Nun war es geschehen. --

Seine heißen Lippen hatten eine Sekunde lang auf ihrem kühlen weißen

Nacken geruht.

Sie kehrte sich blitzschnell um. Ihr Gesicht war wie in Blut getaucht,

und die großen Augen flammten empört auf.

»Herr Plüddekamp! Was unterstehen Sie sich!« stieß sie beleidigt aus.

»Bin ich ein Mädchen, dem gegenüber Sie es wagen dürfen --«

»Um Gottes willen -- Ilse, sprechen Sie nicht so laut! Herta hört es

sonst. Zürnen Sie mir nicht! Ich konnte wahrhaftig nicht widerstehen,

-- ich wurde einfach fortgerissen. Es war nur ein Tribut, den ich der

Schönheit zollte, der herrlichen Form Ihres Nackens!« Er hielt ihr, um

Versöhnung bittend, die Hand hin. Sie nahm diese nicht an, trotzdem er

fortfuhr: »Ilse, bei Tag und Nacht erfüllen Sie mein ganzes Denken.«

»Ich weiß es, Herr Wolf!« unterbrach sie ihn, und ihre tiefe Stimme

sank zum Flüsterton herab. »Sie zeigen es ja so deutlich, daß alle es

sehen müssen! Sie werden mir dadurch den liebgewonnenen Aufenthalt

hier sehr bald unmöglich machen.«

»Sagen Sie mir doch, was ich tun soll, Ilse,« sprach er hastig auf sie

ein. »Ich will mich sehr in acht nehmen. Nur schenken Sie mir täglich

einige Minuten der Aussprache, solange wir nicht Lawn-Tennis spielen

können, dann --«

»Nein, nein!« ließ sie ihn nicht ausreden. »Es ist unmöglich! Ihre

Geschwister denken darüber sehr streng, und ich möchte nicht falsch

beurteilt werden.«

»Ilse!« tönte es jetzt schroff vom Speisezimmer herüber.

Sie erschrak leicht und eilte sofort zu Herta. Wolf blieb allein

zurück.

»Ich halte es nicht länger aus,« sagte er zu sich, »es muß zu einer

Entscheidung kommen und Jürgen,« -- er dachte nicht weiter. Ein

Glockenton zeigte an, daß die Gäste kamen. --

Konsul Martens führte Herta zu Tisch. Er richtete aber seine Worte, so

oft es ging, an Ilse. Der ältere Plüddekamp unterhielt sich mit Baron

Berleburg, den er aus geschäftlichen Rücksichten zur Tafel zog. Das

Konto des Schloßherrn im Hauptbuch zeigte eine ansehnliche Belastung.

Berleburg war einmal früher Dragoneroffizier gewesen und hatte das von

seinem Vater ererbte Gut ziemlich heruntergewirtschaftet. Er brauchte

vielmal die Unterstützung des reichen Kaufmannes.

»Die Aussichten der Wintersaat sind ganz prächtig, Herr

Plüddekamp. Sie ist kräftig in den Winter gekommen, und die starke

Bodenfeuchtigkeit kann frühzeitig den Wuchs fördern. Berleburg wird

lange Jahre keine solche Ernte gesehen haben,« sagte der Schloßherr.

Jürgen lächelte höflich.

»Ich wünsche es Ihnen aufrichtig, Herr Baron. Es vergehen aber

noch Monate bis zur Ernte, und der Landwirt ist leider von vielen

Zufällen abhängig.« Er ahnte bereits, daß ein neuer Angriff auf

seinen Kassenschrank bevorstand. Baron Berleburg wußte diesen stets

mit großem Geschick einzuleiten. Seine geschäftliche Taktik ging gern

durch gesellschaftliche Beziehungen auf das versteckte Ziel los.

»Ah -- Herr Plüddekamp! Sie sind der vorsichtige Geschäftsmann!

Bedenken Sie aber das Berleburgsche Glück, das mich noch nie verlassen

hat,« fiel der Baron ein.

»Damit meint er meine Vorschüsse,« dachte Jürgen bei sich, und Wolf

sah ihn von der anderen Seite der Tafel her verständnisvoll an.

»Sonnenschein und Regen kommen bestimmt zur rechten Zeit. Hagelwetter

kennt Berleburg seit fünfzig Jahren nicht. Kraft ist im Boden --

ganz richtig -- --« fuhr Berleburg fort, »wie sollte es dabei an

etwas fehlen!« Er sah triumphierend im Kreise umher. Sein hagerer

Oberkörper und das lange Gesicht mit dem scharfkantigen Kopf deuteten

auf ein reichlich genossenes Leben hin. Er blinzelte behaglich einen

Augenblick, als er den guten alten Rotwein aus dem feingeschliffenen

Kristallglas schlürfte. -- »Ein Jahrgang, Herr Plüddekamp, -- ganz

riesig, -- lagert sicher lange,« -- wandte er sich an Jürgen.

»Mein verstorbener Vater kaufte das Oxhoft direkt in Bordeaux. Der

Wein hat sich auf der Flasche gut entwickelt,« erwiderte dieser.

»Sie sind heute so nachdenklich, Fräulein Hergenbach,« redete Konsul

Martens seine Nachbarin zur Linken an. »Unsere alte Pommernstadt

läßt Sie das schöne Dresden nicht vergessen, und wir schwerblütigen

Nordländer können nicht so gut unterhalten --«

»Sie offenbaren eine viel zu große Bescheidenheit, Konsul Martens,«

fiel Wolf Plüddekamp ein. »Wollen Sie von Fräulein Ilse hören, daß Sie

ein äußerst amüsanter Plauderer sind?«

»Danke verbindlichst, mein junger Freund,« suchte Martens seine

joviale Seite hervorzukehren, »danach gelüstet mich nicht. Fräulein

Hergenbach hat aber einen müden, verschleierten Ausdruck in ihren

Mienen, den ich mit Bedauern sehe.«

»Ist das Leben nicht ernst genug, Herr Konsul?« erwiderte Ilse darauf.

»Die Jugend muß stets froh sein, Fräulein Hergenbach. Ein Lächeln auf

den Zügen ist wie heller Sonnenschein am klaren Wintertag.«

»Heute regnet und schneit es aber durcheinander, Herr Konsul,«

spottete Ilse leicht.

»Um so mehr muß die Sonne jugendlicher Schönheit unter uns strahlen,«

antwortete er galant.

»Herr Konsul --« stieß das junge Mädchen peinlich berührt hervor, denn

Hertas hohe Stirn hatte sich plötzlich verdüstert.

»Von einem Manne in den Jahren unseres lieben Freundes kannst du dir

eine solche Schmeichelei ruhig gefallen lassen, Ilse. Da ist sie

aufrichtig gedacht,« betonte diese.

Martens fühlte, daß er etwas versehen hatte, und wollte dies wieder

gutmachen.

»Schönheit ist nur sieghaft, wenn Gedankenreichtum sie begleitet,«

wandte er sich an Herta.

»Nicht immer,« entgegnete sie, »die meisten Männer legen heute bei der

Frau weniger Wert auf Gedanken, desto mehr aber auf äußere Vorzüge. Es

ist ihnen leider ganz gleich, worin sie bestehen.«

Martens senkte den Blick, während er entgegnete:

»Sie urteilen zu scharf! So tief steht unser innerer Wert doch nicht.

Ich könnte dagegenhalten: viele Frauen lenken absichtlich unsere

Blicke nur auf ihr Äußeres hin.«

»Schalten Sie ein: viele schöne Frauen! Der größere Teil von uns

strebt jetzt danach, sich mit gleichem Geisteswert und starker

Tatkraft neben den Mann zu stellen.«

»O armes drittes Geschlecht, das seine Lebensaufgabe vergißt!« rief

Wolf dazwischen.

»Ich folge lieber der reinen Vernunft, als daß ich ohne Überlegung mit

dem Gefühl davonstürme, Wölfchen,« erwiderte ihm Herta ruhig.

Baron Berleburg war auf die Unterhaltung aufmerksam geworden, kniff

das linke Auge leicht zusammen und sah scharf zu Herta hinüber.

»Muß Ihnen beipflichten, gnädiges Fräulein. Habe es in meinem Regiment

immer erlebt, daß Kameraden bei Attacke mehr Besonnenheit zeigten, als

bei Eingehen der Ehe. Es gibt Beispiele, -- ganz riesig! Bin darum bis

jetzt ledig geblieben.« Er erhob das Glas gegen Herta und trank ihr zu.

Wolf ballte Brotkrumen mit den Fingern zusammen und versuchte, ernst

zu bleiben, auch um Jürgens' Mund zog sich ein kräftiges Lachen

zusammen, das er kaum zurückhalten konnte. Baron Berleburg besaß etwas

von dem Ritter Don Quichote.

Es entstand plötzlich eine Stille, und Wolfs Blick streifte zu Ilse

hinüber; er sah, wie ihre großen Augen erwartungsvoll an Jürgen

hingen. Sie schien lachen zu wollen, wenn dieser lachen würde. Wolf

wußte im ersten Augenblick nicht, wie es kam; ein häßliches Gefühl

stieg heiß in ihm empor. War es Neid, der in ihm aufkeimte? Er gönnte

Jürgen den Blick nicht und trank hastig ein Glas des schweren

Bordeauxweines, um sich zu beruhigen.

Rechte, -- er besaß keine und handelte immer auf Grund seines

leidenschaftlichen Empfindens. Er war sich in keiner Hinsicht klar,

was er eigentlich vorhatte. Nur eins sprach in ihm: der mächtige

Drang, fortwährend Ilse nahe zu sein. Er faßte Jürgen, der oben an

der Tafel saß, mehrmals länger ins Auge. Es quälte ihn beinahe,

daß er keinen Blick von ihm bemerkte, der sie traf. Dann hätte er

doch erkannt, -- nein, er mochte nicht weiterdenken, -- es war ja

ausgeschlossen.

Martens sprach jetzt eifrig auf Herta ein, er hatte den leisen Vorwurf

wohl verstanden. Baron Berleburg versuchte ebenfalls, bei ihr den

Liebenswürdigen zu spielen. Es entstand ein belustigendes Rennen

zwischen den beiden Herren.

Ilse hörte den Worten des Prokuristen Armin nur mit halbem Ohr zu. Das

dunkelblonde, von einem Scheitel nach beiden Seiten liegende, reich

gewellte Haar hob ihr Gesicht wirkungsvoll hervor. Der alte Rotwein

hatte ihre Wangen leicht gefärbt; die Augen glänzten und verlangten

nach Lebenslust.

Wolf, der still geworden und sie unausgesetzt betrachtete, wurde von

einer nervösen Unruhe ergriffen. Er wünschte sehnlichst das Ende der

Tafel herbei, um sich ihr nähern zu können. Warum hatte er Ilse nicht

zur Tischnachbarin erhalten? Herta bestimmte für sie stets einen

anderen Herrn. Für das nächstemal wollte er es unbedingt sein. Bruder

und Schwester führten ihn noch am Gängelband. Er dankte für diese

ewige Bevormundung, die ein- für allemal ihr Ende finden sollte.

Die große Kristallkrone über dem Eßtisch und die Deckenbeleuchtung

flammten jetzt auf. Der durch die mattgeschliffenen Glasbirnen und

opalfarbenen Deckengläser gedämpfte Schein des elektrischen Lichtes

breitete sich geheimnisvoll über die Gesellschaft aus.

Martens schwieg und überließ Berleburg das Feld. Seine Blicke

streiften Ilse, während er sich aus dem Silberaufsatz eine Mandarine

nahm. Er mußte zu ihr hinsehen, es zwang ihn dazu. Wolf bemerkte

es sofort. -- Also auch Martens, der stets glattlächelnde vornehme

Bankier, fing Feuer. Nur Jürgen sah nicht zu ihr hin. Keine Miene des

starkknochigen Gesichts deutete an, daß er das geringste Interesse für

das junge Mädchen hege. --

Geschwister Plüddekamp · 第 10 / 30 题