Er ging sehr schnell, aber bei Everard Leaths Anblick blieb er

plötzlich stehen, als sei er wie vom Donner gerührt. Eine seltsame,

schreckliche Blässe überzog sein Gesicht, das fast fahl wurde, er rang

schwer nach Atem. Mit der Hand tastete er hilflos nach einem Halt,

erfaßte eine Stuhllehne und klammerte sich taumelnd daran fest -- ein

grausiger Anblick. Leath hub zu reden an.

»Sie sehen, es ist Ihnen mißglückt. Ihr Versuch, mich gestern abend auf

der Klippe ums Leben zu bringen, ist fehlgeschlagen. Ich bin hier --

und am Leben.«

Sir Jasper gab keine Antwort.

Leath sprach in demselben erbarmungslosen, einförmigen Tone weiter.

Florence saß bleich, mit weitoffenen Augen und fest zusammengepreßten

Händen da. Sherriff stand neben ihr; die eine Hand hatte er auf ihre

Schulter gelegt, mit der andern beschattete er seine Augen.

»Es wäre besser gewesen, ich hätte damals, als ich zu Ihnen kam,

Sie um Gräfin Florences Hand zu bitten, die wenigen unverblümten

Worte gesprochen, Sir Jasper, die ich jetzt sagen werde. Aber es war

Florences Wunsch, daß alles, was zwischen uns lag, unerörtert bleiben

sollte, und ich fügte mich ihm. Sie wußten, welches der Preis war, den

ich für die Einwilligung Florences, meine Frau zu werden, zahlte, und

für den sie willens war, sich zu opfern. Ich meinerseits wußte, daß Sie

nicht wagen würden, Ihre Zustimmung zu unserer Heirat zu verweigern

-- Sie durften es nicht, um Ihrer eigenen Stellung willen, durften es

nicht, um Ihrer beiden Kinder und um der unglücklichen Frau willen, die

sich für Ihre Gattin hält.«

Er hielt inne. Sir Jasper taumelte schwer gegen die Stuhllehne, die er

umklammert hatte, machte aber sonst keine Bewegung, noch ging in seinem

starren Antlitz eine Veränderung vor. Leath fuhr fort:

»Sie ist nie Ihre Frau gewesen, und an jenem Tage hörten Sie es. Sie

erfuhren, daß Gräfin Florence die Beweise gesehen hatte, die Sie

für vernichtet hielten -- Beweise, deren Duplikate in Australien

sind, -- die Beweise Ihrer Heirat mit Mary Ralston in Melbourne, vor

einunddreißig Jahren, mit der Sie sich unter dem Namen Robert Bontine

haben trauen lassen. Sie erfuhren, nachdem Sie ihrer überdrüssig

geworden und sie schon nach einem halben Jahre ihrem Schicksal

überlassen hatten, daß sie bis vor acht Jahren am Leben gewesen. Sie

wußten, daß ich die Heirat beweisen konnte, wenn es mir beliebte, daß

ich meine eigene rechtmäßige Geburt beweisen konnte, denn Sie wußten,

daß ich Ihr Sohn war!«

Er hielt wieder inne. Der Baron starrte ihn noch immer an, aber das

Hinundherschwanken hatte aufgehört.

»Sie wußten, daß ich Ihr Sohn war!« wiederholte Leath. »Sie hatten es

gefürchtet und geargwöhnt, das weiß ich jetzt, seit dem Tage, an dem

Sie mich zum ersten Male gesehen und in meinen Zügen die Ähnlichkeit

meiner verstorbenen Mutter entdeckt haben.« Er lachte ingrimmig auf.

»Sie haben sie verlassen, haben Ihre Ehe mit ihr geleugnet, haben sie

in Armut und Schande verkommen lassen -- jetzt, nach über dreißig

Jahren, hat Sie die Rache ereilt. Die erste Geschichte, die ich von

ihren Lippen vernahm, als ich alt genug war, sie zu verstehen, war

diese -- die Geschichte meines Vaters Robert Bontine. Die letzten

Worte, die ich zu ihr, der Sterbenden, sprach, waren ein Gelübde, daß

ich den Mann an dem Orte in England, den er als seine Heimat bezeichnet

hatte, aufsuchen und meinen Namen, meine Rechte von ihm fordern wolle.

Es dauerte acht Jahre, aber ich habe jenes Versprechen nie aus den

Augen verloren. Sie wissen, weshalb ich es gebrochen, ebensogut, wie

ich weiß, weshalb Sie gestern abend versucht haben, mich zu ermorden.

Solange ich lebte, fürchteten Sie mich, trotz meines gegebenen Wortes.

War ich tot, so konnten Sie keinen Grund zum Fürchten mehr haben.«

Florence schrie auf. Sir Jasper stürzte hilflos zu Boden. Das junge

Mädchen sank auf die Knie und hob sein Haupt empor. Sein Gesicht war

schrecklich verzerrt, seine weitoffenen Augen blickten leer und starr,

als sähen sie nichts. Sherriff, der sich ebenfalls niedergebeugt hatte,

schaute mit einem Ausdruck des Entsetzens zu dem jüngeren Manne empor.

»Gütiger Himmel, Leath, was ist das? Der Tod?«

»Nein,« antwortete Leath, »noch nicht. Aber es ist Tod bei lebendigem

Leibe -- ein Schlaganfall!«

24.

Eine Woche war vergangen, seitdem Sir Jasper Mortlake wie vom Blitze

getroffen vor Everard Leath hingestürzt war, und so lag er noch immer.

In Turret Court herrschte Schweigen und Trauer. Die drei Ärzte, die

herbeigerufen wurden, erklärten, ihr Patient könne noch Jahre so

daliegen wie jetzt -- unverständliche Laute vor sich hinmurmelnd und

ins Leere starrend. Es wäre möglich, daß er nach einiger Zeit in

beschränktem Maße die Gliedmaßen wieder werde bewegen können, aber das

Gehirn werde nie wieder funktionieren -- das sei ausgeschlossen.

Sie stimmten auch darin überein, diese ernsten Doktoren, daß der Anfall

sich wahrscheinlich schon seit geraumer Zeit vorbereitet habe. Was ihn

schließlich veranlaßt hätte, könne man unmöglich sagen. Eine große

Erschütterung möglicherweise. Wußte Lady Agathe, ob er irgendeine

solche Erschütterung gehabt hatte?

Lady Agathe, die in diesen ersten Tagen des Kummers und Schreckens kaum

fähig war, etwas anderes zu tun, als zu weinen und sich in hilfloser

Abhängigkeit an ihre Nichte zu klammern, die so viel stärker war,

ihr so viel besser Trost zusprechen konnte als ihre Tochter, weinte

bei diesen Fragen nur aufs neue und erklärte schluchzend, es habe

nichts vorgelegen. Sir Jasper sei in der letzten Zeit anscheinend

leidend und verstimmt gewesen, er sei wortkarger und vielleicht ein

-- wenig grämlicher geworden, gab die unglückliche Frau zu. Sie hätte

ihrem Tyrannen jetzt, wo er sie nicht mehr tyrannisieren konnte, gern

jegliche Tugend zuerkannt -- aber das war alles. An dem Abend, der dem

Schlaganfall vorangegangen, war er nicht zum Essen heruntergekommen,

-- etwas sehr Ungewohntes von ihm, -- aber sie hatte dem keine weitere

Bedeutung beigemessen. Als er den Schlag bekam, unterhielt er sich

ruhig in der Halle mit ihrer Nichte und ihrem Verlobten. »Nein -- von

einer besonderen Gemütsbewegung war keine Rede gewesen,« beteuerte Lady

Agathe unschuldig. Gräfin Florence würde ihnen dasselbe sagen.

Gräfin Florence, die in diesen Tagen des Leids stets in unmittelbarer

Nähe ihrer Tante blieb, ausgenommen, wenn sie die kleine Cis tröstete,

deren leidenschaftliche Schmerzensausbrüche selbst Harry nicht

beschwichtigen konnte, sagte ihnen dasselbe. Sir Jasper habe bleich

und wunderlich ausgesehen; er habe sich eine Weile an einem Stuhle

festgehalten und sei dann plötzlich zu Boden gestürzt. Herr Leath, ihr

Verlobter, würde ihnen das bestätigen, und ebenfalls Herr Sherriff, der

zugegen gewesen.

Aber die Ärzte meinten, es sei nicht nötig, sie zu befragen, Lady

Agathes Bericht sei vollständig zufriedenstellend und ausreichend.

Es wäre unmöglich, den Zeitpunkt, an dem ein solcher Schlaganfall

eintreten würde, vorherzubestimmen oder ihn abzuwenden; die

Wissenschaft vermöge viel, aber das könnte sie doch noch nicht. Und

kopfschüttelnd verließen die Doktoren Turret Court, und noch zwei Tage

schleppten sich schwer dahin.

Es war kaum fünf Uhr, aber trotzdem brach die Dämmerung des trüben

Oktobertages herein; in dem getäfelten Zimmer wäre es schon dunkel

gewesen, hätte nicht das Feuer gebrannt. Das prasselte hell empor und

zeigte Florence, die in einem bequemen Lehnstuhl vor dem Kamin saß.

In dem langen, schwarzen Kleide, das Cis nicht leiden mochte, -- sie

hatte in den letzten Tagen nichts anderes getragen, -- sah sie sehr

zart und schlank und jung aus. Den Kopf lehnte sie müde zurück; ihre

Augen waren geschlossen, und die langen, schwarzen, dichten Wimpern

machten die Blässe ihres Gesichtes nur noch auffallender. Lady Agathe,

bei all ihrem schmerzlichen Weinen und Jammern, sah nicht erschöpfter

und gebrochener aus als das Mädchen, das, seitdem der Schlag gefallen,

keine Träne vergossen hatte. Tränen gab es für sie nicht mehr, hatte

sie zu sich gesagt, während sie halb verwundert, halb neidisch zusah,

wie ihre Tante weinte und wie die kleine Cis schluchzte und sich nicht

trösten lassen wollte. Die Florence Esmond, die lachen und weinen

konnte, war vor mehr als einem Monat gestorben -- an jenem sonnigen

Nachmittage im Bungalow, und für sie gab es kein Auferstehen.

Sie schlummerte nicht, obgleich sie seit fast einer Stunde ihre

Stellung nicht verändert hatte. Ein Diener trat ein, und sie fuhr mit

weitgeöffneten Augen empor.

»Herr Leath ist da, gnädiges Fräulein. Er fragt, ob das gnädige

Fräulein wohl genug sei, ihn heute ein paar Minuten zu empfangen?«

Jeden Tag seit Sir Jaspers Schlaganfall war Everard Leath nach Turret

Court gekommen, aber nur einmal, und dann für die denkbar kürzeste

Zeit, hatte er seine Braut gesehen; sie hatte sich sonst immer

entschuldigt. Sie wußte indessen, daß das nicht stets so weitergehen

konnte und hatte heute im getäfelten Zimmer auf sein Kommen gewartet.

Sie mußte ihn sehen -- er hatte ein Recht, sie zu sehen. Ihr gegebenes

Wort mußte sie halten wie er das seine, um Lady Agathes und ihrer

Kinder willen mußte alles bleiben, wie es gewesen. Daß Everard Leath in

Wahrheit Everard Mortlake war, der Erbe -- man hätte sagen können der

Besitzer -- von Turret Court, war eine Tatsache, die nie bekannt werden

durfte.

Florence stand langsam auf und strich ihr in Unordnung geratenes Haar

zurück.

»Ja,« sagte sie, »ich will Herrn Leath sehen. Sie können ihn hier

hereinführen, Morgan.«

Sie sprach ruhig, aber sie hatte ihre Nerven nicht so in der Gewalt wie

ihre Stimmung; sie begann beim Tone der nahenden Schritte zu zittern,

und als die Tür aufging, sank sie wieder in ihren Stuhl. Leath sah, wie

sie sich in die Polster schmiegte und ihn mit flehenden, erschreckenden

Augen anblickte. Ein seltsamer Ausdruck -- es war ein ironisches

Lächeln und ein schmerzliches Zucken, beides zu gleicher Zeit --

glitt über sein Gesicht, aber er war im nächsten Augenblick wieder

verschwunden. Er streckte die Hand aus und ergriff die von Florence,

welche bebend in ihrem Schoße lag.

»Hoffentlich geht es dir besser?« fragte er. »Du siehst sehr blaß aus.«

»Danke, ich bin so wohl, wie ich nur erwarten kann, zu sein,«

antwortete sie.

»Wohl genug, daß ich mit dir sprechen kann? Wenn nicht, so sage es.

Dann werde ich bis morgen warten.«

»Das ist nicht nötig. Ich hatte mich schon entschlossen, Sie zu sehen,

wenn Sie heute vorkämen. Es war sehr lieb von Ihnen, daß Sie nicht eher

darauf drangen.« Sie stockte und blickte zu ihm auf. »Wollen Sie nicht

Platz nehmen?«

»Nein, danke. Ich bleibe nur ein paar Minuten.« Er hielt inne. »Es ist

wohl keine Veränderung eingetreten?«

»In Sir Jaspers Zustand? Nein -- keine. Sie wissen, daß das auch nicht

zu erwarten ist, nicht wahr?«

»Allerdings. Es ist, wie ich es nannte, Tod bei lebendigem Leibe. Rache

genug für mich, wenn ich danach verlangte.«

Seine Stimme war dumpf, aber nicht scharf, sein Gesicht merkwürdig

gefaßt und ernst. Sein ganzes Wesen war seltsam und für Florence

unerklärlich verändert. Er hatte ihre Hand nicht behalten -- hatte

sie nur eben lose einen Augenblick erfaßt und dann losgelassen -- er,

dessen Händedruck immer eine innige Liebkosung an sich gewesen war.

Unzählige Male hatte sie sich dagegen aufgelehnt, hatte sich gesagt,

daß sie es hasse, aber ihr fiel die Unterlassung sofort auf. Weshalb

sah er so aus? Was wollte er ihr sagen? Eine angstvolle Beklommenheit,

die jede Sekunde seines Schweigens nur steigerte, beschleunigte den

Herzschlag des Mädchens. Sie sprach endlich, denn sie fühlte, daß sie

es nicht länger ertragen konnte.

»Ist -- ist irgend etwas passiert?« stammelte sie. »Sie sehen so

sonderbar aus!«

»Sonderbar? -- So?« Er hob den Kopf und blickte sie an. »Nein, --

passiert ist nichts. Ich habe einen Kampf auszukämpfen gehabt, und

zwar keinen leichten -- das ist alles. Aber er ist vorüber -- er liegt

hinter mir. Um so besser für mich. Ich überlegte nur, wie ich es dir am

besten sage.«

»Mir sage?« wiederholte sie.

»Ja. Sieh nicht so ängstlich aus, Kind! Den Ausdruck habe ich allzuoft

auf deinem Gesicht gesehen -- ich möchte lieber eine andere Erinnerung

mit hinwegnehmen. Es ist wohl am besten, ich fasse mich so kurz wie

möglich. Ich gehe fort, Florence.«

»Fort?« rief sie. »Nach London?«

»London? Was habe ich in London zu suchen? Ich gehe nach Australien

zurück -- dem einzigen Fleck Erde, der mich angeht, den nie zu

verlassen ich gut getan hätte. Ich fahre mit der ›Etruria‹. Sie geht in

vier Tagen.«

»Und -- und ich?«

Sie stieß die Worte, nach Atem ringend, hervor, während sie

emporfuhr und ihn mit weitgeöffneten, ungläubigen Augen anstarrte --

Verwunderung, Schrecken, Seelenqual sprachen aus ihren Zügen. Sie

war totenbleich geworden. Er ergriff die bebende Hand, die sie ihm

entgegenstreckte, hielt sie einen Augenblick fest umschlossen und

drängte sie dann sanft von sich.

»Sie bleiben hier,« sprach er ruhig. »Ich entbinde Sie von Ihrem

Versprechen, mich zu heiraten.«

Florence sprach nicht. Atemlos stand sie da, und ihre großen,

schreckhaft erweiterten Augen hingen unverwandt an den seinen, als

fürchte sie sich, sie abzuwenden.

»Ich entbinde Sie Ihres Versprechens, mich zu heiraten,« wiederholte

er mit fester Stimme. »Ich befreie Sie von einer Verpflichtung, die

Sie hassen und die Sie nie hätten eingehen sollen. Ich habe einen

schändlichen Pakt mit Ihnen abgeschlossen, Kind -- ich wußte es, als

ich es tat -- ich habe mir feige Ihre Zuneigung für die Ihren und Ihre

Selbstaufopferung zunutze gemacht. Aber ich liebe Sie, und die Liebe

zu einem Weibe hat schon manchen Mann unwürdige Handlungen begehen

lassen. Dem sei nun, wie ihm wolle, ich bin nicht verworfen genug,

Sie zu einer Ehe, die Sie unglücklich machen muß, zu zwingen, und

als ich glaubte, Ihre Liebe erringen zu können, mag ich wohl ein Tor

gewesen sein. Sie hassen mich. Und haßten Sie mich, wenn Sie mein Weib

wären, so würde ich uns beide, Sie und mich selbst, ums Leben bringen,

glaube ich. Aber das ist eine Frage, die wir nicht weiter zu erörtern

brauchen; denn Sie werden nie meine Frau werden. Ich wiederhole es --

ich gebe Sie frei. Ich gehe nach Australien zurück. Sie sind mich für

den Rest Ihres Lebens los.«

Er hielt inne. Das junge Mädchen tastete nach dem Kaminsims, neben dem

sie stand, und hielt sich daran fest; aber ihr Gesicht veränderte sich

nicht, und sie machte gar keinen Versuch, etwas zu erwidern. Ehe Leath

weiterreden konnte, ging die Tür auf, und Lady Agathe und ihre Tochter

traten ein.

»Liebe Florence -- o, Herr Leath, Sie sind es!« stammelte Lady Agathe

verwirrt, »ich wußte nicht, daß Sie hier sind!«

Sie wandte sich wieder nach der Tür, aber Leath hielt sie zurück, ehe

sie dieselbe erreicht hatte.

»Ich bitte um Vergebung, Lady Agathe. Darf ich Sie bitten, einen

Augenblick zu verweilen? Wären Sie nicht hereingekommen, so würde ich

Sie vor meinem Fortgange um eine Unterredung gebeten haben.«

»Mich -- um eine Unterredung?« stammelte die Angeredete.

»Ja. Ich möchte Ihnen sagen, daß ich Gräfin Florence ihr Wort

zurückgegeben habe. Unsere Verlobung ist aufgehoben.«

»Sie haben sie freigegeben?« rief Lady Agathe verwundert.

Cis stieß einen leisen Schrei aus und lief auf ihre Cousine zu.

»Ich habe sie freigegeben,« wiederholte Leath in demselben ruhigen

Tone. Er sah Florence nicht an, ja, warf ihr nicht einmal einen Blick

zu.

»Wenn einen von uns ein Vorwurf trifft, so trifft er ganz allein mich.

Ihre Nichte macht sich nichts aus mir, hat nie vorgegeben, etwas von

mir zu halten. Sie hat mich nicht getäuscht, aber das Ganze war ein

unseliger Irrtum. Unsere Verlobung hätte nie stattfinden sollen.«

»Nun wirklich, Herr Leath, da Sie so offen reden, muß ich sagen, daß

ich völlig mit Ihnen übereinstimme,« sagte Lady Agathe und drückte das

Taschentuch an die Augen. »Die Verlobung ist mir immer ein Rätsel, ein

dunkles Rätsel gewesen -- wie Florence selbst weiß. Ich kann nicht

glauben, daß Ihre Ehe für einen von Ihnen glücklich ausgefallen wäre

-- ich habe es nie geglaubt. Die äußeren Verhältnisse und alles war

so ungleich. Und da Sie, wie Sie sagen, wissen, daß Florence sich nie

etwas aus Ihnen gemacht hat, so ist es wirklich nur Ihre Pflicht, daß

Sie sie freigeben.«

»Ja,« antwortete Leath, »nur meine Pflicht.« Ein finsteres Lächeln

umspielte seine Lippen einen Augenblick; aber wenn auch Lady Agathe

es gesehen hätte, so würde sie doch weit entfernt davon gewesen sein,

seine Bedeutung zu verstehen. Er hielt ihr die Hand hin und sprach

freundlich: »Sie haben keinen Grund, mich gern zu haben, Lady Agathe,

und ich weiß, Sie haben mich nicht leiden können. Aber da ich nach

Australien zurückkehre und aller Wahrscheinlichkeit nach England

niemals wiedersehen werde, wollen Sie mir da Lebewohl sagen und

mir gestatten, Ihnen meine Wünsche auszusprechen, daß auch für Sie

glücklichere Zeiten kommen mögen!«

Die gute Lady Agathe, die gerührt war, ohne zu wissen, weshalb, gab ihm

mit einer gewissen Herzlichkeit die Hand. Er beugte sich auf sie herab

und ließ sie dann los. Darauf wandte er sich zu Cis und schloß sie, zu

des jungen Mädchens unsagbarer Verwunderung, in die Arme und küßte sie.

»Leben Sie wohl, liebes Kind,« sprach er. »Möge Ihnen ein glückliches

Leben beschieden sein!« Er schritt auf die Tür zu und drehte sich --

die Hand schon auf dem Türgriff -- noch einmal um und blickte nach der

regungslosen Gestalt am Kamin hinüber. »Lebe wohl, Florence,« sagte er

fast im Flüstertone, »lebe wohl!«

Die Tür fiel ins Schloß -- er war fort. Cis, die sich von ihrem

Erstaunen erholt hatte, sprudelte hervor:

»Was soll das alles heißen? Florence, was soll das heißen? Er

vergötterte dich -- das weiß ich -- und doch löst er eure Verlobung

und geht so davon! Er hat dir nicht einmal die Hand gegeben. Und,« fuhr

sie in grenzenloser Bestürzung fort, »warum hat er mich geküßt?«

Aber der kleinen Cis sollte auf diese Frage nie eine Antwort werden,

sie sollte es nie erfahren, daß Everard Leath den Kuß eines Bruders auf

ihre Wange gedrückt hatte.

Florence hörte sie nicht einmal. Sie stand stumm, wie betäubt da. Sie

konnte es nicht fassen, daß ihre Ketten von ihr gefallen -- daß er fort

und sie frei war.

25.

Everard Leath ging über die Halde nach dem Bungalow zurück. Es war ganz

dunkel, ehe er dort anlangte, und die Lampen brannten schon, als er ins

Wohnzimmer trat. Sherriff, der in einem Stuhl am Kamin ein Schläfchen

gehalten, richtete sich bei seinem Eintritt auf. Leath zog einen Sessel

heran und setzte sich.

»Ich bin in Turret Court gewesen,« sagte er auf einen fragenden Blick

des andern.

»Das habe ich mir gedacht, mein Junge. Dort steht wohl alles beim

alten, und es ist keine Wendung zum Besseren eingetreten?«

»Nein -- nicht die mindeste. Es ist nicht zu erwarten. Wie Sir Jasper

jetzt daliegt, so kann er vielleicht, wenn seine Lebenskraft so lange

ausreicht, noch fünf Jahre liegen.«

Ein finsteres Lächeln zuckte um die Lippen des jungen Mannes. »Wenn wir

nach Rache getrachtet, so ist sie uns jetzt in vollem Maße geworden.«

»Ich trachte nicht darnach,« versetzte der Alte sanft, »nicht einmal um

Marys willen. Aber ich bin alt. Ich leugne nicht, daß ich vielleicht

anders darüber gedacht haben würde, Everard, wäre ich so jung wie du.«

»Mich verlangt auch nicht darnach,« antwortete Leath mit einem

Stirnrunzeln, »man führt keinen Streich nach einem Toten, und in

Wirklichkeit ist er tot.«

»Das ist wahr! Besser für seine Umgebung, er wäre es in der Tat.«

Sherriff hielt zögernd inne. »Du glaubst, Lady Agathe hat keine Ahnung,

daß -- etwas nicht in Ordnung ist?«

»Durchaus keine. Wie sollte sie auch? Wer sollte es ihr sagen? Ihr Sohn

wird Sir Roy werden. Sie wird nie was anderes erfahren.«

»Ich hoffe nicht. Ganz von ihren Kindern abgesehen, würde ein solcher

Schlag sie getötet haben. Nun, du hast auf vieles -- auf sehr

vieles verzichtet, Everard, hast viel aufgegeben, aber du hast drei

Unschuldige geschont, und was dir dafür wird, überwiegt alles andere

weit, das weiß ich.«

»Was mir dafür wird?« Leath lachte bitter auf. »Was ist das, wenn ich

fragen darf?«

»Was?« gab Sherriff verwundert zurück. »Das Weib, das du liebst.«

»Und das mich haßt!« Mit einem Lachen erhob er sich. »Es ist für mich

am besten, sich kurz zu fassen, wie ich auch ihr soeben sagte. Ich habe

Gräfin Florence ihr Wort zurückgegeben.«

»Du hast sie freigegeben?«

»Ja -- freigegeben. Ich war ein Schuft, ihr das Versprechen

abzuzwingen, ein Narr, zu glauben, daß ich ihre Liebe erringen könne.

Sie haßt mich, und ich habe sie deshalb freigegeben. Es ist vorüber --

ich habe ihr Lebewohl gesagt. Damit ist genug über die Sache geredet;

ich wäre ein schlechterer Kerl, als ich bin, hätte ich sie in eine

unglückliche Ehe hineinzwingen wollen. Sie brauchen mich nicht so

anzusehen, mein lieber alter Freund. Es hat einen Kampf gekostet,

das leugne ich nicht, aber ich glaube, ich habe das Schwerste jetzt

überstanden. Wenn nicht, nun, so werde ich in Australien besser damit

fertig werden als hier.«

»In Australien?«

»Ja. Ich habe mich entschlossen, dorthin zurückzukehren. Da wartet

meiner wenigstens Arbeit. Die ›Etruria‹ geht in vier Tagen ab. Mit der

fahre ich.« Er hielt inne und blickte in das erregte Gesicht des alten

Mannes, der eine bebende Hand auf seinen Arm legte. »Soll ich zwei

Fahrkarten nehmen, Herr Sherriff?«

»Zwei?« wiederholte der andere.

»Ja -- wollen Sie mit mir kommen? Ich habe Sie danach fragen wollen,

seitdem ich zu dem Entschlusse gekommen bin, daß ich sie freigeben

müsse. Wenn mich hier nichts zurückhält, so haben auch Sie keine

Angehörigen hier.« Er legte dem Alten die Hand auf die Schulter -- zum

ersten Male versagte ihm fast die Stimme -- und fuhr fort: »Ich hoffe,

Sie kommen mit -- von ganzem Herzen hoffe ich es. Mehr als einmal haben

Sie geäußert, daß Sie mich so liebhätten, als sei ich Ihr Sohn; aus

tiefster Seele wünsche ich, ich wäre es. Ich habe, wie Sie wissen,

nie einen Vater gekannt, aber etwas von dem, was man für einen Vater

empfinden sollte, empfinde ich für Sie, das weiß ich. Das Scheiden ist

schwer in Ihrem Alter -- mir in meiner Einsamkeit wird unsere Trennung

sehr schwer fallen. Wollen Sie mitkommen?«

»Ich will mitgehen,« antwortete Sherriff. »Ich bin freilich recht alt

dafür, um ein neues Leben in einem neuen Lande anzufangen, Everard --

aber ich kann mich von Marys Sohn nicht trennen!«

Ein langer und fester Händedruck besiegelte den Vertrag, und das

Gespräch der beiden drehte sich für den Rest des Abends nur um die nahe

bevorstehende Reise und die nötigen Vorbereitungen. Beide waren ruhig

und heiter, und der Name der Gräfin Florence wurde nicht ein einziges

Mal erwähnt. Nur als sie sich ›Gute Nacht‹ wünschten und Sherriff die

Hand seines jungen Freundes in der seinen hielt, sagte er:

»Noch ein Wort, mein lieber Junge, und wenn es gesprochen, brauchen

wir, nur wenn du es wünschen solltest, das Thema nie wieder zu

berühren. Es mag vielleicht unrecht gewesen sein -- ja, ich leugne es

nicht, es war unrecht -- Gräfin Florence zu zwingen, sich mit dir zu

verloben; aber ich begreife wohl, wie groß die Versuchung war, da ich

weiß, wie innig du sie liebst, und ich muß dir sagen, daß du das mehr

als wieder gutgemacht und edel gehandelt hast, als du ihr ihr Wort

zurückgegeben und doch alles geopfert hast, was dir von Rechts wegen

gehört hätte. Du hast wie ein Ehrenmann gehandelt, und ich bin stolz

auf dich.«

»Ich tat das einzige, was ich überhaupt konnte,« gab Leath düster

zur Antwort. »Vielleicht barg sich ebensoviel Selbstsucht wie

Selbstaufopferung dahinter. Ich konnte jener armen Frau nicht das Herz

brechen und nicht Schmach und Schande über ihre beiden Kinder bringen.

Ich weiß überhaupt nicht, ob ich es je fertig gebracht hätte, das zu

tun. Der Gedanke wollte mir nie recht in den Sinn, das weiß Gott!

Und das Mädchen, das ich liebe, zum Weibe zu haben, während sie mich

gehaßt, würde mich, glaube ich, zum Wahnsinn getrieben haben.«

»Das glaube ich gern. Und deshalb,« sprach der alte Mann, »gehen wir

miteinander nach Australien, Everard, und von allem, was du zu erlangen

hofftest, nimmst du nichts mit zurück -- gar nichts!«

Robert Bontine: Roman · 第 16 / 17 段