Nach altem Brauch sah man im Plüddekampschen Hause Sonntags gern
Tischgäste. Nähere Freunde sagten sich einfach an, zuweilen ergingen
auch Einladungen. Konsul Martens kam jetzt häufiger als in den letzten
Jahren.
»Alte Liebe rostet nicht,« scherzte Wolf mit seiner Schwester.
Herta entgegnete ihm darauf mit ernstem Blick:
»Ich habe Martens stets als lieben Freund betrachtet, seitdem ich
meine einstige Neigung zu ihm unterdrückte. Er war mir wert. Ich
achtete ihn hoch und hielt ihn für einen jener Männer, die nach dem
Herzen der Frau schauen und sich nicht durch Äußerlichkeiten blenden
lassen. Wie bitter bin ich enttäuscht worden! -- Martens ist nicht
viel mehr oder weniger, als es auch andere Dutzendmenschen sind.«
»Es freut mich, daß dir endlich diese Erkenntnis kommt, Herta,« warf
Wolf lachend ein. »Nun wirst du mich doch gleichwertig einschätzen.«
»Dich, Wölfchen? Ich bedaure dich höchstens! Du hast mir zuviel --
Herz!« entgegnete sie ihm.
»Dafür empfinde ich auch mehr, als Jürgen und -- du --«
»S--o--o--! -- Weißt du dies ganz genau? Was Ilse dir und anderen
einflößt, die ihr nachrennen, ist -- keine Liebe. Höchstens der
moderne Zug zum Weibe --«
»Herta!« stieß Wolf heftig aus. »Du urteilst mit Bitterkeit.«
»Ist es denn nicht wahr? Du, Martens, deine Freunde, -- ihr sucht in
Ilse etwas, das ich verabscheue! Sie tut mir wahrhaftig leid und gibt
keinen Anlaß für euer Verhalten.«
»Ich sehe Ilse gern, leidenschaftlich gern! Es ist mir ein
Lebensbedürfnis, in ihrer Nähe zu weilen. Ich habe ein tiefes
Glücksgefühl dabei.«
»Unterdrücke mit aller Kraft diese Regung, ehe sie sich in dein
Herz hineinfrißt, sonst erleidest du mein Schicksal. Ilse ist nicht
für dich geschaffen, auch würde Jürgen nie eine Verbindung mit ihr
zugeben. Oder willst du eine Frau besitzen, Wolf, der andere Männer
fortwährend nachstellen?«
»Herta, du bist heute geradezu grausam. Du kränkst mich mit Absicht!«
sagte dieser vorwurfsvoll.
»Gewiß nicht, Wolf! Aber ich muß dich vor einer Torheit behüten.«
»Nein, Herta! Sag es lieber rund heraus: Du bist eifersüchtig auf
Ilse, weil Martens sie interessant findet, wie dies alle meine Freunde
zugeben, die sie kennen lernten.«
»Wolf! Das waren häßliche Worte! Ich bin sie von dir nicht gewohnt.
Seit Ilse ins Haus gekommen, verstehen wir Geschwister uns nicht mehr.«
Sie ging an das reichgeschnitzte Büfett und legte Früchte auf den
großen Silberaufsatz, der die Mittagstafel zieren sollte. Ilse trat in
diesem Augenblick ins Zimmer und wollte Herta behilflich sein, wurde
aber von ihr kurz abgewiesen.
»Bei Herta droht heute ein Wintergewitter, Fräulein Ilse! Kommen Sie
schleunigst aus der gefahrdrohenden Nähe. Ich zeige Ihnen das neue
Prachtwerk über die britische Nationalgalerie. Es ist noch Zeit, bis
unsere Gäste eintreffen,« suchte Wolf ihre Aufmerksamkeit auf sich zu
lenken.
»Wie? -- Sie haben das schöne Werk gekauft, von dem ich sprach!« rief
das junge Mädchen freudig aus.
»Ja, Fräulein Ilse. Es liegt im kleinen Salon,« entgegnete er schnell
und wartete, daß sie etwas darauf erwidern würde.
Sie sah Herta fragend an. Diese nahm aber keine Notiz von ihr, sondern
ordnete weiter an den Früchten und legte goldgelbe, mit grünen
Blättern abgepflückte Mandarinen obenauf.
Wolf schritt jetzt in den anschließenden Salon hinein. Ilse folgte
ihm zögernd. Sie blieben vor einem Ebenholztisch stehen, auf dem
die große Prachtmappe lag. Er schlug diese auf und zog einzelne der
hervorragendsten Blätter in die richtige Beleuchtung zum Fenster hin.
Sie stieß einen Ruf des Entzückens aus. Ihre Augen leuchteten hell;
ihre Mienen nahmen einen lebhaften Ausdruck an. Sie ging vollständig
in der Betrachtung der Kunstwerke auf.
»Welcher Genuß, die alten berühmten englischen Meister Gainsborough,
Reynolds, Lawrence mit Muße betrachten zu können! Wie dankbar bin
ich Ihnen dafür, Herr Wolf. Ich werde meine freie Zeit oft damit
verbringen.«
»Ich darf doch dabei sein, Fräulein Ilse? Die beste Gelegenheit ist in
den Nachmittagsstunden, sobald Herta in ihre Frauenvereine geht. Dann
können wir uns gemeinsam an dem Schönen in der alten Kunst erfreuen.«
»Sie müssen aber nachmittags im Kontor sein, Herr Wolf,« warf Ilse ein.
»Wer kann mich dazu zwingen! Das Kontor wird mir rein zum Ekel. Ich
habe keine Ruhe, über Korrespondenzen und Büchern zu sitzen oder in
den Speichern Kontrolle zu üben, wenn ich Sie hier oben allein weiß.
Wie oft sagte ich Ihnen dies schon.«
»Ich darf Sie aber davon nicht abziehen! Herr Plüddekamp schaut mich
schon streng genug an. Er ist wenig freundlich zu mir und wird es auch
Sie fühlen lassen.«
»Jürgen -- pah! Ich bin kein Kontorbeamter, sondern Teilhaber der
Firma, und der ewigen Bevormundung längst überdrüssig. -- Sehen
Sie diese herrlichen Bilder von Tizian, Tintoretto. Ich liebe die
italienischen Schulen.«
Er zog einige schöne Frauenbildnisse hervor.
Ilse beugte sich tief darüber und war ganz im Anschauen versunken.
Wolf stand ein wenig zurück und sah auf die feinen Linien ihres
schlanken Halses hin. Bei dem tiefen Ausschnitt des Kleides bot er
sich blendend weiß und verlockend seinen Blicken dar. Es reizte ihn,
sie dort zu küssen. Je mehr er hinschaute, desto unwiderstehlicher zog
es ihn an. Plötzlich ergriff ihn ein Taumel, er wußte nicht mehr, was
er tat.