XIV.

Rittergut Wershagen war Jahrhunderte im Besitz einer alten adligen

Familie gewesen. Der letzte Herr von Wershagen verlor beide Söhne

kurz nacheinander, und er selbst wurde bei seinem hohen Alter

müde, den großen Gutsbetrieb weiter zu leiten. Ohne Nachkommen,

beschloß er endlich schweren Herzens, das Rittergut zu verkaufen.

Oberamtmann Wichers, der lange Jahre Domänenpächter gewesen war,

hatte Wershagen preiswert erstanden. Als hochbegabter Landwirt

brachte er den schönen Besitz zu außerordentlicher Ertragsfähigkeit.

Wershagen wurde ein Mustergut, das seiner Kornerträgnisse wegen in

den landwirtschaftlichen Jahrbüchern die größte Anerkennung fand.

Wichers hatte keinen Sohn, der Wershagen einst übernehmen konnte. Die

ganze Zärtlichkeit richtete sich deshalb auf seine Tochter Lieschen.

Mehrere Freier aus der Nachbarschaft pochten an, die das hübsche

Oberamtmannstöchterlein mit der Aussicht auf die wertvolle Besitzung

Wershagen gern heimführen wollten. Aber Lieschen Wichers schaute nur

nach einem aus, den ihr Herz ersehnte -- Wolf Plüddekamp.

Schon im verflossenen Jahre hoffte sie, daß er um sie anhalten würde.

Er blieb aber stets gleichmäßig vertraulich, obwohl ihr Auge zuweilen

recht offen zu ihm sprach. Sie standen wie ein Paar gute Freunde

zueinander.

Bei Lieschen Wichers ging in der letzten Zeit eine bedeutende

Veränderung vor sich. Durch die lange Abwesenheit von Wolf empfand sie

eine derartige Sehnsucht nach ihm, daß sie ihren Vater zu Plüddekamps

begleitete. Oberamtmann Wichers wußte recht gut, wie es mit seinem

Töchterchen bestellt war, und wollte sie gern glücklich sehen. --

Nach dem Frühstück im Plüddekampschen Hause machten sie noch einige

Besorgungen und fuhren dann heimwärts. Das kleine Landfräulein

verhielt sich an der Seite ihres Vaters recht einsilbig.

»Was hast du nur, Mädel?« fragte der Oberamtmann. »Du sitzt da wie

eine verirrte Hoftaube.«

»Mir ist nichts, Vater,« erwiderte sie ernst.

»Du freutest dich doch so sehr auf die Fahrt, Lieschen!«

»Gewiß, Vater! Es war aber alles anders, wie ich es mir dachte.«

»Hm,« machte dieser und zog die Zügel der Rappen fester an, daß sie

in scharfen Trab fielen. »Es ist mir bei Plüddekamps aufgefallen, daß

sich Wolf völlig verändert hat. Er kommt mir hochgradig nervös vor. In

seinem Alter müssen die Nerven wie Schiffstaue sein. Mir scheint, daß

das Fräulein aus Nordhausen keinen guten Einfluß auf die Geschwister

ausübt.«

»Ich denke es auch, Vater,« erwiderte Lieschen. »Es trat leider sehr

deutlich für mich hervor.«

»Ja, ja,« knurrte der Alte vor sich hin, während der Schlitten auf der

glatten Bahn und bei der raschen Fahrt leicht zu schlenkern begann.

»Du wolltest schon lange Plüddekamps zu uns einladen,« setzte Lieschen

das Gespräch nach einer Weile fort; »jetzt ist die beste Gelegenheit

dazu.«

»Hast recht, Kind,« sagte der Oberamtmann. »Die Wildgänse und

Wildenten fallen seit Tagen scharenweise ein. Jürgen ist unser

bester Jäger. Wir bitten seine Geschwister, mit nach Wershagen

herauszukommen, und geben ein Jagdessen -- natürlich tipp-topp.«

»Das ist reizend, Vater! Wie gern bin ich damit einverstanden! Unsere

Wildkammer ist noch reichlich gefüllt. Aber Fräulein Hergenbach ladest

du doch nicht mit ein?«

»Kind!« Wichers wandte sich um und sah sie erstaunt an. »Es geht kaum

anders! Sie ist in der Familie Plüddekamp aufgenommen. Wir begingen

einen Verstoß, wenn wir sie bei der Einladung ausschließen würden.«

Lieschen Wichers senkte den Kopf.

»Sie gefällt mir aber ganz und gar nicht, Vater,« stieß sie plötzlich

aus.

»Mir auch nicht,« brummte der Oberamtmann. »Hat ein Paar Augen im

Kopfe wie eine Katze, die auf Raub lüstern ist. Läßt sich aber nichts

dran ändern, Lieschen, muß mit in den Kauf genommen werden.«

* * * * *

Die Schlittenbahn blieb gut. An Plüddekamps ging eine Einladung zur

Jagd mit anschließendem Jagddiner in Wershagen sofort ab. Der Tag kam

heran.

Lieschen Wichers hatte ein pelzbesetztes grünes Jagdkostüm angelegt,

das sie allerliebst kleidete. Herta gab ihrem jüngeren Bruder einen

leichten Rippenstoß.

»Wölfchen,« flüsterte sie, »sieh einmal Lieschen an! Was ist sie doch

für ein prächtiges, frisches Mädchen.«

Wolf ließ den Blick flüchtig über sie hinweggleiten.

»Ja, ja,« erwiderte er eintönig. Gleichzeitig schaute er schon nach

Ilse aus, die soeben zu Lieschen Wichers trat und sich bei ihrer

großen, schlanken Figur leicht vornüberneigte, um mit ihr zu sprechen.

Nach einem kurzen Imbiß wurden die Schlittensitze eingeteilt. Es ging

nach den Seen hinaus, auf denen die wilden Gänse in großer Anzahl

einfielen. Oberamtmann Wichers trug für seine Frühjahrssaat Sorge. Es

sollte deshalb unter den Eindringlingen tüchtig aufgeräumt werden.

Eine ganze Reihe tadellos bespannter Schlitten hielt vor dem

Wohnhause. Die Gäste stiegen ein. Voran fuhr Oberamtmann Wichers mit

Herta Plüddekamp, dann folgte Jürgen mit Ilse Hergenbach und Wolf

mit Lieschen Wichers. Ein leerer Schlitten für die bereits draußen

befindlichen Jäger beschloß den Zug.

Wolfs Schlitten wurde von ein paar flotten, jungen Pferden gezogen,

die das schönste Schellengeläute trugen. Nun ging es hinaus in die

prächtige Winterlandschaft nach den zusammenhängenden kleinen Seen.

Förster und Inspektor von Wershagen sollten dort die Jagdgäste

empfangen und ihnen den besten Stand anweisen.

Lieschen Wichers plauderte munter drauflos. Wolf hatte vorläufig

genügend mit seinem jungen Gespann zu schaffen. Die beiden

Lichtbraunen tänzelten vor dem Schlitten hin und her und waren nicht

gewillt, in der Reihe zu bleiben. Ihrem Lenker, der sehr viel Sinn

für allen Sport besaß, machte dies viel Vergnügen.

»Ein Paar tolle Racker,« sagte er zu Lieschen Wichers. »Ihr Papa

scheint ein großes Vertrauen in meine Fahrkunst zu setzen.«

»Gewiß,« erwiderte Lieschen Wichers stolz, »sonst hätte er Ihnen nicht

die beiden jüngsten und besten Pferde aus dem Stall gegeben.«

»Alle Hochachtung über die mir zugedachte Ehre, Fräulein Wichers! Sie

kommen aber schlecht dabei weg.«

»Wieso?« fragte Lieschen erstaunt.

»Ich muß auf die Pferde aufpassen und kann mich nicht Ihnen widmen,

wie ich es möchte.«

»O, dann lassen Sie mich fahren! Sie wissen doch, ich bin ein

geschulter Kutscher. Papa hat mir von klein auf die Fahrleine in die

Hand gegeben.«

Wolf mußte sie lachend abwehren, da sie bereits Anstalten traf, um

seinen Platz einzunehmen.

»Ich darf doch die Zügel nicht aus der Hand geben! Was würden die

anderen dazu sagen,« meinte er scheinbar vorwurfsvoll. »Es kommt dem

Manne zu --«

»Zuweilen ist es ganz angebracht, Herr Plüddekamp, wenn die Frau den

Mann ablöst,« fiel sie ein, und in ihren blauen Augen glänzte es wie

klarer Wintersonnenschein.

Wolfs Schlitten war dicht an den seines Bruders herangekommen. Die

Pferde begannen zu galoppieren und wollten vorbei.

»Kein Rennfahren, Wolf!« ließ Jürgen seine starke Stimme erschallen.

Die Lichtbraunen ließen sich aber nicht halten, und Lieschen Wichers

griff plötzlich in die Zügel hinein.

»Das Sattelpferd kürzer fassen, den Hals links abbiegen, Herr

Plüddekamp, dann stoppt das Handpferd von selbst,« und wirklich -- der

Ratschlag war gut. Der Schlitten kam wieder in die Reihe hinein.

»Sehen Sie,« lachte das junge Mädchen. »Ein wenig verstehe ich von der

Fahrkunst meines Vaters.«

* * * * *

Auf den Wershagener Seen war das Rohr bereits geschnitten. Von

niedrigem Erlengebüsch umgeben, lag die weite weiße Fläche anscheinend

still und eintönig da. Eine ganze Strecke vorher blieben die Schlitten

halten und ihre Insassen stiegen aus. Die vorausgeschickten Stalleute

hüllten die dampfenden Pferde in wollene Decken ein. Nun stapften

alle tüchtig durch den Schnee, die Flinten im Arm. Der Förster und

Inspektor kamen ihnen entgegen.

»Auf dem oberen See liegt ein ganzer Schwarm wilder Gänse, Herr

Oberamtmann,« meldete der Förster. »Wir müssen aber vorsichtig

heranschleichen, sonst fliegen sie auf. Es sind ein paar große

Schneewehen davor, die uns einigermaßen decken.«

Jürgen richtete sich auf. Seine ganze Gestalt schien zu wachsen.

Die Pelzmütze etwas von der Stirn zurückschiebend, schauten seine

scharfen Augen zu den Seen hinüber. Die Jagdlust erwachte in ihm. Es

war die einzige Leidenschaft, die er außer seinem Geschäft besaß. Ilse

betrachtete ihn mit leuchtenden Blicken. Sie hätte laut aufjauchzen

mögen, so schlug ihr plötzlich das Herz.

Er hatte während der Fahrt mit ihr freundlich geplaudert. Der sonst so

schweigsame und ernste Geschäftsmann konnte zuweilen dem Leben auch

frohe Seiten abgewinnen. Jürgen kannte Nordhausen und ihr Elternhaus.

Er war in früheren Jahren mehrmals dort gewesen, um die geschäftlichen

Beziehungen fester zu gestalten.

»Was macht ihr zwei nun?« fragte Jürgen, sich an Herta und Ilse

wendend, die nicht jagdmäßig ausgerüstet waren.

»Wir tragen die Beute heim,« erwiderte Ilse.

»So,« stieß Jürgen gedehnt aus, »sind Sie ihrer schon gewiß?«

»Ich hoffe es bestimmt.« Dabei schaute sie ihn bedeutungsvoll an.

Die Jagd begann. Vorsichtig schlichen alle hinter den mächtigen

Schneewehen auf den oberen See zu. Jürgen und der Oberamtmann kamen

schneller vorwärts. Wolf und Lieschen Wichers bogen etwas nach

links ab, während der Förster und der Inspektor weit voraus mit

hochgehaltener Hand die Richtung angaben.

»Wir stehen im zweiten Treffen,« sagte Lieschen zu ihrem Begleiter.

»Der Schwarm steigt also in die Höhe, ehe wir zum Schuß kommen. Wir

wollen aber den anderen ein Schnippchen schlagen und gehen jetzt ganz

nach links auf das Erlengebüsch zu. Es bietet uns gute Deckung. Die

Wildgänse müssen, nach dem Stand der anderen Schützen zu schließen,

bei uns vorüberfliegen. Wir haben die besten Aussichten, ein paar

herunterzuholen.«

»Ganz mein Fall!« meinte Wolf, der jetzt Lust bekam, das Jagdglück zu

erproben. »Sie sind wirklich eine gute Beraterin, Fräulein Lieschen!«

Eine breite Schneewehe lag vor ihnen, sie mußten diese durchschreiten.

»Oho,« lachte Lieschen Wichers laut auf und war tief in den Schnee

eingesunken. Es schien ihr das größte Vergnügen zu bereiten.

Sofort sprang Wolf an ihre Seite, faßte sie leicht um die Taille und

hob sie heraus. Er trug hohe Jagdstiefel, es machte ihm nichts aus,

weit hinein zu geraten.

»Sie haben ja staunenswerte Kräfte, Herr Plüddekamp!« rief Lieschen

belustigt. »Sie heben mich wie eine Daunenfeder hoch.«

Wolf erwiderte in der gleichen Tonart:

»So leicht sind Sie wirklich nicht, Fräulein Lieschen. Ich habe mich

ganz gehörig plagen müssen,« und er schaute dabei auf ihre rundlichen

Formen hin.

Sie sah schelmisch zurück.

»Ich habe neue vierhändige Stücke in Stettin gekauft. Kommen Sie bald

wieder heraus, Herr Plüddekamp. Heute wird doch nichts aus unserem

Spiel.«

»Warum nicht, Fräulein Lieschen? Nach dem Essen!«

»Ach, das wird endlos bei Papas Flaschenbatterien! Dann fahren Sie

bald zurück. Ich erwarte Sie also bestimmt in den nächsten Tagen, aber

als Solokrebs.«

Ihr Auge ruhte mit voller Innigkeit auf ihm, als sie seine zusagende

Antwort erwartete.

»Ich kann jetzt schwer abkommen, Fräulein Lieschen,« erwiderte er

zögernd. »Das Frühjahrsgeschäft muß vorbereitet werden. Jürgen läßt

mich nicht aus dem Kontor fort.«

»Ich sage es ihm selbst, dann tut er es,« fiel sie energisch

ein. »Seine Anwesenheit reicht aus. Sie kommen mir gar nicht wie

ein Kaufmann vor, Herr Plüddekamp, und eignen sich viel mehr

zum Rittergutsbesitzer! Warum haben Sie überhaupt nicht die

Landwirtschaft erlernt?«

»Daran dachte ich früher nicht,« zuckte Wolf mit den Achseln. »Ich

wäre am liebsten Offizier geworden. Freilich -- der Kaufmannsstand

paßt mir sehr wenig.«

»Machen Sie es wie die Raupen im Frühjahr, die entpuppen sich.«

»Nein,« schüttelte er mit dem Kopf. »Das Plüddekampsche Hausgesetz

schreibt mir vor, in den Bahnen meiner Väter zu wandeln.«

»Dann durchbrechen Sie die Regel,« lachte Lieschen hell auf, »wenn

auch die alten Herren auf ihren Bildern die Köpfe verwundert schütteln

werden.«

In diesem Augenblick fielen am oberen See eine Anzahl Schüsse schnell

hintereinander.

»Jetzt wird's die höchste Zeit,« rief Lieschen aus. »Wir müssen an die

Erlen heran. Laufen wir, Herr Plüddekamp!« Flink wie ein Wiesel rannte

sie vorwärts.

Sie sah so zierlich und nett dabei aus, daß Wolf seine helle Freude

hatte und mit langen Sätzen neben ihr hereilte.

»Wir machen es wie unsere Lichtbraunen!« rief Lieschen weiter, »aber

nicht durchgehen, Herr Plüddekamp!«

Von weitem ertönte schon das starke Geschnatter der Wildgänse.

»Sie steigen auf! Achtung!« stieß sie hastig aus.

Sie blieben mitten im tiefen Schnee stehen, die Flinte im Anschlag.

Ein Schwarm wilder Gänse kam verwirrt heran. Man sah, wie sie bestrebt

waren, sich zu ordnen.

»Halten Sie auf die Spitze des Zuges,« rief Lieschen im Jagdeifer,

»noch ist er nicht hoch und zu erreichen! -- Jetzt -- Schuß!«

Ein Doppelknall erfolgte. Oben in der Luft schlug eine Wildgans

gewaltig mit den Flügeln. Der ganze Schwarm stieg rasch höher, während

die Getroffene immer noch flatternd zurückblieb, langsam niedersank

und, sich plötzlich überschlagend, tief in die weiche Schneedecke

herabschoß.

»Was sagen Sie nun, Herr Plüddekamp? Wir zwei haben eine Gans

geschossen!«

»Ich nicht,« meinte Wolf bedächtig, »ich glaube -- ich habe das blaue

Himmelszelt getroffen.«

»Merken Sie sich die Stelle, an der die Wildgans heruntergegangen ist.

Es wird nicht lange dauern, dann kommt die zweite Auflage.« Sie schob

neue Patronen in den Doppellauf des Gewehres hinein.

Wolf setzte seine Büchse ab.

»Ich habe heute kein Jagdglück,« sagte er.

»Doch, Herr Plüddekamp,« fiel Lieschen ein. »Ein Mann wie Sie hat

immer Glück.«

Es kam dies so offen und ehrlich heraus und ihre Augen richteten sich

so verheißungsvoll auf Wolf, daß er darin hätte leicht lesen können:

das größte Glück steht an deiner Seite.

Trotz der warmen Strahlen der Sonne flog Wolf ein kalter Schauer über

den Rücken. Auf einem weiter unterhalb der Seen gelegenen Hügel waren

Herta und Ilse plötzlich aufgetaucht. Unwillkürlich wandte sich sein

Blick dorthin. Er seufzte tief auf.

»Was haben Sie?« fragte Lieschen Wichers erstaunt.

»Nichts,« erwiderte er kurz. Er wußte aber wohl, was in ihm vorging.

Ein zweiter Schwarm wilder Gänse und vereinzelte Wildenten zogen

vorüber, aber in solcher Höhe, daß ein Treffen unmöglich wurde.

»Holen Sie unsere Beute,« bat Lieschen, zu Wolf gewandt. »Ich gehe

inzwischen zu Ihrer Schwester, und Sie kommen mir dorthin nach.«

Wolf mußte über das Eis des Sees schreiten, die Wildgans war in

schräger Richtung am jenseitigen Ufer niedergegangen. Lieschen winkte

ihm noch von weitem mit der Hand. Er kam in dem tiefen Schnee nur

langsam vorwärts, dabei fröstelte ihn. --

Nach einiger Zeit versammelten sich alle bei den Schlitten. Die jungen

Lichtbraunen waren recht unruhig, und Jürgen rief seinem Bruder zu:

»Gib gut acht, Wölfchen!«

»Seien Sie ohne Sorge, Herr Plüddekamp!« lachte Lieschen hell auf.

»Ich bin doch da, um aufzupassen.«

Der erste Schlitten ging im schnellen Trabe voran. Die anderen drei

folgten. Die Pferde griffen nach dem langen Stehen mutig aus, zumal

es nach dem Stall ging. Namentlich die Lichtbraunen gallopierten

fortgesetzt und waren kaum zu bändigen.

»Fahr zu, Wolf!« rief Jürgen laut, »wenn die Braunen voran sind,

werden sie ruhiger gehen!«

Dieser hatte in dem kurzen Augenblick, während er im Schlitten

vorbeisauste, einen Blick auf Ilse geworfen. Jürgen hielt seine Pferde

fest in den Zügeln, sie sah mit den großen Augen stolz zu ihm auf.

Wolf vergaß vor Ärger die Führung seiner Pferde; der Schlitten ging

über eine Schneewehe und kam vollständig schräg zu stehen.

»Oho, Wolf!« rief Jürgen ihm nach. »Beinahe hättest du eine Kippe

gemacht!«

Die Lichtbraunen aber jagten schon eine ganze Strecke voraus, und

Jürgen wurde besorgt.

»Sein Temperament reißt ihn wieder einmal fort,« brummte er vor sich

hin. »Hätte Wolf nur mehr Ruhe in sich,« sagte er dann halblaut.

Ilse hatte es gehört und erwiderte:

»Herr Wolf ist manchmal recht ungestüm.«

»Sooo,« meinte Jürgen gedehnt, »haben auch Sie dies an ihm bemerkt?«

»Ja,« brachte sie ganz leise hervor, sah ihn aber durchdringend dabei

an. »Ich habe es über mich ergehen lassen müssen.«

»Müssen!« wiederholte Jürgen scharf. »Nein, Fräulein Hergenbach, Sie

haben es nicht nötig! Wolf ist noch eine stürmische, nicht abgeklärte

Natur. Weisen Sie ihn in seine Schranken zurück.«

»Ich werde es tun, Herr Plüddekamp! Aber --« sie stockte.

»Nun und?« fragte Jürgen.

»Wenn Sie, Herr Plüddekamp --«

»Ja, was soll ich dabei,« entgegnete er barsch, »ich stehe doch nicht

immer neben Ihnen!«

»Sie können viel tun, Herr Plüddekamp. Ihre Worte fallen schwer in

die Wagschale. Herr Wolf ist manchmal ganz eigenartig zu mir -- ich

weiß selbst nicht, was ich davon halten soll. Ich fühle mich glücklich

in Ihrem Hause, und doch wird es mir zuweilen schwer, das richtige

Verhalten in allen Dingen zu finden. Darum bitte ich Sie -- Herr

Plüddekamp -- mir beizustehen.«

Er sah sie an. Ihre Augen strahlten in voller Leidenschaft. Es wurde

einen Augenblick hindurch siedendheiß in ihm. Was für eine Frau saß

an seiner Seite? Welche Gewalt übte dieses Geschöpf selbst über ihn,

den ruhigen Mann, aus! Es lag eine große Gefahr in ihr. -- Sollte er?

-- Nein, nein, und dreimal nein! -- Sein Lebensweg war vorgezeichnet.

Zurück mit solchen Gedanken! -- Er hob die Peitsche und hieb auf

die Pferde ein, daß sie zum Galopp ansprangen und der Schlitten

vorwärtsflog. -- Er hatte überwunden, und seine eiserne Ruhe kehrte

zurück.

»Es wäre besser gewesen, Sie kamen nie zu uns,« erwiderte er kalt.

»Ich habe es auch nicht gewollt. Hätte ich gewußt, welchen Einfluß Sie

auf Wolf ausüben würden, so wäre ich Herta schärfer gegenübergetreten.«

»Herr Plüddekamp!« schrie sie gequält auf. »Sie nehmen mir durch Ihre

Worte das Recht, länger in Ihrem Hause zu bleiben.«

»Gewiß nicht, Fräulein Hergenbach! Ich habe meinen ersten

Standpunkt aufgegeben. Herta sagte mir, daß Sie sehr tüchtig in der

Hauswirtschaft sind. Ich bitte Sie nur um eins, lassen Sie Wolf ganz

aus dem Spiele!«

»Ich tue ja alles, daß er mir nicht nahe kommt, Herr Plüddekamp!«

stieß sie erregt aus. »Ich beeinflusse sein Wesen in keiner Weise.

Aber wie soll ich mich schützen, wenn er auf mich einstürmt --«

»Kalt bleiben,« sagte Jürgen kurz, »das genügt!«

In diesem Augenblick sah er, wie ein Schwarm Krähen, der eine Strecke

voraus auf der Schneedecke lagerte, plötzlich mit lautem Gekrächze

aufflog.

Die Pferde Wolfs scheuten vor dieser schwarzen aufsteigenden Wolke

und jagten in starkem Galopp davon. Lieschen Wichers griff mit beiden

Händen in die Zügel. Dabei mußte sie zu sehr nach rechts gezogen

haben, die Pferde bogen vom Wege ab, durchquerten eine Schneewehe und

kamen aufs freie Feld hinaus. Dort rasten sie im weiten Bogen umher.

Wolf strengte seine ganze Kraft an, um sie wieder an die Zügel zu

bringen.

Sie sausten jetzt in vollem Galopp auf den Weg zu. Der Schlitten von

Jürgen befand sich in gleicher Höhe.

»Weiter rechts, Wolf!« rief Jürgen.

Es war bereits zu spät. Krachend stießen sie zusammen.

Jürgens Schlitten wurde zur Seite geschleudert. Ilse flog heraus

und schlug mit dem Kopf gegen einen am Wege stehenden Weidenstamm.

Die Lichtbraunen rannten weiter. Nur mit Mühe konnte Jürgen seine

ebenfalls aufgeregten Pferde zum Stehen bringen. Die Leine in der

rechten Hand haltend, stieg er aus und beugte sich zu Ilse hernieder,

um sie mit seinem freien linken Arm aufzuheben.

Sie mußte einige Minuten bewußtlos gewesen sein. Als aber Jürgen

ihren Körper berührte, schlug sie, wie aus einem Traum erwachend, die

Augen groß zu ihm auf, ihre Arme umschlangen plötzlich seinen Hals,

sie preßte sich fest an ihn, und »Jürgen, Jürgen!« klang es von ihren

Lippen.

»Sie vergessen sich, Fräulein Hergenbach,« sagte er ernst und löste

seinen Arm von ihr. »Für Sie bin ich auch in einem solchen Augenblick

-- Herr Plüddekamp.«

Sie ließ von ihm ab, taumelte zurück und sank in sich zusammen.

»Was ist mit mir geschehen?«

»Haben Sie sich verletzt?« fragte Jürgen kalt.

»Nein!« Sie stöhnte auf, als ob sie eine schwere Wunde empfangen

hätte. »Es wird vorübergehen.« Dabei versuchte sie, sich aufzurichten.

Mit gewaltiger Kraftanstrengung brachte Jürgen den Schlitten aus dem

tiefen Schnee wieder auf die Bahn zurück.

»Steigen Sie ein, Fräulein Hergenbach! Herta und Oberamtmann Wichers

kommen schon heran.«

Ohne ein Wort weiter zu wechseln, fuhren sie nach dem Gutshofe.

Geschwister Plüddekamp · 第 20 / 30 题