Es waren unangenehme Nachrichten eingegangen. Die Reederei befand
sich in einer gefahrdrohenden Lage. Trotz der klugen Machenschaften
von Alfred Smiders war eine Anzahl Papiere, die er in Akzeptaustausch
nach Berlin gegeben hatte, auf der Reichsbank zusammengekommen. Ein
Bankhaus, mit dem er noch nicht lange verkehrte, ersuchte plötzlich
um genaue Auskunft über die hereingegebenen Wechsel und wollte sofort
jeden weiteren Verkehr abbrechen, wenn kein genügender Ausweis
vorhanden war. Was sollte er tun? Gestern abend kehrte er noch in der
rosigsten Laune heim. Er fühlte etwas von einem verteufelten Kerl in
sich, dem alles gelingen mußte. Und nun?
»Verdammt! Immer nur die Frauen!« zischte er zwischen den Zähnen
hervor, als er den Brief von der Bank wütend auf den Schreibtisch
warf. »Im Geschäft wird es täglich toller! Es darf aber nicht
zusammenbrechen. Ich bin gezwungen, heute mit dem Hamburger fertig zu
werden. Nur eine große Barsumme, mit der ich alles glatt machen kann,
bringt mich wieder in das richtige Fahrwasser hinein.«
Er stützte sein Haupt schwer auf und sann einige Augenblicke nach.
»Es bleibt mir kein anderer Weg, ich muß zu dem Alten hinüberlaufen
und ihm die Sache langsam beibringen.«
Trotz der frühen Stunde ging er sofort zu seinem Vater. Smiders senior
bewohnte einen Teil des Parterres. Der alte, vollständig gelähmte
Herr lag auf dem Krankenstuhl und ließ sich vom Diener das Frühstück
reichen. Alfred Smiders trat mit lächelnder Miene an ihn heran.
»Guten Morgen, Papa! Schon auf? Es geht dir heute wohl gut?«
»Nicht besser und schlechter als jeden anderen Tag, mein Sohn. Nur die
Untätigkeit, zu der ich verdammt bin, ist mir schrecklich.« Der Diener
verließ inzwischen das Zimmer. »Ich sehe dich wenig, -- du bist mit
Arbeit überhäuft. Könnte ich dir doch helfen!«
»Leider läßt sich daran nichts ändern, Papa. Ich komme wegen Herrn
Kneis. Er war bei dir und hat mit dir gesprochen.«
»Ja, ja,« nickte der alte Smiders mit dem Kopfe. »Ein tüchtiger Mann!
Du kannst keinen besseren Teilhaber erlangen, als diesen gewiegten
Überseer. Er besitzt bedeutende geschäftliche Kenntnisse und großes
Vermögen. Ich bin dafür, wir nehmen ihn als tätigen Kompagnon auf. Du
wirst dann entlastet, und wir erhalten noch viele neue Verbindungen.«
»Das ist alles gut und schön, Papa! Ich bin der Sache auch nicht
abgeneigt, obwohl es wenig angenehm ist, bei jeder größeren
geschäftlichen Verfügung erst eine Rücksprache nehmen zu müssen. Das
Ding hat aber noch einen Haken.«
»Wieso?« fragte der alte Herr.
»Na, -- du weißt doch, Papa! Die alten Kasten wollten nicht mehr
ziehen. Wir sind immerhin ziemliche Verbindlichkeiten bei der
Schiffswerft eingegangen, um unseren Dampferbestand zu erneuern.
Die Rechnungen laufen noch ein, und die Ratenzahlungen folgen dicht
aufeinander. Ich möchte nicht, daß Kneis darin Einblick bekommt. Er
gewinnt dann sofort Oberwasser bei uns.«
Der alte Smiders sah mit den matten Augen erschrocken zu seinem Sohne
auf.
»In dieser Form hast du es mir noch nie gesagt, Alfred. Bisher war
deine Ansicht stets, mit unseren Mitteln alles glatt bestreiten zu
können. Nun geht es auf einmal nicht mehr! -- Ich habe dir doch
deswegen mein ganzes Barvermögen gegeben, das ich noch besaß. Wir
stehen jetzt also vor neuem Bedarf, den du nicht decken kannst. Sage
es nur gerade heraus! Wir müssen dann Kredit bei unserer Bank nehmen.
Bei dem langen Verkehr mit uns wird sie ihn sicherlich einräumen.«
Alfred Smiders kam bei diesen Worten in eine höchst unangenehme Lage.
Er überlegte schnell, wie weit er seinen Vater über den schlechten
Geldstand der Firma einweihen sollte.
»Ich möchte es nicht, Papa! Sobald man erst bei den Banken Kredit
braucht, ziehen sie gleich die Bedingungen an. Bei unseren großen
Umsätzen kostet dies viel Zinsen und Provisionen. Offen gestanden, --
ich will nicht in diese Abhängigkeit geraten.«
»Es ist schon richtig,« fiel sein Vater ein. »Aber was dann? Der
›Friedrich Barbarossa‹ muß bald aus dem Dock heraus sein. Geh doch zu
Jürgen Plüddekamp. Er wird dir gewiß helfen und eine größere Summe
über das Konto vorweg geben.«
Alfred Smiders pfiff leise durch die Zähne.
»Ich stehe mit Jürgen nicht sehr gut, und Wolf ist auf längere Zeit
verreist. Am besten wäre es, du sprächst selbst mit ihm, Papa.
Dir schlägt er es sicherlich nicht ab, und zwar muß es noch heute
geschehen. Wir nehmen dann Kneis sofort herein, und alles ist wieder
in bester Ordnung.«
»Alfred! Wie soll ich zu Jürgen Plüddekamp hinkommen? Ich fühle mich
viel zu schwach dazu.«
»Nein, nein, Papa! Es ist unbedingt notwendig, daß du es tust. Ich
werde dich gleich telephonisch anmelden, und du läßt dich in deinem
Wagen hinfahren.«
»Ja, wenn es sein muß!« stöhnte der alte Smiders leise auf. »Ich mache
es deinetwegen, mein Sohn. Meine Lebenstage sind doch gezählt.«
Der junge Smiders reichte seinem Vater mit freundlichem Drucke die
Hand.
»Gut, Papa! Wir sind jetzt vollkommen einig. Ich rufe dir deinen
Diener und gehe gleich nach dem Kontor hinüber.«
Er befand sich wieder in bester Laune. Ein Stein war ihm vom Herzen
gefallen. So mußte es gehen. Nun schwamm er wieder oben. --
Jürgen Plüddekamp erstaunte nicht wenig, als ihm telephonisch gemeldet
wurde, daß der alte gelähmte Herr Smiders ihn aufsuchen würde. Eine
Stunde darauf brachte der Diener diesen bereits angefahren. Mit
einigen Umständen wurde der Wagen bis an das Privatkontor von Jürgen
Plüddekamp gebracht. Der alte Mann kam schon in einem ziemlich
erschöpften Zustande an, und Jürgen suchte ihm die Aussprache in jeder
Weise zu erleichtern.
Er ließ sofort ein stärkendes Glas Wein für ihn holen und fragte dann
teilnehmend, wie sein Befinden wäre. Da er ihn lange nicht gesehen
habe, freue er sich, daß es ihm anscheinend gut ginge.
»-- und nun -- was führt Sie zu mir, Herr Smiders?«
»Lieber Herr Plüddekamp,« begann dieser. »Ich komme heute als alter
Freund Ihrer Firma zu Ihnen, dem schon Ihr Herr Vater volles Vertrauen
schenkte. Es handelt sich um einen Vorschlag. Die Erweiterung unserer
Dampferlinien, um der wachsenden Konkurrenz zu begegnen, stellte große
Anforderungen an die Reederei. Wir haben uns deshalb entschlossen,
einen tätigen Teilhaber mit größerem Kapital hereinzunehmen. Es ist
Herr Kneis aus Hamburg. Vorher aber möchte Alfred vollständig reinen
Tisch haben. Wir wollen uns nicht der Bank in die Hand geben, und ich
bitte Sie, uns dabei entgegenzukommen. Die Summe für den gecharterten
›Friedrich Barbarossa‹ ist allerdings erst später zu zahlen. Es wird
Ihnen nichts ausmachen, uns diese -- natürlich mit Abzug eines Skontos
-- schon jetzt zu überweisen. Sie werden uns zu gleichen Diensten
stets bereit finden.«
Jürgen war dieses Ansinnen sehr peinlich. Der alte gebrechliche Herr
tat ihm außerordentlich leid. Sollte er ihm die bittere Wahrheit ins
Gesicht sagen?
Herr Smiders senior sah ihn fragend an. Warum erfolgte nicht gleich
die Antwort? Es war doch nur eine kleine Gefälligkeit, um die er die
reiche Firma anging.
»So leid es mir tut, Herr Smiders, und so gern ich Ihnen gefällig sein
möchte, -- in diesem Falle geht es nicht,« brachte Jürgen leicht
stockend hervor. »Die Fracht für den ›Friedrich Barbarossa‹ hängt
vollständig in der Luft, und unser Vertrag ist hinfällig. Der Dampfer
liegt noch im Dock, und es ist nicht abzusehen, wann er auslaufen
kann. Ich hörte, die Werft hat die Arbeit eingestellt!«
»Die Werft hat die Arbeit eingestellt, Herr Plüddekamp! Großer Gott,
davon weiß ich gar nichts!« erwiderte der alte Smiders zitternd. »Ich
glaubte, der Dampfer sei zum Auslaufen bereit. Darauf begründete sich
mein Plan. Nun tut es mir leid, daß ich Sie behelligt habe. -- Ich muß
sofort mit Alfred sprechen. Ich verstehe alles nicht mehr -- ich bin
-- ganz verstört darüber.«
Jürgen Plüddekamp sah ihn mit bedauernden Blicken an. Er hätte ihm
wohl noch manches sagen können, wovon er nichts wußte. Aber dazu
lag kein Grund vor, und er wollte dem alten Herrn nicht die letzten
Lebenstage verbittern. --
Smiders senior fuhr unverrichteter Sache ab. Gleich darauf rief Jürgen
den Prokuristen Armin herein und teilte ihm alles mit.
»Was sagen Sie dazu, Armin? Ich habe das Gefühl, daß Smiders & Sohn
vor dem gänzlichen Zusammenbruch stehen. Ein wahres Glück, daß wir
Wolf nach Spanien sandten. Hoffentlich erhalten wir recht bald gute
Nachrichten von ihm. Unsere sonstigen Beziehungen zu der Reederei sind
doch vollständig geregelt, so daß wir mit ihr in gar keiner Berührung
mehr stehen.«
»Es liegen noch ein paar kleinere Frachten vor, Plüddekamp,« erwiderte
Armin, »aber diese machen uns keine Umstände. Ich kann sie auch einer
anderen Reederei überschreiben.«
»Tun Sie das, Armin! Es ist besser, wir brechen alle Verbindungen mit
der Firma ab.« -- -- --
Alfred Smiders saß an seinem Schreibtisch. Er hatte einen weißen
Bogen vor sich hingelegt und rechnete. Nach einer Weile nickte er
befriedigt. So mußte es gehen! Ein Angestellter brachte ihm die
Mittagspost herein. Bei flüchtigem Durchsehen erkannte er auf einem
Kuvert die Handschrift von Kneis. Sofort riß er dies zuerst auf und
überflog hastig die darin enthaltenen Zeilen. Ein wilder Ausruf
entfuhr seinem Munde. Er schlug mit beiden Händen auf den Tisch und
wurde dann fahlbleich.
»Es ist ja nicht möglich!« rief er laut aus. »Was ist in den Mann
gefahren! So lasse ich mich nicht abspeisen! -- Bis zum Abgang des
Schnellzuges nach Hamburg ist noch eine Stunde. -- Er darf nicht
fahren!« Und schon hatte er seinen Hut ergriffen und eilte fort. --
Inzwischen kehrte der Wagen mit dem gelähmten alten Smiders zurück. Er
ließ seinen Sohn sofort zu sich bitten und erhielt zur Antwort, daß
dieser ausgegangen sei. Nach einer halben Stunde kam Alfred Smiders
jedoch zurück. Sein sonst elastischer Gang war unsicher, seine Züge
gefurcht, als ob er um Jahre gealtert sei. Er suchte sofort seinen
Vater auf und war völlig niedergeschmettert, als er die Ablehnung von
Jürgen Plüddekamp erfuhr.
»Was nun?« rief es in ihm.
»Sprich sofort mit Herrn Kneis!« sagte ihm der Vater. »Du mußt mit
ihm einig werden! Es ist der einzige Ausweg! Geh, mein Sohn, versäume
keine Zeit.«
Alfred Smiders wankte nach seinem Kontor hinaus. Er konnte seinem
Vater nicht sagen, daß bei dem Hamburger alles verloren sei. Mit der
gewohnten Ruhe hatte ihm der Überseer ins Gesicht gesagt, daß er
dafür danke, mit der Firma Smiders & Sohn in irgendeine Verbindung
zu treten. Als Alfred Smiders nach der Ursache seines plötzlichen
Verhaltens forschte, erwiderte er kaltlächelnd:
»Fragen Sie die schwarze Karli in der ›Grünen Schanze‹, die Sie mir
so warm empfohlen haben, warum ich mit Ihnen nichts mehr zu tun
haben will.« Damit verbeugte er sich kurz, und Alfred Smiders war
abgewiesen.
Die letzte Hoffnung hatte er noch auf die Unterredung seines Vaters
mit Jürgen Plüddekamp gesetzt. Auch diese schlug fehl.
Wohin er auch blickte, kein Ausweg mehr. Alle Fäden, die er gehalten,
waren abgeschnitten. Schon in den nächsten Tagen mußte die Firma
zusammenbrechen. Einen Konkurs konnte er nicht machen. Seine Bücher
waren nicht in Ordnung. Er hatte eine Anzahl Posten nicht buchen
lassen. Der ganze Akzeptaustausch, durch den er sich Geld verschaffte,
stand nur auf einem Blatt Papier verzeichnet. Er wußte genau, der
Staatsanwalt würde sich mit ihm befassen. Das verzweifelte Spiel, das
er aus wilder Sucht nach Reichtum begonnen, war verloren! Er wollte
noch so viel als möglich zusammenraffen und damit fliehen. Weiter
blieb ihm nichts übrig. -- Einen Augenblick dachte er an seinen alten
Vater, er schüttelte aber den Gedanken mit aller Kraft wieder von
sich ab. Mochten sich andere seiner annehmen, er wollte den Sturz
nicht erleben. Es war nicht hohe -- nein, es war die höchste Zeit, daß
er fortging. -- Es ergriff ihn eine Wut auf die schwarze Karli, die
ihn an den Hamburger verriet. Warum vertraute er sich ihr auch an!
Er suchte bei diesen Gedanken nach dem Grunde, und die Gestalt Ilse
Hergenbachs trat plötzlich vor ihn hin. Durch diese Torheit entstand
jetzt sein ganzes Unglück. Sie hatte ihm gefallen, wie ihm jedes
andere Mädchen gefiel, nach dem er siegesgewiß seine Hand ausstreckte.
Aber der Einsatz kam ihm teuer zu stehen. Nun galt es, keine Sekunde
mehr zu zögern.
Er rief seinen vertrauten Buchhalter herein und ließ sich das
Kontokorrentbuch vorlegen. Mit fiebernden Pulsen blätterte er darin
herum, machte sich Notizen und bestellte dann einen Wagen. Die Leute
konnten ihm nachreden, was sie wollten, er würde drüben in der Neuen
Welt untertauchen. Gewaltsam zwang er sich zur Ruhe, und es gelang
ihm, einen geeigneten Plan zu schmieden. Inzwischen fuhr der Wagen
vor. Er war schon im Begriff, hinauszueilen, als einer der Kommis ihm
meldete, daß ihn eine junge Dame zu sprechen wünsche.
»Ich habe keine Zeit!« schrie er diesen an, »sagen Sie ihr dies.«
Der Kommis kehrte aber nochmals zurück. »Sie läßt sich nicht abweisen,
Herr Smiders, und hat ihren Namen genannt -- Fräulein Ilse Hergenbach!«
Smiders warf das Hauptbuch dröhnend auf die Schreibtischplatte.
»Es ist rein wie verhext! Gut,« rief er dem Kommis zu, »das Fräulein
soll eintreten.«