Wolf ging durch die großen Räume des alten Speichers und kontrollierte
die Arbeiter, ob sie das Umstechen des Getreides gut ausführten.
Auf die Roggensorten, die bis zur Zeit der Sommersaat lagerten, war
besondere Sorgfalt zu verwenden. Die Sackträger standen in einer Reihe
und so weit voneinander entfernt, daß sie die große Wurfschaufel
bequem handhaben konnten. Die Leute waren derartig eingearbeitet, daß
das Schaufeln des Getreides fast im Takte vor sich ging.
Hell aufschimmernd flog der Roggen durch den Raum, sank schwer auf der
anderen Seite nieder und türmte sich hoch auf. Der Luftzutritt, den er
dadurch erhielt, gab ihm neue Frische.
Als sich Wolf den Leuten näherte, tönte es aus dem Munde der einzelnen
Männer, kurz, wie es ihre Art war:
»Guten Tag, Herr Wolf.«
Keiner sagte Herr Plüddekamp. Es war nun einmal gang und gäbe unter
den Leuten, nur Jürgen hieß ›Herr Plüddekamp‹. Die meisten hatten
Wolf noch als Knaben gekannt, unter ihnen groß geworden, blieb er
darum ›Herr Wolf‹.
Dieser trat zu dem Roggenhaufen, griff mit der Hand tief hinein und
roch über die Probe hinweg. Er warf sie zurück und schritt zu dem
umgeschaufelten Roggen. Hier nahm er die gleiche Probe vor und nickte
dann befriedigt.
»Der Roggen ist recht trocken. Er scheint sich gut zu halten,« wandte
er sich an einen der breitschultrigen Männer.
»Das will ich meinen, Herr Wolf,« erwiderte der angeredete Mann. »Der
ist auch vom Oberamtmann Wichers aus Wershagen.«
»Ja,« nickte Wolf, »ich weiß wohl. Wershagener Roggen ist immer der
beste!«
Seine Gedanken glitten in diesem Augenblicke unwillkürlich nach dem
schön gelegenen Gute, auf dem er oft und gern geweilt. Das Bild von
Lieschen Wichers, dem hübschen, rotwangigen Mädchen, trat vor ihn hin.
Ob sie sich wohl wunderte, daß er so lange nicht dort gewesen? Warum
darüber nachdenken! Er hatte kein Interesse mehr daran. Mit seinem
Spazierstocke schrieb er den Namen Ilse in die glatten Seitenflächen
des Roggenhaufens ein. Kaum hatte er aber die Buchstaben gezogen, so
fiel das Korn langsam nach und füllte den Raum aus. Rasch, wie der
Name geschrieben wurde, verschwand er auch wieder.
»Soll es ein Zeichen für dich sein?« sagte Wolf zu sich. »Entstehen
und vergehen Leidenschaften so schnell? Warum müssen wir sie dann erst
fühlen? Es wird mir förmlich zur Pein, überall an Ilse zu denken. Die
stete Unruhe, das Verlangen nach ihr ist eine Folter.«
Ein polternder Schritt wurde hörbar. Jochen Hindorf keuchte mit der
ganzen Schwere seines Körpers die Treppe hinauf. Der mächtige Kopf mit
dem struppigen Bart schaute jetzt aus der Luke hervor, die den oberen
Treppenraum abschloß, und gleich darauf kam die dicke Flauschjacke zum
Vorschein.
»Willst du was von mir, Jochen?« rief ihm Wolf zu.
»Jäh -- woll!« tönte es zurück, und der Alte machte mit der Hand eine
Bewegung, daß er seinen jungen Herrn gern allein sprechen möchte.
»Was ist denn los, alter Knabe?« fragte Wolf, auf ihn zugehend.
Der Alte versuchte seinen tiefen Baß möglichst zu dämpfen.
»Smiders ist in der Weinstube. Er sitzt -- fest. Als ich vorbeikam,
rief mich die Mamsell heran --«
»Na, ich will nur gleich hingehen,« erwiderte Wolf. »Nette Aussichten
für den Abend. Es hilft aber einmal nichts.«
»Die Mamsell muß drei Mark kriegen, Herr Wolf. Ich hab ihr's
versprochen.«
»Wie heißt sie denn?« fragte Wolf lächelnd.
»Das weiß ich nicht, Herr Wolf.«
»Ja, den Teufel auch, Jochen! Woher soll ich es denn wissen?«
»I, das macht sich von selbst, wenn Sie man erst dort sind.«
Wolf stieß einen leisen Seufzer aus. Ein unangenehmer Gang lag vor
ihm. Er hatte es aber Jürgen versprochen und noch mehr -- das Geschäft
verlangte es.
»Du hast deine Sache brav gemacht, Jochen! Hoffentlich treffe ich
Smiders in der richtigen Stimmung an.« Mit den Worten ging er zur
Treppe.
Jochen Hindorf sah ihm zufrieden nach.
»Heut steht er seinen Mann, das weiß ich!« murmelte er vor sich hin.
Kurz darauf verließ Wolf durch den großen Torweg das Haus. Er sah sich
noch einmal um, und sein Blick streifte die Fensterreihen. Wenn Ilse
jetzt wüßte, wohin er ging! Würde sie darüber in Erregung geraten?
Gleichgültig konnte es ihr doch nicht sein. Er hatte bisher noch
keinen tieferen Einblick in ihren Charakter tun können, und doch besaß
sie sicher ein starkes inneres Leben. --
Er eilte rasch durch die Große Wollweberstraße, durchquerte die
Breitenstraße und kam an die ›Grüne Schanze‹. Die kleine Weinstube lag
vor ihm. Sein Fuß zögerte, ehe er die Schwelle zu dieser überschritt.
Er hatte die Tür noch nicht geöffnet, als ein junges Mädchen aus dem
daneben befindlichen Hausflur hervortrat und ihn anredete:
»Ich habe Sie schon erwartet, Herr Plüddekamp. Ich bin die ›blonde
Rieke‹. Der alte Hindorf wird es Ihnen wohl gesagt haben.«
»Ach so,« meinte Wolf, griff in die Tasche und zog ein Dreimarkstück
hervor.
»Stimmt,« lachte sie auf. »Ich bringe Sie direkt in die Hinterstube,
wo Herr Smiders sitzt. Er hält es mit der ›schwarzen Karli‹. Ich bin
erst seit acht Tagen hier und -- noch frei.«
In ihren Zügen zeigte sich ein entgegenkommendes Lächeln, das Wolf nur
zu gut kannte. Ein offenes Angebot, das die Annahme erwartete.
»Ich werde mich Ihnen weiter erkenntlich zeigen, Fräulein Rieke,«
erwiderte er darauf, »wenn Sie im geeigneten Zeitpunkte Ihre Kollegin
Karli mit fortnehmen, damit ich Smiders allein sprechen kann.«
Die blonde Rieke ging jetzt voran und führte Wolf über den dunklen
Hof. Dort gab es einen versteckt liegenden Eingang in die sogenannte
Kavalierstube.
Als sich die Tür öffnete, sah Wolf über das Mädchen hinweg in den
nur wenig erhellten Raum, aus dem der Dunst geleerter Weinflaschen
hervordrang. Eine alte verräucherte rotgoldene Tapete bedeckte die
Wände. Von der Decke herab hing eine einst vergoldete Gaskrone, die
wohl auf einer Auktion erstanden wurde. In dem ganzen Raum befand sich
nur ein länglicher Tisch vor einem zerschlissenen Polstersofa, dann
einige hochlehnige Stühle, die mit starkem Leder überzogen waren.
Auf dem Sofa saß Alfred Smiders, der elegante junge Reeder, und hielt
den Arm um ein derbes Mädchen geschlungen. Das tiefschwarze Haar und
die stechend schwarzen Augen hatten ihr den Namen ›die schwarze Karli‹
eingetragen. Vor ihnen auf dem Tisch stand ein altmodischer Weinkühler
mit einer Flasche Sekt.
»Du wirst den Hamburger ausfragen, Karli, sobald er da ist,« ertönte
die scharfe Stimme von Smiders. »Sei entgegenkommend und geschickt, er
darf nichts merken. Du bringst ihm dann bei --«
Jetzt fiel sein Blick auf den eintretenden Wolf.
»Zum Teufel, Wolf! Wo kommst du her?« rief er lachend. »Ah, ich sehe
schon, die blonde Rieke hat dich am Wickel! Ist auch erst seit acht
Tagen hier. Frisch aus Danzig importiert. Hast keinen schlechten
Geschmack.«
Der junge Plüddekamp trat näher an den Tisch und reichte Alfred
Smiders mit anscheinender Vertraulichkeit die Hand. Es war ihm ganz
erwünscht, daß die blonde Rieke als Grund seines Kommens galt. So
konnte Smiders keinen Argwohn hegen.
»Setz dich, Wölfchen,« sagte er dann, »wir haben lange keinen Sekt
zusammen getrunken. Die erste Flasche ist schon angefahren, du gibst
die nächste!«
Er schenkte zwei neue Spitzgläser ein, die er Wolf und der blonden
Weinkellnerin zuschob.
»Prost, mein Junge, es lebe das Leben! Nämlich, wie wir es haben
wollen.« Er stieß mit ihm an. »Keine Duckmäuserei!« Dabei gab er der
schwarzen Karli einen starken Schlag auf die Schultern. »Sieh mal,
das ist ein prächtiges Mädchen, Wolf! Mit der kann man reden, wie man
will, und braucht nicht erst jedes Wort auf die Goldwage zu legen. Du
weißt, das war mir immer eklig.«
Wolf hatte seinen Stuhl neben Smiders gezogen, und die blonde Rieke
setzte sich dicht neben ihn. Sie betrachtete ein paarmal den jungen
Mann. Kein Wunder, daß er ihr gefiel. Wolf Plüddekamp bestach jedes
Mädchen, dem er freundlich begegnete. Die blonde Rieke war noch kein
Jahr von den Eltern fort und wußte vielleicht selbst nicht, wie sie
dazu kam, Weinkellnerin in einer Animierstube zu sein. Nun hatte sie
sich hineingefunden und wollte alle Minen springen lassen, um den
jungen, reichen Mann in ihrer Weise zu erobern.
Wolf nahm sich vor, wenig zu trinken und scharf aufzupassen. Alles
ging nach Wunsch. Es wurde eine Flasche Sekt nach der anderen geleert
und Smiders immer redseliger. Plötzlich sprang die blonde Rieke auf
und flüsterte der schwarzen Karli etwas zu. Dann wollten sie beide
hinausgehen.
»Du, Karli!« rief Alfred Smiders, »bleib nicht lange fort. Hast wohl
einen alten Freund im Vorderzimmer sitzen? Der wird abgeschüttelt!«
Die beiden jungen Männer befanden sich allein. Wolf begann vorsichtig
einige Fragen zu stellen und kam dabei auf die Reederei von Smiders zu
sprechen, als dieser schon einwarf:
»Wolf, ich habe ein feines Geschäft vor! Machst du mit?«
»Warum nicht, Alfred! Wenn es etwas einbringt!«
»Läßt sich hören! Du redest heute anders wie früher. Brauchst wohl
auch ab und zu einen braunen Lappen extra? Die blonde Rieke wird
dir nicht teuer werden, ist noch nicht ausgetragen. Teufel, wenn
ich die schwarze Karli nicht hätte! -- Ich sage dir, Wolf, sie ist
ein Staatsweib! Keine zweite gibt es so in Stettin. Ich habe lange
gesucht, bis ich das richtige für mich fand. Man muß aber wie das
Wetter dahinter sein. Alle laufen ihr nach, mir darf keiner in den
Kram kommen, dafür bin ich Alfred Smiders.«
Der viele Alkohol begann bei dem Reeder zu wirken. Wolf ließ den
Redeschwall ruhig über sich ergehen und wartete auf den richtigen
Zeitpunkt zum Eingreifen.
»Also wie war es mit dem Geschäft?« brachte er ihn wieder aufs Thema
zurück.
»Verdammt einfach, Wölfchen! Du schreibst mir einen Brief, daß ihr
regelmäßig größere Ladungen ins Ausland vorhabt. Kannst ja vollgültig
Jürgen Plüddekamp unterzeichnen. Ich kriege dann einen neuen Dampfer
gebaut. Die Gesellschaft zögert noch, sie denkt, ich habe die Guinees
nicht in Haufen liegen, wie ihr das Korn. Sobald Jürgen Plüddekamp
aber mitmacht, sticht's Martens und den anderen Bonzen gleich in die
Nase. Topp, mein Junge! Trinken wir darauf --«
»Wie stellst du mich, Alfred?« fragte Wolf, darauf scheinbar eingehend.
»Na, zehn Mille fallen sicher für dich ab. -- Ich habe einen reichen
Hamburger geangelt, der will bei mir mitmachen. Meine alten Kasten
aber genieren ihn noch. Die müssen weg, alle weg! Dann kann ich erst
antreten und bin der erste Reeder Stettins.«
Er hatte sich in solche Erregung hineingeredet, daß Wolf gespannt
aufhorchte.
»Wir wollen sehen, ob es sich machen läßt, Alfred,« erwiderte er.
»Hast du noch den ›Friedrich Barbarossa‹ im Dock liegen?«
»Jotte ja! Der alte Kasten wird nur aufgemöbelt. -- Wo bleibt aber
Karli? Ob sie sich bei meinem Hamburger vor Anker gelegt hat? Er ist
ganz verschossen in sie! Das kann mir nur nützen.«
Smiders erhob sich etwas schwer und ging auf die Verbindungstür zu,
welche den allgemeinen Gastraum von der Kavalierstube trennte. Er
schlug die vor dem Glasfenster angebrachte Gardine zurück und sah
hindurch.
»Nee,« sagte er vor sich hin. »Einfach verduftet! Die Sache stimmt
nicht!« Als er sich jedoch umdrehte, traten die beiden Mädchen von der
Hofseite in die Stube ein. »Donnerwetter, da seid ihr ja endlich! Hat
das lange mit euch gedauert! Wolf, du gibst noch 'ne Flasche! Ich
habe einen Durst, sage ich dir, vollkommen göttlich.«
Wolf wurde der Aufenthalt in der kleinen, von Dunst und Rauch
erfüllten Stube im hohen Maße lästig. Die fortgesetzten
Annäherungsversuche des blonden Mädchens, die er aus Klugheit nicht
zurückweisen durfte, behagten ihm ebenfalls nicht. »Ilse!« rief es in
ihm, »Ilse! Was müßte sie von mir denken, wenn sie ahnte, wie ich hier
--«
Die blonde Rieke schmiegte sich an ihn, und er flüsterte dem drallen
Mädchen zu: »Trinken Sie Smiders tüchtig zu, damit ich verschont
bleibe.«
»Für Sie alles, Herr Plüddekamp,« klang es leise zurück. Sie zupfte
ihn leicht am Rockärmel, daß er den Kopf zu ihr niederbeugen sollte.
»Darf ich Wolf sagen? Was habe ich nur für ein großes Glück, daß ich
Sie kennen lernte. Wie Sie mir gut gefallen! Ich Ihnen auch? Ich
möcht's gern hören.«
»Na, Kinder, ihr seid ja ganz einig,« sagte Smiders mit
schwerwerdender Zunge. Der viele genossene Sekt begann bei ihm zu
wirken. »By Jim! Es freut mich, daß wir wieder mal zusammen sind,
Wölfchen! Geschäft und Liebe, das macht einem Freude im Leben! Davon
kann man nie genug haben.«
Wolf hielt jetzt den geeigneten Augenblick für gekommen. Er neigte
sich zu Smiders hinüber und fragte halblaut:
»Mit dem ›Friedrich Barbarossa‹ machst du doch ein gutes Geschäft?«
»Na und ob!« erwiderte Smiders. »Bringt jede Woche zehntausend Emmchen
Entschädigung, wenn er nicht fertig wird, und dafür ist gesorgt. Mein
Kapitän ist ein verteufelter Kerl! Dreht alles, wie ich will. Eher
fährt er nicht ab, als bis jeder vereinbarte Nagel eingeklopft ist.« --
Wolf wußte nun genug. Der Export nach Spanien war nach der langen
Unterbrechung im höchsten Grade gefährdet. Der Dampfer ›Friedrich
Barbarossa‹ fuhr nicht zur rechten Zeit ab, seine Indienststellung
wurde hingehalten.
»Ich muß jetzt gehen, Alfred,« sagte er nach einer Weile, als dessen
Augen einen glasigen Ausdruck zu zeigen begannen und die schwarze
Karli schon die vollen Gläser in die Weinkühler entleerte, um neu
einschenken zu können.
»Bist doch morgen pünktlich da, Wolf? Halt ihn nur fest am Bündel,
Riekchen.« Die Worte kamen schwer über Smiders' Lippen.
Wolf war aufgestanden und legte ein paar Goldstücke für seinen Anteil
an dem Sekt auf den Tisch.
»Adieu!«
Er mußte Smiders und der schwarzen Karli noch die Hand geben. Dann war
er glücklich dem üblen Dunst entronnen und trat auf den Hof hinaus.
Die blonde Rieke kam ihm sofort nach.
»Seien Sie doch ein wenig gut zu mir!« bat sie, sich an ihn drängend.
»Ich mag die anderen nicht und will für Sie tun, was Sie wollen.«
»Ich muß Smiders noch ein paarmal hier sprechen,« erwiderte er
halblaut. »Geben Sie dem alten Hindorf Nachricht, wenn ein günstiger
Augenblick dafür da ist. Ich komme dann sofort. Vor allen Dingen
müssen Sie reinen Mund halten, es soll ihr Schade nicht sein.«
Er eilte durch den Hausflur nach dem Bürgersteig der ›Grünen Schanze‹.
Wie angenehm die kühle Luft seine Stirn umwehte! Er winkte der
nächsten herankommenden Droschke und rief dem Kutscher zu: »Haus
Plüddekamp!« Es trieb ihn, so rasch wie möglich dorthin zu gelangen.
Er wollte Jürgen berichten und die verflossenen Stunden in der reinen
Luft seines väterlichen Hauses vergessen.