Herta erhob sich, -- ihre Brüder zogen sich mit den Gästen in das
Rauchzimmer zurück, in dem der Kaffee gereicht wurde.
»Tante Herta,« bat Ilse herantretend, »laß mich das Silber in die
Kästen einreihen. Ich habe darauf geachtet, wie du es fortlegst.«
Fräulein Plüddekamp war in der Behandlung des wertvollen alten, aus
mehreren Generationen stammenden Familiensilbers sehr peinlich. Sie
besorgte das Fortlegen in die hohen, mit dunklem Samt ausgeschlagenen
Eichenkästen stets selbst. -- Als sich Ilse nun mit der Bitte an sie
wandte, ihr das Amt abzunehmen, war sie davon anfangs unangenehm
berührt. Es schien ihr ein Eingriff in ihre Rechte zu sein. Sie sah
deshalb das junge Mädchen einen Augenblick unfreundlich an. Dann
besann sie sich aber rasch. Ilse sollte doch die Hausfrauenpflichten
bei ihr erlernen. Dazu gehörte auch die Ordnung und Aufbewahrung des
Silbers. Herta dachte und handelte in allen Dingen gerecht.
»Ich will es dir überlassen, liebe Ilse. Ich erwarte aber die nötige
Sorgfalt dabei,« erwiderte sie nach kurzer Überlegung.
Das junge Mädchen sagte einfach: »Ich danke dir, Tante Herta,« und
machte sich sofort an die Arbeit.
»Wir können die große Kristallkrone ausdrehen, Ilse,« bemerkte
Fräulein Plüddekamp, »die Deckenbeleuchtung genügt vollständig.«
Ilse ging sofort an den Ausschalter, der sich am Eingang in das
Speisezimmer befand, und durch einen raschen Griff wurde die Krone
dunkel gestellt. Jetzt fiel das elektrische Licht nur noch matt aus
den milchichten Gläsern an der Decke herab und hüllte die schlanke
Mädchengestalt in eigenartige Beleuchtung ein. Herta hatte sich in der
Sofanische niedergelassen und ruhte dort aus. Sie hörte leise Schritte
im anstoßenden Salon. Ihre blauen, scharfblickenden Augen sahen
sofort dorthin, und sie erkannte Wolf, der Ilse bei ihrer Tätigkeit
zuschaute, ohne sich bemerkt zu glauben.
»Er ist ihr ganz verfallen,« dachte Herta. »Was soll nur daraus
werden? Schicke ich sie nach Nordhausen zurück, so muß ich einen Grund
dafür angeben, und sie hat mir diesen bisher in keiner Weise geboten.
Ich werde mit Jürgen reden; Wolf braucht eine Luftveränderung, um auf
andere Gedanken zu kommen. Er liebt den Süden, mag er auf einige Zeit
dorthin gehen.«
Martens war Wolf Plüddekamp gefolgt und stand plötzlich neben ihm.
»Als Nichtraucher ist es mir hier bei Ihnen angenehmer als dort
drinnen, lieber Wolf,« sagte er plötzlich.
Dieser fuhr wie aus Träumen auf. Er hatte den Konsul auf dem weichen
Smyrnateppich nicht kommen hören.
»Sie haben einen interessanten Ausblick hier!« fuhr Martens fort.
»Fräulein Hergenbach waltet als Hausfrau. Eine brillante Erscheinung.
Schlank wie eine Tanne und abgerundete Bewegungen. Sie treibt viel
Sport -- nicht wahr?«
»Wir spielen zuweilen Lawn-Tennis, -- wenn die Witterung es erlaubt,«
entgegnete Wolf kurz.
»Die junge Dame muß eine gute Figur zu Pferde haben. Sind Sie schon
zusammen ausgeritten?« fragte Martens weiter.
»Nein,« stieß Wolf förmlich abwehrend hervor. »Mein Fuchs ist zu
unruhig und Jürgens Brauner -- ist ein grobknochiger Geselle, der
unter dem Damensattel wie ein Elefant aussehen würde. Herta hat, wie
Sie wohl wissen, ihr Reitpferd seit dem letzten Jahre abgeschafft.
Sie hegt die Ansicht, bei ihrer Vereinstätigkeit keine Zeit mehr dafür
erübrigen zu können.«
»Schade, sehr schade,« fiel der Konsul ein. »Wenn Fräulein Hergenbach
ausreiten will, -- ich habe eine ausgezeichnete lichtbraune Stute,
die sehr gut zugeritten ist, und stelle sie gern der jungen Dame zur
Verfügung.«
Wolf mochte nicht darauf eingehen.
»Ich glaube kaum, daß es Herta willkommen wäre, wenn Fräulein Ilse der
Wirtschaft viel entführt wird.«
»O, ich werde bei meiner lieben Freundin ein gutes Wort einlegen.
Was bietet Stettin sonst Fräulein Hergenbach?« Er wollte in das
Speisezimmer gehen, in dem Herta noch in der Sofanische saß.
»Unterlassen Sie es, Konsul Martens,« sagte Wolf hastig und legte
seine Hand fest auf den Arm des älteren Mannes. »Aus Ihrem Munde
könnte es Herta leicht kränken.«
Der halb getane Schritt des Konsuls wurde sofort gehemmt. Er seufzte
leicht auf. »Sie haben recht, lieber Wolf! Der freieste Mensch hat
Rücksichten zu nehmen, die uns gute Sitte auferlegt. Kommen Sie, wir
kehren in den Rauch der Exporten zurück.«
Jürgen, Baron Berleburg und der Prokurist Armin hatten sich in das
beliebte Geschäftsgespräch über die Kornkonjunktur verwickelt. Dies
floß bei den drei Herren am leichtesten.
»Wäre Rußland nicht eine große Kornkammer,« betonte Armin, als Wolf
Plüddekamp mit Konsul Martens eintrat, »es wäre um Europa schlecht
bestellt.«
»Sie sind unser Gegner, Herr Armin,« ließ sich Baron Berleburg
hören. »Schutzzölle, immer höhere Schutzzölle brauchen wir, um die
einheimische Landwirtschaft zu kräftigen. Nur darin liegt die Quelle
dauernden Wohlstandes, -- die Industrie nimmt uns die Arbeiter fort,
-- schadet uns -- ganz riesig.«
»Seit dem Aufschwung der Industrie ist Deutschland erst ein Weltstaat
geworden. Seine jetzige Wohlhabenheit kommt von dem Gold, das uns
aus anderen Ländern für die versandten Waren zufließt. Auch unser
Getreideexport spricht mit,« erwiderte Armin fest.
Baron Berleburg wollte sich mit diesem nicht verfeinden, er brauchte
ihn als Fürsprecher bei Jürgen Plüddekamp. Er versuchte darum,
einzulenken.
»Sie müssen auf der Seite der Landwirte sein, Herr Armin. Wir machen
Ihnen doch die Geschäfte! Durch uns verdienen Sie die Goldbarren, die
Haus Plüddekamp birgt --«
»Es war mal,« meinte Jürgen darauf, »heute fällt der Gewinn verteufelt
mager aus. Ein paar Prozente nur -- dafür riskiert man ein großes
Kapital, das stets in der Schwebe hängt.«
»Aber von sicherer Hand gehalten wird, Freund Jürgen,« sprach
Martens dazwischen. »Bisher bist du von größeren Verlusten stets
verschont geblieben. In unserer Industrie geht es nicht so sicher
zu. Ich besitze als Bankier manche Kenntnis davon. -- Der Eisenmarkt
zeigt zuweilen ein höhnisches Gesicht; wer konnte es ahnen, daß
die Engländer und ihre Vettern über dem Wasser einen solchen bösen
Fischfang vorhatten. Wunden, die ein ungeheurer Weltkrieg schlägt,
bedürfen einer langen Heilung.«
»Erst langer Friede schafft neue Werte. Korn ist Volksnahrung,
-- Eisen dient zur Herstellung von Gebrauchsartikeln, wenn die
Kriegsfurie es nicht fortsaugt, lieber Martens. Korn und Eisen hängt
innig zusammen. Die eiserne Pflugschar schält den Boden und regt
ihn an, neues Wachstum für die Einsaat hervorzubringen. Die eiserne
Walze ebnet, und die eisernen Zinken der Egge lockern die harte
Erdrinde auf, daß die Keime besser sprießen. So tut das Eisen seine
Schuldigkeit. Ich meine, Industrie und Landwirtschaft ergänzen sich,
wie zwei Schwestern, die gemeinsam den Haushalt führen, dabei sparsam
und rationell wirtschaften.«
»Gefällt mir -- ganz riesig,« rief Baron Berleburg begeistert aus.
»Die Gelder müssen in einen Topp hinein und jeder den Vorteil davon
haben.«
Wolf verbiß sich ein Lachen. Der reine Egoismus, der nur nach
leichtem Gewinn trachtete, stand auf der Fahne Berleburgs zu deutlich
geschrieben. --
Die Stunden verstrichen. Armin war ins Theater gegangen. Konsul
Martens wollte ihm folgen.
Ehe er sich verabschiedete, gab er Jürgen einen Wink. Sie traten vor
eine große japanische Bronze hin, die ein gewaltiges sagenhaftes
Drachentier darstellte. Indem sie dies anscheinend betrachteten,
flüsterte Martens Jürgen zu:
»Alfred Smiders war neulich bei mir. Er will schon wieder einen großen
Dampfer bauen lassen, und der ›Friedrich Barbarossa‹ ist noch nicht
einmal aus dem Dock heraus. Er gab an, daß seine Verbindung mit dir es
dringend notwendig mache. Wie steht es damit, Jürgen?«
Dieser hatte aufgehorcht. Er erkannte sofort, daß Smiders ihn nur für
seine Zwecke ausspielen wollte, und antwortete:
»Der ›Friedrich Barbarossa‹ genügt mir vollständig, Charles. Ich
glaube kaum, daß der Export nach Spanien mehr verlangen wird.
Hoffentlich wird er rechtzeitig fertig. Weißt du etwas davon?«
»Nichts Genaues,« klang es leise zurück, »ich werde mich aber
informieren. Du kennst doch Alfred Smiders!«
»Stimmt, Charles! Er versucht bereits, uns zu schnellen. Wolf soll ihn
in die Schere nehmen.«
»Wolf?« fragte der Konsul zurück. »Ich kann mir's denken. Du bist für
solche Nebensprünge in lichtscheue Lokale nicht geeicht. Smiders ist
aber sonst nicht zu packen. Ich beneide deinen Bruder nicht um die
erhaltene Aufgabe.«
»Geht nicht anders!« fiel Jürgen ein. »Aber Charles, ich bitte dich,
-- du schwebst doch über den Wassern, -- warne mich rechtzeitig, falls
es dir notwendig erscheint.«
»Natürlich, lieber Jürgen! Alfred Smiders segelt bei allen Banken
umher. Ich bin nur insoweit für ihn interessiert, als er unsere
Gesellschaft prompt bezahlen muß.«
Sie schüttelten sich die Hände, und Martens ging zu Herta in den
Salon. Berleburg hielt noch stand, er wollte einen günstigen
Augenblick für seinen Angriff auf Jürgen abpassen. Dieser hatte Wolf
ein Zeichen gegeben, daß er bei ihm bleiben sollte. Der junge Mann
begann aber bald zu gähnen. Die Unterhaltung der beiden wurde ihm
langweilig. Berleburg tat sich wichtig mit alten Garnisongeschichten,
die er schon oft genug gehört hatte.
»Martens ist fort und Herta allein im Salon,« sagte Wolf plötzlich.
»Wollen wir ihr nicht Gesellschaft leisten?«
Er erhob sich und ging voran. Jürgen war dies recht, darum forderte er
den Baron zur Übersiedelung auf. Kaum hatten sie sich aber bei Herta
niedergelassen, als Wolf rasch hinauseilte. Ilse war nicht dort; er
hoffte, diese irgendwo allein anzutreffen.
Berleburg saß wie auf Kohlen, die Umstände vereitelten sein Vorhaben,
und er mußte dabei den Liebenswürdigen spielen. Fräulein Hergenbach
erschien plötzlich im Speisezimmer und richtete den Teetisch vor. Das
Stubenmädchen brachte auf silberner Platte ein Telegramm herein. Ilse
nahm es ab und trat an die Salontür.
»Herr Plüddekamp, einen Augenblick!«
Jürgen erhob sich langsam und kam auf sie zu.
»Sie wünschen, Fräulein Hergenbach?« fragte er mit seiner metallen
klingenden Stimme.
»Es ist ein Telegramm für Sie eingegangen.«
Jürgen entzündete eine tief angebrachte elektrische Birne, riß das
Telegramm auf und überflog es.
»Entschuldigen Sie mich bitte bei meiner Schwester, und Baron
Berleburg, Fräulein Hergenbach. Ich muß sofort ins Kontor, um ein
eiliges Schreiben zu erledigen.«
Schon war er hinaus und eilte die Treppe hinab. Ilse stand Minuten
regungslos da. Die grauen Augen starrten auf die Tür, die Jürgen
soeben rasch hinter sich geschlossen. Es war, als ob sie ein Traum
umfing. Die Augenlider sanken ein wenig herab. Sie strich dann mit
ihrer schmalen Hand langsam über die Stirn, als wolle sie dahinter
eine Flut von Gedanken ordnen.
Dann ging sie zu Herta in den Salon und teilte ihr mit, daß Herr
Plüddekamp geschäftlich verhindert sei und erst in einiger Zeit
zurückkehren würde. Sie setzte noch hinzu:
»Der Tee wird gleich bereit sein, Tante Herta.« Darauf verschwand sie
wieder.
Baron Berleburg streckte sich ein wenig in dem bequemen Polstersessel
aus und wurde immer liebenswürdiger. Es schien ein Gedanke in ihm
aufgetaucht zu sein, der ihm noch ersprießlicher vorkam, als eine
Anbohrung neuen Kredites bei Jürgen Plüddekamp. Glückte es ihm, so war
er für immer geborgen. Herta, diese stattliche, vornehme Erscheinung
dabei in den Kauf zu nehmen, hielt er für keine üble Aussicht. Ihre
erste Jugend mußte vorüber sein. Es schadete auch nichts, um so
verständiger würde sie als Frau auftreten und eine Baronin Berleburg
auf Schloß Berleburg tadellos darstellen. Teufel -- es galt, nicht zu
zögern! Er ging ans Werk.
Herta kam aus dem Erstaunen gar nicht heraus, als jetzt der einstige
Dragoneroffizier den Gefühlvollen zeigte und von ganz riesig tiefer
Leidenschaft sprach, die er schon jahrelang gehegt und nur verborgen
gehalten habe.
»Wo bleibt nur Ilse?« dachte Herta. »Wolf kommt auch nicht wieder!«
Sie glaubte anfangs, die lange Rede des Barons wäre eine seiner
beliebten Tiraden, bis sie doch schließlich die direkte Absicht merkte
und eine törichte Erklärung verhindern wollte.
Er wurde immer deutlicher, und sie stand plötzlich auf.
»Das Teewasser kocht bereits, Herr Baron! Verzeihen Sie -- ich will
nur Fräulein Hergenbach rufen! -- Ilse -- Ilse!« rief sie laut auf den
Korridor hinaus.
Berleburg zog verdrießlich an seiner Krawatte. Er war so schön im Zuge
gewesen, und die ältliche Patriziertochter mußte sich doch höchst
geehrt fühlen, wenn er ihre Hand und die große Mitgift begehrte. Sein
Konto im Hauptbuch Jürgen Plüddekamps würde dann ein sehr ansehnliches
Guthaben aufweisen. Die Hypotheken von Rittergut Berleburg
verminderten sich bis auf die Eintragungen der General-Landschaft. War
das nicht eine sehr aussichtsvolle Lage? Herta machte sich aber recht
lange am Teetisch zu schaffen und überließ den hageren Herrn seiner
weiteren Gedankenmalerei. -- -- --
Im Kontor leuchtete das elektrische Licht auf. Jürgen setzte sich an
seinen Schreibtisch. Vor ihm lag das offene Telegramm; er schaute
darauf hin und begann bereits in Gedanken zu disponieren. Ärgerlich,
daß niemand zugegen war, dem er einen Brief diktieren konnte! Das
Selbstschreiben war ihm unbequem. Er hatte auch keinen Kopierapparat
zur Hand, da alle Briefe auf den Schreibmaschinen durchgeschlagen
wurden. Es betraf aber eine Sache von größter Wichtigkeit, und Eile
war geboten.
Es klopfte leise an der Tür.
»Herein!« rief er mit starker Stimme.
Ilse Hergenbach trat ein und schlug die großen Augen bescheiden zu ihm
auf.
»Sie brauchen eine Stenogrammaufnahme, Herr Plüddekamp, und haben
niemand zur Verfügung. Darf ich es ausführen? Ich stelle den Brief auf
der Schreibmaschine schnell her. Die letzte Post wird erst in einer
Stunde aus dem Briefkasten abgeholt.«
Ihre Blicke trafen sich. Nur ein leises Zucken der harten Mundwinkel
verriet, daß in dem überlegenen Geschäftsmann etwas vorging. Er
zögerte noch.
»Ich werde meinem Worte untreu, Fräulein Hergenbach --«
»Warum nicht, Herr Plüddekamp! Es ist nur ein Ausnahmefall, und ich
tue es gewiß gern für Sie.«
Wie die grauen Augen gefährlich aufleuchteten und nicht weichen
wollten! Ein bescheidenes Bitten und doch trotziges Verlangen lag in
ihnen. Warum widerstehst du so lange? Die anderen sind glücklich, wenn
ich ihnen einen Blick schenke. Du bist so hartnäckig, abwehrend -- ich
will aber meine Kraft erproben, ich will wissen -- jetzt zeigte sich
die volle gefährliche Glut in dem Blicke.
Jürgen stand schweratmend von seinem Schreibsessel auf.
»Nehmen Sie bitte Wolfs Platz ein, Fräulein Hergenbach. Ich bin
gewohnt, schnell zu diktieren. Werden Sie mir folgen können?«
»Ich werde es --«
Er ließ sich wieder nieder; schon saß sie ihm gegenüber und hatte
Papier und Bleistift zur Hand genommen.
Jetzt konnte er ruhig aufsehen; während er sprach, mußte sie den Blick
auf den weißen Bogen vor sich heften.
Bei den ersten Worten zitterte seine Stimme ein wenig, dann gewann sie
bald ihren festen Klang zurück. Das Diktat näherte sich bereits seinem
Ende, als die Tür hastig geöffnet wurde und Wolf erschien.
»Hier finde ich Sie endlich, Fräulein Ilse!« rief er erregt aus.
»Meine Schwester läßt Sie im ganzen Hause suchen. Der Tee hat zu lange
gezogen --«
Ilse sah nicht auf, sie erwiderte auch nichts. Sie wußte, daß Jürgen
antworten würde.
»Entschuldige Fräulein Hergenbach bei Herta. Sie hat ein eiliges
Stenogramm von mir aufgenommen und muß es noch mit der Schreibmaschine
übertragen. Wir sind in kurzer Zeit fertig und kommen dann nach oben
--«
»Ausgezeichnet -- wirklich ausgezeichnet! Die Erlernung des Haushaltes
ist bis zum Kontor hinuntergedrungen. Sie sind in allem eine Meisterin
-- Fräulein Ilse! -- Und du -- Jürgen?« Es flammte etwas Unheilvolles
in den blauen Augen auf, die sich fest auf den Bruder richteten.
»Kein Zeitverlust, Wolf!« erwiderte Jürgen kalt. -- »Das Diktat ist
noch nicht zu Ende -- du störst uns -- bitte --«
Wolf pfiff zwischen den Zähnen hindurch, schloß aber die Tür wieder
und stürmte, ohne ein weiteres Wort gesagt zu haben, die Treppe hinauf.
»Ilse macht bei Jürgen -- dem Hasser alles Weiblichen im Kontor --
das Tippfräulein! Was sagst du dazu, Herta?« rief er atemlos ins
Speisezimmer hinein, in dem diese noch am Teetisch beschäftigt war.
Sie sah den jüngeren Bruder erstaunt an.
»Warum solche Scherze, Wolf!«
»Scherze? -- -- Teure Herta, vollkommener Ernst -- eine unbestreitbare
Tatsache. Geh hinunter und überzeuge dich. Die Männertollheit wird
größer, immer größer, Herta -- wundere dich über nichts mehr!«
Diese legte die Hand auf den Mund und deutete auf das Nebenzimmer; er
sollte sich an die Gegenwart des Gastes erinnern. Sie trat dann dicht
an ihn heran und flüsterte:
»Du bleibst bei mir, Wolf! Berleburg ist unausstehlich, er war nahe
daran, mir in aller Form einen Antrag zu machen!«
Der junge Mann verzog das Gesicht zu einer tragikomischen Miene.
»Um Gottes willen -- wenn es so fortgeht, ist Haus Plüddekamp eine
offene Bühne für Irrungen und Wirrungen. -- Ilse kommandiert den
strengen Jürgen, und ich spiele den Anstands-Wauwau bei meinem
geliebten Mütterlein --«
»Du bist ungezogen, Wolf; so alt bin ich noch nicht! Meine mütterliche
Sorgfalt aber hat dir manchen Dienst erwiesen.«
»Nicht zürnen, Herta,« bat er lächelnd ab. »Kommen Sie, Herr von
Berleburg,« rief er darauf in den Salon hinein. -- »Eine Tasse
Karawanentee von meiner lieben Schwester Hand ist tipp topp! Ich
schenke Ihnen dazu einen Meukow ein, den Sie nirgends so alt getrunken
haben. Mein Urahne hat ihn vermutlich 1812 aus der zurückgelassenen
Bagage des großen Napoleon erstanden.«
Der hagere Herr schaute verständnislos um sich. Er war aus seinen
Gedankenverbindungen und der Nachwirkung des alten Bordeaux jäh
erwacht. Die Wirklichkeit trat wieder vor ihn her. Schwerfällig erhob
er sich und ging steif nach dem Speisezimmer.
Als Jürgen und Ilse später an den Teetisch traten, sagte Fräulein
Plüddekamp zwar kein Wort, aber ihre Blicke gaben deutlich ein
Mißbehagen kund.
»Verzeih, Tante Herta, daß ich den Tee im Stich ließ,« bat Ilse, »aber
dein Bruder mußte die Angelegenheit sofort brieflich erledigen. Ich
kenne die Wichtigkeit der dringenden Telegramme von Papas Geschäft
her.«
»Bekümmere dich in erster Linie um deine Obliegenheiten,« erwiderte
Herta kurz. Es ärgerte sie, daß Ilse bei Jürgen mehr durchsetzte, als
sie es je vermocht hatte. Die Kontorräume wurden nie von ihr betreten.
Berleburg war kein Freund von Tee, wenn ihn auch der alte Meukow etwas
entschädigte. Er fühlte, daß sein Plan verunglückt war, und ließ den
Wagen anspannen, der bald mit ihm davonrollte.
Als die Geschwister am späten Abend voneinander schieden, sagten sie
sich kühl gute Nacht. Eins hegte gegen das andere Mißtrauen; Ilse
stand dazwischen mit der siegreichen Macht, die von ihr auf die Brüder
ausging. --
Wolf versuchte es auf alle erdenkliche Weise, sie in der nächsten Zeit
allein zu sprechen, sie wich ihm aber geflissentlich aus. Er bemerkte
deutlich, daß sie sich Jürgen durch kleine harmlose Dienstleistungen
fortgesetzt zu nähern versuchte. Dieser wollte Junggeselle bleiben, er
hatte es oft genug mit Bestimmtheit ausgesprochen und bereits seine
Geschwister in einem Testament als Erben eingesetzt. -- Welche Absicht
verfolgte Ilse also? -- --