Männer sprangen in den Kanal und zogen Katheline heraus. Sie war
von Sinnen und starr wie eine Leiche. Dann ward sie in eine Schenke
gebracht und vor ein starkes Feuer gelegt. Nele zog ihr die nassen
Kleider und die Wäsche aus, um ihr andere anzulegen. Als sie wieder zu
sich kam, sagte sie zitternd und zähneklappernd: „Hans, gib mir einen
wollenen Mantel.“
Und Katheline konnte nicht wieder warm werden und starb am dritten
Tage. Und sie ward auf dem Kirchhof begraben.
Und die verwaiste Nele begab sich ins Land Holland zu Rosa van Auweghem.
7
Auf den zeeländischen Huckern, auf den Bujern und den Galeassen
fährt Tyll Klas Ulenspiegel davon. Das offne Meer trägt die wackeren
Freibeuter darauf acht, zehn oder zwanzig eiserne Feldstücke sind; sie
speien Tod und Verderben auf die spanischen Verräter.
Tyll Ulenspiegel, des Klas Sohn, ist ein trefflicher Kanonier.
Man muß ihn sehen, wie er das Stück richtet, scharf visiert und die
Schiffsrümpfe der Henker wie eine Mauer aus Butter durchlöchert. Er
trägt am Filzhut den silbernen Halbmond mit der Inschrift: „~Liever den
Turk als den Paus.~“ Lieber dem Türken als dem Papst dienen.
Die Matrosen, die ihn flink wie eine Katze und behend wie ein
Eichhörnchen auf ihre Schiffe klettern sahen, dabei ein Liedchen
singend oder lustige Reden führend, fragten ihn neugierig:
„Wie geht es zu, kleiner Kerl, daß Du ein so jugendlich Aussehen hast,
denn die Rede geht, daß es lange her ist, daß du in Damm geboren
wurdest?“
„Ich bin nicht Körper, sondern Geist,“ sagte er, „und Nele, mein
Liebchen, gleicht mir. Vlämischer Geist, vlämische Liebe, wir werden
nicht sterben.“
„Gleichwohl blutest Du, wenn man Dich schneidet,“ sagten sie.
„Das scheint nur so; es ist Wein und nicht Blut.“
„Wir werden Dir einen Zapfen in den Bauch stecken.“
„Ich werde mich allein leeren.“
„Du spottest unser.“
„Wer das Kalbfell schlägt, wird die Trommel hören,“ antwortete
Ulenspiegel.
Und die gestickten Banner der römischen Prozessionen flatterten an
den Schiffsmasten. In Sammet, Brokat, Seide, Gold- und Silberstoff
gekleidet, wie es die Äbte beim Hochamt tun, mit Mitra und Kreuz in
den Händen und der Mönche Wein trinkend, so hielten die Geusen auf den
Schiffen Wacht.
Und es war ein seltsames Schauspiel, aus diesen reichen Gewändern diese
rauhen Hände herausgucken zu sehen, die Hakenbüchse oder Armbrust,
Hellebarde oder Picke trugen, lauter Männer mit hartem Gesicht und
überdies mit Pistolen und Hirschfängern umgürtet, die in der Sonne
glänzten. Sie tranken aus güldenen Kelchen den Klosterwein, welcher zum
Weine der Freiheit geworden war.
Und sie sangen und riefen: „Es lebe der Geuse!“ Und also segelten sie
auf dem Meer und der Schelde.
8
Um dieselbige Zeit nahmen die Geusen, unter denen Lamm und Ulenspiegel
waren, Gorkum ein. Sie wurden vom Kapitän Marin befehligt. Dieser
Marin, der ehemals Deicharbeiter war, spreizte sich in großem Hochmut
und Dünkel und unterzeichnete mit Gaspard Turc, dem Verteidiger von
Gorkum, eine Kapitulation, laut welcher Turc, die Mönche, Bürger und
Soldaten, so in der Zitadelle eingeschlossen waren, frei abziehen
sollten mit der Kugel im Munde, der Muskete auf der Schulter mit
allem, was sie tragen konnten. Nur die Kirchengüter sollten den
Belagerern verbleiben. Doch der Kapitän Marin hielt auf Befehl von
Messire de Lumey die dreizehn Mönche als Gefangene zurück und ließ die
Soldaten und Bürger ziehen.
Und Ulenspiegel sagte: „Soldatenwort soll gülden Wort sein. Warum hält
er seines nicht?“
Ein alter Geuse antwortete Ulenspiegel:
„Die Mönche sind Satans Kinder, der Aussatz der Völker, die Schande der
Länder. Seit dem Einmarsch des Herzog Alba tragen sie in Gorkum die
Nase hoch. Einer unter ihnen, der Priester Nikolas, ist hoffärtiger als
ein Pfau und wilder als ein Tiger. Allemal, wenn er mit seinem Heiligen
Sakrament, darinnen seine aus Hundefett gemachte Hostie war, durch die
Straße ging, sah er mit wütenden Blicken nach den Häusern, aus denen
die Frauen nicht heraus kamen, um niederzuknieen. Er zeigte alle dem
Richter an, die nicht vor seinem Götzenbild aus Teig und vergüldetem
Kupfer das Knie beugten. Die andern Mönche taten des gleichen. Das war
der Anlaß zu mehrfachem großen Jammer, Verbrennungen und grausamer
Strafen in der Stadt Gorkum. Der Kapitän Marin tut wohl daran, die
Mönche als Gefangene festzuhalten; wenn nicht, würden sie mit ihres
Gleichen in die Dörfer, Marktflecken, Städte und Weiler gehen, gegen
uns predigen, das Volk aufwiegeln und die armen Reformierten verbrennen
lassen. Man legt die Bullenbeißer an die Kette, bis sie verenden; an
die Kette mit den Mönchen, an die Kette mit den Bluthunden des Herzogs,
in den Käfig mit den Henkern! Es lebe der Geuse!“
„Aber Seine Gnaden von Oranien, unser Freiheitsprinz, will, daß man bei
denen, die sich ergeben, die persönliche Habe und das freie Gewissen
achte,“ sprach Ulenspiegel.
Die alten Geusen erwiderten:
„Der Admiral will es nicht für die Mönche. Er ist Herr, er hat Briel
erobert. In den Käfig mit den Mönchen!“
„Soldatenwort, gülden Wort! Warum bricht er es?“ entgegnete
Ulenspiegel. „Die Mönche, die im Gefängnis sind, erdulden da tausend
Mißhandlungen.“
„Die Asche brennt nicht mehr auf deinem Herzen,“ sagten sie.
„Kraft der Edikte haben hunderttausend Familien die Handwerke, den
Gewerbefleiß, den Reichtum unserer Länder nach dem Nordwesten,
nach Engelland getragen; beklage denn die, so unser Verderben
verschuldeten! Seit Kaiser Karl dem Fünften, dem ersten Henker, und
unter dem gegenwärtigen, dem Blutkönig und zweiten Henker, sind
hundertundachtzehntausend Personen hingerichtet worden. Wer trug die
Totenkerze bei Mord und Tränen? Mönche und hispanische Söldner. Hörst
du nicht die Seelen der Toten klagen?“
„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sagte Ulenspiegel. „Soldatenwort,
ein gülden Wort.“
„Wer wollte denn,“ so sprachen sie, „das Land durch die Exkommunikation
bei allen Völkern in Acht und Bann tun? Wer hätte, wenn er es vermocht
hätte, Erde und Himmel, Gott und Teufel und die Scharen der Heiligen
gegen uns gewappnet? Wer schmierte die Hostien mit Ochsenblut ein und
ließ die hölzernen Statuen weinen? Wer ließ auf unserm heimatlichen
Boden den Sterbegesang erschallen, wenn nicht die verfluchte Klerisei,
diese Horden faulenzender Mönche, um ihren Reichtum, ihren Einfluß über
die Götzenanbeter zu behalten und durch Verderben, Blut und Feuer über
das arme Land zu herrschen? In den Käfig mit den Wölfen, die sich auf
die am Boden Liegenden stürzen; in den Käfig mit den Hyänen! Es lebe
der Geuse!“
„Soldatenwort, gülden Wort,“ entgegnete Ulenspiegel.
Des andern Tages kam ein Bote von Messire de Lumey mit dem Befehl, die
neunzehn gefangenen Mönche von Gorkum nach Briel, allwo der Admiral
war, bringen zu lassen.
„Sie werden gehenkt werden,“ sagte der Kapitän Marin zu Ulenspiegel.
„Nicht, so lange ich am Leben bin,“ versetzte er.
„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „sprich nicht also zu Messire de Lumey. Er ist
grimmig und wird dich ohne Gnade mit ihnen henken lassen.“
„Ich werde der Wahrheit gemäß reden,“ erwiderte Ulenspiegel.
„Soldatenwort, gülden Wort.“
„Wenn Du sie retten kannst,“ sagte Marin, „so führe ihre Barke bis
Briel. Nimm Rochus, den Lotsen, und Deinen Freund Lamm mit, wenn Du
willst.“
„Ja, ich will,“ antwortete Ulenspiegel.
Die Barke legte am Quai Vert an, und die neunzehn Mönche stiegen
hinein. Der furchtsame Rochus wurde ans Steuerruder gesetzt, und
Ulenspiegel und Lamm nahmen wohlbewaffnet im Vorderteil des Fahrzeuges
Platz. Verlotterte Söldner, die sich des Plünderns halber zu den Geusen
geschlagen hatten, waren bei den hungernden Mönchen. Ulenspiegel gab
ihnen zu trinken und zu essen. „Dieser wird Verrat üben,“ sprachen die
verlotterten Söldner. Die neunzehn Mönche saßen blöd und schlotternd in
der Mitte, ohngeachtet man im Juli war, die Sonne hell und warm schien
und ein sanfter Wind die Segel der Barke schwellte, die schwer und
rundbäuchig über die grünen Wogen glitt.
Darauf redete Pater Nikolas und sprach zum Steuermann:
„Rochus, führt man uns aufs Galgenfeld?“ Dann wandte er sich nach
Gorkum, stand auf und reckte die Hand aus. „O, Stadt Gorkum! welch
großes Wehe hast Du zu erleiden! Verflucht wirst Du sein unter
den Städten, denn Du hast in Deinen Mauern den Samen der Ketzerei
großgezogen! O Stadt Gorkum! Und der Engel des Herrn wird nicht mehr an
Deinen Toren Wacht halten. Er wird nicht mehr für die Keuschheit Deiner
Jungfrauen, den Mut Deiner Männer und den Reichtum Deiner Kaufleute
sorgen! O Stadt Gorkum, verflucht bist Du, Unselige!“
„Verflucht, verflucht,“ erwiderte Ulenspiegel, „verflucht wie der Kamm,
der durchgefahren ist und die hispanischen Läuse mitgenommen hat.
Verflucht wie der Hund, der die Kette zerbricht, wie das edle Roß,
das einen grausamen Reiter von sich abschüttelt. Verflucht Du selbst,
einfältiger Pfaff, der es schlecht findet, daß man die Rute, und wäre
sie von Eisen, auf dem Rücken der Tyrannen zerbricht.“
Der Mönch schwieg, schlug die Augen nieder und schien in frommen Haß
versenkt.
Die Söldner, so Plünderns halber zu den Geusen gekommen waren,
saßen bei den Mönchen, die bald Hunger hatten. Ulenspiegel forderte
Schiffsbrot und Hering für sie. Der Schiffsmeister antwortete:
„Werfet sie in die Maas, da können sie den Hering ungesalzen fressen.“
Darauf gab Ulenspiegel den Mönchen alles, was er an Brot und Wurst
für sich und Lamm bei sich hatte. Der Schiffsmeister und die Söldner
sprachen untereinander:
„Das ist ein Verräter, er füttert die Mönche; er muß angezeigt werden.“
In Dordrecht legte die Barke im Hafen am Bloemen-Key an. Männer,
Frauen, Knaben und Mädchen kamen in Menge herbeigelaufen, die Mönche
zu sehen, wiesen mit dem Finger auf sie oder drohten mit der Faust und
sagten zueinander:
„Sehet diese Wichte und Gottmacher, die die Leiber zum Scheiterhaufen
und die Seelen ins ewige Feuer bringen; sehet die fetten Tiger und
dickbäuchigen Hyänen.“
Die Mönche senkten den Kopf und wagten nicht mehr zu sprechen, und
Ulenspiegel sah sie abermals zittern.
„Wir haben noch Hunger, mitleidiger Soldat,“ sagten sie.
Aber der Schiffspatron sprach:
„Wer trinkt allezeit? Der dürre Sand. Wer ißt allezeit? Der Mönch.“
Ulenspiegel ging in die Stadt, um Brot, Schinken und einen großen Krug
Bier für sie zu holen.
„Esset und trinket,“ sprach er. „Ihr seid unsere Gefangenen, aber ich
werde Euch retten, wenn ich kann. Soldatenwort, gülden Wort.“
„Weshalb gibst Du ihnen das? Sie werden Dir’s nicht lohnen,“ sagten die
Söldner und sie sprachen leise miteinander und flüsterten sich diese
Worte ins Ohr: „Er hat versprochen, sie zu retten; laßt uns ihn wohl
bewachen.“
Bei Tagesanbruch gelangten sie nach Briel. Nachdem ihnen die Tore
geöffnet waren, ging ein Eilbote voraus, um Herrn de Lumey ihre Ankunft
zu melden.
Kaum hatte er die Kunde empfangen, so kam er, notdürftig bekleidet und
von etlichen bewaffneten Reitern und Fußgängern gefolgt, angeritten.
Und Ulenspiegel konnte zum andern Mal den grimmen Admiral sehen,
gekleidet wie ein stolzer Herr, der im Überfluß lebt.
„Seid gegrüßt, Ihr Herren Mönche,“ sprach er. „Hebt die Hände auf. Wo
ist das Blut der Herren von Egmont und van Hoorn? Ihr zeigt mir eine
weiße Pfote, das ist hübsch von Euch.“
Ein Mönch, namens Leonard, sagte:
„Mach mit uns, was Du willst. Wir sind Mönche, keiner wird Anspruch auf
uns erheben.“
„Er hat recht geredet,“ sprach Ulenspiegel. „Denn da der Mönch mit der
Welt gebrochen hat, die Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Gattin
und Liebste ist, so wird er in seinem letzten Stündlein keinen finden,
der Anspruch an ihn erhebt. Ich aber, Excellenz, ich will es tun. Da
der Kapitän Marin die Kapitulation von Gorkum unterzeichnete, machte er
aus, daß diese Mönche frei sein sollten, wie alle, die in der Zitadelle
gefangen wurden und aus der Stadt abzogen. Sie wurden jedoch ohne Grund
als Gefangene zurückgehalten. Ich höre, daß sie gehenkt werden sollen.
Euer Gnaden, ich wende mich in aller Demut an Euch und lege Fürsprache
für sie ein; denn ich weiß: Soldatenwort ist gülden Wort.“
„Wer bist Du?“ fragte Messire de Lumey.
„Euer Gnaden,“ antwortete Ulenspiegel, „ich bin ein Vläme aus dem
schönen Land Flandern; ein Bauer und Edelmann, alles zumal. Also
lustwandle ich durch die Welt, lobe die guten und schönen Dinge und
spotte der Dummheit mit keckem Schnabel. Und ich will Euch preisen, so
Ihr das Versprechen haltet, das der Kapitän gegeben hat: Soldatenwort
ist gülden Wort.“
Aber die Söldner, so auf dem Schiff waren, sagten:
„Euer Gnaden, dieser Mensch ist ein Verräter. Er hat versprochen, sie
zu retten; er hat ihnen Brot, Schinken, Wurst, Bier gegeben, und uns
nichts.“
Drauf sagte Messire de Lumey zu Ulenspiegel:
„Lustwandelnder Vläme und Ernährer von Mönchen, Du wirst mit ihnen
gehenkt werden.“
„Ich habe keine Furcht,“ erwiderte Ulenspiegel, „Soldatenwort ist
gülden Wort.“
„Dir ist der Kamm trefflich geschwollen,“ sprach de Lumey.
„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sprach Ulenspiegel.
Die Mönche wurden in eine Scheune gebracht und Ulenspiegel mit ihnen;
dort wollten sie ihn durch theologische Argumente bekehren, aber beim
Zuhören schlief er ein.
Dieweil Herr de Lumey bei Tafel war und sich an Wein und Fleisch
gütlich tat, kam ein Bot von Gorkum vom Kapitän Marin mit der
Abschrift der Briefe des Schweigers, Prinzen von Oranien: „Befehl an
alle Gouverneure der Städte und andrer Orte, daß sie den Geistlichen
gleichen Schutz, gleiche Sicherheit und Vorrechte wie dem übrigen Volk
angedeihen lassen.“
Der Bote verlangte bei de Lumey vorgelassen zu werden, um ihm die
Abschrift der Briefe zu eignen Händen auszuantworten.
„Wo ist das Original?“ fragte ihn de Lumey.
„Bei meinem Gebieter Marin,“ sagte der Bote.
„Und der Tölpel schickt mir die Abschrift!“ sagte de Lumey. „Wo ist
Dein Paß?“
„Hier, Euer Gnaden,“ sagte der Bote.
Herr de Lumey las laut vor:
„Der gnädige Herr und Hauptmann Marin Brandt befiehlt allen Beamten,
Gouverneuren und Offizieren der Republik ungefährdet passieren zu
lassen“ usw.
De Lumey schlug mit der Faust auf den Tisch und zerriß den Paß. „Blut
Gottes,“ schrie er, „was untersteht sich dieser Marin, dieser Lump, der
vor der Einnahme von Briel nicht eine Heringsgräte zu beißen hatte! Er
betitelt sich gnädiger Herr und Hauptmann und schickt mir Befehle, mir!
Er verordnet und befiehlt! Sag Deinem gnädigen Herrn, daß er so sehr
Hauptmann und gnädig ist, und so trefflich befehlen und verordnen kann,
daß die Mönche alsogleich kurz und hoch sollen aufgehenkt werden, und
Du mit ihnen, wenn Du Dich nicht packst.“
Und mit einem Fußtritt stieß er ihn aus dem Saale.
„Zu trinken!“ schrie er. „Habt Ihr die Anmaßung dieses Marin gesehen?
Ich werde mein Essen wieder ausspeien, so wütend bin ich. Die Mönche
sollen straks in ihrer Scheune gehenkt werden und der lustwandelnde
Vläme soll hierher gebracht werden, nachdem er ihrer Hinrichtung
beigewohnt hat. Wir wollen doch sehen, ob er es wagen wird, mir zu
sagen, daß ich schlecht getan habe. Blut Gottes! Wozu braucht es hier
noch Krüge und Gläser?“ Und mit lautem Krachen zerbrach er die Becher
und das Geschirr, und niemand traute sich, mit ihm zu sprechen. Die
Diener wollten die Scherben auflesen, er duldete es nicht, und indem
er ohne Maß die Flaschen austrank, geriet er noch mehr in Wut, rannte
mit großen Schritten umher und trampelte und stampfte wütend auf die
Scherben. Ulenspiegel ward vor ihn geführt.
„Nun,“ sagte er zu ihm, „bringst Du Kunde von Deinen Freunden, den
Mönchen?“
„Sie sind gehenkt,“ sagte Ulenspiegel, „und ein feiger Henker, der aus
Habgier schlachtet, hat dem einen, nachdem er tot war, Bauch und Seiten
aufgeschlitzt, wie bei einem Schwein, das man ausnimmt, um sein Fett
einem Apotheker zu verkaufen. Soldatenwort ist nicht mehr gülden Wort.“
De Lumey zerstampfte die Trümmer des Geschirrs.
„Du trotzest mir, Du vier Schuh hoher Taugenichts, doch Du sollst auch
gehenkt werden, nicht in einer Scheune, sondern auf offenem Markt, mit
Schimpf und Schande vor allen Leuten.“
„Schande über Euch,“ sagte Ulenspiegel. „Schande über uns. Soldatenwort
kein gülden Wort mehr.“
„Wirst Du schweigen, Eisenkopf!“ sagte Messire Lumey.
„Schande über Dich,“ sprach Ulenspiegel, „Soldatenwort kein gülden Wort
mehr. Bestrafe lieber die schändlichen Händler mit Menschenfett.“
Darauf stürzte sich Herr de Lumey auf ihn, um ihn zu schlagen.
„Schlag zu,“ sagte Ulenspiegel, „ich bin Dein Gefangener, aber ich habe
keine Furcht vor Dir. Soldatenwort kein gülden Wort mehr.“
Da zog Herr von Lumey seinen Degen und hätte Ulenspiegel gewißlich
getötet, dafern nicht Herr von Très-Long seinen Arm festgehalten und zu
ihm gesagt hätte:
„Erbarme Dich! Er ist ehrlich und tapfer und hat kein Verbrechen
begangen.“
Da besann sich de Lumey und sprach:
„Er möge um Pardon bitten“.
Doch Ulenspiegel blieb stehen und sagte:
„Das werde ich nicht tun.“
„Dann soll er zum wenigsten sagen, daß ich nicht Unrecht gehabt habe,“
schrie de Lumey, in Wut geratend.
Ulenspiegel entgegnete:
„Ich bin kein Speichellecker großer Herren; Soldatenwort kein gülden
Wort mehr.“
„Der Galgen soll aufgerichtet werden,“ sagte de Lumey. „Führt ihn hin;
so wird es ein hanfenes Wort sein.“
„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „und vor allem Volk werde ich Dir zurufen:
Soldatenwort ist kein gülden Wort mehr!“
Der Galgen ward auf dem großen Markt errichtet, und die Kunde durchlief
alsbald die Stadt, daß Ulenspiegel, der tapfere Geuse, gehenkt werden
sollte. Und das Volk ward von Mitleid und Teilnahme ergriffen. In
hellen Haufen kam es zum Großen Markt, und Herr de Lumey kam auch
angeritten, da er selber das Zeichen zur Hinrichtung geben wollte.
Ohne Erbarmen sah er Ulenspiegel mit dem Totenhemd angetan, auf der
Leiter stehen, die Arme am Körper festgebunden, die Hände gefaltet, den
Strick um den Hals, und den Henker bereit, seines Amtes zu walten.
Très-Long sagte:
„Euer Gnaden, verzeihet ihm, er ist kein Verräter, und niemand hat je
einen Menschen henken sehen, weil er aufrichtig und mitleidig war.“
Und als die Männer und Weiber aus dem Volk Très-Long reden hörten,
schrien sie: „Erbarmen, Euer Gnaden, Erbarmen und Gnade für
Ulenspiegel!“
„Dieser Eisenkopf hat mir getrotzt,“ sprach de Lumey, „er möge bereuen
und sagen, daß ich recht getan habe.“
„Willst Du bereuen und sagen, daß er recht getan habe?“ sagte Très-Long
zu Ulenspiegel.
„Soldatenwort ist kein gülden Wort mehr,“ gab Ulenspiegel zur Antwort.
„Zieht den Strick zu,“ sagte de Lumey.
Der Henker wollte gehorchen; da sprang ein junges Mädchen, ganz in Weiß
gekleidet, mit einem Blumenkränzlein im Haar, wie rasend die Stufen des
Blutgerüsts hinauf, warf sich an Ulenspiegels Brust und sagte:
„Dieser Mann ist mein; ich nehme ihn zum Gatten.“
Und das Volk klatschte in die Hände und die Weiber schrieen:
„Es lebe das Dirnlein, Ulenspiegels Retterin!“
„Was bedeutet das?“ fragte Herr de Lumey.
Très-Long antwortete:
„Nach Sitte und Brauch der Stadt ist es Recht und Gesetz, daß ein
junges Weib, Jungfrau oder ledig, einen Mann vom Strang errettet, wenn
sie ihn am Fuße des Galgens zum Gatten nimmt.“
„Gott ist mit ihm,“ sprach de Lumey, „bindet ihn los.“
Darauf ritt er an das Gerüst heran und sah das Mägdlein geschäftig,
Ulenspiegels Stricke zu zerschneiden, und der Henker wollte sich ihrem
Vorhaben widersetzen und sagte:
„So Ihr sie zerschneidet, wer wird sie bezahlen?“
Aber das Mägdlein hörte ihn gar nicht.
Da er sah, daß sie so behend, verliebt und klug war, ward er gerührt.
„Wer bist Du?“ fragte er.
„Ich bin Nele, seine Braut, und komme aus Flandern, ihn zu suchen.“
„Du tatest recht,“ sagte de Lumey in rauhem Ton.
Und er ritt von dannen.
Drauf kam Très-Long heran.
„Kleiner Vläme,“ sagte er, „wirst Du als Ehemann noch Soldat auf unsern
Schiffen bleiben?“
„Ja, Herr,“ antwortete Ulenspiegel.
„Und Du, Mägdlein, was wirst Du ohne Deinen Mann anfangen?“
Nele antwortete:
„Wenn Ihr erlaubt, Herr, werde ich auf seinem Schiff Pfeifer werden.“
„Ich erlaube es,“ sagte Très-Long.
Und er gab ihr zwei Gülden für die Hochzeit.
Und Lamm sagte, vor Freude weinend und lachend:
„Hier sind noch drei Gülden: wir wollen alles aufessen, ich bezahle.
Laßt uns zum „Güldenen Kamm“ gehen. Mein Freund ist nicht tot. Es lebe
der Geuse!“
Und das Volk klatschte Beifall, und sie gingen zum „Güldenen Kamm“,
allwo ein großer Schmaus bestellt ward, und Lamm warf Heller zum
Fenster hinaus für das Volk.
Und Ulenspiegel sagte zu Nele:
„Herzallerliebste, da bist Du also bei mir! O, Jubel! Sie ist hier, mit
Leib, Herz und Seele, mein süßes Liebchen. O, die sanften Augen und
die schönen roten Lippen, von welchen immer nur gute Worte kamen. Auf
unsern Schiffen wirst Du die Pfeife der Freiheit blasen. Entsinnst Du
Dich ... Doch nein ... Unser ist die gegenwärtige Stunde voller Wonne,
und mein ist Dein Antlitz hold wie Blüten des Rosenmonds. Ich bin im
Paradiese. Doch Du weinst ...?“
„Sie haben sie umgebracht,“ sprach sie.
Und sie erzählte ihm die Leidensgeschichte.
Und sich einander anschauend, weinten sie vor Liebe und Schmerz. Und
beim Festmahl aßen und tranken sie, und Lamm blickte sie betrübt an und
sagte:
„Ach, mein Weib, wo bist Du?“
Und der Priester kam und traute Nele und Ulenspiegel.
Und die Morgensonne fand sie nebeneinander auf ihrem Hochzeitslager.
Und Neles Haupt ruhte auf Ulenspiegels Schulter. Und als sie beim
Sonnenschein erwachte, sagte er:
„Blühendes Antlitz und sanftes Herz, wir werden Flanderns Rächer sein.“
Und sie küßte ihn auf den Mund und sagte: „Närrischer Sinn und starker
Arm, Gott wird Pfeife und Degen segnen.“
„Ich werde Dir ein Soldatenkleid machen.“
„Sogleich?“ fragte sie.
„Sogleich,“ antwortete Ulenspiegel. „Aber wer sagt doch, daß morgens
die Erdbeeren gut sind? Dein Mund ist weit besser.“
9
Ulenspiegel, Lamm und Nele hatten, gleich ihren Freunden und Gefährten,
den Klöstern die Habe wieder abgenommen, so diese dem Volke durch
Prozessionen, falsche Wunder und andere römische Gaukeleien aus der
Tasche gezogen hatten.
Dies war gegen den Befehl des Schweigers, des Freiheitsprinzen, aber
das Geld diente zur Bezahlung der Kriegskosten.
Lamm Goedzak, nicht zufrieden, sich mit Geld zu versorgen, raubte
Schinken, Würste, Flaschen, Wein und Bier aus den Klöstern und kehrte
frohgemut zurück, ein Wehrgehenk mit Geflügel, Truthennen, Kapaunen,
Hühnern und Kücken auf der Brust tragend und etliche mönchische Kälber
und Schweine an einem Strick hinterdreinschleifend. Und das gemäß dem
Kriegsrecht, wie er sagte.
Hocherfreut über jede Beute, trug er sie aufs Schiff, damit man damit
Schmausereien und Gelage veranstaltete; gleichwohl beklagte er sich,
daß der Schiffskoch in der Wissenschaft der Brühen und Fleischgerichte
so unbewandert sei.
Eines Tages, da die Geusen siegesfroh ihren Wein schlürften, sprachen
sie zu Ulenspiegel:
„Du hast immer die Nase nach dem Winde, um Zeitung vom Festland zu
wittern; Du kennst alle Kriegsabenteuer: sing sie uns vor. Indes wird
Lamm die Trommel schlagen und der hübsche Pfeifer wird nach dem Takt
Deines Liedes blasen.“
Und Ulenspiegel sagte:
„An einem hellen, kühlen Maitage findet Ludwig von Nassau, der in Mons
einzurücken gedenkt, nicht Fußsoldaten noch Reiterei. Etliche heimliche
Anhänger hielten ein Tor offen und eine Brücke war herabgelassen, auf
daß er in Besitz der Stadt käme. Aber die Bürger bemächtigten sich der
Stadt und des Tores. Wo sind des Grafen Ludwig Soldaten? Die Bürger
wollen die Brücke aufziehen. Graf Ludwig stößt ins Horn.“
Und Ulenspiegel sang:
„Wo ist Dein Fußvolk, Deine Reiterei?
Sie sind im Wald verirrt, zerstampfen alles,
So dürres Reis wie zarte Maienblumen.
Die liebe Sonne lässet ihre roten
Und kriegerischen Angesichter glänzen
Und ihrer Renner blanke Kruppen.
Graf Ludwig stößt ins Horn.
Sie hören ihn. Rühret die Trommel leise.
Im scharfen Trab, die Zügel verhängt,
Schnell wie der Blitz, wie Wolkenzug,
Ein Wirbelwind von klirrendem Stahl,
Fliegen die schweren Reiter heran!
Im Sturm, im Sturm! vorwärts, drauf los!
Die Brücke hebt sich ... Gespornt
Der Schlachtrosse blutende Flanken!
Die Brücke hebt sich ... Die Stadt ist verloren!
Sie sind davor. Ist es zu spät?
In gestrecktem Galopp, die Zügel verhängt,
Sprengt auf die Brücke, die wieder sinkt,
Guitoy de Chaumont auf spanischem Hengst.
Die Stadt gewonnen! Höret Ihr
Auf dem Pflaster von Mons,
Schnell wie der Blitz, wie der Wolkenzug,
Den Wirbelwind von klirrendem Stahl?
Heil Chaumont und dem spanischen Hengst
Schmettert, Trompeten! Schlaget die Freudentrommel!
Im Neumond ist’s, da die Wiesen duften;
Die Lerche steigt singend gen Himmel.
Heil dem Vogel der Freiheit!
Rühret die Siegestrommel!
Heil Chaumont und dem Hengst! Wohlauf, getrunken!
Die Stadt ist gewonnen! ... Es lebe der Geuse!“
Und die Geusen sangen auf den Schiffen: „Christe, schau nieder auf
Deine Soldaten. Schärfe unsere Waffen, Herr. Es lebe der Geuse!“
Und Nele ließ lächelnd die schrillen Töne der Pfeife erklingen,
und Lamm schlug die Trommel, und die güldenen Kelche und die
Freiheitslieder erhoben sich zum Himmel, dem Tempel Gottes. Und gleich
Meerjungfrauen murmelten die klaren, kühlen Wogen melodisch um das
Schiff.
10
An einem Tag im Augustmond, einem schwülen, heißen Tage blies Lamm
Trübsal. Seine lustige Trommel war still und schlief, und die
Trommelstöcke sahen aus seiner Kriegstasche hervor.
Ulenspiegel und Nele lächelten vor verliebten Wohlbehagen und wärmten
sich in der Sonne; die Marswachen pfiffen oder sangen, dieweil sie über
das weite Meer Ausschau hielten, ob sie am Horizont nicht etwelche
Beute erspähten. Wenn Très-Long sie fragte: sagten sie immer: „_Niets_,
nichts.“
Und Lamm, bleich und niedergedrückt, seufzte erbärmlich. Und Nele sagte:
„Woher kommt es, Lamm, daß Du so bekümmert bist?“
Und Ulenspiegel sprach zu ihm:
„Du wirst mager, mein Sohn.“
„Ja,“ sagte Lamm, „ich bin betrübt und mager. Mein Herz büßt seine
Heiterkeit und mein Vollmondsgesicht seine Frische ein. Ja, lacht
nur über mich, Ihr, die Ihr Euch durch tausend Gefahren wiederfandet.
Spottet des armen Lamm, der, wiewohl verheiratet, wie ein Witwer lebt,
indes die da“, sprach er, auf Nele deutend, „ihren Mann der Umarmung
des Strickes entriß, der sein letztes Liebchen sein wird. Sie tat wohl
daran, Gott sei gelobt, aber sie muß nicht über mich lachen. Jawohl,
Du mußt nicht über den armen Lamm lachen, Nele, mein Herzchen! Mein
Weib lacht für zehn. Ach, Ihr Weiber seid grausam gegen die Schmerzen
Andrer. Ja, mein Herz ist betrübt, vom Schmerze der Trennung verwundet,
und nichts kann es trösten, denn sie allein.“
„Oder irgend ein Fleischgericht,“ sagte Ulenspiegel.
„Wohl,“ sprach Lamm, „wo ist auf diesem elenden Schiff das Fleisch?
Auf den Schiffen des Königs kriegen sie es viermal in der Woche,
dafern nicht Fasttag ist, und dreimal Fisch. Was die Fische angeht,
Gott verdamme mich, wenn dies Faserzeug / ich meine ihr Fleisch /
etwas anderes tut als mir unnütz das Blut zu erhitzen, mein armes
Blut, das sich bald in Wasser verwandeln wird. Sie haben Bier, Käse,
Suppe und gutes Getränk. Ja, sie haben alles für des Magens Behagen:
Schiffszwieback, Roggenbrot, Bier, Butter, Rauchfleisch; ja, alles:
gedörrten Fisch, Käse, Senfsamen, Salz, Bohnen, Erbsen, Grütze,
Essig, Öl, Talg, Holz und Kohlen. Uns aber hat man verboten, Vieh zu
rauben, wessen es auch sei, eines Bürgers, Abtes oder Edelmannes.
Wir essen Hering und trinken Dünnbier. Wehe, ich habe nichts mehr;
nicht Frauenliebe, noch guten Wein, nicht Doppel-Braunbier, noch gute
Nahrung. Wo sind hier unsere Freuden?“
„Das will ich Dir sagen, Lamm,“ antwortete Ulenspiegel. „Auge um Auge,
Zahn um Zahn. In der Bartholomäusnacht zu Paris haben sie zehntausend
freie Seelen allein in der Stadt Paris getötet, der König hat selbst
auf sein Volk geschossen. Erwache, Vläme, ergreife das Beil ohne
Erbarmen: Das sind unsere Freuden. Triff den feindlichen, römischen
Spanier, wo immer Du ihn findest. Laß Deine Esserei beiseite. Sie
haben die Opfer, tot oder lebendig, an ihren Fluß geschafft und sie zu
ganzen Wagenladungen ins Wasser geworfen. Tot oder lebendig, hörst
Du, Lamm? Die Seine war neun Tage lang rot, und die Raben ließen sich
in Scharen auf die Stadt nieder. In La Charité, Rouen, Toulouse,
Lyon, Bordeaux, Bourges und Meaux war das Blutbad entsetzlich. Siehst
Du die Scharen vollgefressener Hunde, die sich bei den Kadavern
niederlegen? Ihre Zähne sind müde von der Arbeit; der Flug der Raben
ist schwerfällig, so sehr haben sie sich den Magen mit dem Fleische der
Opfer angefüllt. Hörst Du die Stimmen der Seelen, Lamm, die um Rache
und Mitleid gen Himmel schreien? Erwache, Vläme. Du sprichst von Deiner
Frau. Ich glaube nicht, daß sie untreu ist, aber betört, und sie liebt
Dich noch, armer Freund. Sie war nicht unter den Damen vom Hofe, die
in der Nacht des Blutbades die Leichen entblößten, um zu sehen, ob
ihre Männlichkeit groß oder klein war. Und sie lachten, diese großen
Damen, groß in Unzucht. Freue Dich, mein Sohn, trotz Deines Fisches und
Dünnbiers. Wenn der Nachgeschmack des Herings widerlich ist, so ist es
der Geruch dieser Geilheit noch mehr. Die geschlachtet haben, halten
Festmahle, und mit schlecht gewaschenen Mörderhänden zerlegen sie die
fetten Gänse, um den artigen Pariser Edelfräulein die Flügel, Füße
und das Hinterteil anzubieten. Die aber hatten zuvor anderes Fleisch,
kaltes Fleisch berührt.“
„Ich werde nicht mehr klagen, mein Sohn,“ sagte Lamm und stand auf.
„Für die freien Seelen ist der Hering eine Fettammer und das Dünnbier
gleicht Malvasier.“
Und Ulenspiegel sprach:
„Es lebe der Geuse! Laßt uns nicht klagen, Brüder.
In Trümmern und Blut
Erblüht die Rose der Freiheit.
So Gott für uns ist, wer mag wider uns sein?
Nach dem Triumph der Hyäne
Kommt die Zeit des Löwen.
Ein Tatzenhieb streckt aufgeschlitzt sie zu Boden.
Auge um Auge. Zahn um Zahn. Es lebe der Geuse!“
Und die Geusen auf den Schiffen sangen:
„Das gleiche Los droht uns vom Herzog.
Auge um Auge, Zahn um Zahn,
Wunde um Wunde. Es lebe der Geuse!“
11
In einer düsteren Nacht, als der Donner in den Tiefen der Wetterwolken
grollte, war Ulenspiegel mit Nele auf Deck und sprach:
„All unsere Lichter sind gelöscht. Wir sind Füchse, die nachts auf
das spanische Geflügel lauern, das ist auf ihre zweiundzwanzig Kuffs,
reiche Schiffe, darauf die Laternen schimmern, die für sie böse Sterne
sind. Und wir werden sie verfolgen.“
Nele sprach:
„Diese Nacht ist eine Zaubernacht. Der Himmel ist schwarz wie der
Höllenschlund, die Sterne funkeln wie Satans Lächeln, der ferne Donner
grollt dumpf, die Möwen fliegen laut kreischend vorüber. Das Meer wälzt
seine phosphorschimmernden Wellen wie silberne Schlangen. Tyll, mein
Geliebter, komm in die Welt der Geister. Nimm das Zauberpulver“ ...
„Werde ich die Sieben sehen, Liebchen?“
Und sie nahmen das Zauberpulver.
Und Nele drückte Ulenspiegel die Augen zu und Ulenspiegel schloß sie
Nele. Und sie erblickten ein grausames Schauspiel.
Himmel, Erde und Meer waren voll von Männern, Weibern und Kindern, die
da arbeiteten, ruderten, wanderten oder träumten. Das Meer schaukelte
sie, die Erde trug sie und sie wimmelten wie Aale in einem Korbe.
Sieben Männer und Frauen saßen mitten im Himmel auf Thronen, die
Stirnen mit einem glänzenden Sterne gekrönt; aber sie waren so
verschwommen, daß Nele und Ulenspiegel nur ihre Sterne deutlich
erblickten.
Das Meer stieg bis zum Himmel und wälzte in seinem Schaum eine Unzahl
von Schiffen, deren Masten und Takelwerk nach der Willkür der stürmisch
bewegten Wogen aneinanderstießen, sich verwickelten, zerbrachen und
zerspellten. Dann erschien ein Schiff inmitten aller andern. Seine
Verschalung war von glühendem Eisen, der stählerne Kiel scharf wie ein
Messer. Das Wasser schrie und ächzte, wenn es hindurchfuhr. Der Tod
saß hohnlachend auf dem Heck, in der einen Hand seine Hippe, in der
andern eine Peitsche, womit er sieben Personen schlug. Die eine war
ein trübseliger, magerer, hochmütiger, schweigsamer Mensch. In der
einen Hand hielt er ein Zepter, in der andern einen Degen. Neben ihm
saß eine rothaarige Dirne auf einer Ziege, ihre Brüste waren bloß,
ihr Kleid offen und sie hatte freche Augen. Unzüchtig reckte sie sich
zur Seite eines alten Juden, der Nägel aufsammelte, und eines dicken,
gedunsenen Mannes, der allemal umfiel, wenn sie ihn aufrichtete. Ein
mageres, wütendes Weib prügelte alle beide. Der dicke Mann rächte sich
nicht, noch minder seine rothaarige Gefährtin. Ein Mönch in ihrer Mitte
aß Würste. Ein Weib, das auf der Erde lag, kroch wie eine Schlange
zwischen den andern hindurch, biß den alten Juden wegen seiner alten
Nägel, den gedunsenen Mann, weil er zu gemächlich war, die rothaarige
Dirne wegen des feuchten Schimmers ihrer Augen, den Mönch wegen der
Würste, und den Magern wegen seines Zepters. Und alsbald prügelten sich
alle.
Als sie weiterfuhren, ward die Schlacht auf dem Meer, im Himmel und auf
Erden entsetzlich. Es regnete Blut. Die Schiffe wurden von Beilhieben,
Büchsen- und Kanonenschüssen zerschmettert, ihre Trümmer flogen mitten
im Pulverdampf in die Luft. Auf dem Lande prallten die Heere wie eherne
Mauern zusammen. Städte, Dörfer und Ernten verbrannten unter Geschrei
und Tränen. Die stolzen Schattenrisse der ragenden Glockentürme hoben
sich wie steinerne Spitzenzier vom Feuerschein ab; dann stürzten sie
gleich gefällten Eichen dröhnend zu Boden. Schwarze Reiter, zahlreich
und dicht wie Ameisenhaufen, den Degen in der Hand und die Pistole in
der Faust, töteten Männer, Weiber und Kinder. Etliche schlugen Löcher
ins Eis und senkten lebende Greise hinein; andere schnitten den Weibern
die Brüste ab und streuten Pfeffer darauf, andere henkten Kinder in den
Essen auf. Die des Tötens müde waren, taten irgend einem Mädchen oder
einer Frau Gewalt an, tranken, spielten Würfel und wühlten mit roten
Fingern in Goldhaufen, dem Ertrage der Plünderung.