Herta Plüddekamp sah Ilse fragend an, als sie am nächsten Morgen ihre
Tätigkeit im Haushalt wieder aufnahm.
»Dein Gesicht kommt mir so verändert vor, Ilse. Hast du eine schlechte
Nachricht erhalten?«
»Nein!« erwiderte diese zögernd. »Ich fühle mich nicht ganz wohl und
muß mir eine starke Kopferkältung zugezogen haben. Eine Schwere liegt
mir in allen Gliedern, daß ich mich kaum aufrecht erhalte.«
»So bleibe doch in deinem Zimmer! Ich sende dir die Mahlzeiten
hinauf,« sagte Herta in gütigem Tone.
»Ich danke dir, Tante Herta.«
Ilse war recht froh, dem Wirtschaftsgetriebe fernbleiben zu können,
und zog sich sofort auf ihr Zimmer zurück. Nach einer schlaflos
verbrachten Nacht fühlte sie eine starke Ermattung in ihren Gliedern.
Aus dem Gewirr der Gedanken hatte sie sich zu einem Entschluß
durchgerungen. Sie wollte das Plüddekampsche Haus verlassen, um Wolf
nie wiederzusehen. Alfred Smiders mußte ihr dazu die Hand bieten. Sie
würde ihn schon zu zwingen wissen. -- Es konnte ihr niemand verdenken,
wenn sie eine Stunde ausging, um frische Luft zu schöpfen. Der Weg
aber, sollte sie zu Alfred Smiders führen. --
Jochen Hindorf war an dem Vormittag zufällig fortgeschickt worden. Als
er bei der ›Grünen Schanze‹ vorbeikam, stand die blonde Rieke vor der
Tür.
»Morjen, Mamsell!« rief er ihr zu.
»Guten Tag, Herr Hindorf! Kommen Sie ein bißchen herein. Ich will
Ihnen ein Glas Wein geben.«
Damit erklärte sich Jochen sofort einverstanden. Er setzte sich in die
Vorderstube und trank mit Behagen einen Schnitt ›Weißen‹ vom Faß, den
ihm das junge Mädchen hinstellte.
»Wann kommt Herr Wolf Plüddekamp zurück?« fragte sie ihn aus.
»Jäh -- das weiß ich nicht! So was ist Geschäftsgeheimnis,« meinte der
Alte ernst.
»Ich habe ihm aber sehr Wichtiges zu erzählen,« fuhr Riekchen fort.
»So, was Wichtiges! Das können Sie mir auch gleich sagen.«
»Nein, nein!« schüttelte Rieke den Kopf, »es geht nicht ohne
weiteres.«
Jochen Hindorf war aber ein alter Pfiffikus. Wenn er etwas erfahren
wollte, so ließ er nicht nach, und in seiner gemütlichen, halb
dummdreisten Art brachte er schließlich alles heraus.
»Dunnerlüchting!« rief er plötzlich aus, »das ist keine andere, als
Fräulein Ilse gewesen. Herrgott und die Welt -- nun möcht' ich bloß
wissen, wie das zugegangen ist. Ich hab keine Zeit mehr, mein kleines
Fräulein, sonst krieg ich was ab.«
»Sobald Herr Plüddekamp wieder hier ist, geben Sie mir sofort
Nachricht,« bat Rieke, »und sagen Sie keinem Menschen ein Wort davon,
was ich Ihnen anvertraute.«
»I Gott du bewahre! Ich bin doch keine Plapperlott!« gab der Alte zur
Antwort.
Jochen Hindorf ging trotz der Schwere seiner Beine viel schneller,
als es ihn sonst zur Arbeit trieb. Er machte ein finsteres Gesicht.
Es würgte etwas in ihm herum, und er mußte doch zu einem Entschlusse
kommen, bevor er Haus Plüddekamp erreichte. Wie sollte er es aber nur
andrehen? Eine ganz tolle Sache, die er da erfahren hatte, und sein
junger Herr stak dazwischen.
Er befand sich schon dicht vor dem Hause, als Ilse aus dem Torweg
scheu hervorhuschte und ihm entgegenkam. Sie wollte schnell an ihm
vorüber.
»Guten Morgen, Fräulein! Sie haben aber Eil!« sagte er mit seiner
tiefen Brummstimme und machte dabei ein listiges Gesicht. Er glaubte,
daß Ilse stehen bleiben und ihm antworten würde. Er hatte sich aber
getäuscht. Sie gab kaum den Gruß zurück und ging hastig weiter.
»I, sieh einmal,« meinte der Alte, »sie beachtet mich gar nicht, na
man zu, ich bin ihr nichts schuldig.«
Er schritt in den Torweg hinein und gab seine Besorgungen im Kontor
ab. Als er dann nach dem Hof ging, stand Herta an der Gartenpforte und
winkte ihn heran.
»Jochen, du sollst mir etwas helfen!« rief sie. »Es fehlen ein paar
Bretter auf den Warmbeeten, du könntest sie mir wohl aussuchen und
zurechtschneiden.«
»Jäh woll, gnädiges Fräulein, das werde ich tun,« Er wollte sich
gleich auf den Weg machen.
»Jochen, warte noch einen Augenblick,« sagte Herta, »hast du noch
immer starkes Kopfreißen?«
»Jäh woll, gnädiges Fräulein,« erwiderte Jochen, und sein breites
Gesicht verzog sich zu einem versteckten Lächeln. Er hatte sich mit
seinem angeblichen Kopfreißen manche alkoholische Vorteile verschafft.
»Du hast doch ein gutes Mittel dafür und kannst es mir besorgen.
Fräulein Ilse leidet gleichfalls daran.«
»I was!« rief der Alte aus, »sie ist doch eben ausgegangen!«
»Ilse ist ausgegangen?« wiederholte Herta fragend. »Hast du sie
angetroffen?«
»Jäh woll, gnädiges Fräulein.«
»Dann möchte ich nur noch sagen --«
»Ja, was denn, Jochen?«
Der Alte stand plötzlich eine Weile stumm da; die Worte wollten nicht
über seine Lippen. Herta kannte ihn aber zu gut, als daß sie nicht
weiter nachgeforscht hätte. Sie ließ ihm erst einen Augenblick Zeit,
dann fragte sie:
»Du willst mir etwas anvertrauen, Jochen? Ich sehe es dir an. Du
kannst es ruhig tun. Es ist wohl wegen meines Bruders Wolf?«
»Näh, gnädiges Fräulein, es ist nicht wegen Herrn Wolf! Aber wegen
der da --« er zeigte auf den Torweg hin, durch den Ilse vorher
hinausgegangen war -- »und wegen Herrn Smiders.«
»Wie, Jochen?« Herta wurde jetzt gespannt. »Komm -- wir gehen einen
Augenblick in den Garten, da hört uns niemand.« Sie schritt voran, und
der Alte stapfte ihr nach.
Als Herta einige Zeit darauf in das Haus zurückkehrte, lag ein
düsterer Ernst auf ihrem Gesicht. Das Erfahrene war geradezu unerhört.
Sie fühlte sich gewissermaßen verantwortlich, weil sie Ilse
Hergenbach in ihrem Hause aufgenommen hatte. -- Wie sollte sie nun
Jürgen mit diesen Tatsachen unter die Augen treten, -- wie würde der
arme Wolf unter der Wucht der Ereignisse leiden? Sie suchte nach einem
Ausweg in diesem Wirrnis und mußte erst mit sich zu Rate gehen, um das
drohende Unheil abzuwenden. -- Was sie gefürchtet, war zum Ereignis
geworden.
Wolf durfte Ilse bei seiner Rückkehr nicht mehr vorfinden; noch wußte
niemand etwas von der Verlobung -- die Ehre konnte gewahrt bleiben.
Sie schritt zum Haustelephon und rief Jürgen in seinem Privatkontor an.
»Hallo!« sagte dieser, »du wünschst, liebe Herta?«
»Ich bitte dich, sogleich zu mir heraufzukommen.«
»Es muß etwas ganz Außergewöhnliches sein,« tönte es zurück, »wenn du
mich von der Arbeit wegholst.«
»Sogar sehr Dringendes!«
»Gut! Ich bin sogleich bei dir.«
Wenige Minuten später saßen die beiden Geschwister in Hertas Zimmer
zusammen. Jürgen hörte alles mit an, ehe er ruhig erwiderte:
»Wir waren auf falschem Wege, Herta, als wir Ilse in unsern engen
Familienkreis aufnahmen. Wohin wir gekommen sind, liegt heute klar
vor uns. Ich glaube vorläufig noch nicht alles, was Jochen Hindorf dir
erzählte. Er kann in seinem ewigen Tran manches durcheinandergebracht
haben. Es bleibt mir daher nichts anderes übrig, als mich an Ort und
Stelle selbst zu erkundigen. Es gibt natürlich nur einen Entschluß:
Ilse Hergenbach packt sofort ihre Koffer und fährt nach Nordhausen
zurück. Wir brechen jede Beziehung mit ihr für immer ab. Gut, daß Wolf
dadurch von ihr lassen wird. Ich sehe jetzt noch viel klarer. Vorhin
war der alte Smiders bei mir. Ein erbarmungsvoller Anblick -- der alte
gelähmte Mann bittend für den auf Abwege geratenen Sohn. Dann Smiders
und Ilse -- es ist wahrhaftig nicht zu glauben!«
»Sie hat erst Krankheit vorgeschützt, darauf ist sie ausgegangen.
Wahrscheinlich wird sie bei ihm sein. Die Ereignisse überstürzen sich.
Zürne mir nicht, Jürgen, daß ich dir so viel Unangenehmes bereitet
habe.«
»Nicht doch -- liebe Herta! Wir Geschwister tragen alles
gemeinschaftlich -- Freude und Leid! Ich gehe jetzt, um mich zu
vergewissern.«
Jürgen kam alles so ungeheuerlich vor, daß er es kaum zu glauben
vermochte. Es kostete ihm einen starken Entschluß, sich in die
Weinstube auf der ›Grünen Schanze‹ zu begeben -- jedoch es mußte
sein. Er wollte niemand Unrecht tun.
Als er eine halbe Stunde darauf sein Haus wieder betrat, hielt der
starke Mann den Kopf gebeugt. Das Erfahrene überstieg alles, was er
für möglich gehalten hatte. Wie konnte sich ein Mädchen, das bei
ihnen lebte, so weit vergessen! Smiders war ein gewöhnlicher Schurke,
er hatte dies schon lange erkannt. Der Zusammenbruch von Smiders &
Sohn erschien unvermeidlich. Aber Ilse Hergenbach! -- Wie konnte sich
dieser Bursche ihrer nur so bemeistern?
Herta wartete auf ihrem Zimmer mit Bangen die Rückkehr von Jürgen
ab. Als er die Tür öffnete, stand die Antwort auf seinen Zügen
geschrieben. Er brauchte ihr nichts zu sagen. Es lag noch schlimmer,
als Jochen bereits mitgeteilt hatte.
»Ist das -- modernes Menschentum?« endete Jürgen seine Rede mit
Bitterkeit. »Sind das die Früchte unserer jetzigen Erziehung? Besteht
darin die Gleichberechtigung der Frau, daß alle vornehme Gesinnung und
gute Sitte bei ihr schwindet? Es gibt nur noch den Drang, zu leben --
ohne Rücksicht auf andere. Ich fürchte für Wolf! Sein reiches Gemüt
wird diesen Schlag kaum verwinden. Besser, er bleibt noch lange fort,
damit die Spuren des Vorganges sich verwischen. Es ist keine heilsame
Lehre für ihn, sondern das Bild einer Vernichtung von Treu und
Glauben.«
Die Geschwister schwiegen darauf eine ganze Zeit, bis plötzlich Herta
die Stille unterbrach:
»Sobald Ilse heimkehrt, werde ich mit ihr sprechen. Es ist ein
schweres Amt für mich. Darf ich ihren Eltern das Geschehene
verschweigen? Wenn sie alsdann von ihnen verstoßen wird? Ich kann
nur handeln, wie es mir Frauengesetz und Recht vorschreibt. Welch
schwere Augenblicke gibt es doch, in denen von wenigen Worten ein
Lebensschicksal abhängt!«
Jürgen mußte seiner Tätigkeit weiter nachgehen. Herta aber versank in
tiefes Nachdenken. Wie sollte sie es nur anfangen, Ilse Hergenbach
wieder auf den rechten Weg zu bringen? Die Schuld traf diese nicht
allein. Sie war von allen -- außer Jürgen -- mit schönen Worten und
Schmeicheleien genug umgarnt worden.
»Das ist der Fluch, der auf uns Frauen lastet! Woher sollen diese
stets den starken Charakter haben, wenn sie nicht dazu erzogen werden!
Ist Ilse Hergenbach wirklich so schlecht, wie wir glauben?«
Je mehr sie alles durchdachte, desto mehr suchte sie nach Gründen,
die ihr Verhalten entschuldigen konnten. Es drang immer wieder ein:
»Nein -- nein!« hervor. »Niemand ist gezwungen, die abschüssige Bahn
zu betreten. Die Frau muß den Halt in der Reinheit der Seele und der
Gedanken finden -- in dem Stolz, gleichberechtigt neben dem Manne zu
stehen. Sie darf nicht zu Handlungen schreiten, die ihrer unwürdig
sind.«
Wie war es nur möglich, daß Ilse mit einem Mann, den sie kaum
kannte, in ein solch verrufenes Lokal ging? Dachte sie nicht an die
Folgerungen? Sie wurde doch genug von ihr behütet. -- Was gibt es doch
für Rätsel der Menschenseele, die unauflöslich sind! --
Die Mittagszeit kam heran, ohne daß Ilse wieder eintraf. In Herta
stieg der Gedanke auf, daß sie zu verzweifelten Schritten gelangt sein
könne.
Die sonst so ruhige, abgeklärte Herta befand sich in großer Aufregung.
Sie berührte kaum die zum Mittagessen aufgetragenen Speisen, und sagte
zu Jürgen:
»Wenn Ilse bis zum Abend nicht wieder hier ist, bleibt uns nichts
anderes übrig, als sie suchen zu lassen.«
»Dann haben wir den öffentlichen Skandal, Herta!« erwiderte dieser.
»Bedenke -- ein solcher Fall im Hause Plüddekamp!«
»Es kann aber nichts helfen! Wir wollen nur hoffen, daß er vermieden
bleibt.«
Am späten Nachmittag stand Ilse jedoch vor Herta. Ihre Wangen waren
bleich, eine hektische Röte erschien auf ihnen und schwand wieder;
die Augen zeigten ein fieberhaftes Glänzen.
»Ich habe eine Bitte an dich, Tante Herta,« sagte sie mit zu Boden
gesenkten Blicken. »Ich fürchte, krank zu werden, und möchte euch
nicht zur Last fallen. Ich will mit dem Abendschnellzug über Berlin
nach Nordhausen fahren.«
»Es steht dir vollständig frei,« erwiderte Herta in kaltem Ton. »Du
denkst wohl nicht an eine Rückkehr?«
»Nein, Tante Herta!«
»So ordne deine Sachen. Unser Wagen wird dich mit dem Gepäck an die
Bahn bringen. Bestelle deiner Mutter Grüße von mir.«
Einen Augenblick war Herta der Ansicht, jede Auseinandersetzung
mit Ilse zu vermeiden. Sie wollte auch den Eltern keine Mitteilung
zugehen lassen, um nicht die Zukunft des jungen Mädchens dadurch zu
untergraben. Dann fragte sie sich aber in ihrem Innern: Ist es recht,
sie ohne Aussprache von mir gehen zu lassen? Sie mußte sich doch von
ihrem Seelenzustand überzeugen.
»Du siehst krank aus, Ilse,« begann sie. »Es erscheint mir aber nicht,
als ob ein körperliches Leiden die Ursache davon ist. Hast du mir
nicht noch etwas zu sagen?«
Das junge Mädchen starrte vor sich hin. Sie konnte den Blick zu der
Freundin ihrer Mutter nicht erheben. Ihr Mund blieb geschlossen. Sie
zeigte wieder die alte trotzige Stummheit.
»Dein Schweigen deutet mir viel,« fuhr Herta fort. »Du willst deine
Seele nicht entlasten. Was richtiger wäre, mußt du dir selbst sagen.
Ich könnte dir noch einen Rat auf deinen späteren Lebensweg mitgeben,
wie du ihn wohl so uneigennützig nicht wieder erhalten wirst. Das
Wohl jeder meiner Mitschwestern liegt mir am Herzen. Ich will mich
aber nicht gewaltsam in dein Gemüt eindrängen, -- du selbst mußt das
Bedürfnis haben, mir anzuvertrauen, was vielleicht andere Zungen
geschwätzig herumtragen werden. Ich habe den Zorn, der über dein
Verhalten in mir entstand, bekämpft. An seine Stelle ist aufrichtiges
Mitleid getreten, und dies erfüllt mich jedem weiblichen Wesen
gegenüber, das vom richtigen Weg abweicht. Such das rechte Wort zu
mir, Ilse!«
Herta sah, wie die blassen Lippen der Gegenüberstehenden zuckten. Sie
schien in diesen Stunden um Jahre älter geworden zu sein. Ihr Mund
blieb aber stumm.
»So geh, Ilse, wenn du kein Vertrauen finden kannst,« sagte Herta
kalt. »Nun haben wir nichts mehr miteinander zu sprechen. Jürgen
entbindet dich des Abschiednehmens.« Sie reichte ihr nicht mehr die
Hand. Ilse verließ das Zimmer.