Über dem Jagdessen hatte eine düstere Stimmung gelegen, die selbst
Oberamtmann Wichers in seiner jovialen Weise nicht bannen konnte.
Ilse saß bei Tisch wie eine leblose Statue an Jürgens Seite. Es
wirkte dies lähmend auf die übrigen Gäste. Selbst Lieschen Wichers,
das frohsinnige Geschöpf, wurde davon angesteckt. Wolfs Augen waren
fortwährend auf Ilse gerichtet. Nach Aufhebung der Tafel fuhren
Plüddekamps sofort nach Stettin zurück.
»Nun brat mir einer eine Gans, aber recht knusprig,« sagte Oberamtmann
Wichers, als die Geschwister fort waren. »Die Sache hat keinen guten
Anstrich.«
Lieschen Wichers war auf ihr Zimmer gegangen und weinte bitterlich.
* * * * *
Jürgen und Wolf befanden sich am anderen Tage im Kontor stumm
gegenüber. Keiner von beiden mochte das Gespräch anfangen. Es lag wie
eine gefüllte Mine zwischen ihnen, die nicht entzündet werden sollte.
Prokurist Armin kam wie täglich herein, um von Jürgen die Anordnungen
entgegenzunehmen. Wolf erhob sich.
»Du mußt mich heute entschuldigen, Jürgen! Ich habe starke
Kopfschmerzen und will einen Spaziergang machen.« Er stand auf und
ging hinaus.
Jürgen stützte seinen Kopf schwer auf die Hand. Er besprach dann
langsam die schwebenden Angelegenheiten.
»Gestern war Herr Konsul Martens hier,« sagte Armin, »er wollte Herrn
Wolf Plüddekamp fragen, ob Smiders & Sohn den Hamburger Herrn als
stillen Teilhaber aufgenommen haben.«
Jürgen zuckte mit den Achseln.
»So viel ich weiß, ist es noch nicht so weit. Mein Bruder hat
wenigstens nichts davon erwähnt.«
* * * * *
Es war Tauwetter eingetreten. Die Straßen waren naß und schlüpfrig,
von den Dächern tropfte der schmelzende Schnee herab.
Wolf Plüddekamp ging durch die Anlagen, und der sonst so lebenslustige
junge Mann schien ganz in Gedanken versunken zu sein. Er achtete kaum
darauf, wer ihm begegnete.
»Holla, junger Freund,« weckte ihn plötzlich die Stimme des Konsul
Martens, der seinem Geschäft zueilte, aus dem tiefen Sinnen auf.
»Wohin wollen Sie?«
»Ziellos in die Welt!« erwiderte Wolf.
»Das darf man nie, Freundchen,« erwiderte der Bankier. »Man muß stets
ein Ziel vor Augen haben.« Er sah darauf den jungen Mann schärfer an.
»Haben Sie gestern eine starke Sitzung gehabt?« fragte er weiter.
»Nein, Herr Konsul! Wir waren in Wershagen zur Jagd.«
»Natürlich hat Jürgen wieder die größte Strecke gehabt.«
»Stimmt auffällig! Er erlegte eine stattliche Reihe Wildgänse.«
»Und Sie?«
»Eine -- dabei nur gemeinschaftlich mit Fräulein Lieschen Wichers. Wer
sie eigentlich getroffen, wußten wir selbst nicht.«
»Macht nichts, lieber Freund! Mit Lieschen Wichers können Sie sich
ruhig in das Jagdglück teilen. Überhaupt -- das Fräulein ist eine
Partie für Sie! Ich habe schon immer etwas munkeln hören. Greifen
Sie doch zu! Neulich war der Oberamtmann mit seinem Töchterlein bei
mir. Ich darf zwar nicht ausplaudern, aber das kann ich Ihnen doch
sagen, die Staatspapiere, die er auf der Bank liegen hat, werden außer
Wershagen eine stattliche Mitgift für die einzige Tochter sein. Sie
können sich dann später den Roggen gleich selbst bauen, den Sie im
Geschäft brauchen.«
Wolf hatte den alten Freund der Familie ruhig sprechen lassen. Er
seufzte jetzt tief auf.
»Es ist richtig, was Sie sagen, Konsul Martens! Ich würde mich
vielleicht auch eines Tages dazu entschließen, wenn nicht --«
»Nanu,« meinte Martens verdutzt, »haben Sie noch mehr Ernsthaftes im
Sinne?«
»Ja!« fuhr es Wolf heraus. »Sind Sie eilig, in Ihre Bank zu kommen,
oder können Sie noch mit mir ein wenig spazieren gehen?«
»Gern,« erwiderte der Konsul. Sie schritten langsam auf den nassen
Wegen dahin. Hie und da war der Schnee zu einer großen Wasserlache
geworden, die sie in weitem Bogen umschreiten mußten.
»Sie waren als junger Mann in Berlin?« begann Wolf plötzlich zu fragen.
»Allerdings,« nickte der Konsul.
»Sie erlebten dort manches?«
»Natürlich,« erwiderte der Konsul lächelnd, »man muß sich doch in
seiner Jugend die Hörner abstoßen, wie man so zu sagen pflegt --«
»Und sind dann Junggeselle geblieben!«
»Leider!« stieß Martens aus. »Sie wissen ja auch, warum.«
»Gut! Sagen Sie mir jetzt, Konsul Martens: gibt es Frauen, die einen
Mann so fesseln können, daß die Leidenschaft, die man für sie fühlt,
ein Leben hindurch aushält?«
Der Bankier schaute erstaunt auf.
»Ei, ei, lieber Freund Wolf, das ist eine heikle Frage! Wie soll
ich Ihnen diese beantworten! -- Es kommt ganz auf Charakter und
Temperament an. Zum Guten führt es wohl selten. Für eine Ehe
braucht man mehr. Dazu gehört vor allen Dingen eine beiderseitige
Herzensbildung, gleiche Neigungen und ein alles umfassendes
Wohlwollen, das man sich täglich und stündlich angedeihen lassen muß.
Eine Ehe soll nicht Sturm auf dem Meere bedeuten, sondern Frieden und
Ruhe im Hafen an einem sicheren Anker.«
»Und wenn man dies nun nicht kann!« fuhr Wolf plötzlich auf. »Wenn
es nicht möglich ist, daß man sich in ein solches Los hineinfindet?
Wenn man sich mit allen Gedanken an ein Geschöpf kettet, das jeden
Nerv in einem erregt! Dieses Geschöpf aber herumflattert, wie eine
angeschossene Weihe, die noch im letzten Augenblick mit ihren Fängen
zuschlagen will, -- was soll man dann tun?«
»Brr!« schüttelte sich Konsul Martens, »was malen Sie für Bilder,
lieber Wolf! Mit Raubvögeln mag ich nichts zu schaffen haben. Die
läßt man hübsch beiseite. Das Interesse ist höchstens für einige
flüchtige Minuten, -- aber nicht für das Leben. Ich weiß wohl, wen
Sie meinen! Übrigens, Sie stehen damit nicht allein da. Es ging mir
gerade so. Ilse Hergenbach, diese meinen Sie doch, hat auf uns alle
eine merkwürdige Anziehungskraft ausgeübt. Wissen Sie, Freundchen, --
sie ist ein Weib, das uns eine Zeitlang berauschen, aber nie beglücken
wird.« Er setzte dann ernst hinzu: »Lassen Sie die Hand davon, Wolf
Plüddekamp!«
»Ich kann es nicht mehr! Ich kann es wirklich nicht mehr,« sagte der
junge Mann mit ganz verstörtem Gesichtsausdruck. »Ich erliege fast
unter den seelischen Qualen, die ich in den letzten Monaten erduldet
habe. Wenn Sie wüßten, was alles unter uns vorgefallen ist, und dabei
bin ich heute noch keinen Schritt weiter wie am ersten Tage! Es packt
mich zuweilen eine Eifersucht, wenn sie andere Männer ansieht, daß
ich rein toll werden könnte. Mit dem ersten Blick aus ihren grauen,
rätselhaften Augen hat sie meinen ganzen Gemütszustand in eine wilde
Erregung gebracht. Sie muß mein werden!«
»Pah, pah! Lieber junger Freund,« erwiderte Konsul Martens. »Verstehe,
verstehe! Ich bin gut zwei Dutzend Jahre älter als Sie, da denkt
man ruhiger über solche Leidenschaft. Ich habe Fräulein Hergenbach
mehrfach beobachtet! Ich glaube, wir erleben noch etwas an ihr --«
»Dann bin ich dabei,« sagte Wolf kurz. »Ich ändere nichts mehr daran.«
»Holla, mein Herr Wolf! Ehe Sie einen törichten Schritt vornehmen,
vertrauen Sie sich erst vor allen Dingen Ihrem Bruder Jürgen an.«
»Das kann ich nicht, Konsul Martens! Jürgen versteht mich nun einmal
nicht!«
Sie waren bis zu der Straße gekommen, bei der Konsul Martens abbiegen
mußte, um in sein Geschäft zu gelangen.
»Na, Gott befohlen! Wenn Sie eine Aussprache brauchen, so stehe ich
gern zur Verfügung, schon um meiner Freundin Herta willen, die tief
betrübt sein würde, wenn sich das Leben ihres Lieblingsbruders nicht
glücklich gestaltete.« --
Wolf trieb es noch eine Zeitlang ruhelos umher. Als er dann endlich
den Schritt heimwärts wandte und die große Haustreppe emporstieg,
vernahm er plötzlich die Stimme von Alfred Smiders. Er kannte diesen
nachlässigen, halb vornehm sein sollenden, halb vertraulichen Ton.
»Fragte schon Fräulein Plüddekamp nach Ihnen, Schönste. Ich freue
mich, unter den breiten wohlbehäbigen pommerschen Gesichtern so
interessante Züge zu sehen, wie die Ihrigen. Zum Teufel! Ich war ganz
entzückt, als ich mich Ihnen in Swinemünde nähern konnte. Hatte
Sie schon früher beobachtet. Sie waren auf der Lastadie. Solche
Prachtaugen vergißt man nicht leicht.«
Wolf war mit ein paar hastigen Sprüngen oben. Er sah, wie Ilse stumm,
mit gesenkten Blicken vor Smiders stand.
»Morgen, Alfred!« rief er so laut, daß sich dieser rasch umdrehte.
»Ah -- Wölfchen!« Der anfangs überraschte Reeder faßte sich sofort
wieder. »Freut mich, daß ich dich noch antreffe, habe deiner Schwester
die schuldige Ehrfurcht bezeigt.« Er reichte Wolf die Hand hin, die
dieser nur widerstrebend nahm.
Ilse war wie vom Erdboden verschwunden.
»Wie steht es mit dem Brief?« fragte Smiders darauf hastig. »Warum
bist du nicht nach der ›Grünen Schanze‹ gekommen? Riekchen weint sich
bald die Augen aus. Wir wollen uns doch heute nachmittag dort treffen.
Komm um sechs Uhr, und jetzt -- Leb wohl! Ich habe noch einen eiligen
Gang vor.«
Die ganze Szene ging so blitzschnell an Wolf vorüber, daß er Smiders
verwundert nachschaute, als dieser bereits die Treppe hinunterstieg.
»Ein miserabler Bursche!« Er trat heftig mit dem Fuß auf. »Mit welchen
faden Schmeicheleien er sich an Ilse herandrängen wollte! Er glaubt in
ihren Augen zu lesen, wonach sein Wunsch steht. Ich dulde es nicht
länger, daß sie derart umflattert wird.« --
Jürgen Plüddekamp war sehr ernst gestimmt. Beim Mittagessen sprach er
kein Wort, und es fiel Herta auf, daß er Ilse Hergenbach gar nicht
beachtete. Auch diese zeigte ihm gegenüber eine große Zurückhaltung.
Ihr Antlitz war bleicher als sonst. Sobald sie die Augenlider
aufhob, schoß ein düsterer Blick hervor, der von gewaltigen inneren
Kämpfen sprach. Jürgen hatte Ilse Hergenbach, wie er es bei seinen
Geschwistern tat, nach der Mahlzeit stets die Hand gereicht. Dies fiel
heute fort. Beide wandten sich stumm von einander ab.
Wolf hatte die Speisen kaum angerührt. Auf Hertas Frage gab er zur
Antwort, daß er sich nicht wohl befinde.
»Ich habe ein gutes Mittel in der Hausapotheke, Wölfchen. Soll ich es
dir holen?«
»Danke, nein!« entgegnete Wolf kurz, »mir helfen jetzt keine Pulver.«
»Was ist nur mit euch Männern los? Es ist kaum auszuhalten! Jürgen
beträgt sich wie ein alter Brummbär, du machst eine jämmerliche Miene.
Wohin soll dies führen?«
»Ich hoffe, es wird bald anders sein, Schwester,« erwiderte Wolf
ernst; damit ging er nach seinem Zimmer hinauf.
Am Nachmittag arbeitete Jürgen wie immer im Kontor. Herta war
ausgegangen, und die oberen Räume des Hauses lagen in tiefster Ruhe.
Wolf befand sich auf seinem Zimmer. Er stand lauschend an der Tür und
hoffte jeden Augenblick, den flüchtigen Tritt von Ilse zu vernehmen.
Er wollte und mußte sie heute allein sprechen. Plötzlich kam es ihm
vor, als ob jemand leise nach dem kleinen Salon zuschritte. Dies
konnte nur Ilse sein. Sofort war er hinaus und schlich sich auf den
Zehenspitzen bis zum Speisezimmer hin. Hier trat er ein und ging
lautlos über den dicken Teppich bis zum Nebenzimmer.
Ilse hatte sich vor dem kleinen Ebenholztisch auf einen Polstersessel
niedergelassen und war im Begriff, die Mappe mit den großen
Kunstblättern zu öffnen. Ehe sie dies ausführen konnte, stand Wolf
schon hinter ihr.
Sie sah sich scheinbar erschrocken um, und doch hatte sie ihn
erwartet. Sie wußte, daß er jede Gelegenheit aufspürte, um ihrer
habhaft zu werden, und erinnerte sich dabei an seine früheren Worte.
Seit dem gestrigen Tage war in ihr ein Haß aufgestiegen, wie er nur
aus einer abgewiesenen heißen Liebe entstehen kann. In Jürgen hatte
sich alles für sie verkörpert, was sie ersehnte. Nun wollte sie sich
an ihm durch den Bruder rächen.
»Ilse! Endlich treffe ich dich allein!« Wolf legte seine Hand auf
ihre Schulter und fühlte, wie ihr ganzer Körper unter diesem Druck zu
zittern begann. »Warum gingst du mir aus dem Wege? Hast du keine Liebe
für mich?«
Sie wandte ihm das Gesicht zu. Ein heißer Blick aus ihren Augen traf
ihn.
»Was kann ich Ihnen sein!« erwiderte sie mit zuckenden Lippen. »Ich --
das arme Brennermädel -- die Hexe Ilse!«
»Was du mir sein kannst!« jubelte er laut. »Alles! Alles! Meine
innig Geliebte -- mein Weib! Ich kann mir nichts Schöneres denken,
als an deiner Seite zu leben! Ich will nur dich -- dich -- Ilse und
weiter nichts! -- Mögen Herta und Jürgen mir gram sein, ich bin fest
entschlossen, dich zu heiraten.«
Sie senkte den Kopf und schluchzte krampfhaft auf.
»Nein, nein, Wolf! Ihre Geschwister wollen es nicht! Sie behandeln
mich nicht danach! Ich muß fort! Sie werden nur unglücklich durch
mich.«
»Ich unglücklich?« jauchzte er auf. »Toll vor Glück werde ich!« Er riß
sie empor und preßte sie gewaltsam an sich. »Sieh mich an -- deine
Augen haben so Wunderbares für mich.«
Sie schaute zu ihm auf. Ihre Blicke ruhten in den seinen.
»Ilse!« schrie er dann, »das Blut tobt in mir! Ich weiß kaum, wie ich
es ertragen soll; du mußt mein sein -- mein für immer!«
»Sie wollen meinetwegen den Kampf mit Ihren Geschwistern aufnehmen,
Wolf?«
»Sage du, du!« rief er glückstrahlend aus.
Da bebte es von ihren Lippen:
»Wolf -- du -- ich will dir ja -- folgen --« Ilse war wie verwandelt.
Sie schlang die Arme um seinen Hals und zog ihn wild an sich. Ein
Rausch umfing beide, aus dem sie sich kaum wiederzufinden vermochten.
»Ich werde noch heute Jürgen und Herta sagen, daß wir uns verlobt
haben,« suchte sich Wolf zu fassen.
»Nein, nein,« bat sie, »laß uns noch die Heimlichkeit. Ich fliehe dich
jetzt nicht mehr, -- ich gehöre dir an! Wir wollen recht oft zusammen
sein. Ach, -- die Stunden, -- die nun kommen werden --«. Wieder und
immer wieder schlang sie die Arme um ihn. Sie atmete eine glühende
Leidenschaft aus. Das Feuer, das in ihren Augen aufflammte, sprach
mehr, als Worte zu sagen vermögen ...
»Ich werde es doch lieber meinen Geschwistern mitteilen, Ilse!«
wiederholte er hastig.
»Dann kann ich nicht länger hier bleiben und muß nach Nordhausen zu
meinen Eltern zurück. Es geht nicht anders, ich bitte dich darum, Wolf
--«
Seine Gedanken ordneten sich.
»Ja, ja! Du hast recht, Ilse! Leider hat die Welt so sonderbare
Ansichten. Wenn wir uns offen als Verlobte bekennen, müssen wir uns
sofort trennen. Ich kann dich aber nicht fortlassen --«
»So bleibt uns nur die Heimlichkeit, Wolf!«
Er preßte ihre Hand.
»Ich verspreche es dir, Ilse --«
Nach einer geraumen Weile fragte er sie:
»Was hast du nur mit Jürgen? Die schroffe Art, mit der ihr euch
seit gestern gegenübersteht, ist doch nicht allein durch den Unfall
hervorgerufen! Er konnte doch nichts dafür! Meine schlechte Fahrerei
war daran schuld. Du würdest sonst nicht aus dem Schlitten gestürzt
sein. -- Vertrau es mir an, Ilse.«
Eine Weile blieb es stumm, dann kam es zögernd heraus:
»Jürgen verlangte von mir, daß ich mich kalt und abwehrend gegen dich
verhalten solle. Er will keine Annäherung zwischen uns dulden.«
Wolf brauste heftig auf.
»Nun sehe ich endlich klar, wohin der Chef des Hauses Plüddekamp
zielt! Mein Wille steht aber aufrecht neben dem seinen! Wir werden
dies alte Heim verlassen und uns ein neues gründen.«