Dankes von ihr dafür, daß ich sie freigegeben!«
* * * * *
Unter einem grauen Oktoberhimmel, der nur im Westen, wo die Sonne
eben untergegangen, rot erglühte, stampfte der große Ozeandampfer,
die ›Etruria‹, durch die sich höher und höher auftürmenden Wogen. Die
Klippen der felsigen Küste Cornwalls waren nur noch in nebelhaften
Umrissen wahrnehmbar, nur die beiden großen, violetten Spitzen von
Kap Lizard ragten noch klar und deutlich empor -- das letzte sichtbare
Wahrzeichen Englands. Viele Augen an Bord des großen Schiffes waren
traurig und sehnsüchtig darauf gerichtet, als es nach und nach in
der Ferne verschwamm, -- war es doch für viele der letzte Blick auf
jenes Land, das ihnen, auch in weiter, weiter Ferne, doch stets die
Heimat bleiben würde. Aber kein Auge blickte wehmütiger als das des
hohen, weißhaarigen alten Mannes, der neben einem jüngeren in einem
stillen Winkel des oberen Decks stand, halb verborgen durch die
hoch aufgestapelten Koffer und sonstigen Gepäckstücke, die mit den
letzten Passagieren in Plymouth an Bord genommen und noch nicht in
den Gepäckraum hinabgeschafft worden waren. Das große Vorgebirge war
nur noch ein wolkiger Fleck zwischen dem grauen Wasser und dem grauen
Himmel, und als Sherriff sich mit einem Seufzer umwandte, begegnete er
dem stillen, teilnehmenden Blicke seines Gefährten.
»Es wird mir schwer, Everard,« sprach er, gleichsam als Antwort auf
diesen Blick, »ich leugne nicht, daß es mir schwer fällt. Ich bin,
wie gesagt, eigentlich zu alt, um anderswo Wurzel zu schlagen, mein
Junge! Aber es ist überstanden, und ich bin froh, daß ich hier bin. Den
Verlust Englands werde ich nicht so empfinden, wie ich deinen Verlust
empfunden hätte.«
Sie gaben sich die Hände.
»Ich hoffe, daß Sie es nie bereuen mögen,« meinte Leath leise.
»Bereuen werde ich es nicht. Das Trennungsweh ist überstanden mit dem
letzten Blick auf England. In dem Lande, das das Grab meiner Mary
umschließt, in dem der Sohn meiner Mary lebt, werde ich mich sicherlich
zu Hause fühlen.«
Es trat ein kurzes Schweigen ein, dann hub Sherriff in heiterem Tone
wieder an:
»Ich will ein Weilchen hinuntergehen, Everard. Ich bin, wie gesagt, ein
alter Bursche, und die Unruhe und Aufregung der letzten Tage hat mich
doch ziemlich angegriffen. Nein, gehe nicht mit, das ist nicht nötig.
Du wolltest rauchen, bleibe hier und zünde dir eine Zigarre an.« --
Er entfernte sich. Leath folgte der hohen, weißhaarigen Gestalt
mechanisch mit den Augen und wandte sich dann wieder landwärts. So
scharf auch seine Augen waren, so konnten sie jetzt nichts mehr
unterscheiden. Himmel und See allein waren sichtbar. England war
verschwunden. Er zuckte die Achseln und brach in ein bitteres Lachen
aus.
»Verschwunden!« sagte er halblaut vor sich hin. »Um so besser für mich!
Wenn ich es nie gesehen, würde es noch besser sein -- und hätte ich sie
nie mit Augen geschaut, am besten!«
Es kam jemand hinter dem großen Stapel Kisten und Koffer hervor. Die
Person war ihm so nahe, daß er sie hätte berühren können, wenn er
die Hand ausgestreckt hätte; aber ihre behutsamen Bewegungen waren
lautlos, und er wandte sich nicht um. Seine Augen blickten unverwandt
in die Ferne, als er am Schiffsbord lehnte -- für ihn waren der
bleifarbene Himmel und das graue Meer von Bildern belebt, von Bildern
eines einzigen Gesichtes. Heiter und sinnend, lächelnd und wehmütig,
liebevoll und leidenschaftlich erregt, reizend in jedem wechselnden
Ausdruck schwebte Florences holdseliges, verlorenes Antlitz vor ihm.
Nur ein Ausdruck ließ es kalt und starr erscheinen, und den trug es
am häufigsten. Welcher Haß, welch angstvolle Scheu, welch zornige
Empörung lagen darin! Was Leath auch sonst vergessen mochte, nie würde
das Antlitz aus seinem Gedächtnisse entschwinden, mit dem sie an jenem
Abend vor ihm zurückgewichen, als sie ihm ihr ›Niemals -- niemals!‹
zugerufen hatte.
»Sie mag recht gehabt haben,« sagte er, unwillkürlich wieder vor sich
hinsprechend, »es sprach Haß aus ihren Zügen. Und doch, jetzt, wo
alles vorüber ist, kann ich nicht anders als mir die Frage vorlegen:
Bin ich ein Tor gewesen, sie aufzugeben? Wenn ich sie gezwungen, ihr
Wort zu halten, würde ich trotz allem ihre Liebe gewonnen haben? Es
hätte wenigstens sein können. Ja -- und vielleicht hätte sie mich ewig
gehaßt. Besser so!«
Die Gestalt schlich näher, aber sie glitt so leise und still wie ein
Schatten dahin. Everard richtete sich mit einer ungeduldigen Bewegung
empor.
»Ich bin ein weichmütiger Narr, daß es mir so nahe geht,« murmelte
er, »aber sie hätte mir doch Lebewohl sagen können! Sie hätte mir
wenigstens ein Wort des Dankes gönnen müssen dafür, daß ich sie
freigegeben.«
»Everard!«
Der Name wurde von Lippen geflüstert, die dicht an seiner Schulter
waren; eine Hand berührte ihn. Mit einem Schrei, den er nicht
unterdrücken konnte, drehte er sich hastig, von Staunen überwältigt,
ungläubig um. Florence war neben ihm, Florence, mit einem Gesicht,
in dem Weinen und Lachen miteinander kämpften! Dann, im nächsten
Augenblicke, war Florence in seinen Armen und schmiegte sich an ihn --
Liebe lag in ihrer Berührung, Liebe in ihren Augen, Liebe in den bebend
hervorgestoßenen Worten der Abwehr und des Flehens, Liebe in dem Kusse,
mit dem ihre Lippen den seinen begegneten, als er sie voll Leidenschaft
an die Brust drückte. Aber er war bestürzt, wie betäubt von einer
Freude, an die er nicht zu glauben wagte.
»Du mußt umkehren, Kind,« sagte er. »Du mußt wieder umkehren,« und
während er das sagte, zog er sie nur fester an sich und küßte sie noch
heißer.
Nach einer Weile richtete sie sich in seinen Armen auf und blickte ihn
mit feuchtschimmernden Augen an, die Hände um seinen Hals gelegt.
»Ich muß umkehren?« meinte sie mit fröhlichem Lachen, »und das Land ist
außer Sicht? Nein -- nein! Ich bin zu klug -- ich wollte mich nicht
blicken lassen, ehe es zum Umkehren zu spät war. In Plymouth bin ich
an Bord gekommen, und ich sah dich, sowie ich das Schiff betrat, aber
ich verstellte mich. Umkehren?« Sie lachte. »Und wenn ich es täte,
was dann? Sie machten Aufhebens genug davon, als du mich in jener
Gewitternacht unter deine Obhut genommen. Was würden sie wohl von mir
sagen, wenn ich mit dir davonliefe und du mich nicht heiraten wolltest?«
Er lachte auch und legte den Arm fester um sie, aber er sprach nicht.
Er war seiner Bestürzung noch nicht Herr geworden: sie zu umfassen,
sie anzuschauen, das schien alles zu sein, was er vermochte. Ihre Hand
legte sich wieder um seinen Nacken.
»Umkehren?« sagte sie. »Zurückkehren zu dem Grauen, das mich
befiel, als es mir zum Bewußtsein kam, daß du fort seiest? Zu der
unerträglichen Pein, zu wissen, daß, so lange wir beide lebten, ich
niemals dein Antlitz wiedersehen, noch deine Stimme je wieder hören
würde? Zu der Qual, die mir fast das Herz brach, als ich fühlte, daß
ich dich verloren? Nein, nein! Nur das nicht!« Mit einem Schauder
schmiegte sie sich an ihn. »Ach, wie sehr hast du recht gehabt, mein
Geliebter, als du sagtest, du würdest mich dazu bringen, dich zu
lieben, und wie sehr hatte ich in meiner törichten Verblendung unrecht!
Wie lange habe ich dich wohl schon geliebt und meine Liebe Haß genannt?
Oder habe ich dich erst geliebt, nachdem du mich verlassen? Ich weiß es
nicht -- es kommt auch nicht darauf an -- hier bin ich und kann nicht
wieder zurück. Ach, du gabst mir meine Freiheit wieder, Everard, aber
wie konnte ich sie hinnehmen und dir dafür danken, wenn du mir mein
Herz nicht zurückgabst. Du nimmst es mit dir und doch sagst du zu mir:
›Kehre um‹!«
»Umkehren? Nie und nimmermehr, und sollte ich mit der ganzen Welt
kämpfen müssen, um dich zu behalten!« Er küßte sie auf die Lippen.
»Florence, wissen es die Deinen?«
»Ja -- jetzt wissen sie es. Als ich Turret Court verließ, wußten sie
es noch nicht. Ich habe mich ohne ihr Wissen davongemacht. Ich wollte
nicht Abschied nehmen -- das hätte Tränen gekostet -- Szenen gegeben.
Das wollte ich nicht; ich wollte nur zu dir. Aber sie wissen es jetzt.
Ich habe der Herzogin geschrieben, habe Briefe für Tante Agathe und
Cis und einen Gruß für Roy zurückgelassen. Sie wissen, daß ich dir
nachgereist bin, und weshalb. Ich habe ihnen gesagt, daß ich, wenn sie
wieder von mir hörten, nicht mehr Florence Esmond, sondern Florence
Leath sein würde. Ich habe mir den Namen angeeignet, ehe du ihn mir
gegeben hast. Du siehst, meine Schiffe sind hinter mir verbrannt,«
schloß sie lächelnd.
Ein Schweigen trat ein. Er brach es, indem er ihr Gesicht emporhob und
sich zuwandte.
»Florence, hast du auch bedacht, was dieser Schritt dich kostet? Du
gibst sehr viel auf, mein Lieb!«
»Du hast alles für mich aufgegeben, sogar mich selbst,« antwortete sie
innig, »was ich verliere, verliere ich um dich.«
»Es kostet dich dein Vermögen?«
»Die Herzogin ist jetzt in Wirklichkeit mein einziger Vormund, und die
Herzogin wird mir niemals vergeben. Ja -- das kostet es mich.«
»Du verlierst alle diejenigen, die du dein Leben lang geliebt hast,
Kind!«
»Ich gewinne nur.« Sie lächelte dabei. »Ich bin bei einem, den ich viel
mehr liebe.«
»Für dich bedeutet es ein in die Verbannung Gehen, mein Weib.«
»Mit dir, meinem Gatten,« gab sie leise zurück.
Er sagte nichts mehr. Er zog sie fester in die Arme, und sie küßten
sich wieder. Das beredteste Wort war arm solch glückseligem Schweigen
gegenüber.
Keiner von ihnen hatte wieder gesprochen, als ein näherkommender
Schritt sie veranlaßte, sich umzuwenden. Beide erkannten Sherriffs
hohe Gestalt, der langsam herankam und im Zwielichte in der ihm noch
unvertrauten Umgebung suchend umherspähte.
Florence faßte die Hand ihres Verlobten und trat ein wenig vor.
»Er liebt dich, als ob er dein Vater wäre,« sprach sie. »Schon deshalb
würde ich ihn lieben, hätte ich ihn nicht immer liebgehabt. Er soll
auch mein Vater sein. Laß uns gehen und es ihm sagen.«
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