VII.

Herta erhob sich, -- ihre Brüder zogen sich mit den Gästen in das

Rauchzimmer zurück, in dem der Kaffee gereicht wurde.

»Tante Herta,« bat Ilse herantretend, »laß mich das Silber in die

Kästen einreihen. Ich habe darauf geachtet, wie du es fortlegst.«

Fräulein Plüddekamp war in der Behandlung des wertvollen alten, aus

mehreren Generationen stammenden Familiensilbers sehr peinlich. Sie

besorgte das Fortlegen in die hohen, mit dunklem Samt ausgeschlagenen

Eichenkästen stets selbst. -- Als sich Ilse nun mit der Bitte an sie

wandte, ihr das Amt abzunehmen, war sie davon anfangs unangenehm

berührt. Es schien ihr ein Eingriff in ihre Rechte zu sein. Sie sah

deshalb das junge Mädchen einen Augenblick unfreundlich an. Dann

besann sie sich aber rasch. Ilse sollte doch die Hausfrauenpflichten

bei ihr erlernen. Dazu gehörte auch die Ordnung und Aufbewahrung des

Silbers. Herta dachte und handelte in allen Dingen gerecht.

»Ich will es dir überlassen, liebe Ilse. Ich erwarte aber die nötige

Sorgfalt dabei,« erwiderte sie nach kurzer Überlegung.

Das junge Mädchen sagte einfach: »Ich danke dir, Tante Herta,« und

machte sich sofort an die Arbeit.

»Wir können die große Kristallkrone ausdrehen, Ilse,« bemerkte

Fräulein Plüddekamp, »die Deckenbeleuchtung genügt vollständig.«

Ilse ging sofort an den Ausschalter, der sich am Eingang in das

Speisezimmer befand, und durch einen raschen Griff wurde die Krone

dunkel gestellt. Jetzt fiel das elektrische Licht nur noch matt aus

den milchichten Gläsern an der Decke herab und hüllte die schlanke

Mädchengestalt in eigenartige Beleuchtung ein. Herta hatte sich in der

Sofanische niedergelassen und ruhte dort aus. Sie hörte leise Schritte

im anstoßenden Salon. Ihre blauen, scharfblickenden Augen sahen

sofort dorthin, und sie erkannte Wolf, der Ilse bei ihrer Tätigkeit

zuschaute, ohne sich bemerkt zu glauben.

»Er ist ihr ganz verfallen,« dachte Herta. »Was soll nur daraus

werden? Schicke ich sie nach Nordhausen zurück, so muß ich einen Grund

dafür angeben, und sie hat mir diesen bisher in keiner Weise geboten.

Ich werde mit Jürgen reden; Wolf braucht eine Luftveränderung, um auf

andere Gedanken zu kommen. Er liebt den Süden, mag er auf einige Zeit

dorthin gehen.«

Martens war Wolf Plüddekamp gefolgt und stand plötzlich neben ihm.

»Als Nichtraucher ist es mir hier bei Ihnen angenehmer als dort

drinnen, lieber Wolf,« sagte er plötzlich.

Dieser fuhr wie aus Träumen auf. Er hatte den Konsul auf dem weichen

Smyrnateppich nicht kommen hören.

»Sie haben einen interessanten Ausblick hier!« fuhr Martens fort.

»Fräulein Hergenbach waltet als Hausfrau. Eine brillante Erscheinung.

Schlank wie eine Tanne und abgerundete Bewegungen. Sie treibt viel

Sport -- nicht wahr?«

»Wir spielen zuweilen Lawn-Tennis, -- wenn die Witterung es erlaubt,«

entgegnete Wolf kurz.

»Die junge Dame muß eine gute Figur zu Pferde haben. Sind Sie schon

zusammen ausgeritten?« fragte Martens weiter.

»Nein,« stieß Wolf förmlich abwehrend hervor. »Mein Fuchs ist zu

unruhig und Jürgens Brauner -- ist ein grobknochiger Geselle, der

unter dem Damensattel wie ein Elefant aussehen würde. Herta hat, wie

Sie wohl wissen, ihr Reitpferd seit dem letzten Jahre abgeschafft.

Sie hegt die Ansicht, bei ihrer Vereinstätigkeit keine Zeit mehr dafür

erübrigen zu können.«

»Schade, sehr schade,« fiel der Konsul ein. »Wenn Fräulein Hergenbach

ausreiten will, -- ich habe eine ausgezeichnete lichtbraune Stute,

die sehr gut zugeritten ist, und stelle sie gern der jungen Dame zur

Verfügung.«

Wolf mochte nicht darauf eingehen.

»Ich glaube kaum, daß es Herta willkommen wäre, wenn Fräulein Ilse der

Wirtschaft viel entführt wird.«

»O, ich werde bei meiner lieben Freundin ein gutes Wort einlegen.

Was bietet Stettin sonst Fräulein Hergenbach?« Er wollte in das

Speisezimmer gehen, in dem Herta noch in der Sofanische saß.

»Unterlassen Sie es, Konsul Martens,« sagte Wolf hastig und legte

seine Hand fest auf den Arm des älteren Mannes. »Aus Ihrem Munde

könnte es Herta leicht kränken.«

Der halb getane Schritt des Konsuls wurde sofort gehemmt. Er seufzte

leicht auf. »Sie haben recht, lieber Wolf! Der freieste Mensch hat

Rücksichten zu nehmen, die uns gute Sitte auferlegt. Kommen Sie, wir

kehren in den Rauch der Exporten zurück.«

Jürgen, Baron Berleburg und der Prokurist Armin hatten sich in das

beliebte Geschäftsgespräch über die Kornkonjunktur verwickelt. Dies

floß bei den drei Herren am leichtesten.

»Wäre Rußland nicht eine große Kornkammer,« betonte Armin, als Wolf

Plüddekamp mit Konsul Martens eintrat, »es wäre um Europa schlecht

bestellt.«

»Sie sind unser Gegner, Herr Armin,« ließ sich Baron Berleburg

hören. »Schutzzölle, immer höhere Schutzzölle brauchen wir, um die

einheimische Landwirtschaft zu kräftigen. Nur darin liegt die Quelle

dauernden Wohlstandes, -- die Industrie nimmt uns die Arbeiter fort,

-- schadet uns -- ganz riesig.«

»Seit dem Aufschwung der Industrie ist Deutschland erst ein Weltstaat

geworden. Seine jetzige Wohlhabenheit kommt von dem Gold, das uns

aus anderen Ländern für die versandten Waren zufließt. Auch unser

Getreideexport spricht mit,« erwiderte Armin fest.

Baron Berleburg wollte sich mit diesem nicht verfeinden, er brauchte

ihn als Fürsprecher bei Jürgen Plüddekamp. Er versuchte darum,

einzulenken.

»Sie müssen auf der Seite der Landwirte sein, Herr Armin. Wir machen

Ihnen doch die Geschäfte! Durch uns verdienen Sie die Goldbarren, die

Haus Plüddekamp birgt --«

»Es war mal,« meinte Jürgen darauf, »heute fällt der Gewinn verteufelt

mager aus. Ein paar Prozente nur -- dafür riskiert man ein großes

Kapital, das stets in der Schwebe hängt.«

»Aber von sicherer Hand gehalten wird, Freund Jürgen,« sprach

Martens dazwischen. »Bisher bist du von größeren Verlusten stets

verschont geblieben. In unserer Industrie geht es nicht so sicher

zu. Ich besitze als Bankier manche Kenntnis davon. -- Der Eisenmarkt

zeigt zuweilen ein höhnisches Gesicht; wer konnte es ahnen, daß

die Engländer und ihre Vettern über dem Wasser einen solchen bösen

Fischfang vorhatten. Wunden, die ein ungeheurer Weltkrieg schlägt,

bedürfen einer langen Heilung.«

»Erst langer Friede schafft neue Werte. Korn ist Volksnahrung,

-- Eisen dient zur Herstellung von Gebrauchsartikeln, wenn die

Kriegsfurie es nicht fortsaugt, lieber Martens. Korn und Eisen hängt

innig zusammen. Die eiserne Pflugschar schält den Boden und regt

ihn an, neues Wachstum für die Einsaat hervorzubringen. Die eiserne

Walze ebnet, und die eisernen Zinken der Egge lockern die harte

Erdrinde auf, daß die Keime besser sprießen. So tut das Eisen seine

Schuldigkeit. Ich meine, Industrie und Landwirtschaft ergänzen sich,

wie zwei Schwestern, die gemeinsam den Haushalt führen, dabei sparsam

und rationell wirtschaften.«

»Gefällt mir -- ganz riesig,« rief Baron Berleburg begeistert aus.

»Die Gelder müssen in einen Topp hinein und jeder den Vorteil davon

haben.«

Wolf verbiß sich ein Lachen. Der reine Egoismus, der nur nach

leichtem Gewinn trachtete, stand auf der Fahne Berleburgs zu deutlich

geschrieben. --

Die Stunden verstrichen. Armin war ins Theater gegangen. Konsul

Martens wollte ihm folgen.

Ehe er sich verabschiedete, gab er Jürgen einen Wink. Sie traten vor

eine große japanische Bronze hin, die ein gewaltiges sagenhaftes

Drachentier darstellte. Indem sie dies anscheinend betrachteten,

flüsterte Martens Jürgen zu:

»Alfred Smiders war neulich bei mir. Er will schon wieder einen großen

Dampfer bauen lassen, und der ›Friedrich Barbarossa‹ ist noch nicht

einmal aus dem Dock heraus. Er gab an, daß seine Verbindung mit dir es

dringend notwendig mache. Wie steht es damit, Jürgen?«

Dieser hatte aufgehorcht. Er erkannte sofort, daß Smiders ihn nur für

seine Zwecke ausspielen wollte, und antwortete:

»Der ›Friedrich Barbarossa‹ genügt mir vollständig, Charles. Ich

glaube kaum, daß der Export nach Spanien mehr verlangen wird.

Hoffentlich wird er rechtzeitig fertig. Weißt du etwas davon?«

»Nichts Genaues,« klang es leise zurück, »ich werde mich aber

informieren. Du kennst doch Alfred Smiders!«

»Stimmt, Charles! Er versucht bereits, uns zu schnellen. Wolf soll ihn

in die Schere nehmen.«

»Wolf?« fragte der Konsul zurück. »Ich kann mir's denken. Du bist für

solche Nebensprünge in lichtscheue Lokale nicht geeicht. Smiders ist

aber sonst nicht zu packen. Ich beneide deinen Bruder nicht um die

erhaltene Aufgabe.«

»Geht nicht anders!« fiel Jürgen ein. »Aber Charles, ich bitte dich,

-- du schwebst doch über den Wassern, -- warne mich rechtzeitig, falls

es dir notwendig erscheint.«

»Natürlich, lieber Jürgen! Alfred Smiders segelt bei allen Banken

umher. Ich bin nur insoweit für ihn interessiert, als er unsere

Gesellschaft prompt bezahlen muß.«

Sie schüttelten sich die Hände, und Martens ging zu Herta in den

Salon. Berleburg hielt noch stand, er wollte einen günstigen

Augenblick für seinen Angriff auf Jürgen abpassen. Dieser hatte Wolf

ein Zeichen gegeben, daß er bei ihm bleiben sollte. Der junge Mann

begann aber bald zu gähnen. Die Unterhaltung der beiden wurde ihm

langweilig. Berleburg tat sich wichtig mit alten Garnisongeschichten,

die er schon oft genug gehört hatte.

»Martens ist fort und Herta allein im Salon,« sagte Wolf plötzlich.

»Wollen wir ihr nicht Gesellschaft leisten?«

Er erhob sich und ging voran. Jürgen war dies recht, darum forderte er

den Baron zur Übersiedelung auf. Kaum hatten sie sich aber bei Herta

niedergelassen, als Wolf rasch hinauseilte. Ilse war nicht dort; er

hoffte, diese irgendwo allein anzutreffen.

Berleburg saß wie auf Kohlen, die Umstände vereitelten sein Vorhaben,

und er mußte dabei den Liebenswürdigen spielen. Fräulein Hergenbach

erschien plötzlich im Speisezimmer und richtete den Teetisch vor. Das

Stubenmädchen brachte auf silberner Platte ein Telegramm herein. Ilse

nahm es ab und trat an die Salontür.

»Herr Plüddekamp, einen Augenblick!«

Jürgen erhob sich langsam und kam auf sie zu.

»Sie wünschen, Fräulein Hergenbach?« fragte er mit seiner metallen

klingenden Stimme.

»Es ist ein Telegramm für Sie eingegangen.«

Jürgen entzündete eine tief angebrachte elektrische Birne, riß das

Telegramm auf und überflog es.

»Entschuldigen Sie mich bitte bei meiner Schwester, und Baron

Berleburg, Fräulein Hergenbach. Ich muß sofort ins Kontor, um ein

eiliges Schreiben zu erledigen.«

Schon war er hinaus und eilte die Treppe hinab. Ilse stand Minuten

regungslos da. Die grauen Augen starrten auf die Tür, die Jürgen

soeben rasch hinter sich geschlossen. Es war, als ob sie ein Traum

umfing. Die Augenlider sanken ein wenig herab. Sie strich dann mit

ihrer schmalen Hand langsam über die Stirn, als wolle sie dahinter

eine Flut von Gedanken ordnen.

Dann ging sie zu Herta in den Salon und teilte ihr mit, daß Herr

Plüddekamp geschäftlich verhindert sei und erst in einiger Zeit

zurückkehren würde. Sie setzte noch hinzu:

»Der Tee wird gleich bereit sein, Tante Herta.« Darauf verschwand sie

wieder.

Baron Berleburg streckte sich ein wenig in dem bequemen Polstersessel

aus und wurde immer liebenswürdiger. Es schien ein Gedanke in ihm

aufgetaucht zu sein, der ihm noch ersprießlicher vorkam, als eine

Anbohrung neuen Kredites bei Jürgen Plüddekamp. Glückte es ihm, so war

er für immer geborgen. Herta, diese stattliche, vornehme Erscheinung

dabei in den Kauf zu nehmen, hielt er für keine üble Aussicht. Ihre

erste Jugend mußte vorüber sein. Es schadete auch nichts, um so

verständiger würde sie als Frau auftreten und eine Baronin Berleburg

auf Schloß Berleburg tadellos darstellen. Teufel -- es galt, nicht zu

zögern! Er ging ans Werk.

Herta kam aus dem Erstaunen gar nicht heraus, als jetzt der einstige

Dragoneroffizier den Gefühlvollen zeigte und von ganz riesig tiefer

Leidenschaft sprach, die er schon jahrelang gehegt und nur verborgen

gehalten habe.

»Wo bleibt nur Ilse?« dachte Herta. »Wolf kommt auch nicht wieder!«

Sie glaubte anfangs, die lange Rede des Barons wäre eine seiner

beliebten Tiraden, bis sie doch schließlich die direkte Absicht merkte

und eine törichte Erklärung verhindern wollte.

Er wurde immer deutlicher, und sie stand plötzlich auf.

»Das Teewasser kocht bereits, Herr Baron! Verzeihen Sie -- ich will

nur Fräulein Hergenbach rufen! -- Ilse -- Ilse!« rief sie laut auf den

Korridor hinaus.

Berleburg zog verdrießlich an seiner Krawatte. Er war so schön im Zuge

gewesen, und die ältliche Patriziertochter mußte sich doch höchst

geehrt fühlen, wenn er ihre Hand und die große Mitgift begehrte. Sein

Konto im Hauptbuch Jürgen Plüddekamps würde dann ein sehr ansehnliches

Guthaben aufweisen. Die Hypotheken von Rittergut Berleburg

verminderten sich bis auf die Eintragungen der General-Landschaft. War

das nicht eine sehr aussichtsvolle Lage? Herta machte sich aber recht

lange am Teetisch zu schaffen und überließ den hageren Herrn seiner

weiteren Gedankenmalerei. -- -- --

Im Kontor leuchtete das elektrische Licht auf. Jürgen setzte sich an

seinen Schreibtisch. Vor ihm lag das offene Telegramm; er schaute

darauf hin und begann bereits in Gedanken zu disponieren. Ärgerlich,

daß niemand zugegen war, dem er einen Brief diktieren konnte! Das

Selbstschreiben war ihm unbequem. Er hatte auch keinen Kopierapparat

zur Hand, da alle Briefe auf den Schreibmaschinen durchgeschlagen

wurden. Es betraf aber eine Sache von größter Wichtigkeit, und Eile

war geboten.

Es klopfte leise an der Tür.

»Herein!« rief er mit starker Stimme.

Ilse Hergenbach trat ein und schlug die großen Augen bescheiden zu ihm

auf.

»Sie brauchen eine Stenogrammaufnahme, Herr Plüddekamp, und haben

niemand zur Verfügung. Darf ich es ausführen? Ich stelle den Brief auf

der Schreibmaschine schnell her. Die letzte Post wird erst in einer

Stunde aus dem Briefkasten abgeholt.«

Ihre Blicke trafen sich. Nur ein leises Zucken der harten Mundwinkel

verriet, daß in dem überlegenen Geschäftsmann etwas vorging. Er

zögerte noch.

»Ich werde meinem Worte untreu, Fräulein Hergenbach --«

»Warum nicht, Herr Plüddekamp! Es ist nur ein Ausnahmefall, und ich

tue es gewiß gern für Sie.«

Wie die grauen Augen gefährlich aufleuchteten und nicht weichen

wollten! Ein bescheidenes Bitten und doch trotziges Verlangen lag in

ihnen. Warum widerstehst du so lange? Die anderen sind glücklich, wenn

ich ihnen einen Blick schenke. Du bist so hartnäckig, abwehrend -- ich

will aber meine Kraft erproben, ich will wissen -- jetzt zeigte sich

die volle gefährliche Glut in dem Blicke.

Jürgen stand schweratmend von seinem Schreibsessel auf.

»Nehmen Sie bitte Wolfs Platz ein, Fräulein Hergenbach. Ich bin

gewohnt, schnell zu diktieren. Werden Sie mir folgen können?«

»Ich werde es --«

Er ließ sich wieder nieder; schon saß sie ihm gegenüber und hatte

Papier und Bleistift zur Hand genommen.

Jetzt konnte er ruhig aufsehen; während er sprach, mußte sie den Blick

auf den weißen Bogen vor sich heften.

Bei den ersten Worten zitterte seine Stimme ein wenig, dann gewann sie

bald ihren festen Klang zurück. Das Diktat näherte sich bereits seinem

Ende, als die Tür hastig geöffnet wurde und Wolf erschien.

»Hier finde ich Sie endlich, Fräulein Ilse!« rief er erregt aus.

»Meine Schwester läßt Sie im ganzen Hause suchen. Der Tee hat zu lange

gezogen --«

Ilse sah nicht auf, sie erwiderte auch nichts. Sie wußte, daß Jürgen

antworten würde.

»Entschuldige Fräulein Hergenbach bei Herta. Sie hat ein eiliges

Stenogramm von mir aufgenommen und muß es noch mit der Schreibmaschine

übertragen. Wir sind in kurzer Zeit fertig und kommen dann nach oben

--«

»Ausgezeichnet -- wirklich ausgezeichnet! Die Erlernung des Haushaltes

ist bis zum Kontor hinuntergedrungen. Sie sind in allem eine Meisterin

-- Fräulein Ilse! -- Und du -- Jürgen?« Es flammte etwas Unheilvolles

in den blauen Augen auf, die sich fest auf den Bruder richteten.

»Kein Zeitverlust, Wolf!« erwiderte Jürgen kalt. -- »Das Diktat ist

noch nicht zu Ende -- du störst uns -- bitte --«

Wolf pfiff zwischen den Zähnen hindurch, schloß aber die Tür wieder

und stürmte, ohne ein weiteres Wort gesagt zu haben, die Treppe hinauf.

»Ilse macht bei Jürgen -- dem Hasser alles Weiblichen im Kontor --

das Tippfräulein! Was sagst du dazu, Herta?« rief er atemlos ins

Speisezimmer hinein, in dem diese noch am Teetisch beschäftigt war.

Sie sah den jüngeren Bruder erstaunt an.

»Warum solche Scherze, Wolf!«

»Scherze? -- -- Teure Herta, vollkommener Ernst -- eine unbestreitbare

Tatsache. Geh hinunter und überzeuge dich. Die Männertollheit wird

größer, immer größer, Herta -- wundere dich über nichts mehr!«

Diese legte die Hand auf den Mund und deutete auf das Nebenzimmer; er

sollte sich an die Gegenwart des Gastes erinnern. Sie trat dann dicht

an ihn heran und flüsterte:

»Du bleibst bei mir, Wolf! Berleburg ist unausstehlich, er war nahe

daran, mir in aller Form einen Antrag zu machen!«

Der junge Mann verzog das Gesicht zu einer tragikomischen Miene.

»Um Gottes willen -- wenn es so fortgeht, ist Haus Plüddekamp eine

offene Bühne für Irrungen und Wirrungen. -- Ilse kommandiert den

strengen Jürgen, und ich spiele den Anstands-Wauwau bei meinem

geliebten Mütterlein --«

»Du bist ungezogen, Wolf; so alt bin ich noch nicht! Meine mütterliche

Sorgfalt aber hat dir manchen Dienst erwiesen.«

»Nicht zürnen, Herta,« bat er lächelnd ab. »Kommen Sie, Herr von

Berleburg,« rief er darauf in den Salon hinein. -- »Eine Tasse

Karawanentee von meiner lieben Schwester Hand ist tipp topp! Ich

schenke Ihnen dazu einen Meukow ein, den Sie nirgends so alt getrunken

haben. Mein Urahne hat ihn vermutlich 1812 aus der zurückgelassenen

Bagage des großen Napoleon erstanden.«

Der hagere Herr schaute verständnislos um sich. Er war aus seinen

Gedankenverbindungen und der Nachwirkung des alten Bordeaux jäh

erwacht. Die Wirklichkeit trat wieder vor ihn her. Schwerfällig erhob

er sich und ging steif nach dem Speisezimmer.

Als Jürgen und Ilse später an den Teetisch traten, sagte Fräulein

Plüddekamp zwar kein Wort, aber ihre Blicke gaben deutlich ein

Mißbehagen kund.

»Verzeih, Tante Herta, daß ich den Tee im Stich ließ,« bat Ilse, »aber

dein Bruder mußte die Angelegenheit sofort brieflich erledigen. Ich

kenne die Wichtigkeit der dringenden Telegramme von Papas Geschäft

her.«

»Bekümmere dich in erster Linie um deine Obliegenheiten,« erwiderte

Herta kurz. Es ärgerte sie, daß Ilse bei Jürgen mehr durchsetzte, als

sie es je vermocht hatte. Die Kontorräume wurden nie von ihr betreten.

Berleburg war kein Freund von Tee, wenn ihn auch der alte Meukow etwas

entschädigte. Er fühlte, daß sein Plan verunglückt war, und ließ den

Wagen anspannen, der bald mit ihm davonrollte.

Als die Geschwister am späten Abend voneinander schieden, sagten sie

sich kühl gute Nacht. Eins hegte gegen das andere Mißtrauen; Ilse

stand dazwischen mit der siegreichen Macht, die von ihr auf die Brüder

ausging. --

Wolf versuchte es auf alle erdenkliche Weise, sie in der nächsten Zeit

allein zu sprechen, sie wich ihm aber geflissentlich aus. Er bemerkte

deutlich, daß sie sich Jürgen durch kleine harmlose Dienstleistungen

fortgesetzt zu nähern versuchte. Dieser wollte Junggeselle bleiben, er

hatte es oft genug mit Bestimmtheit ausgesprochen und bereits seine

Geschwister in einem Testament als Erben eingesetzt. -- Welche Absicht

verfolgte Ilse also? -- --

Geschwister Plüddekamp · 第 11 / 30 题