Die Verhältnisse bei Smiders & Sohn spitzten sich immer mehr zu.
Trotzdem fand der junge Reeder noch Zeit, auf Ilse Obacht zu geben.
Schon nach einigen Tagen sah er sie ausgehen. Sie wollte noch gegen
Abend einige Besorgungen erledigen und war auf dem Wege nach der
Breitenstraße, als Alfred Smiders aus einem Nebengäßchen auftauchte
und ihr plötzlich entgegentrat. Er führte diese Begegnung mit Absicht
herbei.
»Endlich habe ich das Glück, Sie zu treffen, Fräulein Hergenbach!« zog
er den Hut.
Sie verneigte sich nur wenig.
»Ich wartete jeden Tag auf Sie,« sagte er dann.
»Warum, Herr Smiders? Es ist doch zwecklos --« entgegnete sie hastig.
Als er sie aber nach diesen Worten scharf ansah, begann sie stark zu
erröten. Sie bemerkte es und war darüber auf sich selbst ärgerlich.
Warum geschah es gerade unter seinen Blicken? Ihre Pulse klopften
fühlbar, als er jetzt neben ihr herging, und doch vermochte sie seine
Begleitung nicht abzulehnen.
»Sie wollten von Wolf hören, Fräulein Hergenbach! Es hat Sie aus dem
alten Haus getrieben. Habe ich nicht recht?« fragte er überlegen.
»Ich weiß es auch ohne Ihre Antwort. Wolf genügt Ihnen nicht. Er lebt
in so törichter Abhängigkeit von seinen Geschwistern. Bei mir ist
es anders. Einer solchen Partnerin wie Sie böte ich jeden Reiz des
Lebens.«
Warum erzitterte nur Ilse Hergenbach unter diesen Worten? Das war es,
was in ihr gärte. Eingeengt in den alten Brauch des Plüddekampschen
Hauses, drängte alles in ihr gewaltsam nach Lebensgenuß. Alfred
Smiders durchschaute sie sofort, und sie fühlte dies Erkennen vom
ersten Augenblick an. Obwohl sie kein Interesse für ihn hatte, zwang
er sie doch in seinen Bann hinein. Und nun dieses direkte Hindeuten
auf Wolf! Was konnte er von ihm sagen! Wußte er um alles? Es quälte
sie seit Tagen, und sie wollte es heute bestimmt ergründen.
»Ich habe in diesem Laden etwas zu besorgen, Herr Smiders,« blieb sie
plötzlich stehen.
»Ich warte gern draußen, Fräulein Hergenbach,« erwiderte er
zuvorkommend, »denn mit hineinnehmen wollen Sie mich wohl nicht.«
»Nein,« erwiderte sie mit eigentümlichem Lächeln, »man denkt hier zu
kleinstädtisch!«
Sie trat in das Geschäft ein und kam nach kurzer Zeit mit den
eingekauften Sachen wieder heraus. »Ich gehe jetzt heim, Herr
Smiders,« sagte sie leichthin.
Er bemerkte sogleich, daß es ihr damit nicht ernst war, und faßte sie
scharf ins Auge.
»Ich möchte gern mit Ihnen eine Stunde zusammen sein, so viel Zeit
haben Sie, Fräulein Hergenbach.«
Sie suchte hastig nach Worten, durch die sie dies ablehnen konnte,
aber die Neugierde, über Wolf etwas zu erfahren, hielt sie davon
zurück.
»Sie müssen mir aber erzählen, was Sie von Wolf wissen, Herr Smiders,«
gab sie nun zur Antwort.
Dieser, der sie dabei beobachtete, frohlockte. Der abgesandte
Pfeil hatte getroffen. Ilse mußte an Wolf stark interessiert sein,
wahrscheinlich noch mehr -- die beiden hatten ein Liebesverhältnis
miteinander! Es war nach seiner Meinung leicht zu durchbrechen.
»Ich kann Ihnen viel von meinem Freunde Wolf erzählen. Wenn Sie
mir auf ein halbes Stündchen folgen, -- sollen Sie sogar -- seine
Liebesirrung kennen lernen --«
»Seine Liebesirrung, Herr Smiders? --« Ilses Herz zog sich krampfhaft
zusammen.
»Na und ob,« meinte Smiders höhnisch. »Ist ein hübsches junges
Mädchen. Natürlich nichts Besonderes! Aber Herr Jürgen und Fräulein
Herta würden sich wundern, wenn sie wüßten, in wessen Armen Wölfchen
seine freien Stunden verbringt.«
Ilse zitterte am ganzen Körper vor Wut. Wolf Plüddekamp hatte ein
Verhältnis. Die Frau in ihr war tief beleidigt.
»Aha!« dachte Smiders, der den Seelenzustand in ihrem Gesicht las,
»Wölfchen scheint recht weit mit ihr zu sein. Die Sache ist nicht so
schwierig, wie sie aussah. -- Kommen Sie, Fräulein Ilse,« er nahm
einfach ihren Arm, »das blonde Riekchen haust ganz in der Nähe. Wir
trinken dort eine Flasche Wein zusammen.«
Ilse zog den Arm rasch zurück. Einen Augenblick wollte es in ihr
über diese Zumutung zornig aufwallen. Noch stärker wirkte aber die
angetane Kränkung. Jürgen Plüddekamp hatte ihre Liebe verschmäht. Wolf
Plüddekamp, der sie zur Frau verlangte -- betrog sie mit einer andern!
Der Ingrimm packte sie mit voller Gewalt.
»Nun?« fragte der Reeder, »ist die Kenntnis nicht wertvoll für Sie?«
Er zog abermals ihren Arm unter den seinen, und jetzt ging sie mit.
Es waren nur wenige Schritte bis zur ›Grünen Schanze.‹ Es schauderte
ihr kalt über den Rücken, als sie mit Alfred Smiders den dunklen
Hausflur durchschritt und in den Hof kam. Wohin führte er sie? -- Eine
innere Stimme rief: »Zurück! Zurück!« Ihr Fuß ging aber vorwärts.
Smiders riß die Tür auf, und sie traten in das alte räucherige Zimmer
ein. Von dem Sofa erhob sich gähnend eine weibliche Person.
»Ach -- Sie sind's, Herr Smiders!« sagte diese. Es war das blonde
Riekchen. »Karli hat heute ihren Ausgehtag -- der Hamburger sitzt
vorn. Ist der schöne Wolf noch nicht zurück?« Sie brachte alles in
einem Atem vor.
Smiders ließ Ilse stehen und flüsterte Riekchen rasch einige Worte zu.
»Ah -- so,« meinte die dralle Person darauf, »wird bestens besorgt.«
Sie sah dann neugierig auf die junge Dame, die unbeweglich inmitten
des Raumes stand.
»Der Hamburger braucht nicht zu wissen, daß ich hier bin, Rieke!« Der
Reeder wiederholte dies anscheinend laut.
»Schon gut, Herr Smiders.«
Riekchen drehte das Gas mehr auf, es wurde heller. Smiders schritt auf
Ilse zu, nahm ihren Mantel ab und führte sie mit überlegenem Lächeln
zum Sofa.
»Dort setze ich mich nicht, Herr Smiders,« ihre tiefe Stimme hatte
einen unsicheren Klang, »ich werde diesen Stuhl nehmen.«
Die blonde Rieke ging hinaus, um Sekt zu holen.
»Also das ist das Mädchen, mit dem Wolf Plüddekamp ein Verhältnis
hat?« brachte Ilse mühsam hervor.
»Ja, -- meine schöne Ilse, -- das ist das Mädchen! Eine nette
Weinkellnerin, wie?«
Ilse war leichenblaß geworden.
»Was halten Sie nun von Wölfchen? Lockrer Zeisig -- he? Und Sie,
schöne Ilse? Sie haben doch geglaubt, ihn ganz allein zu besitzen!«
»Herr Smiders,« rang es sich von ihren Lippen, »Sie sind brutal mit
mir, -- Wolf ist mein Verlobter.«
»Na, -- so im geheimen, -- damit meint er's nicht so genau! Sie
gehören doch zu den Modernen! Hab es gleich gewußt. Die kennen keine
Engherzigkeit. Ärgern -- Unsinn, schöne Ilse! Wir trinken jetzt ein
Glas Champagner zusammen.«
Die blonde Rieke trat ein und brachte Sekt. Smiders schenkte einige
Gläser ein, dann reichte er Ilse und der Kellnerin davon hin.
»Auf Schönheit und Leidenschaft -- Prost!«
Ilse hielt krampfhaft das Glas in der Hand. Ihre Augen hatten einen
wilden Ausdruck angenommen, -- die Wangen brannten ihr wie Feuer, --
seine Blicke ließen nicht von ihr ab. Zwar noch widerstrebend, dann
aber von einem plötzlichen Entschluß erfaßt, stieß sie mit ihm an. Die
blonde Rieke hob ebenfalls das Sektglas gegen Ilse. Sofort setzte
diese das ihre nieder.
»Sie kennen Wolf Plüddekamp?« rief sie aus.
»Ja,« meinte Rieke ganz verwundert. »Natürlich kenne ich ihn. Ein
bildschöner Herr! Er ist schon oft hier gewesen.«
»Und Sie, -- Sie lieben Wolf Plüddekamp?«
»Lieben?« meinte die blonde Rieke ironisch. »Bei unserem Handwerk muß
man ein weites Herz haben. Freilich, -- ihn kann man schon lieben.«
Ilse Hergenbach war innerlich wütend. Sie goß das volle Glas
Champagner auf einmal hinunter, und Smiders schenkte ihr rasch wieder
ein. Es war rein zum Tollwerden! Wolf -- und diese Person, die für
jeden Gast das gleiche Entgegenkommen übrig hatte. Alle Leidenschaft
wallte auf einmal in ihr empor. Sie hätte rasen können vor Zorn. War
sie so wenig wert, galt sie nur etwas für männliche Launen? Woran
sollte sie noch glauben, sich anklammern? Der feste Boden schwand
unter ihr. Die Liebe war in ihr niedergerungen, der Haß entstanden --
Manneswort -- leerer Schall. Ihre ganze Natur bäumte sich wild auf,
-- dann lieber toll genießen, -- alles in die Schanze schlagen! Kein
Heute -- kein Morgen! Mehr war das Leben nicht wert. Sie goß ein Glas
Champagner nach dem anderen hinunter. Schon begannen sich ihre Sinne
vollständig zu verwirren. Alfred Smiders schaute immer begehrlicher
auf sie hin. Jetzt konnte sie ihm nicht mehr entrinnen.
Ilse sah den Kopf der blonden Rieke nur noch wie im Nebel, sie hörte
nicht, wie Smiders dieser sagte, sie allein zu lassen.
»Halt Karli zurück, wenn sie kommen sollte,« flüsterte er. »Steck sie
zu Kneis -- das ist notwendig. -- Diese da,« er deutete rückwärts
auf Ilse, »spioniert bloß! Sie lernt bei Plüddekamps die Wirtschaft,
-- will dir meinen Freund Wolf wegkapern. Ich leid's aber nicht --
deinetwegen, Riekchen!«
»Wolf laß ich mir nicht nehmen,« ereiferte sich diese. »Nach einem
Reichen angeln sie alle, -- aber daraus wird nichts!«
Smiders gab ihr einen Wink, vorsichtig zu sein.
»Ich gehe schon --«
Er schenkte Ilse Hergenbach immer von neuem ein. Sie konnte schon
keinen klaren Gedanken mehr fassen. Plötzlich fuhr sie aus ihrer
wilden Träumerei auf. »Ich muß nach Hause, -- Tante Herta --«
»Sie haben Zeit,« beruhigte er sie, »es ist noch lange keine Stunde
um.«
»Wolf! Wolf!« schrie sie plötzlich auf.
»Lassen Sie ihn laufen,« flüsterte Smiders, sich Ilse mehr und mehr
nähernd. »Ich will Ihnen ein glänzendes Leben bieten. Ich liebe Sie
verzehrend -- Ilse.«
»Nein, nein,« wehrte sie ihn mechanisch ab.
Die großen grauen Augen starrten wie geistesabwesend vor sich hin.
Ihre Lippen zuckten, -- ihre Züge nahmen einen verzerrten Ausdruck an.
Sie suchte nach Worten:
»Leben -- ist alles, was bleibt -- leben -- nicht tot sein --«
Die ungeheure seelische Erregung -- der hastig genossene Champagner
ließen sie wie betäubt zurücksinken. --
Die Tür von der vorderen Weinstube wurde aufgerissen. Karli stand
plötzlich mitten im Zimmer.
»Du bist hier!« schrie sie Smiders an, »wen hast du da mitgebracht!
Das ist arg! Du willst mir vorreden, -- na warte, -- das sollst du mir
büßen!« -- Sie warf die Verbindungstür schmetternd zu.
Ilse erhob sich taumelnd. Sie war leichenblaß. Wo war sie hingeraten?
Der Gedankengang setzte wieder bei ihr ein.
»Ich will fort -- fort!« rief sie aus.
In diesem Augenblick stand sie schon an der Tür.
»Ilse!« Er wollte sie zurückhalten. Sie war aber hinausgeeilt. Die
blonde Rieke kam jetzt, und Smiders bezahlte.
»Rede Karli ins Gewissen,« raunte er ihr hastig zu, »daß sie bei
dem Hamburger keine Dummheiten macht. Warum hast du sie auch
hereingelassen?«
»Ich konnte sie nicht zurückhalten, Herr Smiders. Sie hatte Wind
bekommen, daß Sie da sind. Sie durften das Fräulein nicht hierher
mitnehmen! Das war nicht schön von Ihnen.«
»Ach was, dummes Mädel! Kümmere dich nicht um meine Sachen! Ich setze
keinen Schritt mehr in die Bude, wenn Karli nicht vernünftig ist. Sage
ihr das!« Es drängte Smiders hinaus, um Ilse Hergenbach nachzueilen.
-- -- --
Diese stürmte durch die Straßen vorwärts. In wilder Hast bog sie in
Nebengassen ab, um den Weg nach dem Plüddekampschen Hause abzukürzen.
Ein kalter Regen, der niederging, schlug ihr ins Gesicht, durchnäßte
ihre Kleider und Haare und kühlte die brennende Stirn. Wenn ihr nur
niemand im Hause begegnete, ehe sie das Zimmer erreichte! Es wäre ihr
unmöglich gewesen, Worte zu wechseln oder einen forschenden Blick zu
ertragen.
Sie flog die Stufen der großen Treppe hinauf und wollte sofort weiter
zum zweiten Stockwerk, als Herta auf den Korridor trat.
Ilse erschrak heftig. Ihr Fuß zögerte, ihr Atem stockte.
»Ich wartete auf dich, Ilse! Du bist lange fortgeblieben.«
»Entschuldige, Tante Herta! Ich bin vollständig durchnäßt!«
Bei diesen Worten eilte sie bereits weiter. Trotz des Halbdunkels, das
im Korridor herrschte, hatte Herta mit einem Blick die verstörten Züge
Ilses gesehen.
»Sie ist doch ein merkwürdiges Geschöpf,« schoß es ihr durch den Sinn.
»Von einem Regenschauer sieht man doch nicht so verstört aus.«
Ilse war inzwischen auf dem Zimmer angelangt. Sie riß den Hut vom
Kopfe und warf sich schluchzend auf ihr Lager hin. Die Gedanken rasten
noch in ihr. Unaufhaltsam erschienen wirre Bilder vor ihren Augen.
Das ganze Nervensystem schien aufs äußerste erschüttert zu sein. Sie
vermochte sich keine klare Rechenschaft über die letzten Stunden zu
geben. Ein unbeschreibliches Angstgefühl trieb sie wieder empor und
ließ sie das elektrische Licht aufdrehen.
Nur erst wieder einen einzigen vernünftigen Gedanken fassen, --
richtig überlegen können, was sie tun mußte, um aus den Irrungen
herauszukommen.
Wolf hatte sie betrogen, -- ein neuer Tränenstrom brach aus ihren
Augen hervor.
»Alles in der Welt ist Lüge, erbärmliche Lüge!« rief es verzweifelt
in ihr. »Ich selbst -- bin die Lüge und Alfred Smiders verfallen. Ich
kann hier nicht bleiben, bis Wolf zurückkehrt! Ich kann auch nicht
nach Nordhausen zurück!« --
Die Kleidung wurde ihr über der Brust zu eng. Sie riß mit beiden
Händen das Mieder auf, um leichter zu atmen.
Wenn nur diese entsetzlich quälenden Gedanken erst nachließen! Zum
ersten Male sah sie in das Leben hinein. Wie hatte sie sich nach
seinen Freuden gesehnt! Und nun empfand sie anstatt des erhofften
Glücksgefühls -- eine gänzliche Vernichtung ihrer selbst.
Ein paarmal raste sie durch das Zimmer. Dann warf sie sich wieder hin
und schluchzte wild auf.
Fort von hier, fort! Damit sie die prüfenden Blicke im Hause nicht
zu ertragen brauchte! Ihr Kopf schmerzte entsetzlich. Ein Schwindel
ergriff sie. --
Es klopfte an der Tür. Das Mädchen öffnete und fragte, ob Fräulein
Hergenbach nicht zum Abendbrot kommen wolle. Sie antwortete hastig:
»Ich leide an starkem Kopfweh. Entschuldigen Sie mich bitte!«
Die Tür schloß sich wieder, und Ilse Hergenbach war mit sich und ihren
wilden Gedanken allein.