Nach einem heftigen Sturm trat starke Kälte ein. Die Oder und das
Haff froren fest zu, und die größten Eisbrecher hatten Mühe, eine
Fahrtrinne herzustellen. Konsul Martens war Aufsichtsrat bei einer
Schiffswerft. Er lud die Geschwister und Fräulein Hergenbach ein, eine
Fahrt über das Haff nach Swinemünde auf dem Eisbrecher mitzumachen.
Ein tiefgehender Amerikadampfer sollte danach auslaufen.
»Er will nur, daß Ilse bei der Partie ist,« sagte sich Wolf sofort. Es
war ihm deshalb nicht viel daran gelegen. »Ich habe keine besondere
Lust, man holt sich höchstens einen Katarrh bei dem kalten Wind,«
erwiderte er Jürgen, als dieser ihm die telephonische Einladung
mitteilte.
Herta mußte eine Sitzung im Frauenverein aufgeben und zögerte
deshalb mit der Antwort. Ilse bat, ihr die Fahrt durch die prächtige
Winterlandschaft zu gestatten. Nun war Wolf sofort dabei, und Herta
ließ sich ebenfalls bestimmen.
»Ich werde dich mit einem Pelzmantel versorgen, Ilse,« sagte sie. »Die
Luft auf dem freien Haff ist eisig und du bist sie nicht gewohnt.«
»Sonst hätte ich Ihnen meinen Stadtpelz angeboten, Fräulein Ilse, der
ist leicht und mollig,« scherzte Wolf.
»Das sieht dir wieder einmal ähnlich, Wölfchen,« rief Herta darauf.
»Du willst Ilse nur in Verlegenheit bringen!«
»I wo,« erwiderte dieser, »was du immer von mir denkst. Ich bin wie
ein Lamm --«
»-- im Wolfskleide,« ergänzte Ilse plötzlich.
Herta sah sie erstaunt an. In dem jungen Mädchen ging eine Entwicklung
vor sich. -- --
Zur festgesetzten Stunde fanden sie sich beim Dampfer ›Odin‹ ein.
Konsul Martens kam in seinem Dogcart an, er hatte sich etwas verspätet.
»Ein prächtiger Wintertag! Wir haben auf der Oder Schutz. Dann wird
uns freilich der Wind aus Nord-Nord-Ost stark entgegenpfeifen,« rief
er, nähertretend. »Es gibt rote Wangen, Fräulein Hergenbach,« wandte
er sich an diese. »Hat Ihnen meine Idee gefallen?«
»Er hat sich richtig den langen Eisrutsch ihretwegen ausgeklügelt,«
murmelte Wolf.
»Ich freue mich sehr, die Winterlandschaft des Haffs kennen zu lernen.
Der Frost ist ja ein großer Meister in der Kunst,« erwiderte Ilse.
»Gewiß! -- Sie werden heute einen malerischen Anblick haben, Fräulein
Hergenbach.«
»Und ich bin Ihnen dankbar dafür, Herr Konsul.«
Dieser betrat schon mit Herta die ausgelegte Schiffsbrücke. Jürgen
ergriff Ilses Hand, um sie bei der Glätte der Planken zu führen.
Sie sah mit einem raschen Blick zu ihm auf. Was für eine kraftvolle
Erscheinung dieser Mann doch besaß! Ein echt germanischer Recke der
Vorzeit, wie sie ihn liebte. --
Nun kamen sie an Deck. Auf der Kommandobrücke standen unter dem Schutz
des Windfanges einige Sitze. Von dort war die beste Umschau.
Der Kapitän des ›Odin‹, ein älterer, wetterfester Mann, begrüßte die
Gäste und sprach dann mit Konsul Martens.
»Wir werden mehr als die doppelte Fahrtzeit brauchen, Herr Konsul! Das
Eis hat sich sehr verdickt und wir müssen stark dagegen anlaufen.«
Ilse hörte diese Worte. Es wurde also nacht, bevor sie Swinemünde
erreichten. Etwas Ungewisses, Nervenerregendes lag vor ihr. Das gefiel
ihr. Nur nicht immer das Alltägliche. Sie nahm sich so sehr zusammen,
um Herta zu genügen. Zuweilen aber kam stürmisch das Verlangen, etwas
zu erleben. Jetzt kannte sie ihren Wert, weil die Männer um ihre
Gunst warben. Sie brauchte eigentlich nur die Hand auszustrecken.
Nur war sie sich nicht klar, ob es Liebelei, ein Erhaschen von
leidenschaftlichen Augenblicken oder rechtschaffene Bewerbung
bedeutete.
»Du wirst mit deinen Blicken noch einmal Unheil anrichten,« warnte
ihre Mutter schon, als sie noch jünger war.
Warum nur? Es sagte ihr's keiner! Woher sollte sie es also wissen?
Im Plüddekampschen Hause, in dem sie nun nach der Pensionszeit eine
gewisse Stellung einnahm, begann sie viel selbstbewußter zu werden.
Wolf Plüddekamp lag in ihrer Macht, sie fühlte es unwillkürlich. -- Er
war ein schöner junger Mann, liebenswürdig, feurig, aber er hing zu
sehr an ihren Augen. Sie vermißte den Kampf, nach dem sie sich im Sinn
der Gleichberechtigung der Geschlechter sehnte.
Kein Sichgehenlassen, -- ein wildes Aufwallen, -- ein gewaltsames
Ringen und dann -- ein rascher Sieg. Konsul Martens war ein älterer,
vornehmer Mann -- gewiß eine glänzende Partie -- doch fehlte ihm
alles, wonach sie unbewußt verlangte. Er besaß nicht die Kraftfülle,
der sie unterliegen mußte.
Aber Jürgen -- dieser ernste Gewaltmensch, -- mit den Fäusten wie ein
Sackträger, dem unbeugsamen Willen, -- der keine Frau an seiner Seite
haben wollte, -- das Weib nur als ein notwendiges Übel betrachtete,
ihn zu erringen, war eine Aufgabe.
Sie hätte laut aufjauchzen mögen, als sich der Dampfer jetzt in
Bewegung setzte, die Pleuelstangen im Maschinenraum dumpf anhoben,
die Schraube schlug, die Dampfpfeife weithin heulte und das Eis
am Bugspriet krachend brach. Die Schollen glitten knirschend und
schlürfend an den Stahlplatten der Schiffswände entlang. Das Wasser
rauschte über die Besiegten hinweg.
Der Hafen mit den vielen eingefrorenen Dreimastern, Schonern, Briggs
und Fischerschaluppen lag hinter ihnen, sie kamen auf das breite
Stromeis hinaus. Es ging vorüber an den verschiedenen Schiffswerften,
am Vulkan, auf dessen Hellingen mächtige Dampfer der Vollendung
harrten, den gewaltigen Hochöfen der Henckel-Donnersmarkwerke,
den Brikett- und Sandsteinfabriken, den chemischen Werken, kurz
der gesamten Großindustrie an der Odermündung. Noch sah man den
tiefverschneiten Höhenrücken, der sich am linken Oderufer bis in
die weite Ferne hinzog. Hie und da schaute ein Dorf mit seinem
Kirchturm in der klaren Winterluft fast greifbar herüber. Das Bellen
eines Hundes, laute menschliche Stimmen drangen zuweilen durch das
stampfende Geräusch des Schiffes, das Bersten des Eises.
Die Wiesen zur Rechten waren eine große weißsamtne Fläche, die weiten
Kiefernwaldungen dahinter von Schneemassen überlastet. Tief bogen sich
die Äste herab und drohten abzubrechen. Die Kronen einzelner Tannen
hingen schwer zur Seite.
Ilse stand neben dem Kapitän, während sich die anderen unter dem
Schutz des Windfanges niedergelassen hatten und die Füße auf
wollumwickelte Wärmflaschen setzten. Jürgen und Wolf staken in langen
Bärenpelzen, die sie sonst für weite Schlittenfahrten brauchten.
Konsul Martens hatte eine große Pelzdecke mitgenommen. Gut versorgt
waren alle. -- Nur Ilse trug weiter nichts als den von Herta
erhaltenen Pelzmantel und Tuchstiefeletten.
Bis hierher war das Eis noch mürbe gewesen, die starke Schiffsmaschine
brachte den Dampfer schnell vorwärts. Nun wurden die Ufer an beiden
Seiten eintöniger. Zur Linken tauchte in der Ferne die kleine
Stadt Pölitz auf, deren Schornsteine bläuliche Rauchwolken hoch
emporsandten. Hier begann das breitere Papenwasser.
»Auf dem ›Friedrich Barbarossa‹ war heute alles still, Martens,«
wandte sich Jürgen an den Freund.
»Es ist für die meisten Arbeiten zu kalt, Jürgen. Die tragbaren
kleinen Kohlenöfen reichen in den größeren inneren Räumen nicht aus.«
»Smiders ist auf keiner guten Bahn --«
»Na,« meinte Martens, »seine Lage wird anders, wenn er den reichen
Hamburger in die Firma hineinbekommt, den er neuerdings an der Hand
hat.«
»Wolf sagte mir schon davon. Er faßte Smiders in der ›Grünen Schanze‹
ab und horchte ihn aus.« Jürgen neigte sich zu dem Freund und
flüsterte ihm etwas zu.
»Ah,« machte dieser, »und Smiders hat nichts gemerkt?«
»Nicht die Bohne! Wir lassen alle Minen springen. Du mußt mithelfen,
daß der ›Friedrich Barbarossa‹ zur rechten Zeit fertig wird.«
»Wir haben Sichtwechsel -- damit sitze ich ihm auf dem Nacken, wenn er
falsches Spiel treibt.«
Sie verloren sich noch eine Zeitlang in dem Gespräch.
Wolf war mehrmals an Ilse herangetreten, die immer noch schweigsam mit
großen glänzenden Augen in die Ferne schaute.
»Sie müssen sich erkälten, Fräulein Ilse,« bat er wiederholt, »setzen
Sie sich doch zu uns unter den Schutz des Windfanges und machen Sie
von den Fußwärmern Gebrauch.«
»Ich friere nicht, Herr Wolf!«
Sie wollte nicht. Herta rief ihr zu: »Es ist deine Schuld nachher,
Ilse, wenn du nicht hörst!«
»Ich sehe nur einmal diese Winterpracht, Tante Herta, sie ist zu
schön!« war ihre Antwort.
Der Steward brachte jetzt heiße Bouillon und belegte Brötchen herauf.
Er reichte das Tablett herum und trat auch zu Ilse heran. Nun mußte
sie schon Platz nehmen, damit sie bequemer zugreifen konnte.
»Endlich gesellen Sie sich zu uns, Fräulein Hergenbach,« sagte
Martens. »Sie waren ziemlich lange in eine stumme Bewunderung
versunken.«
»Welcher Künstler vermöchte den Eindruck wiederzugeben, wie ich ihn
in dieser Stunde gewonnen habe! Das Eisige, Starre der winterlichen
Landschaft ist überwältigend schön, und da hinein dringt die
Kraftfülle, mit der unser Dampfer spielend den Widerstand zerbricht,«
antwortete sie nachdenklich.
»Sie haben etwas von der Schwermut der Norwegerin, Fräulein
Hergenbach,« bemerkte Konsul Martens auf ihre Worte hin.
»Fräulein Ilse -- Schwermut! Sie sind auf dem Holzwege, lieber
Konsul!« lachte Wolf. »Ich behaupte das Gegenteil.«
»Jürgen mag zwischen uns entscheiden,« meinte Martens.
Ilse hatte durch die kalte Luft leicht gerötete Wangen, die den sonst
blassen Gesichtszügen eine anmutige Frische verliehen. Sie richtete
jetzt ihre Augen erwartungsvoll auf Jürgen, was er sagen würde. Er sah
sie einen flüchtigen Augenblick hindurch freundlicher als sonst an.
»Ich kann mir nicht denken, daß es Fräulein Hergenbach angenehm ist,
von euch beiden umstritten und von mir begutachtet zu werden. Sie
kennt jedenfalls ihren Charakter am besten selbst und bedarf keines
salomonischen Urteils.«
»Ich danke Ihnen, Herr Plüddekamp,« fiel Ilse ein. »Anstatt mich
geistig zu zerlegen, sprechen Sie mir das eigene Recht dafür zu.«
»Wir Frauen bedürfen es dringend,« begann Herta, »um den Launen der
Männerwelt gegenüber gewachsen zu sein.«
»Um Gotteswillen, Schwester! Jetzt kommt dein Steckenpferdchen!« rief
Wolf mit gutgespieltem Entsetzen aus. »Ich blase schleunigst Frieden.«
»Wie immer, Wölfchen,« scherzte Herta. »Du bist keine Kampfesnatur.«
»Nein!« Es klang ganz leise, kaum verständlich. Ilse mußte es vor sich
hingesprochen haben.
Die Sonne war inzwischen emporgestiegen, und ihre Strahlen erwärmten
etwas die Luft. Die Kälte ließ bis auf wenige Grade nach. Eine
Strecke vor ihnen lag auf dem Eise ein Schwarm Graugänse. Als der
Dampfer näher kam, flogen sie mit lautem Geschnatter auf. Sofort
sprang Jürgen in die Höhe, legte die Hand über die Augen, um diese
gegen das Sonnenlicht zu schützen, und schaute ihnen nach.
»Hätte ich nur meine Büchse mitgenommen, Charles!« rief er Martens zu.
»Auf hundertfünfzig Meter, Jürgen?«
»Ich habe wilde Schwäne noch in größerer Entfernung auf dem Eis
getroffen, wenn der schlanke Hals und Kopf unter den Flügeln stak.«
Ilse schaute begeistert zu ihm auf und rief:
»Solch einen Schuß möchte ich sehen, Herr Plüddekamp. -- Einen
Wildschwan zu schießen --«
»Ich tue es nicht,« unterbrach sie Wolf. »Der Wildschwan ist ein
herrlicher Vogel. Sein schneeweißes Gefieder, der wundervolle Hals,
den er beim Fluge geradehin streckt, der weit hörbare hellklingende
Ton, den er ausstößt! Warum ihn töten --?«
»Eine interessante Jagdtrophäe -- lieber Wolf,« warf Martens ein. »Sie
sind kein rechter Jäger, wie Ihr Bruder.«
»Das kommt darauf an,« erwiderte dieser. »Ich halte auf ein Raubtier,
Reh, Karnickel oder Rebhuhn hin, -- schädliche und schmackhafte
Geschöpfe, -- aber auf einen Schwan, -- das schöne Geschöpf der
sagenhaften Nordlandswelt -- nein! Mir fällt dabei immer das Märchen
von den drei Schwanenjungfrauen ein, das mir Herta in der Kinderzeit
erzählte.«
»Auch für mich hat der Wildschwan etwas Sympathisches,« sagte diese.
»Zu genießen ist er nicht, -- nur die Schwanendaunen geben ein weiches
Schlummerkissen ab.«
»Es herrscht ein alter Aberglaube,« begann Wolf und sah, wie Ilse
aufhorchte, »daß ein toter Wildschwan Unglück ins Haus bringt. Jochen
Hindorf sprach davon, daß unsere schöne Mutter kurz darauf gestorben
sei, als mein Vater einen Schwan schoß und ihn heimsandte!«
»Unsinn!« brummte Jürgen. »Der alte Jochen will nur mit solchen
Flausen bewirken, daß dir grault. Ich selbst war damals mit dem Vater
auf der Jagd, dort vor uns über Stepenitz hinaus, am rechten Haffufer.
Wir schlichen durch hohes Rohr, damit uns die Schwäne nicht bemerken
konnten. Es gibt sonst keinen scheueren Vogel. Er läßt selten an sich
herankommen. Damals glückte es. Als wir am Rande des Rohres anlangten,
lagen die Schwäne in Büchsenschußweite vor uns auf dem blanken Eis.
Mein Vater stand vorn, er hob rasch das Gewehr, der Schuß krachte und
saß. Sechs Schwäne flogen mit schrillen Tönen auf, -- der siebente
blieb tot liegen. Ich selbst holte ihn heran und brachte ihn zum
Schlitten. Deine Mutter aber, Wolf, war zu der Zeit schon ein Jahr
vorher gestorben.«
»Sie werden bald einen Wildschwan schießen, Herr Plüddekamp,«
unterbrach Ilse plötzlich die entstandene Stille. Ihre tiefe Altstimme
klang dabei fast feierlich.
»Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung über meine Treffsicherheit,
Fräulein Hergenbach. Aber so bestimmt ist es wirklich nicht. Vielen
Jägern hier im Umkreis ist es während ihres ganzen Lebens nicht
gelungen.«
»Vielleicht gerade deshalb, -- sogar noch in diesem Winter, -- ich
möchte einmal das schöne weiße Gefieder streicheln.«
»Ilse!« Herta hatte es ausgerufen. »Was hast du für seltsame Wünsche!«
Das junge Mädchen schrak zusammen, stand dann auf, streifte Jürgen mit
einem hellen Aufleuchten ihrer Augen und trat zum Kapitän. Sie schaute
wieder auf die starre Fläche des Haffes, die sich jetzt weithin
öffnete.
Das Eis wurde stärker, der Dampfer arbeitete keuchend dagegen an.
Er hob sich vorn hoch empor, traf die hellglitzernde Masse und
brach krachend hindurch. Ein paarmal mußte er auch zurückgehen
und mit voller Wucht wieder anrennen, bis er eine starke Eiswand
durchschnitten hatte. Sie kamen jetzt nur langsam vorwärts. --