XVII.

Wolf traf seine Vorbereitungen zur Abreise. Die Geschwister hatten

vorher noch eine lange Unterredung. Herta wollte sich durchaus nicht

mit der Nachgiebigkeit Jürgens einverstanden erklären und blieb auch

taub gegen alle Vorstellungen des jüngeren Bruders.

»Es scheint mir, als ob ich Ilse nur hierhergeholt habe, um euch

Brüder zu verlieren, dich und Wolf!« sagte sie zu Jürgen.

Als sie dann das Unabänderliche vor sich sah, mußte sie unter dem

Zwang der Verhältnisse einlenken.

»Ich habe es ihr versprochen,« bat Wolf seine Schwester, »euch erst

später Kenntnis zu geben. Ich möchte nun nicht wortbrüchig erscheinen.

Darum bitte ich euch herzlich, schweigt davon und wacht über sie. Ich

werde der Firma gegenüber meine Pflicht redlich erfüllen.«

Ilse sollte also bleiben, ohne daß man sie merken ließ, ihre Verlobung

mit Wolf zu kennen.

Der Abschied von ihr wurde Wolf sehr schwer. Sie sprachen sich noch

einmal allein, und er schloß sie immer wieder in seine Arme.

»Die Zeit wird rasch verstreichen,« tröstete er sich selbst mit. Seine

Hand glitt über ihre Wangen und strich die üppig dunkelblonden Haare

von ihrer Stirn zurück, die leicht darüber hinwegfielen. »Ich werde

dir meiner Geschwister wegen nicht schreiben. Du erhältst aber meine

Grüße durch sie. Noch einen langen Blick von dir, Ilse --«

Sie legte ihre Arme auf seine Schulter, und ihre großen grauen Augen

weiteten sich übernatürlich auf, als sie ihn dann anschaute.

»Ich kann dich nicht von mir lassen, Wolf!« klagte sie. »Ein

unbestimmtes Angstgefühl ist in mir. Ich möchte lieber mit dir gehen!

Heute -- morgen -- kann es auf mich hereinstürmen, -- wie soll ich

dann allein Widerstand leisten! Es wäre viel besser, wenn wir gleich

zusammenreisten. Du willst mich doch zur Frau nehmen, Wolf! Was frage

ich viel nach der Welt, -- ich bleibe bei dir, -- wir kehren nicht

hierher zurück --«

»Nein, Ilse!« erwiderte er fest, »solche Gedanken dürfen wir nicht

fassen! Wenn ich meine Geschwister für dich gewinnen will, so muß

es auf dem Wege sein, den uns Sitten und Gebräuche vorschreiben.

Herta ist gütig, Jürgen -- ihr sprecht ja selten miteinander -- ist

ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Andere Menschen kannst du

meiden, was sollte dir also im Plüddekampschen Hause begegnen?«

Trotzdem vermochte sie nicht, sich von ihm zu trennen. Immer wieder

klammerte sie sich an ihn und bat:

»Laß doch alle denken, was sie wollen, und trenne uns nicht, Wolf! Es

ringt in den letzten Tagen und Wochen so unendlich viel in mir, das

mir jede ruhige Überlegung raubt. -- Wenn ich aus deinen Armen gleite,

so sehne ich mich in demselben Augenblick wieder hinein. Ein wildes

Verlangen tobt in mir, das ich kaum zu bezwingen vermag. -- Denke an

das Bild vom Ilsefluß, das ich dir beschrieb! So bin ich auch. -- Du

mußt mich festhalten -- damit ich mich nicht selbst fortreiße.«

Wolf versuchte sie zu beruhigen. Alles was sie sagte, erschien ihm

dunkel und verwirrt. Er verstand sie nicht und sagte sich immer nur

das eine, daß sie im Plüddekampschen Hause gut aufgehoben sei. Er

konnte sie unter keinem besseren Schutz als bei seinen Geschwistern

zurücklassen.

»Es muß sein, Ilse,« blieb er fest. »Sogleich nach meiner Rückkehr

gebe ich unsere Verlobung bekannt.« --

Als Wolf abreisen wollte, hielt schon in aller Frühe der Wagen des

Barons von Berleburg vor dem Plüddekampschen Hause. Dieser stieg

herunter, warf dem hinter ihm sitzenden Kutscher die Zügel zu und

hatte dann mit dem Prokuristen Armin ein kurzes, aber inhaltvolles

Gespräch.

»Besuchen Sie mich, Herr Armin, Sie werden selbst sehen --«

bekräftigte er seine Vorstellungen.

Der Prokurist unterbrach ihn mit feinem Lächeln:

»Gedulden Sie sich nur einen Augenblick, Herr Baron! Ich werde mit

Herrn Plüddekamp sprechen.«

Baron Berleburg hatte den günstigsten Tag erwischt, um sein Anliegen

erfüllt zu sehen.

Jürgen Plüddekamp befand sich noch mit seinem Bruder in einer

Unterredung und war über dessen klares Vorhaben sichtlich erfreut.

»Sobald es darauf ankommt, bist du der Mann auf dem richtigen Posten,

Wölfchen! Viel Glück auf die Reise und kehre frohen Sinnes wieder.«

Armin hatte noch einen Augenblick gewartet, nun trug er Berleburgs

Anliegen Jürgen vor. Dieser bestimmte kurz:

»Zahlen Sie Berleburg das Gewünschte aus!«

So kam es, daß der Baron von Berleburg wieder flott gemacht wurde. --

-- --

Eine eigene Stimmung zeigte sich im Plüddekampschen Hause. Jürgen

blieb schweigsam, kalt. Herta übte eine gewisse Zurückhaltung gegen

Ilse und beobachtete sie unwillkürlich mehr als vorher.

»Seitdem Wolf fort ist, zeigt Ilse stark wechselnde Stimmungen,« sagte

Herta eines Tages zu Jürgen. »Zuweilen stürzt sie sich auf die Arbeit,

und ich muß sie davon zurückhalten, daß sie sich nicht überanstrengt.

Dann wieder sitzt sie stundenlang im kleinen Salon und starrt die

Kunstblätter an. Sie erkennt aber nicht das Bild, sondern schaut nur

in das Leere hinein. -- Sollte sie Wolf so sehr lieben, daß sie die

Trennung nicht zu ertragen vermag?«

Jürgen schüttelte den Kopf.

»Nein, Herta! Du verstehst sie nicht, weil du ganz anders geartet bist

als die meisten deines Geschlechts. Bei dir weiß man sofort, woran man

ist. Aber Ilse Hergenbach, -- in der steckt etwas Vulkanisches! Es

wäre schlimm, käme es jetzt zum Ausbruch. Jedem Geschäftsbriefe Wolfs

liegt ein einfacher Zettel bei: ›Schreibt mir, wie es Ilse geht,‹ und

wohl oder übel muß ich ihm die Antwort darauf geben.«

»Der arme Junge, er ist blind wie die Motte ins Licht gerannt,« fiel

Herta ein. »Und doch, sobald ich Ilse seine Grüße bestelle, zeigt sich

etwas in ihren Zügen, das meine Ansicht wankend machen könnte. Es

zieht ein glücklicher Schimmer über sie hin, wie er nur bei tieferen

Naturen in Erscheinung tritt.«

»Ich sagte es dir bereits vor Monaten, Herta, -- Ilse ist ein echtes

Kind der Neuzeit, sie fühlt, denkt und handelt in anderer Weise als

wir.«

Ilse war von einer fortgesetzten Unruhe erfüllt. Befand sie sich

allein in ihrem Zimmer, so streckte sie die Arme weit aus und suchte

sich vorzustellen, daß Wolf jetzt hereintreten müßte und sie ihm

jubelnd an die Brust flog. Sie krankte an dieser Sehnsucht, und doch

kamen Augenblicke, in denen sie sich fragte, ob sie ihn wirklich

liebe. Dann hielt sie sich vor, daß Jürgen sie von sich gewiesen. Ein

glühender Haß gegen diesen Mann beseelte sie, und sie flog aus einer

Übertreibung in die andere. Bei jeder Begegnung mit ihm nahm sie sich

zusammen, um die äußere Form einzuhalten und ihn nicht sichtlich zu

verletzen. Sie wünschte aber nur, daß Wolf heimkehrte und sie an

seinem Arm dem Bruder gegenübertreten könnte. An diesem Schlag, den

sie zurückgab, wollte sie gesunden.

»Wolf, Wolf!« flüsterte sie vor sich hin.

Warum konnte sie ihn nicht so lieben, wie es das starke Gefühl in ihr

verlangte? -- Nun hatte er sie in Stunden gewaltiger Seelenqualen

allein gelassen, wo sie sonst zu ihm geflüchtet wäre. -- Es war eine

Leidenschaftlichkeit in ihrem Wesen entstanden, die sich nicht mehr

zügeln ließ, die allen Überlegungen Trotz bot.

Sie hielt es nicht länger in ihrem Zimmer aus, es trieb sie in eine

andere Umgebung, die durch neue Eindrücke ablenken und ihr Ruhe

gewähren sollte. --

In dem großen Garten hinter dem Speicher zeigten sich die ersten

Frühlingsblumen. Unter den heißen Strahlen der höherstehenden Sonne

kamen Krokusse, blaue Lederblumen und frühzeitige Hyazinthen hervor.

Ilse liebte den Duft der Hyazinthen und beugte sich tief herab, um ihn

voll einzusaugen. Als sie wieder aufsah, fiel ihr Blick auf Alfred

Smiders, der sie von der Straße her grüßte.

Sie neigte leicht den Kopf und wollte weiter in den Garten

hineinschreiten, er rief sie aber an.

»Fräulein Hergenbach! Nur auf ein Wort!«

Sie blieb stehen.

»Darf ich in den Garten eintreten? Die Pforte ist verschlossen. Oder

kommen Sie lieber einen Augenblick näher zu mir.«

Ein widerstrebendes Gefühl hielt sie noch zurück. Er ging aber nicht

fort, und schließlich überwand sie sich und schritt an den niedrigen

Zaun heran. Smiders streckte ihr die Hand entgegen, die sie nur leicht

berührte.

»Schade, daß ich Sie so selten sehen kann, Fräulein Hergenbach,« sagte

er und suchte sie dabei fest ins Auge zu fassen. »Ich möchte gern mit

Ihnen plaudern. Wenn ich aber Plüddekamps aufsuche, wie neulich, so

erscheinen Sie nicht.«

»Ich bin immer beschäftigt, Herr Smiders.«

»Die dumme Hauswirtschaft! Für ein schönes junges Mädchen wie Sie gibt

es doch interessantere Dinge, um sich das Leben reizvoll zu machen.«

Sein auf ihr ruhender Blick wurde immer dreister, und plötzlich trat

ein glühendes Rot in ihre Wangen.

»Wahrhaftig, ich bin ganz bezaubert von Ihnen, Fräulein Hergenbach!

Wie entzückend Sie mit den geröteten Wangen ausschauen.« Ilse wurde

immer unruhiger. »Ich möchte gern einmal mit Ihnen allein plaudern,«

flüsterte er, »gehen Sie gar nicht spazieren? Ich versuche schon

einige Zeit, Sie irgendwo zu treffen.«

Sie schwieg immer noch.

»Ich wollte meinen Freund Wolf danach ausfragen, aber ich hörte, er

ist auf längere Zeit verreist.«

Sie nickte nur mit dem Kopfe.

»Es stimmt also,« sprach er weiter. »Dann muß es doch schrecklich

langweilig für Sie im Plüddekampschen Hause sein. Jürgen und Herta

sind altbackene Menschen. Ich habe es Ihnen sofort angemerkt, daß

Sie sich nach einer anderen Unterhaltung sehnen. Sie wollen etwas

von dem lustigen Treiben in der Welt sehen und hören. Hier sitzen

Sie wie hinter Klostermauern. Springen Sie flott darüber hinweg!

Ich helfe Ihnen dabei. Geben Sie mir nur bald Gelegenheit, daß wir

zusammenkommen.«

Ilse schüttelte den Kopf.

»Ich bedaure, Herr Smiders. Wenn ich wohl nichts dabei finde,

Plüddekamps denken anders darüber. Ich bin auch mit Wolf nicht allein

ausgegangen.«

»Mit Wolf?« Ein zynisches Lächeln flog über seine scharfen Züge.

»Ah -- das Wölfchen ist nicht so dumm und hat bemerkt, welch

leidenschaftlich schöne Augen hier die beste Zeit vertrauern.«

»Herr Smiders, ich bitte! -- Brechen wir die Unterhaltung ab!« Sie

schickte sich an, fortzugehen.

»Auf Wiedersehen!« rief er ihr noch nach. »Ich treffe Sie bald wieder

und erzähle Ihnen dann recht Interessantes von Ihrem Freund Wolf!« Er

lüftete den Hut und ging weiter.

Unwillkürlich war Ilse Hergenbach einen Augenblick stehen geblieben

und sah Smiders verstohlen nach.

»Von Wolf?« wiederholte sie leise, »was will er damit sagen!« Sie

erregte sich über diese hingeworfenen Worte. Wenn Smiders sie jetzt

noch einmal gefragt hätte, ob er sie wiedersehen könne, würde sie

zugestimmt haben, nur um zu erfahren, was er von Wolf wußte. Sollte

dieser --? Nein! Es war unmöglich, -- Wolfs blaue Augen konnten nicht

lügen. Trotzdem saß der Stachel der gefallenen Worte in ihr fest. --

Von Wolf war in den letzten Tagen keine Nachricht eingetroffen.

Er reiste im Norden Spaniens umher. Jürgen erzählte, daß es

außerordentlich schwer hielt, die verlangten Lieferungen Roggen

aufzukaufen. --

Wie die Tage langweilig und öde dahinschlichen! Ilse überwand sich

nur mit aller Kraft, ihren Verpflichtungen im Haushalte nachzukommen.

Diese ewige Unruhe, dieses fortwährende Sehnen -- nichts konnte sie

befriedigen! Selbst die Briefe an ihre jüngere Schwester Helene, an

der sie am meisten hing, flossen ihr nicht aus der Feder, und sie

zerriß mit ihren schlanken Fingern das Papier in kleine Stücke.

»Ich vermag nichts zu erreichen und habe so viele Wünsche! Ich will

so vieles und darf nicht handeln!« rief es in ihr. »Es ist nicht mehr

auszuhalten! Immer nur in diesen düsteren hohen Räumen sein, in denen

alle Lebenslust erstirbt! Das altjüngferliche Wesen von Herta, der

überlegene Blick Jürgens, der mich streift, als wenn ich nichts wert

wäre. Ich kann es nicht länger ertragen! Ich bedarf einer Abwechslung!

Etwas, was mich aus diesem tötenden Einerlei herausreißt und mir

irgendeine Befriedigung gewährt. Wenn nur Wolf zurückkäme! Wie lange

läßt er mich allein, -- ich möchte ihm nachreisen! Könnte ich ihn

nur auffinden und mit ihm in die Welt hineintollen. Alles wäre mir

dann recht. -- Ich mag nicht hier bleiben, auch nicht nach Nordhausen

zurück, und weiß selbst nicht -- wonach ich mich sehne!«

Sie schrie laut vor sich hin: »Wolf! Wolf!« Dann glaubte sie das

höhnische Lächeln in den Zügen von Alfred Smiders zu sehen. Was tat

Wolf? Warum sagte es jener ihr nicht gleich? Es entstand ein heißer

Drang in ihr, dies unbedingt zu erkunden. --

Alfred Smiders war direkt nach seinem Kontor gegangen. Er fand dort

den Hamburger vor und staunte nicht wenig, diesen in den Schiffslisten

studieren zu sehen. »Mor'n Herr Kneis!« streckte er ihm die Hand

entgegen. »Ich glaubte Sie in Berlin. Sie wollten doch geschäftliche

Sachen dort erledigen.«

»Kam mir was anderes in den Sinn,« erwiderte der lange Hamburger. »Bin

heute morgen mit dem ersten Dampfer zum ›Friedrich Barbarossa‹ hinaus.

Das Schwimmdock steht noch hoch, müßte aber mit Wasserfüllung gesenkt

sein. Auf dem Dampfer selbst Totenstille, kein einziger Hammerschlag

zu hören. Auf dem Deck waren ein paar Männer. Der eine rief etwas

herunter, konnte es aber nicht verstehen.«

Die Züge des Reeders drückten in dem Augenblick eine unverkennbare

Verlegenheit aus. Er hatte nicht erwartet, daß Kneis gerade in diesen

Tagen zum ›Friedrich Barbarossa‹, den er schon vor längerer Zeit

besichtigt hatte, wieder hinausfahren würde. Sonst hätte er alles

getan, um dies zu verhindern. Der Hamburger durfte nicht dahinter

kommen, daß die Werft die Arbeit einstellte, weil die fälligen Raten

nicht abgeführt worden waren.

»Ich werde nachher die Direktion anrufen, Herr Kneis,« erwiderte er

dann. »Vielleicht streiken die Arbeiter und wollen Lohnerhöhung haben.

Wer kann immer wissen, was vorliegt. Übrigens -- mir kann's recht

sein! Die Konventionalstrafe entschädigt mich doppelt und dreifach.

Ich lasse mir keine grauen Haare darum wachsen!«

»So, so,« meinte Kneis. »Sie haben aber doch Ladeverpflichtungen! Der

Dampfer kann nicht rechtzeitig für Jürgen Plüddekamp auslaufen! Ich

bin vollständig unterrichtet, Herr Smiders.«

»Nun ja,« erwiderte dieser lässig, »mit dem Getreidehaus Jürgen

Plüddekamp werde ich schon fertig. Solche uralten Kunden nehmen

Rücksicht bei Zwischenfällen, wie sie alle Tage vorkommen können. --

Sie wollten doch heute in Berlin den Betrag für die vorläufige erste

Einzahlung erheben? Wir hatten es so besprochen.«

»Nein, nein,« wehrte der Hamburger ab, »wir waren noch nicht so weit.

Habe darum die Schiffslisten durchgesehen, ob Dampfer von Ihnen

eingelaufen sind. Kann mir keiner verdenken, wenn ich die Katze nicht

im Sack kaufen will.«

Unter den starken schwarzen Augenbrauen von Smiders schoß ein giftiger

Blick hervor. Von Tag zu Tag wurde er bereits hingehalten. Er hatte

eine vorläufige Einzahlung verlangt, um die Werft zu befriedigen.

Dies war in seiner Lage das Dringendste. -- Dann kam noch hinzu, daß

in einiger Zeit große Wechselsummen fällig wurden. Dazu brauchte er

auf jeden Fall weitere Beträge. -- Er mußte also, trotzdem der Ingrimm

in ihm saß, gute Miene zum bösen Spiel machen.

»Es war doch ein schöner Abend neulich,« klopfte er Kneis auf die

Schulter. »Hm -- was sagen Sie dazu? Kann man sich in Stettin nicht

gut amüsieren? Wir gehen bald wieder nach der ›Grünen Schanze‹.«

Der Überseer schmunzelte über das ganze Gesicht.

»Warum nicht! Denke aber, daß Sie jetzt genug Arbeit im Kontor haben.

Der Grundsatz aller Überseer ist das Richtige: dreimal Arbeit --

einmal Vergnügen! Man kommt dann vorwärts! Rate Ihnen auch zu dem

Muster, Herr Smiders.«

»Ich opferte manche Nachtruhe, Herr Kneis, wenn es darauf ankam, eilig

zu verfrachten. Ihr Grundsatz ist mir daher nicht neu. Übrigens, wenn

ich zu tun habe, können Sie doch allein nach der ›Grünen Schanze‹

gehen. Mit Karli und Riekchen unterhalten Sie sich famos.«

»Wie mir's gerade einfällt,« erwiderte dieser. »Wünschte, ich hätte

mehr zu tun, als nur Kurszettel zu studieren. Ist gar nicht angenehm,

auf der Bärenhaut zu liegen. Bin nicht abgeneigt, mitzuarbeiten.«

Smiders horchte auf. Diese Idee war das Schlimmste, was kommen

konnte. Er wollte nur das Geld von Kneis, dann konnte dieser ruhig

nach Hamburg abdampfen. Bei einem tätigen Teilhaber geriet er in

eine peinliche Lage. Es ging manches in seinem Geschäft vor, was er

zu verbergen hatte. Der Wechselaustausch, die Schulden bei der Werft

und vieles andere lief nicht durch die Bücher. Er hatte zu lauter

Verschleierungen gegriffen.

»Sie sagen nichts dazu, Herr Smiders,« stellte Kneis erneut seine

Anfrage. »Sollte meinen, Sie könnten einen tätigen Kompagnon

gebrauchen. Spielt sich alles dann viel rascher ab!«

Es brannte hinter Smiders Stirn, als wenn ihm glühendes Eisen

darangehalten würde. Er befand sich in einer derart zugespitzten Lage,

daß er sich kaum noch länger halten konnte, wenn nicht bares Geld in

die Reederei hineinkam. -- Auf der anderen Seite konnte er keinen

Teilhaber aufnehmen, der Einsicht in den Betrieb erhielt. Jedenfalls

jetzt noch nicht. Plötzlich schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf.

»Ich bin nicht abgeneigt, Herr Kneis, aber erst später! Sagen wir in

einem Jahre, -- nach Abschluß der nächsten Bilanz.«

»O, nein,« meinte der Hamburger, »wenn ich eintrete, dann gleich! Ich

brenne auf Arbeit. Es ist mir das Leben sonst zu langweilig. Habe auch

bereits mit Ihrem Vater gesprochen, der doch Mitinhaber ist, und sein

ganzes Geld bei Ihnen stehen hat. Ist sofort dazu bereit, hält's sogar

für außerordentlich notwendig. Fahre dann nach Berlin und hole Geld!«

Smiders war nahe daran, vor Wut laut zu fluchen. Jetzt hatte sich

Kneis hinter seinen Vater gesteckt. Der alte Mann lag im Lehnstuhl

und konnte sich kaum rühren. Er war aber immer noch geistig rege und

stellte zuweilen Fragen, deren Beantwortung in hohem Maße peinlich

wurde.

Dem Vater gegenüber hatte Smiders die schwere Lage der Reederei

fortgesetzt verhüllt, und doch mußte der alte Herr davon Wind bekommen

haben. Vor allen Dingen hieß es nun, den Hamburger noch hinzuhalten.

Erst mußten die Wechsel eingelöst sein, ehe dieser in das Geheimbuch

der Firma Einsicht nehmen konnte.

»Würde nicht zögern,« meinte der Hamburger und hielt ihm die Hand hin,

»ist dann gleich alles bis auf Einzelheiten im Vertrage abgemacht.«

Smiders kämpfte schwer mit sich. Sollte er? Sollte er nicht? Da er

doch nicht sofort einschlug, zog der Hamburger seine Hand zurück. Der

einzige Augenblick, der ihn noch retten konnte, war verpaßt.

»Sie haben Zeit zur Überlegung, Herr Smiders. Sprechen Sie mit Ihrem

Vater und folgen Sie seinem Rat. Ich kann warten!« Kneis nahm seinen

Hut, wünschte guten Morgen und ging hinaus.

Smiders sank auf seinen Schreibstuhl zurück. Seine Stirn zog sich in

tiefe Falten.

»Himmel und Hölle,« fluchte er vor sich hin, »als ob jetzt alles

versessen ist, mich in den Dreck hineinzurennen! Es gelingt mir nichts

mehr! Alles schlägt fehl -- so gut ich's auch eingefädelt hatte!

Dieser Protz von Überseer! Dieser ekelhafte Kerl! Seine Fratze täglich

vor mir sehen zu sollen! Das kann ich schon lange nicht. Es widert

mich an. Überhaupt -- alle meine Maßnahmen kritisieren zu lassen

-- alle meine feinen Mittelchen, mit denen ich so manches nebenbei

verdiene, fortzulassen -- fällt mir gar nicht ein. Das Geld mag er

einzahlen und dann weg mit ihm, so rasch als möglich! Ich habe es

gründlich satt, mit dem Kerl alle Tage schön zu tun.«

Er hatte sich in eine helle Wut hineingeredet. Aus einem Fach seines

Schreibtisches zog er ein langes schmales Buch hervor, in dem er seine

Privatnotizen zu machen pflegte. Er blätterte eine Weile darin herum

und schlug dann gewaltsam auf den Tisch.

»Bald kann ich nicht mehr! Was diese Werft von mir schluckt, ist

geradezu hundemiserabel! Das ganze Betriebskapital hat sie mir

weggeholt. Es läuft nun auf Wechsel. Ich kann hinkommen, wo ich

will, überall sieht man die Dinger mit Mißtrauen an. Ob ich Jürgen

Plüddekamp anpumpe? -- Das wäre noch ein Gedanke! Er könnte mir mit

einem Federstrich helfen. Teufel, wenn ich es nun dem Alten sage, der

holt das Geld leichter heraus! Sie hielten immer dicke Freundschaft

miteinander. Aber der drüben weiß ja von allem nichts. Ich muß bei ihm

zu Kreuze kriechen.«

Er nahm das Buch und warf es wieder ins Fach zurück, das er verschloß.

Dann stieß er zwischen den Zähnen einen langen Pfiff hervor, und auf

sein Gesicht trat plötzlich ein zynisches Lächeln.

»Bei den Frauen glückt es mir immer! Ich weiß nicht, was sie an mir

haben? Wenn es nur so im Geschäft ginge! Jetzt die Ilse Hergenbach, --

das ist mein Geschmack. Es schlummert noch viel in ihr, aber ich will

es wecken. Ja, mein Wölfchen, bis du zurückkommst, dauert es noch ein

Weilchen! Ich habe mich genau erkundigt. Ilse Hergenbach soll mir den

miserablen Ärger versüßen.« --

Geschwister Plüddekamp · 第 23 / 30 题