein, die ihm
bei diesem noch nie aufgefallen war. Zu feinfühlend aber, um nach
der Ursache zu forschen, gab er einen Vorwand an und ging in sein
Arbeitszimmer.
»Jürgen!« rief Wolf sofort aus, als sich die Tür hinter Armin
geschlossen hatte, »mein erster Weg war zu dir! Jetzt aber will ich
hinauf, ich muß Herta und -- Ilse begrüßen. Das eine kann ich dir
sagen, es war gut, daß du mich fortschicktest. Während der Zeit konnte
ich mich prüfen, ob mein Herz Ilse wirklich gehört. Heute gestehe ich
dir offen: ich habe sie mehr denn je lieb, und ich kann den Augenblick
nicht erwarten, sie wiederzusehen!«
Es zuckte gewaltig in den Gesichtszügen des sonst so eisenfesten
Kaufmannes, als er entgegnete:
»Wolf, mein lieber Wolf! Wir wollen zusammen zu Herta gehen!« Der Ton
seiner Stimme mußte diesem aufgefallen sein. Er sah plötzlich scharf
auf den Bruder hin.
»Jürgen, du sprichst so eigenartig zu mir! Ist etwas vorgefallen? Sage
es mir, ehe ich hinaufgehe.«
Jürgen vermochte aber nicht weiter zu sprechen. Er hatte bereits die
Tür geöffnet. Die beiden Brüder stiegen die Treppen nach dem ersten
Stockwerk empor. Bei jeder Stufe, die Jürgen betrat, zögerte sein Fuß.
Es war immer, als ob er Wolf etwas sagen wolle, und doch preßte es ihm
die Kehle zusammen. Er konnte es nicht. Nur in seinem Innern wurde das
Wehgefühl stärker, daß seinem Bruder, den er von Herzen liebte, eine
so schwere Eröffnung bevorstand.
Herta hatte schon erfahren, daß Wolf zurückgekehrt war. Sie erwartete
ihn auf dem oberen Korridor.
»Wölfchen! Gott sei Dank, daß du wieder bei uns bist!« rief sie ihm
entgegen und faßte seine beiden Hände, »ich habe dir schnell ein paar
Brötchen zurechtgemacht, und dein Glas Portwein findest du auch vor.«
Als sie dann in das Speisezimmer eintraten, schlang sie plötzlich
den Arm um seinen Hals und küßte ihn auf beide Wangen. »Wie gut du
aussiehst, Wölfchen!« sagte sie. »Nun setz dich aber und iß in aller
Ruhe.«
Jürgen legte Wolf, der vor einem der hohen Lehnstühle stand, seine
Hand leicht auf die Schulter, damit er sich niederlassen solle. Dieser
sah sich unruhig um.
»Ich freue mich herzlich, wieder bei euch zu sein,« sprach er hastig,
»aber seid mir nicht böse, ich muß -- zu Ilse! Wo ist sie, Herta?«
»In Nordhausen, Wolf!« gab Jürgen anstatt Herta zur Antwort.
»In Nordhausen? Was ist denn geschehen? Ihr habt mir doch versprochen,
sie bei euch zu behalten! Jürgen -- Herta -- habt ihr euch mit ihr
erzürnt? Ist sie freiwillig fortgegangen?«
Seine Fragen überstürzten sich.
»Nichts von alledem,« erwiderte jetzt Herta. »Ich bitte dich noch
einmal, Wolf, nimm zuerst etwas zu dir. Wir werden dann in Ruhe alles
erzählen.«
»Nein, nein! Ich kann keinen Bissen essen!« faßte sich Wolf an die
Stirn. »Das Schönste, das ich mir bei meiner Rückkehr ausmalte, war --
Ilse in die Arme schließen zu können. Und nun --?«
Die beiden Geschwister kämpften mit sich, und keins von ihnen
vermochte das erste Wort herauszubringen, um Wolf die schlimme
Botschaft mitzuteilen.
»Es war sehr unrecht von mir, daß ich Ilses Wunsch erfüllte!« rief er
aus. »Hätte ich nur in voller Offenheit gehandelt, dann konnte ich
mit ihr in Briefwechsel bleiben. -- Sagt mir nur endlich: was ist
geschehen? Haben die Eltern sie zurückgerufen?«
»Nein, Wölfchen! Sie ist schon seit Wochen fort! Wir mußten es dir
verschweigen, damit du nicht unruhig wurdest,« antwortete seine
Schwester.
»Schon seit Wochen!« fuhr Wolf auf. »Ihr habt mir in euren Briefen
doch noch Grüße von ihr bestellt,« und seine blauen Augen richteten
sich drohend auf Herta. »Du -- die Wahrheit selbst! Warum machst du
solche Ausflüchte?«
»Es mußte sein, Wolf! Ich habe es nicht gern getan! Es ist aber um
deiner selbst willen geschehen!«
»Um meinetwillen? Jetzt weiß ich, daß etwas vorgefallen ist. Also
heraus damit! Euer Zögern peinigt mich.«
»Ilse ging aus eigenem Antriebe fort,« erwiderte Herta. »Sie glaubte
erkrankt zu sein und wollte deshalb schnell nach Hause.«
»Sie hat dir aber Nachricht gegeben, Herta, wie es ihr jetzt geht?«
»Nein, Wolf!« entgegnete Herta aufrichtig, »ich habe keine Zeile aus
Nordhausen erhalten.«
»Unmöglich!« rief Wolf erregt aus. »Seit Wochen keine Zeile? Ihr
verbergt mir etwas! -- Ich fühle es! Krankheit kann nicht der Grund
sein, warum sie fortgegangen ist. Erkrankt reist man ohne Not nicht
eine solche Strecke!«
»Es nützt nichts, Herta,« fiel jetzt Jürgen ein, »ich will es Wolf
sagen. Ilse ist abgereist, weil sie von uns fort -- mußte! Es hing
dies mit Alfred Smiders zusammen.«
»Wie? -- Alfred Smiders!« Wolf wurde dunkelrot im Gesicht. »Ich habe
es oft gefürchtet! Er sah sie vom ersten Augenblick so sonderbar an,
und ihr habt sie nicht vor ihm beschützt!«
Er war in solche Erregung geraten, daß er nicht mehr stehen bleiben
konnte, sondern im Zimmer hin und her lief.
»Herta, du vertratest die Stelle der Mutter an ihr! Du hast doch über
sie gewacht! Ist es denn so schlimm, daß ihr mir nicht anvertrauen
könnt, was vorliegt?«
»Komm, Wolf,« sagte Jürgen traurig, »wir wollen in mein Schreibzimmer
gehen. Die Plüddekamps haben dort alle ernsten Sachen überdacht und
sich stets einen neuen festen Boden geschaffen. Wir beide müssen über
Ilse Hergenbach sprechen.«