IX.

Nach einem heftigen Sturm trat starke Kälte ein. Die Oder und das

Haff froren fest zu, und die größten Eisbrecher hatten Mühe, eine

Fahrtrinne herzustellen. Konsul Martens war Aufsichtsrat bei einer

Schiffswerft. Er lud die Geschwister und Fräulein Hergenbach ein, eine

Fahrt über das Haff nach Swinemünde auf dem Eisbrecher mitzumachen.

Ein tiefgehender Amerikadampfer sollte danach auslaufen.

»Er will nur, daß Ilse bei der Partie ist,« sagte sich Wolf sofort. Es

war ihm deshalb nicht viel daran gelegen. »Ich habe keine besondere

Lust, man holt sich höchstens einen Katarrh bei dem kalten Wind,«

erwiderte er Jürgen, als dieser ihm die telephonische Einladung

mitteilte.

Herta mußte eine Sitzung im Frauenverein aufgeben und zögerte

deshalb mit der Antwort. Ilse bat, ihr die Fahrt durch die prächtige

Winterlandschaft zu gestatten. Nun war Wolf sofort dabei, und Herta

ließ sich ebenfalls bestimmen.

»Ich werde dich mit einem Pelzmantel versorgen, Ilse,« sagte sie. »Die

Luft auf dem freien Haff ist eisig und du bist sie nicht gewohnt.«

»Sonst hätte ich Ihnen meinen Stadtpelz angeboten, Fräulein Ilse, der

ist leicht und mollig,« scherzte Wolf.

»Das sieht dir wieder einmal ähnlich, Wölfchen,« rief Herta darauf.

»Du willst Ilse nur in Verlegenheit bringen!«

»I wo,« erwiderte dieser, »was du immer von mir denkst. Ich bin wie

ein Lamm --«

»-- im Wolfskleide,« ergänzte Ilse plötzlich.

Herta sah sie erstaunt an. In dem jungen Mädchen ging eine Entwicklung

vor sich. -- --

Zur festgesetzten Stunde fanden sie sich beim Dampfer ›Odin‹ ein.

Konsul Martens kam in seinem Dogcart an, er hatte sich etwas verspätet.

»Ein prächtiger Wintertag! Wir haben auf der Oder Schutz. Dann wird

uns freilich der Wind aus Nord-Nord-Ost stark entgegenpfeifen,« rief

er, nähertretend. »Es gibt rote Wangen, Fräulein Hergenbach,« wandte

er sich an diese. »Hat Ihnen meine Idee gefallen?«

»Er hat sich richtig den langen Eisrutsch ihretwegen ausgeklügelt,«

murmelte Wolf.

»Ich freue mich sehr, die Winterlandschaft des Haffs kennen zu lernen.

Der Frost ist ja ein großer Meister in der Kunst,« erwiderte Ilse.

»Gewiß! -- Sie werden heute einen malerischen Anblick haben, Fräulein

Hergenbach.«

»Und ich bin Ihnen dankbar dafür, Herr Konsul.«

Dieser betrat schon mit Herta die ausgelegte Schiffsbrücke. Jürgen

ergriff Ilses Hand, um sie bei der Glätte der Planken zu führen.

Sie sah mit einem raschen Blick zu ihm auf. Was für eine kraftvolle

Erscheinung dieser Mann doch besaß! Ein echt germanischer Recke der

Vorzeit, wie sie ihn liebte. --

Nun kamen sie an Deck. Auf der Kommandobrücke standen unter dem Schutz

des Windfanges einige Sitze. Von dort war die beste Umschau.

Der Kapitän des ›Odin‹, ein älterer, wetterfester Mann, begrüßte die

Gäste und sprach dann mit Konsul Martens.

»Wir werden mehr als die doppelte Fahrtzeit brauchen, Herr Konsul! Das

Eis hat sich sehr verdickt und wir müssen stark dagegen anlaufen.«

Ilse hörte diese Worte. Es wurde also nacht, bevor sie Swinemünde

erreichten. Etwas Ungewisses, Nervenerregendes lag vor ihr. Das gefiel

ihr. Nur nicht immer das Alltägliche. Sie nahm sich so sehr zusammen,

um Herta zu genügen. Zuweilen aber kam stürmisch das Verlangen, etwas

zu erleben. Jetzt kannte sie ihren Wert, weil die Männer um ihre

Gunst warben. Sie brauchte eigentlich nur die Hand auszustrecken.

Nur war sie sich nicht klar, ob es Liebelei, ein Erhaschen von

leidenschaftlichen Augenblicken oder rechtschaffene Bewerbung

bedeutete.

»Du wirst mit deinen Blicken noch einmal Unheil anrichten,« warnte

ihre Mutter schon, als sie noch jünger war.

Warum nur? Es sagte ihr's keiner! Woher sollte sie es also wissen?

Im Plüddekampschen Hause, in dem sie nun nach der Pensionszeit eine

gewisse Stellung einnahm, begann sie viel selbstbewußter zu werden.

Wolf Plüddekamp lag in ihrer Macht, sie fühlte es unwillkürlich. -- Er

war ein schöner junger Mann, liebenswürdig, feurig, aber er hing zu

sehr an ihren Augen. Sie vermißte den Kampf, nach dem sie sich im Sinn

der Gleichberechtigung der Geschlechter sehnte.

Kein Sichgehenlassen, -- ein wildes Aufwallen, -- ein gewaltsames

Ringen und dann -- ein rascher Sieg. Konsul Martens war ein älterer,

vornehmer Mann -- gewiß eine glänzende Partie -- doch fehlte ihm

alles, wonach sie unbewußt verlangte. Er besaß nicht die Kraftfülle,

der sie unterliegen mußte.

Aber Jürgen -- dieser ernste Gewaltmensch, -- mit den Fäusten wie ein

Sackträger, dem unbeugsamen Willen, -- der keine Frau an seiner Seite

haben wollte, -- das Weib nur als ein notwendiges Übel betrachtete,

ihn zu erringen, war eine Aufgabe.

Sie hätte laut aufjauchzen mögen, als sich der Dampfer jetzt in

Bewegung setzte, die Pleuelstangen im Maschinenraum dumpf anhoben,

die Schraube schlug, die Dampfpfeife weithin heulte und das Eis

am Bugspriet krachend brach. Die Schollen glitten knirschend und

schlürfend an den Stahlplatten der Schiffswände entlang. Das Wasser

rauschte über die Besiegten hinweg.

Der Hafen mit den vielen eingefrorenen Dreimastern, Schonern, Briggs

und Fischerschaluppen lag hinter ihnen, sie kamen auf das breite

Stromeis hinaus. Es ging vorüber an den verschiedenen Schiffswerften,

am Vulkan, auf dessen Hellingen mächtige Dampfer der Vollendung

harrten, den gewaltigen Hochöfen der Henckel-Donnersmarkwerke,

den Brikett- und Sandsteinfabriken, den chemischen Werken, kurz

der gesamten Großindustrie an der Odermündung. Noch sah man den

tiefverschneiten Höhenrücken, der sich am linken Oderufer bis in

die weite Ferne hinzog. Hie und da schaute ein Dorf mit seinem

Kirchturm in der klaren Winterluft fast greifbar herüber. Das Bellen

eines Hundes, laute menschliche Stimmen drangen zuweilen durch das

stampfende Geräusch des Schiffes, das Bersten des Eises.

Die Wiesen zur Rechten waren eine große weißsamtne Fläche, die weiten

Kiefernwaldungen dahinter von Schneemassen überlastet. Tief bogen sich

die Äste herab und drohten abzubrechen. Die Kronen einzelner Tannen

hingen schwer zur Seite.

Ilse stand neben dem Kapitän, während sich die anderen unter dem

Schutz des Windfanges niedergelassen hatten und die Füße auf

wollumwickelte Wärmflaschen setzten. Jürgen und Wolf staken in langen

Bärenpelzen, die sie sonst für weite Schlittenfahrten brauchten.

Konsul Martens hatte eine große Pelzdecke mitgenommen. Gut versorgt

waren alle. -- Nur Ilse trug weiter nichts als den von Herta

erhaltenen Pelzmantel und Tuchstiefeletten.

Bis hierher war das Eis noch mürbe gewesen, die starke Schiffsmaschine

brachte den Dampfer schnell vorwärts. Nun wurden die Ufer an beiden

Seiten eintöniger. Zur Linken tauchte in der Ferne die kleine

Stadt Pölitz auf, deren Schornsteine bläuliche Rauchwolken hoch

emporsandten. Hier begann das breitere Papenwasser.

»Auf dem ›Friedrich Barbarossa‹ war heute alles still, Martens,«

wandte sich Jürgen an den Freund.

»Es ist für die meisten Arbeiten zu kalt, Jürgen. Die tragbaren

kleinen Kohlenöfen reichen in den größeren inneren Räumen nicht aus.«

»Smiders ist auf keiner guten Bahn --«

»Na,« meinte Martens, »seine Lage wird anders, wenn er den reichen

Hamburger in die Firma hineinbekommt, den er neuerdings an der Hand

hat.«

»Wolf sagte mir schon davon. Er faßte Smiders in der ›Grünen Schanze‹

ab und horchte ihn aus.« Jürgen neigte sich zu dem Freund und

flüsterte ihm etwas zu.

»Ah,« machte dieser, »und Smiders hat nichts gemerkt?«

»Nicht die Bohne! Wir lassen alle Minen springen. Du mußt mithelfen,

daß der ›Friedrich Barbarossa‹ zur rechten Zeit fertig wird.«

»Wir haben Sichtwechsel -- damit sitze ich ihm auf dem Nacken, wenn er

falsches Spiel treibt.«

Sie verloren sich noch eine Zeitlang in dem Gespräch.

Wolf war mehrmals an Ilse herangetreten, die immer noch schweigsam mit

großen glänzenden Augen in die Ferne schaute.

»Sie müssen sich erkälten, Fräulein Ilse,« bat er wiederholt, »setzen

Sie sich doch zu uns unter den Schutz des Windfanges und machen Sie

von den Fußwärmern Gebrauch.«

»Ich friere nicht, Herr Wolf!«

Sie wollte nicht. Herta rief ihr zu: »Es ist deine Schuld nachher,

Ilse, wenn du nicht hörst!«

»Ich sehe nur einmal diese Winterpracht, Tante Herta, sie ist zu

schön!« war ihre Antwort.

Der Steward brachte jetzt heiße Bouillon und belegte Brötchen herauf.

Er reichte das Tablett herum und trat auch zu Ilse heran. Nun mußte

sie schon Platz nehmen, damit sie bequemer zugreifen konnte.

»Endlich gesellen Sie sich zu uns, Fräulein Hergenbach,« sagte

Martens. »Sie waren ziemlich lange in eine stumme Bewunderung

versunken.«

»Welcher Künstler vermöchte den Eindruck wiederzugeben, wie ich ihn

in dieser Stunde gewonnen habe! Das Eisige, Starre der winterlichen

Landschaft ist überwältigend schön, und da hinein dringt die

Kraftfülle, mit der unser Dampfer spielend den Widerstand zerbricht,«

antwortete sie nachdenklich.

»Sie haben etwas von der Schwermut der Norwegerin, Fräulein

Hergenbach,« bemerkte Konsul Martens auf ihre Worte hin.

»Fräulein Ilse -- Schwermut! Sie sind auf dem Holzwege, lieber

Konsul!« lachte Wolf. »Ich behaupte das Gegenteil.«

»Jürgen mag zwischen uns entscheiden,« meinte Martens.

Ilse hatte durch die kalte Luft leicht gerötete Wangen, die den sonst

blassen Gesichtszügen eine anmutige Frische verliehen. Sie richtete

jetzt ihre Augen erwartungsvoll auf Jürgen, was er sagen würde. Er sah

sie einen flüchtigen Augenblick hindurch freundlicher als sonst an.

»Ich kann mir nicht denken, daß es Fräulein Hergenbach angenehm ist,

von euch beiden umstritten und von mir begutachtet zu werden. Sie

kennt jedenfalls ihren Charakter am besten selbst und bedarf keines

salomonischen Urteils.«

»Ich danke Ihnen, Herr Plüddekamp,« fiel Ilse ein. »Anstatt mich

geistig zu zerlegen, sprechen Sie mir das eigene Recht dafür zu.«

»Wir Frauen bedürfen es dringend,« begann Herta, »um den Launen der

Männerwelt gegenüber gewachsen zu sein.«

»Um Gotteswillen, Schwester! Jetzt kommt dein Steckenpferdchen!« rief

Wolf mit gutgespieltem Entsetzen aus. »Ich blase schleunigst Frieden.«

»Wie immer, Wölfchen,« scherzte Herta. »Du bist keine Kampfesnatur.«

»Nein!« Es klang ganz leise, kaum verständlich. Ilse mußte es vor sich

hingesprochen haben.

Die Sonne war inzwischen emporgestiegen, und ihre Strahlen erwärmten

etwas die Luft. Die Kälte ließ bis auf wenige Grade nach. Eine

Strecke vor ihnen lag auf dem Eise ein Schwarm Graugänse. Als der

Dampfer näher kam, flogen sie mit lautem Geschnatter auf. Sofort

sprang Jürgen in die Höhe, legte die Hand über die Augen, um diese

gegen das Sonnenlicht zu schützen, und schaute ihnen nach.

»Hätte ich nur meine Büchse mitgenommen, Charles!« rief er Martens zu.

»Auf hundertfünfzig Meter, Jürgen?«

»Ich habe wilde Schwäne noch in größerer Entfernung auf dem Eis

getroffen, wenn der schlanke Hals und Kopf unter den Flügeln stak.«

Ilse schaute begeistert zu ihm auf und rief:

»Solch einen Schuß möchte ich sehen, Herr Plüddekamp. -- Einen

Wildschwan zu schießen --«

»Ich tue es nicht,« unterbrach sie Wolf. »Der Wildschwan ist ein

herrlicher Vogel. Sein schneeweißes Gefieder, der wundervolle Hals,

den er beim Fluge geradehin streckt, der weit hörbare hellklingende

Ton, den er ausstößt! Warum ihn töten --?«

»Eine interessante Jagdtrophäe -- lieber Wolf,« warf Martens ein. »Sie

sind kein rechter Jäger, wie Ihr Bruder.«

»Das kommt darauf an,« erwiderte dieser. »Ich halte auf ein Raubtier,

Reh, Karnickel oder Rebhuhn hin, -- schädliche und schmackhafte

Geschöpfe, -- aber auf einen Schwan, -- das schöne Geschöpf der

sagenhaften Nordlandswelt -- nein! Mir fällt dabei immer das Märchen

von den drei Schwanenjungfrauen ein, das mir Herta in der Kinderzeit

erzählte.«

»Auch für mich hat der Wildschwan etwas Sympathisches,« sagte diese.

»Zu genießen ist er nicht, -- nur die Schwanendaunen geben ein weiches

Schlummerkissen ab.«

»Es herrscht ein alter Aberglaube,« begann Wolf und sah, wie Ilse

aufhorchte, »daß ein toter Wildschwan Unglück ins Haus bringt. Jochen

Hindorf sprach davon, daß unsere schöne Mutter kurz darauf gestorben

sei, als mein Vater einen Schwan schoß und ihn heimsandte!«

»Unsinn!« brummte Jürgen. »Der alte Jochen will nur mit solchen

Flausen bewirken, daß dir grault. Ich selbst war damals mit dem Vater

auf der Jagd, dort vor uns über Stepenitz hinaus, am rechten Haffufer.

Wir schlichen durch hohes Rohr, damit uns die Schwäne nicht bemerken

konnten. Es gibt sonst keinen scheueren Vogel. Er läßt selten an sich

herankommen. Damals glückte es. Als wir am Rande des Rohres anlangten,

lagen die Schwäne in Büchsenschußweite vor uns auf dem blanken Eis.

Mein Vater stand vorn, er hob rasch das Gewehr, der Schuß krachte und

saß. Sechs Schwäne flogen mit schrillen Tönen auf, -- der siebente

blieb tot liegen. Ich selbst holte ihn heran und brachte ihn zum

Schlitten. Deine Mutter aber, Wolf, war zu der Zeit schon ein Jahr

vorher gestorben.«

»Sie werden bald einen Wildschwan schießen, Herr Plüddekamp,«

unterbrach Ilse plötzlich die entstandene Stille. Ihre tiefe Altstimme

klang dabei fast feierlich.

»Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung über meine Treffsicherheit,

Fräulein Hergenbach. Aber so bestimmt ist es wirklich nicht. Vielen

Jägern hier im Umkreis ist es während ihres ganzen Lebens nicht

gelungen.«

»Vielleicht gerade deshalb, -- sogar noch in diesem Winter, -- ich

möchte einmal das schöne weiße Gefieder streicheln.«

»Ilse!« Herta hatte es ausgerufen. »Was hast du für seltsame Wünsche!«

Das junge Mädchen schrak zusammen, stand dann auf, streifte Jürgen mit

einem hellen Aufleuchten ihrer Augen und trat zum Kapitän. Sie schaute

wieder auf die starre Fläche des Haffes, die sich jetzt weithin

öffnete.

Das Eis wurde stärker, der Dampfer arbeitete keuchend dagegen an.

Er hob sich vorn hoch empor, traf die hellglitzernde Masse und

brach krachend hindurch. Ein paarmal mußte er auch zurückgehen

und mit voller Wucht wieder anrennen, bis er eine starke Eiswand

durchschnitten hatte. Sie kamen jetzt nur langsam vorwärts. --

Geschwister Plüddekamp · 第 13 / 30 题