Wolf traf seine Vorbereitungen zur Abreise. Die Geschwister hatten
vorher noch eine lange Unterredung. Herta wollte sich durchaus nicht
mit der Nachgiebigkeit Jürgens einverstanden erklären und blieb auch
taub gegen alle Vorstellungen des jüngeren Bruders.
»Es scheint mir, als ob ich Ilse nur hierhergeholt habe, um euch
Brüder zu verlieren, dich und Wolf!« sagte sie zu Jürgen.
Als sie dann das Unabänderliche vor sich sah, mußte sie unter dem
Zwang der Verhältnisse einlenken.
»Ich habe es ihr versprochen,« bat Wolf seine Schwester, »euch erst
später Kenntnis zu geben. Ich möchte nun nicht wortbrüchig erscheinen.
Darum bitte ich euch herzlich, schweigt davon und wacht über sie. Ich
werde der Firma gegenüber meine Pflicht redlich erfüllen.«
Ilse sollte also bleiben, ohne daß man sie merken ließ, ihre Verlobung
mit Wolf zu kennen.
Der Abschied von ihr wurde Wolf sehr schwer. Sie sprachen sich noch
einmal allein, und er schloß sie immer wieder in seine Arme.
»Die Zeit wird rasch verstreichen,« tröstete er sich selbst mit. Seine
Hand glitt über ihre Wangen und strich die üppig dunkelblonden Haare
von ihrer Stirn zurück, die leicht darüber hinwegfielen. »Ich werde
dir meiner Geschwister wegen nicht schreiben. Du erhältst aber meine
Grüße durch sie. Noch einen langen Blick von dir, Ilse --«
Sie legte ihre Arme auf seine Schulter, und ihre großen grauen Augen
weiteten sich übernatürlich auf, als sie ihn dann anschaute.
»Ich kann dich nicht von mir lassen, Wolf!« klagte sie. »Ein
unbestimmtes Angstgefühl ist in mir. Ich möchte lieber mit dir gehen!
Heute -- morgen -- kann es auf mich hereinstürmen, -- wie soll ich
dann allein Widerstand leisten! Es wäre viel besser, wenn wir gleich
zusammenreisten. Du willst mich doch zur Frau nehmen, Wolf! Was frage
ich viel nach der Welt, -- ich bleibe bei dir, -- wir kehren nicht
hierher zurück --«
»Nein, Ilse!« erwiderte er fest, »solche Gedanken dürfen wir nicht
fassen! Wenn ich meine Geschwister für dich gewinnen will, so muß
es auf dem Wege sein, den uns Sitten und Gebräuche vorschreiben.
Herta ist gütig, Jürgen -- ihr sprecht ja selten miteinander -- ist
ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Andere Menschen kannst du
meiden, was sollte dir also im Plüddekampschen Hause begegnen?«
Trotzdem vermochte sie nicht, sich von ihm zu trennen. Immer wieder
klammerte sie sich an ihn und bat:
»Laß doch alle denken, was sie wollen, und trenne uns nicht, Wolf! Es
ringt in den letzten Tagen und Wochen so unendlich viel in mir, das
mir jede ruhige Überlegung raubt. -- Wenn ich aus deinen Armen gleite,
so sehne ich mich in demselben Augenblick wieder hinein. Ein wildes
Verlangen tobt in mir, das ich kaum zu bezwingen vermag. -- Denke an
das Bild vom Ilsefluß, das ich dir beschrieb! So bin ich auch. -- Du
mußt mich festhalten -- damit ich mich nicht selbst fortreiße.«
Wolf versuchte sie zu beruhigen. Alles was sie sagte, erschien ihm
dunkel und verwirrt. Er verstand sie nicht und sagte sich immer nur
das eine, daß sie im Plüddekampschen Hause gut aufgehoben sei. Er
konnte sie unter keinem besseren Schutz als bei seinen Geschwistern
zurücklassen.
»Es muß sein, Ilse,« blieb er fest. »Sogleich nach meiner Rückkehr
gebe ich unsere Verlobung bekannt.« --
Als Wolf abreisen wollte, hielt schon in aller Frühe der Wagen des
Barons von Berleburg vor dem Plüddekampschen Hause. Dieser stieg
herunter, warf dem hinter ihm sitzenden Kutscher die Zügel zu und
hatte dann mit dem Prokuristen Armin ein kurzes, aber inhaltvolles
Gespräch.
»Besuchen Sie mich, Herr Armin, Sie werden selbst sehen --«
bekräftigte er seine Vorstellungen.
Der Prokurist unterbrach ihn mit feinem Lächeln:
»Gedulden Sie sich nur einen Augenblick, Herr Baron! Ich werde mit
Herrn Plüddekamp sprechen.«
Baron Berleburg hatte den günstigsten Tag erwischt, um sein Anliegen
erfüllt zu sehen.
Jürgen Plüddekamp befand sich noch mit seinem Bruder in einer
Unterredung und war über dessen klares Vorhaben sichtlich erfreut.
»Sobald es darauf ankommt, bist du der Mann auf dem richtigen Posten,
Wölfchen! Viel Glück auf die Reise und kehre frohen Sinnes wieder.«
Armin hatte noch einen Augenblick gewartet, nun trug er Berleburgs
Anliegen Jürgen vor. Dieser bestimmte kurz:
»Zahlen Sie Berleburg das Gewünschte aus!«
So kam es, daß der Baron von Berleburg wieder flott gemacht wurde. --
-- --
Eine eigene Stimmung zeigte sich im Plüddekampschen Hause. Jürgen
blieb schweigsam, kalt. Herta übte eine gewisse Zurückhaltung gegen
Ilse und beobachtete sie unwillkürlich mehr als vorher.
»Seitdem Wolf fort ist, zeigt Ilse stark wechselnde Stimmungen,« sagte
Herta eines Tages zu Jürgen. »Zuweilen stürzt sie sich auf die Arbeit,
und ich muß sie davon zurückhalten, daß sie sich nicht überanstrengt.
Dann wieder sitzt sie stundenlang im kleinen Salon und starrt die
Kunstblätter an. Sie erkennt aber nicht das Bild, sondern schaut nur
in das Leere hinein. -- Sollte sie Wolf so sehr lieben, daß sie die
Trennung nicht zu ertragen vermag?«
Jürgen schüttelte den Kopf.
»Nein, Herta! Du verstehst sie nicht, weil du ganz anders geartet bist
als die meisten deines Geschlechts. Bei dir weiß man sofort, woran man
ist. Aber Ilse Hergenbach, -- in der steckt etwas Vulkanisches! Es
wäre schlimm, käme es jetzt zum Ausbruch. Jedem Geschäftsbriefe Wolfs
liegt ein einfacher Zettel bei: ›Schreibt mir, wie es Ilse geht,‹ und
wohl oder übel muß ich ihm die Antwort darauf geben.«
»Der arme Junge, er ist blind wie die Motte ins Licht gerannt,« fiel
Herta ein. »Und doch, sobald ich Ilse seine Grüße bestelle, zeigt sich
etwas in ihren Zügen, das meine Ansicht wankend machen könnte. Es
zieht ein glücklicher Schimmer über sie hin, wie er nur bei tieferen
Naturen in Erscheinung tritt.«
»Ich sagte es dir bereits vor Monaten, Herta, -- Ilse ist ein echtes
Kind der Neuzeit, sie fühlt, denkt und handelt in anderer Weise als
wir.«
Ilse war von einer fortgesetzten Unruhe erfüllt. Befand sie sich
allein in ihrem Zimmer, so streckte sie die Arme weit aus und suchte
sich vorzustellen, daß Wolf jetzt hereintreten müßte und sie ihm
jubelnd an die Brust flog. Sie krankte an dieser Sehnsucht, und doch
kamen Augenblicke, in denen sie sich fragte, ob sie ihn wirklich
liebe. Dann hielt sie sich vor, daß Jürgen sie von sich gewiesen. Ein
glühender Haß gegen diesen Mann beseelte sie, und sie flog aus einer
Übertreibung in die andere. Bei jeder Begegnung mit ihm nahm sie sich
zusammen, um die äußere Form einzuhalten und ihn nicht sichtlich zu
verletzen. Sie wünschte aber nur, daß Wolf heimkehrte und sie an
seinem Arm dem Bruder gegenübertreten könnte. An diesem Schlag, den
sie zurückgab, wollte sie gesunden.
»Wolf, Wolf!« flüsterte sie vor sich hin.
Warum konnte sie ihn nicht so lieben, wie es das starke Gefühl in ihr
verlangte? -- Nun hatte er sie in Stunden gewaltiger Seelenqualen
allein gelassen, wo sie sonst zu ihm geflüchtet wäre. -- Es war eine
Leidenschaftlichkeit in ihrem Wesen entstanden, die sich nicht mehr
zügeln ließ, die allen Überlegungen Trotz bot.
Sie hielt es nicht länger in ihrem Zimmer aus, es trieb sie in eine
andere Umgebung, die durch neue Eindrücke ablenken und ihr Ruhe
gewähren sollte. --
In dem großen Garten hinter dem Speicher zeigten sich die ersten
Frühlingsblumen. Unter den heißen Strahlen der höherstehenden Sonne
kamen Krokusse, blaue Lederblumen und frühzeitige Hyazinthen hervor.
Ilse liebte den Duft der Hyazinthen und beugte sich tief herab, um ihn
voll einzusaugen. Als sie wieder aufsah, fiel ihr Blick auf Alfred
Smiders, der sie von der Straße her grüßte.
Sie neigte leicht den Kopf und wollte weiter in den Garten
hineinschreiten, er rief sie aber an.
»Fräulein Hergenbach! Nur auf ein Wort!«
Sie blieb stehen.
»Darf ich in den Garten eintreten? Die Pforte ist verschlossen. Oder
kommen Sie lieber einen Augenblick näher zu mir.«
Ein widerstrebendes Gefühl hielt sie noch zurück. Er ging aber nicht
fort, und schließlich überwand sie sich und schritt an den niedrigen
Zaun heran. Smiders streckte ihr die Hand entgegen, die sie nur leicht
berührte.
»Schade, daß ich Sie so selten sehen kann, Fräulein Hergenbach,« sagte
er und suchte sie dabei fest ins Auge zu fassen. »Ich möchte gern mit
Ihnen plaudern. Wenn ich aber Plüddekamps aufsuche, wie neulich, so
erscheinen Sie nicht.«
»Ich bin immer beschäftigt, Herr Smiders.«
»Die dumme Hauswirtschaft! Für ein schönes junges Mädchen wie Sie gibt
es doch interessantere Dinge, um sich das Leben reizvoll zu machen.«
Sein auf ihr ruhender Blick wurde immer dreister, und plötzlich trat
ein glühendes Rot in ihre Wangen.
»Wahrhaftig, ich bin ganz bezaubert von Ihnen, Fräulein Hergenbach!
Wie entzückend Sie mit den geröteten Wangen ausschauen.« Ilse wurde
immer unruhiger. »Ich möchte gern einmal mit Ihnen allein plaudern,«
flüsterte er, »gehen Sie gar nicht spazieren? Ich versuche schon
einige Zeit, Sie irgendwo zu treffen.«
Sie schwieg immer noch.
»Ich wollte meinen Freund Wolf danach ausfragen, aber ich hörte, er
ist auf längere Zeit verreist.«
Sie nickte nur mit dem Kopfe.
»Es stimmt also,« sprach er weiter. »Dann muß es doch schrecklich
langweilig für Sie im Plüddekampschen Hause sein. Jürgen und Herta
sind altbackene Menschen. Ich habe es Ihnen sofort angemerkt, daß
Sie sich nach einer anderen Unterhaltung sehnen. Sie wollen etwas
von dem lustigen Treiben in der Welt sehen und hören. Hier sitzen
Sie wie hinter Klostermauern. Springen Sie flott darüber hinweg!
Ich helfe Ihnen dabei. Geben Sie mir nur bald Gelegenheit, daß wir
zusammenkommen.«
Ilse schüttelte den Kopf.
»Ich bedaure, Herr Smiders. Wenn ich wohl nichts dabei finde,
Plüddekamps denken anders darüber. Ich bin auch mit Wolf nicht allein
ausgegangen.«
»Mit Wolf?« Ein zynisches Lächeln flog über seine scharfen Züge.
»Ah -- das Wölfchen ist nicht so dumm und hat bemerkt, welch
leidenschaftlich schöne Augen hier die beste Zeit vertrauern.«
»Herr Smiders, ich bitte! -- Brechen wir die Unterhaltung ab!« Sie
schickte sich an, fortzugehen.
»Auf Wiedersehen!« rief er ihr noch nach. »Ich treffe Sie bald wieder
und erzähle Ihnen dann recht Interessantes von Ihrem Freund Wolf!« Er
lüftete den Hut und ging weiter.
Unwillkürlich war Ilse Hergenbach einen Augenblick stehen geblieben
und sah Smiders verstohlen nach.
»Von Wolf?« wiederholte sie leise, »was will er damit sagen!« Sie
erregte sich über diese hingeworfenen Worte. Wenn Smiders sie jetzt
noch einmal gefragt hätte, ob er sie wiedersehen könne, würde sie
zugestimmt haben, nur um zu erfahren, was er von Wolf wußte. Sollte
dieser --? Nein! Es war unmöglich, -- Wolfs blaue Augen konnten nicht
lügen. Trotzdem saß der Stachel der gefallenen Worte in ihr fest. --
Von Wolf war in den letzten Tagen keine Nachricht eingetroffen.
Er reiste im Norden Spaniens umher. Jürgen erzählte, daß es
außerordentlich schwer hielt, die verlangten Lieferungen Roggen
aufzukaufen. --
Wie die Tage langweilig und öde dahinschlichen! Ilse überwand sich
nur mit aller Kraft, ihren Verpflichtungen im Haushalte nachzukommen.
Diese ewige Unruhe, dieses fortwährende Sehnen -- nichts konnte sie
befriedigen! Selbst die Briefe an ihre jüngere Schwester Helene, an
der sie am meisten hing, flossen ihr nicht aus der Feder, und sie
zerriß mit ihren schlanken Fingern das Papier in kleine Stücke.
»Ich vermag nichts zu erreichen und habe so viele Wünsche! Ich will
so vieles und darf nicht handeln!« rief es in ihr. »Es ist nicht mehr
auszuhalten! Immer nur in diesen düsteren hohen Räumen sein, in denen
alle Lebenslust erstirbt! Das altjüngferliche Wesen von Herta, der
überlegene Blick Jürgens, der mich streift, als wenn ich nichts wert
wäre. Ich kann es nicht länger ertragen! Ich bedarf einer Abwechslung!
Etwas, was mich aus diesem tötenden Einerlei herausreißt und mir
irgendeine Befriedigung gewährt. Wenn nur Wolf zurückkäme! Wie lange
läßt er mich allein, -- ich möchte ihm nachreisen! Könnte ich ihn
nur auffinden und mit ihm in die Welt hineintollen. Alles wäre mir
dann recht. -- Ich mag nicht hier bleiben, auch nicht nach Nordhausen
zurück, und weiß selbst nicht -- wonach ich mich sehne!«
Sie schrie laut vor sich hin: »Wolf! Wolf!« Dann glaubte sie das
höhnische Lächeln in den Zügen von Alfred Smiders zu sehen. Was tat
Wolf? Warum sagte es jener ihr nicht gleich? Es entstand ein heißer
Drang in ihr, dies unbedingt zu erkunden. --
Alfred Smiders war direkt nach seinem Kontor gegangen. Er fand dort
den Hamburger vor und staunte nicht wenig, diesen in den Schiffslisten
studieren zu sehen. »Mor'n Herr Kneis!« streckte er ihm die Hand
entgegen. »Ich glaubte Sie in Berlin. Sie wollten doch geschäftliche
Sachen dort erledigen.«
»Kam mir was anderes in den Sinn,« erwiderte der lange Hamburger. »Bin
heute morgen mit dem ersten Dampfer zum ›Friedrich Barbarossa‹ hinaus.
Das Schwimmdock steht noch hoch, müßte aber mit Wasserfüllung gesenkt
sein. Auf dem Dampfer selbst Totenstille, kein einziger Hammerschlag
zu hören. Auf dem Deck waren ein paar Männer. Der eine rief etwas
herunter, konnte es aber nicht verstehen.«
Die Züge des Reeders drückten in dem Augenblick eine unverkennbare
Verlegenheit aus. Er hatte nicht erwartet, daß Kneis gerade in diesen
Tagen zum ›Friedrich Barbarossa‹, den er schon vor längerer Zeit
besichtigt hatte, wieder hinausfahren würde. Sonst hätte er alles
getan, um dies zu verhindern. Der Hamburger durfte nicht dahinter
kommen, daß die Werft die Arbeit einstellte, weil die fälligen Raten
nicht abgeführt worden waren.
»Ich werde nachher die Direktion anrufen, Herr Kneis,« erwiderte er
dann. »Vielleicht streiken die Arbeiter und wollen Lohnerhöhung haben.
Wer kann immer wissen, was vorliegt. Übrigens -- mir kann's recht
sein! Die Konventionalstrafe entschädigt mich doppelt und dreifach.
Ich lasse mir keine grauen Haare darum wachsen!«
»So, so,« meinte Kneis. »Sie haben aber doch Ladeverpflichtungen! Der
Dampfer kann nicht rechtzeitig für Jürgen Plüddekamp auslaufen! Ich
bin vollständig unterrichtet, Herr Smiders.«
»Nun ja,« erwiderte dieser lässig, »mit dem Getreidehaus Jürgen
Plüddekamp werde ich schon fertig. Solche uralten Kunden nehmen
Rücksicht bei Zwischenfällen, wie sie alle Tage vorkommen können. --
Sie wollten doch heute in Berlin den Betrag für die vorläufige erste
Einzahlung erheben? Wir hatten es so besprochen.«
»Nein, nein,« wehrte der Hamburger ab, »wir waren noch nicht so weit.
Habe darum die Schiffslisten durchgesehen, ob Dampfer von Ihnen
eingelaufen sind. Kann mir keiner verdenken, wenn ich die Katze nicht
im Sack kaufen will.«
Unter den starken schwarzen Augenbrauen von Smiders schoß ein giftiger
Blick hervor. Von Tag zu Tag wurde er bereits hingehalten. Er hatte
eine vorläufige Einzahlung verlangt, um die Werft zu befriedigen.
Dies war in seiner Lage das Dringendste. -- Dann kam noch hinzu, daß
in einiger Zeit große Wechselsummen fällig wurden. Dazu brauchte er
auf jeden Fall weitere Beträge. -- Er mußte also, trotzdem der Ingrimm
in ihm saß, gute Miene zum bösen Spiel machen.
»Es war doch ein schöner Abend neulich,« klopfte er Kneis auf die
Schulter. »Hm -- was sagen Sie dazu? Kann man sich in Stettin nicht
gut amüsieren? Wir gehen bald wieder nach der ›Grünen Schanze‹.«
Der Überseer schmunzelte über das ganze Gesicht.
»Warum nicht! Denke aber, daß Sie jetzt genug Arbeit im Kontor haben.
Der Grundsatz aller Überseer ist das Richtige: dreimal Arbeit --
einmal Vergnügen! Man kommt dann vorwärts! Rate Ihnen auch zu dem
Muster, Herr Smiders.«
»Ich opferte manche Nachtruhe, Herr Kneis, wenn es darauf ankam, eilig
zu verfrachten. Ihr Grundsatz ist mir daher nicht neu. Übrigens, wenn
ich zu tun habe, können Sie doch allein nach der ›Grünen Schanze‹
gehen. Mit Karli und Riekchen unterhalten Sie sich famos.«
»Wie mir's gerade einfällt,« erwiderte dieser. »Wünschte, ich hätte
mehr zu tun, als nur Kurszettel zu studieren. Ist gar nicht angenehm,
auf der Bärenhaut zu liegen. Bin nicht abgeneigt, mitzuarbeiten.«
Smiders horchte auf. Diese Idee war das Schlimmste, was kommen
konnte. Er wollte nur das Geld von Kneis, dann konnte dieser ruhig
nach Hamburg abdampfen. Bei einem tätigen Teilhaber geriet er in
eine peinliche Lage. Es ging manches in seinem Geschäft vor, was er
zu verbergen hatte. Der Wechselaustausch, die Schulden bei der Werft
und vieles andere lief nicht durch die Bücher. Er hatte zu lauter
Verschleierungen gegriffen.
»Sie sagen nichts dazu, Herr Smiders,« stellte Kneis erneut seine
Anfrage. »Sollte meinen, Sie könnten einen tätigen Kompagnon
gebrauchen. Spielt sich alles dann viel rascher ab!«
Es brannte hinter Smiders Stirn, als wenn ihm glühendes Eisen
darangehalten würde. Er befand sich in einer derart zugespitzten Lage,
daß er sich kaum noch länger halten konnte, wenn nicht bares Geld in
die Reederei hineinkam. -- Auf der anderen Seite konnte er keinen
Teilhaber aufnehmen, der Einsicht in den Betrieb erhielt. Jedenfalls
jetzt noch nicht. Plötzlich schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf.
»Ich bin nicht abgeneigt, Herr Kneis, aber erst später! Sagen wir in
einem Jahre, -- nach Abschluß der nächsten Bilanz.«
»O, nein,« meinte der Hamburger, »wenn ich eintrete, dann gleich! Ich
brenne auf Arbeit. Es ist mir das Leben sonst zu langweilig. Habe auch
bereits mit Ihrem Vater gesprochen, der doch Mitinhaber ist, und sein
ganzes Geld bei Ihnen stehen hat. Ist sofort dazu bereit, hält's sogar
für außerordentlich notwendig. Fahre dann nach Berlin und hole Geld!«
Smiders war nahe daran, vor Wut laut zu fluchen. Jetzt hatte sich
Kneis hinter seinen Vater gesteckt. Der alte Mann lag im Lehnstuhl
und konnte sich kaum rühren. Er war aber immer noch geistig rege und
stellte zuweilen Fragen, deren Beantwortung in hohem Maße peinlich
wurde.
Dem Vater gegenüber hatte Smiders die schwere Lage der Reederei
fortgesetzt verhüllt, und doch mußte der alte Herr davon Wind bekommen
haben. Vor allen Dingen hieß es nun, den Hamburger noch hinzuhalten.
Erst mußten die Wechsel eingelöst sein, ehe dieser in das Geheimbuch
der Firma Einsicht nehmen konnte.
»Würde nicht zögern,« meinte der Hamburger und hielt ihm die Hand hin,
»ist dann gleich alles bis auf Einzelheiten im Vertrage abgemacht.«
Smiders kämpfte schwer mit sich. Sollte er? Sollte er nicht? Da er
doch nicht sofort einschlug, zog der Hamburger seine Hand zurück. Der
einzige Augenblick, der ihn noch retten konnte, war verpaßt.
»Sie haben Zeit zur Überlegung, Herr Smiders. Sprechen Sie mit Ihrem
Vater und folgen Sie seinem Rat. Ich kann warten!« Kneis nahm seinen
Hut, wünschte guten Morgen und ging hinaus.
Smiders sank auf seinen Schreibstuhl zurück. Seine Stirn zog sich in
tiefe Falten.
»Himmel und Hölle,« fluchte er vor sich hin, »als ob jetzt alles
versessen ist, mich in den Dreck hineinzurennen! Es gelingt mir nichts
mehr! Alles schlägt fehl -- so gut ich's auch eingefädelt hatte!
Dieser Protz von Überseer! Dieser ekelhafte Kerl! Seine Fratze täglich
vor mir sehen zu sollen! Das kann ich schon lange nicht. Es widert
mich an. Überhaupt -- alle meine Maßnahmen kritisieren zu lassen
-- alle meine feinen Mittelchen, mit denen ich so manches nebenbei
verdiene, fortzulassen -- fällt mir gar nicht ein. Das Geld mag er
einzahlen und dann weg mit ihm, so rasch als möglich! Ich habe es
gründlich satt, mit dem Kerl alle Tage schön zu tun.«
Er hatte sich in eine helle Wut hineingeredet. Aus einem Fach seines
Schreibtisches zog er ein langes schmales Buch hervor, in dem er seine
Privatnotizen zu machen pflegte. Er blätterte eine Weile darin herum
und schlug dann gewaltsam auf den Tisch.
»Bald kann ich nicht mehr! Was diese Werft von mir schluckt, ist
geradezu hundemiserabel! Das ganze Betriebskapital hat sie mir
weggeholt. Es läuft nun auf Wechsel. Ich kann hinkommen, wo ich
will, überall sieht man die Dinger mit Mißtrauen an. Ob ich Jürgen
Plüddekamp anpumpe? -- Das wäre noch ein Gedanke! Er könnte mir mit
einem Federstrich helfen. Teufel, wenn ich es nun dem Alten sage, der
holt das Geld leichter heraus! Sie hielten immer dicke Freundschaft
miteinander. Aber der drüben weiß ja von allem nichts. Ich muß bei ihm
zu Kreuze kriechen.«
Er nahm das Buch und warf es wieder ins Fach zurück, das er verschloß.
Dann stieß er zwischen den Zähnen einen langen Pfiff hervor, und auf
sein Gesicht trat plötzlich ein zynisches Lächeln.
»Bei den Frauen glückt es mir immer! Ich weiß nicht, was sie an mir
haben? Wenn es nur so im Geschäft ginge! Jetzt die Ilse Hergenbach, --
das ist mein Geschmack. Es schlummert noch viel in ihr, aber ich will
es wecken. Ja, mein Wölfchen, bis du zurückkommst, dauert es noch ein
Weilchen! Ich habe mich genau erkundigt. Ilse Hergenbach soll mir den
miserablen Ärger versüßen.« --