XX.

Herta Plüddekamp sah Ilse fragend an, als sie am nächsten Morgen ihre

Tätigkeit im Haushalt wieder aufnahm.

»Dein Gesicht kommt mir so verändert vor, Ilse. Hast du eine schlechte

Nachricht erhalten?«

»Nein!« erwiderte diese zögernd. »Ich fühle mich nicht ganz wohl und

muß mir eine starke Kopferkältung zugezogen haben. Eine Schwere liegt

mir in allen Gliedern, daß ich mich kaum aufrecht erhalte.«

»So bleibe doch in deinem Zimmer! Ich sende dir die Mahlzeiten

hinauf,« sagte Herta in gütigem Tone.

»Ich danke dir, Tante Herta.«

Ilse war recht froh, dem Wirtschaftsgetriebe fernbleiben zu können,

und zog sich sofort auf ihr Zimmer zurück. Nach einer schlaflos

verbrachten Nacht fühlte sie eine starke Ermattung in ihren Gliedern.

Aus dem Gewirr der Gedanken hatte sie sich zu einem Entschluß

durchgerungen. Sie wollte das Plüddekampsche Haus verlassen, um Wolf

nie wiederzusehen. Alfred Smiders mußte ihr dazu die Hand bieten. Sie

würde ihn schon zu zwingen wissen. -- Es konnte ihr niemand verdenken,

wenn sie eine Stunde ausging, um frische Luft zu schöpfen. Der Weg

aber, sollte sie zu Alfred Smiders führen. --

Jochen Hindorf war an dem Vormittag zufällig fortgeschickt worden. Als

er bei der ›Grünen Schanze‹ vorbeikam, stand die blonde Rieke vor der

Tür.

»Morjen, Mamsell!« rief er ihr zu.

»Guten Tag, Herr Hindorf! Kommen Sie ein bißchen herein. Ich will

Ihnen ein Glas Wein geben.«

Damit erklärte sich Jochen sofort einverstanden. Er setzte sich in die

Vorderstube und trank mit Behagen einen Schnitt ›Weißen‹ vom Faß, den

ihm das junge Mädchen hinstellte.

»Wann kommt Herr Wolf Plüddekamp zurück?« fragte sie ihn aus.

»Jäh -- das weiß ich nicht! So was ist Geschäftsgeheimnis,« meinte der

Alte ernst.

»Ich habe ihm aber sehr Wichtiges zu erzählen,« fuhr Riekchen fort.

»So, was Wichtiges! Das können Sie mir auch gleich sagen.«

»Nein, nein!« schüttelte Rieke den Kopf, »es geht nicht ohne

weiteres.«

Jochen Hindorf war aber ein alter Pfiffikus. Wenn er etwas erfahren

wollte, so ließ er nicht nach, und in seiner gemütlichen, halb

dummdreisten Art brachte er schließlich alles heraus.

»Dunnerlüchting!« rief er plötzlich aus, »das ist keine andere, als

Fräulein Ilse gewesen. Herrgott und die Welt -- nun möcht' ich bloß

wissen, wie das zugegangen ist. Ich hab keine Zeit mehr, mein kleines

Fräulein, sonst krieg ich was ab.«

»Sobald Herr Plüddekamp wieder hier ist, geben Sie mir sofort

Nachricht,« bat Rieke, »und sagen Sie keinem Menschen ein Wort davon,

was ich Ihnen anvertraute.«

»I Gott du bewahre! Ich bin doch keine Plapperlott!« gab der Alte zur

Antwort.

Jochen Hindorf ging trotz der Schwere seiner Beine viel schneller,

als es ihn sonst zur Arbeit trieb. Er machte ein finsteres Gesicht.

Es würgte etwas in ihm herum, und er mußte doch zu einem Entschlusse

kommen, bevor er Haus Plüddekamp erreichte. Wie sollte er es aber nur

andrehen? Eine ganz tolle Sache, die er da erfahren hatte, und sein

junger Herr stak dazwischen.

Er befand sich schon dicht vor dem Hause, als Ilse aus dem Torweg

scheu hervorhuschte und ihm entgegenkam. Sie wollte schnell an ihm

vorüber.

»Guten Morgen, Fräulein! Sie haben aber Eil!« sagte er mit seiner

tiefen Brummstimme und machte dabei ein listiges Gesicht. Er glaubte,

daß Ilse stehen bleiben und ihm antworten würde. Er hatte sich aber

getäuscht. Sie gab kaum den Gruß zurück und ging hastig weiter.

»I, sieh einmal,« meinte der Alte, »sie beachtet mich gar nicht, na

man zu, ich bin ihr nichts schuldig.«

Er schritt in den Torweg hinein und gab seine Besorgungen im Kontor

ab. Als er dann nach dem Hof ging, stand Herta an der Gartenpforte und

winkte ihn heran.

»Jochen, du sollst mir etwas helfen!« rief sie. »Es fehlen ein paar

Bretter auf den Warmbeeten, du könntest sie mir wohl aussuchen und

zurechtschneiden.«

»Jäh woll, gnädiges Fräulein, das werde ich tun,« Er wollte sich

gleich auf den Weg machen.

»Jochen, warte noch einen Augenblick,« sagte Herta, »hast du noch

immer starkes Kopfreißen?«

»Jäh woll, gnädiges Fräulein,« erwiderte Jochen, und sein breites

Gesicht verzog sich zu einem versteckten Lächeln. Er hatte sich mit

seinem angeblichen Kopfreißen manche alkoholische Vorteile verschafft.

»Du hast doch ein gutes Mittel dafür und kannst es mir besorgen.

Fräulein Ilse leidet gleichfalls daran.«

»I was!« rief der Alte aus, »sie ist doch eben ausgegangen!«

»Ilse ist ausgegangen?« wiederholte Herta fragend. »Hast du sie

angetroffen?«

»Jäh woll, gnädiges Fräulein.«

»Dann möchte ich nur noch sagen --«

»Ja, was denn, Jochen?«

Der Alte stand plötzlich eine Weile stumm da; die Worte wollten nicht

über seine Lippen. Herta kannte ihn aber zu gut, als daß sie nicht

weiter nachgeforscht hätte. Sie ließ ihm erst einen Augenblick Zeit,

dann fragte sie:

»Du willst mir etwas anvertrauen, Jochen? Ich sehe es dir an. Du

kannst es ruhig tun. Es ist wohl wegen meines Bruders Wolf?«

»Näh, gnädiges Fräulein, es ist nicht wegen Herrn Wolf! Aber wegen

der da --« er zeigte auf den Torweg hin, durch den Ilse vorher

hinausgegangen war -- »und wegen Herrn Smiders.«

»Wie, Jochen?« Herta wurde jetzt gespannt. »Komm -- wir gehen einen

Augenblick in den Garten, da hört uns niemand.« Sie schritt voran, und

der Alte stapfte ihr nach.

Als Herta einige Zeit darauf in das Haus zurückkehrte, lag ein

düsterer Ernst auf ihrem Gesicht. Das Erfahrene war geradezu unerhört.

Sie fühlte sich gewissermaßen verantwortlich, weil sie Ilse

Hergenbach in ihrem Hause aufgenommen hatte. -- Wie sollte sie nun

Jürgen mit diesen Tatsachen unter die Augen treten, -- wie würde der

arme Wolf unter der Wucht der Ereignisse leiden? Sie suchte nach einem

Ausweg in diesem Wirrnis und mußte erst mit sich zu Rate gehen, um das

drohende Unheil abzuwenden. -- Was sie gefürchtet, war zum Ereignis

geworden.

Wolf durfte Ilse bei seiner Rückkehr nicht mehr vorfinden; noch wußte

niemand etwas von der Verlobung -- die Ehre konnte gewahrt bleiben.

Sie schritt zum Haustelephon und rief Jürgen in seinem Privatkontor an.

»Hallo!« sagte dieser, »du wünschst, liebe Herta?«

»Ich bitte dich, sogleich zu mir heraufzukommen.«

»Es muß etwas ganz Außergewöhnliches sein,« tönte es zurück, »wenn du

mich von der Arbeit wegholst.«

»Sogar sehr Dringendes!«

»Gut! Ich bin sogleich bei dir.«

Wenige Minuten später saßen die beiden Geschwister in Hertas Zimmer

zusammen. Jürgen hörte alles mit an, ehe er ruhig erwiderte:

»Wir waren auf falschem Wege, Herta, als wir Ilse in unsern engen

Familienkreis aufnahmen. Wohin wir gekommen sind, liegt heute klar

vor uns. Ich glaube vorläufig noch nicht alles, was Jochen Hindorf dir

erzählte. Er kann in seinem ewigen Tran manches durcheinandergebracht

haben. Es bleibt mir daher nichts anderes übrig, als mich an Ort und

Stelle selbst zu erkundigen. Es gibt natürlich nur einen Entschluß:

Ilse Hergenbach packt sofort ihre Koffer und fährt nach Nordhausen

zurück. Wir brechen jede Beziehung mit ihr für immer ab. Gut, daß Wolf

dadurch von ihr lassen wird. Ich sehe jetzt noch viel klarer. Vorhin

war der alte Smiders bei mir. Ein erbarmungsvoller Anblick -- der alte

gelähmte Mann bittend für den auf Abwege geratenen Sohn. Dann Smiders

und Ilse -- es ist wahrhaftig nicht zu glauben!«

»Sie hat erst Krankheit vorgeschützt, darauf ist sie ausgegangen.

Wahrscheinlich wird sie bei ihm sein. Die Ereignisse überstürzen sich.

Zürne mir nicht, Jürgen, daß ich dir so viel Unangenehmes bereitet

habe.«

»Nicht doch -- liebe Herta! Wir Geschwister tragen alles

gemeinschaftlich -- Freude und Leid! Ich gehe jetzt, um mich zu

vergewissern.«

Jürgen kam alles so ungeheuerlich vor, daß er es kaum zu glauben

vermochte. Es kostete ihm einen starken Entschluß, sich in die

Weinstube auf der ›Grünen Schanze‹ zu begeben -- jedoch es mußte

sein. Er wollte niemand Unrecht tun.

Als er eine halbe Stunde darauf sein Haus wieder betrat, hielt der

starke Mann den Kopf gebeugt. Das Erfahrene überstieg alles, was er

für möglich gehalten hatte. Wie konnte sich ein Mädchen, das bei

ihnen lebte, so weit vergessen! Smiders war ein gewöhnlicher Schurke,

er hatte dies schon lange erkannt. Der Zusammenbruch von Smiders &

Sohn erschien unvermeidlich. Aber Ilse Hergenbach! -- Wie konnte sich

dieser Bursche ihrer nur so bemeistern?

Herta wartete auf ihrem Zimmer mit Bangen die Rückkehr von Jürgen

ab. Als er die Tür öffnete, stand die Antwort auf seinen Zügen

geschrieben. Er brauchte ihr nichts zu sagen. Es lag noch schlimmer,

als Jochen bereits mitgeteilt hatte.

»Ist das -- modernes Menschentum?« endete Jürgen seine Rede mit

Bitterkeit. »Sind das die Früchte unserer jetzigen Erziehung? Besteht

darin die Gleichberechtigung der Frau, daß alle vornehme Gesinnung und

gute Sitte bei ihr schwindet? Es gibt nur noch den Drang, zu leben --

ohne Rücksicht auf andere. Ich fürchte für Wolf! Sein reiches Gemüt

wird diesen Schlag kaum verwinden. Besser, er bleibt noch lange fort,

damit die Spuren des Vorganges sich verwischen. Es ist keine heilsame

Lehre für ihn, sondern das Bild einer Vernichtung von Treu und

Glauben.«

Die Geschwister schwiegen darauf eine ganze Zeit, bis plötzlich Herta

die Stille unterbrach:

»Sobald Ilse heimkehrt, werde ich mit ihr sprechen. Es ist ein

schweres Amt für mich. Darf ich ihren Eltern das Geschehene

verschweigen? Wenn sie alsdann von ihnen verstoßen wird? Ich kann

nur handeln, wie es mir Frauengesetz und Recht vorschreibt. Welch

schwere Augenblicke gibt es doch, in denen von wenigen Worten ein

Lebensschicksal abhängt!«

Jürgen mußte seiner Tätigkeit weiter nachgehen. Herta aber versank in

tiefes Nachdenken. Wie sollte sie es nur anfangen, Ilse Hergenbach

wieder auf den rechten Weg zu bringen? Die Schuld traf diese nicht

allein. Sie war von allen -- außer Jürgen -- mit schönen Worten und

Schmeicheleien genug umgarnt worden.

»Das ist der Fluch, der auf uns Frauen lastet! Woher sollen diese

stets den starken Charakter haben, wenn sie nicht dazu erzogen werden!

Ist Ilse Hergenbach wirklich so schlecht, wie wir glauben?«

Je mehr sie alles durchdachte, desto mehr suchte sie nach Gründen,

die ihr Verhalten entschuldigen konnten. Es drang immer wieder ein:

»Nein -- nein!« hervor. »Niemand ist gezwungen, die abschüssige Bahn

zu betreten. Die Frau muß den Halt in der Reinheit der Seele und der

Gedanken finden -- in dem Stolz, gleichberechtigt neben dem Manne zu

stehen. Sie darf nicht zu Handlungen schreiten, die ihrer unwürdig

sind.«

Wie war es nur möglich, daß Ilse mit einem Mann, den sie kaum

kannte, in ein solch verrufenes Lokal ging? Dachte sie nicht an die

Folgerungen? Sie wurde doch genug von ihr behütet. -- Was gibt es doch

für Rätsel der Menschenseele, die unauflöslich sind! --

Die Mittagszeit kam heran, ohne daß Ilse wieder eintraf. In Herta

stieg der Gedanke auf, daß sie zu verzweifelten Schritten gelangt sein

könne.

Die sonst so ruhige, abgeklärte Herta befand sich in großer Aufregung.

Sie berührte kaum die zum Mittagessen aufgetragenen Speisen, und sagte

zu Jürgen:

»Wenn Ilse bis zum Abend nicht wieder hier ist, bleibt uns nichts

anderes übrig, als sie suchen zu lassen.«

»Dann haben wir den öffentlichen Skandal, Herta!« erwiderte dieser.

»Bedenke -- ein solcher Fall im Hause Plüddekamp!«

»Es kann aber nichts helfen! Wir wollen nur hoffen, daß er vermieden

bleibt.«

Am späten Nachmittag stand Ilse jedoch vor Herta. Ihre Wangen waren

bleich, eine hektische Röte erschien auf ihnen und schwand wieder;

die Augen zeigten ein fieberhaftes Glänzen.

»Ich habe eine Bitte an dich, Tante Herta,« sagte sie mit zu Boden

gesenkten Blicken. »Ich fürchte, krank zu werden, und möchte euch

nicht zur Last fallen. Ich will mit dem Abendschnellzug über Berlin

nach Nordhausen fahren.«

»Es steht dir vollständig frei,« erwiderte Herta in kaltem Ton. »Du

denkst wohl nicht an eine Rückkehr?«

»Nein, Tante Herta!«

»So ordne deine Sachen. Unser Wagen wird dich mit dem Gepäck an die

Bahn bringen. Bestelle deiner Mutter Grüße von mir.«

Einen Augenblick war Herta der Ansicht, jede Auseinandersetzung

mit Ilse zu vermeiden. Sie wollte auch den Eltern keine Mitteilung

zugehen lassen, um nicht die Zukunft des jungen Mädchens dadurch zu

untergraben. Dann fragte sie sich aber in ihrem Innern: Ist es recht,

sie ohne Aussprache von mir gehen zu lassen? Sie mußte sich doch von

ihrem Seelenzustand überzeugen.

»Du siehst krank aus, Ilse,« begann sie. »Es erscheint mir aber nicht,

als ob ein körperliches Leiden die Ursache davon ist. Hast du mir

nicht noch etwas zu sagen?«

Das junge Mädchen starrte vor sich hin. Sie konnte den Blick zu der

Freundin ihrer Mutter nicht erheben. Ihr Mund blieb geschlossen. Sie

zeigte wieder die alte trotzige Stummheit.

»Dein Schweigen deutet mir viel,« fuhr Herta fort. »Du willst deine

Seele nicht entlasten. Was richtiger wäre, mußt du dir selbst sagen.

Ich könnte dir noch einen Rat auf deinen späteren Lebensweg mitgeben,

wie du ihn wohl so uneigennützig nicht wieder erhalten wirst. Das

Wohl jeder meiner Mitschwestern liegt mir am Herzen. Ich will mich

aber nicht gewaltsam in dein Gemüt eindrängen, -- du selbst mußt das

Bedürfnis haben, mir anzuvertrauen, was vielleicht andere Zungen

geschwätzig herumtragen werden. Ich habe den Zorn, der über dein

Verhalten in mir entstand, bekämpft. An seine Stelle ist aufrichtiges

Mitleid getreten, und dies erfüllt mich jedem weiblichen Wesen

gegenüber, das vom richtigen Weg abweicht. Such das rechte Wort zu

mir, Ilse!«

Herta sah, wie die blassen Lippen der Gegenüberstehenden zuckten. Sie

schien in diesen Stunden um Jahre älter geworden zu sein. Ihr Mund

blieb aber stumm.

»So geh, Ilse, wenn du kein Vertrauen finden kannst,« sagte Herta

kalt. »Nun haben wir nichts mehr miteinander zu sprechen. Jürgen

entbindet dich des Abschiednehmens.« Sie reichte ihr nicht mehr die

Hand. Ilse verließ das Zimmer.

Geschwister Plüddekamp · 第 26 / 30 题